Einziger Sohn des Kaisers Isaak
II. Angelos von Byzanz aus seiner 1. Ehe mit der N.N.
Lexikon des Mittelalters: Band I Spalte 386
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Alexios IV. Angelos, Kaiser von Byzanz seit 1. August
1203
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* 1183 † 28. Januar
1204
Nach der gewaltsamen Machtübernahme durch Alexios
III. (1195) wie sein Vater eingekerkert, gelang Alexios
zu
einem Zeitpunkt die Flucht in den Westen, als dort der Vierte Kreuzzug
vorbereitet wurde. Alexios bat - nach
ergebnislosen Verhandlungen mit Innocenz III. - seinen SchwagerPHILIPP
VON SCHWABEN um Hilfe gegen den Usurpator. Da PHILIPP
durch den Thronstreit mit OTTO IV.
an einem unmittelbaren Eingreifen in Byzanz gehindert wurde, vermittelte
er ein Zusammentreffen zwischen Alexios und
den in Zadar lagernden Kreuzfahrern und Venezianern. Alexios
versprach als Gegenleistung für ihre Unterstützung hohe Geldsummen,
die Wiederherstellung der kirchlichen Einheit und Hilfe beim weiteren Kreuzzugsunternehmen.
Da eine Wendung gegen Konstantinopel im Interesse der Führer des Kreuzzuges
- vor allem jedoch der Venezianer - lag, kam im Mai 1203 auf Korfu ein
entsprechendes Abkommen zustande. Am 17. Juli 1203 eroberten die Kreuzfahrer
Konstantinopel und ermöglichten Alexios
und Isaak II. die Übernahme der
Herrschaft. Alexios blieb unter den
gegebenen Machtverhältnissen ein Werkzeug der Kreuzfahrer; die Bevölkerung
nahm gegen ihn eine feindliche Haltung ein, während andererseits der
Druck seiner lateinischen Bundesgenossen wuchs, da
Alexios die versprochenen Geldsummen nicht zu zahlen vermochte.
Alexios
fiel einem Volksaufstand zum Opfer, während sein Vater im Kerker starb.
ALEXIOS IV. ANGELOS
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* um 1182, † 1204
ermordet
Alexios IV. Angelos war 1195-1200 gefangen, floh zu seinem deutschen Schwager PHILIPP VON SCHWABEN und wurde durch den 4. Kreuzzug 1203 Kaiser von Byzanz. Er wurde 1204 verjagt und ermordet, da er seine aberwitzigen Versprechungen (riesige Zahlungen an das Heer und die Kirchenunion) unmöglich realisieren konnte.
1194
v oo Euphemia von Kiew, Tochter des Fürsten
Gleb von Tschernigow
†
Mayer Hans Eberhard: Seite 176-179
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"Geschichte der Kreuzzüge"
Für die Weiterreise der Kreuzfahrer war es zu spät und man beschloß in Zara zu überwintern. Um die Jahreswende 1202/03 erschienen plötzlich Gesandte des deutschen Königs PHILIPP VON SCHWABEN und des byzantinischen Thronprätendenten Alexios IV. Angelos, mit deren Ankunft der Kreuzzug in eine Krise kam. Alexios war der Sohn des geblendeten und nun von seinem Bruder Alexios III. vom Thron verstoßenen Isaak II. Angelos. Irene, PHILIPPSGemahlin, war seine Schwester. Dem jungen Alexios IV. gelang 1201 die Flucht aus dem byzantinischen Kerker, doch der Papst weigerte sich, seine Sache zu unterstützen, und Alexios wandte sich deshalb an seinen Schwager. Aber PHILIPP, den der Papst durch seine Begünstigung OTTOS IV. im deutschen Thronstreit eben aufs tiefste demütigte, konnte Alexios nicht aktiv helfen. Immerhin entsann man sich des Kreuzfahrerheeres, das Alexios in Venedig noch bei der Sammlung gesehen hatte. Die Gesandten schlugen in Zara vor, das Heer solle in Konstantinopel den rechtmäßigen Herrscher Isaak Angelos wieder auf den Thron bringen. Hierfür versprach Alexios mit der Freigiebigkeit eines Prätendenten das Blaue vom Himmel: die Kirchenunion mit Rom, hohe Geldzahlungen an die Veneziener und Kreuzfahrer und die Unterstützung des Kreuzzuges durch 10.000 byzantinische Soldaten, wenn er nur erst wieder an der Macht sei. Der Doge war dem Vorschlag