Von den beiden Söhnen Markgraf
Ottos stand der jüngere Dietrich,
dessen Geburtsdatum unbekannt ist, lange Zeit im Schatten des älteren
Albrecht.
Als im Jahre 1189 der gewaltsame Streit zwischen Albrecht und seinem
Vater ausbrach, war Dietrich anscheinend nicht oder zumindest nicht
maßgeblich am Geschehen beteiligt, obgleich seine Bevorzugung bei
der Nachfolgeregelung die Kämpfe ausgelöst hatte. Er verließ
Meißen noch vor der endgültigen Beilegung des Konfliktes und
machte sich mit Kaiser
FRIEDRICH I. auf den Weg ins Heilige Land. Das Pfingstfest
1189 verbrachte er zusammen mit
BARBAROSSA
in Preßburg. Nach dem Tod des STAUFERS
im Juni 1190 gelangte er mit dem Rest des Kreuzfahrerheeres nach Palästina
und kämpfte im folgenden Jahr vor Akkon. In der 2. Hälfte des
Jahres 1191 kehrte er in das östliche Sachsen zurück, wo ihm
noch die Regelung der Erbansprüche mit seinem Bruder Albrecht
bevorstand, der Otto mittlerweile in der Würde des Markgrafen
gefolgt war. Seitdem übte Dietrich
Grafenrechte
rechts der Saale in der Umgebung von Eisenberg und Weißenfels aus.
Bald darauf begannen die Auseinandersetzungen mit Albrecht,
in deren Verlauf er Unterstützung bei Landgraf Hermann von Thüringen
suchte, dessen Tochter Jutta
er heiratete. Gemeinsam gelang es ihnen, den Markgrafen vorerst zu einem
Ausgleich zu zwingen. Dieser beschuldigte jedoch kurze Zeit später
den LUDOWINGER des Hochverrats. Auf den Hoftagen von Nordhausen
und Altenburg, wo die Anklage im Oktober und Dezember 1192 verhandelt wurde,
fand sich daher auch Dietrich ein.
Danach ist er für drei Jahre nicht mehr in der Umgebung
HEINRICHS
VI. nachweisbar. 1195 mußte er sich dem Kaiser fügen,
als dieser die Mark
Meißen als erledigtes Reichslehen einzog, obgleich der WETTINER,
Agnat der vorigen Amtsinhaber, einen Anspruch auf die Markgrafenwürde
erheben konnte. Dennoch brachte Dietrich durch Schenkungen an das
Kloster Altzelle, auf das er als Klosterherr Einfluß besaß
und dessen Schutzvogtei mit dem Amt der Markgrafen verbunden war, zum Ausdruck,
dass er nicht gewillt war, sich völlig aus dem Machtbereich seiner
Vorfahren verdrängen zu lassen. An den 1196 beginnenden Verhandlungen
über den Erbreichplan nahm der Graf allem Anschein nach nicht teil,
obgleich ihn dessen Bestimmungen über die Erblichkeit von Reichslehen
unmittelbar betrafen. Ebensowenig begegnet er unter den Teilnehmern der
Fürstenversammlungen in Keuschberg und Erfurt. Lediglich im Dezember
1195 ist seine Anwesenheit auf dem Hoftag von Worms nachweisbar, wo er
gemeinsam mit anderen Adligen die Teilnahme am geplanten Kreuzzug gelobte.
Die Wahrscheinlichkeit, seinem Bruder Albrecht als Markgraf von
Meißen folgen zu können, dürfte angesichts der Stärke
der staufischen Königsmacht und
des Durchsetzungsvermögens HEINRICHS VI.
für
Dietrich
zu jenem Zeitpunkt gering gewesen sein.
Im Januar 1197 brach Graf Dietrich
wohl gemeinsam mit Markgraf
Konrad ins Heilige Land auf. In Akkon nahm er am 5. März an
der Versammlung vieler Fürsten teil, die kurz vor ihrer Abreise aus
Palästina der mit der Armen- und Krankenpflege betrauten Bruderschaft
des Hospitals St. Maria zusätzlich zur Johanniterregel noch die Templerregel
verliehen und sie so zum Ritterorden erhoben. Danach machte er sich mit
der Mehrzahl der deutschen Adligen auf den Heimweg. Wahrscheinlich kam
er Mitte Juli 1198 gemeinsam mit Landgraf Hermann in Sachsen an.
