Michael IV. Paphlagonios              Kaiser von Byzanz (1034-1041)
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um 1005 10.12.1041
 

Sohn des N.N.
 

Lexikon des Mittelalters: Band VI Spalte 598
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Michael IV., byzantinischer Kaiser 1034-1041
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Stammte aus einfacher Familie in Paphlagonien, kam durch seinen Bruder, den Eunuchen Johannes Orphanotrophos, an den Kaiserhof. Kaiserin Zoe ernannte ihn zum Vorsteher der Diener ihrer Vorzimmer und heiratete ihn (nach der Ermordung Romanos‘ III.) am 11. April 1034. Sein Hauptaugenmerk galt der Balkanpolitik, wo er den Aufstand des Peter Odeljan (1040/41) unterdrückte, während er der Selbständigkeitsbewegung der serbischen Fürsten nicht Herr wurde. Er starb an einer Krankheit, die er sich auf der Serbien-Expedition zugezogen hatte, am 9. oder 10. Dezember 1041.



Thiele, Andreas: Tafel 198
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"Erzählende genealogische Stammtafeln zur europäischen Geschichte Band III Europäische Kaiser-, Königs- und Fürstenhäuser Ergänzungsband"

MICHAEL IV. "DER PAPHLAGONIER"
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    1041

Michael IV. der Paphlagonier war ein Bauernsohn, der späte Liebhaber von Kaiserin Zoe und wurde 1034 durch sie Kaiser. Er hatte seine wichtigste Hilfe in seinem Bruder Johannes, einem Eunuchen, der größten Einfluß am Hof gewann. Er hielt seine Frau wie eine Gefangene, da er ein gleiches Schicksal wie das seines Vorgängers befürchtete und zeigte sich als fähiger und energischer Politiker, war aber durch Epilepsie behindert. Er rief mit seiner strengen Fiskal- und Gräzisierungspolitik in Bulgarien große Aufstände hervor (1040/41 Aufstand von Zar Peter Deljan) und Serbien begann sich verstärkt von Byzanz zu lösen. General Georg Maniakes und Harald III. von Norwegen eroberten 1040/41 Sizilien zurück. Michael IV. drängte den städtischen Adel zurück und wehrte sich vergeblich gegen die weitere Feudalisierung.

 1034
  oo ZOE, Kaiserin
             1050



Michael IV. Paphlagonios war der Kammerdiener Romanos' III. und gelangte, nachdem er diesen ermordet hatte, als zweiter Gatte der Kaiserin Zoe, deren Geliebter er war, auf den Thron. Unfähig zu regieren, übergab er die Macht seinem Bruder, dem Orphanotrophen Johann, der gegen die Sarazenen Krieg führen ließ. 1040/41 besiegte Michael persönlich die aufständischen Bulgaren.

Norwich John Julius: Band II Seite 344,348-361,364-378
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"Byzanz. Der Aufstieg des oströmischen Reiches."

