Ruth Schölkopf
"Die sächsischen Grafen 919-1024 "

22. Die Grafen von Werl

Über die Grafen von Werl liegt bereits eine Reihe von Einzeluntersuchungen vor. So kann man das genealogische Problem durch die Arbeit von H. Bollnow insoweit als gelöst betrachten, als es nach den vorliegenden Quellen möglich war. Da inzwischen keine neuen Quellen gefunden wurden, stütze ich mich im wesentlichen auf seine Ergebnisse. 1950 erschien die umfangreiche und anregende Arbeit von K. Hömberg. Hömberg bemühte sich um eine Klärung der Herrschaftsrechte der WERLER, die Bollnow nicht berücksichtigte. Bei Hömberg lag der Akzent vorwiegend auf hochmittelalterlichen Verhältnissen in Westfalen. Die Vorgeschichte wurde lediglich zu ihrer Klärung herangezogen. Er entging wohl nicht immer der Gefahr, Gegebenheiten des Hochmittelalters in das 10. Jahrhundert zurückzuprojezieren. Wenn wir im Rahmen dieser Arbeit noch einmal auf die Grafschaftsverhältnisse im 10. Jahrhundert in Westfalen eingehen, so erhebt sich die Frage, inwieweit das von Hömberg entworfene Bild zu revidieren ist.
Die gesicherte Geschichte des WERLER Grafenhauses begann 997, als OTTO III. dem Stift Meschede ob petitionem Gerbergae comitissae einen Besitz in Stockhausen in pago Locdorf ac in comitatu Herimanni comitis übertrug. Drei Jahre später erwirkte eine matrona Gerberga für das von ihr gegründete Nonnenkloster in Oedingen in pago Lacdorpgo in comitatu Herimanni eius filius von OTTO III. eine Bestätigungsurkunde, die dem Kloster freie Wahl der Äbtissin und ihrem Sohn Hermann und seinen Nachkommen die Stellung des Klostervogtes zusicherte.
Vermutlich war Gerbergas Sohn mit Graf Hermann identisch, den Thietmar erwähnte. Der Chronist berichtete zum Jahre 1007, dass Godila, die Witwe des Markgrafen Lothar von Walbeck, nachdem sie ihrem unmündigen Sohn die Nachfolge seines Vaters sowohl in der Markgrafschaft als auch in den Lehen gesichert hatte, ihren consanguineus Hermann heiratete. Da consanguineus die Bezeichnung für die allgemeine Blutsverwandtschaft ist, läßt sich kein genauer Verwandtschaftsgrad feststellen. Die Folge dieser Heirat war, dass der Bischof von Halberstadt Godila bannte, was jedoch nicht die Lösung der Ehe bewirkte. Es handelte sich demnach um eine Ehe zwischen Verwandten mindestens 3. Grades, die nach kirchlichen Gesetzen als unerlaubt galt. In anderem Zusammenhang wurde schon erwähnt, dass Godilas Vater vielleicht der 995 erwähnte Graf Werner war, der im Lerigau amtierte. Höchst wahrscheinlich war Graf Hermann schon einmal verheiratet. Im Jahre 1017 hatte er nämlich schon einen waffenfähigen Sohn, der nicht aus der Ehe mit Godila hervorgegangen sein kann. Die Vita Meinwerci berichtet, dass Graf Hermann vier Söhne hatte, die 1024 zusammen mit ihrem Vater für Paderborn testierten. Es heißt dort: in presentia Herimanni comitis et filiorum eius Heinrici, Conradi, Athelberti, Bernhardi. Thietmar erwähnte Graf Hermann, den er als Gerbergae filius kennzeichnete, anläßlich einer Auseinandersetzung der WERLER mit den Bischof von Münster. Die Fehde brach 1016/17 aus, als sich Bischof und Graf wechselseitig ihr Gebiet verheerten. Anlaß des Streites könnte die Abtei Liesborn gewesen sein - wie schon Hömberg vermutete -, die 1019 endgültig dem Bistum Münster überwiesen wurde. Eine Urkunde bestätigte, dass sie in pago Dreine ac in comitatu Herimanni comitis lag. Zu diesem Zeitpunkt war der Konflikt schon beigelegt. Er wurde nach Thietmar 1017 auf dem Hoftag zu Allstedt von HEINRICH II. geschlichtet. Graf Heinrich, Hermanns ältester Sohn, unterstützte in diesem Kampf seinen Vater nach