aufgeschlossen, von den Franzosen unterschrieben den Vertrag zwar die mächtigsten Führer, aber insgesamt nur 11 Barone. Als unbedingter STAUFER-Anhänger sprach sich auch Bonifaz von Montferrat für die Annahme aus. Gegen das Projekt erhob sich die heftigste Opposition, angeführt wiederum von Simon de Montfort und dem Abt von Vaux, die im Laufe des Winters erbittert heimreisten. Aber schließlich konnten auch die Bischöfe für den Plan gewonnen werden. Die führenden Barone kehrten in ihrer Werbung für die Sache das legalistische Argument der rechtmäßigen Dynastie hervor, was seinen Eindruck auf die Ritter nicht verfehlte. Die große Masse der Kreuzfahrer köderte man nach Frolow wahrscheinlich mit der Schilderung der ungeheuren Menge von Reliquien, die in Konstantinopel aufgehäuft waren. Das Argument kam nicht nur der notorischen mittelalterlichen Beutegier entgegen, es traf auch zusammen mit dem seit dem Schisma von 1054 immer stärker gewordenen Griechenhaß. So konnte der Widerstand um so eher überwunden werden, als der Papst, der schon im November 1202 von den Absichten Alexios IV. gewußt hatte, erst im Juni 1203 bei den Kreuzfahrern gegen die Richtungsänderung protestierte. Aber da war es bereits zu spät, denn schon im April 1203 war die Flotte von Zara abgesegelt, nun in Begleitung des inzwischen aus Deutschland gekommenen Prätendenten. In Korfu bäumte sich die eine Hälfte des Heeres noch einmal gegen die unchristliche Richtungsänderung auf. Nur mit Mühe konnten Bonifaz und die Venezianer die Truppen an der Auflösung hindern. Am 24. Juni 1203 warfen die Schiffe Anker vor Chalkedon, gegenüber von Konstantinopel. Die Kreuzfahrer gingen bald nach ihrer Ankunft gegen Konstantinopel vor. Sie eroberten den Vorort Galata und sprengten die Kette, die die Hafeneinfahrt ins Goldene Horn verschloß. Am 17. Juli 1203 stürmten sie zu Lande und zur See gegen die Stadt an, die durch den Mut der englischen und dänischen Warägergarde gerettet wurde. Aber Alexios III. verlor den Kopf und floh aus der Stadt, in der nun Isaak II. Angelos und als Mit-Kaiser sein Sohn Alexios IV. auf den Thron kamen. Freilich war dieses Regiment völlig abhängig von den vor der Stadt lagernden Kreuzfahrern. Bald genug stellte sich heraus, dass Alexios seinen finanziellen Verpflichtungen aus dem Vertrag von Zara gar nicht nachkommen konnte. Am Hof gab es eine Partei, die eine friedliche Übereinkunft mit den Lateinern befürwortete, aber bei der lateinerfeindlichen Bevölkerung war Alexios IV. verhaßt, und so wurde seine politische Stellung immer schwächer, und im Januar 1204 wurde er nebst seinem Vater durch einen Aufstand hinweggefegt und ermordet.
Norwich John Julius: Band III Seite 186,202,207
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"Byzanz. Der Aufstieg des oströmischen Reiches."
Was war geschehen? Im Jahr zuvor war Isaaks
jüngerer Sohn, ein weiterer Alexios,
aus dem Gefängnis entkommen, wo man ihn zusammen mit seinem Vater
festgehalten hatte, und an den Hof PHILIPPS VON
SCHWABEN als dem für ihn naheliegendsten Zufluchtsort geflohen.
Dort hatte er sich mit Bonifaz kurz
vor dessen Abreise nach Venedig getroffen, und dort dürften die drei
den Plan ausgeheckt haben, den PHILIPP Bonifaz
nun in seinem Brief in aller Form unterbreitete: Sollte das Kreuzfahrerheer
den jungen Alexios nach Konstantinopel
begleiten und ihn dort anstelle seines unrechtmäßig herrschenden
Onkels auf den Thron setzen, würde dieser
Alexios IV. Angelos die nachfolgende Eroberung Ägyptens
finanzieren und zusätzlich 10.000 eigene Soldaten zur Verfügung
stellen, später 500 Ritter auf seine Kosten im Heiligen Land unterhalten
und zudem die Ostkirche der Obrigkeit Roms unterstellen.
