Sohn des Stephanos und der Maria, der Schwester
von Kaiser Michael
IV.; Neffe und Adoptivsohn von Kaiser
Michael IV.
Lexikon des Mittelalters: Band VI Spalte 598
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Michael V., byzantinischer Kaiser 1041/42
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†
Neffe Michaels IV.,
Beiname
‚Kalfaterer‘, obwohl
sein Vater,
ein Bruder Michaels IV., diese Tätigkeit
nicht selbst ausübte, sondern eher eine Funktion im Arsenal hatte.
Michael V.
war noch vor dem Tod seines
Onkels adoptiert worden. Nach Ausrufung und Krönung (11. Dezember
1041?) schickte er seinen zweiten Onkel, Johannes Orphanotrophos,
aber auch Kaiserin
Zoe in die Verbannung. Die Verdrängung der legitimen Herrscherin
führte zu einem Volksaufstand, der am 21./22. April 1042
Michael V. Thron und Leben kostete. Seine kurze Herrschaftszeit
ist faktisch bedeutungslos, läßt aber erstmals die Verwurzelung
legitim-dynastischen Denkens erkennen.
MICHAEL V. "KALAPHATES"
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†
Michael V. Kalaphates war
der Neffe von Kaiser
Michael IV. und ursprüngllich Bootsbauer/Fischer (sein
Beiname). Er kam durch
Michael IV. und
seinen
Onkel Johannes hoch, wurde 1041 Kaiser
und drängte
Johannes und die Kaiserin
Zoe, die ihn adoptiert hatte, zurück. Er erwies
sich bald als völlig unfähig und unwürdig und wurde bald
durch den Klerus gestürzt und ermordet.
Norwich John Julius: Band II Seite 358,364-378
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"Byzanz. Der Aufstieg des oströmischen Reiches."
Die Frage aber blieb: wer sollte Michaels
Nachfolger werden? Von seinen und Johannes' drei Brüdern
war einer, Niketas, schon tot, die anderen, Eunuchen wie Johannes,
kamen nicht in Frage. Zu jedermanns Erleichterung war sein SchwagerStephanos
ebenfalls tot. Es gab also nur noch eine Möglichkeit:
Stephanos'
Sohn Michael, der nach dem Beruf
seines Vaters von allen Kalaphates (Kalfaterer), genannt
wurde, doch die Aussicht war nicht gerade erhebend. Obwohl der Junge -
das genaue Datum seiner Geburt ist zwar unbekannt, doch war er dem Jugendalter
noch nicht entwachsen - auf den ersten Blick einen ganz ordentlichen Eindruck
machte, entpuppte er sich nach dem Zeugnis so mancher bei näherer
Bekanntschaft als Wolf im Schafspelz, als zwanghafter Lügner
und unverbesserlicher Intrigant, dessen zur Schau gestellte Freundlichkeit
seine wahre Absichten nur allzuoft verhüllte. Doch Orphanotrophos
hatte seine Entscheidung getroffen; Michael IV.
zu
überreden fiel ihm nicht schwer; Zoe
war nicht in der Lage, sich zu widersetzen. So wurde schon bald anläßlich
eines Hochamts in der Blachernenkirche die Thronfolge seines Neffen feierlich
bestätigt. Die gealterte Kaiserin, die neben ihrem kranken
jungen Mann auf dein Thron saß, adoptierte Michael
Kalaphates in aller Form als ihren Sohn, indem sie ihn als Symbol
dafür, aber auch in einer irgendwie lächerlich wirkenden Geste
auf den Schoß nahm. Der Kaiser rief ihn dann mit schwacher Stimme
zum Cäsar aus, woraufhin der junge Mann, von dem die zahlreich
Versammelten großenteils noch nie etwas gehört hatten und den
sie bei der Gelegenheit zum ersten Mal sahen, zur altehrwürdigen Weihezeremonie
schritt.
Mochte der neue Cäsar auch unbekannt sein, so erkannten
doch alle ohne Ausnahme Johannes Orphanotrophos, der am Throne stand,
und niemandem unter ihnen konnte sein Ausdruck von Befriedigung, ja Triumph
entgehen. Sie ahnten jedoch ebensowenig wie er, dass er schon bald die
Katastrophe bedauern würde, die er unwissentlich über das Reich,
seine Familie und sich selbst heraufbeschworen hatte.
Johannes Orphanotrophos traf der Tod des kaiserlichen
Bruders schwer. Mochte er auch ein Ränkeschmied und Intrigant sein,
die Verbundenheit mit Michael war groß
und echt. Drei Tage und drei Nächte lang hielt er Totenwache, bis
zur Beerdigung. Die beiden anderen Brüder verhielten sich reichlich
verschieden. Da sie fest entschlossen waren, ihren Neffen sicher auf den
Thron zu bringen, bevor ein Rivale darauf Anspruch erheben konnte, brachten
sie ihn schon in den Palast, kaum dass man seinen Vorgänger hinausgetragen
hatte. Sie hätten ihn auch zweifellos umgehend gekrönt, doch
dazu fehlte ihnen die nötige Macht. Ihr Geschick hieß, so lange
zu waren, bis Johannes Orphanotrophos von seinem letzten Ehrendienst
zurückkehrte. Psellos beschreibt die Szene als Augenzeuge:
Als die Brüder Johannes über die Torschwelle
des äußeren Palastes kommen hörten, näherten sie sich
ihm, als träten sie vor Gott selbst. Diese Zeremonie hatten sie vorher
genau geplant: sie umringten ihn und bedeckten ihn über und über
mit Küssen. Selbst sein Neffe streckte die Hand nach ihm aus, als
ströme bereits durch bloße Berührung ein Segen von ihm
aus.
Beim anschließenden Familienrat bestand Johannes
listig besonders darauf, dass nichts ohne die wirkliche oder zumindest
scheinbare Zustimmung von Kaiserin
Zoe unternommen werden dürfe. Als Nichte
Basileios' II. besaß
sie allein die Legitimation der Nachfolge. Auf ihre Zustimmung konnte nicht
verzichtet werden, wenn Michael Kalaphates
als neuer Basileus auch nur die geringste Chance haben sollte. Sie suchten
also Zoe auf, und
Michael warf sich seiner Adoptiv-Mutter zu Füßen.
