Herakleios I.                             Kaiser von Byzanz (610-641)
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575 11.2.641
 

Sohn des Exarchen Heraklonas von Karthago und der Epiphanea
 

Lexikon des Mittelalters: Band IV Spalte 2140
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Herakleios, Kaiser 610-641
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* 575, 11. Februar 641 (nach Abfassung eines in der Forschung vieldiskutierten Testaments)

Herakleios entstammte einer schon im 5. Jh. aus Syrien bekannten Familie, sein gleichnamiger Vater war Feldherr im SASANIDEN-Krieg und Exarch von Karthago (ernannt nach 591, vor 602). Herakleios heiratete in erster Ehe 610 Eudokia (verstorben bald nach der Geburt des 612 als Mit-Kaiser belegten Herakleios[neos] Konstantinos), in zweiter Ehe seine Nichte Marina (wahrscheinlich erst 622), die wohl 11 Kinder (darunter den späteren Thronfolger Herakleonas) gebar. - Vom Exarchat Karthago aus zog Herakleios 610 mit einer Flotte nach Konstantinopel und vertrieb Kaiser Phokas (5. Oktober 610). Herakleios' Außenpolitik war gekennzeichnet von der Auseinandersetzung mit SASANIDEN und Avaren. Durch Vereinbarungen mit den Avaren (619/20/23) setzte er dem Zweifrontenkrieg ein Ende. Die persisch-avarisch-(slavische) Belagerung Konstantinopels wurde während der Abwesenheit des Kaisers im Sommer 626 erfolgreich zurückgeschlagen. Herakleios' Perserfeldzüge, deren Zahl und Datierung nicht unumstritten ist, gipfelten 627 im Sieg von Nineve, dem der Verfall der SASANIDEN-Herrschaft durch innere Wirren folgte. Ideologischer Höhepunkt war die Wiedergewinnung des 614 geraubten Heiligen Kreuzes und seine Rückführung nach Jerusalem (628 oder 630). An den Araberfeldzügen in den späten Regierungsjahren nahm der Kaiser dagegen nicht mehr persönlich teil. Herakleios' außenpolitische Erfolge basieren vor allem auf Finanzreformen (Silbermünze des Hexagramms). Die Einführung der Themenorganisation ist ihm nicht zuzuschreiben. Er griff entschieden, wenn auch letztlich erfolglos, in die Nachfolgeregelung ein (Betonung des Mit-Kaisertums) und schuf durch die Annahme des Basileus-Titel die protokollarische Grundlagen für die späteren Jahrhunderte. Durch mehrere Novellen war er auch in der Kirchengesetztgebung tätig. Seinem Glaubensdekret, der Ekthesis von 638, war kein Erfolg beschieden. Unter Herakleios' Regierung erlebten Literatur und Kunst eine letzte große Blüte, an die man erst im 9. Jh. wieder anknüpfte.



BERTELSMANN Lexikon Geschichte: Seite 333
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HERAKLEIOS, HERACLIUS, byzantinischer Kaiser 610-641
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* 575, 11.2.641

Einer der bedeutendsten byzantinischen Kaiser; nahm den Titel Basileios an. Er gewann Syrien, Kleinasien und Ägypten von den Persern zurück, besiegte auf dem Balkan die Awaren, verlor aber Syrien und Ägypten seit 635 wieder an die muslimischen Araber. Mit seinen Reichs- und Verwaltungsreformen (Themenverfassung) beginnt die mittelbyzantinische Periode.



Thiele, Andreas: Tafel 193
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"Erzählende genealogische Stammtafeln zur europäischen Geschichte Band III Europäische Kaiser-, Königs- und Fürstenhäuser Ergänzungsband"

