Bühler, Heinz: Seite 121,719,759-765,794,805,912
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"Adel, Klöster und Burgherren im alten Herzogtum Schwaben. Gesammelte Aufsätze."

An Hand der Ortsgeschichte von Balingen glauben wir nachweisen zu können, daß Judith "von Balingen" die Mutter jener Gisela war, die im Jahre 911 als Mutter der Herzogin Reginlind und damit als Schwiegermutter Herzog Burchards I. von Schwaben bezeugt ist [56 Annales Alamannici a. 911; MG SS I Seite 55.]. Gisela bzw. ihre Tochter Reginlind waren somit Erben Ludwigs des Kindes und damit Teilerben des karolingischen Hausbesitzes in Schwaben [57 Gisela ist unseres Erachtens eine Schwester der beiden Grafen Eberhard und Berengar zu 888 (Dipl. Arn. Nr. 37), keinesfalls die Gemahlin Eberhards, wie seit Neugart fast allgemein angenommen wurde, so auch Decker-Hauff a.a.O. Seite 291 mit Anm. 209a und Seite 293 und Hans Kläui, Geschichte von Oberwinterthur im Mittelalter, 1968-1969, Seite 55.]. Reginlind brachte ihreem Gemahl, Burchard I., nicht nur ehemals karolingischen Hausbesitz zu der damit schwäbisches Herzogsgut wurde; sie vermittelte ihm zugleich einen Anspruch auf das Herzogtum Schwaben.
König Konrad von Burgund und Kaiserin Adelheid aber hatten reichen Besitz in Schwaben über ihre Mutter Berta geerbt, die Tochter Herzog Burchards I. und der karolinger-blütigen Reginlind (+ ca. 960) [72 Reginlinds Mutter Gisela (911) muß eine Tochter Judiths von Balingen (863) sein. Diese ist über ihre Mutter Gisela, vermählt mit Eberhard von Friaul (+ 864/66), eine Enkelin LUDWIGS DES FROMMEN. Siehe künftig Heinz Bühler: Die "Duria-Orte" Suntheim und Navua. In: Das obere Schwaben 8 (im Druck).].
Reginlinds Mutter Gisela stammte zweifellos aus sehr vornehmen Geschlecht. Sie scheint an den Hochverratsplänen des Markgrafen Burchard von Rätien, des Schwiegervaters ihrer Tochter, 911, nicht ganz unbeteiligt gewesen zu sein, so daß während einer Reise nach Rom, wo sie die Hilfe des Papstes Anastasius erbat, ihre Güter eingezogen wurden [90 Ernst Dümmler: Geschichte des ostfränkischen Reiches 3.²1888, Seite 570. - Decker-Hauff, Reginlinde (wie Anm. 89) Seite 2. - Emil Kimpen: Zur Königsgenealogie der Karolinger- bis Stauferzeit. In: ZGO 103 (1955) Seite 47.]. Es scheint, als habe sie in Italien einflußreiche Verwandte gehabt.
Lassen wir uns von dem Namen Gisela leiten, der - wie gesagt - im karolingischen Haus ganz besondere Bedeutung hatte, so stoßen wir zwei Generationen früher auf die gleichnamige Tochter LUDWIGS DES FROMMEN aus seiner zweiten Ehe mit der WELFIN Judith. Diese Gisela, die Schwester KARLS DES KAHLEN (+ 877), war mit dem Markgrafen Eberhard von Friaul (+ 864) vermählt. Sie hatte ihrerseits wieder eine Tochter Gisela, die als Nonne in Brescia um 863 starb. Vor nahezu dreißig Jahren hat Emil Kimpen jene Gisela, die Tochter LUDWIGS DES FROMMEN, völlig zu Recht als die Großmutter von Reginlinds Mutter Gisela angesprochen [91 Kimpen, Königsgenealogie (wie Anm. 90) Seite 49f. und Seite 69.]; er hat sich nur hinsichtlich des Zwischenglieds geirrt.
Die Nachkommen Eberhards von Friaul und der Kaisertochter Gisela werden nach Eberhards Vater Unruoch (ca. 790-811) die "UNRUOCHINGER" genannt. Es war dies eines der reichsten und mächtigsten Geschlechter seiner Zeit und - wie sich aus Eberhards Testament von 863/64 ergibt - so ziemlich im ganzen Frankenreich begütert. Ihr Besitz stammte einerseits von Eberhards Vater Unruoch, für dessen Familie neuerdings Begüterung auf der Münsinger Alb nachgewiesen wurde, zum anderen aus Giselas Mitgift und Erbe; dies war teils Hinterlassenschaft ihrer Großmutter Hildegard, die mütterlicherseits  dem alemannischen herzogshaus entstamte, teils Erbe ihres Großvaters KARLS DES GROSSEN, der in Alemannien über konfisziertes ehemaliges Herzogsgut verfügte. Als Abkömmlinge LUDWIGS DES FROMMEN konnten die "UNRUOCHINGER" am ehesten Ansprüche an das Erbe Ludwigs des Kindes stellen. Als dieser Erbfall 911 eintrat, waren Reginlinds Mutter Gisela und deren Brüder erbberechtigt.
