Patze, Hans/Schlesinger, Walter: Seite 147-149
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"Geschichte Thüringens"

4. DIE GRAFEN VON SCHWARZBURG-KÄFERNBURG

Wahrscheinlich sind die Grafen von Schwarzburg das älteste edelfreie Geschlecht Thüringens. Für die schon früher ausgesprochene Vermutung (Erichsen), daß die Familie bis ins 8. Jahrhundert zurückreicht, lassen sich gute Gründe beibringen. Eine zusammenhängende Genealogie setzt freilich erst im 11. Jahrhundert ein.
In dem von Papst Gregor II. 722 an Bonifatius gerichteten Brief werden die einheimischen Adligen Asulf, Godolaus, Wilar, Gundar und Alvold genannt. Günther begegnet als Leitname der SCHWARZBURGER. Von den fünf Namen läßt sich weiter Alvold aufgreifen. Nach Otloh von St. Emmeram (11. Jahrhundert) stattet Albold die von Bonifatius gestiftete Zelle Ohrdruf aus, für die der Grundherr Hugo Grund und Boden zur Verfügung gestellt hatte. Merkwürdigerweise taucht im Raum Ohrdruf im Namen der Wüstung Asolveroth, die zur Ausstattung des schwarzburgischen Hausklosters Georgenthal (1143) gehörte (siehe oben Seite 12), auch der Name Asolv aus der Gruppe von 722 wieder auf. Unter den Grafen, die 802 in Erfurt ihre Eigenkirche in Kölleda dem Kloster Hersfeld übertrugen, befanden sich zwei Günther und ein Asulf. Man darf annehmen, daß es sich bei den an der Schenkung von 802 beteiligten Personen sämtlich um Agnaten oder Cognaten handelte. Zu den Leitnamen und dem alten Hausgut im Raum Ohrdruf-Georgenthal tritt als weiteres Beweisglied für den Zusammenhang dieser Edelfreien des 8. und 9. Jahrhunderts mit den späteren SCHWARZBURGERN die 802 in eben jener Schenkung der Eigenkirche in Kölleda sichtbare Verbindung mit Hersfeld. 1006 übertrug - wieder - ein Günther (nobilis homo) Eigengüter in Thüringen, Günserode, Ichtershausen und an anderen Orten dem Wigbert-Altar in Göllingen, das nahe dem genannten Kölleda liegt; dafür erwarb er die Vogtei über hersfeldische Güter unter anderem in Ohrdruf, Wechmar, Emleben, Schwabhausen (alles im Raum Ohrdruf-Gotha). Die zweite wichtige Position der späteren SCHWARZBURGER, Arnstadt, war hersfeldischen Lehen (über Heden und Arnstadt vgl. Band I Seite 339.)
Diese Beobachtungen legen den Schluß nahe, daß die späteren SCHWARZBURGER seit dem Anfang des 8. Jahrhunderts als fremde, wohl fränkische Grafen (802) in Thüringen geboten haben. Der Leitname Günther ist, wie R. Wenskus vermutet, nicht thüringisch-anglischer Herkunft.
Die Genealogie bleibt auch im hohen Mittelalter zunächst noch unsicher. Als SCHWARZBURGER sind auf Grund der Namen mit einiger Sicherheit der Eremit Günther, der bei Niederaltaich die Zelle Rinchnach im Böhmerwald gründete, und sein 1106 [Schreibfehler für 1006.] als verstorben bezeichneter Bruder zu betrachten. Als nächster KÄFERNBURGER darf Graf Sizzo angesehen werden, er sich 1075 unter den Kapitulanten von Spier (siehe oben Seite 15) befand. Ob er mit dem nun folgenden Sizzo identisch bzw. wo eine neue Person dieses Namens anzusetzen ist, bleibt unklar. Seit 1103 kommt ein Graf Sizzo in mehreren Urkunden als Graf von Längwitzgau, beim Kaiser und (bis 1123) beim Erzbischof von Mainz vor. 1123 heißt er Graf von Schwarzburg; spätestens er hat also die tief im Schwarzwald gelegene Stammburg erbaut. Sofern nicht Mangel an Quellen ein falsches Bild liefert, war es dieser Sizzo, der aus dem Längwitzgau in das weiter südöstlich gelegene Waldgebiet vordrang. Er hat die Gründungsurkunde Kaiser HEINRICHS V. für Paulinzella (siehe Abb. in Band II, 2. Teil, nach Seite 194) von 1114 mit bezeugt. Weder die Urkunde noch die Vita Paulinae bezeichnet ihn als Stifter dieses Reformklosters nach Hirsauer Gewohnheit, aber er hat bei der Gründung offfensichtlich die Hand mit im Spiele gehabt, denn er hat später ("damals Vogt") die zeitweise aus dem unwirtlichen Wald nach Rothenschirmbach ausgewiesenen Mönche wieder nach Paulinzella zurückgeholt, also ein dringendes Interesse am Fortbestehen des Klosters gehabt. Burgenbau und Beteiligung an der Stiftung bzw. Stiftung eines Reformklosters können wir bei KÄFERNBURGERN und LUDOWINGERN als gleichsam spiegelbildende Maßnahmen der Herrschaftsgründung beobachtet.
