Nun kennen wir eine Alfered auch als Frau
eines Daedi,
der für sie in Dodenhausen (bei Gieboldshausen im Liesgau) tradiert
[3390 Trad. Corb. A § 278/B § 17.]. Dadi war jedoch
vor Graf
Siegfried ebenfalls Graf im Hassegau und um Merseburg [3391
MGH DO I 114 (949). Von Widukind (II 18) zu 939 erwähnt wird und
(III 16) mit Wilhelm
als 953 Verbannten angeführt.]. Es könnte so aussehen,
als ob die Grafen Siegfried und Hermann
Söhne dieses Hassegau-Grafen Dadi waren. Daß Siegfried
und Hermann Brüder waren, wird weiter durch die Tatsache gestützt,
daß Graf Hermann auch einen Sohn namens Siegfried hatte
[3392 Vgl. R. Schölkopf (wie Anm. 948) Seite 135, wobei freilich
offen bleiben muß, ob bei den hier angeführten Belegen immer
der Sohn Hermanns oder Siegfrieds I. bzw. II. von Northeim
gemeint waren.]. So scheint, was schon von K. A. Eckhardt angenommen
wurde [3393 K. A. Eckhardt (wie Anm. 1007a) Seite 37.], Graf
Siegfried der Sohn des Grafen Dadi im Hassegau zu sein.
Dabei ergeben sich jedoch zwei Probleme.
Die oben angeführte Tradition
Daedis
soll etwa in das Jahr 967 gehören. Man hat jedoch bisher
angenommen, dass die Nachricht der Fuldaer
Totenannalen zum Jahre 957 März 14 "Ob. Deti
comes" [3394 MGH SS XIII Seite
198.], sich auf diesen Hassegaugrafen bezieht. Zudem ist Graf
Siegfried im Hassegau - wie wir sahen
- schon seit 961 dort bezeugt. Wenn wir also die Tradition
vordatieren wollen, was nicht völlig
unmöglich ist, müssen wir annehmen, dass sie erst geraume Zeit
nach dem Tode des Paares ausgeführt
wurde, was auch nicht ohne Parallele wäre.
Das zweite Problem betrifft den agnatischen Zusammenhang
der sogenannten Merseburger Grafen.
Wir haben Daedi
oben als IMMEDINGER
behandelt [3395 Vgl. Seite 134.]. K. A. Eckhardt macht
ihn, da ihm "im Zweifel" "die Annahme agnatischer
Abstammung der Vorzug" genießt, zu einem
Sohn seines Vorgängers, des Legaten
Siegfried, das heißt zu einem Neffen Markgraf
Geros. Der
Graf Hermann
und sein Sohn Siegfried wird wiederum von R. Schölkopf unter
die ASIG-Gruppe
gerechnet, weil die esikonischen
Grafen von Reinhausen, die ihnen im oberen Leinegau folgten,
ebenfalls den Namen Hermann als Leitnamen
hatten.
Die IMMEDINGER-These hat von vornherein eine gewisse
Bedeutung durch den Umstand, dass seit dem 8. Jahrhundert im Hassegau Machthaber
belegt sind, deren Namen in der IMMEDINGER-Sippe heimisch waren.
Das fängt mit jenem Theodericus
an, der 743 und 744 dem Hausmeier
Karlmann
in
der Hochseeburg vergeblich Widerstand leistete [3397 Ann. regni
Franc. ad a. 743 und 744.]. Im Jahre 780 sind Albericus
(=Alfrik)
und Marcoardus (Markward) Grafen
im Hassegau, beide mit IMMEDINGER-Namen [3398 UB Hersf.
I 14.]. Aus dem 9. Jahrhundert kennen wir einen Wilhelm [3399
Trad. Fuld. 41,77.], der ebenfalls in den Zusammenhang gehört. Der
Bruder Markgraf Geros, der 937 gestorbene Legat Siegfried,
hatte nicht nur im Hassegau Grafenrechte, sondern auch im thüringischen
Altgau und im Westgau, hier 932 gemeinsam mit einem
Meginwarch
(= Meinwerc) [3400 MGH DHI 32; vgl. dazu K. A. Eckhardt
(wie Anm. 1007a) Seite 333f.], mit einem bekannten IMMEDINGER-Namen.
Legat
Siegfried war der Sohn einer Schwester des Merseburger Großen
Erwin, des ersten Schwiegervater
HEINRICHS
I. [3401 Vgl. R. Schölkopf (wie Anm. 948) Seite
36.] Dieser aber war mit Meginwarch mindestens verschwägert,
wie wir aus einem schon besprochenen Gedenkeintrag entnommen haben [3402
Vgl. oben bei Anm. 1155 ff. und 3298.]. Wenn dann nach dem Tode des
Legaten Siegfried ein Daedi
in seinem Bereich amtiert, hätte
das nichts Auffälliges, wenngleich wir nicht wissen, welcher Art die
Verwandtschaft war.
Versuchen wir die von K. Schmid schon analysierten St.
Galler und Reichenauer Gedenkbucheinträge der Familie Geros
und seiner Verwandten noch einmal daraufhin abzufragen, indem wir die Identifizierungen
