Begraben: Merseburg, Dom
Sohn des Grafen
Kuno von Rheinfelden
Lexikon des Mittelalters: Band VII Spalte 1070
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Rudolf von Rheinfelden, Herzog von Schwaben
------------------------ Deutscher Gegenkönig seit 1077
* ca. 1020/30, + 15. Oktober 1080 gefallen
Schlacht an der Elster
Begraben: Merseburg, Dom
Stammte aus der sich von einer Nebenlinie des burgundischen Königshauses herleitenden Familie der RHEINFELDENER, Sohn Graf Kunos von Rheinfelden.
1. oo 1059 Mathilde (+ 1060), Tochter Kaiser HEINRICHS III. und der Agnes von Poitou
2. oo 1062 Adelheid von Turin (+ 1079), Tochter Graf Ottos von Savoyen und der Markgräfin Adelheid von Turin
Kinder: von 2.:
Berthold (+ 1090), seit 1079 Gegenherzog von Schwaben
Otto (+ im Kindesalter)
Agnes oo Herzog Berthold II. von Zähringen
Adelheid oo König Ladislaus I. von Ungarn
Bertha oo Graf Ulrich X. von Bregenz
Aufgrund familien- wie besitzmäßiger Beziehungen in den burgundisch-alemannischen Raum schien RUDOLF für die Übernahme des Herzogtums Schwaben bestens ausgewiesen, das ihm die Kaiserin Agnes im Herbst 1057 zusammen mit der Verwaltung Burgunds übertrug. Durch die gleichzeitig erfolgte Verlobung mit der Kaisertochter Mathilde sollte er noch enger an das salische Haus gebunden werden. Auch nach deren frühem Tod blieb die Königsnähe durch die Verbindung mit Adelheid von Turin, der Schwester von HEINRICHS IV. Gemahlin Bertha, gewahrt. Während der bischöflichen Regentschaftsregierung gehörte RUDOLF, dem 1063 die Abtei Kempten übertragen wurde, zum Kreise der auf Kosten des Reiches begünstigten Großen. An der Seite Erzbischof Annos von Köln betrieb er jedoch 1066 die Entmachtung Adalberts von Bremen. Seit Beginn der 70-er Jahre wird er mehrfach mit Anschlägen gegen HEINRICH IV. in Verbindung gebracht, ohne dass sich die Hintergründe ganz aufklären ließen. Durch Vermittlung der Kaiserin Agnes kam es jedoch 1072 und 1074 zu einer Aussöhnung mit dem König. In der ersten Phase des Sachsenkrieges kämpfte RUDOLF loyal auf der Seite HEINRICHS IV. und trug als Anführer des schwäbischen Aufgebots zu dessen Sieg bei Homburg an der Unstrut (9. Juni 1075) bei. Aufgrund seiner Ergebenheit gegenüber der römischen Kirche wurde RUDOLF von Gregor VII. als Vermittler in der Auseinandersetzung mit dem deutschen Königtum ausersehen (reg. I, 19). Nach der Verurteilung HEINRICHS IV. auf der Fastensynode 1076 gehörte er zu jener Gruppe oppositioneller Fürsten, die auf eine Neuwahl hinarbeiteten und durch Sperrung der Alpenübergänge dem gebannten König den Weg nach Italien abzuschneiden versuchten. Es unterliegt keinem Zweifel, dass er nun auch selbst nach der Krone gestrebt hat, auf die er kraft seiner Abstammung und seiner engen Beziehung zum salischen Haus einen Anspruch erheben konnte. Von einer Gruppe sächsischer und schwäbischer Fürsten wurde RUDOLF von Rheinfelden am 15. März 1077 auf dem sogenannten Pilatushof zu Forchheim in Anwesenheit päpstlicher Legaten zum König gewählt und am 26. März von Erzbischof Siegfried I. in Mainz gekrönt. Durch seinen Verzicht auf jeglichen Erbanspruch erfuhr der freilich niemals völlig in Vergessenheit geratene Gedanke der freien Wahl eine Stärkung. Vor dem aus Italien zurückkehrenden HEINRICH IV. mußte RUDOLF von Rheinfelden, der die Verwaltung Burgunds seiner Gemahlin Adelheid anvertraut hatte, nach Sachsen fliehen. Auf einem Hoftag zu Ulm (Ende Mai 1077) wurde über RUDOLF von Rheinfelden und die ihn unterstützenden oberdeutschen Großen die Todesstrafe verhängt und der Verlust ihrer Ämter und Lehen verfügt. Das Gegenkönigtum blieb fortan, abgetrennt von der schwäbischen Machtgrundlage, auf Sachsen beschränkt. Infolge der abwartenden Haltung Gregors VII., der eine Schiedsrichterrolle im deutschen Thronstreit beanspruchte, blieb RUDOLFS Position im Reich schwach. Mehrere Versuche, auf dem Verhandlungsweg den Bürgerkrieg zu beenden, scheiterten an der Unvereinbarkeit der Standpunkte. Aber auch die militärischen Begegnungen (Mellrichstadt, 7. August 1078; Flarchheim, 27. Januar 1080), aus denen RUDOLF zumeist siegreich hervorging, führten zu keiner Entscheidung. Einen Umschwung brachte erst die Fastensynode 1080, auf der Gregor VII. nach der Erneuerung des Bannes gegen HEINRICH IV. das Königtum RUDOLFS von Rheinfelden anerkannte; inzwischen hatte jedoch der Abfall unter RUDOLFS Anhängern begonnen. Zwar vermochte sich RUDOLF auch in der Schlacht an der Elster (15. Oktober 1080) zu behaupten; sein Tod aufgrund einer schweren Verletzung, bei der er die Schwurhand verlor, wurde im Lager HEINRICHS IV. als Gottesurteil gewertet. - RUDOLF von Rheinfelden war ein Repräsentant des der Kirchenreform aufgeschlossen gegenüberstehenden Dynastenadels. In St. Blasien, das er zur Grablege seines Hauses bestimmte, förderte er die Übernahme der Gewohnheiten des jungclunianzensischen Reformzentrums Fruttuaria. Im Lager der deutschen Gregorianer wurde er als Verteidiger sächsischer Stammesinteressen wie als Verkörperung des christlichen Herrscherideals gefeiert.
Quellen und Literatur:
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ADB XXIX, 557-561 - Gebhardt I, 341-344 - JDG, unter Heinrich IV. und
Heinrich V., Bd 3, 1900, passim - H. Bruns, Das Gegenkgtm. R.s und seine
zeitpolit. Voraussetzungen [Diss. Berlin 1939] - H. Jakobs, Der Adel in
der Kl.reform v. St. Blasien (Kölner hist. Abh. 16, 1968), bes. 159ff.,
263ff. - Ders., R. und die Kirchenreform (VuF 17, 1973), 87-115 - W. Schlesinger,
Die Wahl R.s v. Schwaben zum Gegenkg. 1077 in Forchheim (ebd.), 61-85 -
H. Keller, Schwäb. Hzg.e als Thronbewerber: Hermann II. (1002), R.
(1077), Friedrich von Staufen (1125), ZGO 131, 1983, 123-162 - P.E. Schramm
- F. Mütherich, Die dt. Ks. und Kg.e in Bildern ihrer zeit, 1983,
245f., 176f. [Abb.] - J. Vogel, R. v. Schwaben, die Fs.opposition gegen
Heinrich IV. im Jahr 1072 und die Reform des Kl. St. Blasien, ZGO 132,
1984, 1-30 - E. Hlawitschka, Zur Herkunft und zu den Seitenverwandten des
des Gegenkg.s R. (Die Salier und das Reich, I, 1991), 175-220 - T. Struve,
Das Bild des Gegenkg.s R. v. Schwaben in der zeitgenöss. Historiographie
(Ex ipsis rerum documentis, Fschr. H. Zimmermann, 1991), 459-475 [Lit.].