Dann wiesen sie sie höchst beredt darauf hin, dass sie die Macht,
die ihr von Geburt zukomme, nur durch ihn wiedererlangen könne, versprachen,
er werde nur dem Namen nach Kaiser sein, während in Wirklichkeit sie
herrschen werde - es sei denn, sie ziehe es vor, durch ihn zu regieren,
in diesem Fall würde er ihr aber immer noch dienen, nämlich als
Marionetten-Kaiser und Sprachrohr. So oder so, er würde ihr Sklave
sein und ihr jeden Wink von den Augen ablesen. Im Grunde machtlos, dazu
nicht mehr jung, an Ehrgeiz gebrochen, vielleicht auch nicht sonderlich
intelligent und ohne eine getreue Beratung, ließ sich Zoe
überreden,
und das hatten die vier auch vorhergesehen. So schritt
Michael V. mit ihrer Zustimmung zur Krönung.
Das Oströmische Reich bestand nunmehr gut 700 Jahre.
In dieser Zeit hatten 35 Oberhäupter auf dem Thron gesessen. Auf einige
war er duch Erbschaft übergegangen, auf andere, wie Michael
IV., durch Heirat; wieder andere, unter ihnen zum Beispiel Nikephoros
Phokas und Johannes Tzimiskes,
hatten ihn mit mehr oder weniger Gewalt an sich gerissen, wobei sie sich
immerhin als siegreiche Feldherren das Recht der Erfolgreichen zugestanden
und von ihrer Anhängerschaft einer Tradition gemäß, die
älter war als Byzanz und bereits auf Augustus
zurückging, proklamiert worden waren. Daher kann man wohl mit einigem
Recht behaupten, kein Kaiser in der gesamten Geschichte von Byzanz habe
weniger
Anrecht auf den Thron gehabt als Michael Kalaphates.
Sein Onkel war wenigstens noch von einer Kaiserin zum Mann genommen worden,
der Neffe dagegen nicht einmal zum Geliebten. Er war von niederster
Herkunft, und an militärischen Verdiensten gab es auch nichts
vorzuweisen. Er besaß weder charakterliche noch geistige Vorzüge,
die ihn auch nur über die geringsten seiner Untertanen emporgehoben
hätten. Dieser nichtssagende junge Mann, der nun zu Gottes Stellvertreter
auf Erden, den Aposteln gleich, ernannt wurde, verdankte seine Erhöhung
ausschließlich zweierlei: den Machenschaften eines korrupten, selbstsüchtigen
Kanzlers und der schwachen Entscheidung einer alten Kaiserin.
In den ersten Wochen seiner Regierungszeit legte er die
passende, wenn nicht gar widerwärtige Demut an den Tag, redete
Zoe mit "meine Herrin, meine Herrscherin", Johannes Orphanotrophos
mit "mein Herr und Gebieter" an und stellte einen eigenen Thron für
diesen neben dem seinem auf. Aber dieses Vorspiel hielt nur eine geraume
Zeit an. Schon ein paar Wochen später bemerkte Johannes - der
Michaels
V. doppeltes Spiel durchaus durchschaute - ohne großes
Erstaunen, dass seines Neffen Haltung ihm gegenüber sich drastisch
änderte, sowie er ihm den Rücken kehrte. Kurz darauf machte er
eine weitere, viel bedenklichere Entdeckung, dass nämlich sein
Bruder Konstantin, dem er die Stellung des obersten Domestikos
verschafft hatte, Michaels Feindseligkeit
gegen ihn nach Kräften förderte.
Konstantin, so scheint es nun, hegte schon lange
Neid im Herzen auf den Erfolg seines Bruders und die Absicht, ihn zu verderben,
sobald sich das gefahrlos machen ließ. Seit dem Augenblick der Ernennung
Michaels
zum Cäsar hatte er sich deshalb eifrig um die Freundschaft des jungen
Mannes bemüht und hatte sich darin als so erfolgreich herausgestellt,
dass Michael ihn anläßlich
seiner Thronbesteigung in den Rang eines Nobilissimus erhob und ständig
in seiner Nähe wissen wollte. Seit Konstantin seine Stellung
gefestigt glaubte, versuchte er nicht einmal mehr den Anschein zu erwecken,
Johannes mit Höflichkeit zu begegnen, sondern schmähte ihn
in aller Öffentlichkeit, wann immer sich die Gelegenheit dazu ergab.
Nach einer besonders heftigen Auseinandersetzung zwischen den beiden während
eines Diners beim Kaiser, erhob sich Johannes zornbebend vom Tisch
und verließ den Palast, begab sich aber nicht in seine Wohnung, sondern
zog sich auf eines seiner Landgüter zurück - als Zeichen der
Mißbilligung, welches, wie er glaubte, Michael
bald wieder zur Vernunft bringen würde. In der Tat traf schon kurze
Zeit darauf ein Brief mit dem kaiserlichen Siegel ein, in dem zwar sein
Stolz als übertrieben angeprangert, er aber auch gebeten wurde, zurückzukehren.
