Bardas                                             Caesar von Byzanz
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    21.4.866 ermordet
 

Sohn des Turmarchen Marinus
 

Lexikon des Mittelalters: Band I Spalte 1456
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Bardas
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Vielseitig begabter, gebildeter byzantinischer Staatsmann, Bruder der Kaiserin Theodora, Onkel Kaiser Michaels III. Aus Paphlagonien gebürtig, war er armenischer Abstammung; verheiratet in erster Ehe mit einer namentlich nicht bekannten Frau, von der er zwei Söhne und eine Tochter hatte, in zweiter (wohl 855 oder später) mit einer Theodosia, von der er sich später unter nicht ganz geklärten Umständen trennte. Bardas gründete wahrscheinlich schon während der Regentschaft Theodoras (842-856) auf privater Basis eine Hochschule in Konstantinopel. Obwohl er anscheinend während dieser Zeit dem Regentschaftsrat angehörte, spielte er politisch nur eine untergeordnete Rolle. Er beteiligte sich am Staatsstreich von 856, bei dem der Theoktistos getötet wurde und Michael III. an die Macht kam. Als faktischer Leiter des Staates stieg Bardas zum Kuropalates und (862) zum Kaiser (Caesar) auf. Kirchenpolitisch ist die von ihm energisch verlangte Abdankung des Patriarchen Ignatius (858) und sein konsequentes Eintreten für Photios bedeutsam. Zusammen mit diesem erfaßte er die Wichtigkeit einer byzantinischen Missionstätigkeit unter den Slawen, um sowohl kirchlichen Druck aus Rom als auch politisch von seiten des Frankenreiches besonders auf die Bulgaren begegnen zu können und zudem diese zu befrieden. Er entsprach daher einerseits der Bitte Rastislavs von Mähren und schickte 862 die Brüder Konstantin (Kyrillos) und Method zu Lehr- und Missionstätigkeit in den mährisch-pannonischen Raum, andererseits empfing Boris I. von Bulgarien um 864 von Byzanz aus die Taufe. Bardas wurde am 21. April 866 vom späteren Kaiser Basileios I. ermordet.



Norwich John Julius: Band II Seite 80,81,103-111
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"Byzanz. Der Aufstieg des oströmischen Reiches."