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Als Günstling der Kaiserin-Regentin Agnes
erhielt RUDOLF von Rheinfelden
1057 das Herzogtum Schwaben und die Verwaltung Burgunds. 1059 heiratete
er, nachdem er sie vorher entführt hatte, Mathilde,
die Tochter Kaiser HEINRICHS III. Schon
ein Jahr später war er Witwer und heiratete Adelheid
von Turin, die Schwägerin HEINRICHS
IV. Schon früh trat er an die Spitze der Fürstenverschwörung
gegen seinen Schwager und König und strebte selbst nach der Krone.
Mit der Kurie stand RUDOLF in engem
Kontakt, seitdem er in einem Ehescheidungsprozeß gegen Adelheid als
schuldiger Teil verloren, aber gegen das Versprechen des künftigen
Gehorsams Absolution erhalten hatte. Während des Sachsenaufstandes
1073/75 verhielt er sich zweideutig, hatte aber nicht den Mut zum offenen
Abfall. In der für HEINRICH siegreichen
Schlacht gegen die Sachsen bei Hohenmölsen 1075 führte er die
Schwaben an. Nachdem Papst Gregor VII. den Bann über HEINRICH
IV. verhängt hatte, gehörte RUDOLF
zu den Fürsten, die in Tribur am 16.10.1076 einen anderen König
wählen wollten, daran aber von HEINRICHS
Bereitwilligkeit, sich dem Papst zu unterwerfen, gehindert wurden.
RUDOLF erkannte die Absicht des Königs, sich mit Gregor VII. ohne
Mitwirkung der Fürsten zu verständigen, und sperrte ihm die Pässe
nach Italien. Doch HEINRICH IV. entkam
ihm über den Mont Cenis und ging nach Canossa. Trotz HEINRICHS
Lösung vom Bann wählten einige Fürsten am 15.3.1077 in Forchheim
RUDOLF von Rheinfelden zum König.
Vorher mußte er auf das Erbrecht an der Krone verzichten und das
Wahlrecht der Fürsten anerkennen. Den anwesenden päpstlichen
Legaten erklärte er den Verzicht auf die Investitur der Bischöfe
und auf die italienische Königswürde. Um diesen dreifachen Verzicht
auf karolingische und ottonische
Ansprüche auch symbolisch deutlich zu machen, wurde er nicht in Aachen,
sondern in Mainz gekrönt. Dort kam es zu schweren Tumulten der
HEINRICH IV. anhängenden Bürgerschaft, dass RUDOLF
die Stadt fluchtartig verlassen mußte. Auch beim Königsritt
durch sein eigenes Herzogtum Schwaben begegnete er offener Ablehnung. Volle
Unterstützung fand er nur bei den Sachsen, die aus Haß gegen
HEINRICH IV. zu ihm hielten. Auch die
Unterstützung aus Rom blieb aus. Erst nach seinem Sieg bei Flarchheim
(südwestlich von Mühlhausen) am 27.1.1080 wurde RUDOLF
von Papst Gregor VII. als rechtmäßiger König anerkannt.
Am 15. Oktober brachte er HEINRICH IV. bei
Hohenmölsen an der Elster eine schwere Niederlage bei, wurde aber
so schwer verwundet, dass er am Tag darauf in Merseburg starb. Dort wurde
er beigesetzt. Im Schatz des Merseburger Doms wurde lange eine mumifizierte
Hand aufbewahrt, die ihm amputiert werden mußte. Es war die rechte,
mit der er HEINRICH IV. den Treueid
geleistet hatte.
Mechthild Black-Veldtrup: Seite 109,304
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"Kaiserin Agnes"
Durch den Tod Ottos von Schweinfurt am 28. September 1057 wurde die
Neubesetzung des Herzogtums Schwaben akut. Agnes entschied sich für
RUDOLF von Rheinfelden, den sie gleichzeitig
mit ihrer Tochter Mathilde verlobte, die am 12. Mai 1060 wenige Tage nach
Vollzug der Ehe starb.
Nach den Forschungen Vogels waren RUDOLF von
Rheinfelden ebenso wie die beiden Bischöfe Adalbero von
Würzburg und Adalbert von Worms wegen ihrer Reformpolitik so sehr
in Gegensatz zu HEINRICH IV. geraten,
dass der König ihre Aktivitäten als Rebellion auffaßte.
Im Juli 1072 fanden sich die Reformer auf dem Wormser Hoftag zusammen,
zu dem RUDOLF von Rheinfelden Agnes als
einflußreiche Fürsprecherin geholt hatte.
Paul Friedrich Stälin: Seite 208-223
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"Geschichte Württembergs"
An Ottos Stelle erhob die Kaiserin-Witwe Agnes,
Vormünderin des jungen Königs HEINRICH
IV., den Grafen Rudolf von Rheinfelden
(1057-1080) zum Herzog. Nach einem freilich ziemlich späteren
Berichte von geringer Glaubwürdigkeit soll er ein Sohn des Grafen
Kuno von Rheinfelden, eines Bruders des Herzogs Theoderich von
Ober-Lothringen, und der Gräfin Ida von Habsburg gewesen sein; anderen
Nachrichten zufolge war seine Vaters-Schwester die Mutter des dem Königshause
nahe verwandten Markgrafen Udo von der Nordmark. Bedeutende Erbgüter
RUDOLFS lagen zwischen dem Juragebirge
und den Alpen innerhalb der Saone, dem Bernhardsberge und der Brücke
zu Genf, so dass die Abstammung seiner Familie aus dem Königreich
Burgund sehr wahrscheinlich ist. Diese Beziehung zu Burgund, dessen Verwaltung
RUDOLF zugleich mit dem Herzogtum Schwaben erhielt, vielleicht
auch das verwandtschaftliche Verhältnis mögen auf obigen Entschluß
der Kaiserin-Witwe gewirkt haben. Um den Herzog nach enger an ihr Haus
zu fesseln, verlobte sie ihm ihre älteste erst 12-jährige Tochter
Mathilde, ließ dieselbe sogleich nach Schwaben bringen und
dem Bischof Rumold von Konstanz zur weiteren Erziehung übergeben.
Kaum mit ihr im Jahr 1059 vermählt, wurde RUDOLF
bereits im folgenden Jahre Witwer und erhielt bald darauf die Hand
von Adelheid,
der Tochter des Markgrafen Odo von Savoyen-Turin, einer Schwester von König
HEINRICHS IV. Braut Bertha.
So wurde er doppelt mit dem Könige verschwägert .
