Schneider Reinhard: Seite 88,92,110-113
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„Königswahl und Königserhebung im Frühmittelalter“

Offenbar standen die vier überlebenden Söhne im Dezember 560 an Chlothars Totenbett in Compiegne. So wird berichtet, sie hätten den Leichnam gemeinsam, unter großem Ehrenerweis nach Soissons gebracht und in der Kirche des heiligen Medard bestattet. Doch die brüderliche Eintracht hielt nicht vor, wenngleich erwähnenswert ist, daß die ersten gewaltsamen Versuche einer Herrschaftsregelung erst nach der Bestattung erfolgten. Chilperich als jüngster von ihnen brachte des Vaters Schätze in seinen Besitz, wandte sich an die Francos utiliores, gewann sie durch Geschenke und unterwarf sie sich bzw. ließ sie huldigen. Sein nächster Schritt führte ihn in König Childeberts Hauptstadt Paris, die er besetzte. Aus Gregors weiterem Bericht geht hervor, daß die Besetzung von Paris als förmliche Inbesitznahme gedacht war, obwohl Chilperichs Vorhaben am gemeinsamen Widerstand der drei Brüder scheiterte, die ihn aus Paris vertrieben und erst dann - zu viert - eine rechtmäßige Teilung durchführten.
Trotz aller oder vielleicht gerade wegen der Komplikationen, die Chilperichs eigenmächtiges Handeln hervorrufen mußte, scheint die Reichsteilung relativ schnell nach Chlothars Tod erfolgt zu sein.
Nach diesem Exkurs soll der Blick auf die Entwicklung der politischen Beziehungen zwischen den Brüdern gelenkt werden, deren hervorstechendes Merkmal Chilperichs Unzufriedenheit mit seinem Erbanteil und die daraus resultierenden Verwicklungen zu sein scheinen. Als nämlich Sigibert durch Kämpfe mit den Awaren gebunden war, fiel Chilperich in dessen Reich ein und riß Reims und einige andere Städte an sich. Sobald jedoch Sigibert freie Hand hatte, revanchierte er sich mit der Eroberung von Soissons, wo auch Chilperichs Sohn Theudebert in Gefangenschaft geriet. Erst die offene kriegerische Auseinandersetzung mit einem für Sigibert günstigen Ausgang beendete vorerst den Bruderstreit, der keiner Seite Gewinn eingebracht hatte.
Von den Usurpatoren soll der Blick wieder auf die nächsten Herrscherwechsel von 584, 595 und 596 gelenkt werden. Nach Charibert (  567) starb Chilperich (584), der König von Neustrien, als dritter der im Jahre 561 zur Herrschaft gelangten Söhne Chlothars I. Doch ehe die Nachfolgegfrage des Jahres 584 betrachtet wird, lohnt es zu prüfen, wie Chilperich selbst sich die Regelung seiner Herrschaftsnachfolge vorgestellt hat. Dabei ergibt sich, daß der neustrische König wie selbstverständlich von einer Sohnesfolge ausging. Problematische wurde allerdings die Situation durch den frühzeitigen Tod dreier Söhne, die ihm Fredegunde geschenkt hatte. Aus seiner ersten Ehe mit Audovera stammten Merowech und Chlodowech [252 Gregor IV, 28 Seite 161. Eigentlich waren es drei Söhne, von denen der älteste, Theudebert, bereits 575 im Kampf gegen ein Heer König Sigiberts gefallen war (IV, 50 Seite 187).]. Der ältere hatte sich bekanntlich gegen den Vater empört, nach seiner eigenen Königsherrschaft gestrebt und war im Zuige dieser Empörung umgekommen. Chlodowech dagegen scheint Chilperich und der mißtrauischen Fredegunde lange Zeit keine Sorgen bereitet zu haben, doch als der jüngste und letzte Stiefbruder 580 starb, veränderte sich jäh das offenbar gute Einvernehmen [Auf Fredegundes Betreiben schickte Chilperich seinen Sohn von Compiegne aus in das von einer schweren Seuche heimgesuchte Berny-Riviere, ut scilicet et ipse ab hoc interitu deperiret ...- sed nihil ibidem incommodi pertulit]. Nach der Darstellung Gregor von Tours beging Chlodowech die Unvorsichtigkeit, sich am Hofe des Vaters zu früh zu brüsten: "Siehe, meine Brüder sind tot, mir bleibt das ganze Königreich; mir wird ganz Gallien untertan sein, alle Gewalt hat das Schicksal mir geschenkt! Dann werden meine Feinde in meiner Hand sein, und ich werde ihnen antun, was mir beliebt". Es braucht kaum erwähnt zu werden, daß es zusätzlicher ungeziemender Reden über die Stiefmutter fast nicht mehr bedurfte, Chlodowech verstrickte sich in Fredegundes Ränken und kam darin um. Den zitierten Worten, die der ungewöhnlich gut informierte Gregor dem Sohn Chilperichs in den Mund legt, ist ein indirektes Zeugnis für das Teilungsrecht aller Brüder zu entnehmen: Sind die Brüder tot, fällt dem Überlebenden rechtlich omne regnum zu. Seine Anwartschaft hebt ihn schon zu Lebzeiten des Vaters aus dem bloßen Sohn-Verhältnis heraus.
