In den knapp 40.000 Namen umfassenden Verbrüderungsbuch der Reichenau, des anderen einflußreichen und alteingesessen Klosters in Schwaben, finden sich nicht nur Burchard I., hier noch ohne Herzogstitel, und Reginlind eingetragen, sondern im Anschluß daran noch 25 weitere Personen von der Hand des gleichen Schreibers:
PURCHART - REGINLIND - LIUTCART - KISILA
- Perehta - Rualind
Uuoluolt, Thiet... (= Thietpold?), Perihker, Odalrih,
Manegolt, Uotilo, Perehtolt, Erchenbold,
Kerbrig, Kerbrig, Sigebrug, Ruom, Uuito, Perehker,
Perenhart, Uualdpret, Helmerat, Uuenilo,
Cundhere, Heribold, Picho.
Hervorgehoben durch Capitalis-Schrift steht zu Beginn
das Paar Burchard und Reginlind. Es folgen zwei weitere Frauen
in Versalien und schließlich nochmals zwei Frauen in gewöhnlicher
Schrift. Von den Frauen getrennt stehen dann acht Männer, schließlich
eine Gruppe von drei Frauen und nochmals zehn Männer. In dem voranstehenden
und hervorgehobenen Namenpaar Burchard - Reginlind sind ohne
Zweifel der (spätere) Herzog und seine Gemahlin zu erkennen, und dieses
fürstliche Paar bildet den Ausgangs- und Gravitationspuunkt, um den
die anderen Personen kreisen. Zwei weitere Frauen nach Reginlind,
Liutgard und Gisela, sind ebenfalls in Auszeichnungsschrift gehalten;
sie dürften dem Paar an Wichtigkeit für die Familie kaum nachgestanden
haben. Gisela ist als Schwiegermutter Burchards des Jüngeren,
das heißt als Mutter der Reginlind, nachweisbar in den Jahren
911/12, als der ältere
Burchard durch die Hand eines (Grafen) Anselm und Burchards
Bruder Adalbert, Graf (im Thurgau und nördlich des
Bodensees), auf Veranlassung Bischof Salomos III. von Konstanz getötet
wurden. Zu jener Zeit befand sich
Gisela auf Pilgerreise und weilte
in Rom, entging aber dem schwäbischen Komplott gegen Burchards
Familie dennoch nicht. Als sie zurückkehrte, wurde sie festgenommen,
in Bodman vor Gericht gestellt und des Hochverrats für schuldig befunden
[114
Annales Alamannici (Codex Modoetiensis) ad anno 911, ed. W.
Lendi, Untersuchungen zur frühalemannischen Annanlistik. Die Murbacher
Annalen (Scrinium Friburgense 1), Freiburg/Schweiz 1971, Seite 188. Über
ihr weiteres Schicksal verlautet nichts (oben Seite 79), doch mag sie durchaus
noch das Herzogtum Burchards des Jüngeren erlebt haben. Eine
Gisela erscheint zusammen mit Reginlind (+ ca. 958) und Hadwig
(+ 994) als ducissa in der Gründungstradition
des vor 926 errichteten Klosters St. Margarethen zu Waldkirch, wobei ungewiß
bleibt, ob es sich um die ältere Gisela oder eine Tochter
Burchards und Reginlinds handelt [115 T. Zotz, Der
Breisgau und das alemannische Herzogtum (Vorträge und Forschungen,
Sonderband 15), Sigmaringen 1974, Seite 81ff., wo darauf hingewiesen wird,
daß die Forschung in Gisela eine Tochter Herzog Burchards
I. sehen will (Seite 81).].
Wie schon erwähnt, führte König
Rudolf II. von Hoch-Burgund 921/22
Berta,
eine Tochter Burchards und Reginlinds, in die Ehe. Dabei
fällt auf, daß "Berta" in Oberitalien zu jener Zeit aus
ausgesprochen fürstlicher, um nicht geradewegs zu sagen: königlicher
Frauenname gelten kann. Berta
hießen
beispielsweise Töchter Lothars
II. und Kaiser
BERENGARS I. VON ITALIEN und auch schon im Hause der frühen
KAROLINGER war der Name geläufig.
Im Familienzweig Burchards begegnet jedoch sonst, soweit bekannt,
keine Berta, von dort kann der Name nicht auf die spätere Gemahlin
Rudolfs gekommen sein. Zweifellos stammt die Benennung "Berta"
also von Seiten der (späteren) Herzogin Reginlind, auf die
im Eintrag auch tatsächlich eine Berta folgt - allerdings erst
nach der zweiten Generationen älteren (Großmutter) Gisela
und einer weiteren mußmaßlichen Vertreterin der Eltern- oder
Großelterngeneration des Herzogspaars: Liutgard (unten Seite
114).
Bertas Vermählung
mit König Rudolf wirft die Frage
nach der Herkunft der Frauen im Hause Burchards des Jüngeren
auf, insbesondere nach der Herkunft und familiären Zuordnung der Großmutter
Gisela.
