Bei der Erwerbung der Mark
Meißen durch Guncelin
war
der nächstberechtigte Nachfolger Ekkehards
I. verdrängt worden: Hermann, der älteste Sohn
des großen Markgrafen. Es ist schwer, die Stellung Hermanns
während der Amtszeit Guncelins
genauer zu bestimmen, da sein
Verhalten verschieden gedeutet werden kann. So ist es nicht unbedingt von
der Hand zu weisen, dass er im ersten Zorn über den Verlust der Mark
zu Boleslaw hinneigte. Seine Heirat
mit dessen Tochter,
die wahrscheinlich 1002 erfolgte, kann jedenfalls in diesem Sinne aufgefaßt
werden. Trotzdem war er durch die Lage der Dinge auf den deutschen König
angewiesen, da er durch die Gegnerschaft zu Guncelin auch zu dessen
Stütze Boleslaw
in Gegensatz treten
mußte. So ist es vielleicht zu verstehen, dass Hermann
schon 1004 das Gebiet um Bautzen
übertragen wurde. Das war der erste Schritt zum Erwerb der Meißener
Mark. War das Bautzener Gebiet auch nicht umfangreich, so war es doch durch
seine Lage bedeutungsvoll, denn durch den Besitz dieser Stadt, die Meißen
östlich vorgelagert ist, wurde Hermann
zum eigentlichen Schützer des Reiches in dieser Gegend. Daraus erklärt
sich auch die Bezeichnung Hermanns
als Markgraf durch Thietmar noch vor der Übertragung der ganzen Mark
Meißen. Ganz sicher aber ist die Übertragung Bautzens ein Beweis
des königlichen Vertrauens. Daran änderte auch der abermalige
Verlust der Stadt, der nur wenige Jahre später erfolgte, nicht das
Geringste. 1007 erklärte
Hermann auf
königlichen Befehl Polen den Krieg, sehr zum Schaden des Reiches.
Sofort verwüstete Boleslaw
den
Gau Moraziani und besetzte die Lausitz. Darauf belagerte er Bautzen. Vergeblich
eilte Markgraf Hermann nach Magdeburg,
um die Fürsten zur Hilfeleistung zu bewegen. Er erreichte nichts.
Bautzen wurde zur Ergebung gezwungen und blieb nun fast zweieinhalb Jahrzehnte
unter polnischer Herrschaft. Bald nach der Absetzung Guncelins erhielt
Hermann
(1009-1038) die Belehnung mit der ganzen Mark Meißen.
Der König scheint mit dieser Belehnung gezögert zu haben, da
Hermann
sich - wenn auch in Abwehr der Angriffe Guncelins - des Landfriedensbruches
schuldig gemacht hatte. Vielleicht hat er schon die Absicht gehabt, die
später HEINRICH
IV.
ausführte, Meißen an die WETTINER
zu übertragen, denn vor der Belehnung
Hermanns
wird ein Graf Friedrich von Eilenburg aus dem Hause WETTIN als Schützer
der Stadt erwähnt. Trotzdem ließ sich der König durch seiner
Gemahlin und des Erzbischofs Tagino Bitten schließlich dazu bewegen,
Meißen den EKKEHARDINERN
zurückzugeben. Fortan war Hermann
als
getreuer Lehensmann seines Königs und Kaisers bemüht, das ihm
anvertraute Gebiet in Angriff und Verteidigung gegen polnische Raubgier
zu schützen. Mit wachsendem Erfolg haben die Grenzwächter in
jener Zeit mit dem kriegstüchtigen Boleslaw
die Waffen gekreuzt, und fast immer war Markgraf
Hermann unter den Vorkämpfern
für die deutsche Sache zu finden. Der Feldzug von 1010, der im wesentlichen
ein Verwüstungszug war, ist bereits oben, im Zusammenhang mit der
Geschichte Geros II., dargestellt worden. Hier mag nur erwähnt
werden, dass Hermann den ganzen Zug
mitgemacht hat und nach der Erkrankung des Königs und des Magdeburger
Erzbischofs neben Gero II. und anderen Fürsten als Heerführer
erscheint. Im Frühjahr 1015 weilte Hermann
einige Zeit in Polen bei Boleslaw,
ohne dass der Zweck seines Besuches klar wird. Thietmar erzählt nur,
dass Kaiser