Angesichts der durch den Thronstreit entstandenen Schwächung des Königtums
nutzte er die Gelegenheit, Meißen mit Hilfe des
LUDOWINGERS
unter seine Herrschaft zu bringen. Ähnlich wie 1123 sein Großvater
Konrad,
okkupierte auch Dietrich, überzeugt
von seinem Erbanspruch, mit der Zustimmung der regionalen Herrschaftsträger
die Mark und urkundete bereits im November 1198 als Markgraf von Meißen.
Wahrscheinlich folgte erst nach der faktischen Machtübernahme die
lehnsrechtliche Absicherung durch eine Verständigung mit dem STAUFER,
der sich gezwungen sah, die Unterstützung des WETTINERS
durch
Gunstbeweise zu erwerben. Die nachträgliche Belehnung mit der meißnischen
Markgrafenwürde dürfte der Preis für Dietrichs
Eintritt ins staufische
Lager gewesen
sein.
Die politische Annäherung des WETTINERS an
den STAUFER ging allerdings zögerlich
vonstatten: Zwar unterzeichnete Dietrich im
Mai 1199 in Speyer gemeinsam mit seinen Vettern das Schreiben, mit welchem
sie dem Papst PHILIPPS Wahl anzeigten;
aber erst im Januar 1200 ist der Markgraf am Hof des Königs nachweisbar.
Im Sommer desselben Jahres begleitete er den STAUFER
bei dem Feldzug nach Sachsen und der Belagerung von Braunschweig. Dabei
soll er PHILIPP
zusammen mit anderen Fürsten zum vorzeitigen Abbruch der Unternehmung
überredet haben. Im Januar 1201 beteiligte sich
Dietrich am Protest der Fürsten in Halle und erscheint
dann erst wieder im Frühjahr des folgenden Jahres am königlichen
Hof in Altenburg. In dieser Zeit fand wohl auch der Übertritt von
Landgraf Hermann und
König Otakar
auf die Seite OTTOS
IV. statt. Dieser Vorgang wirft ein bezeichnendes Licht
auf die schwierigen
staufisch-böhmisch-wettinischen
Beziehungen jener Jahre, denn zu den Gründen, die den PREMYSLIDEN
zum
Seitenwechsel bewogen hatten, dürfte unter anderem der jahrelange
Streit um die Verstoßung von Dietrichs
Schwester Adela
gehört
haben, die mit Otakar verheiratet gewesen
war. In dessen Verlauf hatte sich der WETTINER anscheinend bei König
PHILIPP sogar für die Entmachtung des PREMYSLIDEN
eingesetzt
und die Übertragung der Königswürde an Theobald III. von
Böhmen, einen entfernten Verwandten, betrieben. Daher entwickelte
sich Otakars Eheprobleme, welche seit
1198 die Beziehungen zu den WETTINERN belasten und einen langwierigen
Scheidungsprozeß vor dem Papst hervorriefen, zu einem Politikum,
das auch in den folgenden Jahren das Verhältnis zwischen
PHILIPP,
Otakar
und Dietrich beeinflußte. So
durchzog der PREMYSLIDE im Sommer 1203,
als
König PHILIPP gegen den Landgrafen
Hermann, der von König Otakar
unterstützt wurde, einen Feldzug unternahm, mit seinem Heer die Mark
Meißen und richtete großen Schaden an.
Markgraf Dietrich
hingegen nahm im folgenden Jahr an den Kämpfen vor Weißensee
gegen den Thüringer und den Böhmen teil, wo sich sowohl der LUDOWINGER
als auch der PREMYSLIDE schließlich
der Übermacht des staufischen
Heeres unterwerfen mußten, dem sich große sächsische Kontingente
angeschlossen hatten. Zu den dort ausgehandelten Friedensbedingungen gehörte
anscheinend auch, dass der Böhme seine verstoßene Gattin Adela
wieder
aufnehmen sollte. Dies legt den Schluß nahe, dass
Markgraf
Dietrich zeitweise über einen gewissen Einfluß beim
König verfügte, der ihm erlaubte, seine eigenen Interessen mit
der Sache PHILIPPS zu verbinden und
daraus seine Vorteile zu ziehen. Dazu paßt ferner, dass Dietrich
in den folgenden vier Jahren häufig am Hof erschien und
mehrfach als Petent auftrat. 1206 wurde er bei Goslar in Kämpfe mit
König
OTTO um die Burg Lichtenberg verwickelt und fand sich
schließlich im Oktober 1207 ein letztes Mal in der Umgebung des
STAUFERS in Erfurt ein.