K. Schmids voraussetzen [3403 K. Schmid (wie Anm. 1019b) Seite 211ff.].
A : Cod. sangall. col 222 f
| 1. Thiotmar | 10.Hassig | 19. Engilhart |
| 2. Gero | 11. Thietsind | 20. Uuipald |
| 3. Iudita | 12. Hadalhart | 21. Engilhilt |
| 4. Siegfried | 13. Uuileca | 22. Adelboto |
| 5. Gero | 14. Uueldrud | 23. Horsmuot |
| 6. Hadeuui | 15. Purghart | 24. Sigefrid |
| 7. Thiotmar | 16. Odelil | 25. Kero |
| 8. Gero | 17. Thiezud | 26. Hadeuui |
| 9. Hasig | 18. Uuarrat |
B : Cod. aug. col. 263 b
| 1. Christin | 10. Iudita | 19. Ruodpret |
| 2. Hitta | 11. Thietsuuind | 20. Enna |
| 3.Thietmar | 12. Sigeuuind | 21. Hadeuih |
| 4. Keo | 13. Kero | 22. Enna |
| 5. Esih | 14. Einihilt | 23. Ruidpret |
| 6. Thietsuuind | 15. Mathilt | 24. Hait |
| 7. Odelhilt | 16. Helmerih | 25. Ailbert |
| 8. Vval | 17. Billing | 26. Sieguit |
| 9.Kero | 18. Liuthart | 27. Hageburc |
C : Cod. aug. col. 77 b/78 b/79 b
| 1. Liutgard | 20. Atto | 39. Gero |
| 2. Thietmar episc. | 21. Vffing | 40. Sigibret |
| 3. Thietmar | 22. Gero | 41. Hottrih |
| 4. Hiltigart | 23. Iudita | 42. Gerburg |
| 5. Thietmar | 24. Sigifrid | 43. Hiltigart |
| 6. Asich | 25. Hitta | 44. Liutgart |
| 7. Gero | 26. Thietsuuind | 45. Helmerih |
| 8. Christian | 27. Tete | 46. Imma |
| 9. Vodalind | 28. Egilbret | 47. Hadaburg |
| 10.Thietsuuind | 29. Emmoga | 48. Hiltiuuart |
| 11. Purchart | 30. Hadauuich | 49. Pie |
| 12. Pruni | 31. Zuuentibold | 50. Otrih |
| 13. Baco | 32. Helmerih | 51. Pruni |
| 14. Ingrim | 33. Christan | 52. Suanagilt |
| 15. Folchrih | 34. Heriman | 53. Sigifrid |
| 16. Eberhart | 35. Thietere | 54. Tete |
| 17. Vuihart | 36. Voto | 55. Theter |
| 18. Thietrat | 37. Thietburg | 56. Alflind |
| 19. Auo | 38. Balco | 57. Tuotilo |
D : Cod. aug. col. 107 b/109 b
| 1. Liudolf | 15. Sigefrid | 29. Helburch |
| 2. Gerburch | 16. Guhtiu | 30. Adulf |
| 3. Thancsut | 17. Enno | 31. Mese |
| 4. Theotmar | 18. Theotsuuid | 32. Iudite |
| 5. Odelind | 19. Botdo | 33. Dauid |
| 6. Hodo | 20. Elmerich | 34. Pernhart |
| 7. Luitigart | 21. Vueltiburg | 35. Ruodger |
| 8 Theotmar | 22. Ferbrin | 36. Pernolf |
| 9. Hiltigart | 23. Amalhart | 37. Tapo |
| 10. Theotmer | 24. Atte | 38. Christin |
| 11. Tragaboto | 25. Chonrat | 39. Cotescalch |
| 12. Gero | 26. Meginger | 40. Brun |
| 13. Iudithe | 27. Liuterat | 41. Ruodolt |
| 14. Hitte | 28. Vuolferat | 42. Adia |
Zuerst wird in A ein Thiotmar
(Nr. 1) genannt, dann folgt Gero (Nr. 2) und seine
Gemahlin Juditta (3); Geros Söhne
Siegfried (4) und Gero
(5), sowie seine Schwiegertochter Hadeuui,
die Tochter des BILLUNGERS
Wichmanns
des Älteren
(6), schließen sich an. Dann folgt eine Gruppe, die fast
identisch auch in B und C wieder aufgeführt wird:
| A: 7. Thietmar | 8. Gero | 9. Hasig | 10. Hasig | 11. Thietsind |
| B: 3. Thietmar | 4. Kero | 5. Esich | 6. Thietsuuind | |
| C: 5. Thietmar | 7. Kero | 6. Aisg | 10. Theitsuuind |
In B folgt die Gruppe unmittelbar hinter den ersten beiden
Namen, dem Paar Chrisin und Hitta, das heißt Markgraf
Christian und seiner Frau Hidda,
der Schwester Markgraf Geros. In C wird die Reihe mit Liutgart
eingeleitet, dann folgt der
Bischof Thietmar (2), wohl der von Brandenburg (949/68).
Es schließt sich ein weiterer Thietmar (3) an, dem eine
Hiltigart (4) folgt. Im Anschluß findet sich dann jeweils die
erwähnte Gruppe. Dieser Sachverhalt schließt es aus, dass wir
in ihr etwa die Kinder des Legaten Siegfried, das heißt die
Neffen Geros erblicken dürfen. Am ehesten ist an die Generation
der Eltern und Onkel Markgraf Geros zu denken, denn einer der Hasig
(wohl Nr. A 10, vielleicht als Sohn von A 9) wird der Führer der Hassegauer
sein, der 936 fiel, und Geros Vater
Thietmar ist 937 gestorben.
Es ist möglich, dass auch mit dem in A an erster Stelle genannten
Thiotmar der Vater Geros und
Siegfrieds gemeint ist,
den gerade A zeigt offensichtlich Wiederholungen: vgl. 4/5/6 und 24/25/26.