Der Eunuch Johannes Orphanotrophos nahm im Jahre 1033 seinen jüngsten Bruder Michael mit in den Palast, um ihn anläßlich einer offiziellen Audienz bei Romanos III. und Zoe einzuführen. Romanos nahm kaum Notiz von ihm, Zoe dagegen erfaßte wie angerührt das heftigste Begehren nach ihm. Von diesem Zeitpunkt an empfing sie den jungen Paphlagonier regelmäßig in ihren Privatgemächern und verführte ihn, nachdem er seine Schüchternheit und andere Hemmnisse überwunden hatte. In sexueller Hinsicht war Michael offenbar nicht gerade einer der eifrigsten, dafür fühlte er sich als Konkubine einer Kaiserin natürlich sehr geschmeichelt. Aber er hielt sich an die genauen Instruktionen seines Bruders, und seine eigenen, nun erwachenden Ambitionen besorgten den Rest.
In den Morgenstunden des 12. April 1034 legte Patriarch Alexios die Hand der 56-jährigen Kaiserin Zoe, die erst seit wenigen Stunden verwitwet war, und die ihres Mordkomplizen und Geliebten, eines epileptischen, fast 40 Jahre jüngeren Falschmünzers aus Paphlagonien, ineinander; er weihte ihn zum Basileus und rief dann Gottes Segen auf beide herab.
Sollte Zoe gehofft haben, ihr zweiter Ehemann werde kaum mehr sein als ein gekrönter Sklave, der ihr jede Laune nachsehe und all ihren Befehle gehorche, wurde sie schon bald enttäuscht. Ein paar Monate hielt die angenehme Situation zwar vor. Doch bereits lange bevor das schicksalhafte Jahr 1034 zu Ende ging, zeigte Michael erste Anzeichen von Ungeduld. Ob er Zoe jemals geliebt und respektiert hat oder nicht, gelangte er nun zur Ansicht, er könne das Reich weit besser regieren als sie. Zugleich fürchtete er aber, wenn er die Regierung an sich riß - wozu er fest  entschlossen war - einem ähnlichen Schicksal entgegenzusehen, wie es seinen Vorgänger ereilt hatte. Sein Bruder Orphanotrophos scheint davon jedenfalls überzeugt gewesen zu sein. Vermutlich auf seine Intrigen hin wurde Zoe unter ständiger Aufsicht in den Frauengemächern eingesperrt; ohne Erlaubnis durfte sie nicht einmal Besuch von befreundeten Personen empfangen; ihre Macht und ihre Freiheiten sowie die Verfügung über ihre finanziellen Mittel wurden noch stärker beschnitten als zu Romanos' Zeiten.
Außer Furcht gab es noch weitere Gründe, weshalb Michael Abstand von seiner Frau zu gewinnen wiinschte. Einer davon war seine sich rapide verschlechternde Gesundheit. Die epileptischen Anfälle traten immer häufiger auf. Das ging schließlich so weit, dass er um seinen Thron rote Vorhänge anbringen ließ, die zugezogen wurden, sobald seine Augen sich verschleierten und sein Kopf krampfartig hin und her schlug. Vor seiner Familie und seinen engen Vertrauten konnte er dieses Ausgeliefertsein jedoch nicht verhehlen. Da er bei den Anfällen Zoes Anwesenheit am wenigsten ertragen konnte, mied er sie überhaupt. Seiner Jugend zum Trotz litt er nun an Fallsucht, einer Krankheit, die ihn zu normaler sexueller Betätigung unfähig machte. Schließlich meldete sich auch noch sein Gewissen. Er verdankte Zoe alles; seine Stellung, seinen Reichtum, seine Macht. Da er genau wußte, dass er ihr diese Schuld übel vergalt, scheute er sich erst recht, ihr unter die Augen zu treten.
Verglichen mit seinem Vertrauensbruch an Romanos, betrachtete er jedoch den Verrat an seiner Frau als geradezu harmlos. Die Erinnerung daran peinigte ihn so, dass er den Rest seines Lebens verzweifelt darauf verwandte, seine Seele zu retten. Täglich hielt er sich stundenlang in Kirchen auf, gründete Dutzende von Männer- und Frauenklöstern, richtete ein riesiges Refugium für fromme Arme ein und ein noch größeres für reuige Prostituierte, holte noch aus dem hintersten Winkel des Reiches heiligmäßige Männer und Asketen, denen er die Füße wusch, derer Gebrechen er sich persönlich annahm und die er in sein eigenes Bett legte, während er sich selbst an ihrer Seite auf einer armseligen Pritsche ausstreckte. Justinians alte Kosmas und Damian - den beiden  Ärzten und Heiligen fühlte er sich naturgemäß besonders verbunden - geweihte Kirche verwandelte er laut Psellos in eines der schönsten Bauwerke der Stadt:
