Lexikon des Mittelalters: Band I Spalte 820
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Apulien
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süditalienische Region, deren Namen sich von dem
oskischen Stamm der Apuli herleitet, der seit dem Altertum seinen Sitz
im Gebiet des Gargano hatte.Im 5. Jh. gehörte
es zum Amtsbereich des praefectus praetorio Italiae und wird als eine der
16 provinciae im "Laterculus Veronensis" und im "Laterculus" des Polemius
Silvius verzeichnet. Nach dem Untergang des weströmischen Reiches
fielen unter Theoderich (493-526) die
Heruler und Avaren, die von Dalmatien kamen, und die Vandalen aus Afrika
in Apulien ein. Seit der Zeit Justinians (527-565)
unter byzantinischer Oberherrschaft, mußte Apulien die verheerenden
Folgen des byzantinisch-gotischen Krieges (535-553) und der Verwüstung
durch Franken und Alemannen 554 tragen, wodurch Ackerbau und Handel schwere
Rückschläge erlitten. Den folgenden Einfällen der Langobarden
Ende des 6. Jh. suchten die Byzantiner - gemeinsam mit den Einheimischen
in den verbliebenen municipia - vergeblich, Widerstand entgegenzusetzen.
Die langobardische Infiltration weitete sich unter Arichis
(594-640) aus, der Apulien eroberte und dem Herzogtum Benevent
angliederte, mit Ausnahme des Gargano und des antiken Calabria, die bis
zum Tode des Constans (+ 668)
byzantinisch blieben. Dieser hatte Apulien für das Imperium zurückerobert,
aber seine Herrschaft wurde von Romuald
(671-687) gestürzt, der zusammen mit seinen Nachfolgern
langobardische Einrichtungen und Gebräuche in Apulien einführte.
Zur Zeit der Vernichtung des Langobarden-Reiches durch die Franken (774)
war Apulien der Schauplatz der Kämpfe zwischen Langobarden, Byzantinern
und Arabern, Kämpfe, die durch Intrigen und ständig wechselnde
Bündnisse gekennzeichnet waren. Desiderius
(750-774) erbat die Intervention von Kaiser
Konstantin V. Kopronymos (741-775), um Liudprand,
welcher sich in Otranto verschanzt hatte, zu bezwingen; die Herzöge
Arichis II. (758-787) und Grimoald
III. (788-806), die Vasallen KARLS
DES GROSSEN geworden waren, brachten das Gebiet bis zum
Salento unter ihre Kontrolle. Als das KAROLINGER-Reich
zerfiel und ein schweres politisches Schisma das Herzogtum Benevent in
eine Krise stürzte, griffen die Araber Apulien an: zuerst als Piraten,
später als Verbündete der langobardischen Dissidenten. 838 besetzten
sie Brindisi und errichteten Emirate in Bari (847-871) und Tarent (841-880)
sowie Kolonien in Canossa, Ordona und Ascoli. LUDWIG
II. (855-875) versuchte vergebens, ihnen in
zahlreichen Feldzügen Widerstand entgegenzusetzen. Erfolgreicher waren
die Kaiser des Ostens, Basileios (867-886),
der das von dem Berber Sawdan (857-871) zerstörte Gallipoli wiederaufbauen
ließ und mit Leuten aus Bithynien neu besiedelte, und Leon
(886-912), der von der Peloponnes viele freigelassene
Sklaven nach Apulien schickte. Die Oberherrschaft von Byzanz wurde wiederhergestellt
und bestand bis zum 11. Jh., wobei die Region jedoch infolge innerer Kämpfe
und drückender arabischer und slavischer Einfälle einer gewissen
Instabilität unterworfen war. Zur weiteren Zerrüttung des Landes
trugen die Eroberungspläne OTTOS
I. bei, der zwar teilweise Apulien unterwarf, dem es aber
ebensowenig wie OTTO
II. gelang, es den nördlichen Reichsteilen dauerhaft
anzugliedern. Gleichzeitig stellte die byzantinische Regierung, die ihre
Macht durch die Erhebung Otrantos zum Metropolitansitz und die Errichtung
des Katepanats von Italien mit der Hauptstadt Bari zu konsolidieren versuchte,
den sächsischen Herrschern sarazenische Söldner entgegen. Diese
unternahmen seit 970 Raubzüge in Apulien. In dieser Periode begannen