In der Annahme, es gelte geheime Staatsgeschäfte zu besprechen, willigte
er sofort ein und erwartete, von einem reichlich zerknirschten Neffen empfangen
zu werden. Als er jedoch im Palast eintraf, hieß es, der Kaiser sei
ins Theater gegangen und habe keinerlei Nachricht hinterlassen. Wütend
drehte er sich auf dem Absatz um und kehrte schnurstracks auf sein Landgut
zurück. Psellos, von dem diese Geschichte stammt, gibt sich
ohne Anflug eines Zweifels sicher, dass Johannes Orphanotrophos das
Ausmaß der Feindseligkeit von seiten Michaels
V. ihm gegenüber beträchtlich unterschätzte.
Nach diesem Vorfall gab er sich indes keinen Illusionen mehr hin. Endlich
sah er deutlich, dass der ganze Plan, seinen Neffen auf den Thron zu bringen,
ein katastrophaler Fehler gewesen war, außerdem, dass seine eigener
Sturz sich nur dann würde verhindern lassen, wenn er all seine Kraft
und Phantasie daransetzte,
Michael V. zu
stützen. Zu seinem Pech zogen aber und Konstantin denselben
Schluß. Mochten sie auch nicht so intelligent sein wie er, sie verfügten
statt dessen über die ganze Regierungsgewalt. Einige Tage später
tauchte am Landungssteg von Johannes' Gut, vermutlich irgendwo am
Bosporus oder an der Küste des Marmarameers, ein Schiff unter kaiserlicher
Standarde auf mit dem Befehl, ihn sogleich zum Palast zu schaffen, wo er
sein jüngstes Verhalten erklären solle. Johannes Orphanotrophos
muß Verdacht geschöpft haben, entschied sich aber dessenungeachtet
zu gehorchen. Noch zu dem Zeitpunkt scheint er geglaubt zu haben, er könne
seinen Neffen zur Einsicht bringen, so dass eigenes Bestes erkannte.
Dazu gab man ihm jedoch gar keine Gelegenheit mehr. Als
sich das Boot dem Großen Palast näherte, gab der Kaiser, der
das Manöver von der obersten Terrasse aus verfolgte, ein vorher vereinbartes
Signal; das Boot drehte ab, dann machte ein größeres Schiff
daran fest, nahm Johannes an Bord und brachte ihn ins Exil, vermutlich
in das entlegene Kloster von Monobate, obwohl Psellos behauptet,
dort seien nur Banditen untergebracht worden. Konstantinopel hat er niemals
wiedergesehen.
Michael soll, er sein
Mütchen gekühlt hatte, die Sache soweit bereut haben, dass er
seinem früheren Wohltäter immerhin einige schlichte Annehmlichkeiten
gewährte. Doch Michael war nicht
Johannes'einziger
Feind, und bei Verbannung und Einkerkerung allein sollte es darum nicht
bleiben.
Nachdem ihm Johannes Orphanotrophos, der Michael
V. Kalaphates als einziger gewisse Schranken gesetzt hatte,
nicht mehr im Weg stand, konnte dieser endlich in die Tat umsetzen, was
seit seiner Thronbesteigung in ihm gärte. Zunächst nahm er sich
den Hofadel vor. Man kann sich leicht vorstellen, mit welch kaum verhohlener
Verachtung dieser ihn vom Tag seiner Krönung an behandelte: man hielt
sich zwar peinlich genau an die höfische Etikette, ließ ihn
aber jederzeit die Niedrigkeit seiner Herkunft spüren und auch auf
welche Weise er an die Macht gekommen war. Aus Rache zu allem entschlossen,
machte er sich nun daran, diese Höflinge zu vernichten: er beschimpfte,
bedrohte und dernütigte sie, dann beraubte er sie einen nach dem anderen
ihrer Privilegien, bis sie schließlich um ihr Leben zitterten. Er
entließ die kaiserliche Wache (zu dieser Zeit fast durchweg eine
Truppe aus Warägern und angelsächsischen Wikingern) und ersetzte
sie durch eine Abteilung Skythen - vermutlich Sklaven und allesamt Eunuchen
-, deren Loyalität er sich durch gestaffelte Belohnungen versicherte
und die sich folglich allen seinen Launen gefällig zeigten. Zugleich
gewährte er laut Psellos den Massen immer mehr Freiheiten,
weil er glaubte, seine Autorität müsse auf der Liebe der Bevölkerung
beruhen und nicht der einer verhätschelten Elite. Natürlich kam
das bei den Massen gut an. Wenn Michael V. durch
die Straßen ritt, hingen purpurne Tücher aus den Fenstern, waren
die Straßen mit kostbaren Teppichen belegt. Im Rausch dieser Verherrlichung
sah er sich schon bald als von allen geliebt, als Vater seines Volkes,
und hielt seine Stellung für gesichert, ja so gesichert, dass er zum
nächsten Punkt seines Planes überzugehen beschloß: zur
Beseitigung seiner Adoptiv-Mutter, Kaiserin
Zoe.
Gewiß, sie hatte ihm kein Haar gekrümmt, und
ihr verdankte er so gut wie seinem Onkel seinen Aufstieg. Aber gerade das
war ihm Anlaß genug, sie ebenso wie Johannes zu behandeln,
konnte er doch seinem Wesen nach nicht verwinden, wenn ihm jemand einen
Dienst erwies. Darüber hinaus verkörperte Zoe
für ihn alles, was er aus tiefster Seele haßte: den alten Adel,
die makedonische
Dynastie, die bornierten, verknöcherten
Gepflogenheiten am byzantinischen Hof. Mitanzusehen, dass Zoe
in der Kirche und beim Hofzeremoniell vor ihm der Vortritt gewährt
und ihr Name bei offiziellen Verlautbarungen vor dem seinen genannt wurde,
versetzte ihn in kalte Wut. Sie erinnerte ihn durch ihre bloße Anwesenheit
ständig an seinen elenden Hintergrund und an die Demütigung angesichts
der kriecherischen Beteuerungen, aufgrund derer er sich ihre Zustimmung
zu seiner Krönung erschlichen hatte. Glaubte er zudem, wie Glykas
und Skylitzes behaupten und er selbst später zu glauben vorgab,
sie sei am Tod seines Vorgänger schuld und plane bereits den seinen?
Schon möglich, dass dem so war: unsicher wie er nun einmal war, ließ
er sich vielleicht alles einreden. Die Frage ist also nicht zu beantworten,
aber das spielt auch keine Rolle, denn sein Entschluß stand ohnehin
bereits fest. Es reichte nicht, dass Zoe
alt war und bereits ein Schattendasein führte, sie mußte ins
Exil.
Zoe hatte von seiten
ihrer beiden Ehemänner schon reichlich viel erdulden müssen.
