Lange Karl-Heinz: Seite 12-18
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"Die Grafen von Northeim 950-1144"

Der im Jahre 982 in der mehrfach erwähnten Urkunde OTTOS II. für das Kloster Fulda auftretende Graf Siegfried ist mit Recht von allen Forschern als erster sicher feststellbarer Angehöriger des northeimischen Grafengeschlechts angesehen worden. Wir stehen nun jedoch vor der Frage, welcher von den um diese Zeit mit dem Namen Siegfried begegnenden sächsischen Grafen mit dem NORTHEIMER identisch sein könnte. Durch Thietmar von Merseburg erfahren wir von einer nach Ostern 984 auf der Asselburg stattgefundenen Versammlung königstreuer sächsischer Fürsten, die sich gegen die Bestrebungen Heinrichs des Zänkers richtete. Thietmar unterscheidet unter den Anwesenden deutlich zwei Gruppen, nämlich solche aus den östlichen Gebieten (Ex oriente...) und solche, die in der Gegend des Versammlungsortes beheimatet waren (Conprovoncialium sutem...). Unter den ersteren befindet sich auch ein Graf Siegfried mit seinem Sohn, den man bisher allgemein für den gleichnamigen NORTHEIMER gehalten hat. Gegen eine solche Identifizierung lassen sich jedoch schwerwiegende Bedenken geltend machen. Zunächst ist es auffällig, dass der bei Thietmar genannte Siegfried aus dem östlichen Sachsen stammte, während der sächsische Pfalzgraf Dietrich und dessen Bruder Sigibert, der nachweislich Grafenrechte im Liesgau, also östlich des Rittigaus, ausübte, zu den "Conprovinciales" gezählt werden. Schon aus diesem Umstand läßt sich der Schluß ableiten, dass Siegfried nicht der NORTHEIMER gewesen sein kann. Hinzu kommen andere Ergänzungen, die in die gleiche Richtung weisen. War Siegfried I. im Jahre 984 auf der Asselburg, so müßte sein ebenfalls anwesender Sohn zur gleichen Zeit bereits erwachsen gewesen sein. Siegfried I. hatte zwei Söhne, die zuerst 1002 als Mörder des Markgrafen Ekkehard begegnen: Siegfried II. und Benno. Der letzte wird 984 kaum schon ca. 12 Jahre alt gewesen sein, da er noch 1047 als Graf erscheint. Er hätte dann bei der Geburt seines Sohnes Otto um 1025 bereits 55-60 Jahre gezählt. Sein älterer Bruder Siegfried wird noch 1003 gleichfalls von Thietmar als "filius iuvenis" (Siegfrieds I.) bezeichnet, eine Tatsache, die bedenklich stimmt, wenn man ihn mit dem 984 bereits großjährigen Sohn (filius) des Grafen Siegfried identifizieren will. Zudem müßte er dann beträchtlich älter als sein Bruder Benno gewesen sein, was aber gleichfalls unwahrscheinlich ist. Alle diese Schwierigkeiten lösen sich, wenn wir, mit besseren Gründen, den 984 von Thietmar genannten Grafen Siegfried "Ex oriente" mit dem gleichnamigen Grafen von Walbeck oder des Hochseegaus identifizieren, die um diese Zeit nachweisbar sind. Über die Haltung der Grafen von Northeim während des Aufstandes Heinrichs des Zänkers im Jahre 984 läßt sich daher auf Grund von Thietmars Bericht kein Urteil fällen. Erst sechs Jahre darauf begegnet Siegfried I. unter einer Anzahl königstreuer sächsischer Großer. Zu Anfang Juli des Jahres 990 sandte die Kaiserin Theophanu "Ekkihardum, Esiconem, Binizonem, cum patre meo et eius equivico, Brunone ac Udene" von Magdeburg aus Herzog Miseco I. von Polen gegen Boleslaw von Böhmen zu Hilfe. Der Zug blieb ohne Ergebnis. Es kann jedoch als sicher gelten, dass der NORTHEIMER, der den gleichen Namen wie Thietmars Vater Siegfried von Walbeck trug, an ihm beteiligt war.
