An Hand der Ortsgeschichte von Balingen glauben wir nachweisen
zu können, daß Judith
"von Balingen" die Mutter jener Gisela war, die im Jahre
911 als Mutter der Herzogin
Reginlind
und damit als Schwiegermutter Herzog
Burchards I. von Schwaben bezeugt ist [56 Annales Alamannici
a. 911; MG SS I Seite 55.]. Gisela bzw. ihre Tochter Reginlind
waren
somit Erben Ludwigs des Kindes und
damit Teilerben des karolingischen
Hausbesitzes in Schwaben [57 Gisela ist unseres Erachtens eine Schwester
der beiden Grafen
Eberhard und Berengar
zu 888 (Dipl. Arn. Nr. 37), keinesfalls die Gemahlin Eberhards,
wie seit Neugart fast allgemein angenommen wurde, so auch Decker-Hauff
a.a.O. Seite 291 mit Anm. 209a und Seite 293 und Hans Kläui, Geschichte
von Oberwinterthur im Mittelalter, 1968-1969, Seite 55.]. Reginlind
brachte ihreem Gemahl, Burchard I., nicht nur ehemals karolingischen
Hausbesitz zu der damit schwäbisches Herzogsgut wurde; sie vermittelte
ihm zugleich einen Anspruch auf das Herzogtum Schwaben.
König
Konrad von Burgund und Kaiserin
Adelheid aber hatten reichen Besitz in Schwaben über
ihre Mutter Berta
geerbt, die Tochter Herzog Burchards I. und der karolinger-blütigen
Reginlind
(+ ca. 960) [72 Reginlinds Mutter Gisela (911)
muß eine Tochter Judiths von Balingen (863) sein. Diese
ist über ihre Mutter Gisela,
vermählt mit Eberhard
von Friaul (+ 864/66), eine Enkelin
LUDWIGS
DES FROMMEN. Siehe künftig Heinz Bühler: Die "Duria-Orte"
Suntheim und Navua. In: Das obere Schwaben 8 (im Druck).].
Reginlinds Mutter Gisela
stammte zweifellos
aus sehr vornehmen Geschlecht. Sie scheint an den Hochverratsplänen
des Markgrafen
Burchard von Rätien, des Schwiegervaters ihrer Tochter, 911,
nicht ganz unbeteiligt gewesen zu sein, so daß während einer
Reise nach Rom, wo sie die Hilfe des Papstes Anastasius erbat, ihre
Güter eingezogen wurden [90 Ernst Dümmler: Geschichte
des ostfränkischen Reiches 3.²1888, Seite 570. - Decker-Hauff,
Reginlinde (wie Anm. 89) Seite 2. - Emil Kimpen: Zur Königsgenealogie
der Karolinger- bis Stauferzeit. In: ZGO 103 (1955) Seite 47.]. Es scheint,
als habe sie in Italien einflußreiche Verwandte gehabt.
Lassen wir uns von dem Namen Gisela leiten, der
- wie gesagt - im karolingischen Haus
ganz besondere Bedeutung hatte, so stoßen wir zwei Generationen früher
auf die gleichnamige Tochter LUDWIGS DES FROMMEN
aus seiner zweiten Ehe mit der WELFIN
Judith.
Diese Gisela, die Schwester KARLS
DES KAHLEN (+ 877), war mit dem Markgrafen Eberhard
von Friaul (+ 864) vermählt. Sie hatte ihrerseits wieder
eine Tochter Gisela,
die als Nonne in Brescia um 863 starb. Vor nahezu dreißig
Jahren hat Emil Kimpen jene Gisela,
die Tochter LUDWIGS DES FROMMEN, völlig
zu Recht als die Großmutter von
Reginlinds Mutter Gisela
angesprochen [91 Kimpen, Königsgenealogie (wie Anm. 90) Seite
49f. und Seite 69.]; er hat sich nur hinsichtlich des Zwischenglieds geirrt.
Die Nachkommen Eberhards von Friaul und der Kaisertochter
Gisela
werden nach Eberhards Vater
Unruoch
(ca. 790-811) die "UNRUOCHINGER"
genannt. Es war dies eines der reichsten und mächtigsten Geschlechter
seiner Zeit und - wie sich aus Eberhards Testament von 863/64 ergibt
- so ziemlich im ganzen Frankenreich begütert. Ihr Besitz stammte
einerseits von Eberhards Vater Unruoch, für dessen Familie
neuerdings Begüterung auf der Münsinger Alb nachgewiesen wurde,
zum anderen aus Giselas Mitgift und
Erbe; dies war teils Hinterlassenschaft ihrer Großmutter
Hildegard,
die mütterlicherseits dem alemannischen herzogshaus entstamte,
teils Erbe ihres Großvaters
KARLS
DES GROSSEN, der in Alemannien über konfisziertes ehemaliges
Herzogsgut verfügte. Als Abkömmlinge
LUDWIGS
DES FROMMEN konnten die "UNRUOCHINGER" am ehesten Ansprüche
an das Erbe
Ludwigs des Kindes stellen.