HEINRICH II., der sich im April in Merseburg aufhielt, den
Markgrafen mit großer Ungeduld erwartet habe. Bei diesem Empfang
hatte Hermann
die Gelegenheit, den
polnischen Gesandten Stoignew der Lüge zu überführen. Den
verhängnisvollen Feldzug von 1015, der Gero II. und vielen
Tapferen das Leben kostete, scheint Hermann nicht
mitgemacht zu haben. Wir hören nur, dass er die Leiche des gefallenen
Markgrafen, der sein Stiefbruder war, in Meißen aus Bischof Eids
Händen empfing, um sie nach Nienburg zu geleiten. Dann aber eilte
er auf des Kaisers Befehl nach Meißen zurück. Es war höchste
Zeit, denn Miseko,
Boleslaws
Sohn, griff bereits die Stadt an. Am 13. September
ging die Unterstadt in Flammen auf, und nur mit äußerster Anstrengung
gelang es, Burg und Oberstadt zu halten. Sofort ließ HEINRICH
II. die verbrannte Unterstadt wieder aufbauen. Dabei waren auch
Erzbischof Gero von Magdeburg und die Bischöfe Arnulf von Halberstadt
und Thietmar von Merseburg zugegen. Der König aber sandte seinem Markgrafen
eine Verstärkung seiner Besatzung als Hilfe. Auch 1017 fand ein Feldzug
gegen Polen statt, an dem Hermann beteiligt
war. Als recht hinderlich erwies sich hierbei die Bundesgenossenschaft
der heidnischen Liutizen. Als ein Lehensmann des Markgrafen
Hermann ein mitgeführtes Götterbild durch eine Steinwurf
durchlöcherte, mußten die aufgebrachten Heiden durch eine Geldsumme
beruhigt werden. Und als dann beim Muldenübergang ein anderes Götterbild
ins Wasser fiel und verloren ging, sahen sie darin ein ungünstiges
Vorzeichen für die bevorstehenden Kämpfe. So wurde den Deutschen
ein entscheidender Erfolg versagt. Es blieb bei der wechselseitigen Beraubung
und Verwüstung. Mehr erfahren wir nicht. Am 30. Januar 1018 wurde
in Bautzen Frieden geschlossen "auf
Herzog Boleslaws beständiges Bitten",
wie Thietmar etwas schönrednerisch sagt. Erzbischof Gero, Bischof
Arnulf, Markgraf Hermann und andere
waren von HEINRICH II. als Unterhändler
entsandt worden. Aber die Bedingungen, die sie erlangten, waren nicht "wie
es sich ziemte, sondern so wie es damals geschehen konnte". Daraus ist
zu entnehmen, dass dieser Friede keinen oder nur ganz geringen Landgewinn
brachte. Das wird durch den Bautzener Frieden von 1031 bestätigt.
Wenn Lausitz und Milzeni 1031 zurückgewonnen wurden, so setzt das
ihren Verbleib bei Polen 1018 voraus. Schloß der Friede von 1018
auch nicht mit dem gewünschten Ergebnis ab, so kann doch Hermann
keine
Schuld daran zugeschrieben werden, denn er hatte durch Kampf und Verhandlungen
zu erlangen versucht, was irgend zu erreichen war. Es war eben nicht seine
Schuld, dass er es mit einem übermächtigen Gegner zu tun gehabt
hatte, dem er nicht in allem Trutz bieten konnte. Die Stellung Hermanns
zu
HEINRICH
II. ist kaum durch etwas Besonders gekennzeichnet. Wir hören
von keiner Benachteiligung des Meißener Markgrafen, aber auch
von keiner Bevorzugung. Einzig die Erhebung seines Bruders Eilward,
der Kaplan Markgraf Thietmars II. von der Ostmark war, zum Bischof
von Meißen nach Eids Tode 1016 könnte hier erwähnt werden,
da die Ernennung durch den Kaiser auf Hermanns
Veranlassung
geschah, wie Bischof Thietmar von Merseburg ausdrücklich sagt. Einige
Jahre später (1023) wurde der andere geistlich gewordene Bruder Hermanns,
der Kanzler
Gunther, Erzbischof von Salzburg. Von einer Auszeichnung
Hermanns
durch persönliche Tapferkeit oder andere Verdienste ist
nirgends die Rede.