die auf sich selbst gestellten Städte ihre Freiheiten zu betonen und
verteidigten sich tatkräftig. Eine derartige Bewegung, die an die
Entwicklung der autonomen Kommunen in N-Italien erinnert, wenn sie sich
im Süden auch nie ausbilden konnte, gewann zu Beginn des 11. Jh. an
Stärke und führte auch zu heftigen Aufständen wie dem des
Melos und später des Argyros in Bari. In einer solchen krisensituation
stellten sich normannische Abenteurer den aufständischen Adligen,
den deutschen Kaisern und den antibyzantinischen Päpsten als Bundesgenossen
in Apulien zur Verfügung. Rechtlich gesehen, unterstanden sie bald
den langobardischen Fürsten, bald den deutschen Kaisern; ihre Bündnispolitik
war sehr wechselhaft, stets besaßen sie jedoch eine gewisse autonome
politische Bedeutung. Die Krise der byzantinischen Oberherrschaft in Apulien
(1010-1070) fiel zusammen mit einer Periode relativer Prosperität,
die dem Wiederaufleben des Handels in den Häfen und den engen Verbindungen
der sozialen und politischen Strukturen in Stadt und Land sowie dem Zusammehalt
der führenden und untergeordneten Schichten zu verdanken ist. -
1047 wurden die Normannen von HEINRICH
III., der Drogo den Herzogs-Titel verlieh,
formal anerkannt. Gegen die Normannen formierte sich ein byzantinisch-päpstliches
Bündnis, das jedoch 1053 bei Civitate eine entscheidende Niederlage
erlitt. Der gleichzeitige Tod von Leo
IX. (1049-1054) und Konstantin IX. (1042-1054)
und der Bruch zwischen den Kirchen durch das Schisma des Michael Kerullatrios
führten einen Umschwung in der päpstlichen Politik gegenüber
Byzanz herbei, der sich zugunsten der Normannen auswirkte, vor allem nachdem
Papst Nikolaus II.
(1059-1061) sich mit ihnen ausgesöhnt und Robert Guiscard
mit dem Herzogtum Apulien und Kalabrien belehnt hatte. Die Eroberer
sicherten ihre Herrschaftsgebiete in Apulien, aus dem sich die byzantinische
Verwaltung nach der Einnahme von Bari (1071) zurückgezogen hatte.
Apulien erfuhr bald eine demographische Expansion, der ein verstäktes
Anwachsen der Bautätigkeit und ein beachtlicher Aufschwung des Handels
entsprachen. 1087 gelangten die Reliquien des hl. Nikolaus nach Bari, unter
dessen Schutz sich Pilger uns ins Hl. Land aufbrechende Kreuzfahrer stellten
( wie schon seit Jahrhunderten unter der Protektion des Erzengels Michael
am Monte Gargano). Die in Grafschaften aufgegliederten Normannen-Herrschaften
wurden unter Roger II. (1130-1154)
zu einem Königreich mit der Hauptstadt Palermo vereinigt. In
Apulien dauerten jedoch die Aufstände an, die durch den Gegensatz
zwischen dem König, der Parteigänger Anaklets
II. war, und Innozenz
II., der sich auf LOTHAR
III. stützte, geschürt wurden. Unter Wilhelm
I. (1154-1166), genannt "der
Böse" (weil er gegen die ihn rebellierenden Städte,
die von Byzanz vergebens Hilfe erbeten hatten, hart unterdrückte),
wurde Apulien von Tumulten erschüttert. Eine Periode der Properität
erlebte es jedoch unter dem milden Herrscher Wilhelm
II. (1166-1189). Nach dessen
Tod designierten die Feudalherren von Apulien Graf Tankred
von Lecce (1189-1194), auf
den sein Rivale, der STAUFER
HEINRICH
VI. folgte. Im Laufe des 13. Jh. war das Schicksal Apuliens
mit dem der STAUFER-Dynastie eng verknüpft.
Brennpunkt von Intrigen während der Minderjährigkeit FRIEDRICHS
II., wurde Apulien der bevorzugte Aufenthaltsort des Kaisers.
In der Tat schmückte er das Land mit Kastellen, bereicherte es mit
neuen Städten, öffnete es den venezianischen und genuesischen
Schiffen, richtete dort eine Münze und Jahrmärkte ein, machte
Apulien zum Zentrum des "höfischen Lebens", zum Schauplatz seiner
Zerastreuungen und Jagden, erließ in Melfi seine Konstitutionen und
stationierte in Lucera die Sarazenen als Kerntruppe seines Heeres.