BYZANTINISCHES REICH
 

Lexikon des Mittelalters:
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Byzantinisches Reich
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B. Allgemeine und politische Geschichte
I. Ostteil des römischen Reiches

Byzanz (Byzantion) ist der Name einer antiken griechischen Kolonie am Bosporus. Kaiser Konstantin der Große ließ die Stadt 324 neuerrichten und erhob sie am 11. Mai 330 feierlich unter dem Namen Konstantinopolis als »Neues Rom« zur Reichshauptstadt Konstantinopel. Heute wird unter dem Begriff »byzantinisch« der östliche Teil des römischen Reiches, das nach dem Ende des westlichen Teils des Reiches (476 n. Chr.) die Tradition des antiken römischen Staates während des gesamten Mittelalters fortsetzte, verstanden. Dabei stellen die Wörter »Byzanz« und »byzantinisch« von der Moderne geprägte Begriffe dar, die dazu dienen sollten, das römische Reich des Mittelalters vom antiken römischen Reich abzuheben. Die Byzantiner selbst betrachteten sich als Römer und ihr Reich als »Romania«; der byzantinische Kaiser führte vom 7. Jh. an den Titel des Basileus und verstand sich damit als Erbe der römischen Imperatoren dank einer politischen und verfassungsmäßigen Tradition, die über Konstantin auf Augustus zurückreichte. Bei aller Treue zur römischen Tradition verstand es das Byzantinische Reich jedoch, sich den politischen, sozialen und ökonomiscehn Wandlungen anzupassen, dank seinem fundamentalen Reservoir an Möglichkeiten zur Erneuerung.

[1] Der Dualismus im Reich:

Theodosius I. (379-395) war der letzte Kaiser, der im Gesamtreich herrschte. Nach seinem Tode erbten seine Söhne Arkadios (395-408; Arcadius) und Honorios (395-423; Honorius) die pars Orientis bzw. pars Occidentis des Imperiums. Politisch gesehen, stellt diese Reichsteilung den Endpunkt der verfassungsmäßigen Wandlungen dar, die der römische Staat im 3. und 4. Jh. erfuhr. So hatte bereits Diokletian (284-304) das Prinzip der Kollegialität in der Ausübung der Staatsgewalt eingeführt, und tatsächlich waren die Perioden der Reichseinheit im 4. Jh. kurz (wenn auch andererseits die Reformen der diokletianischen und konstantin. Zeit eine stärkere Vereinheitlichung auf institutionellem Gebiet herbeiführten); die konstantiniische Restauration schuf eine monarchische Herrschaft, bei der das Reich zwischen den verschiedenen Mitgliedern der Familie des Konstantin aufgeteilt war, so daß die Einheit des Reiches auf dynastischer Grundlage beruhte. Erst nach dem Tode Konstantins (337) kündigte sich die Teilung des Reiches an, die unter den Nachfolgern des Theodosios endgültig wurde. Konstantin II. und Konstantios herrschten über den Westen, Konstans II. über den Osten; letzterer stellte 353 die Reichseinheit wieder her, die auch während der kurzen Regierung des Julian Apostata (361-363) erhalten blieb. 364 übertrug Valentinian jedoch, auf Verlangen des Heeres, den Westen seinem jüngeren Bruder Valens, und die beiden Hälften des Imperiums wurden erst wieder unter Theodosios I., und dies nur für wenige Monate, vereinigt. 395 erfolgte die definitive Teilung, wenn auch ein formeller Zusammenhalt zwischen den beiden Zweigen der theodosianischen Familie noch eine Zeitlang den Anschein der Reichseinheit wahrte: 424 wurde Valentinian III. durch den Hof von Konstantinopel zum Kaiser des Westens designiert; 438 erließen Theodosios II. für den Osten und Valentinian III. für den Westen gemeinsam den Codex Theodosianus.
Geographisch gesehen, stellt das Gebiet des Byzantnischen Reiches einen Raum dar, dessen Besiedlung sich nur an seinen Rändern verdichtet und der durch Steppe und Wüste begrenzt wird; hierin sind Reichtum wie leichte Verwundbarkeit des byzantinischen Herrschaftsraumes begründet. Das Byzantnische Reich wurde von allen Handelswegen zu See wie zu Land, die das östliche Europa, Asien und Afrika mit dem Mittelmeer verbanden, durchzogen; die Kontrolle dieser Verkehrswege war Streitobjekt der Völker an der Peripherie des Reiches, die als Träger des Handelsverkehrs bis zu den Reichsgrenzen fungierten. Das Byzantinische Reich war geopolitisch auf das Mittelmeer orientiert, da dessen Kontrolle für den Zusammenhalt der sich weitläufig an den schmalen mediterranen Küstensäumen erstreckenden byzantinischen Territorien lebensnotwendig war. Nachdem Byzanz im 6. Jh. die Vandalen und Ostgoten besiegt hatte, wurde es zur einzigen bedeutenden Seemacht im Mittelmeerraum; diese Stellung behielt das Byzantinische Reich bis zum Erscheinen der ersten arabischen Flotte im 7. Jh. Doch auch danach vermochte die byzantinische Flotte, deren Basen sich entlang der Küsten und über die Inseln der Ägäis verteilten, die Gegner zur See in Schach zu halten, dies zumindest bis zur Mitte des 11. Jh., dem Zeitpunkt, an dem die Seeherrschaft auf die Flotten der Venezianer, Genuesen und Pisaner überging.

[2] Ethnische, religiöse und soziale Krisen des 5. Jahrhunderts:

Vom Tode des Kaisers Theodosios (395) bis zum Regierungsbeginn Justinians I. (527) war das Byzantinische Reich durch heftige ethnische, religiöse und soziale Krisen in seinem Bestand bedroht.
a) Das Barbarenproblem:
    Stärker noch als im Westen waren im Osten die Völker, mit denen das Byzantinische Reich
    während der Völkerwanderungszeit konfrontiert wurde, zu einer Aufnahme in die Strukturen des
    römischen Heerwesens bereit. Theodosios I. leitete eine Politik der Öffnung gegenüber den
    Barbaren ein, indem er einen ersten Vertrag mit den Goten abschloß (382); bereits unter Arkadios
    war am Hofe, angesichts des schon stärker germanisierten Heeres, die gotische Partei mit ihrem
    Führer Gainas so stark, daß ihre Machtstellung einen antigermanischen Aufstand provozierte und
    eine Säuberung im Heer ins Werk gesetzt wurde. Das Problem der ethnischen Gegensätze wurde
    damit jedoch nicht gelöst, auch nicht nach der Ablenkung der Westgoten nach dem Okzident. Um
    die Mitte des 5. Jh. war die Macht des Alanen Aspar bereits so gewachsen, daß er die beiden
    Nachfolger von Theodosios einzusetzen vermochte: Markianos (450-457) und Leon I. (457-474).
    Um sich von dieser gefährlichen Bevormundung zu befreien, nahm Leon I. Zuflucht zu den
    Isauriern, deren Fürst Tarasikodissa in die Hauptstadt kam, den Namen Zenon annahm und die
    Schwester des Kaisers, Ariadne, heiratete (466). Nach dem Tod Leons I. (474) bestieg der Sohn
    von Zenon und Ariadne, Leon II., den Thron, starb jedoch wenige Monate später, so daß die
    Herrschaft an Zenon überging, der (wie schon vorher Arkadios im Falle der Westgoten und
    Markianos im Falle der Hunnen verfahren waren) die Ostgoten unter Theoderich zum
    Weiterziehen nach Westen veranlaßte. Nach dem Tod Zenons (491) wählte seine Witwe auf Bitten
    des Volkes, das einen rechtgläubigen und römischen Herrscher begehrte, einen alten Hofbeamten,
    Anastasios (491-518), Decurio der Silentiarioi, der sich als äußerst fähiger Administrator erwies.
    Er ließ nach langen Kämpfen die Isaurier massenhaft nach Thrakien umsiedeln und beendete damit
    498 die ethnische Krise, die ein Jahrhundert lang das Byzantinische Reich überschattet hatte.
b) Der religiöse Konflikt:
    Die innere Entwicklung des Byzantinische Reiches war von Konstantin und Theodosios an eng
    mit der Entwicklung von Christentum und Kirche verquickt. Die Gegensätze in den
    christologischen Fragen provozierten tiefgreifende politiische und soziale Konflikte: Nach den
    Konzilien von Nikaia (321) und Konstantinopel (381) war die Religion Angelegenheit des Staates.
    Beide Konzilien hatten die theologische Streitfrage der Koexistenz der beiden Naturen, der
    göttlichen wie der menschlichen, in der Person Christi dahingehend entschieden, daß Christus
    zugleich Gott und Mensch sei. Die rationalistische Schule von Antiocheia entwickelte
    demgegenüber eine Lehre, welche die beiden Naturen trennte und Christus als gottgewordenen
    Menschen auffaßte, wobei Maria einzig als die Mutter des Menschen Christus angesehen wurde.
    Der Patriarch von Konstantinopel, Nestorios (428-431), der aus Antiocheia stammte,
    unterstützte diese Anschauung. Im Gegensatz zu ihm sahen die mystische Schule des Patriarchen
    Kyrillos von Alexandreia und seine Schüler in Christus den Gott-Menschen. Das Konzil von
    Ephesos (431) stellte sich auf die Seite der alexandrinischen Theologie und setzte den Nestorios ab.
    Nach dem Tod des Kyrillos ging dessen Schüler Eutyches so weit, die menschliche Natur Christi
    vollends zu leugnen; seine Lehre, der sogenannte Monophysitismus, wurde von der Synode von
    Konstantinopel verdammt, während der Bischof von Rom, Leo I., in seinem Tomus darlegte, daß
    nach der Fleischwerdung in Christus zwei Naturen, »ohne sich zu vermischen oder voneinander zu
    trennen«, seien. Es waren jedoch die Monophysiten, die 449 auf dem Konzil, das als sogenannten
    »Räubersynode von Ephesos« (Ephesos, Räubersynode) in die Geschichte eingegangen ist, den
    Sieg davontrugen; der neue Patriarch von Alexandreia, Dioskoros, untersagte den Gegnern
    dieser Lehre, ihren Standpunkt darzulegen. Das vierte ökumenische Konzil, 451 von Kaiser
    Markianos nach Chalkedon einberufen, verwarf gleichermaßen Nestorianismus und
    Monophysitismus und formulierte das Dogma von den beiden Naturen Christi, der göttlichen und
    der menschlichen Natur, beide vollendet, unteilbar und voneinander abgegrenzt in einer einzigen
    Person. Dieses Dogma bildete die Grundlage der byzantinischen Orthodoxie. Es fand jedoch
    keineswegs allgemeine Anerkennung. Bald griff der christologische Streit auf das politische Gebiet
    über. Kaiser Zenon versuchte, in seinem Unionsedikt von 482, dem sogenannten Henotikon, einen
    Kompromiß zu finden. Das Henotikon erkennt nur die Kanones von Ephesos, Konstantinopel und
    Nikaia an und übergeht das Chalcedonense mit Schweigen; daher rief das Edikt das erste Schisma
    zwischen Rom und Konstantinopel hervor, da der Papst, der im Chalcedonense den Ausdruck der
    Orthodoxie und der Lehraufsicht Roms erblicken mußte, das Unionsedikt verdammte und die
    Absetzung des Patriarchen Akakios (472-488) aussprach (Akakianisches Schisma). Das Schisma
    sollte bis 519 andauern. Weit davon entfernt, die unbeugsamen Monophysiten in Ägypten und
    Syrien mit der Orthodoxie zu versöhnen, löste das Henotikon in den Gebieten, welche die Formel
    von Chalkedon anerkannt hatten, Unruhen aus. Anastasios wäre deshalb um ein Haar abgesetzt
    worden, und der Befehlshaber der Truppen in Thrakien, Vitalianos, revoltierte und erschien
    nach 513 dreimal mit einer Armee und einer Flotte vor den Mauern von Konstantinopel, um dem
    Herrscher die Rückkehr zur Orthodoxie aufzunötigen.