HERAKLIOS
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* 575, 641

Sohn des Exarchen Herakleonas von Karthago

Heraklios war Exarch von Karthago, rebellierte 610 von da aus gegen Kaiser Phokas, ermordete ihn und wurde selbst Kaiser. Er schaffte aus der Krise des Oströmischen Reiches das Byzantinische Reich: Griechisch wurde Amtssprache, sein Titel war "Basileus". Er schuf die Themenverfassung: ziviles und militärisches Amt wurden zu einem Gouverneursamt zusammengefaßt, Soldaten-Bauern wurden auf Landgütern mit erblicher Kriegspflicht angesiedelt und vermehrte damit die Schicht kleiner Grundbesitzer, die Basis zur späteren Feudalisierung des Reiches. Es war eine Zeit etlicher Slaweneinfälle und der Awarenbedrohung. Heraklios siegte 626 vor Byzanz entscheidend und erschütterte damit die Awarenvorherrschaft auf dem Balkan nachhaltig. Er verbündete sich mit den Franken gegen die Langobarden und sicherte das Exarchat Ravenna, das weitgehend autonom wurde (Exarch Isacius plünderte 640 Rom auf eigene Faust). Bis 628 führte er ständig Krieg gegen Persien, das ganz Kleinasien und Syrien eroberte, was Heraklios zurückgewann. Beide Reiche schwächten sich dabei so sehr, dass sie ab 634 gegenüber dem islamischen Ansturm hilflos waren und Afrika und Orient an die Mohammedaner verlorenging.



Herakleios I. landete mit den Truppen seines Vaters in Konstantinopel, stürzte den Kaiser Phokas und bestieg nach dessen Enthauptung (5.10.610) den Thron. Er begann mit der Einführung der Themenverfasung, reformierte die Verwaltung und ordnete das Heer, indem er Söldnerkontingente durch freie Bauernkrieger (Stratioten) ersetzte. Einen Angriff der vereinten Perser, Awaren und Slawen auf Konstantinopel (626) konnte er abschlagen und rüstete zur Offensive (wachsende Bedeutung der Kavallerie, Überlegenheit zur See, kriegswissenschaftliche Studien). Im Friedensschluß mit den Persern (629) gewann Herakleios alles verlorene Territorium zurück, konnte aber den Verlust von Ägypten und Syrien an die Araber nicht verhindern.

Norwich John Julius: Seite 335-371
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"Byzanz. Der Aufstieg des oströmischen Reiches."