besten Kräften. Durch eine lockere Verbindung der WERLER mit den Grafen von Walbeck, die wahrscheinlich Godila herstellte, blieb ihnen weiterhin das Interesse des Chronisten erhalten. Thietmar berichtet ferner, dass sein Vetter, Graf Udo von Stade, 1018 Hermannus coequalem sibi tam in nobilitate quam in potestate auf seiner (ungenannten) Burg gefangen setzte. Wahrscheinlich erfolgte dieses Vorgehen im Einvernehmen mit Bischof Dietrich von Münster. Beide stammten aus dem Stader Grafenhaus und waren Vettern. Über den weiteren Verlauf des Konfliktes sind wir nicht unterrichtet. Ungefähr in die gleiche Zeit fällt die Auseinandersetzung Hermanns von Werl mit Erzbischof Heribert von Köln. Anlaß der Feindseligkeit war die durch den Erzbischof erfolgte Festnahme Gerbergas, der Mutter des Grafen. Die tieferen Gründe dieses Vorgehens treten nicht zutage.
Überhaupt finden wir die WERLER ständig in Opposition. So auch im Jahre 1019, als Thietmar, der Sohn Herzogs Bernhard von Sachsen, zusammen mit den Söhnen des Grafen Hermann, die als consobrini imperatoris bezeichnet werden, eine Empörung gegen HEINRICH II. anstifteten. Nicht lange darauf wurde ihnen omnes pariter imperatoris gratia condonantur. Das einmütige Handeln des BILLUNGERS mit den WERLERN beruht kaum auf Zufall. Die vorliegenden Zeugnisse reichen zwar nicht aus, einen Sippenzusammenhang zwischen ihnen anzunehmen. Da der Amtsbereich beider Familien eng benachbart war, vertraten sie wohl gemeinsam ihr Interesse im westfälischen Raum. Das geht auch aus den Urkunden hervor. In den beiden Zeugenlisten von 1024 stand Herzog Bernhard an erster Stelle, wie es seinem Rang zukam. Anschließend folgte die WERLER Grafenfamilie, vertreten durch Graf Hermann und seine vier Söhne. Beide Familien traten erneut zusammen bei der Schlichtung des Erbstreites um die Abtei Helmarshausen zwischen Thietmar, dem Bruder Herzogs Bernhard II., und Bischof Meinwerk von Paderborn in Aktion, der 1024 in Anwesenheit des Grafen Hermann de Westfalen beigelegt wurde. Nur ein Testat zeigte Graf Hermann ohne seinen Familienanhang. Dieses Mal erhielt er den Beinamen Hermannus de Werla. Nach 1024 versiegen die Zeugnisse über ihn. Daraus dürfen wir schließen, dass er nicht lange nach dem Datum seiner letzten Erwähnung starb.
Versuchen wir im Rückblick Klarheit über den Amtsbereich des Grafen Hermann von Werla zu gewinnen. Es wurden schon seine Grafschaften im Locdorp- und im Dreingau erwähnt. Zwei weitere Urkunden von 1017 bezeugten ihn durch die Lage der aufgeführten Ortschaften, die an Paderborn fielen, ebenfalls im Dreingau. Es handelte sich dabei um Grundbesitz in Dülmen, Nieheim (wüst bei Hohen-Nieheim), Sythen, Berg-Haltern, Lembeck und Erle (RB Münster). Das liudolfingische Nonnenkloster Nordhausen erhielt im Dreingau die curtis Gemen in pago Wesualorum in comitatu Herimanni comitis. Eine weitere Urkunde sprach ihm die Gerichtshoheit über den Ort Herbede (an der Ruhr, bei Hattingen) in pago Westfalo heriscafse zu. Zu Hermanns Herrschaftsbereich rechnete ebenfalls eine Grafschaft im südlichen Lerigau, aus der die curtis Triburi (Drebber, Kr. Diepholz) in pago Saxonico Westfala dem Kloster Abdinghof unterstellt wurde. Überblicken wir seinen Amtsbereich auf der Karte, so erstreckte er sich vom Locdorpgau im Süden über den Dreingau bis in den nördlich gelegenen Lerigau. Von diesen Herrschaftsrechten ausgehend, gilt es zu erschließen, wer in diesem Gebiet als sein Vorgänger amtierte, und das heißt, wer sein Vater und Gatte der Gerberga, der namentlich nirgendwo unmittelbar als solcher bezeugt ist, in Betracht kommt.
