Das Machtstreben des großen Urgroßvaters nahm
Kasimirs
Sohn Boleslaw II. der Kühne (Smialy,
auch der Freigebige - Szczodry,
1058-1079) wieder auf, allerdings mit
geringerem Erfolg, obwohl auch er sich in die Reichspolitik einzuschlaten
wußte. Obwohl beim Tode Kasimirs
noch
jung (16-19 Jahre) und möglicherweise nicht Alleinherrscher, begann
er bald mit selbständigen Schritten in der Außenpolitik, indem
er in Ungarn seinen Onkel Bela gegen
dessen Bruder König Andreas I. unterstützte
(1060). Bela konnte trotz kaiserlichen
Widerstandes den Thron gewinnen und für einige Jahre halten. Als 1063
Andreas' Sohn Salomo,
mit HEINRICHS
IV. Schwester Judith
vermählt, mit kaiserlicher Hilfe den väterlichen Thron
zurückgewann, scheint
Boleslaw II.
sich erneut für Bela und nach
dessen Tod für seine Söhne eingesetzt zu haben. Trotz dieses
Gegenwirken gegen die kaiserliche Politik blieb die Vasallität aber
bestehen. Während des ersten Ungarn-Feldzuges hat Boleslaw
die Oberherrschaft über Pommerellen verloren; daß er sie in
den Jahren 1063/64 wiedergewann, ist möglich, aber nicht sicher.
Nach Jahren der Ruhe folgte 1069 ein Zug nach Kiew, der
wegend er Gleichartigkeit verschiedener Umstände von manchen Quellen
mit dem Zug Boleslaws I. verwechselt
wird. In Kiew war der Senior Izjaslav
1068 nach einer Niederlage gegen die Polowzer von seinem Neffen Vseslav
vom Thron vertrieben worden und zu seinem Vetter Boleslaw
geflohen,
mit dem er durch seine Ehe mit Gertrud,
der Schwester Kasimirs des Erneuerers,
noch einmal verwandtschaftlich verbunden war. Boleslaw
II. gewährte die verlangte Hilfe und führte Izjaslav
im Frühjahr 1069 auf den Großfürstenstuhl zurück,
ohne dabei von Vseslav und den jüngeren
Brüdern Izjaslavs wesentlichen
Widerstand zu finden. Wie ein halbes Jahrhundert früher verschlechterte
sich aber das Verhältnis beider Fürsten und ihrer Untertanen
alsbald, polnische Besatzungen wurden erschlagen, und
Boleslaw mußte zurückkehren, ohne mit der Wiedergewinnung
der Cervenischen Burgen wenigstens einen territorialen Teilerfolg aus diesem
Unternehmen zu ziehen.
Als Izjaslav 1073
erneut vertrieben wurde, diesmal von Svjatoslav
von Cernigov, dem Schwiegervater Boleslaws
[1 Die Ehe Boleslaws II. mit
Viseslava,
einer Tochter Svjatoslav Jaroslevic's von Cernigov,
ist allerdings nicht ganz sicher überliefert.], und wieder in Polen
Zuflucht und Hilfe suchte, gewährte der enttäuschte Fürst
sie nicht, sondern nahm seinem Verwandten einen Teil des mitgebrachten
Schatzes ab und blieb in guten Beziehungen zu der jetzt in Kiew herrschenden
Linie, wurde von ihr auch im Kampf gegen Böhmen 1076 unterstützt.
Im gleichen Jahr wechselte Boleslaw,
von Papst Gregor
VII., an den Izjaslav sich
hilfesuchend gewandt hatte, dazu aufgefordert, noch einmal die Front [2
Dazu mag beigetragen haben, daß Svjatoslav
Ende 1076 starb.] und gab Izjaslav
militärische Unterstützung für die im Frühjahr
1077 erfolgte erneute Rückkehr nach Kiew.
Im Investiturstreit stellte sich
Boleslaw spätestens 1075 auf die Seite Gregors VII.
gegen seinen Lehsnherrn HEINRICH IV.,
dem er schon 1072 praktisch den Gehorsam aufkündigte, als der Kaiser
ihm Kämpfe gegen Böhmen untersagte, Boleslaw
dieses
aber erneut angriff. Ein für den August 1073 angesetzter kaiserlicher
Straffeldzug wurde nicht ausgeführt. 1076 wurde der Bruch vollkommen,
als Boleslaw mit den erwähnten
russichen Hilfstruppen des Kaisers getreusten Gefolgsmann
Vratislav
von Böhmen in den diesem neu verliehenen Marken Lausitz
und Meißen
angriff und sich kurz vor des Kaisers Zug nach Canossa zu Weihnachten 1076
in Gnesen zum König krönen ließ, doch folgte dem keine
unmittelbare Beteiligung an den Kämpfen im Reich.
In Ungarn griff Boleslaw
1077 ein drittes Mal ein und unterstützte seinen Vetter Ladislaus
(Laszlo)
den Heiligen (1088-1095)
bei der Gewinnung des Thrones.
Laszlo hatte sich nach dem Tode seines
Vaters Bela I.
und dem Triumph
Salomos jahrelang am polnischen Hof aufgehalten, bald aber darauf
gewährte er seinerseits Boleslaw Asyl.
Den vielfachen Triumphen folgte ein rascher Sturz, dessen
Umstände dunkel bleiben. Wie gegen Mieszko
II. erhob sich gegen Boleslaw II.
eine Adelsopposition, die den jüngeren Bruder Wladyslaw
Herman auf dem Thron zu sehen wünschte. An diese Verschwörung
gegen den König kann der Krakauer Bischof Stanislaw beteiligt gewesen
sein - die älteste Chronik spricht von seinem "Verrat" -, der
Konflikt zwischen König und Bischof kann aber auch andere Hintergründe
gehabt haben. Die an dem Bischof vollzogene grausame Todesstrafe (durch
Abhacken der Glieder, April 1079) scheint durch die Empörung darüber
der Opposition erst recht Auftrieb gegeben zu haben, so daß
Boleslaw vor dem Aufstand zu Laszlo
nach Ungarn fliehen mußte. Sein Verhalten scheint ihm auch dort Gegner
verschafft zu haben, so daß an bewaffnete Rückkehr nicht zu
denken war. Er starb um 1080 im Exil, angeblich in Ossiach in Kärnten
[3 Neueste Untersuchnungen haben gezeigt, daß die in Ossiach
gezeigte angebliche Grabstätte des Königs wesentlich jünger
ist.]. Sieht man von den Legenden ab, die Boleslaws
Gestalt
bald umspannen [4 Er war der einzige polnische Herrscher, der vom
Thron gestürzt wurde. Diese Tatsache, sein rätselhaftes Ende
und der Konflikt mit dem Bischof gaben besonders viel Stoff zur Legendebildung.],
so erscheint er als bedeutender Krieger, durch ungezügeltes Temperament
aber wenig geschickt in der Ausnützung militärischer Erfolge
und trotz politischen Denkens nicht als weitblickender Staatsmann.