Aber das war nichts, verglichen mit dem, was ihr Adoptivsohn ihr nun antat.
Zum dritten Mal wurde sie in den Frauengemächern eingesperrt, ihr
der Zugriff auf den Reichsschatz versagt, der rechtmäßig ihr
gehörte, und nur gerade ein Minimum an Taschengeld zugebilligt. In
der Vergangenheit hatte man ihr außerdem nach außen hin immer
noch den ihrem Rang gemäßen Respekt gezollt. Diesmal machte
man nicht einmal mehr den Versuch, zu verheimlichen, dass sie praktisch
gefangengehalten wurde. Selbst das ohnehin seltene Auftreten in der Öffentlichkeit
- in der Regel an hohen kirchlichen Feiertagen - war ihr nun untersagt.
Man entzog ihr ihre Hofdamen und Zofen und überließ sie statt
dessen der Obhut ungebildeter, grober Wärter, die Michael
selbst
aussuchte. Aber auch damit gab er sich noch nicht zufrieden. Am Sonntag
nach Ostern, dem 18. April 1042, stürmten Soldaten in ihre Gemächer
und nahmen die glücklose Zoe unter
dem Vorwurf versuchten Königsmordes fest. Das anschließende
Tribunat, bei dem etliche falsche, bestochene Zeugen aussagten und die
Kaiserin sich nicht einmal verteidigen durfte, war eine der schändlichsten
Farcen. Man schnitt ihr das Haar ab und brachte es, wie befohlen, direkt
zu Michael. Dann wurde sie eilig zu
einem schon wartenden Schiff gebracht und noch am selben Abend in einen
Konvent auf der Insel Prinkipo im Marmarameer geschafft. Psellos beschreibt
ihren Gram teilnahmsvoll. Unter Tränen habe sie den Geist ihres
Onkels
Basileios'II.
angerufen,und
um seinen Beistand gefleht. Bei der Ankunft sei sie jedoch ruhig und anscheinend
in ihr Schicksal ergeben gewesen. Mag durchaus sein, dass sie noch schlimmeres
erwartet hatte.
Am folgenden Morgen ließ Michael
V. den Senat zusammenkommen. Ob die Senatoren seinen Bericht
von Zoes wiederholten Mordanschlägen
glaubten, ist nicht in Erfahrung zu bringen. Da sie jedoch die Konsequenzen
eines etwaigen Protestes nur zu gut kannten, billigten sie seine Maßnahme
umgehend und pflichtschuldigst. Der Stadtpräfekt verlas vor einer
großen Menschenmenge auf dem Konstantinsforum eine entsprechende
öffentliche Erklärung. Wieder einmal hieß es, Zoe
habe
sich durch die wiederholten Mordversuche an ihrem Mit-Kaiser die Strafe
selbst zuzuschreiben. Michael, so hob
man hervor, habe das unter solchen Umständen einzig Mögliche
getan. Im übrigen sei mit dem Patriarchen Alexios in der gleichen
Weise verfahren worden, denn dieser habe als Komplize bei ihren ruchlosen
Plänen mitgerwirkt.
Man wüßte gerne mehr über die Verstrickung
des Patriarchen, doch geben die griechischen Quellen darüber so gar
wie keine Auskunft. Erst von Ibn-al-Athir erfährt man von anderen
Gründen Michaels V., sich des
Patriarchen zu entledigen. Er habe ihn anläßlich eines Besuchs
in einem bosporusaufwärts gelegenen Kloster in einen Hinterhalt gelockt,
wo ein Trupp seiner skythischen Garde ihm auflauerte, um ihn umzubringen.
Alexios sei jedoch entkommen und sogleich nach Konstantinopel zurückgekehrt,
wo er alle Kirchenglocken habe läuten lassen, um das Volk zum Aufstand
zu bewegen. Diese Geschichte mag man glauben oder nicht; es ist damals
jedenfalls zu einem Volksaufstand gekommen. Als der Präfekt mit der
Erklärung zu Ende war, erscholl aus der Menge eine Stimme, die den
Sturz des Gotteslästeres Michael
verlangte und forderte, ihn durch Zoe,
die rechtmäßige Kaiserin, zu ersetzen. Die Menge fiel
sogleich in diesen Ruf ein. Einige versuchten, des Präfekten habhaft
zu werden, und dieser kam gerade noch mit dem Leben davon.
So seltsam es sich anhören mag, das Volk von Konstantinopel
hatte Zoe ins Herz geschlossen, obwohl
sie sich um dessen Gunst nie bemüht hatte. Man sah in ihr nicht nur
die Tochter, Enkelin und Urenkelin kaiserlichen Geschlechts und die Nichte
eines der erfolgreichsten Kaisers, die Byzanz je erlebt hatte; auch ihr
Alter spielte eine Rolle. Sie war bereits Kaiserin gewesen, als die meisten
von ihnen noch gar nicht geboren waren, und damit fast unmerklich zu einer
Institution geworden. Alle wußten, dass sie den jungen Michael
aus freien Stücken adoptiert hatte und er einzig ihr seinen Aufstieg
verdankte, der gerade vier Monate zurücklag. Die Vorstellung, sie
habe ihn sogleich umbringen wollen, war so lächerlich wie Behandlung
durch Michael schändlich. Psellos
gibt einen lebhaften Augenzeugenbericht der Szene, die nun folgte:
Da sie keiner mehr aufzuhalten vermochte - der Aufstand
auf die gesamte Bevölkerung übergegriffen -, stellte sich die
Menge auf einen Kampf ein. Man bildete als erstes kleine Gruppen,
so ähnlich wie Kompanien. Dann ging man als Bürgerheer geschlossen
zum Angriff über. Alle waren bewaffnet, die einen ergriffen eine Axt,
andere schwangen ein schweres Breitschwert, die dritten faßten einen
Bogen und wieder andere einen Speer. Aber die Hauptmasse des Mobs, in der
einige schwere Steine unter Gewändern verborgen und weitere wurfbereit
in den Händen hielten, rannte blindlings durcheinander. Zu Verstärkung
der Aufständischen waren alle Gefängnisse geöffnet worden.