In der Errichtung von Sakralbauten übertraf Michael all seine Vorgänger in der Qualität der Ausführung und an Pracht. Dieses Bauwerk erhielt eine ganz neue symmetrische Ausrichtung; die neuen Kapellen bildeten zusammen mit der Kirche ein harnionisches Werk von unübertroffener Schönheit. Boden und Wände zierten wunderschöne Steine, die ganze Kirche erstrahlte in goldenen Mosaiken und herrlichen Gemälden. In jeder Nische des Bauwerks vermehrten lebensechte Statuen ihren Glanz. Außerdem befanden sich in der Nähe der Kirche, praktisch ihr angeschlossen, luxuriöse Bäder, zahlreiche Springbrunnen, gepflegte Rasenflächen und was sonst noch das Auge anziehen und erfreuen kann.
War Michael IV. gerade nicht mit geistlichen Angelegenheiten beschäftigt, widmete er sich, seitdem er seine Frau ausgeschaltet hatte und sie ihm nicht mehr in die Quere kommen konnte, den Regierungsgeschäften. Es soll hier nicht verschwiegen werden, dass er sich dabei weit geschickter anstellte, als man hätte erwarten können. Er schien erwachsen geworden zu sein, sah im Kaiserreich kein Spielzeug mehr, sondern eine verantwortungsvolle Aufgabe. Psellos zumindest hält befriedigt fest, dass er nicht, wie bei vielen Kaisern üblich, umwälzende Veränderungen in der Verwaltung vornahm: weder wurden bewährte Regelungen aufgehoben, noch die ganze Politik auf den Kopf gestellt oder alte erfahrene Ratgeber ausgewechselt. Gab es Veränderungen, gingen sie vielmehr behutsam vor sich, mußten doch jene, denen er verpflichtet war und die auf hohe Ämter unter der neuen Regierung gehofft hatten, ihre Karriere in untergeordneten Positionen beginnen, um ihr Handwerk von der Pike auf zu lernen. Finanz- und Steuerangelegenheiten überließ er seinem Bruder Orphanotrophos; alles andere behielt er fest in der eigenen Hand, insbesondere die Lokalverwaltung, die auswärtigen Angelegenheiten und das Heer, dessen jämmerliche Moral er weitgehend aufzumöbeln verstand.
Michael besaß kaum Bildung, aber er lernte schnell. Schon wenige Monate, nachdem er die Macht selbst in die Hand genommen hatte, regierte er das Reich sicher und fest. Laut Psellos lobten seine Ratgeber seinen Fleiß, die rasche Auffassungsgabe, den sicheren politischen Instinkt und - trotz seiner Epilepsie - seine emotionale Ausgeglichenheit - niemals soll er die Geduld verloren habn oder auch nur laut geworden sein, sondern sprach - mit ungewöhnlich klangvoller Stimme - gleichmäßig und rasch, war schlagfertig und verfügte über eine natürliche Leichtigkeit im Ausdruck. In seiner Gegenwart vergaß man offenbar seine niedrige Herkunft und seinen schändlichen Weg zum Thron ohne weiteres und nahm nur noch seine Intelligenz, die angenehmen Umgangsformen und sein offensichtlich echtes Interesse, dem Reich mit allen Kräften zu dienen, wahr. Die ihn gut kannten, bewunderten vor allem die Festigkeit, die er im Kampf gegen seine grausamsten Handikaps an den Tag legte: seine Krankheit und seine Familie.
Drei seiner vier älteren Brüder waren im Grunde nichts anders als Parasiten, die auf Kosten des Hofes lebten, einzig auf ihren Vorteil bedacht. Johannes Orphanotrophos, der älteste, erscheint dagegen als um so eindrucksvollere Figur. Gingen ihm Michaels neuerdings zu beobachtende Selbstlosigkeit und hohe moralische Grundsätze auch ab, so stand er ihm an Fleiß und Intelligenz doch kaum nach. Während Michael, den die Krankheit zunehmend schwächte, gelegentlich vor Erschöpfung fast zusammenbrach, schien Johannes' Energie unerschöpflich. Das gleiche gilt für seine Wachsamkeit. Er arbeitete unermüdlich bis spät in die Nacht und durchstreifte anschließend mit offenen Augen und Ohren die Straßen von Konstantinopel. In der Mönchskutte, die er dann zu tragen pflegte, blieb er unerkannt. Es schien nichts zu geben, was er nicht wußte. Wie sein Bruder war er nicht bösartig und hätte wohl niemandem