Denn der Zeitpunkt von Bertas Hochzeit
mit dem Burgunder-König in den Jahren 921/22 fällt zusammen mit
Rudolfs
Bemühungen um die italienische Krone, und Burchard selbst konnte
wohl kaum Ahnherren vorweise, die Rudolf
hätten
helfen können, über Berta
einen erbrechtlich begründeten Anspruch auf den italienischen Thron
vorzutragen. Genau dies aber hatte Rudolf
offenkundig mit dazu bewogen, Berta
heimzuführen. Es ist weiterhin bezeichnend für die Bedeutung
dieses Namens, wenn Rudolf seine italienische
Krone 926 in der Darstellung des Reimser Chronisten Flodoard an einen "Sohn
der
Berta", König
Hugo (926-947) wieder verlor. "Söhne der Berta"
nämlich seien es gewesen, die den Schwiegervater
Rudolfs, den Schwaben-Herzog Burchard vor Novara töteten,
als jener seinem bedrängten Verwandten zu Hilfe eilte. Hier wird der
Name "Berta" geradewegs verwendet,
um die königliche "proles" zu bezeichnen, die von einer Frau dieses
Namens hervorgebracht worden war.
Mit dem Namen "Gisela" verhält es sich ganz
ähnlich wie mit "Berta". Auch "Gisela" erfreute sich
zunächst im karolingischen Herrscherhaus
einiger Beliebtheit und ging durch die Vermählung des Markgrafen
Eberhard von Friaul mit Gisela,
der Tochter LUDWIGS
DES FROMMEN, in die Sippschaft der UNRUOCHINGER,
also des Kaisers BERENGAR I. über.
Bei den UNRUOCHINGERN fand der Name quasi als Abstammungsnachweis
von den KAROLINGERN
derartigen Zuspruch,
daß er in keiner folgenden Generation fehlt. Gisela
hießen neben der besagten Tochter Kaiser
LUDWIGS DES FROMMEN beispielsweise jeweils Töchter (und
dementsprechend natürlich auch Schwester)
Kaiser
LOTHARS
I. und Kaiser
LUDWIGS II. VON ITALIEN. Zugespitzt könnte man sagen:
der Name "Gisela" steht in jener Umbruchzeit des 9./10. Jahrhunderts
in Italien geradezu für "Töchter des Kaisers"! Und deshalb hielten
es die UNRUOCHINGER genauso wie ihre Vorgänger auf dem Thron
Italiens. BERENGAR I. hatte die Kaiser-Tochter
Gisela
zur Mutter, seine Schwester Gisela
ist gut bezeugt ebenso wie eine Tochter dieses Namens.
Burchards Schwiegermutter Gisela ist nun
nicht unter den erwähnten KAROLINGERINNEN
zu suchen, sondern stammt fraglos aus dem Umkreis der UNRUOCHINGER.
Eine genaue genealogische Einordnung gelingt zwar nicht, denn weder die
Schwester Kaiser BERENGARS, die im
Kindesalter ins Kloster Santa Giulia nach Brescia gegeben wurde, noch die
Tochter BERENGARS, vermählt mit
dem Markgrafen Adelbert von Ivrea, kommen in Frage. Zu berücksichtigen
ist, daß die unruochingische Sippschaft weit verzweigt und
über weite Teile des Frankenreiches verteilt war. So kommen Töchter
von BERENGARS Brüdern Unrouch,
Adalhart
und Rudolf
oder von seinen Schwestern Engeldrud,
Judith
und Heilwich
als Eltern in Frage [119 Zu den Nachkommen Eberhards von Friaul
vgl. E. Hlawitschka, Franken Alemannen, Bayern und Burgunder in Oberitalien,
774-962 (Forschungen zur oberrheinischen Landesgeschichte 8), Freiburg
i. Br. 1960, Seite 276 Anm. 1. - A. Wolf, Über die Hintergründe
der Erhebung Liudolfs von Schwaben, in: Zeitschrift für Rechtsgeschichte,
Germanist. Abt. 80, 1963, Seite 315-325, hier 319 (wiederabgedr. in: Otto
der Große, hg. von H. Zimmermann, Darmstadt 1976, Seite 56-69, hier
Seite 61), hält (im Anschluß an E. Kimpen, Zur Königsgenealogie
der Karolinger- und Stauferzeit, in: Zeitschrift für die Geschichte
des Oberrheins 103, 1955, Seite 35-115) Reginlind für eine
Tochter Graf Unruochs II., des Bruders von König
BERENGAR I.]. In diesem Zusammenhang ist auch an die bekannte
Geschichte von der Entführung einer der Töchter Graf Unruochs,
des Bruders von BERENGAR, wahrscheinlich
mit dem Namen Gisela,
aus dem königlichen Nonnenkloster Santa Giulia in Brescia zu erinnern.