[3] Die Regierung des Justinian:
a) Innenpolitische und kirchenpolitische Maßnahmen:
    Justinian I. (527-565) trat die Herrschaft in einer Situation an, die von einer Konsolidierung der
    Finanzen (durch Anastasios I.) und des Militärwesens (durch seinen Onkel und Vorgänger Justin
    I., (518-527) gekennzeichnet war. Die Lage im Innern war dagegen weiterhin von tiefen sozialen
    Unruhen erschüttert. Die beiden mächtigsten Faktionen der »Demen« (Volksparteien), die Blauen
    und die Grünen, machten 532 bei aller Rivalität, gemeinsame Sache gegen die kaiserliche Gewalt.
    Ihre Erhebung wurde mit härtester Gewalt unterdrückt: Der General Belisar drang in das
    Hippodrom, den Versammlungsort der Aufständischen, ein und ließ dort Tausende durch seine
    Soldaten niedermetzeln. Der Nika-Aufstand (vom Imperativ: 'siege!', dem Schlachtruf der
    Aufständischen) war damit niedergeworfen (Januar 532). Doch sollte der kaiserliche Absolutismus
    nach dem Tode Justinians erneut den aufstrebenden zentrifugalen Kräften, die im Senat, in den
    Demen und in der Heeresorganisation verkörpert waren, unterliegen.
    In seiner Kirchenpolitik war Justinian bestrebt, die byzantinische Kirche in eine einflußreiche, aber
    dem Staat dienende Institution umzuwandeln. Die kaiserliche Herrschergewalt verstand sich auf
    diesem Gebiet - wie in den anderen Bereichen des Staates - als prinzipiell unbegrenzt (Autokratie);
    daher beinhaltete die kaiserliche Gesetzgebung detaillierte Regelungen für alle Fragen der
    geistlischen Lebensordnung, des kirchlichen Ämterwesens (Disziplin der Ordens- und
    Weltgeistlichkeit, Wahl von Bischöfen und Klostervorstehern) und des geistl. Grundbesitzes. Auf
    der anderen Seite setzte sich der Kaiser die Wiederherstellung der durch den christologischen Streit
    zerrütteten kirchlichen Einheit zum Ziel, wobei er allen Formen der Häresie und des Paganismus
    den Kampf ansagte. So wurden 527-528 strengste Maßnahmen gegen Häretiker beschlossen und
    529 die Akademie von Athen, einer der letzten Zufluchtsorte altheidnischen Geisteslebens,
    geschlossen. Die von Justinian in Angriff genommene Rückeroberung Italiens erforderte die
    politische Beteiligung des Papstes: Die Feldzüge nach dem Westen waren daher von Verfolgungen
    gegen die Arianer (Arius) und durch Nachgeben gegenüber Rom geleitet. Bei alledem wurde der
    Konflikt mit dem Monophysitismus nicht beigelegt, und die Kaiserin Theodora unterstützte - sei
    es aus taktischen politischen Gründen, sei es aus Überzeugung - die Monophysiten und setzte bei
    Justinian die Einsetzung eines Häretikers, Anthimos I. (535-536), als Patriarchen durch. Doch
    zwangen die Reaktionen des Papstes Agapet und der Synode von Konstantinopel 536 den Kaiser,
    zu seiner früheren Politik zurückzukehren und erneute strenge Verfolgungen der Monophysiten
    einzuleiten. Wenig später gewann jedoch Theodora wieder die Oberhand und nötigte den Kaiser,
    die sogenannten »Drei Kapitel« durch ein Edikt zu verdammen (543-544); hierbei handelte es sich
    um die theologischen Werke der drei Antiochener Kirchenväter Theodor von Mopsuestia, Ibas von
    Edessa und Theodoret von Kyros, die den Monophysiten wegen ihrer Unterstützung des Nestorios
    gegen Kyrill von Alexandreia verhaßt waren (Dreikapitelstreit). Durch die Verdammung dieser drei
    Kirchenväter, die durch das Konzil von Chalkedon rehabilitiert worden waren, wollte Justinian die
    Monophysiten wieder an die chalkedonensische Orthodoxie binden. Der Papst Vigilius wurde
    gewaltsam nach Konstantinopel verbracht und mußte hier das Verdikt über die Drei Kapitel
    aussprechen; dieses Verdammungsurteil wurde durch das 5. ökumenische Konzil, das 553 in
    Konstantinopel abgehalten wurde, bekräftigt. Zu einem Einlenken der Monophysiten führten diese
    Maßnahmen jedoch nicht.
b) Die Rückeroberung des Westens:
    Das Byzantinische Reich mußte, um das Ziel der Wiedereroberung der ehemals weströmischen
    Gebiete verwirklichen zu können, zunächst die Kontrolle über das westliche Mittelmeer, die seit
    468  in den Händen der Vandalen lag, wiedergewinnen. 533 landete Belisar mit einem 18.000
    Mann starken Heer in Nordafrika und unterwarf den Vandalen-Herrscher Gelimer; Belisar
    kehrte 535 im Triumph nach Konstantinopel zurück. Während im selben Jahr ein anderes
    byzantinisches Heer Dalmatien besetzte, eroberte Belisar Sizilien und nahm, nicht ohne
    Schwierigkeiten, die Städte Neapel, Rom und Ravenna ein (540). Der ostgotische König Vitiges
    wurde als Gefangener nach Konstantinopel gesandt, doch vermochte Totila in Italien den
    Widerstand gegen die byzantinischen Eroberer zu organisieren. Dadurch konnte Belisars
    Nachfolger Narses die Unterwerfung der Apennin-Halbinsel unter byzantinische Hoheit erst nach
    langen kriegerischen Auseinandersetzungen abschließen (555). Ein Jahr zuvor hatten kaiserlichen
    Truppen einen Teil Spaniens von den Westgoten zurückerobert. Im Osten war dagegen 540, trotz
    des mit dem Byzantinische Reich beschworenen Friedens, der SASANIDE Chosroes I. (531-579)
    in Syrien einmarschiert. Antiocheia wurde zerstört, Armenien und Iberien (Georgien) durch das
    persische Heer geplündert und Lazika dauernd besetzt. Erst 562 wurde ein fünfzigjähriger
    Friedensvertrag geschlossen, den Byzanz mit erhöhten Tributleistungen an die Perser erkaufen
    mußte. Durch die Eroberungspolitik im Westen war die Reichsgrenze im Osten militärisch
    geschwächt worden, so daß sie gegenüber dem persischen »Erbfeind« nicht standhielt.
c) Gesetzgebung:
    Die Restauration der römischen Macht war von einer Neubelebung der römischenRechtstradition
    begleitet (Byzantinisches Recht, Römisches Recht). Die byzantinischen Juristen besaßen bereits
    den Codex Theodosianus, der sämtliche kaiserliche Edikte seit Konstantin umfaßte. Justinian
    setzte 528 eine Kommission ein, welcher schon der Jurist Tribonian angehörte und deren Aufgabe
    die Schaffung einer neuen Sammlung der Reichsgesetze war. 529 wurde die erste, 534 die zweite
    Edition des Justinianischen Codex publiziert, letztere enthält sämtliche kaiserliche Konstitutionen
    von Hadrian bis zum Jahre 534; die nicht mehr in Gebrauch befindlichen Gesetze wurden
    eliminiert, die gültigen vereinheitlicht und emendiert. 530 wurde unter dem Vorsitz von Tribonian
    eine weitere Kommission eingesetzt, die 533 die Digesten (auch: Pandekten) herausgab, eine
    Sammlung von Schriften klassischen römischen Juristen. 534 wurde erneut ein Rechtshandbuch für
    Juristen publiziert, die Institutiones. Die Novellen, eine Sammlung der Gesetze, die nach dem
    Abschluß der zweiten Fassung des Codex (534) erlassen worden waren, die meisten in griechischer
    Sprache, vervollständigten das Gesetzgebungswerk des Justinian, das als »Corpus Iuris Civilis« in
    die Geschichte eingegangen ist.

II. Bis zum Ende der herakleianischen Dynastie
[1] Die territorialen Verluste:

In weniger als einem Jahrhundert, vom Tode Kaiser Justinians (565) bis zum Tode von Kaiser Heraklios (641), erlitt das Byzantinische Reich große territoriale Verluste. Zunächst fiel das von Justinian geschaffene, wenig homogene Großreich in sich zusammen, da die Verbindungen zwischen dem alten östlichem Teil des Reichs und den neueroberten byzantinischen Westgebieten nur schwach waren. Die Exarchate von Ravenna und von Karthago (nach der jeweiligen Hauptstadt benannt), das nestorianische und monophysitische Syrien, das koptische Ägypten - sie alle waren Keimzellen von Autonomiebestrebungen, welchen sowohl die zentrale Staatsmacht als auch die lokale Verwaltung mit ihrem religiösen Dogmatismus und ihren administrativen Regeln fast völlig machtlos gegenüberstanden. Auf der anderen Seite kündigte das Auftreten starker politischer Kräfte von außen die Lösung der byzantinischen Randgebiete aus dem Reichsverband an. In Italien erschienen die Langobarden; auf der Balkanhalbinsel zuerst die Slaven, sodann Serben und Kroaten, in Spanien setzte sich der Aufstieg des Reiches der Westgoten fort. Im übrigen sah sich das Byzantinische Reich belastet durch die wiederholten Angriffe des Perserreiches der SASANIDEN, das schließlich jedoch von Byzanz besiegt wurde, und der Avaren und Slaven, die von Byzanz in Schach gehalten wurden. Angesichts dieser zahlreichen militärischen Gegner war Byzanz nicht in der Lage, dem plötzlichen Auftreten der Araber erfolgreich Widerstand zu leisten. Die Araber besetzten zwischen 634 und 640 Mesopotamien, Persien, Syrien, Palästina und Armenien, nahmen 642 Alexandreia ein und schlossen um 650 ihre Eroberung von Ägypten und Cyrenaika ab. Zunächst behielt zur See zwar die byzantinische Flotte die Oberhand über die arabische, doch vermochte diese, Zypern, Kreta, Rhodos sowie Sizilien zu verwüsten, und 674-678 wurde Konstantinopel selbst erstmals belagert. Nach dem Friedensschluß von 678 zogen sich zwar die Araber aus Kleinasien zurück, doch erreichten sie in den nächsten Jahrzehnten Karthago, die Landenge von Gibraltar  und Zypern. Die zweite arabische Belagerung Konstantinopels (717-718) konnte zurückgeschlagen werden. In Kleinasien erfolgten jedoch weiterhin zahlreiche arabische Einfälle bis zur Einnahme von Amorion in Phrygien (838); die Grenze, deren Verlauf dem Taurus und dem Lauf des Arsanios folgte, war nun in ihrer ganzen Länge Schauplatz beständiger Feindseligkeiten. Byzanz hatte so in kurzer Zeit den Südteil seines Territoriums, einschließlich Kreta und der Kornkammer Ägypten, den östlichen Teil des Atlasgebietes und Teile von Sizilien eingebüßt.
Im 7. Jh. drangen die Avaren und Slaven in die Gebiete der Balkanhalbinsel vor, wobei die Avaren durch ihren militärischen Vorstoß den ackerbautreibenden Slavenstämmen den Weg bahnten. Die Avaren verwüsteten die Reichsgebiete und zogen sich nach ihren Plünderungszügen in die Gebiete jenseits der Donau zurück; 626 versuchten sie, im Bunde mit den Persern, Konstantinopel zu erobern. Der Kriegszug, an dem sich auch große Verbände der von den Avaren abhängigen Slaven und Bulgaren beteiligten, schlug jedoch fehl und hat damit zum Niedergang der avarischen Macht beigetragen. Ein massenhafter Ansturm slavischer Stämme erfaßte im frühen 7. Jh. Thrakien; die Slaven belagerten Thessalonike, überfluteten Thessalien, Mittelgriechenland und die Peloponnes, zerstörten die Städte Salona (beim heutigen Split) in Dalmatien, Belgrad (Singidunum), Kostolac (Viminacium), Nis (Naissus) und Sofia (Serdika); die oström. Bevölkerung zog sich aus dem Inland an die Küstensäume zurück. Die Festsetzung slavischer Stämme in den sogenannten Sklavinien leitete insofern eine positive Entwicklung ein, als die äußerst schwach bevölkerten ländliche Regionen der Balkanhalbinsel nun von den Slaven verstärkt besiedelt wurden. In zwei Jahrhunderten wurden, von sehr wenigen Ausnahmen abgesehen, offenbar sämtliche Slaven, die auf byzantinischem Reichsboden siedelten, hellenisiert (s. Abschnitt D). Nachdem die verbündeten Avaren und Slaven vor Thessalonike und schließlich vor Konstantinopel (626) zurückgeschlagen worden waren, begründeten westslavische Stämme unter Samo das erste slavische Reich, das sich höchstwahrscheinlich über Mähren und Böhmen erstreckte. Die Serben und die Kroaten, die aus den Gebieten jenseits der Karpaten stammten, siedelten sich im Nordwesten der Balkanhalbinsel an, vermutlich mit Unterstützung des Byzantinische Reiches, dessen Oberhoheit sie anerkannten. Im Donaudelta erschienen die Bulgaren (Bulgarien), die, nachdem sie die byzantinische Armee geschlagen hatten, sich zwischen Balkangebirge und Donau ansiedelten; sie vermischten sich mit den slavischen Bevölkerungsgruppen, die bereits in diesem Gebiet ansässig waren, und wurden durch diese 'slavisiert'; nach der Errichtung des ersten bulgarischen Reiches und dem Übertritt des Khans Boris zum orthodoxen byzantinischen Christentum gelangten die Bulgaren vollständig in die politisch-kulturelle Einflußsphäre von Byzanz.
Zwischen dem 7. und 9. Jh. verlor das Byzantinische Reich seine Hegemonie im Mittelmeerraum, sein Reichsgebiet reduzierte sich auf einen Kranz von Territorien, die sich von Armenien bis Kalabrien erstreckten und die gesamten Küstenregionen des östlichen Mittelmeerraumes umfaßten. Das Herrschaftszentrum lag in Kleinasien, einem Gebiet, das zahlreichen arabischen Einfällen ausgesetzt war (siehe auch Abschnitt H). Doch haben diese territorialen Verluste die Konzentration der Kräfte und insbesondere die kulturelle Einheit Byzanz' stark gefördert. Das Byzantinische Reich trat mit einer neuen Identität in die Welt des Mittelalters ein.

[2] Die innere Krise:

Die Nachfolger von Justinian, Justin II. (565-578), Tiberios II. (578-582), Maurikios und Phokas (602-610), übernahmen von ihrem Vorgänger ein Reich, dessen soziale und wirtschaftliche Strukturen sich im Zerfall befanden: Die Hauptstadt war Schauplatz politisch-sozialer Konflikte, in welchen die Demen die führende Rolle spielten; in den ländlichen Gebieten schwächten die Bestrebungen der Großgrundbesitzer die Zentralgewalt. In dieser Situation war der große Plan einer Neuordnung des Reiches, der unter Maurikios reifte und die Schaffung der Exarchate von Ravenna und Karthago beinhaltete, zum Scheitern verurteilt. Phokas errichtete nach der Ermordung des Maurikios und seiner Söhne eine Herrschaft, welche alle Züge eines Schreckensregiments trug. Das Reich wurde vom Bürgerkrieg zwischen den Anhängern des Phokas, den Blauen, und deren Gegnern, den Grünen, erschüttert. Dabei versuchte Phokas durch seine Gewalttaten von den Mißerfolgen aufgrund seiner politischen und militärischen Unfähigkeit abzulenken; in der Tat hatte er die Perser, die nach 591 von Maurikios besiegt worden waren, nicht an der Besetzung von Dara und Kaisareia und am Vordringen bis nach Chalkedon hindern können; zur selben Zeit erfolgte ein Wiederaufleben der slavischen Invasionen in den Balkangebieten. Auf diese Mißerfolge reagierten die Kräfte an der Peripherie des Reiches rasch und nachdrücklich: Herakleios, Exarch von Karthago, erhob sich gegen den Kaiser, versicherte sich der Unterstützung von Ägypten (607) und entsandte seinen gleichnamigen Sohn mit einer Flotte nach Konstantinopel. Bald nach dem Eintreffen des jungen Herakleios vor den Mauern der Hauptstadt (610) öffneten ihm die Grünen die Stadttore. Phokas wurde abgesetzt und zum Tode verurteilt. Am 5. Oktober 610 erhielt Herakleios aus der Hand des Patriarchen die Kaiserkrone.