Als dieser Erbfall 911 eintrat, waren Reginlinds Mutter Gisela
und deren Brüder erbberechtigt.
Von den Kindern Eberhards von Friaul und der Kaisertochter
Gisela
kommt somit nur die Tochter Judith "von Balingen" als Zwischenglied,
das heißt als Mutter der
jüngeren Gisela (911)
in Betracht. Nicht weit von Balingen treffen wir in der auf Judith
folgenden Generation die Grafen Berengar der Hattenhuntuare und
Eberhard
des Sülichgaus, zuständig für Dußlingen im Steinlachtal.
König
ARNULF bestätigte nämlich im Jahre 888 seinem
Kaplan Ortolf das Eigentum der Kirche in Dußlingen, die Kaiser
KARL III. ihm auf Lebenzeit überlassen hatte. Im selben
Dußlingen, in welchem die karolingischen
Herrscher
KARL
III. und ARNULF als Nachkommen
LUDWIGS
DES FROMMEN über die Kirche verfügten, war im ausgehenden
11. Jahrhundert Graf Liutold von Achalm (+ 1098) begütert. Dies ist
ein Beweis, daß die ACHALMER entweder am selben Erbe teilhatten wie
die Nachkommen LUDWIGS DES FROMMEN,
also die gleichen Vorfahren hatten wie diese, oder daß sie zu deren
direkten Rechtsnachfolgern gehörten. Wichtig sind zunächst die
beiden Grafen Berengar und Eberhard. Sie tragen typische
UNRUOCHINGER-Namen
[101 Fürstenbergisches Urkundenbuch (wie Anm. 97) 1, Seite
3. - Kimpen, Königsgenealogie (wie Anm. 90) Seite 49f.]. Eberhard
trägt denselben Namen wie
Judiths
Vater
Eberhard von Friaul.
Berengar
hieß ein Bruder und ein Sohn Eberhards von Friaul. Somit gibt
es kaum Zweifel, daß es sich bei Berengar und Eberhard
um
Enkel
Eberhards von Fraiul handelt [102 Siehe Fürstenbergisches
Urkundenbuch (wie Anm. 97) 1, Seite 4. - Hansartin Decker-Hauff: Die Ottonen
und Schwaben. In: ZWLG 15 (1955) Seite 293.]. Da wir die Söhne und
Töchter
Eberhards von Friaul wie auch in etwa deren Wirkungsbereiche
kennen, liegt am nächsten, die Grafen Berengar und Eberhard
als Söhne der Judith "von Balingen" zu betrachten. Sie
sind danmn Brüder der Gisela, die wir als Mutter der Herzogin
Reginlind kennen [103 Vergleiche Emil Krüger: Zur Herkunft
der Zähringer. In: ZGO 45 (1891) Seite 590. - In der Forschung wurde
Gisela
als Gemahlin des Grafen Eberhard von 888 betrachtet. Dabei ist richtig
die enge Beziehung der beiden erkannt. Gisela ist jedoch selbst
eine UNRUOCHINGERIN mit KAROLINGER-Blut.
Wenn man Eberhard zu Recht als Enkel Eberhards von Friaul
anspricht, kann Gisela unmöglich seine Gemahlin sein. Daß
Berengar,
Eberhard
und Gisela Geschwister sind, wird die Besitzgeschichte zeigen. Siehe
Heinz Bühler: Richinza von Spitzenberg und ihr Verwandtenkreis. In:
Württembergisch Franken 58 (1974) Seite 321 Tafel II.].
Die Grafen Berengar und Eberhard und ihr
Familienkreis lassen sich noch deutlicher fassen. In den Jahren 886 bis
894 begegnet wiederholt ein Eberhard als Graf im Aargau und Zürichgau,
den man mit dem Sülichgau-Grafen Eberhard von 888 zu Recht
für personengleich hält [104 Karl Schmid: Zur Problematik
von Familie, Sippe und Geschlecht. In: ZGO 105 (1957) Seite 5 mit Anm.