vorsätzlich Unrecht angetan, doch pflegte er ein derart grimmigiges und furchterregendes Auftreten, dass man ihn zwar nicht gerade haßte, aber zumindest überall fürchtete. Er trank ausgiebig und gab sich gelegentlich wüsten Ausschweifungen hin. Doch verließen ihn auch in solchen Situationen seine Schläue und Wachsamkeit nicht. Saufkumpane mußten die bittere Erfahrung machen, dass er sich jedes unachtsam dahingeredete Wort merkte und sie am nächsten Morgen vorgeladen wurden, um sich zu rechtfertigten. Psellos - der ihn gut kannte - war nicht der einizige, der schloß, dass Johannes Orphanotrophos betrunken sogar noch gefährlicher war als im nüchternen Zustand.
In einem weiteren wichtigen Punkt unterschied er sich von seinem Bruder, dem Kaiser. Während dieser in allem, was er tat, sich um Fairneß und Unparteilichkeit zumindest bemühte, sorgte sich Johannes vornehmlich um das Fortkommen seiner Familie. Sicherlich brachte diese Schwäche auch ihre Vorteile: ohne sie wäre Michael, um nur die vorrangigste zu nennen, gar nicht erst auf den Thron gelangt, und einmal im Besitz der höchsten Macht, fand er in Johannes jederzeit Rückhalt. Das Betragen der anderen drei Brüder störte Johannes genauso wie alle anderen; er fühlte sich aber dennoch verpflichtet, sie zu schützen, und tat alles, um vor Michael ihre Missetaten zu verbergen oder, falls ihm dies nicht gelang, sie herunterzuspielen oder die Schuld einfach auf andere abzuwälzen. Dies allein vermag zu erklären, warum Michael nicht mit aller Härte gegen sie vorging, wozu er sehr wohl imstande gewesen wäre. Für Johannes gilt diese Entschuldigung nicht. Hätte er sie so fest angefaßt, wie er alle und alles zu behandeln pflegte, wäre wohl alles in Ordnung gewesen. Indem er dies jedoch unterließ, erwies er dem Ansehen seines Bruders, wie auch seinem eigenen, einen Bärendienst.
Noch schlimmer wirkte sich aus, dass er diesen Familiensinn auch noch auf Stephanos, den Gatten seiner Schwester Maria, ausdehnte. Bevor sich dieser ganz unerwartet als Schwager des Kaisers sah, war er dem schlecht angesehenen Beruf eines Schiffskalfaterers im Hafen von Byzanz nachgegangen. Einem Mann wie ihm, weder intelligent noch gebildet und auch sonst völlig unfähig, hätte es zum Vorteil gereicht, bei seinem Leisten zu bleiben. Psellos hat eine unvergeßliche Beschreibung hinterlassen:
Ich sah ihn nach seiner Verwandlung... Sein Pferd, seine Kleidung und alles, was sonst noch die Erscheinung eines Menschen verändert - alles war fehl am Platz. Es sah aus, als wollte ein Zwerg Herkules spielen... Je mehr sich eine solche Kreatur bemüht, desto mehr straft ihre Erscheinung sie Lügen: sie trägt zwar die Löwenhaut, wird aber vom Gewicht der Keule in den Staub gezogen.
Hätte sich Johannes Orphanorrophos damit zufriedengegeben, seinen Schwager mit Ehren und Titeln zu überhäufen, wäre kein großer Schaden enststanden. Leider ließ er es dabei nicht bewenden. Im Jahre 1038 sorgte er im Gegenteil dafür, dass Stephanos den Oberbefehl über die Transportschiffe für das aufwendigste - und ohne ihn vielleicht erfolgreichste - militärische Unternehmen in der Regierungszeit Michaels erhielt: im lange aufgeschobenen Sizilienfeldzug.
Ursprünglich von Basileios II. für das Jahr 1026 geplant, durch seinen Tod im Jahr davor aber auf unbestimmte Zeit verschoben, schien Michael und seinen Ratgebern dieser Feldzug jetzt nötiger denn je. Die unablässigen Überfälle auf byzantinische Territorien in Süd-Italien durch die von Sizilien aus operierenden Sarazenen waren nicht mehr bloß lästig, sondern bedrohten schon bald die Sicherheit des Reichs. Diese Angriffe verwüsteten nicht nur die Küstenstädte, sondern die städtischen Kaufleute klagten überdies, im Mittelmeer wimmle es nur so von Piraten, was die Importe mehr und mehr verteuere und den Außenhandel beeinträchtige. Sizilien galt in Byzanz einmütig als angestammter Teil des Reichs; es gab dort noch immer einen beträchtlichen Anteil an griechischer