Lüpke Siegfried:
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"Die Markgrafen der sächsischen Ostmarken in der Zeit von Gero bis zum Beginn des Investiturstreites (940-1075)"

Bei der Erwerbung der Mark Meißen durch Guncelin war der nächstberechtigte Nachfolger Ekkehards I. verdrängt worden: Hermann, der älteste Sohn des großen Markgrafen. Es ist schwer, die Stellung Hermanns während der Amtszeit Guncelins genauer zu bestimmen, da sein Verhalten verschieden gedeutet werden kann. So ist es nicht unbedingt von der Hand zu weisen, dass er im ersten Zorn über den Verlust der Mark zu Boleslaw hinneigte. Seine Heirat mit dessen Tochter, die wahrscheinlich 1002 erfolgte, kann jedenfalls in diesem Sinne aufgefaßt werden. Trotzdem war er durch die Lage der Dinge auf den deutschen König angewiesen, da er durch die Gegnerschaft zu Guncelin auch zu dessen Stütze Boleslaw in Gegensatz treten mußte. So ist es vielleicht zu verstehen, dass Hermann schon 1004 das Gebiet um Bautzen übertragen wurde. Das war der erste Schritt zum Erwerb der Meißener Mark. War das Bautzener Gebiet auch nicht umfangreich, so war es doch durch seine Lage bedeutungsvoll, denn durch den Besitz dieser Stadt, die Meißen östlich vorgelagert ist, wurde Hermann zum eigentlichen Schützer des Reiches in dieser Gegend. Daraus erklärt sich auch die Bezeichnung Hermanns als Markgraf durch Thietmar noch vor der Übertragung der ganzen Mark Meißen. Ganz sicher aber ist die Übertragung Bautzens ein Beweis des königlichen Vertrauens. Daran änderte auch der abermalige Verlust der Stadt, der nur wenige Jahre später erfolgte, nicht das Geringste. 1007 erklärte Hermann auf königlichen Befehl Polen den Krieg, sehr zum Schaden des Reiches. Sofort verwüstete Boleslaw den Gau Moraziani und besetzte die Lausitz. Darauf belagerte er Bautzen. Vergeblich eilte Markgraf Hermann nach Magdeburg, um die Fürsten zur Hilfeleistung zu bewegen. Er erreichte nichts. Bautzen wurde zur Ergebung gezwungen und blieb nun fast zweieinhalb Jahrzehnte unter polnischer Herrschaft. Bald nach der Absetzung Guncelins erhielt Hermann (1009-1038) die Belehnung mit der ganzen Mark Meißen. Der König scheint mit dieser Belehnung gezögert zu haben, da Hermann sich - wenn auch in Abwehr der Angriffe Guncelins - des Landfriedensbruches schuldig gemacht hatte. Vielleicht hat er schon die Absicht gehabt, die später HEINRICH IV. ausführte, Meißen an die WETTINER zu übertragen, denn vor der Belehnung Hermanns wird ein Graf Friedrich von Eilenburg aus dem Hause WETTIN als Schützer der Stadt erwähnt. Trotzdem ließ sich der König durch seiner Gemahlin und des Erzbischofs Tagino Bitten schließlich dazu bewegen, Meißen den EKKEHARDINERN zurückzugeben. Fortan war Hermann als getreuer Lehensmann seines Königs und Kaisers bemüht, das ihm anvertraute Gebiet in Angriff und Verteidigung gegen polnische Raubgier zu schützen. Mit wachsendem Erfolg haben die Grenzwächter in jener Zeit mit dem kriegstüchtigen Boleslaw die Waffen gekreuzt, und fast immer war Markgraf Hermann unter den Vorkämpfern für die deutsche Sache zu finden. Der Feldzug von 1010, der im wesentlichen ein Verwüstungszug war, ist bereits oben, im Zusammenhang mit der Geschichte Geros II., dargestellt worden. Hier mag nur erwähnt werden, dass Hermann den ganzen Zug mitgemacht hat und nach der Erkrankung des Königs und des Magdeburger Erzbischofs neben Gero II. und anderen Fürsten als Heerführer erscheint. Im Frühjahr 1015 weilte Hermann einige Zeit in Polen bei