Martina                                          Kaiserin von Byzanz
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um 595 nach 641
 

Tochter des Patricius Eutropos und der Maria, Schwester von Kaiser Herakleios I.
 

Norwich John Julius: Band I Seite 368-373
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"Byzanz. Der Aufstieg des oströmischen Reiches."

Kaiserin Eudokia war 612 nach der Geburt ihres zweiten Kindes an einem epileptischen Anfall gestorben, und ihr Mann hatte bald darauf seine Nichte Martina geheiratet, was in kirchlichen Kreisen einen Riesenskandal ausgelöst hatte.
Im Jahre 628 sah er im Palast seine Familie wieder: den 16-jährigen ältesten Sohn Konstantin, der sich bereits während der Belagerung mutig hervorgetan hatte; die Tochter Epiphania, die hoffentlich niemals vernommen hat, was für ein Schicksal ihr Vater für sie vorgesehen hatte, dem sie knapp entronnen war; Herakleonas, den jüngeren Sohn von Martina, nun 13 Jahre alt; und natürlich Kaiserin Martina, die schon ein paar Monate vorher mit ihrem Baby aus dem Osten zurückgekehrt war.
So machte sich Kaiser Herakleios zu Beginn des Frühjahres 629 mit Martina und dem ältesten Sohn Konstantin über Anatolien auf nach Syrien und Palästina.
Um diese Zeit war allen klar, dass er dem Tod geweiht war. Seine abergläubischen Untertanen zögerten nicht, nach Erklärungen für seinen Niedergang zu forschen. Ganz klar, tuschelte man, habe er durch seine inzestuöse Heirat mit seiner Nichte Gottes Zorn auf sich gezogen. Waren von den neun Kindern, die Kaiserin Martina geboren hatte, nicht vier schon als Kinder gestorben? Hatte nicht eines von ihnen einen schiefen Hals, und war nicht ein weiteres, nämlich Theodosios, taubstumm? Konnte es deutlichere Anzeichen göttlichen Mißfallens geben? Der stetige geistige und körperliche Verfall des Kaisers war nur noch eine weitere Bestätigung dafür. Kaiserin Martina, in Konstantinopel ohnehin nie besonders beliebt, sah sich nun Haß und öffentlichen Schmähungen ausgesetzt.
Ob sie sich darum aber viel kümmerte, ist ungewiß, konzentrierte sie doch nun ihre gesamte Energie darauf, die Einsetzung ihres Erstgeborenen Herakleonas als Mit-Kaiser Konstantins, des Sohnes von Herakleios' erster Frau Eudokia, sicherzustellen. Das Vorhaben schien nicht allzu schwierig; der junge Konstantin war trotz der Kühnheit, die er während der Belagerung Konstantinopels im Jahre 626 bewiesen hatte, zu einem kränkelnden jungen Mann herangewachsen und litt vermutlich an Schwindsucht. Zwar besteht kein Grund zur Annahme, dass er geistig zurückgeblieben war, doch soll er nicht ohne ständige Betreuung ausgekommen sein. Auch verfügte Herakleios nicht mehr über die Kraft, sich seiner Frau zu widersetzen, selbst wenn er dies gewünscht hätte. So setzte er am 4. Juni 638 im Palast am Bosporus, in Martinas und Konstantins Anwesenheit, Herakleonas mit zitternden Händen das kaiserliche Diadem auf.
Obwohl Herakleios' Tod schon so lange zu erwarten war, stürzte er Byzanz in ein Chaos. Ein Grund des Übels war Martinas Ehrgeiz. Sie hatte sich nicht damit begnügt, ihren Mann zur Einsetzung ihres Sohnes Herakleonas als Mit-Kaiser zu überreden, sondern ihn zusätzlich dazu gedrängt, ein entsprechendes Testament zu verfassen, nach dem die Regierung des Reichs an seinen ältesten Sohn und eigentlichen Erben Konstantin III., an Herakleonas und an sie gemeinsam übergehen solle. Eine ihrer ersten Amtshandlungen als Witwe war die Veranstaltung eines öffentlichen Rennens im Hippodrom, bei dem sie das Testament verkündete und gleichzeitig allen Anwesenden vor Augen führte, dass sie die eigentliche Macht zu übernehmen gedachte.
