Zettler, Alfons: Seite 109-110,113-114
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"Geschichte des Herzogtums Schwaben."

In den knapp 40.000 Namen umfassenden Verbrüderungsbuch der Reichenau, des anderen einflußreichen und alteingesessen Klosters in Schwaben, finden sich nicht nur Burchard I., hier noch ohne Herzogstitel, und Reginlind eingetragen, sondern im Anschluß daran noch 25 weitere Personen von der Hand des gleichen Schreibers:

  PURCHART - REGINLIND - LIUTCART - KISILA - Perehta - Rualind
  Uuoluolt, Thiet... (= Thietpold?), Perihker, Odalrih, Manegolt, Uotilo, Perehtolt, Erchenbold,
  Kerbrig, Kerbrig, Sigebrug, Ruom, Uuito, Perehker, Perenhart, Uualdpret, Helmerat, Uuenilo,
  Cundhere, Heribold, Picho.

Hervorgehoben durch Capitalis-Schrift steht zu Beginn das Paar Burchard und Reginlind. Es folgen zwei weitere Frauen in Versalien und schließlich nochmals zwei Frauen in gewöhnlicher Schrift. Von den Frauen getrennt stehen dann acht Männer, schließlich eine Gruppe von drei Frauen und nochmals zehn Männer. In dem voranstehenden und hervorgehobenen Namenpaar Burchard - Reginlind sind ohne Zweifel der (spätere) Herzog und seine Gemahlin zu erkennen, und dieses fürstliche Paar bildet den Ausgangs- und Gravitationspuunkt, um den die anderen Personen kreisen. Zwei weitere Frauen nach Reginlind, Liutgard und Gisela, sind ebenfalls in Auszeichnungsschrift gehalten; sie dürften dem Paar an Wichtigkeit für die Familie kaum nachgestanden haben. Gisela ist als Schwiegermutter Burchards des Jüngeren, das heißt als Mutter der Reginlind, nachweisbar in den Jahren 911/12, als der ältere Burchard durch die Hand eines (Grafen) Anselm und Burchards Bruder Adalbert, Graf (im Thurgau und nördlich des Bodensees), auf Veranlassung Bischof Salomos III. von Konstanz getötet wurden. Zu jener Zeit befand sich Gisela auf Pilgerreise und weilte in Rom, entging aber dem schwäbischen Komplott gegen Burchards Familie dennoch nicht. Als sie zurückkehrte, wurde sie festgenommen, in Bodman vor Gericht gestellt und des Hochverrats für schuldig befunden [114 Annales Alamannici (Codex Modoetiensis) ad anno 911, ed. W. Lendi, Untersuchungen zur frühalemannischen Annanlistik. Die Murbacher Annalen (Scrinium Friburgense 1), Freiburg/Schweiz 1971, Seite 188. Über ihr weiteres Schicksal verlautet nichts (oben Seite 79), doch mag sie durchaus noch das Herzogtum Burchards des Jüngeren erlebt haben. Eine Gisela erscheint zusammen mit Reginlind (+ ca. 958) und Hadwig (+ 994) als ducissa in der Gründungstradition des vor 926 errichteten Klosters St. Margarethen zu Waldkirch, wobei ungewiß bleibt, ob es sich um die ältere Gisela oder eine Tochter Burchards und Reginlinds handelt [115 T. Zotz, Der Breisgau und das alemannische Herzogtum (Vorträge und Forschungen, Sonderband 15), Sigmaringen 1974, Seite 81ff., wo darauf hingewiesen wird, daß die Forschung in Gisela eine Tochter Herzog Burchards I. sehen will (Seite 81).].
Wie schon erwähnt, führte König Rudolf II. von Hoch-Burgund 921/22 Berta, eine Tochter Burchards und Reginlinds, in die Ehe. Dabei fällt auf, daß "Berta" in Oberitalien zu jener Zeit aus ausgesprochen fürstlicher, um nicht geradewegs zu sagen: königlicher Frauenname gelten kann. Berta hießen beispielsweise Töchter Lothars II. und Kaiser BERENGARS I. VON ITALIEN und auch schon im Hause der frühen KAROLINGER war der Name geläufig. Im Familienzweig Burchards begegnet jedoch sonst, soweit bekannt, keine Berta, von dort kann der Name nicht auf die spätere Gemahlin Rudolfs gekommen sein. Zweifellos stammt die Benennung "Berta" also von Seiten der (späteren) Herzogin Reginlind, auf die im Eintrag auch tatsächlich eine Berta folgt - allerdings erst nach der zweiten Generationen älteren (Großmutter) Gisela und einer weiteren mußmaßlichen Vertreterin der Eltern- oder Großelterngeneration des Herzogspaars: Liutgard (unten Seite 114).
Bertas Vermählung mit König Rudolf wirft die Frage nach der Herkunft der Frauen im Hause Burchards des Jüngeren auf, insbesondere nach der Herkunft und familiären Zuordnung der Großmutter Gisela. Denn der Zeitpunkt von Bertas Hochzeit mit dem Burgunder-König in den Jahren 921/22 fällt zusammen mit Rudolfs Bemühungen um die italienische Krone, und Burchard selbst konnte wohl kaum Ahnherren vorweise, die Rudolf hätten helfen können, über Berta einen erbrechtlich begründeten Anspruch auf den italienischen Thron vorzutragen. Genau dies aber hatte Rudolf offenkundig mit dazu bewogen, Berta heimzuführen. Es ist weiterhin bezeichnend für die  Bedeutung dieses Namens, wenn Rudolf seine italienische Krone 926 in der Darstellung des Reimser Chronisten Flodoard an einen "Sohn der Berta", König Hugo (926-947) wieder verlor. "Söhne der Berta" nämlich seien es gewesen, die den Schwiegervater Rudolfs, den Schwaben-Herzog Burchard vor Novara töteten, als jener seinem bedrängten Verwandten zu Hilfe eilte. Hier wird der Name "Berta" geradewegs verwendet, um die königliche "proles" zu bezeichnen, die von einer Frau dieses Namens hervorgebracht worden war.