9. - Kimpen, Königsgenealogie (wie Anm. 90) Seite 49f.]. Den Zürichgau-Grafen
dieses Namens hat man seit langem als den Stammvater der Grafen von Nellenburg
erkannt [105 Ludwig Schmid: Beleuchtung und schließliche Erledigung
der bis daher noch schwebenden Frage von der Burkhardinger Herkunft der
Hohenzoller. 1897, Seite 150. - Krüger, Zur Herkunft der Zähringer
(wie Anm. 103) Seite 589f. - Otto Feger: Geschichte des Bodenseeraumes
1, 1956, Seite 236. - Hans Kläui: Grafen von Nellenburg. In: Genealogisches
Handbuch zur Schweizer Geschichte 4. 1980, Seite 181 und Tafel IX nach
Seite 204.]. Wir erinnern uns der nellenburgischen Lehenrechte, die Hans
Jänichen in Balingen feststellen konnte. Sie bestätigen, daß
der Zürichgau-Graf Eberhard mit dem Sülichgau-Grafen
Eberhard identisch ist und daß dieser ein Sohn der Judith
"von Balingen" war. Andererseits hat man den Grafen Berengar
von
888 unter die Ahnen der ACHALMER eingereiht [106 Fürstenbergisches
Urkundenbuch (wie Anm. 97) Seite 400. - Decker-Hauff, Ottonen (wie Anm.
102) Seite 293.]. Über ihn oder über seine Schwester Gisela
hätten sich die fürstenbergischen Rechte in Balingen vererbt.
Man erahnte, daß NELLENBURGER und ACHALMER gleichen Ursprungs sind.
Nun haben wir gesehen, daß Judiths (mutmaßlicher)
Sohn Eberhard als Graf im Zürich- und Aargau Beziehungen
zum südlichen Alemannien hatte. Dort treffen wir auch seinen Bruder
Berengar.
Er verfügte 884 über Besitz in Merishausen bei Schaffhausen,
den er an St. Gallen gab im Tausch gegen Klostergut in Bargen (Kanton Schaffhausen).
Im selben Merishausen hatte 846 ein Graf Liutold einen Teil der Kirche,
dazu im benachbarten Berslingen eine Hube an St. Gallen geschenkt. Dieser
Liutold war auch Scherra-Graf; er ist von 846 bis 861 bezeugt. Er war mit
Berengar
verwandt, wie sich aus verschiedenen Verbrüderungseinträgen ergibt
[113 Karl Schmid: Königtum, Adel und Klöster zwischen
Bodensee und Schwarzwald. In: Studien und Vorarbeiten zur Geschichte des
großfränkischen und frühdeutschen Adels. Forschungen zur
oberrheinischen Landesgeschichte 4 (1957) Seite 265f.] und wie es die gemeinsame
Begüterung in Merishausen nahelegt. Liutold war nach seinen Lebensdaten
zwei Geneartionen älter als Berengar. Da wir Berengar
als Sohn der Judith "von Balingen" und Enkel Eberhards
von Friaul von Mutterseite betrachten, müßte Liutold ein
Verwandter Berengars von Vaterseite, und zwar sein Großvater
sein. Dann hätte ein Sohn unseres Liutold Judith "von Balingen"
geheiratet und wäre der Vater der drei Geschwister Berengar,
Eberhard
und Gisela.
Die Besitzverteilung im Merishausen und im benachbarten
Berslingen würde sich so erklären. Berengars
Besitz in
Mersihause wurde schon erwähnt. In Merishausen war später auch
die Abtei Allerheiligen in Schaffhausen begütert; dieses Gut stammte
offenbar von ihrem Stifter Eberhard dem Seligen von Nellenburg, der es
über Berengars Bruder Eberhard ererbt haben müßte.
In Berslingen aber finden wir später Kaiser
HEINRICH IV. begütert; er wäre dazu auf die gleiche
Weise gekommen, wie er zu Waiblingen kam, nämlich über Gisela,
die Mutter Reginlinds, und deren Nachkommen bis zu Gisela,
der Gemahlin Kaiser
KONRADS II.
Der nellenburgische Besitz im aargauischen
Siggental müßte unseres Erachtens zurückgehen auf den Stammvater
des Hauses NELLENBURG, jenen Eberhard, den wir als Graf im
Aargau, Zürichgau (886-894) kennenlernten. Auf Grund
der Besitzverhältnisse im Siggental müßte er nah verwandt
gewesen sein mit einem Vorfahren des Hauses ACHALM, auf den die elchingischen
Güter zurückzuführen wären. Nun kennen wir den Grafen
Eberhard (886-894) als Bruder Berengars, des Grafen
der Hattenhuntare (884-888), und der Gisela (911). Über
ihre Mutter Judith waren sie Enkel Eberhards von Friaul und
der KAROLINGERIN Gisela.