[3] Die herakleianische Dynastie:

Die Regierung des Herakleios hat die administrativen sowie - durch die Themenorganisation - auch die militärischen und sozio-ökonomischen Grundlagen für eine Erneuerung des Byzantinische Reiches geschaffen, dessen Strukturen sich dem neuen territorialen Gefüge anpaßten, wobei auch die Verbindung zwischen der Reichshauptstadt und den Provinzen auf eine neue und tragfähige Basis gestellt wurde. Die Regierung des Herakleios markiert auch den Übergang zur entschiedenen Hellenisierung der Verwaltung und des öffentlichen Lebens. Die militärischen Fähigkeiten und Leistungen des Kaisers Herakleios waren bedeutend; es gelang ihm, gegenüber den SASANIDEN das Steuer herumzuwerfen. Nachdem der Kaiser zwischen 612 und 622 Syrien, Palästina und Ägypten zurückerobert hatte, zwang er die SASANIDEN, gegen die er von 622 bis 628 mehrere Kriege führte, sich auf ihr traditionelles Herrschaftsgebiet, Iran und Mesopotamien, zurückzuziehen. Herakleios eroberte auch die Heiligen Stätten zurück und überführte im Frühjahr 630 das 614 von den Persern eroberte Hl. Kreuz im Triumph von Jerusalem nach Konstantinopel. Zur gleichen Zeit behauptete sich der Kaiser gegen die Avaren und Slaven, die 626 Konstantinopel belagerten. Der Feind vermochte nicht den Mauerring zu durchbrechen und mußte die Belagerung aufheben; die Freude der Zeitgenossen war so groß, daß man in der geglückten Abwehr ein Wunder der Theotokos, der Gottesgebärerin, sah, dessen Erinnerung im Akathistos-Hymnos (er wird nämlich stehend gesungen) fortlebt. Herakleios starb am 11. Februar 641, wenige Monate nach der Kapitulation von Alexandreia vor den arabischen Truppen.
Die herakleianische Dynastie hielt sich, um den Preis heftiger Kämpfe, auf dem Thron bis zum Jahre 711; nach Herakleios Neos Konstantinos (III.) und Heraklonas regierte der Sohn von Konstantin III., Konstans II., der nicht zögerte, seinen jüngeren Bruder Theodosios töten zu lassen, um ihm den Weg zur Mitherrschaft zu versperren. Konstans II. schlug seine neue Residenz im Westen, in Syrakus auf, wo er 668 ermordet wurde. Sein Sohn und Nachfolger, Konstantin IV., ließ seine beiden Brüder, Herakleios und Tiberios, verstümmeln. Sein Sohn, der gewalttätige Justinian II. (685-695, 705-711), wurde ebenfalls verstümmelt und nach Cherson verbannt; an seine Stelle trat zunächst ein Offizier, Leontios (695-698), der von den Blauen unterstützt wurde, nach ihm, mit Hilfe der Grünen, ein weiterer Offizier, Tiberios II. Apsimar (698-705). Gestützt auf den Bulgaren-Khan Tervel, erkämpfte sich Justinian II. 705 jedoch erneut den Thron und regierte sechs Jahre lang mit blutigem Terror, dem die gestürzten Kaiser Leontios und Tiberios sowie der Patriarch Kallinikos (693-706) zum Opfer fielen; zwei Städte, Cherson und Ravenna, hatten unter Strafexpeditionen zu leiden. Der Armenier Bardanes, der schließlich Justinian II., den verhaßten »Kaiser mit der abgeschnittenen Nase (Rhinotmetos)«, stürzte, wurde von der Bevölkerung von Konstantinopel als Befreier begrüßt und als Philippikos (711-713) zum Kaiser erhoben; der Kopf des getöteten Justinian wurde nach Rom und Ravenna gesandt und dem Volk zur Schau gestellt.

[4] Die arabische und slavische Expansion:

Nach dem Tode des Herakleios handelte der Patriarch von Alexandreia, Kyros, mit den Arabern die Räumung Alexandreias durch das byzantinische Heer aus (642). Zwar unternahm der byzantinische Heerführer Manuel nochmals eine Gegenoffensive, doch zwang ihn die Niederlage seiner Armee 646 zur Preisgabe Ägyptens, dessen koptische Bevölkerung sich dem siegreichen arabischen Feldherrn 'Amr ibn al-'As willig unterwarf. Der Statthalter von Syrien, Mu'awiya, marschierte in Kappadokien ein, eroberte Kaisareia und belagerte Amorion; er rüstete eine Flotte aus, der es gelang, die byzantinischen Seeherrschaft zu erschüttern. Mit ihr griff Mu'awiya Zypern an, er plünderte Rhodos, besetzte Kos und verwüstete Kreta (654); schließlich brachte er der byzantinischen Flotte eine Niederlage bei, wobei Kaiser Konstans II. nur mit knapper Not der Gefangennahme entging (655). Damit war die byzantinische Seeherrschaft vorübergehend geschwächt. Nach der Kampfpause, die dem Friedensschluß von 659 folgte, erschienen jedoch die Araber erneut in Kleinasien, besetzten Chios, die Halbinsel Kyzikos (670), Smyrna (672); in den Jahren 674-678 wurde Konstantinopel in jedem Frühjahr von der arabischen Flotte belagert, doch vermochte sich die Reichshauptstadt, nicht zuletzt dank des Griechischen Feuers, erfolgreich gegen die Invasoren zu verteidigen. Mu'awiya sah sich genötigt, einen Vertrag mit dem Byzantnische Reich zu schließen, der später von 'Abdalmalik erneuert wurde: Der von den Arabern dem Byzantinischem Reich zu zahlende Tribut wurde erhöht und die Steuereinnahmen aus Zypern, Armenien und Iberien mußten künftig zwischen Arabern und Byzantinern geteilt werden.
Die Regierung Justinians II. war für das Byzantinische Reich verheerend: 691-692 wurde das kaiserliche Heer bei Sebastopolis geschlagen, dadurch kam das byzantinische Armenien unter arabische Oberhoheit. 697-698 eroberten die Araber den Exarchat von Karthago trotz eines Seesieges des Patrikios Johannes; damit konnten die arabischen Heere ihren Siegeszug im Westen, der sie bis nach Spanien führen sollte, fortsetzen. Während der zweiten Herrschaftsperiode Justinians II. ging Tyana an der kappadokischen Grenze dem Byzantnischen Reich verloren, ebenso büßte es zahlreiche Festungen in Kilikien ein, und es erfolgte die ungehinderte Plünderung des gegenüber von Konstantinopel gelegenen Chrysopolis. Im Norden schloß sich an die slavische Invasion das Eindringen der Protobulgaren (Bulgarien) in das Gebiet zwischen Donau und Balkan an. 679 versuchte Konstantin IV., diese in einem Feldzug zurückzudrängen; geschlagen, mußte er im Vertrag von 681 ihrer dauernden Niederlassung zustimmen; damit hatte sich der erste bulgaro-slavische Staat konstituiert.
Um das demographische Vakuum in bestimmten Regionen zu füllen, bedienten sich die HERAKLEIDEN der Deportation. Konstans II. ließ starke slavische Bevölkerungsgruppen von Makedonien nach Kleinasien transferieren, und Justinian II. siedelte ganze slavische Stämme im Thema Opsikion an, die als Gegenleistung für urbares Land 30.000 Mann für das kaiserliche Heer zu stellen hatten. Doch diese Umsiedlungsaktionen betrafen nicht nur die Slaven. So wurden die Mardaiten, eine christliche, räuberisch lebende Bevölkerungsgruppe aus dem Gebiet von Amanos (Libanon) an die Küsten der Peloponnes, nach Kephallenia und nach Nikopolis in Epiros, vielleicht sogar auch an die kleinasiatische Südküste, in die Gegend von Attaleia, verpflanzt. Noch unter Justinian II. wurden Zyprioten in das Gebiet von Kyzikos, dem es an Arbeitskräften fehlte, deportiert.

[5] Die religiöse Politik der herakleian. Dynastie:

Mit der Rückeroberung der Ostprovinzen durch Herakleios stellte sich erneut das Problem des Monophysitismus. Zur Lösung des Konfliktes nahm der Patriarch Sergios (610-638) die Lehre des Monoenergetismus an, nach der in Christus zwar zwei Naturen seien, aber nur eine einzige Wirkungsweise (HnLrgeia) bestehe; der Patriarch von Jerusalem, Sophronios, und auch Papst Honorius widersetzten sich dieser christologischen Auffassung. Der Patriarch änderte seine Lehre daraufhin dahingehend ab, daß er in Christus einen einzigen Willen annahm; diese Anschauung, der Monotheletismus, wurde durch den kaiserlichen Erlaß »Ekthesis« von 638 zur offiziellen Lehrmeinung. Doch wurde diese Kompromißformel von den Chalkedonensern wie von den Monophysiten abgelehnt. Infolge der Opposition des Papstes und der afrikanischen Konzilien verfaßte Paulos, Patriarch von Konstantinopel (641-653), den »Typos«, der 648 von Kaiser Konstantin II. zum Gesetz erhoben wurde: Im »Typos« wird der Inhalt der »Ekthesis« widerrufen und jede Diskussion über den Monoenergetismus wie den Monotheletismus verboten. Im Oktober 649 hielt Papst Martin I. ein großes Konzil im Lateran ab, auf welchem die »Ekthesis« wie der »Typos« verurteilt wurden und der Patriarch Paulos wie auch seine Vorgänger Sergios und Pyrrhos (638-641, später nochmals Patriarch 654) exkommuniziert wurden. Konstans II. ließ 653 Papst Martin I. und wenig später Maximos Homologetes, das Haupt der chalkedonensischen Orthodoxie, verhaften und verbannen. Zur Wiederherstellung des religiösen Friedens berief Konstantin IV. das 6. Ökumenischen Konzil ein (680-681; Konstantinopel, Synoden), das den Monotheletismus verurteilte; während der ersten Regierungsperiode Justinians II. erließ die Reichssynode »in Trullo« (benannt nach ihrem Sitzungsort im Kuppelsaal des kaiserlichen Palastes) eine Reihe von Kanones disziplinären Charakters (Trullanum II), die einen frühen Ausdruck der Abgrenzung der Ost- und der Westkirche voneinander darstellen; sie waren der Ausgangspunkt für neue religiöse Streitigkeiten mit Rom, die simultan zu einer Schwächung des politischen Zusammenhaltes zwischen der italienischen Provinz und der Zentralgewalt in Konstantinopel auftraten.

III. Das Zeitalter des Ikonoklasmus
[1] Die Dynastie der Isaurier und der erste Bilderstreit:

Auf den gewaltsamen Tod Justinians II. (711) folgte eine Periode der Wirren, die sich über die kurzzeitigen Regierungen der Kaiser Philippikos (711-713), Anastasios II. (713-715) und Theodosios III. (715-717), die alle drei vom Militär eingesetzt und wieder entthront wurden, erstreckte. Diese anarchischen Verhältnisse endeten mit dem Regierungsantritt von Leon III. »dem Isaurier« (717-741), dem Strategen des Themas Anatolikon in Kleinasien. Die Familie des Leon stellte bis zum Ende des 8. Jh. die Kaiserdynastie; im folgenden Jahrhundert setzte die amorische Dynastie das Werk der ISAURIER fort. Dieser Abschnitt der byzantinischen Geschichte wird durch den Bilderstreit (Ikonoklasmus) geprägt, den Kampf gegen die Verehrung der Bilder oder Ikonen; der Konflikt vollzog sich in zwei Phasen, dem ersten (726-780) und dem zweiten Bilderstreit (813-843); zwischen beide schiebt sich die Periode der Ikonodulen, der (von den Bilderfeinden in polemischer Weise so bezeichneten) Bilderverehrer.
Die zunehmende Verbreitung des Bilderkultes, eine der fundamentalen Formen byzantinischer Religiosität während des 7. Jh., fand nicht überall im Reich Zustimmung; vor allem in den östlischen Gebieten, wo sich eine transzendentale und überwiegend spirituelle Form des Christentums ausgeprägt hatte, wurde die Bilderverehrung abgelehnt. Den konkreten Anlaß des Bilderstreites bildete ein Vulkanausbruch im Norden von Kreta, der als Gottesgericht gedeutet wurde. Daraufhin ergriff Kaiser Leon III. die Initiative: Er ließ das Christusbild am Tor von Chalke durch ein Bild des Kreuzes auswechseln und damit an die Stelle des »Götzendienstes« der Bilderverehrung das grundlegende Symbol der Bekehrung Konstantins setzen; diese Geste wurde von dem Patriarchen Germanos, vermittelnd, als Argument zugunsten der Bilder interpretiert, bis Germanos jedoch schließlich 730 zurücktrat, um nicht länger die Kirche in den Dienst einer vom Kaisertum initiierten Auffassung stellen zu müssen. Der Ikonoklasmus entsprang so einer unterschiedlichen Schriftexegese hinsichtlich der Frage der Idolatrie und der eher zufälligen Verbindung dieses Problems mit einer persönlichen Initiative Leons III., der bei seinem Handeln wohl stark von seiner orientalischen Herkunft beeinflußt war. Der (vielleicht 729) vom Patriarchen Germanos an Thomas von Klaudiopolis gerichtete Brief zeigt uns einerseits, wie sehr sich aus der Kontroverse um die Bilder heraus schon eine Reihe von Argumenten ausgeprägt hatten und andererseits, daß ein Teil des Klerus der Bilderverehrung nicht mehr wohlwollend gegenüberstand. Der Bischof von Nakoleia, Konstantin, hatte sich nach dem Vulkanausbruch auf Kreta in seinen Homilien gegen den Bilderkult gewandt. Germanos setzte ihn daraufhin ab. Leon III. stellte sich schließlich völlig auf die Seite der Bildergegner, und Germanos trat 730 zurück und zog sich auf seine Güter zurück, wodurch er sich der kaiserlichen Forderung nach der Einberufung eines Konzils mit ikonoklastischer Zielsetzung entzog. Der Nachfolger des Germanos, der Synkellos Anastasios, verbot die Bilderverehrung in den Kirchen. Welche Ausmaße die Kampagne zur Zerstörung der Bilder und die Verfolgungsmaßnahmen gegen Ikonodulen annahmen, bleibt unbekannt. Auf theolisch-kirchenpolitischem Gebiet wurde die anti-ikonoklastische Offensive von den Päpsten, Gregor II. und insbesondere seinem Nachfolger Gregor III., eröffnet; Gregor III. exkommunizierte die Ikonoklasten auf der römischen Synode von 731. Als bedeutendster theologischer Gegner des Ikonoklasmus trat sodann Johannes Damaskenos auf, ein Grieche, welcher eine hohe Stellung am Kalifenhof von Damaskus innehatte. In drei berühmten Homilien führte Johannes aus, daß das Bild ein Symbol sei, eine Vermittlerrolle besitze und daß sich das Bild Christi und seine Verehrung auf das Dogma der Inkarnation gründe; damit hatte die Bilderverehrung ihre theologische Legitimation gefunden und die Ideenwelt der Ikonodulen ihre Grundprinzipien erhalten. Mit dem Tod Leons III. nahm der Konflikt eine stärker politische Färbung an: Artabasdos, der Schwiegersohn Konstantins, des Sohnes und Nachfolgers Leons III., Patrikios, Kuropalates und Komes des Thema Opsikion, warf sich zum Vorkämpfer einer gemäßigten Ikonodulie auf, welche die Verehrung der Ikonen der Jungfrau Maria, nicht aber derjenigen Christi umfassen sollte. Es gelang Artabasdos, sich mit Unterstützung des Themas Armeniakon zum Kaiser proklamieren zu lassen, während der rechtmäßige Kaiser, Konstantin V. (741-775), durch seinen Kampf gegen die Araber in Anspruch genommen war. Konstantin konnte jedoch den Thron mit Hilfe der Themen Thrakesion und Anatolikon zurückerobern, und er verfolgte - nach einer Periode des Abwartens - die ikonoklastische Politik seines Vaters mit noch größerem Nachdruck: Auf dem Konzil von 774 verdammten 338 Bischöfe den Bilderkult.
Der Ikonoklasmus radikalisierte sich nun erheblich: Die Ikonen in den Kirchen wurden zerstört, der Heiligenkult und selbst die Verehrung der Theotokos wurden angegriffen und mit letzterem an einer der Grundfesten der byzantinischen Liturgie gerüttelt; die Ikonodulen, Geistliche wie Laien, waren heftigen Verfolgungen ausgesetzt; so wurden im Jahre 776 19 hohe Würdenträger und Beamte hingerichtet. Die Repressionen gegenüber den Mönchen waren besonders hart: Klöster wurden geschlossen und ihre Güter konfisziert, Mönche in den Laienstand zurückversetzt oder gezwungen, in den weniger der Verfolgung ausgesetzten Gebieten Asyl zu suchen. Allerdings liegt es angesichts des legendarischen Charakters der Quellen nahe, bestimmte Übertreibungen bei der Schilderung dieser Verfolgungen anzunehmen. Gleichwohl war das Mönchtum offenbar die unmittelbare Zielscheibe der Repressionsmaßnahmen, und es entwickelte sich folglich zur stärksten Kraft der Opposition gegen die ikonoklastische Herrschaft. In den Reihen der Mönche fanden sich bald auch echte »Märtyrer« wie Stephanos der Jüngere, Hegumenos des Klosters vom Auxentiosberge, der 767 in Konstantinopel von der entfesselten Volksmenge gesteinigt wurde. Der Widerstand gegen den Ikonoklasmus konzentrierte sich besonders in den monastischen Zentren Kleinasiens. Nach der kurzen Regierung Leons IV. (775-780), der im Alter von 30 Jahren verstarb, bestieg Konstantin VI. (780-797) kaum zehnjährig den Thron. Seine Mutter Irene aus Athen, eine Ikonodulin, führte die Regentschaft und benutzte ihre Stellung zur Wiederherstellung des Bilderkultes. Mit großer Vorsicht agierend, da es galt, keinen zu starken Widerstand der ikonoklastisch gesonnenen hohen Geistlichkeit und der Armee zu provozieren, erreichte sie die Demission des Patriarchen Paulos IV. (780-784) und die Einsetzung des Tarasios (784-806). Sie berief 786 ein Konzil ein, das jedoch sogleich von der Garde zerstreut wurde; daraufhin verlegte sie unter einem Vorwand die ikonoklastischen Truppenverbände nach Kleinasien und ließ ikonodule Einheiten aus Thrakien nach Konstantinopel kommen; schließlich hielt sie im September/Oktober 787 ein neues Konzil in Nikaia ab, durch das die Bilderverehrung wiederhergestellt wurde. Konstantin, der zwar das regierungsfähige Alter erreicht hatte, von seiner Mutter jedoch nur - widerstrebend - zum Mit-Kaiser erhoben worden war, opponierte in der Folgezeit gegen die Umwandlung der Regentschaft Irenes in eine echte autokratische Herrschaft. Dieser familiäre Machtkampf führte dazu, daß sich die ikonoklastischen Kräfte um den jungen Kaiser scharten. Bilderfeindliche Truppeneinheiten proklamierten Konstantin im Okt. 790 zum Autokrator. Doch erwies sich Konstantin in der Folgezeit als ebenso despotisch wie unfähig (Moicheanischer Streit), so daß er erneut unter die Vormundschaft seiner Mutter fiel, die ihn 797 schließlich entthronte und blenden ließ. Irene, die sich die Unterstützung der hauptstädtischen Bevölkerung und der Mönchspartei erhalten wollte, verringerte die Sätze der städtischen Steuern sowie die Einfuhrzölle und gewährte namentlich den Klöstern große fiskalische Privilegien; diese Maßnahmen schädigten die Staatsfinanzen auf das schwerste.
Zweifellos handelt es sich bei Irene ebenso wie bei Konstantin VI. um unfähige Politiker, die sich von den politischen Machenschaften der Interessengruppen, die von Mächtigen wie Michael Lachanodrakon, dem Magistros Petros, Alexios Musulem, Aetios, Staurakios und einigen anderen angeführt wurden, an den Rand drängen ließen. Neuere Forschungen zeigen dabei, daß die Mitglieder dieser Machtelite in ihrer großen Mehrheit keine sehr aktive Rolle bei den Auseinandersetzungen des Bilderstreites spielten; es handelte sich vielmehr um Karrieristen, die nach Kräften bestrebt waren, sich konform zur offziellen Politik zu verhalten. Doch kann daraus nicht auf einen nur geringen Unterschied zwischen den Auffassungen der Ikonodulen und denjenigen der Ikonoklasten geschlossen werden; die bilderfeindliche Opposition von 787 bis 815 darf in ihrer tatsächlichen Bedeutung nicht verkannt werden.