Aus Bonifaz' Sicht
hatte der Plan viel für sich. Abgesehen von scheinbar längerfristigen
Vorteilen für den Kreuzzug selbst und der Möglichkeit, den noch
ausstehenden Betrag an Venedig zahlen zu können, witterte er die Möglichkeit
beträchtlicher persönlicher Bereicherung. Und der alte Doge
Dandolo, dem er die Idee darlegte - und für den das Ganze wahrscheinlich
nicht völlig überraschend kam -, ging mit wahrer Begeisterung
darauf ein. Der Bann hatte ihn in keiner Hinsicht geläutert; es war
nicht das erste Mal, das Venedig sich päpstlichen Wünschen widersetzt
hatte, und es würde auch nicht das letzte Mal sein. Frühere militärische
und diplomatische Erfahrungen hatten dazu geführt, dass er nur wenig
Zuneigung für Byzanz hegte. Zudem hatte der jetzige Kaiser
Alexios III. ihm nach seinem Amtsantritt bei der Erneuerung
der Venedig von seinem Vorgänger bewilligten Handelsbewilligungen
untragbare Schwierigkeiten bereitet. Der Wettbewerb mit Genua und Pisa
wurde immer härter; sollte Venedig seine angestammte Position auf
den Ostmärkten behaupten können, war entschiedenes Handeln angesagt.
Und nicht zuletzt würde das Vorhaben zusätzlich einen willkommenen
Aufschub des Ägypten-Feldzuges mit sich bringen.
Das Kreuzfahrerheer ging bereitwilliger auf die Planänderung
ein, als vielleicht erwartet wurde. Ein paar weigerten sich zwar rundheraus
und machten sich auf eigene Faust nach Palästina auf; die Mehrheit
aber war sehr gewillt, sich auf ein Vorhaben einzulassen, welches den Kreuzzug
zu stärken und zu bereichern sowie zugleich die Einheit der Christenheit
wiederherzustellen versprach. Seit der großen Kirchenspaltung - und
auch schon davor - war Byzanz im Westen unbeliebt. Das Ostreich hatte bis
dahin wenig bis gar nichts zu den Kreuzzügen beigetragen und, so glaubte
man allgemein, die christliche Sache verschiedentlich sogar verraten. Des
jungen Alexios' Angebot zur aktiven
Unterstützung kam als willkommene Abwechslung und war nicht zu verschmähen.
Und schließlich muß es unter den materialistisch Eingestellten
viele gegeben haben, welche die Hoffnungen ihres Anführers auf persönliche
Bereicherung teilten. Ein durchschnittlicher Franke wußte so gut
wie nichts über das Byzantinische Reich, aber alle kannten die Mär
von dessen unermeßlichem Reichtum seit ihrer Kindheit. Und für
jedes Heer, ob nun das christliche Kreuz seine Fahne zierte oder nicht,
bedeutete eine sagenhaft reiche Stadt nur eines. Plünderung und Beute.
Der junge Alexios
traf gegen Ende April persönlich in Zara ein, und wenige Tage später
stach die Flotte in See. Unterwegs machte sie Zwischenhalt in Durazzo und
auf Korfu, und hier wie dort empfing ihn die Bevölkerung als den rechtmäßigen
Kaiser des Ostens. Am 24. Juni 1203, auf den Tag genau ein Jahr nach der
Versammlung in Venedig, ging die Flotte vor Konstantinopel vor Anker. Die
Kreuzfahrer kamen aus dem Staunen nicht heraus.
Alexios III. hatte
genügend Warnungen vor der bevorstehenden Expedition erhalten und
doch bezeichnenderweise keinerlei ernsthafte Vorkehrungen zum Schutze der
Stadt getroffen. Die Werften lagen verlassen da, seit sein einfältiger
Bruder den byzantinischen Schiffbau 16 Jahre zuvor sozusagen ganz Venedig
überantwortet hatte, und laut Niketas Choniates, der als ehemaliger
kaiserlicher Sekretär über genügend Kontakte verfügte,
um über die Vorgänge informiert zu sein, hatte er seinem ersten
Admiral (der zugleich sein Schwager war) erlaubt, Anker, Segel und Takelage
der wenigen noch verbliebenen Schiffe zu verkaufen, welche nun als nutzlose
Klötze im Hafenbecken vor sich hin faulten. Halbbetäubt sahen
er und sein Volk von den Mauern herab zu, wie die riesige Kriegsflotte
sich ihren Weg zur Bosporusmündung bahnte.