Boleslaw, ohne dass der Zweck seines Besuches klar wird. Thietmar erzählt nur, dass Kaiser HEINRICH II., der sich im April in Merseburg aufhielt, den Markgrafen mit großer Ungeduld erwartet habe. Bei diesem Empfang hatte Hermann die Gelegenheit, den polnischen Gesandten Stoignew der Lüge zu überführen. Den verhängnisvollen Feldzug von 1015, der Gero II. und vielen Tapferen das Leben kostete, scheint Hermann nicht mitgemacht zu haben. Wir hören nur, dass er die Leiche des gefallenen Markgrafen, der sein Stiefbruder war, in Meißen aus Bischof Eids Händen empfing, um sie nach Nienburg zu geleiten. Dann aber eilte er auf des Kaisers Befehl nach Meißen zurück. Es war höchste Zeit, denn Miseko, Boleslaws Sohn, griff bereits die Stadt an. Am 13. September ging die Unterstadt in Flammen auf, und nur mit äußerster Anstrengung gelang es, Burg und Oberstadt zu halten. Sofort ließ HEINRICH II. die verbrannte Unterstadt wieder aufbauen. Dabei waren auch Erzbischof Gero von Magdeburg und die Bischöfe Arnulf von Halberstadt und Thietmar von Merseburg zugegen. Der König aber sandte seinem Markgrafen eine Verstärkung seiner Besatzung als Hilfe. Auch 1017 fand ein Feldzug gegen Polen statt, an dem Hermann beteiligt war. Als recht hinderlich erwies sich hierbei die Bundesgenossenschaft der heidnischen Liutizen. Als ein Lehensmann des Markgrafen Hermann ein mitgeführtes Götterbild durch eine Steinwurf durchlöcherte, mußten die aufgebrachten Heiden durch eine Geldsumme beruhigt werden. Und als dann beim Muldenübergang ein anderes Götterbild ins Wasser fiel und verloren ging, sahen sie darin ein ungünstiges Vorzeichen für die bevorstehenden Kämpfe. So wurde den Deutschen ein entscheidender Erfolg versagt. Es blieb bei der wechselseitigen Beraubung und Verwüstung. Mehr erfahren wir nicht. Am 30. Januar 1018 wurde in Bautzen Frieden geschlossen "auf Herzog Boleslaws beständiges Bitten", wie Thietmar etwas schönrednerisch sagt. Erzbischof Gero, Bischof Arnulf, Markgraf Hermann und andere waren von HEINRICH II. als Unterhändler entsandt worden. Aber die Bedingungen, die sie erlangten, waren nicht "wie es sich ziemte, sondern so wie es damals geschehen konnte". Daraus ist zu entnehmen, dass dieser Friede keinen oder nur ganz geringen Landgewinn brachte. Das wird durch den Bautzener Frieden von 1031 bestätigt. Wenn Lausitz und Milzeni 1031 zurückgewonnen wurden, so setzt das ihren Verbleib bei Polen 1018 voraus. Schloß der Friede von 1018 auch nicht mit dem gewünschten Ergebnis ab, so kann doch Hermann keine Schuld daran zugeschrieben werden, denn er hatte durch Kampf und Verhandlungen zu erlangen versucht, was irgend zu erreichen war. Es war eben nicht seine Schuld, dass er es mit einem übermächtigen Gegner zu tun gehabt hatte, dem er nicht in allem Trutz bieten konnte. Die Stellung Hermanns zu HEINRICH II. ist kaum durch etwas Besonders gekennzeichnet. Wir hören von keiner Benachteiligung des Meißener Markgrafen, aber auch von keiner Bevorzugung. Einzig die Erhebung seines Bruders Eilward, der Kaplan Markgraf Thietmars II. von der Ostmark war, zum Bischof von Meißen nach Eids Tode 1016 könnte hier erwähnt werden, da die Ernennung durch den Kaiser auf Hermanns Veranlassung geschah, wie Bischof Thietmar von Merseburg ausdrücklich sagt. Einige Jahre später (1023) wurde der andere geistlich gewordene Bruder Hermanns, der Kanzler Gunther, Erzbischof von Salzburg. Von einer Auszeichnung Hermanns durch persönliche Tapferkeit oder andere Verdienste ist nirgends die Rede.