[2] Der zweite Bilderstreit:

Irene wurde nach einer Palastverschwörung, die den Leiter der Finanzverwaltung, den Logotheten Nikephoros (802-811), auf den Kaiserthron brachte, abgesetzt; dieser zeichnete sich durch seine gemäßigte Haltung im ikonoklastischen Konflikt aus. Er wurde von der radikalen Mönchspartei, deren Führer der Hegumenos des Studiu-Klosters zu Konstantinopel, Theodor, war, heftig bekämpft, besonders nachdem der Kaiser nicht Theodor, sondern einen Laien, den bedeutenden Geschichtsschreiber Nikephoros (806-815), zum Patriarchen erhoben hatte. Der Kaiser fiel 811 bei einer vernichtenden Niederlage gegen den Bulgaren-Khan Krum; sein Sohn und Nachfolger Staurakios (811) starb bald nach dem Regierungsantritt an den Verwundungen, die er im selben Feldzug erlitten hatte. Nun kam der Schwager des Nikephoros, Michael I. Rangabe (811-813), an die Macht; er ließ sogleich Staatsgelder an Militärs, Hofkreise und besonders an den Klerus verteilen. Während seiner Regierung kehrten die Studiten aus dem Exil zurück, und ihr Hegumenos Theodor wurde zum allmächtigen Ratgeber des Herrschers, der von Theodor beredet wurde, den Krieg gegen die Bulgaren erneut zu eröffnen. Der Kaiser unterlag bei Versinikia (813) und verlor damit auch seinen Thron.
Sein Nachfolger wurde der Stratege des Thema Anatolikon, Leon V., mit dem die zweite Phase des Bilderstreites begann. Der Ikonoklast Johannes Grammatikos erhielt den Auftrag, Dokumente für eine neue bilderfeindliche Synode vorzubereiten; der Patriarch Nikephoros wurde zugunsten von Theodotos Melissenos (815-821) abgesetzt; die Vertreter der Mönchspartei wurden mißhandelt oder vertrieben. Das in der Hagia Sophia zusammengetretene Konzil widerrief 815 die bilderfreundlichen Beschlüsse von Nikaia, setzte die Bestimmungen von 754 wieder in Kraft und ordnete die Zerstörung der Ikonen an. Kaiser Leon V. wurde 820 während des Weihnachtsgottesdienstes in der Hagia Sophia von einem seiner Waffengefährten, Michael von Amorion, ermordet. Michael II. (820-829), der nach dieser Mordtat den Thron bestieg, war ein durchaus befähigter Mann; überzeugter Ikonoklast, verfolgte er doch eine gemäßigte und ausgleichende Politik. Er rief die Studiten aus dem Exil zurück; andererseits vertraute er die Erziehung seines Sohnes dem gelehrten Ikonoklasten Johannes Grammatikos an und setzte nach dem Tod des Theodotos einen anderen Ikonoklasten, Antonios (821-837), zum Patriarchen ein. Der Bilderstreit verlor von nun an seine frühere Heftigkeit; was jetzt noch folgte, waren lediglich schwächere Reflexe der früheren Streitigkeiten. Das Byzantinische Reich hatte andere Probleme.
Gestützt auf einen großen Teil der asiatischen Themen und mit arabischer Hilfe, entfesselte Thomas der Slave einen gewaltigen Aufstand, bei dem sich politische, soziale und religiöse Momente vermischten. An der Spitze von iberischen, armenischen und abasgischen Kontingenten, gelang es Thomas, Kleinasien, Thrakien und die Flotte des Thema Hellas für seinen Kampf gegen Michael II. zu gewinnen, in dem Thomas einen Usurpator und den Mörder seines ehemaligen Waffengefährten Leon V. sah. Vom Patriarchen von Antiocheia, Job, zum Kaiser gekrönt, belagerte Thomas 821 Konstantinopel; die Intervention des Bulgaren-Khans Omurtag, der von Michael II. zu Hilfe gerufen wurde, nötigte die Aufständischen jedoch zur Aufgabe der Belagerung. Thomas, der sich nach dem Zusammenbruch seiner Revolte in Arkadiopolis verschanzt hielt, wurde von den Bewohnern der Stadt dem Kaiser ausgeliefert und gepfählt. Fraglich bleibt, ob dieser Konflikt als echter Bürgerkrieg gelten kann. Er war sicher ein Ausdruck der Ablehnung der Provinz gegenüber der Hauptstadt und vielleicht auch ein Reflex der Erschütterungen, von denen das gesamte Kleinasien in dieser Zeit bewegt wurde.
Der Sohn Michaels II., Theophilos (829-842), Zögling des Johannes Grammatikos, war ein hochgebildeter Herrscher, voll Liebe zu den Wissenschaften und Künsten, wobei er neben der byzantinischen Gelehrsamkeit sich auch den arabischen Wissenschaften, wie sie am Kalifenhof zu Bagdad gepflegt wurden, erschloß. Sein Lehrer, der 837-843 den Patriarchenthron innehatte, leitete alsbald eine neue Verfolgungswelle gegen Ikonodulen und Mönche ein; allmählich verebbte der Bilderstreit jedoch und erlosch nach dem Tode des Kaisers Theophilos.

[3] Die Verteidigung des Reiches unter den isaurischen (bzw. syrischen) und amorischen Kaisern:

Die Propagierung des Ikonoklasmus durch die Kaiser der isaurischen Dynastie hat diesem Herrscherhaus ein vernichtendes Urteil von seiten der Historiker eingetragen. Dennoch sind gerade die Leistungen dieser Dynastie für die Erhaltung des Reiches bedeutend; erwähnt seien nur die großen Erfolge der isaurischen Kaiser bei der Verteidigung des Byzantnische Reiches gegen die arabischen Angriffe, vom Kampf um Konstantinopel im Jahrre 718 bis zur Eroberung von Theodosiupolis und Melitene 751 und 757, wodurch die Sicherung der Südostgrenze erreicht wurde. Das militärische Vorgehen der Isaurier gegen die Bulgaren war dagegen weniger erfolgreich. Leon III. unterhielt gute Beziehungen zu Khan Tervel. Sein Nachfolger Konstantin V. jedoch, dem die Bedrohung durch diese neue Macht stets vor Augen stand, führte neue Feldzüge gegen die Bulgaren und erfocht mehrere Siege (besonders bei Anchialos 763); bei alledem gelang es Konstantin aber nicht, den Krieg gegen die Bulgaren definitiv zu beenden, und er mußte bis zu seinem Tod, der ihn 775 auf einem dieser Feldzüge ereilte, ständig gegen die Bulgaren zu Felde ziehen. 792 wurde Konstantin VI. von den Bulgaren besiegt und mußte ihnen Tribut entrichten. Am 26. Juli 811 vernichtete das Bulgarenheer unter Krum die Armee des Kaisers Nikephoros, der im Kampfe fiel. Krum eroberte anschließend Develtos und Mesembria und zwang den Byzantinern einen drückenden Frieden auf. Auch Michael I. Rangabe wurde von den Bulgaren besiegt (813), vor allem aufgrund des Abfalls der Truppen Leons, des Strategen des Thema Anatolikon, der Michael als Kaiser folgte. Krum verwüstete 813 die Gebiete um Konstantinopel, doch besiegte ihn Leon V. im selben Jahr bei Mesembria. Auf den plötzlichen Tod von Krum (814) folgte eine längere Periode der Ruhe, da Krums Nachfolger, Khan Omurtag, sich stärker dem inneren Ausbau seiner Herrschaft widmete und seine expansive Tätigkeit mehr auf den Nordwesten richtete (vgl. im einzelnen Abschnitt D).

[4] Der Verlust des byzantinischen Westens:

Unter Konstantin V. kamen der nördliche Teil des Exarchates von Ravenna und der Dukat von Rom unter die Herrschaft der Langobarden, die 751 Ravenna eroberten. Doch hatten sich diese Regionen schon seit längerer Zeit sozial und wirtschaftlich eigenständig entwickelt. Papst Stephanus II., der die Zeichen der Zeit erkannte, wandte sich an das expandierende Franken-Reich, das ihm den Besitz eines Teiles der byzantinischen Besitzungen in Mittelitalien und den byzantinischen Dukat von Rom, der sich in starkem wirtschaftlichen Aufstieg befand, zusicherte. Zum Verständnis der politischen Neuorientierung der Päpste muß man sich die Entwicklung der Beziehungen zwischen Byzanz und Rom seit Gregor III. vergegenwärtigen; dieser hatte den Ikonoklasmus verurteilt. In der folgenden Zeit hatte Leon III., im Zuge einer an sich realistischen Verwaltungsreform des gesamten Reiches (mit vorrangig fiskalischer Zielsetzungen), Unteritalien, Sizilien und Illyricum der Patriarchalgerichtsbarkeit Roms entzogen und diese Gebiete dem Patriarchat von Konstantinopel unterstellt, dessen Jurisdiktionsbereich nach dem Verlust von Antiocheia an die Araber genau dem politischen Herrschaftsbereich von Byzanz entsprach. Die bilderfreundlichen Beschlüsse des Konzils von Nikaia (787), welche zwar eine Versöhnung zwischen Byzanz und Rom auf dogmatischem Gebiet begründeten, haben doch insgesamt wenig am grundsätzlichen Gegensatz ändern können: Tatsächlich hat das Konzil weder von den Protesten Hadrians I. gegen die Wahl des Tarasios zum Patriarchen und die Führung des Titels »ökumenischer Patriarch« durch Konstantinopel noch von der Bekräftigung der päpstlichen Suprematie und der Vorrangstellung des Apostels Petrus Kenntnis genommen. Dieses Auftreten des Papsttums gegenüber Byzanz hatte auch nur noch zweitrangige Bedeutung, nachdem Rom sein Schicksal mit dem Frankenreich verbunden hatte; eine Entwicklung, die in der Kaiserkrönung KARLS DES GROSSEN durch den Papst nach byzantinischem Ritus ihre Bestätigung fand (vgl. Abschnitt F).

[5] Die Gesetzgebung der isaurischen Dynastie:

Die isaurischen Kaiser haben das große Verdienst, dem Reich in seinen neuen Grenzen eine innere Organisation verliehen zu haben. In Fortführung der Reform, die im 7. Jh. begonnen hatte, vollendeten sie die Themenordnung. Weiterhin ist der Name der Dynastie mit einem Gesetzbuch verbunden, der »Ekloge«, das die spätere Gesetzgebung im Byzantinischen Reich und ebenso die Rechtsentwicklung in den slavischen Ländern stark beeinflußt hat. Am 31. März 726 im Namen des Kaisers Leon III. und seines Sohnes und Mit-Kaisers Konstantin erlassen, stellt dieser Codex eine Auswahl von Texten dar, die dem Justinianischen Corpus entnommen sind, aber revidiert und modernisiert wurden. Die »Ekloge« faßt die wichtigsten Grundbestandteile des Zivilrechts für den praktischen Gebrauch der Richter zusammen, für welche die Gesetzgebung des Justinian mit all ihren formalen Mechanismen und Feinheiten zu kompliziert war; das Justinianische Gesetzwerk blieb gleichwohl in Kraft. Die »Ekloge« stellt also einen Versuch dar, das römische Recht den Notwendigkeiten der Zeit anzunähern und den juristischen Formalismus zu überwinden (siehe auch Byzantinisches Recht).