Danach wandelte sich jedoch anscheinend das politische
Verhältnis zum STAUFER. Dem Bericht
des Reinhardsbrunner Chronisten zufolge soll PHILIPP
kurz vor seiner Ermordung im Juni 1208 eine militärische Strafaktion
gegen den thüringischen Landgrafen und den meißnischen Markgrafen
geplant haben, welche - wie der STAUFER
meinte - zwar vorgäben, Freunde zu sein, in Wirklichkeit aber seine
Feinde seien. Die Triftigkeit einer solchen Verdächtigung ist schwer
zu überprüfen. Jedenfalls ist wahrscheinlich, dass das Verhältnis
zwischen Dietrich und PHILIPP
zunehmend
durch die staufisch-böhmische
Annäherung belastet wurde, die im November 1207 mit der Eheschließung
zwischen PHILIPPS Tochter Kunigunde
und Otakars Sohn Wenzel
ihren sichtbaren Höhepunkt fand. Der böhmisch-wettinische
Streit dauerte hingegen an, weil der PREMYSLIDE
sein Versprechen, Adela wieder bei
sich aufzunehmen, nicht eingehalten hatte. Ein weiteres Indiz für
Dietrichs
Abkehr von PHILIPP ist die
eilfertige Bereitwilligkeit, mit welcher er nach dessen Tod den WELFEN
unterstützte - ein Umstand, der zu der Vermutung Anlaß gibt,
dass der WETTINER, schon frühzeitig begonnen hatte, sich politisch
neu zu orientieren.
Als Innocenz
III. im Sommer 1208 mehrere Briefe an die deutschen Fürsten
sandte, in denen er sie zur Anerkennung und Unterstützung
OTTOS
IV. aufforderte, bedurfte es im Falle Dietrichs
anscheinend keiner langwierigen Überredung mehr. Am 22.
September gab er auf einer Versammlung sächsischer und thüringischer
Fürsten in Halberstadt an dritter Stelle nach Erzbischof Albrecht
von Magdeburg und Herzog
Bernhard von Sachsen sein Votum für den WELFEN
ab.
Knapp drei Wochen später, am 11. November, fand
er sich in Frankfurt ein, wo OTTO einmütig
als König im Reich anerkannt wurde. Dietrich,
der im Gefolge des STAUFERS den WELFEN
beinahe 10 Jahre lang bekämpft hatte, demonstrierte auf diese Weise
nachdrücklich den Wandel seiner politischen Haltung. Die enge Verbindung
zwischen König und Markgraf wird auch im folgenden Jahr deutlich.
So fand sich Dietrich im Mai 1209,
als OTTO nach längerer Abwesenheit
wieder Sachsen aufsuchte, am Hof in Altenburg ein. Zu Pfingsten war er
in Braunschweig, wo der WELFE, wie
Arnold in seiner Slavenchronik ausdrücklich hervorhebt, nur seine
Freunde und Vertrauten um sich versammelt hatte. Eine Woche später
reiste er dann im Gefolge des WELFEN nach
Würzburg. Dort wurde nicht nur der Romzug festgesetzt, sondern auch
die Verlobung
OTTOS IV. mit Beatrix,
der Tochter seines verstorbenen Rivalen PHILIPP,
gefeiert.
Als das Heer OTTOS IV.
im Juli 1209 von Augsburg nach Rom aufbrach, war Dietrich nicht
dabei; anscheinend gehörte er zu denjenigen Fürsten, die ihre
Lehnsverpflichtungen finanziell abgalten. Dort wurde der WELFE
am 4. Oktober 1209 zum Kaiser gekrönt. Anschließend wandte er
sich entgegen allen Absprachen mit dem Papst nach Süden, um das Königreich
Sizilien zu erobern. Deshalb suchte Innocenz III., der OTTO
IV. im November feierlich bannte, Verbündete und rief die
Reichsfürsten zum Widerstand gegen den WELFEN
auf. So bildete sich spätestens im Herbst 1210 im Reich eine antikaiserliche
Opposition, deren herausragende Persönlichkeiten die Erzbischöfe
von Mainz und Magdeburg, sowie König Otakar
und
Landgraf Hermann von Thüringen waren. Auch Markgraf
Dietrich soll an einem ihrer geheimen Treffen teilgenommen haben.