5) Für die Grafen von Achalm
bestätigte sich die Aussage des Zwiefaltener Nekrlogs, daß Unruoch
der "proavus" des Klosterstifters Liutold von Achalm sei, nun auch für
die Mutterseite, und zwar gleich in doppelter Weise: die eine Ahnenreihe
führt über Adelheid von Wülflingen - Liutold von Mömpelgard
- Richlind - Kaiserin Adelheid
- Berta
- Reginlind - Gisela (911) - Judith "von
Balingen" - Eberhard von Friaul zurück zu Unruoch
(ca.
790-811); die andere läuft über Adelheid von Wülfingen
- Liutold von Mömpelgart - Kuno von Öhningen - dessen Mutter
(Liutgard?) - Liuto (924-952) bzw. Berengar (924-956) - Berengar
(884-888)
- Judith "von Balingen" - Eberhard von Friaul zu Unruoch.
Auch die BURCHARDINGER waren von
Haus aus im Ries sicher nicht begütert. Somit stammte das Gut Deggingen
aller Wahrscheinlichkeit nach von Reginlind, welche über ihre
Mutter Gisela reiches karolingisches
Königsgut geerbt hatte [73 Über die Abstammung der Herzogin
Reginlind besteht noch keine Übereinstimmung, doch sind die unterschiedlichen
Auffassungen ohne grundsätzliche Bedeutung für unsere Frage.
Sie ist die Tochter einer Gisela (911). Dieser Name verrät
karolingische
Abstammung
(vgl. Hansmartin Decker-Hauff, Reginlinde, Herzogin von Schwaben. In: Schwäbische
Lebensbilder 6 [1957], Seite 1-4, hier Seite 1).
Der Verfasser hat zu zeigen versucht,
daß Gisela eine Urenkelin LUDWIGS
DES FROMMEN aus seiner zweiten Ehe mit
der WELFIN Judith
sein könnte. Deren Tochter Gisela
war vermählt mit Eberhard von Friaul (+ 864) und hatte
ihrerseits eine Tochter Judith (863), die nach ihrem Erbgut Balingen
gelegentlich als Judith "von Balingen" bezeichnet wird.
Judith war offenbar mit einem Angehörigen der Gründersippe
des Klosters Rheinau vermählt, vermutlich mit dem Rheinauer Vogt Liuto
(878) Aus dieser Ehe stammen die Grafen Eberhard (886-894)
und Berengar (884-888) sowie - nach Meinung des Verfassers
aus besitzgeschichtlichen Gründen - Gisela, die Mutter der
Reginlind
(Studien zur Geschichte der Grafen von Achalm. In: ZWLG 43, Seite 7-87,
hier Seite 28ff.). Reginlind hat über diese Vorfahren karolingisches
Gut geerbt; sie hätte auch nach dem Tode Ludwigs
des Kindes, des letzten ostfränkischen
KAROLINGERS,
911 ein Gutteil von dessen Hinterlassenschaft erhalten.
Mittlerweile hat Hansmartin Decker
den Versuch unternommen, Reginlinds Mutter Gisela noch enger mit den letzten
KAROLINGERN
zu verknüpfen. Ausgehend von der Tatsache, daß KARL
III. (+
888) ein Königreich Schwaben verwaltet
und somit gewiß über den Hauptteil des karolingischen
Gutes in Schwaben verfügt hatte, folgerte er, daß Reginlinds
Mutter Gisela nahe mit KARL III.
verwandt
sein müßte. Dieser hatte eine Schwester
Gisela, von der kaum etwas bekannt ist.
Decker-Hauff hielt es für möglich, diese Gisela
mit der Mutter Reginlinds zu identifizieren. Reginlind wäre
damit die Nichte KARLS III.
(Festvortrag in Waiblingen am 13. Januar 1985. Vgl. Hartmut Hoffmann, So
könnte es gewesen sein. In: Waiblingen in Vergangenheit und Gegenwart
9 [1987], Seite 77-94, hier Seite 89).
Gegen diese ansprechende These
erheben sich freilich Bedenken aus zeitlichen Gründen: Reginlinds
Mutter
Gisela
kann kaum eine Schwester KARLS III.
sein, sondern allenfalls eine Tochter der Schwester. Als Reginlinds
Vater könnte in diesem Falle mit der älteren Forschung jener
Graf
Eberhard (886-894) angenommen werden, den der Verfasser als
Sohn der Judith "von Balingen" betrachtet hat (vgl. Decker-Hauff,
Reginlinde (wie oben) Seite 1). Reginlind wäre damit sowohl
von Vaterseite wie von Mutterseite karolingischer
Abstammung. Dies würde ihr überaus reiches Erbe erklären,
denn sie hätte über den Vater Eberhard Anteile am Erbe
LUDWIGS
DES FROMMEN und sie hätte über
die Mutter Gisela ein Anrecht auf die Hinterlassenschaft Ludwigs
des Kindes (+ 911) geerbt.].