Zufolge einem etwas späteren Berichterstatters, dem Abt Ekkehard
von Aura (+ nach 1125), hatte Kaiser HEINRICH
III. dem Grafen Berchtold dem Bärtigen von Zähringen
eine Anwartschaft auf Schwaben verliehen und ihm zum äußeren
Zeichen dieser Verheißung seinem Ring eingehändigt, allein RUDOLF
raubte bald nach des Kaisers Tod die Prinzessin
Mathilde und heiratete sie. Mit der Kaiserin wieder ausgesöhnt,
wurde er von derselben mit dem Herzogtum belehnt, während Berchtold
umsonst den Ring vorwies, zur Entschädigung jedoch eine Anwartschaft
auf Kärnten und nach dessen Erledigung im Jahre 1061 dieses Herzogtum
mit der Markgrafschaft Verona verliehen erhielt. Gegen die Glaubwürdigkeit
dieser Erzählung, besonders hinsichtlich des Ringes und der Entführung
der kaiserlichen Tochter, sind übrigens mancherlei Zweifel geltend
gemacht worden.
Von Herzog Rudolf selbst wird in
den ersten Jahren seines Regiments keinerlei Beteiligung an den Angelegenheiten
des Reiches erwähnt, möglich, dass er durch die Verwaltung Burgunds
zu sehr in Anspruch genommen wurde. Noch der Vermittlung seiner ihm stets
wohlwollenden Schwiegermutter hatte er es ohne Zweifel zu verdanken, dass
seinem Sohne Berchtold schon als Kind die Nachfolge im Herzogtum zugesichert
wurde. Nach dem Sturze dieser seiner Gönnerin dürfte er zunächst
vom Hofe ferngehalten worden sein. Später suchte ihn, wie es scheint,
Erzbischof Adalbert an seine Interesse zu fesseln, wenigstens erhielt RUDOLFS
Bruder,
Adalbero, ein Ungeheuer an Leibesumfang und Eßlust, seither
Mönch von St. Gallen, im Sommer 1065 zum allgemeinen Ärgernis
das Bistum Worms und etwa um dieselbe Zeit der Herzog für sich selbst
die Abtei Kempten. Allein für die Dauer vermochte Adalbert auch ihn
nicht zu gewinnen, denn unter den geistlichen und weltlichen Fürsten
des Reiches, welche, die Erzbischöfe von Köln und Mainz an der
Spitze, im Januar 1066 zu Tribur vom Könige die Entfernung Adalberts
erzwangen, wird auch RUDOLF als besonders
eng mit Anno vereint erwähnt. Noch einige Male, so bei der Verleihung
des Herzogtums Bayern an Welf IV., den Sohn des Markgrafen Azzo von Este,
an Weihnachten 1070, wird zwar seiner vermittelnden Tätigkeit beim
Könige gedacht; allein bald trat eine Spannung zwischen den Schwägern
ein. Von Widersachern RUDOLFS benachrichtigt,
dass dieser gegen ihn und das Reich Feindseliges im Sinn habe, lud HEINRICH
den Herzog wiederholt vor den Hof, sich allda zu rechtfertigen, doch wußte
die Kaiserin-Witwe, welche auf die Bitte RUDOLFS
aus Italien den 25. Juli 1072 in Worms eintraf, denselben von
allem Verdacht der Schuld zu befreien, so dass er in Frieden entlassen
wurde. Freilich nahm er die Überzeugung mit, der König habe seinen
Groll gegen ihn nicht aufgegeben, warte vielmehr nur die Gelegenheit zur
Rache ab, und so kam es, dass schon gegen Ende des Jahres, während
ganz Sachsen in aufrührerischer Stimmung war, eine Erhebung RUDOLFS
befürchtet wurde. Übrigens gelang es noch, ihn von
den Waffen, den König von einem ungestümen Vorgehen gegen ihn
abzuhalten, und am Palmsonntag (24. März) 1073 nahm
HEINRICH zu Eichstätt oder Augsburg ihn, sowie andere verdächtige
Große, wieder zu Gnaden an.
Aus der Harzburg, in welcher er von den sächsischen Aufrührern
belagert, entkommen, bat HEINRICH den
18. oder 19. August 1073 zu Spieskappel (bei Ziegenhain) RUDOLF
und andere Fürsten fußfällig um Beistand, allein
dieselben kamen ihm nur in ungenügender Weise entgegen. Von RUDOLF
insbesondere wurde meist geglaubt, dass er ein geheimes Einverständnis
mit den Sachsen unterhalte; auch war er schon damals mit dem neuen Papst
Gregor VII. in enger Verbindung und bestrebt, eine Unterwerfung des Königs
unter die päpstlichen Anforderungen zu bewirken. Daher erhielt er
von Gregor am 1. September des Jahres reichliches Lob gespendet, zugleich
aber die Aufforderung, nach Rom zu kommen, um allda mit seiner Schwiegermutter
Agnes, mit Beatrix von Tuszien und
einigen gottesfürchtigen Männern gemeinsam über die Bedingungen
einer dauernden Aussöhnung zwischen dem Könige und dem heiligen
Stuhle zu beraten.
Die vom Könige zu Verhandlungen mit den Sachsen nach Gerstungen
gesandten Abgeordneten: die Erzbischöfe von Mainz und Köln, die
Bischöfe von Metz und Bamberg, die Herzoge
Rudolf, Gozelo von Nieder-Lothringen und Berchtold kamen nach
dreitägiger Besprechung (20.-22. Oktober) in treuloser Weise mit denselben
insgeheim überein, es sei die Absetzung HEINRICHS
und die Wahl eines neuen Königs in Betracht zu ziehen.
Ja, die Versammlung war bereit, RUDOLF
alsbald auf den Thron zu erheben, doch er erklärte, die Krone nur
annehmen zu wollen, wenn sie ihm, ohne dass er sich des Treuebruchs schuldig
mache, durch allgemeine Fürstenwahl ordnungsgemäß übertragen
werde, eine Erklärung, welche deutlich bewies, dass er der Annahme
keineswegs abgeneigt sei. Die Erbitterung zwischen HEINRICH
und RUDOLF wurde noch gesteigert, als
bald darauf ein Angeber letzterem eröffnete, der König habe ihn
zu seiner Ermordung gedungen. HEINRICH
hielt den Herzog, übrigens wohl zu Unrecht, für den Anstifter
der gewiß unwahren Sache und war willens, sich selbst mit ihm im
gerichtlichen Zweikampf zu messen; doch brachte man unter Hinweisung darauf,
dass dies des Königs nicht würdig sei, von seinem Vorhaben ab.
Im Zusammenhang mit der erzählten Angelegenheit berief zwar der
Erzbischof von Mainz die Fürsten aus dem ganzen Reich in seine Residenz,
um in gemeinschaftlicher Beratung RUDOLF zum
König zu wählen; allein HEINRICH
wußte durch sein Erscheinen in Mainz einen solchen Beschluß
zu verhindern, und noch einmal schloß sich Herzog
Rudolf seinem Schwager vollständig an. Als der König
im Jahr 1075 aus ganz Deutschland ein gewaltiges Heer zur Bekämpfung
der Sachsen sammelte, welche nach dem Abschluß des für ihn schimpflichen
Gerstunger Friedens vom 2. Februar 1074 zu übermütiger Gewalttat
vorschritten, fand sich, wie die Herzoge Berchtold und Welf, auch Herzog
Rudolf, verletzt durch das einseitige Vorgehen der Sachsen bei
jenem Frieden, im Heer ein und entwickelte eine ganz besondere Tätigkeit
für des Königs Sache. Er war es, welcher dem letzteren am 9.