Da sie es nicht besonders eilig hatten, mit der Belagerung
zu beginnen, legten die Eindringlinge zunächst an der asiatischen
Küste der Meerenge in der Nähe der kaiserlichen Sommerresidenz
von Chalkedon an, um ihre Vorräte aufzustocken. Sie wehrten dort mit
Leichtigkeit den halbherzigen Angriff eines kleinen griechischen Reitertrupps
ab - die Reiter flohen nach dem ersten Schlag, doch hatten sie wahrscheinlich
nur die Aufgabe eines Spähtrupps zu erfüllen - und verfuhren
später ebenso ohne Umschweife mit einem Abgesandten des Kaisers. Falls,
so teilten sie ihm mit, sein Herr willens sei, den Thron an seinen Neffen
abzutreten, würden sie letzteren bitten, ihm zu verzeihen und ihm
eine großzügige Abfindung zu geben. Falls nicht, bräuchte
er keine weiteren Boten zu senden, sondern solle sich um seine Verteidigung
kümmern.
Bald nach Sonnenaufgang am Morgen des 5. Juli überquerten
sie den Bosporus und landeten unterhalb Galata am nordöstlichen Ufer
des Goldenen Horns. Als Handelsniederlassung, die zur Hauptsache von ausländischen
Kaufleuten bewohnt wurde, besaß Galata keine Stadtmauer; die einzige
größere Befestigung war ein großer, runder Turm, dem jedoch
lebenswichtige Bedeutung zukam, denn darin befand sich die riesige Winde
für die schwere Kette, die in Notfällen dazu diente, den Zugang
zum Horn zu versperren. Zu seiner Verteidigung stand eine beachtliche Kampfeinheit
bereit, an deren Spitze erstaunlicherweise der Kaiser persönlich stand.
Vielleicht - obwohl angesichts der allgemeinen Mutlosigkeit, die sich in
Byzanz seit Beginn der Herrschaft der ANGELOI
ausgebreitet hatte, kaum wahrscheinlich - hätte sich die Verteidigung
unter anderer Führung besser geschlagen; alle wußten, wie sich
Alexios III. des Thrones bemächtigt hatte, und sein Charakter
trug wenig dazu bei, Liebe oder Loyalität hervorzurufen. Doch der
Anblick der gut 100 Schiffe, die rasch und präzis Männer, Pferde
und Ausrüstung ausluden - Effizienz gehörte zu den venezianischen
Stärken -, hätte sie wohl in jedem Fall mit Schrecken erfüllt,
und kaum hatte die erste Welle von Kreuzfahrern ihre Lanzen zum Angriff
gesenkt, suchten sie ihr Heil in der Flucht - auch diesmal mit Kaiser
Alexios an der Spitze. Die Garnison im Turm von Galata schlug
sich tapferer und hielt ganze 24 Stunden stand, doch am darauffolgenden
Morgen mußte auch sie sich ergeben. Die venezianischen Seeleute lösten
die Winde und die riesige, über 400 Meter lange Eisenkette, die die
Einfahrt zum Goldenen Horn überspannte, versank donnernd im Wasser.
Die Flotte brach herein und zerstörte die wenigen seetüchtigen
Schiffe, die sie im Hafenbecken vorfand. Zur See hatte man auf der ganzen
Linie gesiegt. Aber Konstantinopel gab nicht auf. Die Nordmauern an der
Küste des Goldenen Horns konnten es zwar von der Stärke und Pracht
her nicht mit den gewaltigen Schutzwällen auf der dem Land zugewandten
Seite aufnehmen, ließen sich aber dennoch nach Kräften verteidigen.