Den Ereignissen des Jahres 1002 verdanken wir die erste ausführliche Kunde von den Familienverhältnissen Siegfrieds I. und der Rolle seiner Söhne beim Regierungsantritt HEINRICHS II. Thietmar, unsere Hauptquelle, berichtet ausführlich von einer zu Frohse/Elbe stattgefundenen Versammlung sächsischer, HEINRICH II. günstig gesonnener Großer, auf der der thüringische Markgraf Ekkehard vergeblich versuchte, für seine Ansprüche auf den Thron Anhänger zu gewinnen. Sein Hauptgegner scheint Graf Lothar von Walbeck gewesen zu sein, der seinen Forderungen aufs schärfste entgegentrat. Nachdem sich Ekkehard als ungeladener Gast in Werla den Haß der beiden Schwestern OTTOS III., Sophie und Adelheid, zugezogen hatte, begab er sich über Hildesheim nach Paderborn, wo ihm jedoch mitgeteilt wurde, dass sein mit Herzog Hermann II. von Schwaben, einem weiteren Thronbewerber, in Duisburg geplantes Zusammentreffen nicht stattfinden könne. Auf seinem Rückweg von Paderborn berührte er auch Northeim, die curtis des Grafen Siegfried I. Hier eröffnete ihm "domna Ethelind cometissa, euod Sigifrith et Benno, senioris suimet filii, cum confratibus Heinrico et Udone aliisoue suis se nace sua tractarent insidiis, supoliciter efflagitens, ut aut ibi usque in crastinum maneret seu alio diverteret." Da jedoch der Markgraf seine Reise nicht verzögern wollte, brach er unverzüglich  nach Pöhlde auf, wo in der Nacht des Verhängnis über ihn hereinbrach: die Verschwörer überfielen Ekkehard und sein Gefolge, und ihn selbst traf aus der Hand des jungen Siegfried II. von Northeim der tödliche Lanzenstoß. Auch in den Parallelquellen erscheint Siegfried als der eigentliche Mörder Ekkehards; man darf ihn deshalb als das Haupt der Verschwörung ansprechen, ohne die Mittäterschaft seines Bruders Benno und der "confratres" Heinrich und Udo zu unterschätzen. Halten wir nach der Schilderung der Mordtat inne, um die Genealogie zu ordnen. Die Angabe Thietmars, dass Siegfried I. zwei Söhne, nämlich Siegfried II. und Benno, hatte, wird vom Annalisto Saxo bestätigt und insofern erweitert, als er uns auch die Mutter der Brüder mit Namen Mathilde nennt. Daraus folgt, dass die von Thietmar erwähnte Ethilinde zumindest seit Ende April 1002, wahrscheinlich aber viel früher, Siegfrieds I. zweite Gemahlin gewesen ist. Über Mathilde und Ethilinde haben sich keinerlei Nachrichten erhalten. Zum Verständnis des Mordes von Pöhlde ist es weiterhin erforderlich, die Herkunft der bei Thietmar genannten confratres Heinrich und Udo und ihr Verhältnis zu den NORTHEIMER Brüdern zu klären. Der Annalista Saxo bezeichnet beide als KATLENBURGER, ohne jedoch ihre Herkunft anzugeben. Die Ansicht  Wedekinds, der in ihnen die Söhne des im Liesgau bis 995 nachweisbaren Grafen Sigebert sah, fand eine schnelle Entgegnung durch Schrader, der, verleitet durch die Bezeichnung "confratres" bei Thietmar, die beiden KATLENBURGER als "Mitbrüder" Siegfrieds II. und Bennos von Northeim und Söhne aus Siegfrieds I. zweiter Ehe mit Ethilinde betrachtete. Die