Kaiser
KARLS III. Erzkapellan Liuward, Bischof von Vercelli (+
901), soll 886/87 gewaltsam in das Kloster eingedrungen sein und mit Hilfe
von Freunden
Unruochs Tochter, "die Verwandte des Kaisers", geraubt
und seinem Neffen in die Ehe gegeben haben [120 Fuldaer Annalen
ad a. 887 und Regensburger Fortsetzung ad a. 886; vgl. K. Schmid, Liutbert
von Mainz und Liutward von Vercelli im Winter 879/80 in Italien, in: Geschichte,
Wirtschaft, Gesellschaft. Festschrift für Clemens Bauer zum 75. Geburtstag,
hg. von E. Hassinger/J. H. Müller/H. Ott, Berlin 1974, Seite 41-60;
J.F. Böhmer/H. Zielinski, Regesta Imperii I/3,2, Köln/Weimar/Wien
1998, Nr. 853-854.].
Die nahe Verwandtschaft zwischen Burchards Schwiegermutter
Gisela
und König BERENGAR I. VON ITALIEN
läßt sich noch durch weitere Indizien untermauern. Nur so ist
zu erklären, daß König
Rudolf
die
Äbtissin
Bertha, Tochter Kaiser BERENGARS,
in einer Urkunde 924 ausdrücklich als "Blutsverwandte" (consanguinea
nostra) bezeichnete. Und in dem Züricher Brief Herzog Burchards
erscheinen unter dessen Vasallen und Gefolgschaft offenkundig auch zwei
UNRUOCHINGER:
Unruoch
und Berengar. An dieser Stelle ist nun ein weiterer Eintrag der
Gisela von ähnlichem, ebenfalls stark familiärem Zuschnitt
im jüngeren St. Galler Verbrüderungsbuch heranzuziehen:
Uualtfrit - Kysala - Reginlind
- Thiotolt - Thiotolt - Erchanbolt - Uualtpert - Kebine - Kysala
- Pertha - Roullint - Richpret - Cunthere
- Ruom - Uuolfram - Tougolf - Kerrat
(- Kerhart - Perichker - Kerhilt - Otker - Ruothilt
- Ymma - Thietrich) [123].
An der Spitze stehen die Namen Waltfred, Gisela
und
Reginlind,
einige Zeilen darunter folgen nochmals Gisela und eine Berta.
Den Kern der Verwandtengruppe bilden zweifellos
Waltfred und Gisela,
offenbar ein Ehepaar, um das sich dessen Nachkommen gruppieren. Unsere
gesuchte UNRUOCHINGERIN Gisela war offenbar die Gemahlin jenes Markgrafen
Waltfred von Verona und Friaul, der bei den turbulenten Ereignissen
in Oberitalien nach der Kaiserkrönung
ARNULFS
896 eine entscheidende Rolle spielte. Waltfred agierte zunächst
als mächtiger Anhänger
Kaiser BERENGARS
und als dessen "erster Berater" (summus consiliarius), wechselte
aber angesichts von ARNULFS
Krönung
zu letzteren über, der ihn seinerseits zum kaiserlichen Verwalter
ganz Oberitaliens östlich der Adda bestellte. Bei dem Versuch, diese
Position gegenüber König BERENGAR
zu behaupten, starb er im selben Jahr 896 in dem von
BERENGAR
belagerten Verona. Die UNRUOCHINGERIN Gisela dürfte Waltfred
in der Zeit seiner engsten Verbindung mit BERENGAR
zwischen 876 und 896 in die Ehe geführt haben, und aus der Verbindung
gingen neben Reginlind und einigen Söhnen weitere Töchter
hervor, von denen zwei die typischen Königinnen- und UNRUOCHINGER-Namen
Berta
und
Gisela trugen. An Walftreds Vorfahrenschaft in der burchardingischen
Familie erinnert noch ein rundes Jahrhundert später der Domnus
Abbas Waldefredus in der um 970/75 aufgezeichneten Liste der Mönche
im Hohentwielkloster, begründet in eben jener Zeit von dem Herzogspaar
Burchard
II. und Hadwig, der wohl aus
der Familie hervorgegangen ist.
In der Reichenauer Namengruppe folgt Gisela erst
an vierter Stelle nach dem Paar Burchard/Reginlind. Vor ihr
rangiert noch Liutgart, eine ebenfalls durch Majuskeln hervorgehobene
Dame, die demnach - so steht zu vermuten - der UNRUOCHINGERIN Gisela
im Familiengefüge an Rang sicher nicht nachstand und wohl dem Zweig
Burchards zuzurechnen ist. In Liutgard könnte die Mutter des
jüngeren Burchard, die das Mordkomplott im Jahre 911 ebenfalls
überlebte, oder eine Tante bzw. Schwester desselben zu erblicken sein.
Nun ist der Name der Mutter Herzog Burchards I. in den Nachrichten
aus der Zeit nicht bezeugt, doch blieb in der späteren Überlieferung
des schwäbischen Klosters Neresheim eine nekrologische Notiz erhalten,
die unter anderen Familienangehörigen des hl. Bischofs Ulrich von
Augsburg (923-973) eine Liutgardis ducissa Sueviae erwähnt.
Diese "Liutgard, Herzogin von Schwaben" in der Familie des berühmten
Augsburger Bischofs bietet den Ansatzpunkt zu einer Bemerkung hinsichtlich
der altbekannten, in der Literatur immer wieder zu Recht betonten engen
Verwandtschaft zwischen den BURCHARDEN und der Familie des hl. Ulrich.