Und ausgerechnet aus Afrika kam schließlich die Erlösung. Als Exarch in Karthago regierte damals ein gewisser Herakleios, der zwanzig Jahre zuvor im Krieg gegen Persien einer von Maurikios' wichtigsten Befehlshabern gewesen war. Als sein Stellvertreter amtierte sein Bruder Gregor. Die beiden Männer waren mittlerweile nicht mehr die Jüngsten und zu alt, um selbst noch aktiv etwas zu unternehmen, was über den Abbruch der Beziehungen mit Konstantinopel und die Einstellung der Kornversorgung hinausging, von der die Hauptstadt abhing, aber sie brachten im Verlauf des Jahres 608 ein beachtliches Heer zusammen, rüsteten eine Kriegsflotte und unterstellten sie dem Befehl ihrer Söhne: die Landtruppen Niketas, einem Sohn Gregors, und die Flotte einem Sohn von Herakleios, der denselben Namen trug wie sein Vater. Gegen Ende des Jahres machte sich Niketas auf dem Landweg nach Ägypten auf, wo es ihm bald gelang, Alexandria einzunehmen, bevor er seinen Vormarsch auf Konstantinopel fortsetzte. 609 setzte der junge Herakleios Segel in Richtung Thessalonike. In allen Häfen, in die er einlief, wurde er begeistert empfangen. In Thessalonike verbrachte er dann fast ein Jahr damit, Unzufriedene unter seinem Banner zu sammeln und weitere Schiffe zu beschaffen, um sein Unterfangen zu stärken. Dann, im Sommer 610, brach er zur letzten Etappe seiner Reise auf.
Aber selbst da hatte er es noch nicht eilig. Es gab noch viele weitere Zwischenhalte auf dem Weg nach Konstantinopel, und jeder bescherte ihm wieder ein neues Kontingent von Anhängern. Es muß in der Tat eine furchterrregende Streitmacht gewesen sein, die am Samstag, dem 3. Oktober, voller Zuversicht das Marmarameer überquerte und am Goldenen Horn landete. Herakleios war nicht auf Widerstand gefaßt. Er hatte bereits seit einiger Zeit einen geheimen Briefwechsel mit Priskos geführt, dem Schwiegersohn des Kaisers und ebenfalls ehemaligen Befehlshaber von Maurikios, der ein oder zwei Jahre zuvor nur knapp der Hinrichtung entgangen war, und er hatte ihm versichert, man werde ihn in der Stadt als Befreier begrüßen. Er wußte außerdem, dass er sich, sollten doch noch Schwierigkeiten auftreten, auf die Fraktion der Grünen verlassen konnte; sie würden sich geschlossen für ihn einsetzen. Aber dies war in der Tat nicht nötig. Zwei Tage später hatte man den blutrünstigen Kaiser gefangengenommen und Herakleios ließ ihn hinrichten. Noch am selben Nachmittag unterzog sich Herakleios im Großen Palast in der Stephanskapelle zwei verschiedenen, aber fast gleichzeitig stattfindenden Zeremonien. Zuerst wurde er mit der Frau vermählt, mit der er seit langem verlobt gewesen war; sie hatte zuvor Fabia geheißen und nannte sich nun Eudokia. Unmittelbar darauf wurde er zum Kaiser gekrönt.
Im Vollbesitz seiner Kraft, gerade 36 Jahre alt, den dreifachen Triumph von Eroberung, Heirat und Krönung an einem einzigen Tag noch voll auskostend, muß Herakleios am Montagabend des 5. Oktober 610 wie eine Art Halbgott erschienen sein, als er, seine ebenfalls strahlende Frau am Arm, mit seiner blonden Mähne und der breiten Brust aus dem Großen Palast trat. Und doch gab es unter all jenen, die ihm begeistert zujubelten, manche, die fürchteten, dieser 21. Kaiser von Byzanz könnte auch der letzte sein.
Keiner seiner Vorgänger hatte das Amt in einer derart desperaten Situation angetreten. Im Westen hatten die Awaren und Slawen den Balkan überrannt, und ihre beutegierigen Trupps tauchten regelmäßig unmittelbar vor den Toren Konstantinopels auf. Im Oktober aber waren die persischen Wachfeuer in Chalkedon auf der direkt gegenüberliegenden Seite des Bosporus von den Fenstern des Kaiserpalastes deutlich zu sehen. Konstantinopel war, das wußte er, im Augenblick sicher. Die Theodosianische Mauer war in gutem Zustand, während die Perser nicht über die nötigen Schiffe zur Überquerung der Meerenge verfügten, auf der für alle Fälle aber dennoch ständig eine eigenen Flotte patroullierte. Die gesamte Balkanhalbinsel war mittlerweile in slawische Hand übergegangen. Der Vormarsch der Perser war zwar an der Grenze zu Europa zum Stehen gekommen, ging aber in Asien unaufhaltsam weiter. Innerhalb kurzer Zeit gingen Damaskus, Jeusalem und Ägypten verloren.