damit behauptete Abstammung der Grafen von Katlenburg von denen von Northeim fand zunächst allgemein Zustimmung, bis Kurze in seiner Thietmarausgabe diesen Irrtum Schraders richtigstellte und "confratres" mit "Brüder" übersetzt wissen wollte. Die These Schraders erfuhr dann durch Uslar-Gleichen ihre endgültige Widerlegung. Seinen stichhaltigen Argumenten kann man noch hinzufügen, dass bei Ansetzung der KATLENBURGER als Seitenverwandte der NORTHEIMER im Sinne Schraders die um das Jahr 1100 geschlossene Ehe zwischen Dietrich III. von Katlenburg und Adela, der Tochter Kunos von Beichlingen und Enkelin Ottos von Northeim, eine Verwandtenehe im 4. Grade gewesen wäre. Die Tatsache aber, dass diese Ehe vollzogen wurde, spricht deutlich gegen Schraders These. Eine Verwandtschaft beider Geschlechter ist nach alledem vor der eben erwähnten Ehe nicht nachweisbar. Einen Schritt weiter führt die Behauptung Uslar-Gleichens, dass die Grafen Heinrich und Udo von Katlenburg als Söhne des Grafen Luder-Udo I. von Stade anzusehen seien, eine These, die neuerdings von Hucke durch die Kombinierung zweier Thietmarstellen quellenmäßig unterbaut wurde. Damit darf die Abstammung der Grafen von Katlenburg von den Grafen von Stade als sicher gelten.
Nach diesen Voruntersuchungen wollen wir die Frage nach den Motiven des Mordes von Pöhlde, soweit sich aus den spärlichen Andeutungen der Quellen ein Bild gewinnen läßt, zu beantworten suchen. Man wird nicht fehlgehen, wenn man annimmt, dass die Bestrebungen Lothars von Walbeck, des Hauptgegners Ekkehards, der Thronfolge HEINRICHS II. gegolten haben. Durch den Nachweis, dass die Grafen von Katlenburg Abkömmlinge der Grafen von Stade sind, wird ferner deutlich, dass Heinrich und Udo an der Mordtat als die Verwandten und Helfershelfer Lothars von Walbeck Anteil nahmen, waren sie doch Neffen von Lothars Schwägerin, der STADERIN Kunigunde. Diese Umstände haben offenbar Thietmar, den Sohn der Kunigunde, veranlaßt, die eigentlichen Hintergründe der Bluttat zu verschweigen. Da dieselbe jedoch nicht im Auftrage HEINRICHS II. geschah, werden soweit erkennbar, die Familienstreitigkeiten zwischen Lothar von Walbeck und Ekkehard, über die uns Thietmar ausführlich berichtet, und die gegen die ehrgeizigen Pläne des Rivalen gerichtete Eifersucht Lothars zumindest den äußeren Anlaß zum Mord gegeben haben. Die weiteren von Thietmar aus zweiter Quelle als Beweggründe genannten Umstände, die auf Anstiften Ekkehards erfolgte Peitschung Heinrichs von Katlenburg und die Dienstfertigkeit der Mörder den beleidigten Schwestern OTTOS III. gegenüber, treffen jedenfalls nicht den Kern der Sache und dürften nur eine sekundäre Rolle gespielt haben. Man ist daher unwillkürlich geneigt, nach tieferen Ursachen zu fragen. Vielleicht kennzeichnet der Mord von Pöhlde ein durch die oben erwähnten Familienhändel bedingtes Wiederaufleben des alten zwischen STADERN und BILLUNGERN bestehenden Spannungsverhältnisses, mit denen die beiden Kontrahenten, Lothar und Ekkehard, versippt waren.
