Vitiges, Witiges, Wittichis               König der Ostgoten (536-540)
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um 470/80 542
 

Sohn des Waltaris von Fäsulä
 

Thiele, Andreas: Tafel 220
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"Erzählende genealogische Stammtafeln zur europäischen Geschichte Band III Europäische Kaiser-, Königs- und Fürstenhäuser Ergänzungsband"

MATASWINTHA
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  oo 537
       WITIGES
              

Witiges war Feldherr, Herzog und wurde 536 gegen den unpopulären Theodahad König der Ostgoten, den er ermordete. Er trat die Provence an die Franken ab und erhoffte dafür vergeblich deren Hilfe. Witiges verlor letztlich ganz Italien an Belisar, belagerte ihn 538/39 in Rom und kapitulierte 540 in Ravenna und wurde mit der Frau nach Konstantinopel verschleppt.



Vitiges wurde von der gotischen Heeresversammlung zum König ausgerufen und trat aus außenpolitischen Gründen 537 die Provence an das Frankenreich ab. 537/38 belagerte er vergeblich Rom, in das sich Belisar eingeschlossen hatte. Im Mai 540 eroberte Belisar Ravenna, nahm Vitiges gefangen und führte ihn neben anderen gotischen Adligen und dem Königsschatz Theoderichs nach Konstantinopel.

Norwich John Julius: Seite 253
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"Byzanz. Der Aufstieg des oströmischen Reiches."

Auf einer großen Zusammenkunft in der Nähe von Terracina wurde König Theodahad abgesetzt und, da keine Nachkommen von Theoderich mehr lebten, der schon recht alte und nicht sonderlich profilierte Heerführer Witiges zu seinem Nachfolger ernannt. Der erste Befehl des neuen Goten-Königs war der zur Hinrichtung des alten: Theodahad wurde in der Nähe von Ravenna gefangengenommen und auf der Stelle getötet.
Mittlerweile marschierte Belisar auf Rom. So mancher gotische Häuptling muß sich gefragt haben, ob man mit der Wahl Witiges' zum König den richtigen Mann ausgesucht habe, als dieser erklärte, er werde die Stadt nicht verteidigen, die Bevölkerung müsse sich selbst helfen; er werde sich nach Ravenna zurückziehen, um dort die Streitkräfte zu konsolidieren, eine Langzeitstrategie zu entwerfen und - das klang noch irritierender - sich von seiner Frau zu trennen, um Athalarichs Schwester Matasuntha zu heiraten. Nun gab es in der Tat gewichtige politische Gründe für eine solche Verbindung. Witiges war von niederer Herkunft und mußte seine gesellschaftliche Stellung aufwerten; außerdem wußte er wohl, daß jeder andere Eheman der jungen Frau ein potentiell gefährlicher Rivale für ihn war. Schließlich mag auch die Überlegung eine Rolle gespielt haben, Justinians Vorwand für ein Eingreifen in Italien würde mit einer Enkelin Theoderichs auf dem Thron hinfällig. Doch wie man sich vorstellen kann, stand die Ehe von Anfang an unter einem unglücklichen Stern, und sie scheint dem Ruf des alten Witiges denn auch mehr geschadet als genützt zu haben.
Mitte März des Jahres 537 schloß Witiges mit seinen Truppen Rom ein. Die Belagerung dauerte ein Jahr und neun Tage, und es war eine qualvolle Zeit für Belagerer und Belagerte. Im November begann sich mit dem Eintreffen von 5.000 Mann Reiterei und Fußtruppen aus dem Osten die Waagschale zugunsten der Byzantiner zu neigen. Bald darauf suchten die Goten um einen dreimonatigen Waffenstillstand nach und in dieser Zeit boten sie Friedenverhandlungen an. Die Kunde, daß die Invasoren nun eine wichtige Stadt (Ariminum) 200 Meilen in seinem Rücken und nur 33 von Ravenna in ihrem Besitz hatten, reichte für Witiges hin, die Belagerung Roms abzubrechen.
Witiges befand sich in einer desperaten Situation, da die Byzantiner bis 540 fast die gesamte Halbinsel verwüstet und eroberte hatten und die Bevölkerung wie die Ostgoten Hunger litten. Witiges gelang es, den Perser-König Chosrau gegen Ostrom aufzuhetzen und Ende des Jahres 539 mußte Belisar auf kaiserlichen Befehl die Belagerung von Ravenna aufheben. Kaiserliche Gesandte schlossen mit den Goten einen Vertrag, nach dem diese, statt kapitulieren zu müssen, die Hälfte ihres königlichen Schatzes und das gesamte italienische Gebiet nördlich des Po behalten durften. Doch Witiges forderte Belisars Zustimmung zum Vertrag und bot ihm an, seinen Thron aufzugeben und die Krone Belisar zu überlassen, sofern jener sich zum Kaiser des Westens ausrufe. Daraufhin öffneten die Goten die Tore Ravennas und ließen das byzantinische Heer einziehen.
Als die Goten sahen, wie die byzantinische Soldateska ihren Königsschatz auf die Schiffe verlud und Witiges, Matasuntha und die anderen hohen Adeligen abgeführt wurden, müssen sie Belisars Hinterlist voll Bitterkeit gedacht haben.