Allmählich gewann die byzantinische Verteidigung Mut und Entschiedenheit
zurück, an denen es ihr zuvor so auffallend gemangelt hatte. In seiner
ganzen 900-jährigen Geschichte war Konstantinopel noch kein einziges
Mal fremden Eindringlingen in die Hände gefallen; vermutlich hatte
man dies bis dahin überhaupt für unmöglich gehalten. Nun
aber setzte die Stadt, sich der drohenden Gefahr endlich in vollem Ausmaß
bewußt, auf Widerstand. Der einsetzende Ansturm richtete sich gegen
den schwächsten Punkt der byzantinischen Verteidigung: gegen die Seeseite
des Blachernenpalastes, in der Ecke, welche die Landbefestigung mit der
Mauer an der Küste des Goldenen Horns im äußersten Nordwesten
der Stadt bildete. Der Angriff setzte am Donnerstagmorgen, dem 17. Juli,
gleichzeitig von der Land- und der Seeseite her ein. Die venezianischen
Schiffe lagen, vollbepackt mit schwerster Belagerungsmaschinerie, tief
im Wasser; Katapulte und Schleudern standen auf den Vorderdecks, gedeckte
Laufstege und Sturmleitern baumelten sturmbereit an Tauen zwischen den
Rahen. Die fränkische Armee, die vom Land her angriff, wurde zu Beginn
von den Streitäxte schwingenden Angelsachsen und Dänen der Warägergarde
zurückgeschlagen; die venezianischen Truppen entschieden die Schlacht
- und nicht zuletzt Enrico Dandolo persönlich.
Der Angriff gewann an Stoßkraft, und die Verteidiger
mußten bald einsehen, dass sie keine Chance mehr hatten. Nach wenigen
Stunden ließ Dandolo seinen fränkischen Verbündeten mitteilen,
dass sich nicht weniger als 25 Türme in der Mauer bereits in venezianischer
Hand befänden. In der Zwischenzeit strömten seine Männer
durch Mauerbreschen in die Stadt und steckten die Holzhäuser in Brand,
und bald stand das ganze Blachernenviertel in Flammen. Am Abend stahl Kaiser
Alexios III. sich klammheimlich aus der Stadt. Seine Lieblingstochter
und ein paar weitere Frauen sowie 10.000 Pfund in Gold und einen Beutel
mit Edelsteinen ausgenommen, ließ er alles zurück, auch seine
anderen Kinder und seine Frau; sie hatten mit ihrem künftigen Los
allein zurechtzukommen.
Byzanz stand also in dieser tiefsten Krise seiner Geschichte
ohne kaiserliches Oberhaupt da. Es mag erstaunlich erscheinen, dass man
nach einer eilig einberufenen Staatsratssitzung den alten IsaakAngelos
aus dem Gefängnis holte und ihn wieder auf den Kaiserthron setzte.
Sein Bruder hatte dafür gesorgt, dass er noch weniger sah als Dandolo,
auch hatte er sich als hoffnungslos inkompetenter Herrscher erwiesen. Aber
er war der legitime Kaiser, und ohne Zweifel glaubte man in Byzanz, mit
seiner Wiedereinsetzung sämtliche Gründe für die Einmischung
der Kreuzfahrer aus der Welt zu schaffen. In gewisser Weise traf das zu;
allein es gab da noch die bindenden Versprechen des jungen Alexios
gegenüber Bonifaz und Dandolo.
Isaak
war verpflichtet, sie zu bestätigen und sich gleichzeitig damit einverstanden
zu erklären, seinen Sohn zum Mit-Kaiser zu ernennen. Erst da
anerkannten die Franken und Venezianer ihn offiziell und zogen sich nach
Galata auf der anderen Seite des Goldenen Horns zurück, um dort auf
den versprochenen Lohn zu warten.