[6] Theodora und der Sieg der Orthodoxie:

Am Anfang der langen Blütezeit, in der sich das Byzantinische Reich bis zum 1. Viertel des 11. Jh. befand, steht die weitgespannte politische Tätigkeit des Regentschaftsrates, der 842-856 für den jungen Michael III., den Sohn des Theophilos, die Regierungsgeschäfte ausübte. Diesem Gremium stand die Witwe des Theophilos, Theodora, vor; sie amtierte seit dem 20. Jan. 842. Neben ihr waren ihre beiden Brüder, Bardas und Petronas, weiterhin Sergios Neketiates, wohl ein Onkel von Theodora, und schließlich, als einflußreichster Staatsmann, der Günstling der Kaiserin, Theoktistos, Logothet des Dromos, die maßgebenden Mitglieder des Rates. Die erste politische Handlung dieses Regentschaftsrates war die Wiedereinführung der Bilderverehrung. An die Stelle des ikonoklastischen Patriarchen Johannes Grammatikos trat der Syrakusaner Methodios (843-847); am 11. März 843 wurde das Synodikon, der Konzilsbeschluß, durch den die Ikonoklasten und alle sonstigen Häretiker verdammt wurden, feierlich verlesen. Allerdings erbitterte die relative Milde, mit der Theoktistos und der neue Patriarch die Ikonoklasten behandelten, die strengen Ikonodulen und ganz besonders die Studitenmönche, welche schließlich von Methodios exkommuniziert wurden. Nach Methodios' Tod (847) bestieg Ignatios (847-858, 867-877), Sohn des Kaisers Michael Rangabe, ein Mönch mit äußerst rigiden Auffassungen, den Patriarchenthron.
Durch ein starkes militärisches Engagement gelang es dem Regentschaftsrat, bedeutende territoriale Gewinne zu erzielen. So eroberte Theoktistos, wenn auch nur für kurze Zeit, Kreta zurück (843-844); andererseits erlitt die kaiserliche Flotte im Bosporus, nahe der Mündung des Mauropotamos, eine Niederlage, ohne daß die Araber ihren Sieg zu nutzen vermochten. 853 verwüstete die byzantinische Flotte den Hafen Damiette in Ägypten. Im Westen stand das Byzantnische Reich dem arabischen Vordringen in Sizilien allerdings machtlos gegenüber; selbst in Bari konnte sich für einige Jahrzehnte ein Emir etablieren (841-871). Nach 856 errang das byzantinische Heer, dank der fähigen Kriegsführung durch Petronas, an der Ostgrenze eine Reihe von Siegen, welche die große Offensive unter dem Nachfolger von Michael III., Basileios I., ankündigte.

IV. Die Herrschaft der makedonischen Dynastie
[1] Der Aufstieg der makedonischen Dynastie:

856 errang Michael III., im Bunde mit seinem Onkel Bardas, die Alleinherrschaft; der Logothet Theoktistos wurde bei dem Staatsstreich ermordet. Zu eigenständiger Regierung jedoch untauglich, überließ der Kaiser zunächst seinem Onkel fast sämtliche Machtbefugnisse; dieser setzte den Patriarchen Ignatios zugunsten des Laien Photios ab. Eine bedeutende außenpolitische Tätigkeit, besonders durch die byzantinische Mission bei Bulgaren und Slaven (Konstantin und Method), die dem päpstlichen Vordringen entgegentreten sollte, kennzeichnet diese, durch das Wirken von Bardas und Photios geprägte Periode. Doch wandte sich Michael III. von Bardas ab und schenkte sein Vertrauen seinem Günstling Basileios, der seine Laufbahn am Hof als einfacher Pferdewächter begonnen hatte, vom Kaiser nun jedoch mit der Stellung des Parakoimomenos ausgezeichnet wurde und der - nachdem er auf Geheiß Michaels den Bardas ermordet hatte (865) - zur Heirat mit der früheren Geliebten des Kaisers, Eudokia Ingerina, genötigt wurde. Vom Kaiser adoptiert und zum Mit-Kaiser erhoben, ermordete Basileios 867 seinen Protektor, um so die Alleinherrschaft zu erringen. Basileios I. begann seine Regierung mit der Absetzung des Photios und dessen Verbannung in ein Kloster; Ignatios wurde wieder als Patriarch eingesetzt und machte sich daran, alle von seinem Vorgänger geweihten Geistlichen mit dem Interdikt zu belegen. Bald darauf erlangte Photios jedoch wieder das Wohlwollen des Kaisers, der ihm sogar die Erziehung seiner Söhne anvertraute und ihm nach dem Tod des Ignatios (877) die Patriarchenwürde zurückgab. Die zweite Amtszeit des großen Patriarchen zeichnete sich durch eine konziliante Politik gegenüber den Anhängern des Ignatios und dem Papsttum aus: 879-880 rehabilitierte eine Synode, die zu Konstantinopel in Gegenwart der Legaten des Papstes Johannes VIII. stattfand, feierlich den gelehrten Patriarchen.
In der äußeren Politik war besonders die Befreiung Dubrovniks (Ragusa) bemerkenswert, das von einer arabischen Flotte eingeschlossen war. An der Ostgrenze erreichte Basileios I. 873 den Euphrat, er unterwarf die in den syrisch-armenischen Grenzgebieten ansässigen häretischen Paulikianer, deren Hauptstadt Tephrike er dem Erdboden gleichmachte.

[2] Die Regierung Leons VI.:

Basileios I. starb 886 durch einen Jagdunfall. Sein Sohn und Nachfolger, der gelehrte Leon VI. (886-912), setzte sogleich seinen früheren Lehrer Photios ab, um seinen erst 16-jährigen Bruder Stephanos (886-893) zum Patriarchen zu erheben. Photios starb im armenischen Exil. Nachdem Leon VI. zweimal verwitwet und kinderlos geblieben war, ging er eine dritte - vom kanonischen Recht verbotene - Ehe ein und heiratete schließlich in vierter Ehe seine Mätresse Zoe Karbonopsina (905), die ihm einen Sohn gebar, Konstantin (getauft 6. Januar 906). Der Patriarch Nikolaos Mystikos untersagte dem Kaiser jedoch als »Bigamisten« den Eintritt in die Hagia Sophia. Daraufhin erreichte Leon VI. beim Papst einen Dispens und setzte Nikolaos ab, an dessen Stelle Euthymios (907-912) trat, der 911 Konstantin zum Kaiser krönte, seiner Mutter jedoch nach wie vor den Eintritt in die Kirche verwehrte.

[3] Die Gesetzgebung der makedoniscehn Dynastie:

Die Bedeutung Leons VI., der auf politischem Gebiet nicht in der Lage war, die so positive außenpolitische Bilanz, die sein Vater hinterlassen hatte, adäquat weiter auszubauen, liegt vor allem in seinem gewaltigen Gesetzgebungswerk. Mit seiner hohen Bildung verstand es Leon, die von Basileios begonnene Rechtskodifikation in großem Stil fortzusetzen und zu vollenden. Basileios I. hatte zwei Sammlungen erstellen lassen: den Proch(e)iros Nomos (Procheiron), ein praktisches Handbuch für den forensischen Gebrauch, und - als Einleitung zu der geplanten großen Gesetzessammlung - die Epanagoge. Die große Kompilation der »Basiliken« in sechzig Büchern trat seit der Regierung Leons VI. an die Stelle der drei Sammlungen des Justinian, der Novellen desselben Kaisers sowie derjenigen der Kaiser Justin II. und Tiberios. Die »Basiliken« wurden durch eine Sammlung von 113 Novellen vervollständigt (siehe auch Byzantinisches Recht).

[4] Die Auseinandersetzung zwischen Byzanz und Bulgarien:

Die Christianisierung der Bulgaren (864) hatte für Byzanz die Schaffung einer neuen Kirchenprovinz zur Folge, die vom Patriarchat Konstantinopel abhängig war; für die Bulgaren bedeutete sie jedoch den Ansatz zur Bildung einer autonomen Kirche. Nach einer Periode, die durch Gegensätze und Streitigkeiten geprägt war, in deren Verlauf der Khan Boris sich sogar an den Papst wandte, fand der Patriarch Ignatios auf der Synode von 869 eine für das Byzantinische Reich überaus günstige Lösung, indem er einen Erzbischof und zehn Bischöfe, denen eine begrenzte Autonomie gewährt wurde, weihte; der bulgarische Erzbischof erhielt einen besonders hohen Rang innerhalb der byzantinischen Hierarchie. Es war eine insgesamt friedliche Zeit, was sich für die byzantinischen Handelsverbindungen mit dem gesamten europäischen Kontinent sehr günstig auswirkte; doch war diese Ruheperiode nicht von Dauer.
Der bulgarische Zar Symeon, Sohn des Boris, vernichtete das byzantinische Heer bei Bulgarophygon und zwang das Byzantinische Reich zur Zahlung eines jährlichen Tributs (896). Nachdem der Kaiser Alexander (912-913) erstmals die Tributleistung verweigert hatte, erschien Symeon mit seinem Heer vor Konstantinopel. Dieser Feldzug leitete langjährige militärische und politische Auseinandersetzungen zwischen dem Byzantinische Reich und Bulgarien ein, die mit Unterbrechungen bis 927 andauerten (vgl. im einzelnen Abschnitt D); das Hauptziel des bulgarischen Herrschers war die Erlangung der Kaiserkrone und die Gründung eines bulgarisch-byzantinischen Großreiches.
Symeons Nachfolger Peter machte Frieden mit Byzanz, mit dem er durch die Heirat der älteren Tochter des Romanos auch dynastisch verbunden wurde, und die byzantinische Kirche erkannte den Patriarchat von Bulgarien an, der möglicherweise noch unter Symeon begründet worden war.

[5] Von Romanos I. zu Basileios II.:

Romanos I. Lakapenos, der ursprünglich formell gesehen, nach 920 Mit-Kaiser Konstantins VII. Porphyrogennetos war, brachte bald als der faktisch Mächtigere auch offiziell seine Stellung durch Annahme des Titels Autokrator zum Ausdruck. Nach langer und überaus bedeutender Herrschaft wurde Romanos 944 durch seine Söhne, die er an der kaiselrichen Macht beteiligt hatte, abgesetzt und starb in der Verbannung (948). Kurz nachher wurden auch die Söhne des Romanos Lakapenos durch die legitimistische Partei beseitigt, und Konstantin VII. regierte als Alleinherrscher (944-959). Er war ein Gelehrter hohen Ranges und bedeutender Förderer der Wissenschaften, aber kein starker Politiker. Sein Sohn Romanos II. (959-963) blieb unbedeutend; er hinterließ das Reich seinen beiden jungen Söhnen Basileios und Konstantin. Wegen deren Minderjährigkeit konnte sich der Feldherr Nikephoros Phokas (963-969) aus der Magnatenfamilie der PHOKAS des Throns bemächtigen; er heiratete die Witwe Romanos' II., Theophano. Er wurde 969 von dem Feldherrn Johannes Tzimiskes, der mit Theophano im Bunde stand, durch Mord beseitigt. Johannes Tzimiskes (969-976) bestieg den Thron und heiratete eine Tochter Konstantins VII. Als äußerst fähige Strategen setzten sowohl Nikephoros als auch Johannes die byzantinische Expansionspolitik fort. Mit Basileios II. Bulgaroktonos ('Bulgarentöter'; 976-1025) kam (nach der Periode der Usurpation des Thrones durch die aus den Reihen der Magnatengeschlechter stammenden Generäle) wieder ein Mitglied der legitimen makedonischen Dynastie zur Herrschaft; unter ihm erreichte das Byzantinische Reich den Höhepunkt seiner Macht.

[6] Das byzantinische Großreich der Makedonenzeit:

Zu Beginn des 10. Jh. schien die arabische Machtstellung im Mittelmeerraum unanfechtbar zu sein: arabische Angriffe und Razzien gegen Sizilien, Thessalien, Thessalonike und die Bosporusmündung lösten einander kurzfristig ab. Doch unter Romanos I. Lakapenos vermochte die byzantinische Flotte ihre alte Stellung in der Ägäis zurückzugewinnen. Die Feldzüge von Romanos I., Nikephoros Phokas und Johannes Tzimiskes führten zur Rückeroberung von Edessa (934), Kreta (961), Zypern, Tarsos, Kilikien, Aleppo, Antiocheia (969), Damaskus, eines Teils von Palästina sowie eines Teils von Armenien; die vollständige byzantinische Annexion dieses Landes erfolgte 1045 unter Konstantin IX. Durch die Vertreibung der Rus' aus dem bulgarischen Gebiet und die Annexion des östlichen Teils von Bulgarien (871) glaubte Johannes Tzimiskes der bulgarischen Unabhängigkeit ein Ende gemacht zu haben. Doch errichtete Samuel, Sohn des Komes Nikolaos, zwischen Donau, Thessalien und Adria ein Reich, das im wesentlichen das Erbe der bulgarischen Macht antrat (Samuel, Reich des). Basileios führte bis 1018/19 fast ununterbrochen Krieg zur Rückeroberung dieser Territorien. Die eroberten Gebiete erhielten die Themenordnung (Thema Bulgarien), während Diokleia, Zachlumien, Rascien, Bosnien und Kroatien im Nordwesten der Balkanhalbinsel die Oberherrschaft des Byzantinischen Reiches anerkannten. Außerdem verstanden es die makedonischen Kaiser, ihren Besitzstand in Unteritalien zu konsolidieren; um die Mitte des 10. Jh. begannen sie dort mit der Wiedererrichtung der byzantinischen Administration, indem sie das Katepanat Italien schufen; es umfaßte die Themen Langobardien, Kalabrien und Lukanien, die unter der Jurisdiktion des in Bari residierenden Katepans standen.