Bevölkerung. Dass die Insel nun schon über 200 Jahre in heidnischer Hand war, betrachtete man als einen Affront gegen die Sicherheit wie auch den Stolz des Reichs. Im selben Maß, in dem der Feldzug in den zwölf Jahren seit Basileios' Tod immer dringlicher geworden war, hatten sich auch die Erfolgschancen verbessert. Unter den arabischen Emiren der Insel war ein Bruderkrieg ausgebrochen. Al-Akhal, der Herrscher von Palermo, hatte sich plötzlich einem Heer von Aufständischen unter der Führung seines Bruders Abu Hafs gegenübergesehen, das von 6.000 afrikanischen Kriegern unter dem Befehl Abdullahs, des Sohnes Emir Zirids von Kairouan, noch verstärkt wurde. Mehr und mehr in Bedrängnis geraten, bat er schließlich 1035 Konstantinopel um Hilfe, und Michael sagte sie ihm zu: so eine Gelegenheit würde sich nicht so bald wieder bieten. Die Ermordung des Emirs fast unmittelbar darauf vereitelte leider die verlockende Aussicht auf eine ungehinderte Landung. Da aber der Aufstand anschließend ganz Sizilien erfaßte, schienen die untereinander zunehmend zerstrittenen sarazenischen Gruppierungen außerstande, einem geballten byzantinischen Angriff nennenswerten Widerstand entgegenzusetzen. Die Flotte stach im Frühsommer 1038 unter dem Oberkommando von Georgios Maniakes in See, der immer noch vom Ruhm seines Triumphs in Syrien zehrte und nun erster Feldherr des Reichs war. Psellos beschreibt ihn als wahrhaft furchterregende Person. Das Heer, welches dieses grandiose Ungeheuer befehligen sollte, setzte sich wie immer aus verschiedensten Einheiten zusammen. Die stärkste Abteilung bildete ein eindrucksvolles warägisches Kontingent, zu welchem der von einer Pilgerreise nach Jerusalem zurückgekehrte, legendäre nordische Held Harald Hardrade gestoßen war. Den Schwachpunkt stellte eine Abteilung murrender Lombarden aus Apulien dar, denen es überhaupt nicht paßte, dass man sie in byzantinische Dienste gezwungen hatte, was sie offenbar bei jeder Gelegenheit zeigten. Als man im Spätsommer landete, schien alles auf einen Erfolg hinauszulaufen. So tollkühn die untereinander zerstrittenen Sarazenen auch kämpften, konnten sie doch gegen die anbrandende Flut kaum etwas ausrichten. Messina fiel gleich zu Anfang, dann folgte nach heftigen Kämpfen Romerta, die Schlüsselfestung für die Kontrolle des Passes, der Messina mit der Küstenstraße nach Palermo verband. Über die folgenden Etappen des Feldzugs ist kaum etwas bekannt. Das Heer scheint sich langsam, aber stetig auf Syrakus zubewegt zu haben, das 1040 in Maniakes' Hand geriet.
Die Demoralisierung der byzantinischen Streitkräfte und ihr Zusammenbruch nach der Einnahme von Syrakus erfolgten jäh und so umfassend, dass man die sarazenische Behauptung, Allah habe auf ihrer Seite in den Kampf eingegriffen, nur zu gut verstehen kann. Von Anfang an scheint alles schiefgegangen zu sein. Soweit sich das beurteilen läßt, ist die Schuld zum Teil Maniakes und zum Teil Stephanos, dem Schwager des Kaisers, anzutasten. Maniakes verhehlte eine Verachtung für letzteren nie und vergaß sich ihm gegenüber nach einigen besonders krassen Beweisen von Unfähigkeit so weit, dass er ihn heftig anpfiff, spottend Zweifel an seiner Männlichkeit äußerte und ihn als reinen Zulieferer für die Vergnügungen seines kaiserlichen Schwagers bezeichnete. Da dieser Vorfall Stephanos allein schon durch die Gestalt des Angreifers zutiefst beunruhigt haben muß, entschloß er sich zur Rache und sandte eine Eilbotschaft nach Konstantinopel, in der er Maniakes des Verrats beschuldigte. Der wurde umgehend nach Konstantinopel zurückbeordert, und ohne dass er Gelegenheit erhielt, zu den Vorwürfen Stellung zu nehmen, kurzerhand ins Gefängnis geworfen. Den Oberbefehl aber erhielt zunächst Stephanos - mit leicht vorhersehbaren Folgen -, und als dieser bald darauf starb, ging er auf den Eunuchen Basileios über, und der war kaum besser. Zu diesem Zeitpunkt hatte das Heer seine Schlagkraft und Kampflust längst eingebüßt: es setzte zum Rückzug an.