Schon im Jahre 618 hatte Herakleios eine drastische und unerhörte Maßnahme ins Auge gefaßt, nämlich die Hauptstadt aufzugeben, sich in seine Heimatstadt Karthago zurückzuziehen und dort eine großangelegte Offensive gegen den Feind vorzubereiten, jener vergleichbar, die zur Vernichtung von Phokas geführt hatte. Vom Gesichtspunkt des Reichsganzen aus sprach manches für einen solchen Plan. Er hätte ihn von Rücksichten entbunden, denen er sich im belagerten Konstantinopel nicht würde entziehen können. Er wäre frei gewesen vom hemmenden, häufig negativen Einfluß des byzantinischen Adels und des Senats, der seit Justinians Tod einen bedrohlichen Machtzuwachs erfahren hatte. Außerdem hätte es ihm die Kosten für den Unterhalt des Kaiserpalastes und des damit verbundenen Hofzeremoniells erspart, wodurch riesige Summen für die Aushebung von Soldaten sowie deren Ausrüstung und Versorgung frei geworden wären. Die Bevölkerung von Konstaninopel war natürlich hell entsetzt. Herakleios ließ sich von den Bitten der Bevölkerung unter Führung des Patriarchen Sergios erweichen. Zu dieser Zeit hatte Herakleios den Thron bereits acht Jahre inne. Er hatte das Reich in chaotischem Zustand vorgefunden. Die Staatskassen waren leer, das Heer war demoralisiert und ohne jede Orientierung, die öffentliche Verwaltung inkompetent und hoffnungslos korrupt.
Kaiserin Eudokia war 612 nach der Geburt ihres zweiten Kindes an einem epileptischen Anfall gestorben, und ihr Mann hatte bald darauf seine Nichte Martina geheiratet, was in kirchlichen Kreisen einen Riesenskandal ausgelöst hatte.
Im Frühjahr des Jahres 622 war Herakleios für den Krieg gerüstet, welcher der persischen Bedrohung ein Ende setzen sollte. Der Patriarch Sergios hatte zu diesem Zweck den gesamten Schatz der Kirchen und Klöster zur Verfügung gestellt. Am Ostermontag, dem 5. April 622, bestieg der Kaiser seine Flaggschiff. Seit Theodosios dem Großen hatte kein Kaiser mehr seine Streitmacht persönlich in den Kampf geführt.
Im Jahre 628 sah er im Palast seine Familie wieder: den sechszehnjährigen ältesten Sohn Konstantin, der sich bereits während der Belagerung mutig hervorgetan hatte; die Tochter Epiphania, die hoffentlich niemals vernommen hat, was für ein Schicksal ihr Vater für sie vorgesehen hatte, dem sie knapp entronnen war; Herakleonas, den jüngeren Sohn von Martina, nun dreizehn Jahre alt; und natürlich Kaiserin Martina, die schon ein paar Monate vorher mit ihrem Baby aus dem Osten zurückgekehrt war.
Am 14. September 628 zog Herakleios im Triumph in die Hauptstadt ein. In der jubelnden Menge bemerkten viele, wie sehr der Kaiser in den Kriegsjahren gealtert war. Die Jahre der Unruhe und der Entbehrungen hatten ihren Tribut gefordert. Obwohl er erst Mitte Fünfzig war, wirkte er verbraucht und krank, sein Körper war vorzeitig gebeugt, und von seiner einst gerühmten blonden Mähne waren nur noch ein paar graue Strähnen übrig. Aber schließlich hatte er sich ja im Dienst für das Reich aufgerieben.
Als die Araber 633 in Syrien einfielen, weilte Herakleios bereits wieder im Osten. Nach seiner triumphalen Heimkehr hatte er es nur gerade sechs Monate in Konstantinopel ausgehalten; zu sehr war er sich der Aufgaben bewußt, die in den vor kurzem verlassenen Gebieten seiner harrten. Es galt, die Provinzen, die Byzanz von Persien zurückerobert hatte, wiederaufzubauen und neu zu ordnen, das heißt, sie mußten militärisch und ökonomisch gestärkt werden, um künftig sicher zu sein. Ein Anliegen ersten Ranges war die Rückführung des Kreuzes Christi nach Jerusalem, wohin es gehörte. So machte er sich zu Beginn des Frühjahres 629 mit Martina und dem ältesten Sohn Konstantin über Anatolien auf nach Syrien und Palästina.
Dass Herakleios sich in den folgenden sieben Jahren ganz in den östlichen Provinzen aufhalten, ständig von Ort zu Ort ziehen und in Damaskus oder Antiochia, in Edessa, Emesa oder auch Hieropolis hof halten konnte, um Inkompetenz und Ineffizienz zu beseitigen, die Macht der Großgrundbesitzer zu beschneiden, den Verwaltungsapparat zu verbessern und zu straffen, spricht für die Güte der Herrschaft, die er aufgebaut hatte, ganz zu schweigen von der Sicherheit seiner Stellung.