Von den übrigen Namen des A-Eintrages könnte
Odelil (16) mit der Odelhilt (7) des B-Eintrags, der von Christian eingeleitet
wird, identisch sein. Sie steht hier neben Wal (8). Ein Graf Wale, der
mit Odelint verheiratet war, erhielt 986 ein Diplom für sein Kloster
Walsrode im Loinga, indem diesem Wales Lehen in Wohlsdorf in Serimunt übertragen
wurde [3404 MGH DO III 26. Vgl. R. Schölkopf (wie Anm. 948)
Seite 113f.]. Serimunt gehörte jedoch zum Machtbereich Markgraf
Christians und seiner Nachkommen. Vodalint steht im C-Eintrag unmittelbar
nach Christian (8 und 9) und in der D-Reihe zwischen einem Theotmar (4)
und dem ebenfalls zum Familienkreis Geros gehörenden Hodo
(6). Es kann also kaum ein Zweifel bestehen, dass die Frau
Wals eine Frau aus diesem Kreis war. Vielleicht ist sie sogar mit der Odelil
bzw. Odelhilt identisch, wenn sie nicht die Schwester Christians
war. - Die Thiezud (17) des A-Eintrags entspricht der zweiten Thietsuuind
(11) der B-Reihe. In der D-Reihe steht Theotsuid (18) neben einem Botdo
(19). Um 1009 hat ein Boda bei der Übergabe seines Sohnes Walh eine
familia in Walingarothe (Wollingrode bei Ilsenburg) an Corvey übertragen
[3405 Trad. Corb. A § 453/B § 191.]. Der Name Bodo ist
in der zweiten Hälfte der Corveyer Traditionen nur einmal als Zeuge
zusammen mit zwei Gero, von denen einer neben Thiatmar, der andere neben
Ewurwini (= Erwin) angeführt ist, und gemeinsam in der bezeichnenden
Gruppe Fredericus, Vilcmarus, Cristin, Thiadricus, Bodo zu finden [3406
Trad. Corb. A § 301/B § 40 (etwa 972).]. Es handelt sich
um die Schenkung des Paares Helmericus und Liudwi in "Alfrikesrod" und
"Bodonrod"; die Ortsnamen sind beide von Namen abgeleitet, die auch unter
den Zeugen auftreten: der IMMEDINGER-Name Alfrik und eben
der Bodos. Dass dies kein Zufall ist, zeigt die Tatsache, dass im Eintrag
B (Christin/Hitta) eben auch Helmerich (16) angeführt wird,
daneben eine Reihe weiterer Namen, die ursprünglich immedingisch
waren
(15. Mathild, 19. Ruodpret, 20. Enna, 23. Ruodpret, 25. Ailbert). In den
jüngeren Reihen C und D ist Helmerichs Name ebenfalls in bezeichnender
Nachbarschaft genannt:
C 32/33 Helmerich/Christian und D 17/18/19/20 Enno (Vgl.
B 20 und 22)/Theotsuuid/Botdo/ Elmerich. All das läßt keinen
Zweifel, dass hier eine Verschwägerung mit einem IMMEDINGER-Zweig
vorliegt, die auch durch die Namen des Bruderpaares Thiatmarus/Helmerck
zutagetritt,
die in jenem Zwergen um 975 tradieren [3407 Trad. Corb. B §
53b.], in dem auch Erdag mit seiner Frau Gerburgh begütert war [3408
Trad. Corb A § 279/B § 18 (etwa 967).]. Erdega folgt jedoch
in jener Tradition Helmerichs und Liudwis in der Zeugenreihe unmittelbar
hinter Bodo.
Markgraf Christian selbst stammt aber kaum aus
diesem
IMMEDINGER-Kreis. Wir haben ihn oben [3409 Vgl. oben
bei Anm. 1828.] als zur Familie der BILLINGE/AMELUNGE gehörig angesprochen.
Diese Zuordnung wird auch durch einen Eintrag bestätigt, wo unmittelbar
hinter Helmerich die Namen Billing (17) und Liuthard (18) aufgeführt
werden. Es dürfte sich bei Billing um jenen comes handeln, der im
pagus Neletici Grafenrechte hatte [3410 Vgl. oben Seite 239.].
Dass diese BILLINGE in die Familie Christians gehören und nicht
in die seiner Frau Hidda, das heißt in die Markgraf Geros,
wird dadurch deutlich, dass sie im Eintrag Geros selbst (A) und
in den jüngeren Reihen C und D fehlen.
Dafür finden wir in Geros Eintrag außer
Uuarrat
(= Walderad?, Mann Bertas) [3411 Vgl. oben Seite 143 mit
Anm. 1211 und 1213.] ein Paar, dessen Bedeutung für die Genealogie
des sächsischen Hochadels schon betont worden ist: A 14/15
Uueldrut/Purghart.
Dass wir in ihnen das umstrittene hunfridingisch/burkhardingische
Paar vor uns haben, wird weiter gesichert durch den von G. Tellenbach untersuchten
Gedenkeintrag der schwäbischen Herzogsfamilie aus der Mitte des 10.
Jahrhunderts [3412 Vgl. G. Tellenbach, in: Zeitschrift für
württembergische Landesgeschichte 15 (1956) Seite 175 und oben bei
Anm. 2963f.], in dem auch Sigifredis angeführt wird und in
dem der Name Geros (Keroho) nachträglich zugefügt
wurde. Der Name Purchard wird nun auch in der jüngeren Reihe
C (11) genannt. Hier fehlt aber der Name seiner Schwester Wieldrut.
Dafür ist ihr Mann, der billingische Graf Vuichart (17), der
Vater des Grafen Bernhard (974 in Duderstadt) mit aufgeführt
[3413 Vgl. oben Seite 221f.].
Diese von einer Liutgart angeführte Eintrag
wird von K. Schmid [3414 K. Schmid (wie Anm. 1019b) Seite 218f.)]
mit einem Diplom OTTOS
II.
von 978 (D O II 180) in Verbindung gebracht, nach dem
die nobilis femina
Gerbirin und ihre Tochter Liutgart auf
Bitten des Markgrafen Thietmar (982?) ein Gut geschenkt erhielten.
Dieses Gut hatte einem anderen Thietmar gehört, der vielleicht
mit dem 959 gegen die Slawen umgekommenen Grafen im Harzgau und Nordthüringgau
identisch ist [3415 Vgl. R. Schölkopf (wie Anm. 948) Seite
563f.]. Es war an den König (OTTO
I.) gefallen, aus dessen Erbe es nun OTTO
II. beanspruchte. Das Gut befand sich jedoch in der Gewere der
erwähnten Damen, von denen man
Gerbirin vielleicht als Frau
Thietmars
ansprechen darf.
Betrachten wir nun die Eingangsgruppe dieser Reihe C:
1. Liutgart
2. Thietmar episcopus
3. Thietmar
4. Hiltigart
5. Thietmar
6. Asich
7. Gero
8. Christan,
9. Odelint
10. Thietsuuind.
Der Bischof Thietmar ist schon von K. Schmid als
der Bischof von Brandenburg (949-968) angesprochen worden.