Von den Kindern Eberhards von Friaul und der Kaisertochter Gisela kommt somit nur die Tochter Judith "von Balingen" als Zwischenglied, das heißt als Mutter der jüngeren Gisela (911) in Betracht. Nicht weit von Balingen treffen wir in der auf Judith folgenden Generation die Grafen Berengar der Hattenhuntuare und Eberhard des Sülichgaus, zuständig für Dußlingen im Steinlachtal. König ARNULF bestätigte nämlich im Jahre 888 seinem Kaplan Ortolf das Eigentum der Kirche in Dußlingen, die Kaiser KARL III. ihm auf Lebenzeit überlassen hatte. Im selben Dußlingen, in welchem die karolingischen Herrscher KARL III. und ARNULF als Nachkommen LUDWIGS DES FROMMEN über die Kirche verfügten, war im ausgehenden 11. Jahrhundert Graf Liutold von Achalm (+ 1098) begütert. Dies ist ein Beweis, daß die ACHALMER entweder am selben Erbe teilhatten wie die Nachkommen LUDWIGS DES FROMMEN, also die gleichen Vorfahren hatten wie diese, oder daß sie zu deren direkten Rechtsnachfolgern gehörten. Wichtig sind zunächst die beiden Grafen Berengar und Eberhard. Sie tragen typische UNRUOCHINGER-Namen [101 Fürstenbergisches Urkundenbuch (wie Anm. 97) 1, Seite 3. - Kimpen, Königsgenealogie (wie Anm. 90) Seite 49f.]. Eberhard trägt denselben Namen wie Judiths Vater Eberhard von Friaul. Berengar hieß ein Bruder und ein Sohn Eberhards von Friaul. Somit gibt es kaum Zweifel, daß es sich bei Berengar und Eberhard um Enkel Eberhards von Fraiul handelt [102 Siehe Fürstenbergisches Urkundenbuch (wie Anm. 97) 1, Seite 4. - Hansartin Decker-Hauff: Die Ottonen und Schwaben. In: ZWLG 15 (1955) Seite 293.]. Da wir die Söhne und Töchter Eberhards von Friaul wie auch in etwa deren Wirkungsbereiche kennen, liegt am nächsten, die Grafen Berengar und Eberhard als Söhne der Judith "von Balingen" zu betrachten. Sie sind danmn Brüder der Gisela, die wir als Mutter der Herzogin Reginlind kennen [103 Vergleiche Emil Krüger: Zur Herkunft der Zähringer. In: ZGO 45 (1891) Seite 590. - In der Forschung wurde Gisela als Gemahlin des Grafen Eberhard von 888 betrachtet. Dabei ist richtig die enge Beziehung der beiden erkannt. Gisela ist jedoch selbst eine UNRUOCHINGERIN mit KAROLINGER-Blut. Wenn man Eberhard zu Recht als Enkel Eberhards von Friaul anspricht, kann Gisela unmöglich seine Gemahlin sein. Daß Berengar, Eberhard und Gisela Geschwister sind, wird die Besitzgeschichte zeigen. Siehe Heinz Bühler: Richinza von Spitzenberg und ihr Verwandtenkreis. In: Württembergisch Franken 58 (1974) Seite 321 Tafel II.].