Aber die byzantinische Bevölkerung wollte nichts dergleichen hören. Schon lange mißtraute man Martinas zielstrebigem Ehrgeiz; viele machten sie sogar zum Sündenbock und legten ihr, reichlich widersinnig, den Verfall und Tod ihres Mannes zur Last. Und nun schienen sich die schlimmsten Befürchtungen zu bestätigen. Überhaupt, hieß es, wie sollte eine Frau denn imstande sein, ausländische Gesandte zu empfangen oder ihnen Rede und Antwort zu stehen, geschweige denn ein Reich zu regieren? Schon der bloße Gedanke sei ja absurd. Sie würden ihr gerne den Respekt erweisen, den man der Mutter eines Kaisers zollte, aber unterordnen würden sie sich nur ihrem Sohn und Stiefsohn. Martina war bestürzt und zornig, aber sie hatte keine andere Wahl, als sich in den Palast zurückzuziehen. Noch gab sie sich jedoch nicht geschlagen. Kurz darauf erkrankte der ältere amtierende Kaiser Konstantintin. Möglicherweise um einer Luftveränderung willen, doch wahrscheinlicher, um Distanz von seiner Stiefmutter zu gewinnen, begab er sich über den Bosporus in den Palast von Chalkedon. Es brachte ihm aber keinen Nutzen; er starb am 25. Mai 641 nach nur dreieinhalbmonatiger Regierungszeit.
Ob Martina ihn umbringen ließ, ist alles andere als gewiß. Es liegen keine zeitgenössischen Berichte vor, und so bleibt nur die Möglichkeit, sich auf die dürftigen Informationen vor allem von Nikephoros und Theophanes zu stützen, die beide zu Beginn des 9. Jahrhunderts schrieben. Und Nikephoros, dessen Bericht detaillierter ist, äußert keinerlei Verdacht. Konstantin war in der Tat schon lange kränklich und kann sehr wohl auf natürlicher Weise gestorben sein. Andererseits können einem die Umstände und vor allem der Zeitpunkt seines Todes zumindest verdächtig vorkommen. Auch hatte, wie noch zu hören sein wird, sein Sohn und Nachfolger keine Skrupel, die Kaiserin ganz eindeutig des Mordes zu beschuldigen.
Die Bevölkerung Konstantinopels, deren Gunst ohnehin bereits der älteren Linie der Familie zuneigte, reagierte zornentbrannt, als die undipolmatische Martina noch fast vor Eintritt der Totenstarre ihres Stiefsohnes in aller Offenheit all seine Bearter in die Verbannung schickte und, über ihren eigenen Sohn hinweggehend, die kaiserliche Gewalt ganz an sich zog. Noch mehr aber empörte man sich über ihre begeisterte Unterstützung des einst von Kaiser Herakleios verkündeten Monotheletismus, einer inzwischen völlig abgeschmetterten Lehre, die nie populär geworden war und die Konstantin nachhaltig auszurotten versucht hatte. Im Sommer 641 wurde der kleine Herakleios unter wachsendem Druck von der Straße zum Kaiser gekrönt und nahm - vermutlich um eine Verwechslung mit seinem Großvater auszuschließen - den Namen Konstantin an. Im September desselben Jahres offenbarte sich der Machtkampf hinter den Kulissen endgültig. Auf Befehl des Senats wurden Martina und Herakleonas überraschend verhaftet. Ihr riß man die Zunge heraus, ihm schnitt man die Nase ab. Dann wurden die beiden auf die Insel Rhodos verbannt, ohne jemals wieder in ihre Heimat Konstantinopel zurückzukehren. War Ehrgeiz das einzige Vergehen der Kaiserin, dann hat sie schwer dafür bezahlt. Sollten sie und ihr Sohn den Kaiser tatsächlich ermordet haben, wären sie eher glimpflich davongekommen.
 
 
 
 

 613
  oo 2. Herakleios I. Kaiser von Byzanz
          575 11.2.641
 
 
 

9 Kinder:

 Herakleios II. Herakleonas
  615 Ende September 641

  Theodosios
       

  Eudokia
        † 

  David Tiberios
  631 641
 
 
 
 

Literatur:
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Norwich John Julius: Byzanz. Der Aufstieg des oströmischen Reiches. Econ Verlag GmbH, Düsseldorf und München 1993 Band I Seite 368-373 - Thiess Frank: Die griechischen Kaiser. Die Geburt Europas. Paul ZsolnayVerlag Gesellschaft mbH Hamburg/Wien 1959 Seite 357,415,422,426,459,500, 502,513,530,538,546,552,585 -