Ich stand gerade in der Außenhalle des Palastes
und diktierte vertrauliche Depeschen, als plötzlich Pferdegetrappel
an unser drang, was den meisten von uns das Herz bis zum Hals schlagen
ließ. Dann überbrachte ein Bote die Nachricht, die gesamte Bevölkerung
befinde sich im Aufruhr gegen den Kaiser. Sie stehe wie ein Mann zusammen,
marschiere unter einer Flagge und habe nur ein Ziel ... Ich schwang mich
sogleich auf mein Pferd und sah während meines Ritts mitten durch
die Stadt mit eigenen Augen, was ich noch heute kaum glauben kann.
Es sah aus, als stünde die ganze Menge unter dem
Einfluß eines kollektiven Wahns, die Menschen schienen nicht mehr
sie selbst. Sie bewegten sich wie Verrückte, fühlten größere
Kräfte, ihre Augen blitzten feurig beflügelt, die Muskeln ihrer
Leiber strotzten vor Kraft...
Man beschloß, sich zuerst auf auf die kaiserliche
Familie zu stürzen und ihre stolzen Luxusvillen und Paläste niederzureißen.
Dieses Ziel vor Augen, setzte der Mob zum Generalangriff an. Alles wurde
dem Erdboden gleichgemacht. Manche Gebäude waren überdacht, andere
unbedacht dem Himmel ausgesetzt; einstürzende Dächer überhäufte
man mit Schutt, Fundamente legte man frei, als hätte die Erde selbst
ihre Last abgeworfen und die Böden hinweggeschleudert. Dies war aber
nicht etwa allein das Werk starker junger Männer; auch junge Frauen
und Kinder beiderlei Geschlechts beteiligten sich an der Zerstörung.
Ein jedes Gebäude fiel schon beim ersten Ansturm, und die Zerstörenden
plünderten vollkommen wahllos, was sich darin befand. Die Beute trugen
sie, ohne einen Gedanken an die edlen Häuser, aus denen sie stammten,
zum Verkauf zusammen.
Zu den ersten Häusern, die dergestalt zerstört
wurden, gehörte jenes von Konstantin, des Kaisers Onkel.
Irgendwie hatte er sich mit einigen Getreuen durch den Mob einen Weg zum
Großen Palast gebahnt. Dort fanden sie Michael
V., allein, von seiner Garde verlassen, in einer Ecke kauernd.
Sie erkannten, dass sie nur dann eine Überlebenschance hatten, wenn
sie Kaiserin Zoe
aus dem Exil zurückholten. Also sandten sie eilig ein Boot
aus, sie zu holen. Unterdessen scharte Konstantin, dem es im Unterschied
zu seinem lamentierenden Neffen nicht an Handlungswillen gebrach, um sich,
was er an loyalen Leuten noch auftreiben konnte, und traf Maßnahmen,
den Palast so lange zu verteidigen, bis sie eintrafen. Den ganzen Tag über
kämpften sie und feuerten einen Hagel von Pfeilen und Bolzen nach
dem andern von Türmen und hochgelegenen Fenstern herab. Viele der
Aufständischen kamen dabei um, aber für alle, die fielen, sprangen
gleich mehrere in die Bresche. Als Kaiserin
Zoe eintraf, war die Verteidigungstruppe fast am Ende. Sie befand
sich indes in einem ähnlichen Zustand. Auch jetzt noch fürchtete
sie Michael Kalaphates und seinen Onkel,
und das mit Recht. Sie war gewiß weit davon entfernt, über ihn
und das Schicksal, das er selbst über sich gebracht hatte, zu frohlocken,
und zwar vor allem deshalb, weil es ganz so aussah, als würde sie
es mit ihm teilen müssen. Sie stimmte daher allem zu, was man von
ihr verlangte, insbesondere, sich dem Volk als die gesetzmäßige
Herrscherin zu zeigen - und noch einmal mit ihrem Adoptiv-Sohn
gemeinsame Sache zu machen. Zofen entkleideten sie hastig ihrer rauhen,
wollenen Kutte und ersetzten sie durch ein Purpurgewand; man setzte ihr
das kaiserliche Diadem so auf, dass es, so gut es ging, die Haarstoppeln
bedeckte, die nach dem Kahlscheren nun zu sehen waren. Danach schritten
Michael und Zoe,
mit ihren Nerven am Ende, zur Kathisma, der kaiserlichen Loge im Hippodrom,
zu der es einen direkten Zugang vom Palast aus gab. Die führenden
Aufständischen, wollten jedoch von den beiden nichts wissen. Zoe
hätten sie wohl akzeptiert, aber die Anwesenheit von Michael
an ihrer Seite reichte aus, um sie davon zu überzeugen, dass sie praktisch
immer noch seine Gefangene war. Aus ihrer Sicht konnte es keine Lösung
der Krise geben, solange Michael auf
dem Thron saß. Plötzlich durchzuckte die Menge ein neuer Gedanke:
Theodora.
Nunmehr fünfzehn Jahre zuvor hatte Zoe
ihre jüngere Schwester offenbar in einer ungerechtfertigten Anwandlung
von Konkurrenzneid in das Petrionkloster einweisen lassen. Theodora
war
nicht wieder aufgetaucht und inzwischen weitgehend vergessen. Psellos
behauptet sogar, Michael habe, als
er den Thron bestieg, nicht einmal von ihrer Existenz gewußt. Doch
Theodora war noch sehr lebendig, hatte
als mögliche Kaiserin genausoviel Anrecht auf den Thron wie
Zoe und ihr außerdem manches voraus. Da es nun nicht mehr
so aussah, als könnte Zoe
allein
regieren, mußten sie und ihre Schwester dies eben gemeinsam besorgen.
Noch am selben Nachmittag sandte man eine Abordnung unter Patrikios
Konstantin Kabasilas, zu der auch alle Eunuchen, die früher
ihrem Vater, Konstantin VIII., gedient
hatten und später von Michael entlassen
worden waren, mit dem Auftrag nach Petrion,
Theodora
augenblicklich nach Konstantinopel zurückzuholen.