Die Grafen Berengar und Eberhard und ihr Familienkreis lassen sich noch deutlicher fassen. In den Jahren 886 bis 894 begegnet wiederholt ein Eberhard als Graf im Aargau und Zürichgau, den man mit dem Sülichgau-Grafen Eberhard von 888 zu Recht für personengleich hält [104 Karl Schmid: Zur Problematik von Familie, Sippe und Geschlecht. In: ZGO 105 (1957) Seite 5 mit Anm. 9. - Kimpen, Königsgenealogie (wie Anm. 90) Seite 49f.]. Den Zürichgau-Grafen dieses Namens hat man seit langem als den Stammvater der Grafen von Nellenburg erkannt [105 Ludwig Schmid: Beleuchtung und schließliche Erledigung der bis daher noch schwebenden Frage von der Burkhardinger Herkunft der Hohenzoller. 1897, Seite 150. - Krüger, Zur Herkunft der Zähringer (wie Anm. 103) Seite 589f. - Otto Feger: Geschichte des Bodenseeraumes 1, 1956, Seite 236. - Hans Kläui: Grafen von Nellenburg. In: Genealogisches Handbuch zur Schweizer Geschichte 4. 1980, Seite 181 und Tafel IX nach Seite 204.]. Wir erinnern uns der nellenburgischen Lehenrechte, die Hans Jänichen in Balingen feststellen konnte. Sie bestätigen, daß der Zürichgau-Graf Eberhard mit dem Sülichgau-Grafen Eberhard identisch ist und daß dieser ein Sohn der Judith "von Balingen" war. Andererseits hat man den Grafen Berengar von 888 unter die Ahnen der ACHALMER eingereiht [106 Fürstenbergisches Urkundenbuch (wie Anm. 97) Seite 400. - Decker-Hauff, Ottonen (wie Anm. 102) Seite 293.]. Über ihn oder über seine Schwester Gisela hätten sich die fürstenbergischen Rechte in Balingen vererbt. Man erahnte, daß NELLENBURGER und ACHALMER gleichen Ursprungs sind.
Nun haben wir gesehen, daß Judiths (mutmaßlicher) Sohn Eberhard als Graf im Zürich- und Aargau Beziehungen zum südlichen Alemannien hatte. Dort treffen wir auch seinen Bruder Berengar. Er verfügte 884 über Besitz in Merishausen bei Schaffhausen, den er an St. Gallen gab im Tausch gegen Klostergut in Bargen (Kanton Schaffhausen). Im selben Merishausen hatte 846 ein Graf Liutold einen Teil der Kirche, dazu im benachbarten Berslingen eine Hube an St. Gallen geschenkt. Dieser Liutold war auch Scherra-Graf; er ist von 846 bis 861 bezeugt. Er war mit Berengar verwandt, wie sich aus verschiedenen Verbrüderungseinträgen ergibt [113 Karl Schmid: Königtum, Adel und Klöster zwischen Bodensee und Schwarzwald. In: Studien und Vorarbeiten zur Geschichte des großfränkischen und frühdeutschen Adels. Forschungen zur oberrheinischen Landesgeschichte 4 (1957) Seite 265f.] und wie es die gemeinsame Begüterung in Merishausen nahelegt. Liutold war nach seinen Lebensdaten zwei Geneartionen älter als Berengar. Da wir Berengar als Sohn der Judith "von Balingen" und Enkel Eberhards von Friaul von Mutterseite betrachten, müßte Liutold ein Verwandter Berengars von Vaterseite, und zwar sein Großvater sein. Dann hätte ein Sohn unseres Liutold Judith "von Balingen" geheiratet und wäre der Vater der drei Geschwister Berengar, Eberhard und Gisela.
Die Besitzverteilung im Merishausen und im benachbarten Berslingen würde sich so erklären. Berengars Besitz in Mersihause wurde schon erwähnt. In Merishausen war später auch die Abtei Allerheiligen in Schaffhausen begütert; dieses Gut stammte offenbar von ihrem Stifter Eberhard dem Seligen von Nellenburg, der es über Berengars Bruder Eberhard ererbt haben müßte. In Berslingen aber finden wir später Kaiser HEINRICH IV. begütert; er wäre dazu auf die gleiche Weise gekommen, wie er zu Waiblingen kam, nämlich über Gisela, die Mutter Reginlinds, und deren Nachkommen bis zu Gisela, der Gemahlin Kaiser KONRADS II.
Der nellenburgische Besitz im aargauischen Siggental müßte unseres Erachtens zurückgehen auf den Stammvater des Hauses NELLENBURG, jenen Eberhard, den wir als Graf im Aargau, Zürichgau (886-894) kennenlernten. Auf Grund der Besitzverhältnisse im Siggental müßte er nah verwandt gewesen sein mit einem Vorfahren des Hauses ACHALM, auf den die elchingischen Güter zurückzuführen wären. Nun kennen wir den Grafen Eberhard (886-894) als Bruder Berengars, des Grafen der Hattenhuntare (884-888), und der Gisela (911). Über ihre Mutter Judith waren sie Enkel Eberhards von Friaul und der KAROLINGERIN Gisela.