[7] Das Verhältnis zum Westen:

Die Anerkennung Photios' wurde vom Papst an die Erfüllung einer Reihe von Forderungen geknüpft, welche vor allem die Wiederherstellung seiner Jurisdiktion über Illyricum sowie Patrimonien in Sizilien und Kalabrien betrafen und damit eine Rücknahme der von Kaiser Leon III. getroffenen Maßnahmen bedeutet hätten. Der Patriarch begegnete diesen Forderungen mit Angriffen auf die lateinische Kirche auf disziplinärem, liturgischem und dogmatischem Gebiet: Er verurteilte das westliche Dogma vom Ausgang des Heiligen Geistes vom Vater und Sohn (vgl. Filioque). Die Synode von 867, deren Vorsitz Michael III. innehatte, verdammte das Filioque und exkommunizierte den Papst. Doch scheint sich Photios anschließend wieder mit dem Papst versöhnt zu haben; auf jeden Fall trat das Schisma zwischen Rom und Byzanz noch nicht während des Patriarchats des Photios, sondern erst im 11. Jh. auf.
Die von Nikephoros Phokas restaurierte byzantinische Herrschaft in Unteritalien war stets durch langobardische und arabischeAngriffe gefährdet. Der Fall von Taormina (902) markiert das Ende der byzantinischen Herrschaft über Sizilien. Die FATIMIDEN setzten von Sizilien aus über die Straße von Messina nach Reggio über und forderten Tribut. Tarent wurde verwüstet und durch den Emir von Sizilien besetzt (926). Doch schon 30 Jahre später konnte der byzantinische Stratege Marianos Argyros den kaiserlichen Einfluß in Kampanien wiederherstellen und mit dem Emir von Sizilien einen Friedensvertrag schließen.
Mit dem Ziel, die Einheit des Regnum Italicum wiederherzustellen, griff OTTO I., der 962 in Rom zum Kaiser gekrönt worden war, Bari im Jahre 968 an, er durchzog Apulien und Kalabrien und schlug 969 bei Ascoli eine byzantinische Armee. Johannes Tzimiskes bot ihm die Vermählung seiner Nichte Theophano mit dem Thronerben OTTO II. gegen Räumung der besetzten Gebiete an. OTTO II. griff erneut Apulien an, wurde jedoch von den Arabern im Jahre 982 in Kalabrien geschlagen und entkam nur, indem er sich inkognito auf ein byzantinisches Schiff rettete. Um eine wirksamere Verteidigung des byzantinischen Unteritalien zu sichern, verbündete sich Basileios II. mit Venedig, das gegen Gewährung von Handelsvorteilen versprach, im Bedarfsfalle byzantinische Truppen nach Italien zu verschiffen (992). Im Jahre 1004 entsandte Venedig eine Flotte zum Entsatz des von den Arabern belagerten Bari. Im folgenden Jahre vernichteten die Byzantiner eine arabische Flotte auf der Höhe von Reggio, dank der Flottenhilfe Pisas. Diese beiden Interventionen sollten weitreichende Folgen haben: Venedig und Pisa, zunächst im Dienst, dann im Konflikt zu Byzanz stehend, begannen im östlichen Mittelmeer eine überragende Rolle auf dem Gebiet der Politik wie dem des Handels zu spielen.
Auf die Jahrtausendwende folgten für das byzantinische Langobardien Jahre der Wirren. Die dortige Aristokratie erhob sich in mehreren Städten gegen die byzantinische Herrschaft. Der bedeutendste dieser Aufstände, derjenige des Meles (Melo) in Bari, der beim deutschen König HEINRICH II. Unterstützung gefunden hatte, wurde 1018 von Basilios Boioannes unterdrückt; erst danach kann hier von einer echten Wiederherstellung der byzantinischen Macht die Rede sein. Eine Kette von Festungen wurde danach im Norden des Thema errichtet, und die byzantinische Herrschaft vermochte sich einige Jahre später gegen die Angriffe HEINRICHS II. zu behaupten. Basileios II. wollte auch Sizilien zurückerobern, doch die unter dem Befehl des Orestes entsandte byzantinische Armee wurde 1025 vernichtend geschlagen (siehe auch Capitanata). - Vgl. ausführlich Abschnitt F.

V. Herrschaft der zivilen Aristokratie und der Komnenen
[1] Von Basileios II. zu den Komnenen:

Nach dem Tod Basileios' II. (1025) begann eine Periode des politischen und militärischen Niedergangs, durch die das internationale Ansehen des Byzantinischen Reiches zunehmend geschwächt wurde. Die letzten Mitglieder der makedonischen Dynastie, Konstantin VIII. (1025-28) und seine Töchter Zoe und Theodora, gewährleisteten nur dynastisch den Fortbestand des Hauses. Nach Konstantins Tod (1028) folgten einander auf dem Thron Romanos III. Argyros (1028-34) aus der mächtigen Familie der ARGYROI und der Emporkömmling Michael IV. der Paphlagonier (1034-41), welche die Legitimität ihrer Herrschaft auf ihre Heiraten mit der Porphyrogennete Zoe gründeten, sodann Michael V. Kalaphates (1041-42), der Neffe Michaels IV. und Adoptiv-Sohn der Zoe, schließlich Konstantin IX. Monomachos (1042-55), der sich ebenfalls mit Zoe vermählte. Während dieser Periode vollzog sich der Übergang zur Herrschaft der in der Hauptstadt konzentrierten zivilen Aristokratie, die den Staatsapparat kontrollierte und als Führungsschicht an die Stelle der zurückgedrängten Aristokratie der ländlichen Großgrundbesitzer trat. Diese neue herrschende Schicht sah sich aber bald der Konkurrenz der Armee und des sie beherrschenden Militäradels gegenüber, der von seinen in der Provinz ansässigen Zweigen getragen wurde. Nach dem Tod der Theodora (1056), mit dem die makedonische Dynastie erlosch, stürzte ein Staatsstreich des Militärs den legitimen Kaiser, Michael VI. (1056-57); auf den Thron gelangte ein Vertreter des kleinasiatischen Militäradels, Isaak I. Komnenos (1057-59). Mehr als zwanzig Jahre lang, 1057 bis 1081, sollte nun die kaiserliche Gewalt in den Händen der Militärs liegen, an deren Stelle sich anschließend wieder Herrscher aus den Kreisen der zivilen Amtsträger setzten. Die kurzlebige Dynastie der DUKAS repräsentierte die zivile Aristokratie und führte letztlich zum Niedergang der byzantinischen Militärmacht. Demgegenüber kündigten die Regierung von Romanos IV. Diogenes (1068-71) und Nikephoros Botaneiates (1078-81) die Herrschaft des Militäradels an, der die Armee kommandierte und die Truppenaushebung in der Hand hatte. Mit Alexios I. Komnenos (1081-1118) wurde die Vorherrschaft des Militäradels fest verankert und erhielt sich über mehr als ein Jahrhundert (KOMNENEN).

[2] Das orientalische Schisma:

Es ist bezeichnend, daß der Bruch zwischen der griechischen und der römischen Kirche zu dem Zeitpunkt einsetzte, an dem die Normannen mit der Eroberung des byzantinischen Unteritalien begannen; Byzanz verlor in dem Maße, wie es sich den politischen Verhältnissen in Unteritalien entfremdete, jede Möglichkeit einer Verständigung mit dem Papst. Seit der Mitte des 11. Jh. überstürzten sich die Ereignisse: Um sein Vorhaben einer Kirchenreform durchzusetzen, griff Papst Leo IX. in die Verhältnisse Unteritaliens ein und schloß ein Bündnis mit Argyros, dem Sohn des einstigen Rebellenführers Meles (Melo), mit dem Ziel, die Normannen aus Italien zu vertreiben; dieses Bündnis hatte die Unterstützung des Kaisers Konstantin Monomachos. Doch stieß er auf den Widerstand des Patriarchen Michael Kerullarios (1043-58), der ein Gegner des Argyros war und eine Einmischung des Papstes in die Angelegenheiten des byzantinischen Italien fürchtete. Wie schon zur Zeit des Photios wurde der Streit auf dem Gebiet dogmatischer und liturgischer Fragen ausgetragen; Konfliktstoff boten hier die Lehre vom doppelten Ausgang des Hl. Geistes, das röm. Sabbatfasten, das Verbot der Priesterehe, der liturgische Gebrauch des Ungesäuerten Brotes in der römischen Kirche (Azyma). Unversöhnlich standen sich in diesem Streit der ehrgeizige Patriarch Michael Kerullarios und, auf römischer Seite, der unnachgiebige Kardinal Humbert von Silva Candida gegenüber. Dank eines Gnadenerweises des byzantnischen Kaisers durfte sich Humbert an der Spitze einer Legation nach Konstantinopel begeben, wo er am 16. Juli 1054 eine gegen den Patriarchen gerichtete Bannbulle auf dem Altar der Hagia Sophia niederlegte. Doch gelang es Michael Kerullarios, welcher die gesamten griechischen, slavischen und orientalischen Kirchen und das Volk auf seiner Seite hatte, die für ihn bedrohliche Situation grundlegend zu seinen Gunsten zu verändern: Mit Zustimmung des Kaisers exkommunizierte eine Patriarchatssynode die päpstlichen Legaten und verhängte das Anathem über die Lateiner. Dieser Bruch wirkte sich um so tiefgreifender aus, als sich die Päpste, die nach Nikolaus II. regierten, mit den Normannen verbündeten und die Byzantiner nicht die Macht hatten, diese zu vertreiben (vgl. auch Abschnitt F).

[3] Das Vordringen der Normannen:

Zwischen 1071 und 1081 traten Veränderungen ein, die für die weitere Geschichte des Byzantinischen Reiches tiefgreifende Folgen hatten. Im April 1071 fiel Bari in die Hände der Normannen; Byzanz verlor damit seine italienischen Besitzungen. Gleichzeitig drangen die Seldschuken in Kleinasien vor: Am 19. August 1071 wurde der Kaiser Romanos IV. Diogenes bei Mantzikert, nahe dem Van-See in Kleinasien, von einem seldschukischen Heer geschlagen und von ihrem Herrscher Alp Arslan gefangengenommen. Diesem Sieg der Seldschuken folgte bald der Sturz des Kaisers Romanos IV., der gegen das vertragliche Versprechen von Tributen und aanderen Leistungen zwar aus der Gefangenschaft freigekommen war, in Konstantinopel aber von der Gegenpartei der DUKAS beseitigt wurde. Dies gab den Seldschuken Anlaß zum Eroberungskrieg; im folgenden Jahrzehnt, bis zum Regierungsantritt von Alexios I. Komnenos, wurden große Teile Kleinasiens von den Türken erobert und zum Sultanat Rum vereinigt. Einem kurzlebigen Bündnis des Byzantinischen Reiches mit Papst Gregor VII. und dem Normannen-Herzog Robert Guiskard folgte - nach der Absetzung Michaels VII. Dukas (1078) und der Thronbesteigung des Nikephoros III. Botaneiates - die Wiederaufnahme der Feindseligkeiten zwischen Normannen und Byzantinischem Reich. Die Normannen landeten auf der Balkanhalbinsel und nahmen Dyrrhachion (Durrës) ein; Kaiser Alexios I. Komnenos mußte gegen sie die venezianische Flotte herbeirufen, was ihn die Gewährung neuer außerordentlicher Handels- und Steuerprivilegien kostete (1082). Der Zug der ersten Kreuzfahrer hat die Wege, die ihnen eben von den Normannen gebahnt worden waren, benutzt (vgl. auch Abschnitt F). Hinsichtlich der Kreuzfahrer machten die Byzantiner einen deutlichen Unterschied zwischenzwei Kategorien: Waren sie voll Mitleid gegenüber den von Peter dem Eremiten geführten Pilgern, die 1096 bei Nikaia niedergemetzelt wurden, so begegneten sie den von westlichen Feudalherren geführten Kreuzfahrerscharen, die das Reich überfluteten, mit großem Mißtrauen. Die weitere Entwicklung hat ihnen recht gegeben; bereits der Normannen-Prinz Bohemund von Tarent, der das ihm entgangene väterliche Erbe durch die auf dem Kreuzzug zu erobernden Herrschaftsgebiete ausgleichen wollte, hat die normannische Expansionspolitik in den Osten, nach Antiocheia, verpflanzt, und schon er hat mit dem Gedanken gespielt, sich das ganze Byzantinische Reich untertan zu machen.

[4] Die Dynastie der Komnenen:

Unter der Herrscherfamilie der KOMNENEN durchlebte das Byzantinische Reich eine lange Periode der inneren Stabilität, was dem Kaiser erlaubte, die Rückeroberung verlorengegangener Gebiete in Angriff zu nehmen. Bereits während des 1. Kreuzzuges bediente sich Alexios I., der 1081-85 die Normannen besiegt hatte, der Kreuzfahrer, die ihm Nikaia, Smyrna, Ephesos und Sardes erobert hatten (vgl. auch Kreuzzug, 1.). Bohemund von Tarent, der 1098 das Fürstentum Antiocheia, den ersten Kreuzfahrerstaat, begründet hatte, wurde 1108 vor den Mauern von Dyrrhachion geschlagen. Doch erst Johannes II. Komnenos (1118-43) vermochte Antiocheia zu erobern (1137); er stellte auch die byzantinische Herrschaft an der gesamten Schwarzmeerküste und in Klein-Armenien (Armenien) wieder her. Manuel I. Komnenos (1143-80), der sich wie kein anderer byzantinischer Herrscher dem westlichen Ritterideal erschloß, trat zu dem Zeitpunkt die Regierung an, als die normischen Truppen Rogers II. von Sizilien ihren Vormarsch auf der Balkan-Halbinsel wieder aufnahmen: Die Ionischen Inseln, Theben, Korinth und Athen gingen dem Byzantinischen Reich verloren; Manuel I. nahm den Kampf auf und besetzte die Häfen von Ancona und Bari, doch wurde das kaiserliche Heer bei Brindisi geschlagen. Inzwischen war die Sonderstellung der venezianischen Kaufleute eine unerträgliche Belastung für die byzantinische Wirtschaft geworden. Weder die Verträge mit anderen italienischen Seerepubliken (Genua, Pisa) noch die Verhaftung von Venezianern und die Beschlagnahme ihrer Güter, Schiffe und Waren (12. März 1171) verbesserten die ökonomische Lage von Byzanz. Die militärischen Erfolge in Kleinasien wurden mit der katastrophalen Niederlage gegen die Seldschuken bei Myriokephalon (11. Sept. 1176) zunichte gemacht.

[5] Die Dynastie der Angeloi:

Der Haß der Bevölkerung von Konstantinopel gegen die Lateiner nahm ein solches Ausmaß an, daß im Mai 1182 die Hauptstadt Schauplatz eines Massakers an den dort ansässigen Lateinern und der Plünderung ihrer Häuser wurde. Dies war das Vorspiel zur Machtübernahme Andronikos' I. (1183-85), der den Nachfolger Manuels I., Alexios II. (1180-83), absetzte und versuchte, bestimmte Reformen durchzusetzen (vgl. auch Abschnitt C). Die Lateiner waren erbittert: Die Venezianer brandschatzten Reichsgebiete und besetzten mehrere Inseln, die Normannen eroberten Dyrrhachion und stießen bis Thessalonike vor, das erstürmt und geplündert wurde (1185). Ein Volksaufstand stürzte Andronikos und brachte Isaak II. Angelos (1185-95) an die Macht, der die Normannen vertrieb. Auf der Balkan-Halbinsel eroberten die Brüder Peter und Asen (Asen), die Gründer des zweiten bulgarischen Reiches (Bulgarien), den zentralen und östlichen Teil der Halbinsel, während der Norden von dem serbischen Herrscher Stefan Nemanja, Großzupan von Rascien, besetzt wurde, welcher Isaak II. zwang, die Unabhängigkeit von Serbien anzuerkennen.

