AUSTRIEN
 

Lexikon des Mittelalters:
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Austrien
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In der merowingischen Geschichte Bezeichnung des östlichen Reichsteils. Zusammen mit Neustrien und Burgund bildete Austrien, dessen Name zuerst bei Gregor von Tours in der 2. Hälfte des 6. Jh. belegt ist, die Trias des Franken-Reichs; sie folgte auf die nach dem Tode Chlodwigs 511 und Chlothars 561 vollzogene Vierteilung in die regna von Reims, Soissons, Paris und Orléans. Zu Austrien gehörten das Rhein-Maas-Mosel-Gebiet mit der Champagne und der Hauptresidenz in Reims, dann schon unter Sigibert I. (561-575) Metz, ferner Gebietsanteile in Aquitanien und der Provence und die Herrschaft über die rechtsrheinischen Stämme. - Die Entwicklung Austriens vom Reichsteil zum Teilreich im 7. Jh. ist von Konflikten zwischen dem Königtum und der austrischen Aristokratie geprägt. Deren Aufstieg haben die Kämpfe Sigiberts und Chilperichs um das Erbe ihres Bruders Charibert ( 567), vor allem aber die Zeit der vormundschaftlichen Regierung für den minderjährigen Childebert II. gefördert. Zwar versuchten die Witwe Sigiberts, Brunichild, und der burgundische König Guntram den Einfluß des Adels einzudämmen und die Zentralgewalt durch die Erbfolge Austriens in Burgund zu festigen (Vertrag von Andelot), aber der Bruderzwist im austrisch-burgundischen Königshaus und das Zusammenwirken burgundisch-fränkischer Großer, des austrischen Hausmeiers Pippin und des späteren Bischofs Arnulf von Metz, mit dem neustrischen König Chlothar II. haben den austrischen Adel so gestärkt, daß Chlothar 623 seinen Sohn Dagobert als Unter-König in Austrien und dieser nach Übernahme der Gesamtherrschaft 629 den unmündigen Sigibert unter adliger Regentschaft einsetzen mußte. Auf Betreiben des neustroburgundischen Adels, der ein Übergewicht Austriens fürchtete, hat Dagobert in der Erbfolgeordnung die Abgrenzung der nunmehr zwei, nach Fredegar an Größe und Einwohnerzahl gleichen regna verfestigt. Der Versuch Neustroburgunds, seinerseits Vormacht zu werden, und die wachsende Bedeutung der Hausmeier (Grimoald in Austrien, Ebroin in Neustrien) kennzeichnen die wechselhafte Lage Austriens in der 2. Hälfte des 7. Jh. Erst der Sieg des austrischen Hausmeiers Pippin bei Tertry 687 über die Neustrier führte zur Vereinigung des fränkischen Reiches unter austrischer Vorherrschaft. Entsprechend der politischen Entwicklung wurden im 8. Jh. die alten Teilreichsnamen allmählich zugunsten des Gemeinschaftsnamens Francia in den Hintergrund gedrängt. In karolingischer Zeit bezeichnete Austrien wie der spätere Begriff Francia orientalis das östliche Außenland des fränkischen Siedlungsraumes, das ursprglich thüringische Mainfranken mit dem Zentrum Würzburg. Hieran grenzte westlich des Rheins die Francia (media) als neues Kerngebiet des Reiches an. Zum ducatus Austrasiorum zählten ferner das Swalafeld um Eichstätt, der bayerische Nordgau und Hessen. - In langobardischen Quellen des 8. Jh. erscheinen die Namen Austrien und Neustrien für die Provinzen Venetien und Ligurien; vermutlich handelt es sich um die Übernahme fränkischer Nomenklatur in rein geographischer Bedeutung.

Th. Zotz