Am 1. August 1203 erhielt Alexios
IV. Angelos Seite an Seite mit seinem Vater die Krone und übernahm
die eigentliche Herrschaft. Sogleich bereute er die Zugeständnisse,
die er im Frühling in Zara so unbesonnen eingegangen war. Nach den
Ausschweifungen seines Onkels war die kaiserliche Schatzkammer leer, und
die neuen Steuern, die er gezwungenermaßen erhob, stießen beim
Volk, das nur allzu genau wußte, wohin sein Geld floß, auf
offene Empörung. Und die Geistlichkeit - seit eh und je eine gewichtige
politische Kraft in Konstantinopel - zeigte sich schockiert, als er sich
ihres Kirchensilbers zu bemächtigen und dieses einzuschmelzen begann,
und vollends erbost, als sie von seinem Plan vernahm, die byzantinische
Kirche dem verhaßten Papst in Rom zu unterstellen. Der Herbst verging,
der Winter kam, und seine Unbeliebtheit nahm stetig zu. Und die fortwährende
Anwesenheit der Franken, deren Gier unersättlich schien, verstärkte
die Spannung noch. So trafen eines Nachts ein paar von ihnen beim Bummel
durch die Stadt im sarazenischen Viertel hinter der Irenenkirche auf eine
kleine Moschee; sie plünderten sie und brannten sie bis auf die Grundmauern
nieder. Die Flammen breiteten sich in Windeseile aus, und zwei Tage und
Nächte lang wütete in Konstantinopel die verheerendste Feuersbrunst
seit der Herrschaft Justinians fast
700 Jahre zuvor.
Als Kaiser
Alexios IV. von einem kurzen, erfolglosen Feldzug gegen seinen
flüchtigen Onkel zurückkehrte, fand er seine Hauptstadt über
weiteste Teile in Trümmern vor und sein Volk in einem praktisch offenen
Aufruhr gegen die Fremden. Die Lage war zum Zerreißen gespannt; und
als ein paar Tage danach eine Delegation von drei Kreuzfahrern und drei
Venezianern vorstellig wurde, um die sofortige Zahlung der geschuldeten
Summe zu verlangen, konnte er dagegen nichts ausrichten. Laut Villehardouin
- der, wie vorauszusehen, unter ihnen war - entkamen die Gesandten sowohl
auf dem Weg zum Palast als auch auf dem Rückweg nur knapp einem Lynchkommando.
Er schreibt: "Nun begann der Krieg, und man fügte sich Schaden zu,
wo man konnte, zu Wasser und zu Lande."
Dabei wollten weder die Kreuzfahrer noch Byzanz einen
Krieg. Die Bevölkerung von Konstantinopel hatte mittlerweile nur noch
ein Ziel vor Augen: diese unzivilisierten Raubmörder ein für
allemal loszuwerden, die ihre geliebte Stadt zerstörten und sie obendrein
aussaugten. Die Franken ihrerseits hatten nicht vergessen, weshalb sie
ihre Heimat verlassen hatten, und den Zwangsaufenthalt bei einem, ihrer
Ansicht nach, kraftlosen und verweichlichten Volk längst satt, wo
sie doch eigentlich die Ungläubigen hätten bekämpfen sollen.
Selbst wenn Byzanz seine Schuld vollumfänglich beglich, würden
sie keinen wesentlichen Nutzen daraus ziehen, sondern konnten höchstens
den ihrerseits bei Venedig ausstehenden Betrag begleichen.
Der Schlüssel zu dieser ganzen unmöglichen
Angelegenheit lag, kurz gesagt, bei Venedig, genauer gesagt, bei Enrico
Dandolo. Ihm stand es frei, seiner Flotte, wann immer er wollte, den
Befehl zum Auslaufen zu geben. Hätte er dies getan, wären die
Kreuzfahrer erleichtert und Byzanz entzückt gewesen. Bis dahin hatte
er sich mit der Begründung geweigert, die Franken würden ihre
Schulden niemals begleichen können, bevor sie ihrerseits die von Alexios
und seinem Vater Isaak versprochenen
Mittel erhielten. In Wirklichkeit jedoch brachte er für diese Schuld
inzwischen nur noch geringes Interesse auf - kaum mehr als für den
Kreuzzug selbst. Ihm stand Größeres vor Augen: der Sturz des
Byzantinischen Reichs und die Besetzung des Thrones in Konstantinopel mit
einer Marionette Venedigs.
Und so erhielt Dandolos Rat an seine fränkischen
Verbündeten, als die Aussicht auf ein friedliches Abkommen schwand,
einen neuen Unterton. Er erklärte, Isaak
und
Alexios
hätten die Freunde, denen sie immerhin die gemeinsame Krone verdankten,
bedenkenlos hintergangen, und von ihnen sei nichts mehr zu erwarten. Falls
die Kreuzfahrer jemals zu ihrem Anteil kommen wollten, müßten
sie sich diesen deshalb mit Gewalt holen. Ihre moralische Rechtfertigung
dafür sei vollkommen; die treulosen ANGELOI
hätten keinen weiteren Anspruch auf ihre Loyalität. Einmal in
der
Stadt und mit einem gekrönten Kaiser aus den eigenen Reihen, könnten
sie ihre Schulden gegenüber Venedig begleichen, ohne darunter zu leiden,
und hätten noch immer mehr als genug, um den Kreuzzug zu finanzieren.