Falls diese Nachricht jedoch nicht als solche zu verwerfen ist, wofür
manches spricht, dürfte es bei der bloßen Kontaktaufnahme geblieben
sein, weil nichts darauf hindeutet, dass es den Gegnern OTTOS
tatsächlich gelang, Dietrich auf ihre Seite zu ziehen. Vielmehr
setzte der WETTINER allem Anschein nach weiterhin auf das Bündnis
mit den WELFEN. Dieser belehnte Dietrich
nach dem Tod Markgraf Konrads im Mai 1210 mit der Ostmark.
Zu einem solchen Schritt hätte sich OTTO
IV. wohl nicht entschlossen, wenn der Lehnsmann nicht zuverlässig
gewesen wäre.
Alarmiert von den Vorgängen im Reich, begab sich
OTTO
von S-Italien aus nach Deutschland und kam dort im Februar 1212 an. Im
März hielt er in Frankfurt einen großen Hoftag ab, wo sich auch
Markgraf
Dietrich von Meißen einfand. Seine in dieser Zeit bewiesene
Zuverlässigkeit gegenüber dem WELFEN
wird in einem Spruch Walthers von der Vogelweide ausdrücklich gerühmt.
In Frankfurt schlossen der Kaiser und der Markgraf einen Pakt, in welchem
der WETTINER OTTO IV. unverbrüchliche
Treue schwor und sich verpflichtete, ihn im Kampf gegen seine Feinde zu
unterstützen, unter denen der Papst, König
Otakar von Böhmen sowie Landgraf Hermann von Thüringen
ausdrücklich genannt werden. Der Kaiser versprach seinerseits, dem
WETTINER
ein
gnädiger Lehnsherr zu sein und ihm gegen jedermann beizustehen. Er
sagte Dietrich ferner zu, Wratislaw,
den Sohn der mittlerweile verstorbenen Adela,
das Königreich Böhmen zu übertragen. Als Bürgen für
die Einhaltung des Vertrages bot der WETTINER drei Grafen, 10 Edle
sowie 13 Ministeriale auf und mußte überdies 13 Söhne seiner
Dienstleute als Geiseln stellen; für den Kaiser beschworen 10 Adlige
und Ministeriale den Pakt. Walthers Spruch dürfte also nicht das wirkliche
politische Verhältnis zwischen OTTO IV.
und Dietrich widergespiegelt haben,
sonst hätte es zwischen den beiden keines solchen Vertrages bedurft.
Vielmehr handelte es sich wohl um ein Zweckbündnis, das gegen denselben
Gegner gerichtet war. Dem Kaiser diente es zur Stabilisierung seiner Position
im östlichen Sachsen. Für Dietrich
hingegen garantierte es den nötigen Rückhalt beim WELFEN
angesichts der Einkreisung durch den Thüringer, den Magdeburger und
den Böhmen.
Offensichtlich hielten sich beide Vertragspartner zunächst
an die Vereinbarungen. Im Mai 1212 wurde Otakar
in Nürnberg nach dem Urteil der Fürsten in Anwesenheit des WETTINERS
die Königswürde abgesprochen und Wratislaw
mit dem Königreich belehnt. Gemeinsam war es dem Kaiser und dem Markgrafen
somit gelungen, sich eines bedeutenden Gegners vorerst zu entledigen. Als
dann OTTO IV. im Juli 1212 eine Heerfahrt
gegen den LUDOWINGER unternahm, hatte nun der WETTINER seinen
vertraglichen Verpflichtungen nachzukommen und unterstützte den WELFEN
bei der Belagerung thüringischer Truppen in Weißensee. Dort
übernahm es Dietrich, mit den
Gegnern einen Waffenstillstand auszuhandeln. In ihm wurde festgelegt, dass
die Thüringer den Truppen des Kaisers die städtische Siedlung
überlassen und sich auf die Burg zurückziehen sollten. Dafür
gewährte man ihnen eine gewisse Frist, um vom Landgrafen neue Befehle
beziehungsweise die Erlaubnis zur Kapitulation einzuholen. Diese Regelung
erwies sich jedoch für OTTO als
nachteilig, denn als in seinem Heer die Nachricht vom Tod der Kaiserin
Beatrix verbreitet wurde, fühlten sich die Bayern und Schwaben
nicht mehr zur Unterstützung des WELFEN
verpflichtet und verließen das Lager, so dass es zur Eroberung der
Burg
Weißensee nicht mehr kam. Die Teilnahme an dieser Belagerung
war anscheinend das letzte Mal, dass sich Dietrich
offen für den Kaiser einsetzte. Die Ankunft FRIEDRICHS
II., der im September 1212 Deutschland erreichte, warf wohl