Fragen wir zunächst: wer war die urkundlich bezeugte Gerberga? Bollnow stellte als Ergebnis seiner Arbeit an Hand des Sächsischen Annalisten fest, dass Gerberga, die Mutter Hermanns von Werl, allenfalls mit Gerberga von Burgund, der Tochter König Konrads von Burgund und der Mathilde, einer Enkelin HEINRICHS I., identisch sein könnte, was nach seiner überkritischen Methode keinesfalls für ihn zwingend ist. Von einer Vermutung zur Behauptung und deren Begründung ging Fr. von Klocke über. Er unterschied eine Gerberga "aus dem Sauerland" von Gerberga von Burgund. Die Stifterin des Klosters Oedingen sei identisch mit Gerberga aus dem Sauerland, einer Frau von großer Tatkraft und reichem väterlichen Erbgut, mit dem sie wesentlich zum Ausbau des Machtbereiches der Werler Grafen beigetragen habe. Wer ihr Gatte war, ist ungewiß. Fr. von Klocke schaltete sowohl den 978 erwähnten als auch den 985 bezeugten Grafen Hermann als Stammvater der WERLER Grafen aus. Als gesichert ließ er nur gelten, dass der von Thietmar genannte und in der Stiftungsurkunde aufgeführte Hermann ihr Sohn war. Die Unterscheidung der beiden Gerbergen ging wesentlich von der Titulierung comitissa und der Tatsache ihrer Festnahme durch den Erzbischof von Köln aus. Gerberga von Burgund sei hingegen wesentlich jünger gewesen. Sie habe nach dem Tode ihres ersten Gatten, des Herzogs Hermann von Schwaben, in zweiter Ehe den seit 997 bezeugten Grafen Hermann, den Sohn der Gerberga aus dem Sauerland und den ersten wirklich in Werl erweisbaren Angehörigen dieses Grafenhauses, geheiratet. Gerberga habe aus erster Ehe schon die beiden Töchter Mathilde und Gisela, wie Hermann von einer unbekannten Gattin die Söhne Heinrich, Konrad und Adalbert gehabt. Aus beider um 1004 geschlossenen Ehe seien dann die Kinder Rudolf, Bernhard und Mathilde hervorgegangen. Hömberg dagegen trat nachdrücklich für eine Personengleichheit der beiden Gerbergen ein. Endgültige Sicherheit ist meines Erachtens aus Mangel an Zeugnissen nicht zu gewinnen. Gerberga war vermutlich in erster Ehe mit einem ungenannten Grafen von Werl verheiratet, den Bollnow vorsichtigerweise nicht namhaft macht. In zweiter Ehe heiratete sie Herzog Hermann von Schwaben, dem sie die Kinder Gisla - die spätere Kaiserin - Beatrix, Bertold und Hermann (Herzog von Schwaben, + 1012) gebar. Bollnow hielt eine dritte Ehe nach dem Tode Herzog Hermanns (+ 1003) erneut mit einem Grafen von Werl für nicht ausgeschlossen. Die Schwierigkeit beruht darin, dass der Sächsische Annalist als Geschwister der Gisla von Schwaben erwähnt: soror eius Mathildis fratresque eius Rodulfus et Bernardus nati erant in Westfalia de loco, qui dicitur Werla. Zweifel an der Richtigkeit seiner Aussage ergeben sich dadurch, dass Rudolf in der Vita Meinwerci kein einziges