Ihm ist als geistlichem Fürsten dieser Ehrenplatz gegeben, daher läßt
sich nicht sagen, ob er Liutgarts Bruder, Vetter ihres Vaters oder
vielleicht Sohn des Legaten Siegfried gewesen ist.
Wahrscheinlich war aber Liutgarts Vater Thietmar
selbst ein Sohn des Legaten. Wenn sein Gut an den König als Erben
fällt, muß er eng mit dem OTTONEN-Haus
verwandt gewesen, worauf auch der Name seiner Tochter Liutgart weist.
Nun hat Widukind von Corvey in einer viele Spekulationen auslösenden
Stelle über den Legaten Siegfried gesagt [3416 Widukind
II 2.]: Sigifridus vero, saxonum optimus et a rege secundus,
gener quondam regis, tunc vero affinitate coniunctus. Dies sieht so
aus, als ob Siegfried zweimal verheiratet war, wobei er beidemale
Frauen heiratete, die aus dem Königshaus stammten bzw. mit ihm verwandt
waren. K. A. Eckhardt hat aus dieser Stelle in Verbindung mit einem St.
Galler Gedenkbucheintrag als Schwester HEINRICHS
I. und Gemahlin eine Herminburch/Irminburg
erschlossen [3417 K. A. Eckhardt (wie Anm. 1832) Seite 18ff.].
Siegfrieds
enge Bindung an das OTTONEN-Haus wird
auch in der Gründungsurkunde von Gröningen deutlich [3418
Cod. dipl. Anh. Nr. 2 (936); vgl. R. Schölkopf (wie Anm. 948)
Seite 41.]. Die Gründung erfolgte merkwürdiger- und bezeichnenderweise
nicht allein zum Seelenheil seiner Familie, sondern auch pro rege gloriosissimo
videlicet Henrico,
cum serena
Machtilde
et regia prole
Oddone,
Henrico,
Brun,
Gerberg,
Haduwin.
Hier wird als Siegfried Gattin freilich schon Guthie
genannt. Die erste Frau war zu diesem Zeitpunkt (936) also schon gestorben
[3419 Auch K. A. Eckhardt (wie Anm. 1832) Seite 20 hat, wenn auch
aus anderen Gründen, ihren Tod vor 936/37 ansetzen müssen.].
Unter diesen Voraussetzungen ist der Hinweis von K. Schmid auf die vielen
LIUDOLFINGER-Namen der Reihen C und
D voll berechtigt [3420 K. Schmid (wie Anm.) Seite 219.].
An dritter Stelle folgt im C-Eintrag ein Thietmar,
der entweder der Vater Liutgarts oder aber Markgraf
Thietmar sein kann, der Intervenient der erwähnten Urkunde
von 978, da als Nr. 8 Christan, der Name seines Vaters, angeführt
wird.
Als Nr. 4 folgt eine Hiltigart, der sich die Gruppe
Thietmar/Asich
/Gero anschließt, die wir oben [3421 Zwischen Anm. 3403
und 3404.] als die Generation der Eltern des Legaten Siegfried und
des Markgrafen Gero angesprochen haben. Da wir aus
Widukind
wissen, dass die Mutter
Siegfrieds
eine Schwägerin des Merseburger
Großen Erwin war [3422 Widukind II 9.] und in den oben
besprochenen Einträgen des
Grafen Meginwarch [3423 Vgl.
bei Anm. 1152.], mit dem
Siegfried Grafenrechte im Altgau und Westgau
teilte, jeweils Eberwin/Hiltigart nebeneinander genannt werden,
liegt der Schluß nahe, dass die in den Einträgen C (4/5) und
D (9/10) nebeneinander angeführten
Hiltigart und Thietmar
das Elternpaar von
Siegfried und
Gero darstellen.
Nun ist an diesem Eintrag C noch eine merkwürdige
Feststellung zu machen. Als Nr. 13 wird ein Mann mit dem seltenen Namen
Baco genannt, dem wohl Nr. 38 (Balco verschrieben für Bacco?) an die
Seite zu stellen ist. Ein Bacco ist nun als Parteigänger Heinrichs,
des aufständischen Bruder OTTOS I.,
941 mit einem Erich, einem Hermann unter anderem hingerichtet worden [3424
Thietmar II 21.]. Auch ein Hermann ist in dieser Reihe C zu finden
(Nr. 34), wobei offen bleiben muß, ob dieser gemeint ist. Denn es
wird unter Nr. 46 auch eine Imma genannt, so dass das oben besprochene
Paar in Frage kommen kann [3425 Vgl. oben bei Anm. 3389.]. Aber
unter Nr. 48 ist auch ein Hildiwart genannt, wohl der spätere Bischof
von Halberstadt (968-996), der ein Sohn des ebenfalls 941 hingerichteten
Erich gewesen ist. Der zweite Baco (38. Balco) steht unmittelbar neben
einem jüngeren Gero (Nr. 39 - Markgraf Gero ist mit
seiner Frau
Juditha, seinem Bruder Siegfried und seinen Schwestern
Hitta
und Thietsuuind
unter Nrn. 22-26 enthalten). So werden wir in ihm vielleicht Gero
"von Alvensleben" zu erblicken haben, der 979 nach einem
Gottesurteil enthauptet wurde [3426 Vgl. R. Schölkopf (wie
Anm. 948) Seite 52f.]. Unmittelbar vor diesem Paar sind Vooto (36) und
Thietburg (37) aufgeführt, die wahrscheinlich mit ihm
eine enger zusammengehörende Gruppe bilden. Nach Thietmar haben Geros
Gattin und seine Schwester
Tetta
zu
seinen Gunsten das Kloster Alvensleben gestiftet [3427 Thietmar
III 10.]. Thietburg
könnte mit Tetta als Koseform gleichgesetzt
werden. Der Zusammenhang wird durch einige Corveyer Traditionen dichter.
