Sohn des N.N. (Gote)
Lexikon des Mittelalters:
********************
Gainas, gotischer Heerführer
---------
Nach raschem Aufstieg verhalf er mit seinen Hilfstruppen 394 Theodosius I. zum Sieg über Eugenius. In den Osten durch Arcadius zurückberufen, kämpfte er unter Stilicho gegen Alarich I., war als comes rei militaris führend am Sturz des Präfekten Rufinus beteiligt und wurde schließlich magister utriusque militiae. 400 wurde er vom Kaiser mit einem starken Heer mit der Niederwerfung der Revolte des Goten Tribigild in Phrygien beauftragt, aber infolge eines Mißerfolgs des geheimen Einvernehmens mit diesem beschuldigt. Dadurch kompromittiert und beunruhigt durch den verstärkten Einfluß der antigermanischen Partei, erhob er sich und besetzte Konstantinopel, mußte aber die Hauptstadt vor allem auf Betreiben des Bischofs Johannes Chrysostomos bald wieder verlassen. Von dem kaisertreuen Fravitta bedrängt, wurde er im Dezember 400 beim Versuch, über die Donau in seine Heimat zu entkommen, von einem hunnischen Heer besiegt und erschlagen.
R. Klein
Die Armee des Ostens unterstellte Stilicho dem
Befehl des gotischen Truppenführers Gainas, und sie setzte
sich gleich in Marsch. Darauf machte er selbst sich mit den westlichen
Einheiten auf den Weg nach Hause.
Was aber, so fragt man sich, geschah mit der großen
Ostarmee, die so hastig von Kaiser
Arkadios nach Hause berufen wurde? Gainas, ihr frisch
ernannter Feldherr, fühhrte sie wie befohlen auf der Via Egnatia
nach Konstantinopel und hielt auf dem Marsfeld vor dem Goldenen Tor, wo
der Kaiser seine zurückkehrenden Truppen tradionellerweise zu
empfangen pflegte. Hier erschien denn auch am 27. November pflichtgetreu
Arkadios, und zwar in Begleitung von
Rufinus, der erwartete, noch am selben Tag zum Mit-Kaiser gemacht
zu werden. Plötzlich blitzte ein Schwert auf, andere folgten, und
einen Augenblick später fiel Rufinus tot zu Boden. Sein Körper
wurde in Stücke gehauen. Laut Claudian soll einer der Attentäter,
als er zustach, gebrüllt haben, er handle im Auftrag von Stilicho.
Es gibt jedoch keinen anderen Hinweis darauf, daß der Mord vom Magister
militum des Westens veranlaßt worden wäre. Der Plan kann ebensogut
von Eutropios gefaßt worden sein oder von Gainas und
seinen Solddaten auf dem Weg zur Hauptstadt oder auch von allen miteinander.
Im Jahre 399 schaffte es Eutropius, zum Konsul
ernannt zu werden - ein Schritt, der seinen Fall zweifellos beschleunigte.
Den Titel jetzt einem ehemaligen Sklaven und entmannten Prostituierten
verliehen zu sehen war mehr, als die freigeborene römische Bevölkerung
von Konstantinopel ertragen konnte. Ironischerweise wurde die Entscheidung
nicht durch den Senat oder die römischen Aristokratie herbeigeführt,
sondern durch die Goten, denselben Gainas nämlich, dem Stilicho
die Armee des Ostens anvertraut hatte und dessen Soldaten vier Jahre
zuvor Rufinus erschlagen hatten. Bei seiner Ankunft in der Hauptstadt
war seine Ernennung zum Magister militum per orientem bestätigt
worden, so daß er - obwohl selbst gotischer Abkunft - als einer
der beiden Feldherren nach Phrygien entsandt wurde, um die im Frühjahr
399 unter den gotischen Siedlern ausgebrochene Revolte niederzuschlagen.
Dort eingetroffen, wechselte er jedoch heimlich die Seite. In der darauffolgenden
Schlacht zerschlugen er und die Rebellen rasch die römischen Einheiten
der Armee und blieben als Sieger auf dem Schlachtfeld zurück. Noch
immer als loyaler Diener des Kaisers posierend, sandte er Arkadios
eine
Nachrichts des Inhalts, die Aufständischen seien zu zahlreich, als
daß er sie mit Gewalt beseitigen könne, und man werde sich mit
ihnen einigen müssen. An erster Stelle aber stand die Forderung nach
der Auslieferung von Eutropios.