Bereits von der Krankheit gekennzeichnet, die schließlich zu seinem Tod führte, verfiel er psychisch und geistig zusehends. Schon vor der Schlacht am Jarmuk, als er mit ansehen mußte, wie die Soldaten des Propheten all die Gebiete überrannten, deren Rückeroberung ihn und die Seinen soviel Mühsal gekostet hatte, war er von der schrecklichen Vorstellung gepeinigt worden, Gott habe sich von ihm abgewandt, ja, der Allmächtige habe gar seine Unterstützung auf diesen neuen Stamm von Eroberern übertragen. Nach der Schlacht hatte er alle Hoffnungen fahrenlassen. Alles, sein ganzes Lebenswerk, der lange Kampf gegen die SASSANIDEN und die aufreibenden Bemühungen um die Beilegung theologischer Kontroversen, war vergeblich gewesen. Er nahm sich nur gerade Zeit, in das belagerte Jerusalem zu schleichen und das Heilige Kreuz, das er eben erst zurückgebracht hatte, einmal mehr zu entführen; dann kehrte er, als gebrochener Mann, Syrien für immer den Rücken und machte sich auf den langen und beschwerlichen Weg nach Konstantinopel.
Als er schließlich am Bosporus ankam, war er geistig ernsthaft angegriffen. Ihn hatte auf der Reise eine unerklärliche Angst vor dem Meer befallen, und einmal im Palast von Hiera angelangt, ließ er sich durch nichts und niemanden bewegen, über die nur eine Meile breite Meeresstraße überzusetzen. Er verharrte schlotternd in seinen Gemächern, weigerte sich, die besorgten Gesandtschaften aus der Hauptstadt zu empfangen, die ihn baten, seine Rückkehr nicht länger hinauszuschieben, und schickte nur gelegentlich seine Söhne vor, damit sie ihn bei Spielen oder anläßlich großer Kirchenfeste vertraten. Auch legte er nun eine für ihn untypische Brutalität an den Tag. Auf Gerüchte von einer Verschwörung in der Hauptstadt hin, in die sein Neffe Theodoros und sein unehelicher Sohn Athalarich verwickelt sein sollten, schickte er beide in die Verbannung, nachdem man ihnen auf seinen Befehl Nasen und Hände abgeschnitten hatte. Als Theodoros in seinem Exil auf der Insel Gozo vor Malta eintraf, erfuhr er, dass der Gouverneur dort Befehl erhalten hatte, ihm auch noch einen Fuß abzuhacken.
Erst nach etlichen Wochen Verzögerung fanden seine Frau und sein Gefolge einen Weg, ihn nach Hause zu befördern: Wenn man der Version von Theophanes Glauben schenken kann - es sei noch einmal daran erinnert, dass sie fast 200 Jahre nach den  Ereignissen entstand -, wurde mit Booten eine Brücke über den Bosporus gelegt, die man beiderseits mit einer Art Hecke aus zusammengebundenen  grünen Ästen versehen hatte, so dass das Wasser dem Blick des Kaisers verborgen blieb. Herakleios soll sein Pferd bestiegen haben und hinübergeritten sein, als habe er festen Boden unter sich. Angesichts der Breite und der starken Strömung des Bosposrus scheint die Geschichte wenig glaubwürdig. Vielleicht ist der Kaiser, wie neuerdings vermutet wird, auf einem ähnlich ausgestatteten Boot übergesetzt. Wie dem auch sei, seine letzte Rückkehr in die Hauptstadt konnte nur eine traurige sein. Sie stand in grellstem Kontrast zu seinem Einzug vor knapp neun Jahren.
Um diese Zeit war allen klar, dass er dem Tod geweiht war. Seine abergläubischen Untertanen zögerten nicht, nach Erklärungen für seinen Niedergang zu forschen. Ganz klar, tuschelte man, habe er durch seine inzestuöse Heirat mit seiner Nichte Gottes Zorn auf sich gezogen. Waren von den neun Kindern, die Kaiserin Martina geboren hatte, nicht vier schon als Kinder gestorben? Hatte nicht eines von ihnen einen schiefen Hals, und war nicht ein weiteres, nämlich Theodosios, taubstumm? Konnte es deutlichere Anzeichen göttlichen Mißfallens geben? Der stetige geistige und körperliche Verfall des Kaisers war nur noch eine weitere Bestätigung dafür. Kaiserin Martina, in Konstantinopel ohnehin nie besonders beliebt, sah sich nun Haß und öffentlichen Schmähungen ausgesetzt.
Ob sie sich darum aber viel kümmerte, ist ungewiß, konzentrierte sie doch nun ihre gesamte Energie darauf, die Einsetzung ihres Erstgeborenen Herakleonas als Mit-Kaiser Konstantins, des Sohnes von Herakleios' erster Frau Eudokia, sicherzustellen. Das Vorhaben schien nicht allzu schwierig; der junge Konstantin war trotz der Kühnheit, die er während der Belagerung Konstantinopels im Jahre 626 bewiesen hatte, zu einem kränkelnden jungen Mann herangewachsen und litt vermutlich an Schwindsucht. Zwar besteht kein Grund zur Annahme, dass er geistig zurückgeblieben war, doch soll er nicht ohne ständige Betreuung ausgekommen sein. Auch verfügte Herakleios nicht mehr über die Kraft, sich seiner Frau zu widersetzen, selbst wenn er dies gewünscht hätte. So setzte er am 4. Juni 638 im Palast am Bosporus, in Martinas und Konstantins Anwesenheit, Herakleonas mit zitternden Händen das kaiserliche Diadem auf. Die beiden Söhne, mittlerweile dreiundzwanzig und sechsundzwanzig Jahre alt, herrschten von nun an gemeinsam mit ihrem Vater, standen ihm bei offiziellen Feierlichkeiten zur Seite, wenn er überhaupt in Erscheinung trat, und vertraten ihn immer häufiger ganz.