Hier sei die Gelegenheit; sie sollten sie jetzt ergreifen, denn sie würde
nie mehr wiederkehren.
Auch in Konstantinopel herrschte allgemein Einigkeit
darüber, dass Kaiser
Alexios IV. gehen müsse; am 25. Januar 1204 fand sich eine
große Menge Senatoren, Geistlicher und Leute aus dem Volk in der
Hagia Sophia ein, um ihn für abgesetzt zu erklären und einen
Nachfolger zu wählen. Während ihrer Beratungen, die sich drei
Tage lang zäh und ergebnislos hinzogen, bevor ein widerwilliger Niemand
namens Nikolaus Kanabos bestimmt wurde, nahm die einzige wirklich
einsatzfähige Gestalt auf der byzantinischen Bühne das Recht
in ihre Hand. Alexios Dukas trug wegen
seiner Augenbrauen, die schwarz und struppig über dem Nasenrücken
zusammenwuchsen, den Spitznamen Murzuphlos und
stammte aus einem Adelsgeschlecht, das bereits mehrere Kaiser und Kaiserinnen
hervorgebracht hatte. Er bekleidete am Hof das Amt des ersten Kämmerers
und genoß als solcher das Recht auf unbeschränkten Zutritt zu
den kaiserlichen Gemächern. Mitten in der Nacht stürzte er in
das Gemach des schlafenden Kaisers
Alexios IV., weckte ihn mit der Nachricht, sein Volk habe sich
gegen ihn erhoben, auf und bot ihm die, wie er behauptete, einzige Möglichkeit
zur Flucht an. Er führte ihn, in einen langen Mantel gehüllt,
durch eine Seitenpforte aus dem Palast zu einer vereinbarten Stelle, wo
seine Mitverschworenen schon auf ihn warteten. Sie legten den unglücklichen
Jüngling namens Alexios IV. sogleich
in Eisen und steckten ihn in ein Verlies, wo er, nachdem er zwei Vergiftungsanschläge
überlebt
hatte, schließlich erdrosselt wurde. Fast zur selben Zeit
kam auch sein geblendeter Vater Isaak
ums
Leben.
1194
v oo Euphemia von Kiew-Tschernigow, Tochter des
Fürsten Gleb
†
Literatur:
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Browning Robert: Byzanz. Roms goldene Töchter.
Die Geschichte des Byzantinischen Weltreiches. Gustav Lübbe Verlag
GmbH Bergisch Gladbach 1982 Seite 140 - Csendes Peter: Philipp von
Schwaben. Ein Staufer im Kampf um die Macht. Primus Verlag 2003 Seite 121,132,134,140,206
-
Frischler Kurt: Das Abenteuer der Kreuzzüge.
Heilige, Sünder und Narren. F. A. Herbig Verlagsbuchhandlung München-Berlin
1973 Seite 291 - Mayer, Hans Eberhard: Geschichte der Kreuzzüge,
Verlag W. Kohlhammer GmbH 1995 Seite 176-179 - Norwich John Julius:
Byzanz. Der Aufstieg des oströmischen Reiches. Econ Verlag GmbH, Düsseldorf
und München 1993 Band III Seite 186,202,207 - Oldenburg Zoe:
Die Kreuzzüge. Traum und Wirklichkeit eines Jahrhunderts. S. Fischer
Verlag GmbH, Frankfurt am Main Seite 379 - Runciman, Steven: Geschichte
der Kreuzzüge, Sonderausgabe in 1 Band Verlag H.C. Beck München
1978, Seite 889,891-897 - Thiele, Andreas: Erzählende genealogische
Stammtafeln zur europäischen Geschichte Band III Europäische
Kaiser-, Königs- und Fürstenhäuser Ergänzungsband,
R.G. Fischer Verlag 1994 Tafel 204 - Toeche Theodor: Kaiser Heinrich
VI. Wissenschaftliche Buchgesellschaft Darmstadt 1965, Seite 365,366 -
Weller
Tobias: Die Heiratspolitik des deutschen Hochadels im 12. Jahrhundert.
Rheinisches Archiv. Böhlau Verlag Köln Weimar Wien 2004 Seite
164-165 - Winkelmann, Eduard: Jahrbücher der Deutschen Geschichte,
Philipp von Schwaben und Otto IV. von Braunschweig 1. Buch Verlag von Duncker
& Humblot Leipzig 1873, Seite 30,297,474,524-528 -