[6] Der Vierte Kreuzzug:

Die Teilnehmer des 4. Kreuzzuges, deren ursprgliche Absicht die Landung in Ägypten gewesen war, wurden von den Venezianern, die vor allem eigene politische und Handelsinteressen verfolgten, zunächst nach Zadar (Zara) in Dalmatien, dann nach Konstantinopel abgelenkt. Vorwand für diese Expedition war der Plan, den von seinem Bruder Alexios III. (1195-1203) entthronten und eingekerkerten Kaiser Isaak II. wieder in seine Rechte einzusetzen. Hinzu kam, daß der Sohn Isaaks, Alexios (IV.), aus dem Gefängnis seines Onkels entfliehen und in den Westen gelangen konnte. Hier hatte er zunächst die Unterstützung Innozenz' III. gesucht. Die Verhandlungen mit dem Papst blieben jedoch ergebnislos; dafür fand der byzantinische Prinz tatkräftige Unterstützung bei seinem Schwager, dem deutsche König PHILIPP VON SCHWABEN. Der STAUFER, der die aktive Byzanzpolitik HEINRICHS VI. fortsetzen wollte, an ein direktes Eingreifen wegen des Thronstreites mit OTTO IV. jedoch nicht denken konnte, nahm Verhandlungen mit den in Zadar lagernden Kreuzfahrern auf, die, unter dem Einfluß des venezianischen Dogen Enrico Dandolo, den Feldzug gegen Konstantinopel zugunsten der Thronrechte von Isaak II. und Alexios beschlossen. Nachdem die Kreuzfahrer Konstantinopel am 17. Juli 1203 in heftigem, aber kurzem Kampf eingenommen hatten, wurden - anstelle des entflohenen Alexios III. - wieder Isaak II. mit Alexios IV. als Mit-Kaiser eingesetzt. Ihre Regierung war dem doppelten Druck der vor den Mauern lagernden Kreuzfahrer, die immer dringender die ihnen für ihre Intervention versprochenen gewaltigen Geldsummen forderten, und der lateinerfeindlichen byzantinischen Bevölkerung, die in den beiden ANGELOI Werkzeuge der Kreuzfahrer sah, ausgesetzt. So hielten sie sich nur wenige Monate; Ende Januar 1204 wurden sie von einem antilateinischen Volksaufstand hinweggefegt. Der Umsturz brachte Alexios V. Dukas Murtzuphlos, ebenfalls ein Mitglied der ANGELOI, auf den Thron. Daraufhin erstürmten die Kreuzfahrer am 13. April 1204 erneut Konstantinopel, richteten ein entsetzliches Blutbad an und plünderten die Weltstadt mit ihren reichen Kirchen und Palästen. Das kurzlebige Lateinische Kaiserreich wurde über einem Abgrund von Haß errichtet.

VI. Lateinisches Kaiserreich und byzantinische Nachfolgestaaten
[1] Das Lateinische Kaiserreich:

Am 16. Mai 1204 wurde Balduin von Flandern in der Hagia Sophia zum ersten lateinischen Kaiser von Konstantinopel gekrönt; die Wahl des Grafen von Flandern gegen seinen Konkurrenten Bonifaz von Montferrat ging auf den Dogen Enrico Dandolo zurück. Zum ersten lateinischen Patriarchen wurde ein Venezianer, Tommaso Morosini, erhoben. Das Territorium des Byzantinischen Reiches wurde - ebenfalls unter dem beherrschenden politischen Einfluß des Dogen - zwischen dem neuen Kaiser und der Republik Venedig geteilt; letztere legte durch den Gewinn von wirtschaftlich und strategisch besonders wichtigen Gebieten (unter anderem in Insel- und Küstengriechenland) den Grundstein zu ihrem spätmittelalterich-frühneuzeitlichen Kolonialreich. Das Gebiet des Lateinischen Kaiserreiches wiederum zerfiel in den Eigenbesitz des Kaisers und eine Reihe von Lehensfürstentümer, welche sich die einzelnen Führer des Kreuzzuges sicherten:
Thessalonike fiel an Bonifaz von Montferrat; das Herzogtum Athen und Theben ging an den Franken Otto von La Roche;
das Fürtentum Achaia (vgl. auch Morea) wurde von Wilhelm Champlitte und Gottfried von Villehardouin erobert.
Dieses Konglomerat lehnsrechtlich gebundener Territorien litt von vornherein an seiner Dezentralisation und seiner allzu lockeren und unausgewogenen Herrschafts- und Verwaltungsstruktur.
Der Nachfolger Kaiser Balduins, Heinrich von. Flandern (1206-16), erwies sich im Krieg gegen die Bulgaren als erfolgreicher Heerführer und bemühte sich, das Vertrauen der griechischen Bevölkerung zu gewinnen, denn es war sein Ziel, eine Oberschicht, die sich aus Lateinern wie Griechen zusammensetzte, zu schaffen und damit dem Reich eine stärkere Einheit zu verleihen. Nach Heinrichs Tod schmolz das Lateinische Kaiserreich unter nur kurzzeitig regierenden und meist unfähigen Herrschern allmählich dahin; es beschränkte sich bald nur noch auf Konstantinopel und seine weitere Umgebung, während die Staaten byzantinisch-griechische Tradition, die aus den Provinzen an der Peripherie erwachsen waren (unter anderem Nikaia, Trapezunt, Epiros), sich konsolidierten; das Problem des Schismas behielt nach wie vor seine Brisanz.

[2] Das Kaiserreich von Nikaia und der Staat von Epiros:

Der Despot Theodor Laskaris hatte sich vor den Kreuzfahrern nach Kleinasien zurückgezogen; zunächst nach Bursa, dann nach Nikaia, wohin er die Reichshauptstadt verlegte; 1208 wählte dort eine Bischofssynode den Michael Autoreianos zum ökomenischen Patriarchen (1208-14). Dieser salbte den neuen Basileus. Obwohl der byzantinische Nachfolgestaat von allen Seiten von Feinden bedroht wurde, gelang Theodor Laskaris (1204-22) und seinen Nachfolgern die Konsolidierung und sogar Ausdehnung ihres Machtbereichs. Nachdem die Lateiner 1205 von bulgarischen Truppen besiegt worden waren (Gefangennahme des Kaisers Balduin I.), führte Theodor Laskaris Krieg gegen den Sultan von Ikonion (Konya), den er 1211 schlug. Sein Nachfolger Johannes III. Vatatzes (1222-54) drang wieder auf europäischem Gebiet vor und eroberte Adrianopel.
Zur gleichen Zeit dehnte auch der Staat von Epiros sein Gebiet in Richtung auf die Hauptstadt aus. Nach der Annexion des lateinischen Königreiches Thessalonike (1224) empfing Theodor Angelos (1215-30) aus den Händen des Erzbischofs von Ochrid die Kaiserkrone und wurde damit unmittelbarer Konkurrent des Herrschers von Nikaia. Doch wurde Theodor Angelos von dem bulgarischen Zaren Johannes II. Asen, dem Schwiegervater des lateinischen Kaisers Balduin II., bei Klokotnica an der Marica geschlagen und gefangengenommen (April 1230). Theodors Nachfolger, der Despot Manuel II. (1230 - ca. 1237), mußte sich auf den Besitz von Thessalonike, Thessalien und Epiros beschränken. Nach dem Tod des bulgarischenZaren (1241) eroberte Johannes III. Vatatzes von Nikaia, dessen Sohn Theodor 1235 eine Tochter des Zaren heiratete, nacheinander Thrakien, Makedonien und schließlich Thessalonike (1246), womit er dem Reich von Nikaia wieder die Kontrolle über die Ägäis sicherte.
Die Krönung dieser Restaurationsbestrebungen, die Eroberung von Konstantinopel, erfolgte nicht durch den gelehrten Kaiser Theodor II. Laskaris (1254-58), den Sohn des Johannes Vatatzes und der Irene, Tochter des Theodor I. Laskaris, sondern durch Michael VIII. Palaiologos (1259-82). Dieser hatte bald nach dem Tode Theodors II. als Vormund des noch im Kindesalter stehenden Prinzen Johannes IV. Laskaris (1258-61) die Macht übernommen. Michael VIII. besiegte den Despoten von Epiros und seinen Verbündeten Wilhelm von Villehardouin, Fürsten von Achaia, im Tal von Palagonia im westlichen Makedonien (1259). Am 25. Juli 1261 wurde Konstantinopel, das kaum Widerstand leistete, zurückerobert; der lateinische Kaiser Balduin II. (1228-61) entfloh gemeinsam mit dem Patriarchen in den Westen. Am 15. August wurde Michael VIII. in der Hagia Sophia zum Kaiser gekrönt. Der legitime Nachfolger Johannes IV. wurde auf Befehl Michaels VIII. geblendet und verbannt; Michael war damit der Begründer der Dynastie der PALAIOLOGEN, die den byzantinischen Staat bis zu seinem Ende regieren sollte.

VII. Von der Restauration bis zum Ende des Reiches

[1] Die Regierung Michaels VIII. Palaiologos:

Der neue Herrscher strebte nach der Wiederaufrichtung des Byzantinischen Reiches und seiner Großmachtstellung, doch waren die militäriischen und finanziellen Grundlagen, vor allem infolge der Schwächung durch Jahrzehnte lateinischer Fremdherrschaft, zu labil für einen durchgreifenden Erfolg dieser Bemühungen, und auch die Existenz zahlreicher äußerer Gegner (Serbien, Bulgarien, Epiros, die lateinischen Kleinstaaten auf der Peloponnes, vor allem aber die islamischen Herrschaften) ließen eine Rückkehr des Reiches zu seiner alten Macht nicht zu. Doch gelangen dem PALAIOLOGEN zunächst beachtliche Erfolge; zu nennen sind besonders die Rückeroberung einiger Festungen am Schwarzen Meer und in Bulgarien (1262), von Mistra, Geraki und Monemvasia (1262), von Euböa (aber nicht seiner Hauptstadt Negroponte) und zahlreicher Inseln in der Ägäis. Der Despot Johannes Palaiologos, der Bruder des Kaisers, errang mehrere Siege über Epiros (1264-67); der epirotische Despot Michael II. (um 1237-71) erkannte die Souveränität von Konstantinopel an, doch machte sein Nachfolger in Thessalien, Johannes Angelos (1271-96), seine Residenz Naupaktos zu einem Zentrum der Opposition gegen Konstantinopel. Im Rahmen seiner Restaurationspläne hatte Michael VIII. noch vor der Eroberung von Konstantinopel, am 13. März 1261, mit der Republik Genua den Vertrag von Nymphaion geschlossen, welcher Genua weitreichende Handelsprivilegien gegen Gewährung von militärischer Hilfe, die Michael für die Rückeroberung der Hauptstadt zu nutzen gedachte, zugestand. Doch wurden die Genuesen von ihren Konkurrenten, den Venezianern, im Golf von Nauplia geschlagen (1263). Der Kaiser näherte sich nun den Venezianern an (1265), knüpfte aber aus Vorsicht 1266 erneute Beziehungen auch mit den Genuesen an, denen er die konstantinopolitanische Vorstadt Galata einräumte.

[2] Die Frage der Kirchenunion. Die Anjou:

Um das Lateinische Kaiserreich zu isolieren, war Johannes III. Vatatzes 1254 in Verhandlungen mit der römischen Kurie eingetreten. Michael VIII. griff diese Politik einer Öffnung gegenüber Rom wieder auf. Damit wollte der Kaiser der Gefahr eines neuen Kreuzzuges entgegentreten; an diesen wollte sich unter dem Vorwand der Restauration Balduin II. insbesondere der staufische König von Sizilien, Manfred, Schwager Michaels II. von Epiros, beteiligen. Solange jedoch die Spannungen zwischen dem Papst und dem König von Sizilien andauerten, konnte Michael VIII. Geheimverhandlungen mit Papst Urban V. führen und eine Verständigung der beiden ihm feindlichen Kontrahenten unterbinden.
Die Eroberung Siziliens durch das Haus ANJOU in den Jahren 1265-68 (vgl. auch Karl von Anjou) veränderte die politische Lage für Byzanz tiefgreifend. Die Schlacht von Tagliacozzo (1268) schien das Vorspiel zu einer Expedition gegen das Byzantinische Reich zu sein. Michael VIII. beeilte sich, zunächst die bestehenden Spannungen zur griechischen Kirche abzubauen, indem er Joseph zum Patriarchen von Konstantinopel (1267-75) erhob, der die noch von Arsenios gegen den Kaiser ausgesprochene Exkommunikation wegen dessen Vorgehen gegen den LASKARIS-Thronerben aufhob und Verhandlungen mit Papst Gregor X. einleitete. Byzantinische Gesandte überbrachten dem Konzil von Lyon ein kaiserliches Schreiben, das den Primat von Rom, das Recht zur Appellation an den Papst und die Einsetzung des Papstnamens in die Diptychen anerkannte. Am 6. Juli 1274 beschwor der Großlogothet Georgios Akropolites in der 4. Sitzung des Konzils im Namen des Kaisers die Union. Unmittelbares Ergebnis der Union war ein zweijähriger Waffenstillstand, zu dem sich Karl von Anjou bequemen mußte. Doch war der ANJOU, der sich bereits im Vertrag von Viterbo die Herrschaft über Achaia und zahlreiche weitere Rechte des Ex-Kaisers Balduin II. hatte übertragen lassen, keineswegs gewillt, auf seine Kreuzzugsprojekte zu verzichten. Die Union stieß bei den Byzantinern auf heftigen Widerstand; in autoritärer Weise von dem Patriarchen Johannes Beckos (1275-82) der byzantinischen Kirche und Bevölkerung aufoktroyiert, wurde sie von den Mönchen und den unbeugsamsten Gruppierungen des Klerus, die den Kaiser eines schimpflichen Nachgebens gegenüber den lateinischen Ketzern bezichtigten, abgelehnt.
Nach dem Tod Gregors X. beherrschte die angevinische Partei die Kurie. Martin IV. exkommunizierte den byzantinischen Kaiser und unterstützte die Eroberungspläne Karls von Anjou, der gemeinsam mit seinem Schwager Philipp, der als Sohn Balduins II. Titular-Kaiser von Konstantinopel war, am 3. Juli 1281 in Orvieto einen Vertrag mit Venedig zwecks einer gemeinsamen Expedition gegen das Byzantinische Reich abschloß. Gegen die angevinische Bedrohung spielte Michael VIII. daraufhin genial die aragonesische Karte aus: Er verband sich mit Peter von Aragón, dem Schwager Manfreds. Offensichtlich haben byzantinische Intrigen entscheidend zum Ausbruch des antiangevinischen Aufstandes der sogenanten Sizilianischen Vesper (31. März 1282) beigetragen; vollauf vom Kampf gegen Sizilianer und Aragonesen in Anspruch genommen, mußte Karl von Anjou auf seinen Orientfeldzug verzichten. Damit hatte Michael VIII. durch sein erfolgreiches diplomatisches Vorgehen die Gefahr des Kreuzzuges gebannt.