Eudoxia verdankte
ihre Stellung Eutropios, aber dieser hatte sie zu seinem Unglück
einmal zuviel daran erinnert. Auch paßte es ihr nicht, daß
er auf ihren Mann soviel Einfluß ausübte.
So erteilte der Kaiser widerwillig den Befehl, Eutropios
auszuliefern. Dieser floh voller Schrecken in die Hagia Sophia und warf
sich Bischof Johannes Chrysostomos zu Füßen, der seine
Erhebung ebenfalls ihm verdankte, was der Eunuch nun wimmernd in Erinnerung
rief.
Eutropios war sicher in der Hagia Sophia. Unglücklicherweise,
und das wußte er wohl, war er dort jedoch auch gefangen. Es war vermutlich
die Auslegung der Bibelstelle, die seinen Widerstand mehr denn je zusammenbrechen
ließ und ihn schließlich dazu bewegte, einer Auslieferung unter
der Bedingung zuzustimmen, daß er am Leben gelassen würde. Weil
Gainas
darauf
bestand, wurde er nach Zypern verbannt, kurz darauf jedoch wieder zurückgebracht.
Unter dem trügerisch durchsichtigen Vorwand, daß seine
Immunität nur in Konstantinopel gewährleistet werden könne,
wurde er in Chalkedon vor Gericht gestellt, verurteilt und hingerichtet.
Gainas hatte gewonnnen, doch er konnte seinen
Sieg nicht lange genießen. Früh im Jahre 400 kehrte er in die
Hauptstadt zurück und versuchte wie Rufinus und Eutropios
vor ihm, dort eine Hausmacht aufzubauen. Die gegnerischen Gruppierungen
in der Stadt verhinderten jedoh, daß er je einen ähnlichen Grad
von Auutorität errang. Ein Versuch, den kaiserlichen Palast zu stürmen
- wohl mit dem Ziel, die darin waren zu ermorden und selbst den Thron zu
besteigen -, wurde im Keim erstickt. Da hinreichende zeitgenössische
Informationen fehlen, ist es unmöglich, die ganze Geschichte zu rekonstruieren.
Irgendwann gegen Ende des Sommers, nach sechs Monaten zunehmender Unruhe,
befahl Gainas seiner Armee gotischer Soldaten jedenfalls unvermutet,
sich auf den Abmarsch vorzubereiten. Die besorgte Einwohnerschaft befürchtete
einen neuen Anschlag und lief in den Straßen zusammen; die Stimmung
war so spannungsgeladen, daß es zu Kämpfen zwischen den Einheimischen
und den abziehenden Soldaten kam. Die meisten von ihnen hatten die Stadt
bereits verlassen, doch der Rest fiel dem über Jahre gewachsenen Fremdenhaß
zum Opfer, eine leichte Beute, denn sie waren stark in der Minderheit.
Man schloß die Tore, um sie an der Flucht zu hindern, und nach dem
folgendem Gemetzel zählte man bei Tagesanbruch siebentausend Tote.
Entmutigt und ohne große Hoffnungen zog Gainas
mit
den Resten seiner Armee durch Thrakien und versuchte dann, den Hellespont
nach Asien zu überqueren. Auf der anderen Seite erwartete ihn jedoch
eine kaisertreue Armee, und er mußte noch größere Verluste
hinnehmen. Darauf kämpfte er sich wieder Richtung Norden vor zur Donau,
wo er schließlich dem Hunnen-König Uldin
in
die Hände fiel; dieser ließ ihm den Kopf abschlagen und als
Präsent an Arkadios senden. Damit
hatte ein weiterer Abenteurer, der versuchte, die wachsende Verworrenheit
im Imperium zu seinen Gunsten zu nutzen, den preis für seine Verwegenheit
bezahlt.
Literatur:
-----------
Norwich John Julius: Byzanz. Der Aufstieg des
oströmischen Reiches. Econ Verlag GmbH, Düsseldorf und München
1993 Seite 135,137,140 -