bereits ihre Schatten voraus. Der WETTINER trat zwar nicht sofort
auf die Seite des STAUFERS über,
hielt sich aber nunmehr gegenüber dem WELFEN
zurück und wartete die weitere Entwicklung ab. Ein erster Hinweis
auf Dietrichs Annäherung
an FRIEDRICH II. liegt für 1213
vor. Als nämlich der STAUFER im
September diesen Jahres einen Feldzug nach Sachsen unternahm, erschien
auch der Markgraf von Meißen in dessen Umgebung. Mit dem Übertritt
zu FRIEDRICH II. hatte Dietrich
möglicherweise deshalb so lange gewartet, weil er sich erst von der
Bindung durch den im März 1212 geschlossenen Vertrag lösen und
die Freilassung der Geiseln erreichen mußte. Zudem hatte Otakar
nach seiner Absetzung als König von Böhmen rasch Kontakt zum
STAUFER
aufgenommen und verfügte bei ihm bald über einen gewissen Einfluß.
Der WETTINER bemühte sich demnach unter schwierigen Voraussetzungen
um eine Kontaktaufnahme mit dem STAUFER,
aber seine Anwesenheit an dessen Hof in Eger im Juni 1214 zeigt, dass sie
ihm dennoch gelang.
Am 27. Juli 1214 kam es bei Bouvines in der Grafschaft
Flandern zur entscheidenden Schlacht zwischen König
Philipp II. von Frankreich und König
Johann von England um den ehemals englischen Festlandsbesitz
nördlich der Loire, bei der Johann von
OTTO
IV. und dessen Truppen unterstützt wurde. Die Niederlage,
welche der WELFE dort zusammen mit
den Engländern erlitt, entschied auch den staufisch-welfischen
Thronstreit
zu FRIEDRICHS II. Gunsten, obgleich
dieser an dem Waffengang selbst nicht beteiligt war.
OTTOS
Machtbereich
beschränkte sich von nun an im wesentlichen nur noch auf den welfischen
Besitz in Sachsen. FRIEDRICH II. jedoch,
dessen politische Position kaum noch zu erschüttern war, ging in den
folgenden Monaten daran, seine Herrschaft im Reich zu festigen. Markgraf
Dietrich von Meißen und der Ostmark hatte sich also gerade
noch rechtzeitig für die richtige - das heißt: die erfolgreiche
- Seite entschieden. Während er sich dann in den Monaten von Juli
bis Dezember 1214 nicht in der Umgebung FRIEDRICHS
II. einfand, der freilich den Westen und Süden des Reiches
bereiste, hielt er sich, als der STAUFER
im Januar 1215 nach Thüringen und Sachsen kam, mehrfach in dessen
Umgebung auf, wo er neben Erzbischof Albrecht II. von Magdeburg, Bischof
Engelhard von Naumburg und Landgraf Hermann von Thüringen zu
den bedeutendsten Gefolgsleuten des Königs gehörte. Danach zeigte
sich der WETTINER
wiederum über mehrere Monate nicht am staufischen
Hof
und nahm auch nicht an der Krönung FRIEDRICHS
II. im Juli 1215 in Aachen teil. Erst im September erschien
er wieder in Würzburg in der Umgebung des Königs.
Seit seiner Rückkehr aus Würzburg begegnet
Dietrich
nurmehr im östlichen Sachsen. Dort war er im Laufe des Jahres 1215
in verschiedene gewaltsam ausgetragene Streitigkeiten verwickelt: Zum einen
belagerte er - allerdings erfolglos - die an der Elbe gelegene Burg
Aken, welche dem sächsischen
Herzog Albrecht I. unterstand. Zum anderen geriet er mit dem Magdeburger
Erzbischof in Konflikt, worauf dieser den Markgrafen exkommunizierte
und ein Interdikt über die Diözesen Meißen und Merseburg
verhängte. Hinzu kam gegen Ende des Jahres dann noch ein Aufstand
markgräflicher Ministerialen, die nach einem fehlgeschlagenen Versuch,
ihn zu ermorden, die Stadt Leipzig besetzte, sich mit den Einwohnern verbündeten
und monatelang gegen den WETTINER kämpften. Dabei drohten sie
wiederholt, die Stadt OTTO IV. oder
Erzbischof Albrecht II. zu übergeben. Am 20. Juli 1216 wurde der Konflikt
jedoch vorerst durch einen Vertrag zwischen dem Markgrafen und den Bürgern
beendet, der auf Vermittlung des Erzbischofs von Magdeburg und des Bischofs
von Merseburg zustandekam und den Leipzigern weitgehende Zugeständnisse
gegenüber dem Stadtherrn einräumte.