Es bleibt nun noch die Frage zu beantworten, was die Brüder Siegfried II. und Benno von Northeim bewogen hat, sich an den Mord von Pöhlde zu beteiligen. Die von Uslar-Gleichen aufgestellte These von der Abkunft der NORTHEIMER von den Grafen von Stade würde, vorausgesetzt, dass sie überzeugend wäre, auch dafür eine eindeutige Erklärung geben können. Die Rolle der NORTHEIMER Brüder im Jahre 1002 ließe sich dann durch ihre Verwandtschaft mit Heinrich und Udo von Katlenburg als Abkömmlinge der Grafen von Stade verständlich machen. Prüfen wir daher die These Uslar-Gleichen auf ihre Stichhaltigkeit.
Bereits Schrader und anderen vor ihm war die eigentümliche Tatsache aufgefallen, dass die Grafen von NortheimM seit dem Ende des 11. Jahrhunderts im Besitz beträchtlicher Allodialgüter zwischen Niederelbe und Niederweser, also im Herrschaftsgebiet der Grafen von Stade, anzutreffen sind. Mit Hilfe einer Angabe Lamperts, der den BILLUNGER-Herzog Magnus als "propinquus" Ottos von Northeim bezeichnet, und anderer weniger ins Gewicht fallender Gründe glaubte er, die Abkunft der Vorfahren Siegfrieds I. von Northeim von Luder von Stade (+ 929) wahrscheinlich machen zu können. Diesen Anregungen Schraders folgend gelangte Uslar-Gleichen unter Heranziehung zweier Widukindstellen, nach denen ein Graf Siegfried zusammen mit seinem Bruder, Graf Heinrich (dem Kahlen von Stade), im Jahre 955 in Slawenkämpfe verwickelt war, zu der Behauptung, dass Siegfried I. von Northeim der Sohn dieses gleichnamigen Stader Grafen gewesen sei.
Die These Uslar-Gleichens ist mit unserer oben geäußerten Vermutung, dass die Vorfahren Siegfrieds I. schon um 950 im Gebiet des Rittigaus ansässig gewesen seien, nicht vereinbar; sie beruht allerdings lediglich auf dem Argument der Namensgleichheit des stadischen und northeimischen Siegfried und hat daher in der neueren Forschung zumeist Ablehnung gefunden. Bereits Bollnow erkannte, dass die These Uslar-Gleichens "nur durch eingehende historisch-geographische Untersuchungen des Güterbesitzes und der Amtsgewalt der Stader und NORTHEIMER" auf ihre Stichhaltigkeit geprüft werden könne. Es ist nun in einem anderen Zusammenhang der Versuch unternommen worden, die Herkunft der northeimischen Allode im Stadischen zu klären. Es hat zu dem Ergebnis geführt, dass die umfangreichen Güterkomplexe in N-Sachsen erst um 1050 in den Besitz der NORTHEIMER gelangt sind. Damit dürfte der Behauptung Uslar-Gleichens endgültig der Boden entzogen sein: die Abstammung der Grafen von Northeim von den Grafen von Stade ist nicht nur unerwiesen, sondern auch unwahrscheinlich; bessere Gründe sprechen dafür, dass die NORTHEIMER seit langem im Gebiet des Rittigaus ansässig waren.
Wir haben dieses Ergebnis deshalb vorweggenommen, um in der Frage des Mordes von Pöhlde zu einem gewissen Abschluß zu gelangen. Läßt sich die Beteiligung der Northeimer Brüder nach alledem nicht auf verwandtschaftliche Weise erklären, so bleibt nur noch übrig, die Gründe in dem engen nachbarschaftlichen Verhältnis zu suchen, das die KATLENBURGER und NORTHEIMER während des gesamten 11. Jahrhunderts verbunden hat. Offenbar haben Heinrich und Udo von Katlenburg die jungen NORTHEIMER - vielleicht durch Versprechungen - zur Teilnahme an der Mordtat bewogen. Ihr Vater, Siegfried I. von Northeim, hat sich in den Wirren des Jahres 1002 anscheinend zurückgehalten; die Quellen schweigen über ihn vollkommen. Wahrscheinlich ist er identisch mit dem Grafen Siegfried, der nach den Fuldaer Annalen im Jahre 1004 verstorben ist.