Durch den Tod Chlodowechs hatte Chilperich keinen Sohn mehr, dem er das Reich vererben konnte. Vielleicht gab dies den Ausschlag, daß er sich auf Verhandlungen mit Gesandten seines Neffen Childebert einließ. Sie mündeten in ein Bündnis zwischen Oheim und Neffen, das politisch durch eine Expansionspolitik gegenüber Guntram und einen gegenseitigen Frieden zwischen Childebert und Chilperich motiviert war. Die Adoption Childeberts durch seinen kinderlosen Oheim Chilperich tritt zu dem Vertragsschluß hinzu, scheint aber etwas sekundärer Natur zu sein. Immerhin durfte Chilperich damit rechnen, daß ein adoptierter Neffe ihn bei Lebzeiten nicht behelligen werde: "Deshalb soll dieser einst alles erben, was ich dann erarbeitet habe; nur solange ich lebe, lasse man es mich ohne Anfechtung und Ärgernis behalten"! Offen bleibt vielleicht, ob die bei der vertraglichen Friedensregelung gegebene Erbzusage Chilperichs ganzes Reich betraf oder - wohl weniger - nach dem strengen Wortlaut bei Gregor nur den zukünftigen Anteil Chilperichs am Reiche Guntrams, was diesem ja genommen werden sollte. Nicht unerwähnt sollte auch bleiben, daß die "Adoption" von Nogent-sur-Marne keinesfalls perönlich erfolgte, sondern gegenüber Childeberts Gesandten ausgesprochen wurde, die ihrerseits die pactiones unterschriftlich und durch Eid bekräftigten.
Daß Chilperich in Childebert II. keinesfalls gern seinen Nachfolger gesehen haben wird, ergibt sich aus seinem Verhalten, als ihm doch noch ein Sohn (Theuderich) geboren wurde. Sorgfältig traf er die verschiedensten Vorkehrungen, um diesem ein behütetes Heranwachsen zu sichern. Einer allgemeinen Amnestie und dem Erlaß rückständiger Strafgelder folgte eine feierliche Taufe zu Ostern 583 in Paris, das er eigens dazu ohne Absprache mit seinen Brüdern betreten hatte, obwohl es vertraglich streng verboten war und Chilperich nur unter dem Schutz vieler vorangetragener Reliquien hoffen konnte, dem Fluch der verbotenen Tat zu entgehen. Chilperichs Umsicht konnte indes nicht verhindern, daß Theuderich noch im Säuglingsalter verstarb.
Im Herbst 584 (September Ende/Oktober Anfang) wurde Chilperich selbst auf seinem Hofe Chelles von Mörderhand tödlich getroffen. Den Leichnam des Königs, den Gregor von Tours einen Nero und Herodes seiner Zeit nannte, bestattete man in Paris. Dorthin hatte sich die Königin-Witwe Fredegunde mit einem Großteil von Chilperichs Schatz geflüchtet und in der Hauptkirche beim Pariser Bischof Ragemod Zuflucht gefunden. Chilperichs verlassenes Reich empörte sich teils (Orleans, Blois), teils liefen einige Große zu Childebert über, während andere zu Fredegunde zu halten schienen. Überraschenderweise hört man, daß die Königin einen kaum erst geborenen Sohn Chilperichs bei sich hatte. Die Überraschung löst sich allerdings etwas, wenn man beachtet, daß Gregor bereits früher von der Geburt eines Sohnes berichtete, bei dem es sich um Chlothar II. handeln kann. Chilperich ließ ihn auf dem Hof Vitry aufziehen, "damit", wie er sagte, "dem Kind kein Unheil zustoße, wenn man es öffentlich sieht, und es nicht dadurch stirbt".