Etwa 996 tradiert ein Brun für seinen Mutter Tade (=
Tetta) in Folcburghusen [3428 Trad. Corb. A § 402/B
§ 141.]. Der erste Baco des Eintrags steht als Nr. 13 unmittelbar
hinter Pruni (Nr. 12). Um 991 wieder schenkt Bacca zu Gunsten seines Corvey
übergebenen Sohnes Oddo in Habertushus. Auch hier wieder sehen wir
"liudolfingische"
Namen auftauchen, nun im Zusammenhang mit einem Kreis, der offenbar dazu
neigte, sich gegen das Königshaus selbst zu empören. Nun kennen
wir aus Habertushus (Habrechtsen, Haberethhusen) aber noch eine andere
Tradition, nämlich die des Waldered
mit
seiner Frau Berta und seiner Tochter Ghysla [3429 Trad.
Corb. SA § 361/B § 100.]. Diese sind zwar nicht selbst im Eintrag
C genannt, doch finden wir hier den Namen von Berthas Vater Burkhard
(Nr. 11, genau vor Pruni/Brun und Baco) und den ihres Sohnes Sigebert
(Nr. 40 Sigibret unmittelbar hinter Balco und Gero) - wohl kaum ein Zufall.
Nun ist die Familie Sigiberts
die des Pfalzgrafen
Dietrich, der sein Bruder war. Diese Familie haben wir bereits
in einem anderen Eintrag mit ihren wichtigsten Gliedern kennen gelernt
[3430 Vgl. oben bei Anm. 3352ff.]. In der Tat stimmen die Reihe
C und die jenes Eintrags, den wir hier mit E bezeichnen wollen, in vielen
Namen überein:
| Liutgart | C 1 und 44 | E 3,36 und 73 |
| Thietmar | C 2, 3 und 5 | E 6 und 27 |
| Hiltigart | C 4 und 43 | E 15 |
| Pruni | C 12 und 51 | E 9 und 38 (Brun) |
| Iuditha | C 23 | E 46 |
| Sigifrid | C 24 und 53 | E 22 |
| Tete | C 27 und 54 | E 68 (Thioto) |
| Hadauuih | C 30 | E 54, 56 und 81 |
| Heriman | C 34 | E 24 |
| Voto | C 36 | E 4 und 76 (Oddo) |
| Sigibret | C 40 | E 12, 32, 62,63 |
| Gerburg | C 42 | E 43 und 58 |
| Imma | C 46 | E 21 |
| Hadeburg | C 47 | E 48 |
| Pie | C 49 | E 33 (Bia) |
Diese Übereinstimmungen sichern unsere Annahme in
überzeugender Weise. In E fehlen jedoch die Namen Asigs und
Geros,
auch die seiner Schwester Hidda und die seines Schwagers
Christian
sowie
Helmerichs. Das bedeutet, dass die Verbindung über andere Familien
laufen muß. Für E haben wir oben festgestellt, dass wir mit
einer brunonischen Verschwägerung zu rechnen haben [3431
Vgl. oben bei Anm. 3362ff.]. Damit wird es wahrscheinlich, dass
wir auch in einem Teil der "liudolfingischen"
Namen der Reihe C solche aus dem brunonischen Komplex vor uns haben.
Das Fehlen des Namens Heinrich zeigt ebenfalls an, dass hier nicht
die
ottonische Hauptlinie gemeint ist.
Das erklärt dann aber auch die starke Beziehung dieser Namensreihe
zu den Empörern von 941. Offenbar ist das Zurückdrängen
der brunonischen Verwandten durch die OTTONEN
in diesem Zusammenhang zu sehen. Dieser Eindruck wird verstärkt, wenn
wir uns die beiden Einträge C und D nebeneinander ansehen. Auch sie
haben eine Fülle von gemeinsamen Namensgruppen, die zum Teil auch
mit E übereinstimmen. In D fehlen vor allem die vermutlichen Geschwister
des Vaters von Markgraf Gero, Gero und Asig. Dafür
wird allein hier der Legat Siegfried (15) neben seiner zweiten
Frau Guthiu
(16) genannt. Die Reihe wird von einem Liudolf
angeführt,
der durchaus ein BRUNONE sein kann. Die Vermutung liegt nahe, dass
Guthui
aus
brunonischem Kreise stammt, worauf das angeführte
widukindische
tunc
vero affinitate coniunctus
zurückgeführt werden mag.
Am ehesten hier in diesem Eintrag D werden wir Nachkommen aus ihrer Ehe
mit Siegfried erwarten dürfen. Einen Dedi suchen wir
vergeblich.
Dafür finden wir allein den Namen des Markgrafen
Hodo (Nr. 6), dessen Zugehörigkeit zur Familie Markgraf
Geros schon R. Schölkopf richtig demonstrierte [3432 R.
Schölkopf (wie Anm. 948) Seite 49ff.]. Dass dieser unmittelbare Nachfolger
Geros (965-993) ein Sohn Siegfrieds war, wird man
bezweifeln wollen. Wir werden eher an einen Enkel denken dürfen, dessen
Name (= Otto) auch auf die brunonischen Vorfahren zurückweisen
kann. Vielleicht war er ein Sohn jenes ungenannten Neffen von Markgraf
Gero, der 963 als vir optimus gefallen ist [3433 Widukind
III 67.]. Diese Einordnung wird auch dadurch bestätigt, dass nach
Hodo (6) seine Kusine Luitgart (7) im Eintrag
D angeführt ist. Auch der Name von Hodos Sohn
Siegfried, der anfangs Mönch war, zielt in die angegebene
Richtung. Da dieser Siegfried ein avunculus (= Mutterbruder)
des ASKANIERS
Esiko
(+ 1059/60) gewesen ist, kann dessen Name über die Schwester
Siegfrieds in den Namensschatz der BALLENSTEDTER gekommen
sein, wobei es unerheblich ist, ob diese Schwester wirklich wie die Markgraf
Geros Hidda hieß, wie eine spätere Überlieferung weiß
[3434 Vgl. dazu R. Schölkopf (wie Anm. 948) Seite 51f.]. Es
ist freilich möglich, dass der Name Esikos wie der seines Vaters
Adalbert
aus dem Kreis der Nachkommen der Hessi-Tochter Gisela und des Grafen Unwan
stammt, denn ein Enkel dieses Paares hieß Asig, wobei hier
seine vielleicht esikonische Mutter Helmburg die Vermittlerin gewesen
sein könnte [3435 Vgl. dazu S. Krüger (wie Anm. 5) Seite
85].