Führender Kopf dieses Unternehmens war der machthungrige Bardas, Kaiserin Theodoras Bruder. Er hatte ihr und Theoktistos nie vergeben, dass sie ihn im Jahre 843 ausgetrickst hatten. Zwölf Jahre lang hatte er geduldig auf seine Chance gewartet. Jetzt schien sie gekommen. Mit Hilfe des Parakoimomenos Damianos - des Anführers beim Angriff auf Damietta zwei Jahre zuvor, der möglicherweise der Meinung war, seine damaligen Verdienste seien nicht angemessen honoriert worden - war es ein leichtes, Michael davon zu überzeugen, dass er niemals an die ihm zustehende Macht gelangen würde, solange seine Mutter und Theoktistos die Zügel in den Händen hielten, und dass sie ihn, falls er versuchen sollte, sich durchzusetzen, bedenkenlos absetzen würden.
Kaum war er sich der Unterstützung des jungen Kaisers sicher, schritt Bardas unverzüglich zur Tat. Als Theoktistos wie üblich ein, zwei Tage später, am 20. November 855, im Palast unterwegs zu den Gemächern von Theodora war, stellten sich ihm Michael und Damianos in den Weg. Michael brüllte wütend, er sei kein Kind mehr, und wenn es irgendwelche Staatsangelegenheiten gebe, die zu erledigen seien, habe er sich gefälligst an ihn zu wenden, nicht an seine Mutter. Es kam zu einer Auseinandersetzung, worauf sich Theoktistos umwandte und dahin zurückging, woher er gekommen war - aber nicht weit. Unvermutet sprang Bardas zusammen mit einer Gruppe unzufriedener Armeesoldaten plötzlich aus einem Hinterhalt und warf ihn zu Boden. Irgendwie gelang es Theoktistos zwar, das Schwert zu ziehen. Er wurde jedoch rasch überwältigt und, sich noch immer zur Wehr setzend, in die Skyla geschafft, ein kleines, ovales Vorzimmer mit direktem Zugang zum Hippodrom. Soweit sich das beurteilen läßt, wollte ihn Bardas ursprünglich an einen weit entfernten Ort in die Verbannung schicken. Da aber erteilte der Kaiser persönlich seinen Wachen den Befehl, ihn zu töten. In diesem Moment erschien Theodora in der Tür der Skyla. Sie hatte erfahren, was geschehen war, und wollte protestieren. Doch sie kam zu spät. Grob schob man sie beiseite, und die Wachen zogen Theoktistos unter dem Sessel hervor, unter den er sich verkrochen hatte. Sie hielten ihn fest; dann stach der Kommandant ihn nieder.
Trotz der gewissenlosen Art, wie Bardas die Macht an sich gerissen hatte - seine Beteuerung, er habe Theoktistos nur in die Verbannung schicken wollen, trägt wenig zur Milderung seiner Schuld bei, denn er hätte den schwachen Kaiser leicht dazu überreden können -, erwies er sich schnell als noch effizienter als Theoktistos und Theodora. Er verwaltete das Reich hervorragend und war ein weitblickender Staatsmann mit scheinbar grenzenloser Energie. Er prägte eine Zeit, die von vielen als ein goldenes Zeitalter für Byzanz bezeichnet wurde. Als wichtigster Beamter des Reiches und Oberbefehlshaber der Streitkräfte erlebte er eine Zeitspanne beinahe ununterbrochener Erfolge, so zum Beispiel auf militärischem Gebiet. Wie wir aus arabischen Quellen erfahren - im Gegensatz zu den gefälschten byzantinischen -, überschritt im Jahre 856 ein Heer unter dem Befehl seines Bruders Petronas den Euphrat, drang bis Amida (heute Diyarbakir) weit auf moslemisches Territorium vor und nahm viele Gefangene. Bei einem weiteren Feldzug, den er drei Jahre später persönlich anführte, überquerte das Heer denselben Fluß bei Hochwasser und ging als Legende in eines der beliebtesten griechischen Volksepen ein. Im Sommer 858 erfolgte ein weiterer Angriff auf Damietta und verlief ebenso erfolgreich wie der erste. Zudem konnten im Jahre 863 die kaiserlichen Armeen innerhalb von zehn Wochen zwei vernichtende Siege über sarazenische Truppen verzeichnen.
Befriedigt erklärte man die Schmach von Amorion als gerächt. Das Blatt begann sich zu wenden. Bis zu diesem Zeitpunkt hatte Byzanz seit Beginn der arabischen Einfälle mehr oder weniger einen Verteidigungskrieg geführt. Als mehrheitliche Schwächere hatten die byzantinischen Truppen jeweils um das Davonkommen gekämpft. Von nun an begannen sie vermehrt anzugreifen. Mittlerweile waren sie nicht nur stärker und besser ausgerüstet als ihre Gegner, sondern auch von einer neuen Kampfmoral angetrieben.
Bardas hatte sich in seine Schwieger-Tochter verliebt und ihr zuliebe seine Frau verlassen. Der Skandal wurde natürlich zum Stadtgespräch von Konstantinopel. Patriarch Ignatios wies ihn dafür zunächst öffentlich zurecht, und als er nicht reagierte, exkommunizierte er ihn am Dreikönigstag des Jahres 858 und verweigerte ihm die Sakramente. Das war ein mutiger, aber auch ein verhängnisvoller Schritt. Von dieser Stunde an suchte Bardas eine Gelegenheit, sich des widerspenstigen Patriarchen ein für allemal zu entledigen, was ihm in der Folge auch gelang.