Juni 1075 zu einem plötzlichen unerwarteten Angriffe auf die bei Homburg
an der Unstrut lagernden Sachsen bestimmte, eine Aufforderung, wofür
ihm HEINRICH zeitlebens dankbar zu
bleiben versprach. In der lange schwankenden, mörderischen Schlacht,
welche zugunsten des Königs ausfiel, brachte nur der Beistand Herzog
Welfs mit seinen Bayern die Schwaben, über welche die Feinde so mächtig
einstürmten, dass sie schon zurückzuweichen begannen, wieder
zum Stehen. Von ihren Großen fielen unter anderen 2 Söhne des
königlichen Rats, Graf Eberhard von Nellenburg; RUDOLF
selbst, auf dessen Haupt sein Vetter, Markgraf Udo von der Nordmark,
einen kräftigen Streich führte, verdankte sein Leben mehr als
einmal nur seiner starken Rüstung.
Im Februar 1076 sprach Papst Gregor VII. den Bann über den König
aus, entsetzte ihn des Thrones und entband alle seine Untertanen ihres
Eides. Schnell waren die drei oberdeutschen Herzoge bereit, sich von dem
Könige loszusagen; sie blieben von den Versammlungen fern, welche
HEINRICH ausschrieb, verständigten
sich mit den Bischöfen von Salzburg, Würzburg, Passau und Metz
und verkehrten ununterbrochen mit Gregor. Wohl nicht später als in
der Mitte Septembers hielt diese päpstliche Partei, während in
Sachsen der Aufstand allgemein wurde, zu Ulm eine Zusammenkunft und beschloß
allda, zur Hebung der Wirren auf den 16. Oktober nach Tribur einen allgemeinen
Fürstentag auszuschreiben. Aber auch an letzterem Orte wurde nur eine
weitere allgemeine Fürstenversammlung in Augsburg auf den 2. Februar
1077 verabredet, wo nach dem Urteile des Papstes, welchen man bitten wollte,
selbst zu erscheinen, die Sache des Königs, wenn er sich zuvor Lösung
vom Banne erwirken könnte, entschieden werden sollte. Der König
gestand alles zu, beschloß aber, dem Papste, von dessen Anwesenheit
in Deutschland in einer Fürstenversammlung er das Schlimmste für
seine Zukunft befürchtete, zuvorzukommen. Er eilte über den Mont
Cenis nach Italien, da die genannten Herzoge die Alpenpässe in ihren
Ländern sorgfältig hüteten, wie denn zum Beispiel Bischof
Dietrich von Verdun, der dem König nach Italien folgen wollte, von
Graf Adalbert von Calw ergriffen, beraubt und erst nach längerer Zeit
gegen Lösegeld aus seiner Gefangenschaft freigelassen wurde. HEINRICH
erlangte zwar im Januar 1077 zu Canossa durch die tiefste Demütigung
für sich und seine getreuen Räte die Lösung vom Bann; allein
seine Gegner in Deutschland, nicht gewillt, sich ihm wieder zu unterwerfen,
trafen allerlei Gegenanstalten. Gegen die Mitte Februar traten der Erzbischof
von Mainz und die Bischöfe von Würzburg und Metz, sowie RUDOLF,
Welf und Berchtold nebst einigen schwäbischen Herren in Ulm zusammen
und bestimmten auf den 13. März einen großen Reichstag nach
Forchheim, bei welchem zu erscheinen Herzog Rudolf,
der zum mindesten seit dem Tage zu Tribur nach der Krone strebte und dessen
Aussichten auf dieselbe in Ulm wohl ziemlich sich befestigt hatten, den
Papst noch besonders aufforderte. So wurde RUDOLF
auf dem Pilatushofe zu Forchheim den 15. März des Jahres
unter wesentlicher Mitwirkung der päpstlichen Legaten von einer beträchtlichen
Anzahl deutscher Fürsten, zuerst von den, übrigens nicht zahlreich
vertretenen geistlichen, voran den Erzbischof von Mainz, und nach einigen
Verhandlungen auch von den weltlichen, einstimmig zum Könige gewählt
und von dem umstehenden Volk durch Zurufen als solcher anerkannt. Doch
mußte er jedem Erbrecht seiner Kinder an die Krone ausdrücklich
entsagen und die Besetzung der Bistümer durch freie kanonische Wahlen
gestatten. Nachdem er am 26. des Monats zu Mainz von Erzbischof Siegfried
gekrönt worden [die Krone, mit welcher RUDOLF
gekrönt wurde, soll er sich bereits vorher im geheimen im Kloster
Ebermünster an der Ill habe schmieden lassen.], eilte er nach Schwaben.
Er berührte hier Eßlingen, feierte den Palmsonntag (9. April)
in Ulm, Ostern in Augsburg, dessen Bürgerschaft und Bischof jedoch
innerlich an HEINRICH festhielten;
dann zog er über Ulm und Reichenau, Konstanz, dessen Bischof, ein
heftiger Gegner der päpstlichen Partei, sich auf eine benachbarte
Burg des Grafen Otto von Buchhorn flüchtete, und später nach
Zürich.
Sehr bald zeigte sich übrigens, dass
RUDOLFS Sache in Deutschland im Grunde doch wenig Anklang fand,
und insbesondere in seinem eigenen Herzogtum, welches in Kürze ein
greulich verheerter Hauptschauplatz des Kampfes um das Königtum werden
sollte, erhielt er gegen sein Erwarten wenige Anhänger. Auf der Seite
König HEINRICHS, des bewährten
Gönners der Schwaben, für welchen die noch immer kräftigen
Erinnerungen an das alte Kaisertum sprachen, standen zum Beispiel Graf
Eberhard IV. der Bärtige von Nellenburg, des Königs vertrauter
Ratgeber, welcher schon durch Papst Alexander II. gebannt worden war, Graf
Friedrich von Staufen, Markgraf Diepold von Giengen, Graf Otto von Buchhorn,
Egino, Hunfried, Beringer von der Achalmer Grafenfamilie, ferner die Bischöfe
von Konstanz, Augsburg, Speier und Straßburg, welche letzterer gleichfalls
zur Achalmer Familie gehörte, endlich das Kloster St. Gallen mit dem
von HEINRICH im Jahr 1077 eingesetzten
Abte Ulrich III., und ferner, so lange Ulrich auch diese Abtei innehatte,
Reichenau. Dagegen hielten zu König RUDOLF,
durch welchen das alte Kaisertum der kirchlichen und der fürstlichen
Gewalt aufgeopfert wurde und für welchen Otto von Nordheim die mächtigste
Stütze war, die zu Schwaben in enger Beziehung stehenden Herzoge
Berchtold und Welf, ferner Graf Hugo von Tübingen, die Grafen Markward
und Ulrich von Bregenz, letzterer RUDOLFS
Tochtermann, Hartmann von Dillingen-Kiburg, Kuno und Liutold von Achalm
und Wülflingen, Mangold von Veringen, Burchard von Nellenburg, Bruder
des für HEINRICH streitenden Eberhard,
der mächtige Graf Adalbert von Calw, die Bischöfe von Würzburg,
Worms; sodann von Klöstern: Hirsau, welches unter der Leitung seines
Abtes Wilhelm vornehmlich in der nächsten Zeit vorort der für
den Papst wirkenden Klosterreformation wurde, und anfangs auch Reichenau
unter dem Abte Ekkehard aus dem Hause Nellenburg, für welchen, jedoch
nicht auf lange, der bereits genannte Gegenabt Ulrich eingesetzt wurde.