Schließlich entbrannnte ebenfalls 1216 noch ein
Streit zwischen dem Markgrafen und dem staufischen
König, dessen Ursache unbekannt ist. Möglicherweise hing er damit
zusammen, dass FRIEDRICH II. im Sommer
Otakars
jüngeren Sohn Wenzel als zukünftigen
Nachfolger des Vaters anerkannt und dabei die Ansprüche von Dietrichs
Neffen Wratislaw unberücksichtigt
gelasssen hatte. So sorgte die langjährige Feindschaft zwischen WETTINERN
und PREMYSLIDEN, die seit der Herrschaft
König
PHILIPPS das Handeln Dietrichs
beeinflußt hatte, erneut für politische Verwicklungen. Der Konflikt
wurde jedoch offenbar rasch beigelegt, denn bereits im September 1216 fand
sich der WETTINER wieder am Hof des Königs in Altenburg ein.
Wahrscheinlich in dieser Zeit unterstützte FRIEDRICH
II.
den Markgrafen dann bei der gewaltsamen Einnahme Leipzigs
und der Wiederherstellung der wettinischen Stadtherrschaft.
Angesichts der Anwesenheit OTTOS IV.
in Sachsen dürfte dem König daran gelegen sein, die Machtgrundlagen
seines Verbündeten zu festigen.
Dass von dem WELFEN,
der im August 1215 in seinen braunschweigischen Gebotsbereich zurückgekehrt
war, tatsächlich eine Bedrohung für die Gefolgsleute des STAUFERS
ausging, zeigte sich 1217, als FRIEDRICH
den östlichen Teil des Reiches erneut aufsuchen mußte, um Erzbischof
Albrecht II. gegen OTTO IV. beizustehen,
nachdem der WELFE gemeinsam mit dem
Markgrafen von Brandenburg und dem Herzog von Sachsen magdeburgische Besitzungen
im Elbegebiet angegriffen hatte. In diesem Zusammenhang gehören wohl
auch die Kämpfe zwischen Dietrich
und Herzog Albrecht I. um die askanischen Burgen Sindekume,
Lippene
und Aken. Ob der WETTINER darüber hinaus im September
an der Belagerung Quedlinburgs beziehungsweise Braunschweigs durch FRIEDRICH
II. teilnahm, ist nicht überliefert, aber durchaus wahrscheinlich,
denn am Ende dieser Unternehmung erschien er im November am Hof des STAUFERS
in Altenburg.
Obwohl OTTO IV. im
Mai 1218 gestorben und damit eine wichtige Ursache der Auseinandersetzungen
weggefallen war, vergingen auch die folgenden Jahre, die letzten in Dietrichs
Leben, nicht ohne Konflikte. So mußte der Erzbischof von Magdeburg
und die Bischöfe von Naumburg und Merseburg im Sommer 1219 auf Geheiß
des Königs schlichtend in den Streit zwischen Abt Siegfried von Pegau
und dem WETTINER um den Ausbau der Siedlung Groitzsch zu einem Marktort
eingreifen. Im folgenden Jahr zerbrach dann das aus der gemeinsamen Feindschaft
zu OTTO IV.