Merkwürdig ist der Name Vuolferat im Eintrag
D (Nr. 28). Dieser ist identisch mit dem Wludereds für den Hiddi etwa
981 an Corvey tradierte [3436 Trad. Corb. B § 85.], wenn die
B-Überlieferung recht hat. Die A-Überlieferung zeigt - wie wir
sahen - dafür eine Schwester Hiddis namens Aluered [3437
Trad Corb. A § 349. - Thietmar VII 55 berichtet von zwei Schwestern
namens Alwred und Irmingerd (Imma?), die 1017 als Nonnen starben und die
eine Verwandte namens Friderun hatten. Die Kombination dieser Namen deutet
auf die Familie Hermanns.], mit einem Namen, der dem der Frau Dadis/Daedis
und
Mutter Hermanns
gleicht.
Daedi
selbst können wir jedoch
im ersten der beiden
Tete des Eintrags C wiedererkennen. Unmittelbar
nach der Gruppe des Markgrafen Gero (22. Gero, 23. Juditha, 24.
Sigifrid, 25. Hitta, 26. Thietsuuind) folgt sein Name. Da er mit Alfrad
verheiratet
war, kann die Thietsuuind
kaum seine Frau sein. Sie war möglicherweise
seine Mutter und wäre dann am ehesten als Schwester Geros und
des Legaten Siegfried zu denken. Ihre Nennung und Stellung in allen
vier Einträgen läßt diese Vermutung zwar als verhältnismäßig
sicher erscheinen, doch wollen wir das genaue Verhältnis lieber offen
lassen, wenn auch die Möglichkeit, dass sie die Frau des Grafen
Meginwarch war, der mit dem Legaten die Grafschaft im Altgau und
Westgau teilte, erwogen werden kann. Vielleicht war auch dieser erste
Tete doch der Mann Thietsuuinda und der Vater des Daedi,
den man dann mit dem zweiten Tete (Nr. 54) des Eintrags identifizieren
könnte. Dieser steht unmittelbar hinter einem Sigifrid, in
dem wir wohl den Hassegaugrafen (961-980) erblicken dürfen,
da ja auch sein Bruder Hermann (Nr. 34) und dessen Frau Imma
(Nr. 46) im Eintrag vertreten scheinen. Möglich ist es auch, dass
dieser zweite Tete ein dritter Bruder Siegfrieds und Hermanns
ist und mit jenem Dedi
de Wodenswege identifiziert werden kann, dessen Sohn wieder den
Namen
Gero
hat. Dies ist der spätere
Erzbischof von Magdeburg (1012-1023)
[3438 Vgl. D. Claude, Geschichte des Erzbistums Magdeburg bis in
das 12. Jahrhundert I (1972) Seite 285.]. Der Name von Geros
Schwester
Emnilde
("von Domersleben") stammt
aus der Familie ihrer Mutter Eilica, deren Schwestern Mirisuida,
Emnilda und Eddila waren [3439 Thietmar VII 55; vgl.
R. Schölkopf (wie Anm. 948) Seite 172.]. Ein avunculus Erzbischof
Geros war auch Conradus, ein confrater Thietmars von
Merseburg [3440 Thietmar IV 74.], der zur Zeit OTTOS
III. in Italien starb. Eben dieser Conradus könnte
mit dem Chonrat des Eintrags D (Nr. 25) und dem Chuonradus der
uns hier besonders interessierenden Reihe E (Nr. 80) identisch sein, denn
dieser Name war damals in Sachsen noch nicht häufig. Man wird auch
annehmen dürfen, dass diese Familie irgendwie mit Thietmar von Merseburg
verwandt war, denn das predium Vodensvege wurde 942 von OTTO
I. an dessen Großvater Liuthar verliehen [3441 Thietmar
II 21.].
Alle angeführten Tatsachen führen zu der Feststellung,
dass der Hassegaugraf Siegfried nicht in agnatischer Linie von dem
Legaten Siegfried abstammte, sondern aus einem IMMEDINGER-Zweig,
wie anscheinend auch die GOSECKER
[3442 Auf Pfalzgraf
Siegfried (+ 1038), der allgemein und wohl auch mit Recht als Sohn
Burchards
betrachtet wird, folgt wieder ein Pfalzgraf mit dem Namen Friedrich
(+ um 1042) - sicher ein Verwandter -, dann 1042 kurze Zeit Pfalzgraf
Wilhelm, den man mit Wilhelm
IV. von Weimar gleichsetzt, und dann die GOSECKER Dedo
(1042/56) und Friedrich
(1056/88). An sich kann kein Bedenken bestehen, Dedo tatsächlich
als erster GOSECKER mit der Pfalzgrafenwürde anzusehen, wie
dies der Gosecker Chronist behauptet. Dennoch kann es sich auch bei den
GOSECKERN ihren Namen und Besitzzentren nach um eine immedingische
Linie handeln, die auf Grund dieser Abstammung zur Würde kam. Die
Pfalzgrafenwürde hat anscheinend seit Pfalzgraf
Dietrich (+ 995)
dauernd bei den IMMEDINGERN
gelegen - wenn auch bei verschiedenen Linien, deren Beziehungen zueinander
heute schwer feststellbar ist -, bis sie durch Verschwägerung an die
SOMMERSCHENBURGER
fiel.]. Die weit verbreitete Ansicht, auch noch die R. Kötschkes [3443
R. Kötzschke, Die deutschen Marken im Sorbenland (wieder abgedruckt
in: Deutsche und Slawen im mitteldeutschen Osten, 1961) Seite 69 Anm. 15.
