Dahn Felix: Seite 34,58-60,118
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"Die Völkerwanderung. Germanisch-Romanische Frühgeschichte Europas."

Theoderichs Nachfolger war zu schwach, zumal in Ermangelung ausreichender Seemacht, die Verwandte zu rächen, aber der vorwurfsvolle Brief Athalarichs an den Wandalen-König stellt die Rache Gottes anheim.
Der Erbe Theoderichs war ein Kind, Athalarich, der achtjährige Sohn des früh (522) verstorbenen Eutharich und Amalaswinthas. Theoderich hatte unter Zustimmung des gotischen Adels und der ganzen Bevölkerung von Ravenna angeordnet, daß diese seine reichbegabte, feingebildete und kraftvolle Tochter die Regentschaft führen solle, bis der Enkel zu seinen Jahren und Waffen gekommen wäre. Mit Klugheit wußte die Regentin den bei den Thronwechseln gefürchteten Gefahren zuvorzukommen. Sofort wurden Römer und Goten in allen Landschaften für Athalarich vereidigt, der seinerseits den Schwur leistete, in seines Großvaters Geist zu herrschen, zumal die Römer schützen zu wollen.
Die Stellung Amalaswinthas blieb gleichwohl gefährdet, auch abgesehen von den Romanen. Die Weiberherrschaft, germanischer Sitte fremd, war dem trotzigen gotischen Adel verleidet. In auswärtiger Staatskunst vermochte die Regentschaft nichts Kräftiges zu leisten. Durch den Tod Theoderichs erlosch die ostgotische Herrschaft über das Westgoten-Reich in Spanien. Als Amalrich dort durch die Franken angegriffen und getötet wurde (531), konnte die Regentin dies ebensowenig hindern oder rächen wie die Ermordung ihrer Tante im Wandalen-Reich (527) oder die Vernichtung des nahe verschwägerten thüringischen Königshauses durch die Franken (530). Die feingebildete Frau, verletzt durch den Widerstand, den sie bei dem rauhen gotischen Adel fand, durch die antike Bildung geblendet und ihrem Volk entfremdet, stützte sich nicht nur im eigenen Reich auf die mit größter Milde behandelten Römer - als zu Byzanz Justinian I. (527-565) den Thron bestiegen, suchte die Tochter Theoderichs Schutz gegen die gotische Volkspartei bei eben dem Kaiser.
Die Sprache ihrer Schreiben nach Byzanz ist bis zur Unterwürfigkeit schmeichelnd: zugleich suchte man die Römer zu versöhnen durch Steuernachlässe, durch zahlreiche Beförderungen der Senatoren zu hohen Würden, durch Rückgabe der eingezogenen Güter des Boethius und Symmachus an deren Erben, durch Freilassung verhafteter Beschuldigter. Aber diese starke Hinneigung zu den Römern steigerte die Unzufriedenheit der gotisch Gesinnten. Sie brach in offener Auflehnung empor aus Anlaß der völlig verrömernden Erziehung, in der die Regentin ihren Sohn statt zu gotischem Heldentum von Schulmeistern in griechisch-römischer Bildung unterrichten ließ. Als der Knabe von einigen vornehmen Goten getroffen wird, wie er wegen kleinen Fehls von der Mutter geschlagen, weindend davonläuft, bricht der lang verhaltene Zorn hervor. Trotzig verlangen und erzwingen die gotischen Edlen von der Regentin, daß sie, die Erziehung des Sohnes ändernd, ihn statt mit den betagten Lehrern mit jungen Goten umgebe. Diese aber verderben den Jüngling alsbald mit allerlei Ausschweifung und hetzen ihn gegen die Mutter auf, ihr die Herrschaft zu entreißen. Jedoch Amalaswintha verteidigt mit männlichem Mut ihren Königsstab.
Öffentlich tauschte man Beschuldigungen und Verteidigung wegen Grenzverletzungen und andere Streitfragen aus, geheim aber erbot sich die Tochter Theoderichs, dem Kaiser ganz Italien preiszugeben; denn ihre Lage hatte sich wieder verschlimmert. Athalarich war infolge seiner Ausschweifungen in tödliche Krankheit verfallen, und sie mußte nach seinem Tod für ihre Herrschaft, für ihr Leben vom gotischen Adel das Äußerste befürchten.