Mal in den Zeugnislisten auftauchte. Andererseits wird man aus chronoligischen Erwägungen den Bernhard des Annalisten mit Bernhard, dem Sohn des Grafen Hermann von Werl, identifizieren müssen, so dass dem Annalisten in der Generationsfolge ein Gedächtnisfehler unterlaufen wäre. Bollnow löste das Problem auf die Weise, dass er Hermann von Werl einen Sohn Gerbergas aus erster Ehe und damit einen Halbbruder der Kaiserin Gisela sein ließ. Die übrigen Geschwister der Gisela, die der Annalist aufführte - also Mathilde, Rudolf und Bernhard - sollen Kinder des Grafen Hermann (von Werl) und damit Giselas Bruderkinder sein. Die Lösung hat viel für sich, zumal wenn man die zweite Ehe Hermanns in Erwägung zieht, die Bollnow nicht erwähnte. Wir können nur mutmaßen, dass vielleicht Rudolf und Mathilde Kinder aus dieser zweiten Ehe waren, was allerdings der Aussage Thietmars widerspricht, der die Ehe wegen der nahen Verwandtschaft für kinderlos hielt: nullam in procreanda prole spem deinceps adipiscitur. Diese Aussage stand möglicherweise unter dem Eindruck der göttlichen Strafe für die Exkommunikation. Vielleicht wurden die Kinder auch erst nach Thietmars Tod (+ 1018) geboren. Die zweite Ehe würde erklären, warum Rudolf, der an zwei Stellen als comes natus de Westfalia, ex loco, qui dicitur Werla bezeugt ist, in der Vita Meinwerci nicht unter den vier Söhnen Hermanns aufgezählt wurde. Zum Zeitpunkt des Testates (1024) war er demnach noch unmündig und kam als Zeuge nicht in Betracht, da er frühestens 1007 geboren wurde. Hömberg fand eine andere Lösung, auf die in einem anderen Zusammenhang bereits hingewiesen wurde.
Ebenso strittig ist die Beantwortung der Frage nach Gerbergas Gatten. Bollnow wich ihr aus. Er begnügte sich mit der allgemeinen Feststellung, dass er ein Graf von Werl war. Hömberg machte Graf Bernhard als Gatten der Gerberga namhaft. Dieser Bernhard ist durch zwei Urkunden belegbar. Sie wurden zu einer Zeit ausgefertigt, als er nach zeitlichen Erwägungen durchaus ihr Gatte hätte sein können. Die Urkunden datieren aus dem Jahr 980. OTTO II. sprach der erzbischöflichen Kirche in Magdeburg urkundlich den Besitz des Ortes Brackel (bei Dortmund) in pago Westfalon... in comitatu Bernhardi comitis situm zu. Die andere Urkunde wurde zugunsten des Klosters Memleben ausgestellt, das das Kloster Wildeshausen mit Landbesitz in comitatibus Bernhardi comitis et Eilhardi in pagis quoque Leri, Dersiburg et Ammeri tradiert erhielt. Es ist allerdings zu erwägen, dass Graf Hermann später ebenfalls im Lerigau bezeugt ist. Für Hömberg war ausschlaggebend, dass dieses Gebiet in den folgenden Generationen nachweisbar den Grafen von Werl unterstand. Er verwarf entschieden die Möglichkeit, dass auch ein anderer Graf als Gerbergas Gatte in Betracht kommen könnte.