erwachsene Bündnis
zwischen dem WETTINER und dem Erzbischof von Magdeburg, weil Albrecht
II. erneut markgräfliche Ministeriale unterstützte, die sich
gegen Dietrich erhoben hatten. Dabei
lag dem Magdeburger wohl weniger am Schicksal der Dienstmannen als vielmehr
an seinem Einfluß das Gebiet um Leipzig, wo er in Taucha eine Burg
bauen ließ. Dietrich
gelang es freilich nicht mehr, die Auseinandersetzung zu seinen
Gunsten zu entscheiden. Er starb am 17. Februar 1221. Die häufigen
Fehden im östlichen Sachsen entsprangen also nicht allein der unterschiedlichen
Haltung der Reichsfürsten im Thronstreit, sondern auch dem Streben,
ihren Machtbereich auf Kosten der Nachbarn auszudehnen. Daneben bemühte
sich Markgraf Dietrich nicht minder
energisch, innerhalb seiner Marken die bereits vorhandenen Herrschaftsgrundlagen
zu vermehren, räumlich zu verdichten und intensiver zu nutzen. Er
tat dies einerseits, indem er bewährte Maßnahmen fortführte:
Er ließ unbesiedeltes Land roden und erschließen, baute weitere
Burgen, gründete mit dem Augustinerchorherrenstift in Eisenberg, St.
Thomas in Leipzig sowie dem Kreuzkloster in Meißen neue geistliche
Institutionen und betonte seine Rechte als Naumburger Hochvogt stärker.
Andererseits begegnen zunehmend bisher selten erwähnte Herrschaftselemente.
So gelang es dem WETTINER, seine Einnahmen durch Ausübung von
Hoheitsrechten zu vergrößern, die üblicherweise dem König
zustanden, und profilierte durch die Erhebung von Zöllen und Geleitgeldern,
die Verfügung über Straßen und Brücken sowie die Prägung
eigener Münzen. Überdies förderte er die Entstehung städtischer
Siedlungen, von denen besonders Dresden, Weißenfels, Eisenberg, Camberg,
Meißen, die Freiberger Bergmannssiedlungen, Zwickau, Grimma und allen
voran Leipzig einen bedeutenden Auftrieb erfuhren. Mit seinen Maßnahmen
zur Herrschaftsintensivierung rief Markgraf Dietrich
allerdings auch den Widerstand der Beherrschten hervor: Die Ministerialen
in den Marken wehrten sich gegen die Abgaben, welche ihren Bauern auferlegt
wurden, und die Einwohner Leipzigs kämpften für die Gewährung
größerer kommunaler Freiheiten. Diese Vorgänge lassen erkennen,
dass während der Regierung Dietrichs
in Meißen und der Ostmark diejenige Entwicklung einsetzte, welche
im Laufe der folgenden Jahrzehnte zur Ausbildung der wettinischen
Landesherrschaft im Gebiet zwischen Elbe und Saale führte.
Markgraf Dietrich von Meißen
hinterließ mehrere Nachkommen. Die Genealogia Wettinensis nennt fünf
Kinder: Otto und Konrad, die beide frühzeitig starben,
Hedwig
und Sophia sowie Dietrich.
Die Mutter des zuletzt genannten Sohnes war jedoch nicht Jutta,
die Ehefrau Dietrichs, sondern eine
namentlich nicht bekannte "soluta". Auch Heinrich, ein weiterer
Nachkomme des WETTINERS, der in der Genealogia Wettinensis nicht
erscheint, war ein uneheliches Kind. Trotz dieses Geburtsmakels erreichten
beide mit päpstlicher Dispens höhere geistliche Ämter. Im
Jahre 12145 wurde Dietrich Bischof von Naumburg und Heinrich
Propst von Meißen. Schließlich hatte Markgraf
Dietrich noch mindestens einen anderen Sohn, von dem die Genealogie
ebenfalls nicht berichtet: Heinrich,
den Nachfolger seines Vaters in der Würde des Markgrafen.
Heinrich, der zwischen Mai und September 1218
geboren wurde, war noch keine drei Jahre alt, als sein Vater im Februar
1221
starb. Noch zu Lebzeiten hatte Markgraf Dietrich
jedoch bereits Regelungen hinsichtlich der Vormundschaft für seinen
Sohn, der Verwaltung des Allodialbesitzes und der Nachfolge in den von
ihm bekleideten Ämtern und Lehen getroffen. So übertrug er fast
den gesamten Allodialbesitz, der einen ungefähren Wert von 12.000
Mark hatte, seiner Frau Jutta. Der eigentliche Erbe war jedoch der
junge Heinrich, als dessen gekorenen Vormund Dietrich
anstelle
des ältesten Schwertmagen den thüringischen Landgrafen Ludwig
IV., den Stiefbruder Juttas, bestellte. Dieser sollte auch die
vom Reich und von Kirchen zu Lehen gehenden Ämter und Güter für
sein Mündel verwalten. Die Grafen von Brehna als Verwandte männlicher
Linie spielten hingegen in Dietrichs
Nachfolgeregelungen allem Anschein nach keine Rolle, zumindest werden sie
nicht erwähnt.