Von Zürich zurückkehrend, hielt RUDOLF
zunächst nach Ostern des Jahres einen Fürstentag zu Eßlingen
und belagerte sodann mit seiner zusammengerafften Mannschaft, kaum 5.000
Leuten, die Burg Sigmaringen. Auf die Kunde, dass König HEINRICH
mit einem überallher, selbst aus Böhmen, gesammelten Heeres schon
die schwäbische Grenze erreicht habe, wollte er ihm zwar entgegeneilen;
allein sein eigenes Heer verweigerte ihm den Dienst, ja verlangte sogar,
dass er Schwaben ohne Schwertstreich räume. So mußte er über
Kloster Hirsau, wo er Pfingsten (4. Juni) feierte, nach Sachsen ziehen,
um, auf dessen Kräfte gestützt, den Krieg gegen HEINRICH
fortzusetzen. Dieser seinerseits rückte noch vor Pfingsten von Ostfranken
und vom Main her über Eßlingen nach Ulm und versammelte dort
einen großen Reichstag, bei welchem er, mit der Krone geschmückt,
auftrat. Zugleich hielt er nach schwäbischem Recht Gericht über
die aufständigen Herzoge, welche des Lebens, ihrer Würden und
Lehen für verlustig erklärt wurden. Infolge dieses Urteilsspruchs
vergabte er einen Teil der eingezogenen Lehen sogleich an seine Anhänger,
während er die beiden Herzogtümer Schwaben und Bayern vorläufig
selbst in der Hand behielt. Indes zog RUDOLF gegen
Ende Julis mit einem starken sächsischen Heere vor die zu HEINRICH
haltende Stadt Würzburg, vereinigte sich während der übrigens
erfolglosen Belagerung mit Berchtold und Welf, welche ihm namentlich eine
Schar schwäbischer Ritter zuführten, und näherte sich dem
am unteren Neckar in der Gegend von Ladenburg stehenden Gegner. Mit seiner
überlegenen Macht suchte er vergeblich HEINRICH
zum Kampfe - wie von einer HEINRICH
feindlichen Seite berichtet wird, auch zum Zweikampfe - zu bewegen, allein
die Fürsten auf beiden Fürsten beredeten zur Entscheidung des
Thronstreits einen Fürstentag auf den 1. November und bis dahin Waffenruhe.
Sofort zog RUDOLF nach Sachsen, Welf
und Berchtold kehrten nach Schwaben zurück, das HEINRICH
unter schrecklichen Verwüstungen durchzogen haben soll. Den angesagten
Fürstentag wußte er zu vereiteln, allein den 12. November erneuerte
der päpstliche Legat in Goslar den Bann gegen ihn. Freilich weigerte
sich der Papst, der HEINRICHS Macht
gewaltiger sah, als er erwartet hatte, lange, dieses Vorgehen anzuerkennen,
und von beiden Parteien während der winterlichen Waffenruhe angegangen,
benahm er sich schwankend und zurückhaltend.
Im nächsten Jahr (1078) wütete der Kampf von neuem besonders
in Südwestdeutschland. Im Elsaß besiegte Herzog Berchtolds Sohn,
der junge Berchtold von Zähringen, die unter Führung der Bischöfe
von Basel und Straßburg nach Grafschaften aufgebotenen Bauern und
ließ die Gefangenen entmannen. Das rheinische Franken durchzogen
der alte Berchtold und Welf unter furchtbaren Verwüstungen, um nach
O-Franken vorzudringen und sich mit dem aus Sachsen heranrückenden
RUDOLF zu vereinigen. HEINRICH
verhinderte dies zwar den 7. August des Jahres bei Melrichstadt im Würzburgischen
durch einen unerwarteten Angriff auf RUDOLF,
allein an sich war der Erfolg der Schlacht unentschieden und HEINRICH
erlitt empfindliche Verluste, so namentlich durch den Tod seines getreuen
Grafen Eberhard von Nellenburg und des Markgrafen Diepold von Giengen.
Auch unterlag am gleichen Tage ein Bauernheer von gegen 12.000 Mann, welches
der König im Fränkischen ausgerüstet hatte, nach heißem
Kampf dem Heer der beiden Herzoge. Sie wüteten gegen die Besiegten
so unmenschlich, wie der junge Berchtold im Elsaß, und zogen sich
sofort unter entsetzlichen Verwüstungen in ihre Heimat zurück.
HEINRICH selbst aber drang mit einem
neuen Heere, das er in Bayern, Böhmen, Burgund, Franken und aus seinen
Anhängern in Schwaben gesammelt, im November von Regensburg her in
letztgenanntes Land ein, wo es hauptsächlich den Erbgütern Berchtolds
und Welfs galt. Schrecklich wurde, wenigsten nach den Berichten der Gegenpartei
im Lande gehaust. An 100 Kirchen wurden entweiht, als Pferdeställe
und zu noch niedrigeren Zwecken benützt, die Geistlichen geprügelt,
die in den Kirchen geraubten Weiber geschändet, in Mannstracht und
geschoren als Gefangene fortgeschleppt. Im WELFEN-Sitz Altdorf wurde ein
hölzernes Kruzifix zerschlagen, Graf Hugo auf seiner Burg Tübingen
[Der Name wird hier das 1. Mal in der Geschichte genannt.] belagert und
zur Unterwerfung gezwungen. Ohne Zweifel wurde damals dem Grafen Liutold
von Achalm als Anhänger RUDOLFS
"Baichilingen" und "Notzingen" und alle dessen würzburgische Lehen
in Ostfranken, mehr als 1.000 Mansen entzogen, wofür der Graf sich
übrigens später durch die Wegnahme von Nürtingen und anderem
rächte. Inmitten dieser Greuel starb den 6. November auf seiner Feste
Lintburg (wahrscheinlich Limburg oberhalb Weilheim) der betagte Herzog
Berchtold, welcher bei dem Anblick der Verwüstung seiner Güter
in Irssin verfallen war. Er wurde im Kloster Hirsau beigesetzt. Ihm folgte
aus König HEINRICHS Heer in raschem
Tode den 13. des Monats vor Tübingen Erzbischof Udo von Trier, der
Bruder des kürzlich gefallenen Grafen Eberhard von Nellenburg.