In Frage käme ein Graf Hermann, der zur gleichen Zeit auftrat. Nach Auslage einer Urkunde sprach er im Ort Böllinghausen (bei Erwitte) im Gau Engern Recht, der in den Besitz des Klosters Meschede überging. Dieses Gebiet liegt in der Nähe von Werl, dem Stammsitz der Familie. Es schließt sich organisch an die Grafschaft des Grafen Hermann im Locdorpgau an. Zeitliche Bedenken erheben sich ebenfalls nicht. Vor allem spricht eine Erwähnung bei Thietmar dafür, ihn als Mitglied des WERLER Grafenhauses zu betrachten. Die Textstelle besagt, dass 984 der Streit zwischen Heinrich von Bayern und seinem Sohn - dem späteren König - Herimanni comitis consilio geschlichtet wurde. Was konnte einen westfälischen Grafen veranlassen, sich in Sachen des bayerischen Herzogshauses zu verwenden. Die Antwort lautet: hier sprachen verwandtschaftliche Verpflichtungen mit. Gerbergas Halbschwester und somit Hermanns vermutliche Schwägerin war Gisela, die Gattin des Bayern-Herzogs Heinrich des Zänkers, der sich 984 mit seinem Sohn auseinandersetzte. Von hier aus gesehen erhellt sich die schon erwähnte Bezeichnung der Annalen consobrini imperatoris für die Söhne Hermanns von Werl. Hömberg hielt den 978 erwähnten Grafen Hermann für Gerbergas Schwiegervater, und zwar auf Grund der Tatsache, dass ihr Sohn wiederum den Namen Hermann trug. Da nur eine einzige Erwähnung vorliegt, können aus seinen Amtsdaten auch nicht annähernd gesicherte Angaben über das Alter des genannten Grafen gemacht werden. Alle anderen Kombinationen - wie Gatte oder Schwager - haben darum genau so viel Wahrscheinlichkeit für sich. Vielleicht war er mit dem Grafen Hermann identisch, der nach dem Fuldaer Totenbuch am 13. Juli 995 starb, zu welchem Tage auch das Merseburger Totenbuch das Ableben eines Grafen Hermann verzeichnete.
Der zuvor erwähnte Graf Bernhard, den Hömberg als Gatten der Gerberga annahm, verwaltete nach seinen Aussagen, "im letzten Viertel des 10. Jahrhunderts eine Grafschaft, die aus wenigstens 15 Einzelkomitaten bestand". Hömberg blieb den Beweis dieser These schuldig. In einer Anmerkung machte er allerdings eine Einschränkung: "Eine genaue Bestimmung der Zahl der Comitate, die um 990 im Besitz der Grafen von Werl waren, ist nicht möglich... Ausdrücklich ist bezeugt als Besitz dieses Geschlechts in dieser Zeit nur die Grafschaft im Leri- und Dersigau; da jedoch im Bistum Osnabrück schon seit dem 10. Jahrhundert nur noch eine Grafschaft erkennbar ist, darf angenommen werden, dass die ganze Diözese zu ihrem Machtbereich gehört hat".
Vielleicht gelingt es, noch eine weitere Generation in diese Familie einzubeziehen. Als Vorgänger der beiden Grafen Hermann und Bernhard kommt ein Graf Heinrich in Frage, der an Hand von zwei Urkunden in Westfalen nachweisbar ist. Da sich sein Name auf den ältesten Sohn Hermanns übertrug, ist die Einordnung durch Übereinstimmung von Namen und Amtsbereich gerechtfertigt. Graf Heinrich verfügte 947 nachweislich über eine Grafschaft im Lerigau, aus der für das Kloster Enger Besitz eximiert wurde. Eine zweite Urkunde mit dem Ausstellungsjahr 955 machte ihn als Grafen in pago Westfala namhaft. In Graf Heinrich hätten wir dann das erste greifbare Mitglied des WERLER Grafenhauses vor uns.
Von einer ausschließlichen Herrschaft der Grafen von Werl im westfälischen Raum kann im 10. Jahrhundert kaum die Rede sein. Das mag folgende Übersicht verdeutlichen: das Gebiet des Agradingaues entfiel für die Familie des Grafen Thuring. Im benachbarten Hasegau übten die LIUDOLFINGER Grafenrechte aus, vom Wehsigau, Theothmalli und Wethigau aus schoben sich billungische Herrschaftsrechte über den Padergau bis in den Borhteresgau hinein vor. In dem Streifen zwischen Ittergau und Theotmalli verfügten die HAOLDE über gräfliche Amtsbefugnisse. Das Gebiet von Nethegau, Ittergau bis zum Borhteresgau unterstand der mit den HAOLDEN versippten Grafenfamilie. Im Raume von Sorath-, Sinuthfeld, Almungau und Treversgau amtierte Graf Liudolf. Vielleicht besaß die Stifterfamilie von Borchorst auch im Dreingau selber Herrschaftsrechte.
Wenden wir uns zum Schluß noch der Feststellung ihres Eigenbesitzes zu. Ihr Stammsitz und vermutliches Zentrum ihres Eigengutes war Werl. Wahrscheinlich lag im Locdorpgau, wo das Kloster Oedingen gegründet wurde, eine weitere Anhäufung ihres Allods.