Etwa um das Jahr 859 wurde Bardas zum Kuropalates ernannt. Diese seltene Auszeichnung war sonst Mitgliedern der kaiserlichen Familie vorbehalten und begründete gewissermaßen den Anspruch auf die Nachfolge, sollte der Kaiser ohne Erben sterben. Doch je mehr Bardas an Macht und Einfluß hinzugewann, genügte ihm auch das nicht mehr, und so wurde er im April 862, am Sonntag nach Ostern, zum Cäsar ernannt. Da Michael seine Frau Eudokia Dekapolitana zu diesem Zeitpunkt schon in die Wüste geschickt hatte, bestand kaum Hoffnung auf einen legitimen Erben. In Bardas sah man daher allgemein den künftigen Kaiser von Byzanz. Und da der gegenwärtige dem Alkohol schon fast gänzlich verfallen war, glaubte niemand, dass es bis dahin noch lange dauern würde.
Bardas führte sich inzwischen weiterhin in allem, außer dem Namen nach, wie der Basileus persönlich auf, und zwar für das Reich sehr geschickt. In die zehn Jahre seiner Herrschaft fielen die Siege über die sarazenischen Gebiete im Osten und die Bekehrung des bulgarischen Volkes, ganz zu schweigen von gewichtigen Fortschritten im langwierigen Kampf der byzantinischen Kirche um die Unabhängigkeit von Rom. Ganz wie sein Schwager Theophilos nahm er persönlich regen Anteil an der Rechtsprechung, und wie Theoktistos förderte er das Bildungswesen. Bardas ließ auch die Universität von Konstantinopel wiederaufbauen.
Im gleichen Maße, wie Basileios' Einfluß auf Michael zunahm, verschärfte sich die auf Gegenseitigkeit beruhende Feindseligkeit zwischen ihm und Bardas. Auf seiten des Cäsars hatte zu Beginn eher Verachtung als Argwohn gestanden. Er hatte angenommen, sein Neffe Michael werde ihm stillschweigend die Regierung des Reiches überlassen, solange er seinen ausschweifenden Treiben keinen Einhalt gebiete. Basileios betrachtete er vermutlich einfach als widerlichen Spießgesellen bei jenem Treiben, aber nicht mehr. Doch die atemberaubende Geschwindigkeit, mit der Basileios seinen Einfluß auf den nutzlosen Kaiser erweiterte, veranlaßte ihn bald zu einer Revision seiner ursprünglichen Auffassung. Dieser Mann wurde zu einer ernsthaften Bedrohung für den Staat und auch für ihn und das war Bardas auch ganz klar bewußt.
Indes war Basileios' Ehrgeiz noch längst nicht befriedigt, und inzwischen hatte er selbst den Thron im Visier. Er schien ihm zum Greifen nahe - wäre da nicht der Rivale gewesen, der ihm den Weg versperrte. Also weckte und nährte Basileios, ebenso wie Bardas den jungen Kaiser zwölf Jahre zuvor gegen den Eunuchen Theoktistos aufgestachelt hatte, in aller Stille heimtückisch den Argwohn des Kaisers auf seinen Onkel. Er redete ihm ein, dieser verachte ihn nicht nur, sondern gedenke ihn vielmehr aus dem Weg zu räumen, um sich selbst zum einzigen, unangefochtenen Herrscher von Byzanz aufzuschwingen. Die einzige Chance, die Michael habe, sei, ihm zuvorzukommen, solange die Möglichkeit dazu noch bestehe.
Im Frühjahr 866 hatte Bardas mit Vorbereitungen zu einem großangelegten Feldzug gegen die Insel Kreta begonnen. Im Winter zuvor wurde ihm hinterbracht, dass der bevorstehende Feldzug für einen Anschlag auf sein Leben genutzt werden sollte, hinter dem der Kaiser und sein Kämmerer stünden. Sofort blies er die ganze Sache ab, denn er glaubte sich in der Hauptstadt besser schützen zu können. Außerdem scheint er seinem Neffen den Verdacht auf den Kopf zugesagt zu haben, denn an Mariä Verkündigung, also am 25. März, unterschrieben in der Marienkirche Chalkepratea Michael und Basileios - dieser vermutlich mit einem Kreuz - eine offizielle Erklärung, worin sie schworen, dass sie gegen ihn keine Feindseligkeiten hegten. Dieser Eid war so feierlich, dass Bardas seine Anklage bereute. Und so sah man ihn an seinem Platz an der Seite des Kaisers, als das Heer kurz nach Ostern in Konstantinopel aufbrach.
Die Marschroute des Heeres führte zunächst nach Kleinasien in das Mündungsgebiet des Mäander, wo in der Nähe der antiken Stadt Milet die Flotte vor Anker lag. Am Vorabend der Einschiffung erhielt Bardas erneut eine Warnung, worüber er zunächst lachend hinwegging. In der Nacht schlief er aber kaum, und bereits ganz früh am folgenden Morgen, am 21. April, vertraute er seinem Freund Philotheos, dem obersten Logotheten, an, was er nun doch befürchtete. Philotheos versuchte alles, um ihn zu beruhigen. Er gab ihm den Rat, seinen pfirsichfarbenen und goldenen Mantel anzulegen und seinen Feinden entgegenzutreten, dann würden sie sich zerstreuen. Bardas hielt sich an den Rat und ritt prächtig gekleidet zum kaiserlichen Zelt, wo er sich neben seinen Neffen setzte und anscheinend höchst aufmerksam mitanhörte, wie ein anderer Logothet den Morgenbericht vorlas. Dann wandte er sich an Michael und regte an, mit der Einschiffung zu beginnen, falls nicht noch etwas anderes zu erledigen sei. In diesem Augenblick bemerkte er mit einem Seitenblick, wie Basileios heimlich ein Zeichen gab. So rasch Bardas auch zum Schwert griff, es war zu spät. Mit einem gewaltigen Schlag streckte Basileios ihn nieder, während die Mitverschworenen hervorstürmten, um ihn endgültig ins Jenseits zu befördern.
 
 
 

Literatur:
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Norwich John Julius: Byzanz. Der Aufstieg des oströmischen Reiches. Econ Verlag GmbH, Düsseldorf und München 1993 Band II Seite 80,81,103-111 - Riche Pierre: Die Karolinger. Eine Familie formt Europa. Deutscher Taschenbuch Verlag GmbH & Co. KG, München 1991 Seite 220 -