Sizzo gab nach 1118 seine Zustimmung zur Überweisung der von der Gräfin Bertha in Zwickau gegründeten Marienkirche an das Kloster Bosau (östlich Zeitz). Mit anderen Personen, die nicht genannt werden, war er Erbe der Kirche. Bertha, die später mit Wiprechts II. Sohn Heinrich vermählt war, hat 1133 das Kloster Bürgel gegründet und die Gründung des Klosters Lausnitz eingeleitet. Auch in Bürgel war ein Sizzo, vermutlich der Sohn des eben genannten, erbberechtigt. Die Verwandtschaft zwischen Bertha und Sizzo läßt sich allerdings nicht genauer bestimmen.
Als Sizzo III. 1143 das Zisterzienserkloster Georgenthal gründete, steckte er die westliche Grenze des schwarzburgischen Anspruchsraumes ab. Das Kloster wurde in Altenbergen, wo eine käfernburgische Burg gestanden haben dürfte, in Angriff genommen. Durch die Verwendung des - nach Georgenthal verlegten - Klosters als Grablege für den Stifter betonten die KÄFERNBURGER die besondere Bedeutung der Ziserze, die der landgräflichen Grablege Reinhardsbrunn gegenüber lag.
Sizzos III. ältester Sohn Günther II. (1160-1197) besaß die Käfernburg. Wie er auch in den Besitz der Herrschaften Wiehe und Rabenswald gelangt ist, wissen wir nicht, vielleicht durch Heirat, vielleicht haben auch hier die alten Beziehungen der Familie zu Hersfeld eine Rolle gespielt: Wiehe war Besitz des hersfeldischen Eigenklosters Memleben.
Sizzos III. jüngerer Sohn Heinrich I. (+  1184) erhielt die Schwarzburg und besaß Lehen bei Naumburg, wohl auch bei Weißenfels. Nach Heinrichs I. kinderlosem Tod fiel die Schwarzburg an seinen Bruder Günther II., der sie seinem älteren Sohn Heinrich II. (+ 1236), dem Gründer der Linie Schwarzburg überließ.
Günthers III. gleichnamiger Sohn (IV., + 1269) begründete die bis 1385 bestehende Linie Käfernburg. Durch geschickte Parteinahme Günthers III., seines Bruders Heinrich II. und des schwarzburgischen Erzbischofs Albert von Magdeburg (1205-1235) für PHILIPP VON SCHWABEN und das sofortige Überschwenken zu OTTO IV. nach dem Tode des STAUFERS konnte Günther III. 1208 Saalfeld auf Wiederkauf erwerben; Albert hat das Verdienst, sächsische Fürsten auf die Seite OTTOS IV. gezogen zu haben.  Durch den Erwerb von Saalfeld hatten die Grafen endlich Zugang zu einer wichtigen Verkehrslinie erhalten.
Günthers IV. Sohn Günther V. (1217-1259) trat seinem Bruder Albert I. (1217-1255) Wiehe und Rabenswald ab. Damit entstand die Linie Wiehe und Rabenswald, die 1312 ausstarb. Günther V. unterwarf sich 1249 Heinrich dem Erlauchten.
Die Söhne Günthers VI. (1259-1269), Günther VII. (1269-1289) und Günther VIII. (1269-1302), regierten bis 1280 gemeinsam. Sie ordneten 1273 in einem umfänglichen Vertrag ihre Rechte an Arnnstadt mit ihrem Lehnsherrn, dem Abt von Hersfeld. Der Abt behielt alle Zinsen und Liegenschaften sowie das Marktrecht, den Grafen blieben die Vogteirechte, die Hälfte der Rechte am Kaufhaus und als Lehen die Burg Neideck. Gericht, Münze und Zoll wurden geteilt. Der Vertrag bewahrte beide Teile auch in Zukunft nicht vor Streitigkeiten. 1290 mußte König RUDOLF, der 1289/90 von Erfurt aus die Burg Ilmenau zerstörte, zwischen Abt und Graf Günther VIII. schlichten.