NEUSTRIEN
 

Lexikon des Mitttelalters:
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Neustrien
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Der ursprünglichen Vierteilung des Franken-Reiches nach dem Tod Chlodwigs I. 511 und Chlothars I. 561 folgte 567 eine Dreigliederung, die seit dem Vertrag von Andelot (586/587) festere Formen gewann und nicht allein zur Basis künftiger Reichsteilungen wurde, sondern auch das politische Handeln des fränkischen Adels prägte. Der Name Neustrien, vielleicht um 600 zur Bezeichnung des westlichen Teilreichs im Unterschied zu Austrien/Austrasien im Osten und Frankoburgund entstanden, jedoch erst nach 641 in der Vita Columbani des Jonas von Bobbio belegt, ist philologisch nicht endgültig geklärt. Freilich ist auffällig, daß auch im Langobarden-Reich drei analoge Großlandschaften begegnen, neben Tuscia Austrien im Osten und Neustrien im Westen, getrennt durch die Adda. Das fränkische Neustrien fand seine Gestalt unter König Chlodwig II.: Angesichts drückender Übermacht von Austrien und Frankoburgund zunächst auf nur 12 pagi um Rouen, Beauvais und Amiens beschränkt, vereinigte der König nach dem Tod seiner Vettern 613 das Franken-Reich mit Paris als Zentrum und gab damit seinem ursprünglichen Teilreich Neustrien eine bedeutsame Stellung. Unter Chlodwig II. [Richtigstellung: Der Autor verwechselt Chlodwig II. mit Chlothar II.] und seinem Sohn Dagobert I. betrachteten sich die Neustrier als das Reichsvolk, als die Franci schlechthin. Wie bei anderen politisch-geographischen Begriffen läßt sich auch für Neustrien die Spannung von Raum- und (Teil-) Reichsbezeichnung erkennen: Neustrien umfaßte das Gebiet vom Kohlenwald bis zum Land zwischen Seine und Loire, im 7. Jh. nach Osten durch das Herzogtum Champagne um Reims, Châlons und Troyes begrenzt. Trotz der zeitweisen Reichseinigung festigte sich die Struktur der Trias im Franken-Reich durch die Bestellung von Hausmeiern für die Teilreiche, und auch die Integration der gentes vollzog sich in diesen drei Teilreichen. Die erneute Reichsteilung von 638/639 ließ die Identität Neustriens weiter wachsen, bewahrt unter der Königin Balthild und vor allem unter dem neustrischen Hausmeier Ebroin. Doch der lange Vorrang Neustriens fand sein endgültiges Ende im Sieg des austrischen Hausmeiers Pippin (des Mittleren) 687 bei Tertry über den neustrischen Adel, dem weitere Erfolge Karl Martells 717 und 719 folgten. Obwohl neustrische Zentren ihren Rang durchaus behaupten konnten (vor allem das Kloster St-Denis als Grablege des ersten karolingischen Königs Pippin), verschoben sich die Gewichte in karolingischer Zeit nach Austrien, das zur Basis der fränkischen Ostexpansion wurde. Zwar scheinen auch die KAROLINGER bei der Ausstattung ihrer Söhne (Grifo, 790 Karl der Jüngere [3. K.], 838 KARL DER KAHLE) an einen alten neustrischen Dukat um Le Mans angeknüpft zu haben, doch in ihrer Reichsordnung überlagerten sie ältere merowingische Strukturen, vor allem in den Missatica. Spätestens die Divisio regnorum von 806 wies Neustrien (im Süden bis zur Loire, im Osten bis Chartres reichend und im Westen die Bretonenmark umfassend) die Rolle eines Nebenlandes neben der Francia media zwischen Seine und Rhein zu. Noch einmal erreichte Neustrien im 9. Jh. einen besonderen Rang, als sich hier die Machtansammlung der ROBERTINER (zwischen Seine und Loire) abzeichnete. Abbo von St-Germain konnte Odos Königswahl 888 als Herrschaftsantritt eines Neustriers preisen. Doch die Vorstellung von Neustrien war im westfränkischen Reich kaum mehr mit politischen Inhalten zu füllen: Als bloße Landschaftsbezeichnung wurde Neustrien vom regnum Francorum der KAROLINGER und KAPETINGER und von der Francia des Hochmittelalters als Land zwischen Loire und Maas aufgesaugt. Schließlich diente Neustrien noch als Bezeichnung für das normannische Herrschaftsgebiet um Rouen, doch auch hier setzte sich der politische Begriff Normannia/Normandie durch.

B. Schneidmüller