Unter KONRAD II. tritt in Hermanns Stellung zum Königtum eine Änderung ein. Müssen wir auch eine so ausführliche Chronik entbehren, wie sie Thietmar von Merseburg für die Zeit HEINRICHS II. bis 1018 bot, so fließen jetzt die Urkunden, die sich mit der Person Hermanns befassen, weit zahlreicher als vorher, und die Art ihrer Abfassung allein redet neben ihrer stattlichen Anzahl eine deutliche Sprache. Schon dass Hermann neben seinem Bruder Ekkehard als einziger deutscher Fürst bei der Kaiserkrönung in Rom 1027 nachweisbar ist, hebt ihn aus der Zahl der übrigen deutschen Fürsten heraus. Er scheint von Anfang der Regierung an KONRAD nahe gestanden zu haben, da er ihn schon in den ersten Jahren längere Zeit begleitet hat und offenbar zu den bevorzugten Ratgebern des Kaisers gehörte. Häufig tritt er als Fürsprecher auf und dies auch mehrfach in Angelegenheiten, die sein Einflußgebiet nicht unmittelbar betreffen, wie die Urkunden für Minden und Paderborn beweisen. Selbstverständlich spielte Hermann eine wichtige Rolle bei der Verlegung des Bistums Zeitz nach Naumburg, da er einen bedeutenden Teil des Gebietes aus dem Familienbesitz stiftete. Daher konnte sein Name in den beiden Papstbullen für Naumburg nicht unerwähnt bleiben. Dass der Markgraf für die Stadt ebenso gesorgt hat wie für das Bistum, zeigt eine Urkunde für Naumburger Kaufleute. Aber eine ganze Reihe dieser Schriftstücke läßt erkennen, dass zwischen Hermann und KONRAD II. ein gutes persönliches Verhältnis bestanden hat, nennt ihn doch der Kaiser des öfteren "fidelis noster marchio" und einmal sogar "inclytus marchio", eine Bezeichnung, die seine Wertschätzung deutlich genug ausdrückt. Die Erfolge blieben nicht aus. Zwar dürfte es etwas gewagt sein, die Rückgewinnung der Lausitz 1031 als unmittelbare Folge dieses Verhältnisses anzusprechen. Dafür muß der Grund vielmehr in der Festigung und Erstarkung des Reiches einerseits und der Niedergang der polnischen Macht unter Miseko II. andererseits gesucht werden. Aber gewiß ist eine der Ursachen dieser Entwicklung das gute Einvernehmen von Kaiser und Markgraf. Die urkundlichen Angaben über die Gaue, in denen Hermann eine Grafschaft verwaltete, sind sicher unvollständig. Nur Hassegau, Chutizi (oder Chuntizi, Chuontiza, Scudizi) und Milzeni werden erwähnt. Doch dürfte es nicht ungerechtfertigt sein, die Gaue, die wir als unter seinem Bruder und Nachfolger stehend nachweisen können, auch ihm zuzuschreiben. Es sind die Gaue Weita, Zurba und Husitin. Jenseits der eigentlichen Reichsgrenze hat Hermann einige Landschaften, die unter seinem Vorgänger verloren gegangen waren, zurückgewinnen helfen. Dazu gehören der Gau Milzeni und die Lausitz. Wenn seine Macht auch nicht an die seines Vaters heranreichte, so hat er doch seinen Teil dazu beigetragen, die Verluste früherer Jahre wieder einzubringen. Von einem Verhältnis zu Thüringen verlautet nichts. Durch den Tod Ekkehards I. hatte das Haus WEIMAR etwas mehr Bewegungsfreiheit erhalten, dasselbe Haus, das ihm die Vormachtstellung in Thüringen streitig machen wollte und dazu berufen war, seine Nachkommen auch in Meißen zu beerben. Die letzten Jahre Hermanns sind in Dunkel gehüllt. Die Quellen schweigen über sie. Nur sein Todesjahr (1038) steht fest.