[3] Der Bürgerkrieg zwischen den beiden Andronikoi:

Der Sohn Michaels VIII., Andronikos II. (1282-1328), bestieg in einer für das Byzantinischen Reiches äußerst ungünstigen Situation den Thron; das Reich war Angriffen von seiten der Serben, Bulgaren, epirotischen Griechen und peloponnesischen Lateiner ausgesetzt; in Kleinasien konnte es sich nur mit Mühe gegen den Druck der Türken und Mongolen behaupten. Die Zentren und Schaltstellen des Handels waren von den Genuesen und Venezianern monopolisiert worden. Die Kirchenunion fand Ablehnung; das geistliche und geistige Erbe der Orthodoxie begann allmählich zu versteinern. Andronikos II. begann im Gegensatz zu seinem Vater eine Politik, welche die Kirchenunion verwarf (1282); darüber hinaus versuchte er, das staatliche Leben neu zu organisieren. Wenn er mit diesen Zielsetzungen gescheitert ist, so muß dies auch auf die militärische Lage, die durch die Almogávares, eine katalanische Söldnertruppe, entstanden war, zurückgeführt werden; die Katalanen, die zunächst im Dienst von Byzanz gegen die Türken kämpften, errichteten nach der Plünderung von Thrakien, der Halbinsel Kassandreia und Thessalien 1311 auf den Trümmern der fränkischen Feudalherrschaften den katalanischen Staat von Athen und Theben (Katalanische Kompagnie). Während sich in Kleinasien die türkische Macht konsolidierte, brach im Innern nach 1320 aus dynastischen Beweggründen ein heftiger Bürgerkrieg aus: Andronikos II. schloß seinen Enkel Andronikos (III.), den er für die Ermordung seines Bruders Manuel verantwortlich machte, von der Thronfolge aus; beider Vater, der Mit-Kaiser Michael IX. starb, als er von dem Verbrechen erfuhr. Es folgte eine Familienfehde zwischen Großvater und Enkel. Andronikos III. zog sich nach Adrianopel zurück, wo er die Unterstützung jüngerer Mitglieder der Aristokratie, darunter Johannes Kantakuzenos, fand. Der nun folgende Bürgerkrieg vollzog sich in mehreren Phasen; dem ersten Konflikt von 1321 folgte ein Abkommen, das eine Teilung der kaiserlichen Herrschaftsgebiete beinhaltete; danach begann ein neues Kräftemessen, dem ein fünfjähriger Frieden, der wegen der Türkengefahr geschlossen werden mußte, folgte; die letzte Phase des Konflikts schloß mit der Absetzung des alten Andronikos und der Machtübernahme durch Andronikos III. Wenn bei diesem Bürgerkrieg auch wenig Blut floß, so war er doch für den politischen Zusammenhalt und das Wirtschaftsleben des Reiches verhängnisvoll.

[4] Der Bürgerkrieg zwischen Palaiologoi und Kantakuzenoi:

Es gelang Andronikos III. (1328-41), der von seinem Feldherrn Johannes Kantakuzenos wirksam unterstützt wurde, für eine kurze Periode, die Risse im byzantinischen Staatsgebäude zu kitten. Er nahm eine Reform des Rechtswesens in Angriff. Die albanischen Stämme (Albanien, Albaner) wurden unterworfen und sogar die kaiserliche Herrschaft über Thessalien, Epiros und Akarnanien wurde restauriert. Doch vermochte der Kaiser nicht den türkisch-osmanischen Vormarsch in Kleinasien aufzuhalten: Nach dem Verlust von Nikaia (1331) und Nikomedeia (1337) schmolz die byzantinische Position dort auf den Besitz einiger weit voneinander entfernt liegender Städte zusammen. Doch wurden die Versuche der Türken, nach Europa vorzudringen, zunächst einmal aufgehalten. Nach Andronikos' III. Tod (1341) bildete sich um den jungen Thronfolger Johannes V. (1341-91) ein Regentschaftsrat, in dem der Patriarch Johannes Kalekas (1334-47) und besonders Alexios Apokaukos, ein reicher Emporkömmling, tonangebend waren. Johannes Kantakuzenos wurde von ihnen ausgeschaltet; daraufhin ließ er sich in Didymoteichon selbst zum Kaiser ausrufen. Um das aristokratische Bündnis, das Johannes Kantakuzenos stützte, zu schwächen, wiegelte Apokaukos die Volksmassen zur Revolte auf, die in eine Verfolgung der Aristokraten in Adrianopel und ganz Thrakien einmündete. Während dieser Wirren übernahm in Thessalonike die Partei der Zeloten die Herrschaft; sie umfaßte die entschlossensten Kräfte der Volksbewegung und brachte ein Regiment an die Macht, das - zumindest im Prinzip - die legitime Kaisergewalt unterstützte, sozial aber auf eine Enteignung der großen geistlichen und weltlichen Grundbesitzer zusteuerte. Thessalonike wurde zum wichtigsten Zentrum der Opposition gegen Johannes Kantakuzenos. Nach der Ermordung des Alexios Apokaukos (1345) geriet die Regentschaft in eine Krise, und Johannes V. versöhnte sich mit KANTAKUNZENOS, dem er den Titel Autokrator verlieh (1347).
Während der Regierung Johannes' VI. Kantakuzenos (1347-54), als das Byzantinische Reich der serbischen Expansion ausgesetzt war und sich in den Konflikt zwischen Venedig und Genua verstrickte, brach 1352 ein neuer Bürgerkrieg aus. Johannes VI. hatte eine familiär geprägte und stark dezentralisierte Herrschaftsstruktur geschaffen; so hatten seine Söhne Matthaios und Manuel als Apanagen der eine das westliche Thrakien, der andere Morea erhalten. Dieses System wurde von den Legitimisten ebensowenig akzeptiert wie von Johannes V. Letzterer verbündete sich aus Furcht, ausgeschaltet zu werden, mit Venedig und Serbien und zog gegen Matthaios Kantakuzenos zu Felde. Um Thrakien und Makedonien wiederzugewinnen, trat Johannes VI. in Verbindung mit dem Osmanen-Herrscher Orhan, ferner verlieh Johannes VI. seinem Sohn Matthaios die Kaiserwürde (1354), wodurch er den völligen Bruch mit den Legitimisten und Johannes V. herbeiführte. Das Bündnis mit den Türken diskreditierte die neue Dynastie, zumal Süleyman, Orhans Sohn, sich weigerte, Gallipoli, das im März 1354 eingenommen worden war, zu räumen. Einige Monate später segelte Johannes V. mit der Flotte des genuesischen Abenteurers Francesco Gattilusio, dem er die Hand seiner Schwester Maria und die Insel Lesbos als Mitgift versprochen hatte, von Thessalonike ab. Die Bevölkerung von Konstantinopel huldigte ihm als Autokrator; Johannes VI. zog sich unter dem Mönchsnamen Joasaph in ein Kloster zurück, sein Einfluß in der Politik blieb aber weiter bedeutend. Doch behauptete sich Matthaios Kantakuzenos als Gegen-Kaiser im Gebiet von Adrianopel bis 1357, und Manuel Kantakuzenos verwandelte seinen Besitz in Morea in einen unabhängigen byzantinischen Staat.

[5] Das Byzantinische Reich zwischen Serben und Osmanen:

Die Bürgerkriege, die zwischen 1321 und 1354 fast ununterbrochen andauerten, markierten den Beginn der Agonie des byzantinischen Staates. Das Reichsgebiet wurde zersplittert, das politische, ökonomische und soziale Gefüge fing an sich aufzulösen. Unter Ausnutzung der innerbyzantinischen Bürgerkriege wie auch des Verfalls der bulgarischen Macht dehnte der serbische Zar Stefan Dusan seine Herrschaft aus, indem er zwischen 1334 und 1348 Makedonien, Albanien, Epiros und Thessalien eroberte; Kaiser Johannes VI. vermochte ihm dies nicht zu verwehren, doch gelang es Johannes immerhin, die Zeloten an der Übergabe von Thessalonike an den Serben zu hindern (1350). Stefan Dusan, der 1345 die Kaiserwürde angenommen hatte und sich Kaiser der Serben und Griechen nannte, ließ sich 1346 krönen. Er strebte danach, an die Stelle des Byzantinischen Reiches ein serbisch-byzantinisches Reich zu setzen. Doch zerfiel nach dem Tod des Zaren (1355) sein Reich und damit auch sein ehrgeiziges Projekt. Die Osmanen, bereits im Besitz von Gallipoli, nutzten die serbische Schwäche nach Dusans Tod aus, um Thrakien und Adrianopel, das sie 1361 besetzten und zu ihrer Reichshauptstadt machten, zu erobern.

[6] Der Hesychasmusstreit:

Der Hesychasmus (von griechisch Xsucta 'kontemplative Ruhe') ist im eigtlichen Sinne eine Art und 'Technik' des Gebets, die den Beter in den Stand setzen soll, das Licht vom Berge Tabor zu empfangen. Die spirituelle Bewegung des Hesychasmus verbreitete sich unter den Mönchen des Athos und fand in dem Mönch Gregorios Palamas ihren eigtlichen Theologen. Gregorios wurde von dem kalabrischen Griechen Barlaam, der nach Thessalonike emigriert war, bei dem Patriarchen Johannes Kalekas der Häresie angeklagt. Eine in der Hagia Sophia versammelte Synode (10. Juni 1341) lehnte es ab, die Streitigkeiten im Grundsätzlichen zu diskutieren und nötigte Barlaam, sich bei den von ihm angegriffenen Mönchen zu entschuldigen. Diese Niederlage veranlaßte Barlaam, in den Westen zurückzukehren, doch waren damit die Geister keineswegs besänftigt. Infolge der Angriffe des Mönches Akindynos wurde Gregorios Palamas von einer erneut unter dem Vorsitz des Johannes Kalekas zusammengetretenen Synode verurteilt und als Freund des Johannes Kantakuzenos von der Regentin Anna eingekerkert (1345). Nach der Rückkehr des KANTAKUZENOS nach Konstantinopel und seiner Erhebung zum Autokrator kam Palamas wieder frei, und ein überzeugter Hesychast, Isidor, Erzbischof von Monemvasia, bestieg den Patriarchenstuhl. Eine von Johannes VI. Kantakuzenos einberufene Synode im Blachernenpalast (27. Mai 1351) endete mit dem Sieg des Palamas. Der Kaiser ließ sogar den gelehrten Widersacher des Palamas, Nikephoros Gregoras, im Kloster Chora einsperren und mit Schreibverbot belegen. Der Triumph der Hesychasten war vollständig. Nach dem Sturz Johannes' VI. (siehe oben) wendete sich jedoch das Blatt. Johannes V. ließ Gregoras wieder frei, und die Kontroverse begann aufs neue. In dieser Disputation, die Gregoras und Palamas in Gegenwart des Legaten Innozenz' VI., Paulus', Erzbischofs von Smyrna, führten, blieb Palamas Sieger, Gregoras wurde in der Folge Zielscheibe einer Reihe von verleumderischen Angriffen, die wohl der im Kloster lebende Verteidiger des Hesychasmus, Johannes VI. Kantakuzenos, in Umlauf hatte setzen lassen; als Gregoras 1360 starb, zerrten die Palamiten seinen Leichnam durch die Straßen von Konstantinopel.

[7] Das Ende des Reiches:

Die Regierung Johannes' V. stellt innerhalb der byzantinischen Geschichte einen beklagenswerten Epilog dar. Der Kaiser pilgerte nach Rom und schwor 1369 in der Peterskirche der Orthodoxie ab. Auf der Rückreise wurde er jedoch in Venedig in Schuldhaft genommen, bis sein Sohn Manuel zu seinen Gunsten intervenierte. Nach Konstantinopel zurückgekehrt, mußte sich Johannes V. zum Vasallen des türkischen Herrschers Murad erklären und ihm bei einem Feldzug nach Kleinasien Heerfolge leisten (1373). In der Folgezeit wurde er von seinem Sohn Andronikos IV. (1376-79) abgesetzt und eingekerkert. Andronikos IV. stützte sich auf die Genuesen, welche die Insel Tenedos, die Johannes V. den Venezianern versprochen hatte, in Besitz nehmen wollten. Von den Venezianern wieder als Kaiser eingesetzt, starb Johannes V. 1391, zwei Jahre nach dem Triumph des Sultans Bayezid über die Serben auf dem Amselfeld (Kosovo Polje 1389). Manuel II. (1391-1425) reiste wieder als Bittsteller durch Europa; er besuchte Venedig, Padua, Mailand, Paris und London (1399-1403) und brachte ein ganzes Paket von westlichen Versprechungen mit. Aus der vernichtenden Niederlage, die Timur 1402 den Türken unter Bayezid bei Ankara beibrachte, und den inneren Kämpfen im Sultanat zog das verfallende Byzantinische Reich nur geringen Nutzen. Mit Murad II. begann erneut die osmanische Expansionspolitik; 1422 bedrohte er Konstantinopel und eroberte 1430 Thessalonike, welches das zu einer Verteidigung der Stadt unfähige Byzantinische Reich vorher den Venezianern abgetreten hatte.
Johannes VIII. (1425-48) begab sich wie schon seine Vorgänger in den Westen, nach Venedig und Mailand, dann nach Ungarn (1423-24); schließlich erschien er auf dem Unionskonzil von Ferrara und Florenz in Begleitung des Patriarchen Joseph (1416-39) und der Bischöfe Bessarion von Nikaia, Isidor von Kiev und Markos Eugenikos von Ephesos. Am 6. Juli 1439 wurde die Kirchenunion in der Kirche Santa Maria Novella zu Florenz feierlich proklamiert. Doch die orthodoxe Kirche in ihrer Mehrheit lehnte die Union beharrlich ab. Der Papst seinerseits verkündete nun den Kreuzzug, der dem vom Zusammenbruch bedrohten Byzantinischen Reiches Hilfe schaffen sollte; an ihm beteiligten sich die Ungarn und Valachen. Doch endete diese Expedition, die von Wladislaw (Laszlo) III., König von Polen und Ungarn, geführt wurde, im Desaster der Schlacht von Varna (1444).
1451 folgte Mehmed II. seinem Vater Murad II. auf den Thron. In Byzanz regierte Kaiser Konstantin XI. (1449-53), ehemaliger Despot von Morea, der dort seine Fähigkeiten als Stratege und Staatsmann unter Beweis gestellt hatte, indem er durch die Annexion des lateinischen Fürstentums Achaia das byzantinische Hellas wiedervereinigt hatte. Das Byzantinische Reich war in der letzten Phase seiner Existenz territorial auf die Stadt Konstantinopel und ihr Umland beschränkt, abgesehen von der dem Reich verbundenen Morea. Mehmed II. eröffnete am 28. August 1452 die Seeblockade der Stadt. Am 12. Dezember 1452 wurde angesichts der akuten türkischen Bedrohung in der Hagia Sophia die Kirchenunion proklamiert. Konstantin XI. rief das Abendland zur Rettung auf; der starken unionsfeindlichen Partei in Konstantinopel erschien jedoch die Eroberung durch die Osmanen als das kleinere Übel. Im April 1453 schloß Mehmed II. den Belagerungsring um Konstantinopel. Trotz des Entsatzes, den der Genuese Giovanni Giustiniani der Stadt zu bringen vermochte, war das Schicksal Konstantinopels besiegelt. Am frühen Morgen des 29. Mai 1453 wurde die Stadt von den Türken erobert; Kaiser Konstantin XI. fiel im Kampf.
Konnten sich auch Morea mit der Hauptstadt Mistra und das Kaiserreich Trapezunt noch einige Jahre, bis 1460 bzw. 1461, gegen die Türken behaupten, so hat das nach Byzanz verpflanzte Römische Reich mit der türkischen Eroberung Konstantinopels sein Ende gefunden. Doch überlebte Byzanz den Fall der Hauptstadt: Der Patriarchat, dem Mehmed II. eine rechtliche Sonderstellung einräumte, blieb auch unter der osmanischen Herrschaft das Zentrum der orthodoxen Tradition.

A. Guillou