Mit dem Namen "Gisela" verhält es sich ganz ähnlich wie mit "Berta". Auch "Gisela" erfreute sich zunächst im karolingischen Herrscherhaus einiger Beliebtheit und ging durch die Vermählung des Markgrafen Eberhard von Friaul mit Gisela, der Tochter LUDWIGS DES FROMMEN, in die Sippschaft der UNRUOCHINGER, also des Kaisers BERENGAR I. über. Bei den UNRUOCHINGERN fand der Name quasi als Abstammungsnachweis von den KAROLINGERN derartigen Zuspruch, daß er in keiner folgenden Generation fehlt. Gisela hießen neben der besagten Tochter Kaiser LUDWIGS DES FROMMEN beispielsweise jeweils Töchter (und dementsprechend natürlich auch Schwester) Kaiser LOTHARS I. und Kaiser LUDWIGS II. VON ITALIEN. Zugespitzt könnte man sagen: der Name "Gisela" steht in jener Umbruchzeit des 9./10. Jahrhunderts in Italien geradezu für "Töchter des Kaisers"! Und deshalb hielten es die UNRUOCHINGER genauso wie ihre Vorgänger auf dem Thron Italiens. BERENGAR I. hatte die Kaiser-Tochter Gisela zur Mutter, seine Schwester Gisela ist gut bezeugt ebenso wie eine Tochter dieses Namens.
Burchards Schwiegermutter Gisela ist nun nicht unter den erwähnten KAROLINGERINNEN zu suchen, sondern stammt fraglos aus dem Umkreis der UNRUOCHINGER. Eine genaue genealogische Einordnung gelingt zwar nicht, denn weder die Schwester Kaiser BERENGARS, die im Kindesalter ins Kloster Santa Giulia nach Brescia gegeben wurde, noch die Tochter BERENGARS, vermählt mit dem Markgrafen Adelbert von Ivrea, kommen in Frage. Zu berücksichtigen ist, daß die unruochingische Sippschaft weit verzweigt und über weite Teile des Frankenreiches verteilt war. So kommen Töchter von BERENGARS Brüdern Unrouch, Adalhart und Rudolf oder von seinen Schwestern Engeldrud, Judith und Heilwich als Eltern in Frage [119 Zu den Nachkommen Eberhards von Friaul vgl. E. Hlawitschka, Franken Alemannen, Bayern und Burgunder in Oberitalien, 774-962 (Forschungen zur oberrheinischen Landesgeschichte 8), Freiburg i. Br. 1960, Seite 276 Anm. 1. - A. Wolf, Über die Hintergründe der Erhebung Liudolfs von Schwaben, in: Zeitschrift für Rechtsgeschichte, Germanist. Abt. 80, 1963, Seite 315-325, hier 319 (wiederabgedr. in: Otto der Große, hg. von H. Zimmermann, Darmstadt 1976, Seite 56-69, hier Seite 61), hält (im Anschluß an E. Kimpen, Zur Königsgenealogie der Karolinger- und Stauferzeit, in: Zeitschrift für die Geschichte des Oberrheins 103, 1955, Seite 35-115) Reginlind für eine Tochter Graf Unruochs II., des Bruders von König BERENGAR I.]. In diesem Zusammenhang ist auch an die bekannte Geschichte von der Entführung einer der Töchter Graf Unruochs, des Bruders von BERENGAR, wahrscheinlich mit dem Namen Gisela, aus dem königlichen Nonnenkloster Santa Giulia in Brescia zu erinnern. Kaiser KARLS III. Erzkapellan Liuward, Bischof von Vercelli (+ 901), soll 886/87 gewaltsam in das Kloster eingedrungen sein und mit Hilfe von Freunden Unruochs Tochter, "die Verwandte des Kaisers", geraubt und seinem Neffen in die Ehe gegeben haben [120 Fuldaer Annalen ad a. 887 und Regensburger Fortsetzung ad a. 886; vgl. K. Schmid, Liutbert von Mainz und Liutward von Vercelli im Winter 879/80 in Italien, in: Geschichte, Wirtschaft, Gesellschaft. Festschrift für Clemens Bauer zum 75. Geburtstag, hg. von E. Hassinger/J. H. Müller/H. Ott, Berlin 1974, Seite 41-60; J.F. Böhmer/H. Zielinski, Regesta Imperii I/3,2, Köln/Weimar/Wien 1998, Nr. 853-854.].
Die nahe Verwandtschaft zwischen Burchards Schwiegermutter Gisela und König BERENGAR I. VON ITALIEN läßt sich noch durch weitere Indizien untermauern. Nur so ist zu erklären, daß König Rudolf die Äbtissin Bertha, Tochter Kaiser BERENGARS, in einer Urkunde 924 ausdrücklich als "Blutsverwandte" (consanguinea nostra) bezeichnete. Und in dem Züricher Brief Herzog Burchards erscheinen unter dessen Vasallen und Gefolgschaft offenkundig auch zwei UNRUOCHINGER: Unruoch und Berengar. An dieser Stelle ist nun ein weiterer Eintrag der Gisela von ähnlichem, ebenfalls stark familiärem Zuschnitt im jüngeren St. Galler Verbrüderungsbuch heranzuziehen:

  Uualtfrit - Kysala - Reginlind - Thiotolt - Thiotolt - Erchanbolt - Uualtpert - Kebine - Kysala
  - Pertha - Roullint - Richpret - Cunthere - Ruom - Uuolfram - Tougolf - Kerrat
  (- Kerhart - Perichker - Kerhilt - Otker - Ruothilt - Ymma - Thietrich) [123].

An der Spitze stehen die Namen Waltfred, Gisela und Reginlind, einige Zeilen darunter folgen nochmals Gisela und eine Berta. Den Kern der Verwandtengruppe bilden zweifellos Waltfred und Gisela, offenbar ein Ehepaar, um das sich dessen Nachkommen gruppieren. Unsere gesuchte UNRUOCHINGERIN Gisela war offenbar die Gemahlin jenes Markgrafen Waltfred von Verona und Friaul, der bei den turbulenten Ereignissen in Oberitalien nach der Kaiserkrönung ARNULFS 896 eine entscheidende Rolle spielte. Waltfred agierte zunächst als mächtiger Anhänger Kaiser BERENGARS und als dessen "erster Berater" (summus consiliarius), wechselte aber angesichts von ARNULFS Krönung zu letzteren über, der ihn seinerseits zum kaiserlichen Verwalter ganz Oberitaliens östlich der Adda bestellte. Bei dem Versuch, diese Position gegenüber König BERENGAR zu behaupten, starb er im selben Jahr 896 in dem von BERENGAR belagerten Verona. Die UNRUOCHINGERIN Gisela dürfte Waltfred in der Zeit seiner engsten Verbindung mit BERENGAR zwischen 876 und 896 in die Ehe geführt haben, und aus der Verbindung gingen neben Reginlind und einigen Söhnen weitere Töchter hervor, von denen zwei die typischen Königinnen- und UNRUOCHINGER-Namen Berta und Gisela trugen. An Walftreds Vorfahrenschaft in der burchardingischen Familie erinnert noch ein rundes Jahrhundert später der Domnus Abbas Waldefredus in der um 970/75 aufgezeichneten Liste der Mönche im Hohentwielkloster, begründet in eben jener Zeit von dem Herzogspaar Burchard II. und Hadwig, der wohl aus der Familie hervorgegangen ist.
In der Reichenauer Namengruppe folgt Gisela erst an vierter Stelle nach dem Paar Burchard/Reginlind. Vor ihr rangiert noch Liutgart, eine ebenfalls durch Majuskeln hervorgehobene Dame, die demnach - so steht zu vermuten - der UNRUOCHINGERIN Gisela im Familiengefüge an Rang sicher nicht nachstand und wohl dem Zweig Burchards zuzurechnen ist. In Liutgard könnte die Mutter des jüngeren Burchard, die das Mordkomplott im Jahre 911 ebenfalls überlebte, oder eine Tante bzw. Schwester desselben zu erblicken sein. Nun ist der Name der Mutter Herzog Burchards I. in den Nachrichten aus der Zeit nicht bezeugt, doch blieb in der späteren Überlieferung des schwäbischen Klosters Neresheim eine nekrologische Notiz erhalten, die unter anderen Familienangehörigen des hl. Bischofs Ulrich von Augsburg (923-973) eine Liutgardis ducissa Sueviae erwähnt. Diese "Liutgard, Herzogin von Schwaben" in der Familie des berühmten Augsburger Bischofs bietet den Ansatzpunkt zu einer Bemerkung hinsichtlich der altbekannten, in der Literatur immer wieder zu Recht betonten engen Verwandtschaft zwischen den BURCHARDEN und der Familie des hl. Ulrich.