Diese Mission erwies sich als reichlich schwierig.
Theodora legte weit mehr Entschiedenheit an den Tag als Zoe,
wollte sich von den Bitten der alten Freunde ihres Vaters nicht erweichen
lassen und suchte im Sanktuarium der Klosterkapelle Schutz. Doch Kabasilas
und sein Gefolge gaben sich nicht weniger entschlossen. Sie folgten ihr
an den Ort ihrer Zuflucht und zerrten sie gegen ihren heftigen Widerstand
mit Gewalt auf die Straße. Unter Zwang blieb auch ihr nichts anderes
übrig, als ihre Kutte gegen ein kaiserliches Gewand einzutauschen.
Anschließend brachte man sie triumphierend zur Hagia Sophia, wo der
Patriarch bereits wartete. Und spät abends, am Montag, dem 19. April,
setzte man der zornigen alten Dame, die sich immer noch heftig wehrte,
die Krone von Byzanz auf, während ein gewaltiger Auflauf von Menschen
hohen und niedrigen Ranges aus allen gesellschaftlichen Schichten sie lautstark
hochleben ließ. Michael Kalaphates
wurde dagegen als Usurpator gebrandmarkt und für abgesetzt
erklärt. Direkt im Anschluß an die Feier verließ die
Versammlung die Kathedrale, strömte draußen wie der zusammen
und marschierte erneut zum Großen Palast.
Michael befand sich
jetzt in einer äußerst prekären Lage. Vier Stunden lang
hatten er und Konstantin in der Kathisma, hoch über dem wütenden
Tumult unten im Hippodrom, sich Gehör zu verschaffen versucht, wobei
sie sich hinter der bedauernswerten Zoe
verschanzten und sich im vergeblichen Versuch, die Menge davon zu überzeugen,
dass Zoe die Macht in Händen halte
und nicht sie, immer wieder vor ihr niederwerfen. Aber der Lärm schwoll
an, und als der Mob anfing, Steine zu werfen und sogar Pfeile auf sie abzuschießen,
mußten sie sich wieder in den Palast zurückziehen, wo man ihnen
bald darauf die Nachricht von Theodoras Ankunft
und Krönung hinterbrachte. Jetzt sann Michael
nur noch auf Flucht; er gedachte sich mit dem Schiff vom kaiserlichen Hafen
von Bukolcon zum großen, im Psamarthiaviertel gelegenen Studioskloster
zu begeben, wo die Stadtmauer an das Marmarameer heranreicht, und dort
Asyl zu suchen. Sein Onkel Konstantin hinderte ihn jedoch
daran. Ein Kaiser, so beharrte er, dürfe niemals fliehen. Er müsse
siegen oder kämpfend untergehen. Er sei entschlossen, den Palast bis
zum letzten Mann zu verteidigen und erwarte, dass ihm der Neffe dabei zur
Seite stehe.
Durch einen außerordentlichen Zufall kam in diesem
Augenblick der bekannteste Feldherr des Reichs, Katakalon Kekaumenos,
im Hafen an, dank dessen kühnem Ausharren im Jahr zuvor die Stadt
Messina dem Reich erhalten geblieben war, während sonst ganz Sizilien
in sarazenische Hand fiel. So hatte er sich seine Rückkehr gewiß
nicht vorgestellt.
Michael scheint
durch sein überraschendes Auftauchen jedoch wieder neuen Mut gefaßt
zu haben; er ließ sich jedenfalls dazu bewegen, seine Stellung zu
behaupten. Die ganze Nacht durch hielten die Kämpfe an. Aber schon
die Vorboten des heraufdämmernden Morgens enthüllten, dass die
Rebellen alle Zugänge zum Palast von der Land- und der Seeseite her
komplett abgeschnitten hatten. Nun bereiteten sie einen Angriff von drei
Seiten her vor: eine Abteilung griff die Kathisma vom Hippodrom her an,
eine zweite das Chalketor vom Augusteion, und die dritte marschierte gegen
das sogenannte Tsykanisterion, eine riesige offene Arena, die 200 Jahre
zuvor Basileios I. hatte anlegen lassen,
um seine Pferde zu trainieren.
Dienstag, der 20. April, gehört wohl zu den
blutigsten Tagen in der Geschichte Konstantinopels. Das Gemetzel muß
fürchterlich gewesen sein, und zwar besonders unter den Aufständischen,
die sich großenteils wehrlos den vollbewaffneten und gepanzerten
Reichstruppen gegenüber sahen: An diesem einen Tag und in darauffolgenden
Nacht sind nach glaubwürdigen Informationen über 3.000 Menschen
umgekommen. Aber letztlich behauptete sich doch die zahlenmäßige
Übermacht. In den frühen Stunden des Mittwoch fiel der Palast.
Der riesige Gebäudekomplex wurde vom rasenden, wütenden Mob überrannt;
man plünderte, verlor indes das vorrangige Ziel nie aus den Augen:
Kaiser
Michael V. aufzuspüren und zu töten.
Die Stellung noch weiter zu behaupten kam nun nicht Betracht.
Kurz vor Morgengrauen bestiegen Michael
und Konstantin, die sich zur Tarnung schmutzige zerlumpte Kleider
übergeworfen hatten, das auf sie wartende Schiff, entlang zum Studioskloster,
ließen sich sogleich das Haar scheren und wurden danach in die Klostergemeinschaft
aufgenommen. Zoe schlug sich unterdessen
allein im Palast durch, aber es dauerte nicht lange, bis die Aufständischen
sie fanden und und auf den Schultern zum kaiserlichen Thron hinübertrugen.
Nach der Flucht Michaels und Konstantins
hatte sie die Fassung wieder einigermaßen gewonnen. Obwohl dankbar
für diesen plötzlichen Schicksalsumschwung, geriet sie doch außer
sich, als sie von der Ankunft und anschließenden Krönung
Theodoras hörte. Sie hatte wohl
fest geglaubt und gehofft, ihre Schwester nie wiedersehen zu müssen.