Doch es sollte noch schlimmer kommen. Schon seit einigen Jahren wuchs in Apulien die Unzufriedenheit spürbar. Die lombardischen Separatisten hatten keine Schwierigkeiten, die Bevölkerung gegen ihre byzantinischen Herren aufzuwiegeln, dies besonders seit die kaiserlichen Soldatenwerber Rekruten zum Heeresdienst zwangen. Bereits 1038 fielen etliche führende Leute Mordanschlägen zum Opfer, 1039 präsentierte sich die Stimmung hochexpolsiv, und 1040 ertönte schließlich das Signal zum Aufstand: der Katapan wurde ermordet, die Bürgerwehren entlang der Küste meuterten derart, dass die kaum besetzten Garnisonen ihrer nicht mehr Herr werden konnten. Das eilends aus Sizilien herbeigerufene Heer sollte die Ruhe wiederherstellen. Daraufhin war innerhalb weniger Monate ganz Sizilien mit Ausnahme von Messina wieder fest in sarazenischer Hand, so als hätte der aufwendige Feldzug niemals stattgefunden.
Als die Nachricht von der Katastrophe Konstantinopel erreichte, zeichnete sich Michaels Tod bereits ab. Zu politischen Geschäften schon nicht mehr in der Lage, verbrachte er seine Tage mit immer verzweifelteren Versuchen, den göttlichen Zorn zu beschwichtigen, der ihn schon im dritten Lebensjahrzehnt zu einem schrecklich auf gedunsenen Zerrbild seiner selbst hatte werden lassen, nachdem seine Schönheit doch noch einige Jahre zuvor Zoes Herz gewonnen hatte. In jeden Winkel des Reichs wurden Boten mit der Anweisung geschickt, an Pfarrer und Mönche zwei Goldstücke auszuzahlen, damit sie für seine Gesundung beteten. Michael selbst hielt sich immer öfter in Thessalonike auf, warf sich mit ausgestreckten Armen und Beinen über das Grab des von ihm so sehr verehrten heiligen Demetrios und flehte ihn um Fürbitte an.
Die Regierung des Reichs lag nun in der fähigen Hand von Johannes Orphanotrophos. Manche Berichte, darunter jene von Skylitzes und Zonaras, zählen seitenlang seine angeblichen Unzulänglichkeiten auf. Für Psellos, der der Wirklichkeit wohl etwas näher kommt, war Johannes in außerfamiliären Angelegenheiten weder ungerecht noch korrupt, allerdings besessen von der Vorstellung, eine paphlagonische Dynastie zu gründen, und in dieser einen Hinsicht nichts unversucht zu lassen, was diesem Ziel dienen konnte. Sein Bruder Michael konnte gut und gern in einem Jahr tot sein, ohne einen Erben zu hinterlassen. Wie ließ sich da die Nachfolge durch ein Familienmitglied sichern? Schon 1037 hatte Johannes einen zielgerichteten Vorstoß auf den Patriarchenthron unternommen, indem er behauptete, der gegenwärtige Amtsinhaber Alexios Studites sei nicht nach kanonischem Recht gewählt. Aber der alte Alexios war ein zu gerissener Gegner für ihn. Wäre seine Wahl tatsächlich ungültig, hatte er geltend gemacht, dann auch jede einzelne kirchliche Ernennung, die er in den letzten elf Jahren vorgenommen hatte, null und nichtig damit also auch die Krönung der letzten drei Kaiser. Johannes' Argumentation fiel in sich zusammen, und die ganze Angelegenheit verlief im Sande.
Die Frage aber blieb: wer sollte Michaels Nachfolger werden? Von seinen und Johannes' drei Brüdern war einer, Niketas, schon tot, die anderen, Eunuchen wie Johannes, kamen nicht in Frage. Zu jedermanns Erleichterung war sein Schwager Stephanos ebenfalls tot. Es gab also nur noch eine Möglichkeit. Stephanos' Sohn Michael, der nach dem Beruf seines Vaters von allen Kalaphates (Kalfaterer), genannt wurde, doch die Aussicht war nicht gerade erhebend. Obwohl der Junge - das genaue Datum seiner Geburt ist zwar unbekannt, doch war er dem Jugendalter noch nicht entwachsen - auf den ersten Blick einen ganz ordentlichen Eindruck machte, entpuppte er sich nach dem Zeugnis so mancher bei näherer Bekanntschaft als Wolf im Schafspelz, als zwanghafter Lügner und unverbesserlicher Intrigant, dessen zur Schau gestellte Freundlichkeit seine wahre Absichten nur allzuoft verhüllte. Doch Orphanotrophos hatte seine Entscheidung getroffen; Michael IV. zu überreden