Eine besonders wichtige all dieser Feierlichkeiten fand nur wenige Wochen nach der Krönung seines Sohnes statt: Herakleios' Verkündigung der sogenannten Ekthesis, mit der er zum letzten Mal den immer noch wütenden Monophisitenstreit beizulegen versuchte. Der neugewählte Papst Johannes IV. verurteilte zu Beginn des Jahres 641 die Lehre in Bausch und Bogen und blähte den Streit zu einem großen Schisma zwischen dem Osten und dem Westen auf. Dieser Schritt leitete die letzte Demütigung für Kaiser Herakleios ein. Mit aufgedunsenem, durch die Fallsucht nahezu paralysiertem Leib und zusätzlich gepeinigt durch weitere schreckliche Symptome [Jedesmal wenn er Wasser lassen mußte, soll man ihm ein Brett auf den Bauch gepreßt haben, damit der Urin ihm nicht ins Gesicht spritzte. Klar, flüsterte man sich hinter vorgehaltener Hand zu, habe der Allmächtige jenes Glied zum Leiden erwählt, welches Mittel der inzestuösen Beziehung gewesen sei.], verbrachte er seine Tage stöhnend auf einer Liege und brütete über die Vergeblichkeit seiner Anstrengungen, die Hoffnungslosigkeit seines Lebens und die Qualen, die er nach seinem Tode erleiden zu müssen glaubte. Im Dezember 640 hatte man ihm noch die Ankunft des Sarazenen-Heeres vor den Toren von Alexandria mitgeteilt, nun zwei Monate später, erreichte ihn die Nachricht, dass der Papst den Monotheletismus verurteilt habe. Wäre sie nur etwas später eingetroffen, hätte er sie nicht mehr begreifen können; so aber steigerte sie noch seine Verzweiflung. Zu erschöpft, um Mut zu zeigen, soll er noch während seiner letzten Atemzüge jegliche Verantwortung für die Ekthesis bestritten haben. Sie sei allein Sergios' Werk, stöhnte er, lediglich auf Bitten des Patriarchen habe er widerstrebend seine Zustimmung gegeben. Damit starb, am 11. Februar 641, einer der bedeutendsten byzantinischen Herrscher mit einer offensichtlichen Lüge auf den Lippen in Scham und Elend.
Er hatte zu lange gelebt. Wäre er schon 629 gestorben, als das SASSANIDEN-Reich am Boden lag und das Kreuz Christi nach Jerusalem zurückgekehrt war, gälte seine Regierungszeit als die glänzendste in der Geschichte des Byzantinischen Reiches. Die letzten zwölf Jahre brachten ihn nur noch Enttäuschung, die Zerstörung seiner Illusionen und letztlich Schmach und Schande, dazu die Qualen und das Unwürdige einer abstoßenden Krankheit. Aber trotz seines unglücklichen Endes bleibe ein paar große Leistungen für das Reich bestehen. Ohne Herakleios' Energie, Entschlossenheit und Führungsqualitäten wäre Konstantinopel vermutlich an die Perser gefallen und in diesem Fall wohl unweigerlich ein paar Jahre später von den moslemischen Heeren überrannt worden, mit kaum absehbaren Folgen für West-Europa. So aber stand Byzanz dank der militärischen und administrativen Organisation, die er konzipiert und verwirklicht hatte und die zum Rückgrat des mittelalterlichen Reiches wurde, stärker da als seit mehreren hundert Jahren. Dass das Reich noch 800 Jahre länger bestand, in denen es sich zu ungeahntem Glanz erheben sollte, ist weitgehend auf ihn zurückzuführen.
Nach seinem Tod lag der grotesk entstellte Leichnam des Kaisers drei Tage lang auf einer von den Palasteunuchen bewachten Bahre. Wer sich noch an seine große Zeit erinnern konnte, defilierte langsam in schweigender Verehrung daran vorüber. Danach wurde er in einem Sarkophag aus weißem Onyx in der Apostelkirche neben Konstantin dem Großen beigesetzt. Damit hatten Herakleios' Leiden auf Erden ein Ende gefunden, doch harrte seiner noch eine allerletzte Demütigung. Knapp drei Monate nach der Beisetzung wurde der Sarkophag auf Anordnung seines ältesten Sohnes geöffnet und ihm das Juwelendiadem vom Kopf gerissen. Als Motiv kommt eher Groll als Begierde in Frage: Konstantin hat seinem Vater vermutlich nie verziehen, dass er die Krone, die ihm allein zugestanden hätte, mit einem anderen teilen mußte. Dennoch kann man sich, angesichts der letzten scheußlichen Jahre dieses so überaus unglücklichen Kaisers, des Gefühls nicht erwehren, dass er - vielleicht mehr als jeder andere byzantinische Herrscher - verdient hätte, in Frieden zu ruhen.
 