Zuerst wollte Zoe sie sogleich wieder
in den Konvent zurückschicken, den sie niemals hätte verlassen
sollen, und erst als sie die Hochrufe vor der Hagia Sophia vernahm und
man ihr sagte, sie gälten ihrer Schwester, schätzte sie die Situation
allmählich richtig ein: der zurückgezogenen, altjüngferlichen
Theodora, an die noch vor wenigen Stunden kaum jemand gedacht
hatte, jubelte die Bevölkerung plötzlich unerklärlicherweise
zu wie einem langersehnten Idol. Widerstrebend und sicherlich auch recht
ungnädig ließ sich Zoe auf
die Partnerschaft ein, kam es ihr doch immer noch gelegener, als Mit-Kaiserin
zu regieren als überhaupt nicht.
Szenenwechsel zum Studioskloster, wo Kaiser
Michael V. und sein Onkel Konstantin im Klosterdunkel
unterzutauchen gehofft, dabei aber das Ausmaß des Volkszorns gegen
sie unterschätzt hatten. Sobald sich allgemein die Kunde verbreitete,
wo sie Zuflucht gefunden hatten, marschierte der Mob aus dem Hippodrom
westwärts die Mese entlang und verlangte lautstark ihr Blut. Psellos
folgte der Menschenmenge in einer Abteilung der kaiserlichen Garde.
Er hinterließ einen Bericht von den nun folgenden Freignissen, der
seinem Schrecken Ausdruck gibt:
Wir fanden das Kloster schon von der riesigen Menschenmenge
eingekeilt; viele versuchten in ihrem Blutrausch das Gebäude niederzureißen,
um dadurch hineinzugelangen. Es gelang uns nur mit größter Mühe,
uns einen Weg durch die hysterische Masse zu bahnen, aus der unaussprechlich
wilde Verwünschungen und Drohungen gegen die elenden Fiüchtigen
zu hören waren. Bis zu diesem Augenblick fühlte ich mich persönlich
zu keiner der beiden Seiten besonders hingezogen, obwohl ich die widerwärtige
Behandlung der Kaiserin verabscheut hatte. Als ich jedoch die Kapelle betrat
und die beiden Unglückseligen erblickte - der Kaiser auf den Knien,
zitternd den Altar umklammernd, der Nobilissimus an seiner Seite stehend,
beide in ihren erbärmlichen Lumpen kaum zu erkennen, die Gesichter
von Todesangst verzerrt stand ich wie betäubt und meine Augen füllten
sich mit Tränen.
Da die beiden Psellos' Gesichtsausdruck entnahmen,
dass er ihnen offenbar nicht gänzlich übel gesonnen war, näherten
sie sich ihm vorsichtig. Konstantin bemühte sich mit viel Aufwand,
jegliche Unterstützung oder auch nur Anstiftung seines Neffen im Komplott
gegen Zoe abzustreiten. Er habe ihn
vielmehr lediglich aus Angst vor den möglichen Folgen nicht davon
abgehalten: hätte Michael, wieder
Herr der Lage, denn nicht unverzüglich seine ganze Familie verstümmeln
lassen? Michael versuchte dagegen laut
Psellos nicht, sein Handeln zu rechtfertigen. Er war schuldig, und
nun zahlte er dafür.
Den ganzen Nachmittag über kauerten die beiden Männer
am Altar; noch hielt sich die aufgebrachte Menge aus Respekt vor dem unantastbaren
Sanktuarium zurück. Wie lange es angehalten hätte, weiß
man nicht, denn bei Hereinbrechen der Dunkelheit kam der neue Stadtpräfekt,
ein Mann namens Kampanaros, und gab an, auf Befehl von Kaiserin
Theodora seien die Gefangenen festzunehmen und gegen das Versprechen
sicheren Geleits in den Großen Palast zurückzubringen. Michael
und Konstantin weigerten sich, glaubten sie doch - was sich später
als richtig erwies - seinen Versicherungen nicht die Spur, und klammerten
sich noch fester an den Altar. Aber der Präfekt war nicht gewillt,
Zeit zu verschwenden - er befahl seinen Leuten, die beiden zu ergreifen;
man schleifte sie unter lautem Geschrei und viel Widerstand aus dem Gebäude
hinaus. Viele der Anwesenden, darunter auch Psellos, forderten von
Kampanaros zusätzlich Garantien, dass den seiner Obhut Anvertrauten
nichts geschehe, aber die überwältigende Mehrheit wollte davon
nichts wissen.
Möglicherweise kursierten in der Stadt Gerüchte,
es sei zu befürchten, Zoe könnte
in ihrer unüberwindlichen Abneigung gegen ihre Schwester geneigt sein,
die Herrschaft noch eher mit Michael als
mit ihr zu teilen und ihm irgendwie wieder auf den Thron helfen. Das klingt
zwar, nach allem, was sie mit ihm erlebt hatte, reichlich unwahrscheinlich,
doch man wollte sich auch auf das geringste Risiko gar nicht erst einlassen.
Theodora teilte die
Furcht vor der weiteren Anwesenheit Michaels und
Konstantins in vollem Umfang. Schenkt man Skylitzes Glauben,
hatte sie dem Präfekten heimlich Anweisung gegeben, den Kaiser und
seinen Onkel unverzüglich zu blenden. Zur Ausführung dieses Befehls
war Kampanaros fest entschlossen. Die beiden Männer, die der
Mob immer noch umringte - dessen Verwünschungen inzwischen Hohn gewichen
war -, wurden auf zwei Esel gesetzt, und diese trugen sie die Mese entlang
zum Palast. Psellos fährt fort:
Schon nach einem geringen Teil der Wegstrecke trafen
sie auf den Henker, der die Blendung vornehmen sollte. Nachdem seine Leute
den Befehl vorgezeigt hatten, begannen sie das Eisen zu schärfen.