fiel ihm nicht schwer; Zoe war nicht in der Lage, sich zu widersetzen. So wurde schon bald anläßlich eines Hochamts in der Blachernenkirche die Thronfolge seines Neffen feierlich bestätigt. Die gealterte Kaiserin, die neben ihrem kranken jungen Mann auf dem Thron saß, adoptierte Michael Kalaphates in aller Form als ihren Sohn, indem sie ihn als Symbol dafür, aber auch in einer irgendwie lächerlich wirkenden Geste auf den Schoß nahm. Der Kaiser rief ihn dann mit schwacher Stimme zum Cäsar aus, woraufhin der junge Mann, von dem die zahlreich Versammelten großenteils noch nie etwas gehört hatten und den sie bei der Gelegenheit zum ersten Mal sahen, zur altehrwürdigen Weihezeremonie schritt.
Mochte der neue Cäsar auch unbekannt sein, so erkannten doch alle ohne Ausnahme Johannes Orphanotrophos, der am Throne stand, und niemandem unter ihnen konnte sein Ausdruck von Befriedigung, ja Triumph entgehen. Sie ahnten jedoch ebensowenig wie er, dass er schon bald die Katastrophe bedauern würde, die er unwissentlich über das Reich, seine Familie und sich selbst heraufbeschworen hatte.
Im Jahre 1040 vertrieben die bulgarischen Aufständischen die byzantinischen Besatzungstruppen binnen kurzem aus West-Bulgarien und fielen dann wie zuvor unter Symeon und Samuel in Nord-Griechenland ein. Gegen Ende des Jahres nahmen sie Dyrrhachion im Sturm, was ihnen einen Zugang zur Adria verschaffte, und drangen anschließend nach Süden bis zum Golf von Lepanto vor; dann marschierten sie gen Osten, um Theben zu belagern.
Da ereignete sich etwas Bestürzendes: Kaiser Michael IV. tat in einer Ansprache vom Palast in Thessalonike aus unvermittelt die Absicht kund, dem Feind an der Spitze seines Heeres persönlich entgegenzuzichen. Dabei war er inzwischen halb gelähmt und seine monströs geschwollenen Beine vom Brand befallen. Schon die kleinste Bewegung bereitete ihm Qualen. Vergeblich beschwor ihn seine Umgebung, darunter auch die noch lebenden Brüder, diesen Gedanken fahren zu lassen, er wollte nicht auf sie hören. Schlimm genug, so beteuerte er, dass das Reich während seiner Regierung keinen Zuwachs erlebt habe; er wolle wenigstens dafür sorgen, dass es nicht auch noch verkleinert werde. Psellos schreibt:
Seine erste Schlacht, die er siegreich bestand, führte er gegen Leute seines Vcrtrauens, noch bevor er mit den Barbaren in Berührung kam; und die erste Kriegstrophäe stellte der Triumph über seine eigenen Verwandten und Anhänger wie auch über sich selbst dar. Seine körperliche Schwäche wurde durch seine Willenskraft mehr als wettgemacht, und von dieser Kraft beflügelt, legte er seine Sache in Gottes Hand.
Nach Psellos gibt es keinen Zweifel daran, dass es sich nicht um eine leere Geste handelte. Es ging nicht um sinnlose Heldentaten, auch nicht darum, dass ein Todkranker ausritt, um den ruhmreichen Tod auf dem Schlachtfeld zu suchen. Vielmehr wurde der Feldzug genauestens geplant, die Ziele mit Bedacht gewählt; erst dann führte der sterbende Basileus sein Heer über die Grenze in den Krieg.
Als der Heerestroß im Feindesland ankam, schlug man an geeigneter Stelle ein Lager auf und hielt Rat, und danach befahl der Kaiser, die Bulgaren anzugreifen. Über diesen außergewöhnlichen Plan waren nicht einmal seine Befehlshaber mit ihm einer Meinung. Wen wundert das, zumal man in der Nacht sogar die Ärzte holen mußte und Michael zu sterben drohte. Doch bei Tagesanbruch erhob er sich sogleich - irgendeine Macht gab ihm die Kraft -, bestieg sein Pferd, saß fest im Sattel und hielt das Tier mit großem Geschick im Zaum. Dann ritt er zum Verblüffen aller, die ihn sahen, nach hinten und formierte die einzelenen Abteilungen seines Heeres zu einer geschlossenen Streitmacht.
Es würde sich für ihn gut machen, könnte man das Zerschlagen der bulgarischen Rebellion auf die Kühnheit des Kaisers zurückführen.