Offergeld Thilo: Seite 87
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"Reges pueri. Das Königtum Minderjähriger im frühen Mittelalter."

Schon Theodahad scheiterte an seiner militärischen und politischen Führungsunfähigkeit, als er 536 entthront und durch den erfolgreichen Heerführer Vitiges, einen Nicht-AMALER, ersetzt wurde. Vitiges wurde vom Heer bei gezogenen Schwertern more maiorum auf dem Schild zum König erhoben; ähnlich deutlich zeigt auch das vier Jahre später in verzweifelter Lange an den stammesfremden Feldherrn Belisar gerichtete Königs-Angebot die genuin heerkönigliche Grundlage. Die nachfolgenden Könige Hildebad, Totila und Teja sind, da mit Vitiges' Kapitulation das gotisch-italische Königtum erlosch, wieder rein gentile Herrscher, sie wurden sämtlich aufgrund ihrer militärischen Erfolge und Fähigkeiten, ihrer Idoneität also, erhoben.
Gleichwohl spielten auch in diesem zwanzigjährigen Überlebenskampf der Goten erbrechtlich-geblütsmäßige Elemente, ja sogar die Berufung auf das AMALER-Tum, weiterhin eine Rolle: Vitiges bezeichnete sich aufgrund seiner an Theoderich orientierten Politik als Verwandten des AMALERS und heiratete Amalasuinthas Tochter Matasuntha. Auf Matasuntha stützte nach Vitigis' Tod auch ihr zweiter Ehemann, Justinians Neffe Germanus, seine amalisch-propagandistisch begleiteten Herrscheransprüche. Der Neffe des Vitiges, Uraias, lehnte die ihm angetragene Königswürde unter Hinweis auf seine Verwandtschaft mit dem unglücklichen König ab. Hildebads Erhebung war wiederum durch seine Verwandtschaft zum erfolgreichen Westgoten-König Theudis mit motiviert; gleiches gilt für die seines Neffen Totila. Und noch nach dem Tode Tejas, des letzten Ostgoten-Königs, setzten einige ihre Hoffnung auf seinen Bruder Aligern, der die königlichen Insignien in seiner Gewalt hatte. Königs-Söhne standen freilich nicht mehr zur Verfügung [138 Vitigis hatte keine Söhne von Matasuntha, ein Sohn aus seiner ersten Ehe wurde vermutlich mit ihm nach Konstantinopel deportiert, ebenso auch die Kinder seines Nachfolgers Hildebad; vgl. Wolfram, Goten Seite 349; Pflug-Harttung, Ostgothen Seite 222. Von Söhnen Totilas oder Tejas verlautet nirgends etwas.], so daß es auch für einen etwaigen Kindkönig keine Gelegenheit mehr gab.
 
 
 
 

    518
  1. oo Rauthgundis
                

    537
  2. oo 1. Mataswintha, Enkelin Theoderichs des Großen
               um 517/20 nach 540
 
 
 
 

Literatur:
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Browning Robert: Justinian und Theodora. Herrscher in Byzanz. Manfred Pawlak Verlagsgesellschaft mbH, Herrsching 1988 Seite 27,64,145,148,151,154,157 - Dahn Felix: Die Völkerwanderung. Germanisch-Romanische Frühgeschichte Europas. Verlag Hans Kaiser Klagenfurt 1977 Seite 63,65, 176,374 - Ensslin Wilhelm: Theoderich der Große. F. Bruckmann KG München 1959 Seite 169,330 - Norwich John Julius: Byzanz. Der Aufstieg des oströmischen Reiches. Econ Verlag GmbH, Düsseldorf und München 1993 Seite 253 - Offergeld Thilo: Reges pueri. Das Königtum Minderjähriger im frühen Mittelalter. Hahnsche Buchhandlung Hannover 2001 Seite 87 - Riehl Hans: Die Völkerwanderung. Der längste Marsch der Weltgeschichte. W. Ludwig Verlag 1988 Seite 269-271 - Schreiber Hermann: Auf den Spuren der Goten. List Verlag München 1977 Seite 217,246,248 - Thiele, Andreas: Erzählende genealogische Stammtafeln zur europäischen Geschichte Band III Europäische Kaiser-, Königs- und Fürstenhäuser Ergänzungsband, R.G. Fischer Verlag 1994 Tafel 220 -