], dass die Merseburger Grafen vom 936 gefallenen Asig
abstammten, wird bestenfalls auf die Grafen Binizo (Bio) und Esico einzuschränken
sein. Diese waren, wie wir sahen [3344 Vgl. oben bei Anm. 3388.],
mit
Burchard, dem Sohne des Hassegaugrafen Siegfried, nicht
eng verwandt. Da der König Esikos Allod einzog, wird man freilich
fragen dürfen, ob er nicht auch zu den Nachkommen des Legaten Siegfried
gehörte,
die aus dessen Ehe mit einer LIUDOLGINGERIN
Hausgut dieses Geschlechts innehatten. Auf alle Fälle ist es unmöglich,
mit R. Ahlfeld Bio (+ um 995), Esico (+ 1004)
und Burchard (+ 1017) als Söhne Siegfrieds von Merseburg
(+ 980) hinzustellen, die nach dem Tode ihres Vaters, der noch Graf
im Gesamthassegau gewesen sein soll, dessen Grafschaft unter sich aufgeteilt
haben [3345 R. Ahlfeld (wie Anm. 3387) Seite 15]. Denn wir kennen
gerade die Grafschaft Siegfrieds und Bios aus zwei Grenzbeschreibungen.
Die Grafschaft Siegfrieds
wird 979 in einer Königsurkunde umschrieben,
die sie im Norden durch die Salza begrenzt, in der aber auch unter den
civitates dieses Raumes "Meresburch" ausdrücklich genannt wird [3346
MGH DO II 191 (979).]. Keine der hier genannten 18 civitates liegt
nördlich der Salza. Dagegen geht aus der Grenzbeschreibung der Grafschaft
Bios (Binizos), die uns Thietmar überliefert [3347 Thietmar
VI 50.], und die
inter Wipperam et Salam er Saltam ac Villerbici fluvios
iacet, sich also nördlich der Salza bis zur Wipper, westlich bis
zum Wilderbach und ostwärts erstreckte, deutlich hervor, dass die
Grafschaft Siegfrieds südlich von ihr lag. Man wird also weiterhin
zwei Grafschaften im Hassegau unterscheiden müssen, die mindestens
seit Geros Bruder
Siegfrid in verschiedener Hand waren. Wie
sich diese Aufteilung mit der Tatsasche verträgt, dass Bio auch
comes Merseburgenses war [3348 Thietmar VI 50.] und auch
Esico
comitatus super Merseburg hatte [3349 Thietmar
VI 16.], ist nicht völlig klar. Anscheinend waren beide Grafschaften
im Hassegau als Pertinenzen von königlichen Amtslehen im Bereich von
Merseburg gedacht. Die Sonderstellung Merseburgs geht auch aus einer Wendung
des Dipolms OTTO I. (D O I 114) von
949 hervir: in pago Hassigoi et in confinio Mersapurac.
Es bleibt ein weiteres Problem. Wie kam der seit vorfränkischer
Zeit von IMMEDINGERN bestimmte Hassegau vorübergehend in die
Hand der GERO-SIEGFRIED-Familie? Es ist natürlich möglich,
dass die Verwandtschaft mit dem mit IMMEDINGERN verschwägerten
Erwin senior hier eine Rolle spielt. Das Problem kompliziert sich
noch dadurch, dass auch die -bald-/ASIG-Sippe beteiligt ist.
Der Zusammenhang zwischen frühen IMMEDINGERN
und
der -bald-Gruppe läßt sich gerade in Thüringen gut fassen.
Die Frau Ratpolts und Mutter Asis' hatte den IMMEDINGER-Namen
Theotrat. Sie schenkte, wie wir sahen [3450 Vgl. zum folgenden
oben bei Anm. 3106ff.], unter anderem Güter in Greußen (Kreis
Sondershausen). Hier hat aber auch ein Friedrich an Fulda tradiert
[3451 Trad. Fuld. 38, 197. Wenn wir die Tradition eines anderen
Friderich (38,39) wie die unmittelbar vorher genannte (38,39) auf
Wegeleben beziehen dürfen, hätten wir auch hier eine Besitznachbarschaft
mit dem ESIKONEN Horic (vgl. obben bei Anm. 3098).]. Am Ort, den Bosl als
Stammsitz der Asis-Familie ansehen wollte [3452 Vgl. oben bei Anm.
3131f.], in Miha, schenkt auch ein Diterich [3453 Trad. Fuld.
38, 254.]. Dass die Namen Diterich und Friderich auch in
Thüringen aber zusammen zu sehen sind, bezeugt eine gemeinsame Tradition
in Frankenhausen [3454 Trad. Fuld. 38,123.]. Auch jener rätselhafte
Graf Diterich, der in der Zeit des Fuldaer Abtes Ratgar (802/17)
seinem Kloster eine große Schenkung an 14 niederhessischen Orten
macht [3455 Trad. Fuld. 6, 97. Vgl. dazu E.E.Stengel (wie Anm. 1189)
Seite 26.], scheint in diesem Zusanmmenhang zu gehören, den in Alt-Morschen,
einem dieser Orte, ist wieder auch
Ditbald (Theotbald) als
Tradent bezeugt [3456 Trad.Fuld. 6, 105. Vgl. oben bei Anm. 3170.],
der sicher zur Familie gehört, da auch Erlwin hier tradiert [3457
Trad. Fuld. 6, 107.], der für Theotrat jene schon oben
erwähnte Seelgerätstiftung machte [3458 Vgl. oben bei
Anm. 3171.]. Ganz mit Recht hat Metz hier auf die -bald-Gruppe in den Weißenburger
Traditionen hingewiesen [3459 W. Metz (wie Anm. 1606) Seite 300.].