Unter KONRAD
II. tritt in Hermanns Stellung
zum Königtum eine Änderung ein. Müssen wir auch eine so
ausführliche Chronik entbehren, wie sie Thietmar von Merseburg für
die Zeit HEINRICHS II. bis 1018 bot,
so fließen jetzt die Urkunden, die sich mit der Person Hermanns
befassen, weit zahlreicher als vorher, und die Art ihrer Abfassung allein
redet neben ihrer stattlichen Anzahl eine deutliche Sprache. Schon dass
Hermann neben seinem Bruder Ekkehard
als einziger deutscher Fürst bei der Kaiserkrönung in Rom
1027 nachweisbar ist, hebt ihn aus der Zahl der übrigen deutschen
Fürsten heraus. Er scheint von Anfang der Regierung an KONRAD
nahe gestanden zu haben, da er ihn schon in den ersten Jahren längere
Zeit begleitet hat und offenbar zu den bevorzugten Ratgebern des Kaisers
gehörte. Häufig tritt er als Fürsprecher auf und dies auch
mehrfach in Angelegenheiten, die sein Einflußgebiet nicht unmittelbar
betreffen, wie die Urkunden für Minden und Paderborn beweisen. Selbstverständlich
spielte
Hermann eine wichtige Rolle
bei der Verlegung des Bistums Zeitz nach Naumburg, da er einen bedeutenden
Teil des Gebietes aus dem Familienbesitz stiftete. Daher konnte sein Name
in den beiden Papstbullen für Naumburg nicht unerwähnt bleiben.
Dass der Markgraf für die Stadt ebenso gesorgt hat wie für das
Bistum, zeigt eine Urkunde für Naumburger Kaufleute. Aber eine ganze
Reihe dieser Schriftstücke läßt erkennen, dass zwischen
Hermann
und
KONRAD
II. ein gutes persönliches Verhältnis bestanden hat,
nennt ihn doch der Kaiser des öfteren "fidelis noster marchio"
und einmal sogar "inclytus marchio", eine Bezeichnung, die seine
Wertschätzung deutlich genug ausdrückt. Die Erfolge blieben nicht
aus. Zwar dürfte es etwas gewagt sein, die Rückgewinnung der
Lausitz 1031 als unmittelbare Folge dieses Verhältnisses anzusprechen.
Dafür muß der Grund vielmehr in der Festigung und Erstarkung
des Reiches einerseits und der Niedergang der polnischen Macht unter Miseko
II. andererseits gesucht werden. Aber gewiß ist eine der
Ursachen dieser Entwicklung das gute Einvernehmen von Kaiser und Markgraf.
Die urkundlichen Angaben über die Gaue, in denen Hermann
eine Grafschaft verwaltete, sind sicher unvollständig. Nur Hassegau,
Chutizi
(oder Chuntizi, Chuontiza, Scudizi) und Milzeni
werden erwähnt. Doch dürfte es nicht ungerechtfertigt sein,
die Gaue, die wir als unter seinem Bruder und Nachfolger stehend nachweisen
können, auch ihm zuzuschreiben. Es sind die Gaue Weita, Zurba
und Husitin. Jenseits der eigentlichen Reichsgrenze hat Hermann
einige Landschaften, die unter seinem Vorgänger verloren gegangen
waren, zurückgewinnen helfen. Dazu gehören der Gau Milzeni und
die Lausitz. Wenn seine Macht auch nicht an die seines Vaters heranreichte,
so hat er doch seinen Teil dazu beigetragen, die Verluste früherer
Jahre wieder einzubringen. Von einem Verhältnis zu Thüringen
verlautet nichts. Durch den Tod Ekkehards I. hatte das Haus WEIMAR
etwas mehr Bewegungsfreiheit erhalten, dasselbe Haus, das ihm die Vormachtstellung
in Thüringen streitig machen wollte und dazu berufen war, seine Nachkommen
auch in Meißen zu beerben. Die letzten Jahre Hermanns
sind
in Dunkel gehüllt. Die Quellen schweigen über sie. Nur sein Todesjahr
(1038)
steht
fest.