Nach Dietrichs Tod
mußte sich nun erweisen, ob seine Verfügungen durchsetzbar waren,
und es lag an Ludwig IV., seinen Ansprüchen Geltung zu verschaffen.
Dieser begab sich sofort nach der Nachricht vom Ableben des Markgrafen
nach Meißen, wo er von der Witwe und seinem Mündel empfangen
wurde. Mit Jutta, die als Heinrichs
Mutter und Erbin umfangreicher
Allodialgüter über eine wichtige Machtstellung im Markengebiet
verfügte, konnte er offensichtlich rasch Einvernehmen herstellen.
Die LUDOWINGERIN unterstützte ihren Stiefbruder in dem Bemühen,
seine Herrschaft in den beiden Marken zu sichern, indem sie den "terrae
maiores" auftrug, sowohl Heinrich als rechtmäßigen Erben
als auch Ludwig in seiner Eigenschaft als Vormund einen Treueid
zu leisten. Überdies mußten die Edlen und Ministerialen schwören,
dass sie den Landgrafen zum Herren und Markgrafen wählen und ihm Treue
halten würden, falls Heinrich
sterben sollte, bevor er die
Volljährigkeit erreicht haben sollte. Ludwig IV. suchte also
die Anerkennung durch den Adel der Marken, dessen Unterstützung er
bei der Verwaltung der ihm anvertrauten Ämter und Lehen brauchte.
Dabei wird zugleich deutlich, dass der LUDOWINGER auch erste Vorbereitungen
traf, die Mark Meißen und die Ostmark seinem Herrschaftsbereich einzugliedern,
falls dem Mündel etwas zustoßen sollte. Tatsächlich erhob
sich in den folgenden Jahren aus den Reihen der Edlen und Ministelialen
kein Widerstand gegen den Vormund. Dasselbe gilt für die Grafen von
Brehna. Während sich Friedrich
II. im Frühjahr 1221 bereits auf dem Weg zum Kaiser
nach Sizilien befand, demonstrierten seine Söhne Otto
und Dietrich
ihr Einverständnis, indem sie im Juni 1222 auf dem Landding in Delitzsch
vor Ludwig IV. erschienen, um eine Schenkung ihres Vaters an den
Bischof von Meißen zu bestätigen. Möglicherweise war der
Grund dafür die Einsicht, dass den Grafen, die nicht zur Gruppe der
Reichsfürsten gehörten, die vormundschaftliche Verwaltung von
Reichs- und Kirchenlehen nicht ohne Schwierigkeiten übertragen werden
konnte. Ebensowenig erhob der Kaiser, obwohl er weder ein Testierrecht
der Vasallen über ihre Lehen anzuerkennen noch einen vom Vasallen
bestimmten Lehensvormund zu akzeptieren brauchte, Einwände gegen die
getroffenen Regelungen. Der
STAUFER,
der sich mittlerweile wieder im Königreich Sizilien aufhielt, dürfte
auch kein Interesse daran gehabt haben, den Frieden in dem von seinem unmündigen
Sohn König
HEINRICH (VII.) unter Vormundschaft von Erzbischof Engelbert
von Köln verwalteten Reichsteil nördlich der Alpen wegen der
beiden ostsächsischen Marken zu gefährden, zumal er der Unterstützung
des LUDOWINGERS bei der Durchführung des vom Papst immer energischer
geforderten Kreuzzuges bedurfte. Weniger problemlos verlief hingegen die
Verständigung mit den umliegenden Bistümern über die von
ihnen zu Lehen gehenden Güter. Denn es gibt Anzeichen dafür,
dass Ludwig in den folgenden Jahren in einen Konflikt mit Bischof
Ekkehard von Merseburg geriet, der selbst das Recht beanspruchte, diese
für
Markgraf Heinrich zu verwalten. Ekkehard konnte erst durch
hohe Gegenleistungen zum Nachgeben gebracht werden. Insgesamt aber war
es Ludwig IV. gelungen, die Nachfolgeregelungen in die Tat umzusetzen
sowie für sich und sein Mündel die Macht in den ostsächsischen
Marken zu sichern. Die Geschicke der Adelsfamilie hingen von nun an vom
Überleben des jungen
Heinrich und der Politik seines ludowingischen
Vormundes ab.