Am gleichen Ort zeigt sich aber auch schon die Verbindung dieser -bald-Gruppe
mit den "Nibelungen"-Kreis in der Tradition eines Liutfrid [3460
Trad. Fuld. 6,141.]. Aber auch die eigentlichen "ESIKONEN" zeigen deutlich
ihre immedingischen Beziehungen. Den Namen Alfrik (Alberich)
hat die Familie Asigs von ihnen übernommen [3461 Vgl. oben
bei Anm. 3292ff. und 1031ff. Auch die späteren Grafen von Plötzkau
hatten einen Alverich als Ahnherrn. Möglicherweise stammen
sie aus diesem Traditionskreis.]. Aber auch der Gotenname
Adalrich (Enkel
Theoderichs
des Großen), den der erste Asig selber führte (Asig
qui et Adalricus), der unter den -bald-Namen seines Vaters (Hildebold)
und seiner Brüder (Folcbold, Adalbold) herausfällt, dürfte
erst über den aus dem gotischen Sagenkreis stammenden Namen seiner
Mutter Swanehild in die Familie eingebracht worden sein. Dass auch er -
wie manche andere Namen des AMALER-Hauses
- bei den IMMEDINGERN ursprünglich zu finden war, könnte
die Tradition des IMMEDINGERS Adalward
für einen Adalric
von etwa 840 zeigen [3462 Trad. Corb. A § 108.], wen die A-Überlieferung
die richtigen Namensformen bringt, was aber nicht sicher ist. Umgekehrt
heißt die villa im Hassegau, die zu Gunsten des immedingischen
Grafen Wilhelm im 9. Jahrhundert an Fulda geschenkt wird, Wigbaldesdorf
[3463 Trad. Fuld. 41, 77. Vgl. oben bei Anm. 3399.]. Uuipald
ist jedoch der einzige Name der -bald-Gruppe, der sich bis in den Eintrag
Markgraf Geros (A Nr. 20) gehalten hat. Alles deutet also auf eine
frühe Beziehung dieser drei Familienkreise, die mindestens in den
Anfang des 9. Jahrhunderts zurückgeht.
Wir haben oben die Vermutung geäußert [3464
bei Anm. 3435.], dass der Name Asig in die Familie Unwans und der Hessi-Tochter
Gisela über ihre Schwiegertochter Helmburg hineingekommen sein kann.
Auch hier ergeben sich jedoch unter Umständen frühere Verbindungen.
Denn an bemerkenswert vielen Orten mit BILLINGE-Schenkungen im Mittelrheingebiet
finden wir auch -bald/-bold-Namen [3465 Hildebald in Illingen (vgl.
bei Anm. 1675) und Wannendorf (vgl. bei Anm. 1619ff.); Ratbald in Göns
(vgl. bei Anm. 1621); Theotbald in Langendorf (vgl. bei Anm. 1630); Erkenbolt
gar im Billinger Hof (vgl. bei Anm. 1648).]. So kann die Frage auftauchen,
ob nicht gar der Name Asig aus der Familie Giselas selbst stammt, aus der
Familie Herzogs Hessi selber. Dem scheint zu entsprechen, dass der Name
Asig sowohl im nördlichen Hessen an der Diemel aber auch im Hassegau
an der Saale zuerst auftritt. Die "ESIKONEN" würden damit zur "hessischen"
Sippe schlechthin. Doch kann diese vage Vermutung - vorerst wenigstens
- kaum weiter abgestützt werden. Wir kennen zwar noch drei weitere
Grafen des Namens Hessi, deren Verbindungen weisen aber in andere Richtung.
Den ersten und zweiten reiht S. Krüger in die "HESSI"-Sippe [3466
S. Krüger (wie Anm. 5) Seite 85.] ein, ohne dafür andere
Anhaltspunkte zu geben als den Namen. Hessi comes (+ 779) ist sonst völlig
unbekannt [3467
Ann. necrol. Fuld. MGH SS XIII Seite 166. Die Lorscher
Überlieferung kennt nur einen zeitgenössischen Priester Hassi,
der als Schreiber einer Urkunde für für Gumpert in Neuenheim
genannt wird (CL 274, 765). Den Weißenburger Quellen ist der Name
völlig fremd. In St. Galler Urkunden wird ein Hesso dieser Zeit gelegentlich
als Zeuge genannt (St. Gall. UB I 24, 759; I 33, 762).], und der zwischen
837 und 866 im Grabfeld mehrfach bezeugte Graf Hessi hat durch einen Vasallen
Nordmann 866 Gut an drei Orten im Grabfeld tradieren lassen [3468 CD
Fuld. 589.], wovon zwei (Eyershauisen und Herbstadt bei Königshofen)
auch in der großen Schenkung der Emhild von Milz genannt werden
[3469 Fuld. UB I 264 (799/800).].
Emhild aber haben wir auch
im Zusammenhang mit der Nibelungengruppe mehrfach nennen müssen [3470
Vgl. Seite 501.]. Und eben in diese führen auch die Verbindungen
des jüngsten Grafen Hessi, dessen Verwandtschaft wir etwas besser
kennen. Er hatte zwei Brüder mit Namen Liutperaht und Gozpracht, wie
wir aus seiner Schenkung aus vier Orten bei Weimar - darunter aus Vippach
- wissen [3471 Trad. Fuld. 38, 237. In Trad. Reg. 507 (etwa 1048)
zeugt einn Hesso unmittelbar neben Gozperht. Aber schon 833 ist ein Hessi
in einer regensburger Zeugenliste unter anderem mit einem Rihpald zu finden;
Trad. Reg. 26.]. In Vippach hatte vorher ein Reginfrid mit seinem Sohn
Liutbraht tradiert [3472 Trad. Fuld. 38, 179. Vgl. oben bei Anm.
1628ff.]. Wir werden in ihnen Hessis Vater und Bruder zu sehen haben. Aus
einer weiteren Tradition Hessis im Saalegau aus dem Jahre 923 erfahren
wir den Namen seines Sohnes Ruodolf [3473 CD Fuld. 674.]. Im gleichen
Jahr scheint er gestorben zu sein [3474 Ann. necr. Fuld. MGH SS
XIII Seite 192.]. Nach allen ist es vielleicht kein Zufall, wenn der einzige
sächsische Namensträger des späteren 9. Jahrhunderts (Hassa)
als Zeuge neben einem Gerho in der Traditiion Reinberns, des Vaterbruders
der Königin Mathilde, angeführt
wird [3475 Trad. Corb. A § 229/B § 454.].