Um Ostern (24. März) des Jahres 1079 verlieh König
HEINRICH zu Regensburg das Herzogtum Schwaben an den Grafen
Friedrich von Schwaben, verlobte ihn zugleich mit seiner noch im Kindesalter
stehenden einzigen Tochter Agnes und übertrug ihm den Befehl über
ein namentlich aus O-Franken, Bayern und im Augsburgischen gesammeltes
Heer, welches seinen Gegner in Schwaben bekämpfen sollte. Ihm entgegen
erhob die Partei RUDOLFS, welcher den
jungen Berchtold von Zähringen mit seiner Tochter Agnes
vermählte, insbesondere Herzog Welf, RUDOLFS
jungen Sohn Berchtold
in Ulm feierlich zum Herzoge. Nach Welfs Abzug besetzte Herzog Friedrich
die Stadt, mußte sie jedoch wieder räumen, als Welf mit kriegerischer
Macht zurückkehrte. Gleichzeitig mit der Vergebung des Herzogtums
Schwaben hatte übrigens HEINRICH
auch die Abtei Reichenau an seinen treuen Anhänger, den Abt Ulrich
von St. Gallen (seit 1077) verliehen. Verwüstete nun der ZÄHRINGER
die im Breisgau gelegenen Güter St. Gallens und Welf die an die welfischen
Ländereien grenzenden Besitzungen desselben, so rächte sich Ulrich
dafür dadurch, dass er in Gemeinschaft mit Graf Otto von Buchhorn
die Burgen Markdorf und Kiburg, sowie die Stadt Bregenz niederbrannte.
Die Gegen-Könige selbst hatten gegen den Schluß des Jahres
nach mannigfachen Verhandlungen über eine Ausgleichung und nach kurzem
Waffenstillstand wieder stark gerüstet und HEINRICH
insbesondere machte wahrscheinlich gegen Ende des Jahres einen Streifzug
nach Schwaben. Als sie sich jedoch nunmehr in Thüringen entgegentraten,
war der Ausgang der Schlacht bei Flarchheim vom 27. Januar 1080 für
RUDOLF günstig.
Für die kommende Fastensynode wurde der Papst wiederum von beiden
Parteien mit Gesandten angegangen, namentlich aber von den Sachsen mit
den schweren Anklagen gegen HEINRICH
bestürmt. So gab er denn sein bisheriges Doppelspiel auf, erneuerte
den 7. März den Bann gegen HEINRICH
und verfluchte zugleich alle seine Anhänger. Jetzt war es vielleicht,
dass er seinen Schützling eine Krone mit der stolzen Inschrift: "Roma
dedit Petro, Petrus diadema Rudolpho" überschickte. Allein dieses
Mal verfehlte der Bannstrahl seine Wirkung: an Pfingsten des Jahres ließ
HEINRICH zu Mainz durch 19 Erzbischöfe
und Bischöfe, deren Beschluß die anwesenden weltlichen Fürsten
beitraten, den Papst absetzen, ja im Juni wurde zu Brixen unter seiner
Mitwirkung durch eine von Deutschland und Italien besuchte Synode Gregor
nochmals abgesetzt, der Erzbischof von Ravenna, Wibert, ein alter Feind
Gregors, zum Papste erwählt, der Gegenkönig
RUDOLF und Herzog Welf und ihr Anhang mit dem Kirchenbann belegt.
Mit einem bedeutenden Heere, in welchem die Bayern und nach ihnen die
Lothringer an Zahl vorherrschten, aber auch Herzog Friedrich von Schwaben
und mehrere schwäbische Bischöfe vertreten waren, zog HEINRICH
im Herbst nach Sachsen, und den 15. Oktober kam es unweit Hohenmölsen
an der Grune zu einer hitzigen Schlacht. Im ganzen siegten hier die Sachsen
und brachten HEINRICHS Heer in vollständige
Auflösung; allein RUDOLF, der
sich selbst mitten in den Kampf geworfen, verlor die rechte Hand - nach
einer späteren kaum begründeten Angabe durch einen Schlag Gottfrieds
von Bouillon - erhielt einen Stich in den Unterleib und verschied noch
am Schlachttage selbst oder am folgenden Tag. Auf die Nachricht vom Siege
der Seinen sprach er: "Nun werde ich lebend und sterbend gerne dulden,
was der Herr über mich beschlossen hat". Nach einem anderen Bericht
freilich soll er, in den letzten Zügen liegend und schwer atmend,
im Anblick seiner Hand zu den umstehenden Bischöfen gesagt haben:
"Sehet, das ist die Hand, mit welcher ich meinem Herrn HEINRICH
den Eid der Treue geleistet. Ich verlasse jetzt sein Reich und das Leben,
aber ihr, die ihr mich seinen Thron besteigen hießet, sehet wohl
zu, ob ihr mich, der ich eurer Aufforderung folgte, auf den rechten Weg
geführt habt." Beigesetzt wurde er im Dom zu Merseburg, allwo sein
stattliches Denkmal, sowie die abgehauene Rechte noch heute zu sehen sind.
Dass RUDOLF als ein heiliges Opfer
für die Kirche gefallen, wie seine Grabinschrift rühmt, möchte
mit Recht bezweifelt werden; weltlicher Ehrgeiz vor allem dürfte den
früher vom Glück begünstigten Emporkömmling geleitet
haben. So urteilt denn auch ein treuer und leidenschaftlich ergebener Anhänger
König HEINRICHS in dessen etwas
rhetorisch gehaltener Lebensbeschreibung über seinen Gegenkönig:
"Er war ein ausgezeichneter Herzog, ein Mann von großem Ansehen und
Lob im ganzen Reich, am Wahren und Rechten eifrig haltend, tapfer in den
Waffen, bewährt in jeglicher Art von Tüchtigkeit, nur die alles
bezwingende Ehrfurcht hat ihn besiegt und zum Verräter an seinem Herrn
gemacht, so dass er die Treue einer ungewissen Ehre nachsetzte."
Hansjörg Frommer: Seite 71-87
***************
"Die Salier"
Kapitel V
Rudolf von Rheinfelden
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Wer aber war RUDOLF von Rheinfelden?
Herkunft und Bedeutung der hochadeligen Familien dieser Zeit sind oft sehr
schwer zu beurteilen, weil es noch keine Geschlechternamen gibt, weil die
Überlieferung dürftig und zufällig ist und wir deshalb auf
die Kombination immer wieder auftauchender Namen angewiesen sind, die sich
in Schenkungsurkunden und in den Gedenkbüchern und Gebetsgemeinschaften
der Kirchen und Klöster finden. Rheinfelden liegt am Hochrhein
an der Grenze zwischen Schwaben und Burgund. Der Familienbesitz reichte
auf der einen Seite in den Schwarzwald (St. Blasien war eine Art Hauskloster
RUDOLFS), auf der anderen Seite aber
weit nach Burgund in die heutige W-Schweiz hinein. Die Familie gehörte
zu den großen burgundischen Adelsgeschlechtern und war irgendwie
mit der alten burgundischen Königsfamilie verbunden, von der sich
ja auch die Kaiserin Gisela ableitete.
Die Mutter RUDOLFS war aus der elsässischen
Familie, aus der Adelheid von Öhringen, die Mutter KONRADS
II. und Bruno von Toul, der von HEINRICH
III. eingesetzte Reformpapst Leo IX. stammten. RUDOLF
war also Angehöriger eines wichtigen Adelshauses und dazu von der
Vater- wie von der Mutterseite her mit den SALIERN
verwandtschaftlich verbunden. Bei der prekären Lage des Königshauses,
das ja im Mannesstamm nur noch auf dem 7-jährigen Königskind
ruhte, stand der mit der Familie verbundene und mit der Schwester des Königs
verlobte neue Herzog von Schwaben dem Thron als Stütze und als möglicher
Erbe sehr nahe.