 
 
 

  5.10.610
  1. oo Fabia Eudoxia
           um 590 13.8.612

    613
  2. oo Martina, seine Nichte
               
 
 
 
 

Kinder:
1. Ehe

  Konstantin III.
  3.5.612 24.5.641

  Epiphania
  7.7.611

2. Ehe  9 K

  Herakleios II. Herakleonas
  615 Ende September 641

  Theodosios
      

  Eudokia
     

  David Tiberios
  631 641

Illegitim

  Athalarich
  um 600 nach 635
 
 
 
 

Literatur:
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Althoff Gerd: Otto III. Primus Verlag Darmstadt 1997 Seite 143 Anm. 51 - BERTELSMANN Lexikon Geschichte 1991 Seite 333 - Browning Robert: Byzanz. Roms goldene Töchter. Die Geschichte des Byzantinischen Weltreiches. Gustav Lübbe Verlag GmbH Bergisch Gladbach 1982 Seite 17,22,24,29, 34,44,47,49,53,74,91,118 - Eickhoff Ekkehard: Theophanu und der König. Otto III. und seine Welt. Klett-Cotta Stuttgart 1996 Seite 28 - Ewig Eugen: Die Merowinger und das Frankenreich. W. Kohlhammer GmbH Stuttgart Berlin Köln 1988 Seite 122,127,150 - Faber Gustav: Das erste Reich der Deutschen. Geschichte der Merowinger und Karolinger. C. Bertelmanns Verlag GmbH, München 1980 Seite 172 - Norwich John Julius: Byzanz. Der Aufstieg des oströmischen Reiches. Econ Verlag GmbH, Düsseldorf und München 1993 Seite 335-371 - Runciman, Steven: Geschichte der Kreuzzüge, Sonderausgabe in 1 Band Verlag H.C. Beck München 1978, Seite 10-13,15-18 - Thiele, Andreas: Erzählende genealogische Stammtafeln zur europäischen Geschichte Band III Europäische Kaiser-, Königs- und Fürstenhäuser Ergänzungsband, R.G. Fischer Verlag 1994 Tafel 193 - Thiess Frank: Die griechischen Kaiser. Die Geburt Europas. Paul Zsolnay Verlag Gesellschaft mbH Hamburg/Wien 1959 Seite 25,40,66,329,337,346,365,376,392,402,414,431,444,455,485,498,504,515,533,579,618,651 -