5) Für die Grafen von Achalm bestätigte sich die Aussage des Zwiefaltener Nekrlogs, daß Unruoch der "proavus" des Klosterstifters Liutold von Achalm sei, nun auch für die Mutterseite, und zwar gleich in doppelter Weise: die eine Ahnenreihe führt über Adelheid von Wülflingen - Liutold von Mömpelgard - Richlind - Kaiserin Adelheid - Berta - Reginlind - Gisela (911) - Judith "von Balingen" - Eberhard von Friaul zurück zu Unruoch (ca. 790-811); die andere läuft über Adelheid von Wülfingen - Liutold von Mömpelgart - Kuno von Öhningen - dessen Mutter (Liutgard?) - Liuto (924-952) bzw. Berengar (924-956) - Berengar (884-888) - Judith "von Balingen" - Eberhard von Friaul zu Unruoch.
Auch die BURCHARDINGER waren von Haus aus im Ries sicher nicht begütert. Somit stammte das Gut Deggingen aller Wahrscheinlichkeit nach von Reginlind, welche über ihre Mutter Gisela reiches karolingisches Königsgut geerbt hatte [73 Über die Abstammung der Herzogin Reginlind besteht noch keine Übereinstimmung, doch sind die unterschiedlichen Auffassungen ohne grundsätzliche Bedeutung für unsere Frage. Sie ist die Tochter einer Gisela (911). Dieser Name verrät karolingische Abstammung (vgl. Hansmartin Decker-Hauff, Reginlinde, Herzogin von Schwaben. In: Schwäbische Lebensbilder 6 [1957], Seite 1-4, hier Seite 1).
Der Verfasser hat zu zeigen versucht, daß Gisela eine Urenkelin LUDWIGS DES FROMMEN aus seiner zweiten Ehe mit der WELFIN Judith sein könnte. Deren Tochter Gisela war vermählt mit Eberhard von Friaul (+ 864) und hatte ihrerseits eine Tochter Judith (863), die nach ihrem Erbgut Balingen gelegentlich als Judith "von Balingen" bezeichnet wird. Judith war offenbar mit einem Angehörigen der Gründersippe des Klosters Rheinau vermählt, vermutlich mit dem Rheinauer Vogt Liuto (878) Aus dieser Ehe stammen die Grafen Eberhard (886-894) und Berengar (884-888) sowie - nach Meinung des Verfassers aus besitzgeschichtlichen Gründen - Gisela, die Mutter der Reginlind (Studien zur Geschichte der Grafen von Achalm. In: ZWLG 43, Seite 7-87, hier Seite 28ff.). Reginlind hat über diese Vorfahren karolingisches Gut geerbt; sie hätte auch nach dem Tode Ludwigs des Kindes, des letzten ostfränkischen KAROLINGERS, 911 ein Gutteil von dessen Hinterlassenschaft erhalten.
Mittlerweile hat Hansmartin Decker den Versuch unternommen, Reginlinds Mutter Gisela noch enger mit den letzten KAROLINGERN zu verknüpfen. Ausgehend von der Tatsache, daß KARL III. (+ 888) ein Königreich Schwaben verwaltet und somit gewiß über den Hauptteil des karolingischen Gutes in Schwaben verfügt hatte, folgerte er, daß Reginlinds Mutter Gisela nahe mit KARL III. verwandt sein müßte. Dieser hatte eine Schwester Gisela, von der kaum etwas bekannt ist. Decker-Hauff hielt es für möglich, diese Gisela mit der Mutter Reginlinds zu identifizieren. Reginlind wäre damit die Nichte KARLS III. (Festvortrag in Waiblingen am 13. Januar 1985. Vgl. Hartmut Hoffmann, So könnte es gewesen sein. In: Waiblingen in Vergangenheit und Gegenwart 9 [1987], Seite 77-94, hier Seite 89).
Gegen diese ansprechende These erheben sich freilich Bedenken aus zeitlichen Gründen: Reginlinds Mutter Gisela kann kaum eine Schwester KARLS III. sein, sondern allenfalls eine Tochter der Schwester. Als Reginlinds Vater könnte in diesem Falle mit der älteren Forschung jener Graf Eberhard (886-894) angenommen werden, den der Verfasser als Sohn der Judith "von Balingen" betrachtet hat (vgl. Decker-Hauff, Reginlinde (wie oben) Seite 1). Reginlind wäre damit sowohl von Vaterseite wie von Mutterseite karolingischer Abstammung. Dies würde ihr überaus reiches Erbe erklären, denn sie hätte über den Vater Eberhard Anteile am Erbe LUDWIGS DES FROMMEN und sie hätte über die Mutter Gisela ein Anrecht auf die Hinterlassenschaft Ludwigs des Kindes (+ 911) geerbt.].