Als die Opfer erkannten, welches Schicksal ihnen zugedacht war, erstarrten
sie vor Entsetzen und wären auf der Stelle vor Angst gestorben, hätte
nicht einer der anwesenden Senatoren sie in ihrem Elend getröstet
und ihnen wieder etwas Haltung zugesprochen.
Trotz dieser Bemühungen stöhnte der Kaiser
von seinem Schicksal überwältigt und jammerte laut, bettelte
um Hilfe, rief Gott, die Kirche und alles, was ihm sonst noch einfiel,
an. Sein Onkel dagegen nahm nun alle Kraft zusammen und ergab sich seinem
Schicksal mit Haltung. Als er sah, dass der Henker und seine Gehilfen bereit
waren, ging er gelassen auf sie zu und bot sich als erstes Opfer an. Als
die Menge ihn umwogte, wandte er sich an den leitenden Offizier und sagte
mit fester Stimme: "Befiehl diesen Leuten, zurückzutreten, dann wirst
du sehen, wie tapfer ich mein Los auf mich nehme." Als man ihm die Hände
binden wollte, weigerte er sich und sagte: "Wenn ich nicht stillhalte,
könnt ihr mich immer noch an einen Pfahl binden." Nach diesen Worten
legte er sich auf den Boden und rührte sich nicht mehr: es gab kein
Geschrei, kein Stöhnen, kein Erblassen. Dann stach man ihm die Augen
nacheinander aus. Als der Kaiser sah, was auch ihm schon bald widerfahren
würde, schlug er mit den Armen um sich, raufte sich das Haar und erfüllte
die Luft mit seinem Gejammer.
Der Nobilissimus stand ohne fremde Hilfe auf,
wies auf seine blutigen Augenhöhlen, und sprach, auf einen engen Freund
gestützt, zu denen, die in seiner Nähe standen, mit derart erstaunlicher
Ruhe und so übermenschlicher Haltung, dass man hätte glauben
können, das gerade Geschehene mache ihm kaum etwas aus. Dann kam der
Basileus an die Reihe. Er war mittlerweise so außer sich, dass ihn
der Henker binden und mit beträchtlichem Kraftaufwand niederhalten
mußte, weil er sich mit aller Kraft wehrte. Nach seiner Blendung
beruhigte sich der tobende Mob, die Wut legte sich.
So fand die Herrschaft Michaels
V. ihren Abschluß und damit auch die paphlagonische
Dynastie. Kurze Zeit später sandte man ihn ins Eleimonkloster
auf Chios, seinen Onkel Konstantin in ein anderes frommes Haus
auf Samos. Ob die beiden die ihnen verbleibende Lebensspanne in der Dunkelheit,
zu der sie nun verurteilt waren, ohne gewaltsames Ende abschlossen, oder
ob sie, wie Johannes Orphanotrophos, ein noch schlimmeres Schicksal
erdulden mußten, ist nicht bekannt.
Wie soll man nun Michael V.
bewerten?
Der Historiker Bury, Nestor der britischen Byzanzforschung, vertritt die
Auffassung, man habe ihn zu Unrecht so verteufelt, er sei vielmehr ein
weitsichtiger Herrscher gewesen mit keinem geringeren Ziel, als die Verwaltung
des Reichs von Grund auf zu reformieren. Da sich dies schließlich
nicht realisieren ließ, solange Zoe
und Johannes Orphanotrophos an der Macht waren, sei deren Beseitigung
- so fährt er fort - völlig berechtigt gewesen; Johannes
sei, als man ihn wegschickte, überall verhaßt gewesen. Im übrigen
komme Michael das Verdienst zu, Konstantin
Dalassenos, den Erzfeind seines Onkels, aus dem Gefängnis geholt
zu haben und auch Georgios Maniakes, den er als Katapan wieder
nach Italien entsandte; außerdem habe er Konstantin Likhudes,
einen der fähigsten Politiker seiner Zeit, zum Kanzler ernannt.
All dies mag, wenigstens bis zu einem gewissen Grad,
zutreffen. Obwohl keineswegs erwiesen, hat Michael
solch
gute Absichten möglicherweise durchaus gehegt, und vielleicht drängte
sich die Ausschaltung von Johannes Orphanotrophos tatsächlich
als unumgänglich auf, was immer man von der Behandlung
Kaiserin
Zoes, die ihn schließlich adoptiert hatte, auch halten
mag. Nicht zu bestreiten bleibt jedoch, dass ihn schon nach vier Monaten
und elf Tagen auf dem Thron ein Volksaufstand hinwegfegte. Reformwillige
müssen, wenn sie Erfolg haben wollen, behutsam vorgehen, vor allem
das Volksempfinden einkalkulieren und alles tun, um die Massen auf ihre
Seite zu bringen. Michael hat nichts
Derartiges versucht. So lobenswert seine Ziele auf lange Sicht auch gewesen
sein mögen, in der Staatsführung als jämmerlich. Und schon
aus diesem Grund konnte aus ihm niemals ein guter Kaiser werden. Wie er
sich in den letzten Tagen verhalten hat, ist nicht gerade ein Ruhmesblatt,
und auch auf seine Untertanen fällt dabei kein gutes Licht. Doch hatten
sie alle Grund, sich seiner zu entledigen, und auch wir können froh
sein, dass er nun von der Bühne abtritt.
Literatur:
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Browning Robert: Byzanz. Roms goldene Töchter.
Die Geschichte des Byzantinischen Weltreiches. Gustav Lübbe Verlag
GmbH Bergisch Gladbach 1982 Seite 92 - Ferdinandy Michael de: Der
heilige Kaiser. Otto III. und seine Ahnen. Rainer Wunderlich Verlag Tübingen
1969 Seite 275 - Norwich John Julius: Byzanz. Der Aufstieg des oströmischen
Reiches. Econ Verlag GmbH, Düsseldorf und München 1993 Band II
Seite 358,364-378 - Thiele, Andreas: Erzählende genealogische
Stammtafeln zur europäischen Geschichte Band III Europäische
Kaiser-, Königs- und Fürstenhäuser Ergänzungsband,
R.G. Fischer Verlag 1994 Tafel 198 -