RUDOLF ist um 1030 geboren. 1048
taucht er in einer Urkunde Kaiser HEINRICHS III.
als Graf im Sisgau bei Rheinfelden auf. RUDOLF
war später ein Gegner der Politik HEINRICHS
IV. unter anderem wegen seiner Einstellung zur Kirchenreform,
und er wurde der päpstliche Gegenkönig. Aber unter HEINRICH
III. gab es noch keinen offenen Gegensatz zwischen dem Kaisertum
und der Kirchenreform. HEINRICH war
ein überzeugter Anhänger der Grundgedanken der Reform, und förderte
sie auch mit harten Eingriffen in der Kirche, mit denen er den Reformern
den Weg erst freimachte. Es liegt nahe, dass ihm auch bei den weltlichen
Fürsten diejenigen näher standen, die den Ideen der Kirchenreform
verpflichtet waren und in ihrem eigenen Leben der Frömmigkeit, Ernsthaftigkkeit
und Mäßigung nachstrebten, denen HEINRICH
und seine Frau Agnes sich
so verbunden fühlten. Wenn die Kaiserin Agnes
als Regentin RUDOLF von Rheinfelden
zum Herzog von Schwaben und 1061 Berthold von Zähringen zum Herzog
von Kärnten und den Sachsen Otto von Northeim zum Herzog von Bayern
machte, so suchte sie hier Vertraute aus, die dem verstorbenen Kaiser und
seinen Ideen nahegestanden hatten, und von denen sie erwartete, dass sie
ihr bei der Weiterführung der Politik HEINRICHS
III. zur Seite stehen würden. Deshalb vertraute sie ihnen
die 3 Herzogtümer an, die die Machtbasis HEINRICHS
gewesen waren und von denen aus in Italien ebenso leicht einzugreifen war
wie in Deutschland.
Die 3 neuen Herzöge sollten also die Stützen der Regentschaft
werden, und RUDOLF war der wichtigste
von ihnen. Ihm wurde durch die Ehe mit Mathilde
ein großer Einfluß in Schwaben eingeräumt, denn
damit erhielt er die Verfügung über den Familienbesitz, der von
den früheren Herzögen von Schwaben über Gisela
an die SALIER gekommen war,
und ohne den das Herzogtum ein stumpfes Schwert blieb. Dazu wurde ihm aber
auch die Verwaltung Burgunds übertragen. Als
RUDOLFS Frau Mathilde
nach kurzer Ehe schon im Mai 1060 starb, wurde RUDOLF
auf andere Weise wieder an die Familie gebunden. Weil die andere
Schwester des Königs schon mit dem ungarischen
Thronfolger Salomon verlobt war, verband sich RUDOLF
mit Adelheid
von Susa, der Schwester der Bertha von
Turin, der Verlobten König HEINRICHS.
Er wurde damit auch in das italienische Bündnissystem einbezogen,
das HEINRICH III. gegen die Verbindung
Gottfrieds von Lothringen mit dem Hause CANOSSA aufgebaut hatte.
RUDOLFS 2. Tochter aus dieser Ehe erhielt nach der 1. Schwiegermutter
den Namen Agnes.
Radikalisierung der Kirchenreform
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Diese Politik der Regentin verrät doch eigenen politischen Gestaltungswillen
und die Abkehr von gewissen Grundprinzipien HEINRICHS
III., der sich mehr auf die geistlichen Fürsten gestützt
und die weltlichen kurzgehalten hatte. Die Wendung hängt damit zusammen,
dass Agnes nach dem Tod Viktors II. mit den Kirchenreformern nicht nur
gute Erfahrungen gemacht hatte und mit der von den Reformern beherrschten
Kurie in ernste Konflikte gekommen war. Als Viktor nämlich im Juli
1057 starb, wählten die Reformer als seinen Nachfolger Friedrich von
Lothringen, den Abt des Klosters Monte Cassino. Der neue Papst galt aber
nicht nur als ein energischer Verfechter der Reform, sondern auch als entschiedener
politischer Gegner des salischen Hauses.
Er schob seinen Bruder Gottfried, der ja schon über den reichen Besitz
des Hauses CANOSSA im Westen verfügte, das Herzogtum Spoleto und andere
Besitzuungen an der adriatischen Küste zu und machte ihn so zum mächtigsten
Herren in Italien. Von einer Entscheidung oder auch nur Zustimmung des
deutschen Königs zur Papstwahl war nicht mehr die Rede. Immerhin schickte
Stephan IX. noch eine Gesandtschaft mit Hildebrand an der Spitze nach Deutschland,
um den König über die Wahl zu unterrichten.
In dieser Zeit erscheinen die "Drei Bücher gegen den Simonisten"
des Kardinalbischofs Humbert von Silva Candida. Humbert, ein Lothringer,
war mit Leo IX. an die Kurie gekommen und hatte sich zum großen Theoretiker
der Kirchenreform entwickelt. Für Humbert war Simonie die Wurzel allen
Übels, aber als Simonie galt ihm jede Verfügungsgewalt von Laien
über die Kirche oder über ein kirchliches Amt. Die Reinheit der
Kirche lag in der "kanonischen" Wahl ihrer Vertreter, bei der keine Laien
beteiligt sein durften. Konnte die Simonie, die Mitwirkung von Laien, ausgeschaltet
werden, dann würde Gott dafür sorgen, das jeweils der Fähigste
berufen würde. Neu war bei Humbert auch, dass er alle Geistlichen,
die in ihrer persönlichen Lebensführung angreifbar waren, also
mit Frauen zusammenlebten, ebenso wie die, bei deren Erhebung Laien mitgewirkt
hatten, für exkommuniziert und ihre kirchlichen Handlungen für
ungültig erklärte. Die Kirchenreform wurde dadurch radikaler
und intoleranter. Radikaler, weil sie das Übel auf eine einzige Wurzel
zurückführte, intoleranter, weil die innenkirchlichen Gegner
jetzt als Glaubensfeinde verfolgt und ihre Anhängerschaft mit der
Drohung geistlicher Strafen diszipliniert werden konnte.
Stephan IX. griff entsprechend diesen Prinzipien in Mailand ein. Dort
stand einer hochadligen und in ihrer Lebensführung entsprechend angreifbaren
Gruppe von Bischöfen unter ihrem Erzbischof Wido eine von 2 radikalen
Priestern geführte Volksbewegung gegenüber, nach ihrem Herkunftsort
die Pataria genannt, die immer ungestümer die Rückkehr der Kirche
zum reinen Leben forderte. Indem Stephan die Partei der Pataria ergriff,
traf er gleichzeitig die Reichspolitik, die in Erzbischof Wido eine verläßliche
Stütze hatte, und half so wieder seinem Bruder Gottfried bei dessen
Kampf um mehr Einfluß in Italien. Aber Stephan starb schon nach einem
Pontifikat von nur acht Monaten. Vor seinem Tod ließ er die Reformer
schwören, keinen neuen Papst zu wählen, bevor nicht Hildebrand
aus Deutschland zurück sei. Aber als diese Nachricht in Rom bekannt
wurde, erhoben die Grafen von Tusculum einen Bischof aus ihrer Familie
zum neuen Papst. Diesen Benedikt X. konnten und wollten die Reformer nicht
anerkennen. Sie flohen aus Rom und trafen sich unter dem Schutz Herzog
Gottfrieds in Florenz mit Hildebrand, der eben aus Deutschland zurückgekommen
war. Dort bestimmten sie den Bischof von Florenz zum neuen Papst, aber
noch vor der Wahl wurde auf Betreiben Hildebrands eine Gesandtschaft zu
Kaiserin Agnes geschickt, die die Zustimmung zu dieser Wahl einholen sollte.