In Wirklichkeit verschuldeten es jedoch Alusians Leute selbst, und zwar durch ihre Disziplinlosigkeit. Sie belagerten zunächst Thessalonike, gerieten dann aber so in Unordnung, dass sie die Verteidigungstruppen praktisch einluden, aus der Stadt heraus zu stürmen und sie zu vernichten. Kam dazu, dass zu dem Zeitpunkt bereits eine Fehde zwischen den beiden Anführern ausgebrochen war und Deljan seinen Vetter Alusian vorschnell der Inkompetenz, ja sogar des Verrats beschuldigte. Alusians Reaktion bestand darin, Deljan eine Falle zu stellen und ihm mit einem Schnitzmesser die Augen auszustechen und die Nase abzuschneiden. Als ihm bald darauf klar wurde, dass der Aufstand verloren war, bot er Michael IV. in einer geheimen Botschaft die Kapitulation gegen Garantie für sicheres Geleit nach Konstantinopel an.
So zog Kaiser Michael IV. zu Beginn des Jahres 1041 im Triumph in Konstantinopel ein, gefolgt von seinem Heer und einem Zug von Gefangenen, zu denen auch der des Augenlichts und seiner Nase beraubte Deljan gehörte.
Der Einzug in Konstantinopel war Michaels letztes Auftreten in der Öffentlichkeit. Im Lauf des Jahres verschlechterte sich sein Zustand stetig. Am 10. Dezember fühlte er sein Ende nahen und ließ sich in sein den Heiligen Kosmas und Damian geweihtes Kloster bringen. Dort legte er die kaiserlichen Gewänder und das Diadem ab und tauschte sie gegen eine einfache Mönchskutte ein. Seine Brüder, insbesondere Johannes, vermochten die Tränen nicht zurückzuhalten. Nur er selbst blieb gelassen und heiter im festen Glauben, endlich die Vergebung erlangt zu haben, nach der er so lange gestrebt hatte. Zum allseitigen Erstaunen trat plötzlich die alte Kaiserin Zoe durch das Klostertor; sie hatte vom Zustand ihres Mannes gehört und wollte ihn vor seinem Tod unbedingt noch einmal sehen. Aber Michael weigerte sich selbst angesichts des Todes noch, sie zu empfangen. (Was mögen die Gründe gewesen sein für eine so unnötige Brüskierung der Frau, der er schließlich alles verdankte?) Als die Vesperstunde nahte, verlangte er nach Sandalen. Auf die Auskunft hin, die eigens für ihn angefertigten seien noch nicht verfügbar, verzichtete er auf die kaiserlichen Purpurstiefel und humpelte barfuß in die Kapelle, gestützt von zwei Mitbrüdern. Diese Anstrengung überstieg jedoch seine Kräfte. Da er nach Atem rang, brachte man ihn in seine Zelle zurück, und dort starb er eine oder zwei Stunden später.
Wenige all derer, die den byzantinischen Thron innehatten, sind aus so niedrigen Verhältnissen aufgestiegen und wenige auf eine so fragwürdige Weise an die Macht gekommen, und gewiß keiner hat ein so qualvolles Ende genommen. Vielleicht wäre Michael, hätte er länger gelebt, ein erfolgreicher Kaiser geworden. Vielleicht hätte er den schleichenden Prozeß des Niedergangs, der mit dem Tod Basileios' II. im Jahre 1025 eingesetzt hatte, noch einmal aufzuhalten vermocht. Er besaß Klugheit, Weitblick und - wie der Aufbruch zum letzten, so verblüffenden Bulgarienfeldzug beweist - fast über- menschliche Willenskraft. Alles in allem eine echt tragische Gestalt; während der Regierungszeit derer, die ihm nachfolgten, gab es wohl viele, die heftig bedauerten, dass er nicht mehr da war.
 
 
 
 

 1034
  oo 2. Zoe Kaiserin von Byzanz
  x       978 1050
 
 
 
 

Literatur:
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Browning Robert: Byzanz. Roms goldene Töchter. Die Geschichte des Byzantinischen Weltreiches. Gustav Lübbe Verlag GmbH Bergisch Gladbach 1982 Seite 92 - Ferdinandy Michael de: Der heilige Kaiser. Otto III. und seine Ahnen. Rainer Wunderlich Verlag Tübingen 1969 Seite 273 - Grote Hermann: Stammtafeln. Leipzig, 1877 - Isenburg Prinz W.K.v.: Europäische Stammtafeln, Band II, Tafel 141 Marburg, 1953 (1965) - Norwich John Julius: Byzanz. Der Aufstieg des oströmischen Reiches. Econ Verlag GmbH, Düsseldorf und München 1993 Band II Seite 344,348-361,364-378 - Thiele, Andreas: Erzählende genealogische Stammtafeln zur europäischen Geschichte Band III Europäische Kaiser-, Königs- und Fürstenhäuser Ergänzungsband, R.G. Fischer Verlag 1994 Tafel 198 -