Die Reformer fühlten sich also auch mit dem Schutz Gottfrieds noch
nicht stark genug, sie suchten eine Anlehnung und Bestätigung, die
nach den Ausführungen Humberts schon Simonie war. Erst als die Zustimmung
der Kaiserin vorlag, wurde Nikolaus II. in Siena zum Papst gewählt
und Ende 1058 mit Hilfe Gottfrieds in Rom eingesetzt.
Leo und Stephan hatten als Päpste gegen das Einnisten der Normannen
in Süditalien gekämpft. Die Normannen hatten sich im Kampf gegen
Sarazenen und Byzantiner in Süditalien und Sizilien festgesetzt und
dabei andere Ansprüche und Besitzrechte, auch päpstliche, mißachtet.
Jedoch dem Papst gegenüber waren sie immer vorsichtig gewesen, und
sie waren bereit, ihn als Oberlehnsherren anzuerkennen, wenn er umgekehrt
ihre Besitzrechte absegnete. Unter Papst Nikolaus II. kam es, vermittelt
durch Hildebrand und den Abt Desiderius von Monte Cassino, zu dieser gegenseitigen
Anerkennung. Der Papst wurde damit zum 1. Mal weltlicher Oberlehensherr.
Der Vertrag ließ aber alle Rechte des Reiches außer Acht oder
hob sie sogar auf. Mit ihm setzte sich der Papst in Süditalien an
die Stelle des Reiches und des Kaisers. Die Normannen wurden ein wichtiger,
wenn auch sehr eigenwilliger Bundesgenosse des Papstes in der kommenden
Auseinandersetzung mit dem Reich.
Unter Nikolaus wurden auf einer Lateransynode von 1059 auch wesentliche
Forderungen der Reformer in Kirchengesetze umgesetzt. So wurde den Laien
verboten, bei verheirateten Priestern die Messe zu hören. Zum 1. Mal
wurde auch ein Verbot der Laieninvestitur ausgesprochen, der Mitwirkung
von Laien bei der Besetzung eines Bischofsstuhls. Am wichtigsten aber war
das Papstwahldekret dieser Synode, mit dem endlich festgelegt werden sollte,
wer dazu berechtigt war, an der Wahl teilzunehmen, und wer nicht. Das Vorstimmrecht
hatten die Kardinalbischöfe, die die anderen Kardinäle zur Wahl
zuziehen konnten und sollten.
Die übrigen Geistlichen und das Volk von Rom hatten ein Akklamationsrecht.
Sollte in Rom eine ordnungsgemäße Wahl nicht möglich sein,
so konnten die Kardinalbischöfe sie an einen anderen Ort verlegen.
Ein Mitspracherecht des römischen Adels gab es nicht mehr, einem vom
Papst gekrönten Kaiser stand wenigstens ein formales Anerkennungsrecht
zu. Den Trägern oder Teilnehmern einer im Sinne dieses Dekrets regelwidrigen
Papstwahl wurden alle Strafen des Himmels angedroht.
Auch in der Frage der Mailänder Kirche traf die Synode weitreichende
Entscheidungen, die in kaiserliche Rechte eingriffen. Erzbischof Wido unterwarf
sich dem Papst und wurde von ihm mit einem Ring erneut eingesetzt. Dadurch
sollte die vorherige Einsetzung durch den Kaiser wiederholt oder erst rechtmäßig
gemacht werden. Nachdem der Erzbischof sich den Wünschen des Papstes
gefügt hatte, ließ dieser die Pataria mit ihren weitergehenden
Forderungen und Angriffen einfach fallen. Allerdings gab Wido die Synodalbeschlüsse
über das Leben der Priester nicht weiter, und der Bischof von Brescia,
der sie seinen Priestern vorgetragen hatte, wurde von ihnen halbtot geschlagen.
Die von den Reformern geforderte strenge Kirchenzucht hatte offenbar noch
keineswegs überall Anhänger.
Agnes stellt sich gegen die Reformer
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Diese Vorgänge in Rom machen deutlich, warum die
Kaiserin Agnes um 1060 eine politische Neuorientierung vornahm.
Persönlich war sie der Kirche und den Grundgedanken der Reformer eng
verbunden, aber jetzt spürte sie, dass die Richtung, die die Reform
nahm, mit ihren Idealen nicht mehr übereinstimmte und ganz offen gegen
die Stellung ihres Hauses und ihres Sohnes gerichtet war. Ihrem Mann und
ihrem Sohn gegenüber fühlte sie sich aber verpflichtet, während
ihrer Regentschaft das Erbe möglichst unbeschadet zu verwalten. Das
bedeutete jedoch für sie, dass sie sich in einem Konflikt auf die
deutschen Bischöfe, die ja meist Anhänger der Reform waren, nicht
mehr unbedingt verlassen konnte. Deshalb war die Besetzung der drei Herzogtümer
eine ganz wesentliche Entscheidung. Wenn die Herzöge von Schwaben,
Bayern und Kärnten zu ihr hielten, konnte sie auch in Italien eingreifen,
wenn sich das als notwendig herausstellen sollte.
Das war schon im kommenden Jahr der Fall. Im Mai 1061 starb der Kardinalbischof
Humbert, und damit wurde Hildebrand der alleinige und unbestrittene Führer
der Kirchenreform in Rom. Im Juli starb Papst Nikolaus II., mit dessen
Namen die Neuerungen von 1059 verbunden sind, auch wenn die Dekrete und
Texte vor allem die Handschrift Humberts und Hildebrands tragen. Die römischen
Aristokraten trauten sich nicht mehr, von sich aus einen neuen Papst zu
bestimmen, aber sie wollten die Entscheidung über den neuen Papst
nicht einfach Hildebrand überlassen. Sie schickten deshalb eine Gesandtschaft
unter dem Grafen Girard an den kaiserlichen Hof, die dem jungen König
HEINRICH die Abzeichen des römischen Patriziats überbrachte
und um die Ernennung eines neuen Papstes bat. Hildebrand konnte gegen den
Adel in Rom keinen neuen Papst wählen lassen. Er besprach sich mit
den Kardinalbischöfen und anderen Führern der Reform, vor allem
auch mit Abt Desiderius von Monte Cassino, der die Verbindung zu den Normannen
herstellte. Ende September wurde außerhalb Roms und unter Umständen,
die keineswegs denen des Papstwahldekrets entsprachen, der Bischof von
Lucca zum neuen Papst bestimmt. Dabei beteiligte sich Gottfried von Lothringen.
Militärisch gesichert wurde die Wahl durch die Normannen des Richard
von Capua, die nach einem vergeblichen Versuch bei Tag in der folgenden
Nacht nach Rom durchdringen und den neuen Papst inthronisieren konnten.
Die Wahl Alexanders II. war ein geschickter Schachzug, denn der frühere
Bischof Anselm war noch von HEINRICH III. ausgesucht
und ernannt worden und gehörte zum "diplomatischen Dienst" der Kurie.
Er war schon zweimal als Gesandter am Hof der Regentin gewesen, und so
hoffte Hildebrand, dass die irreguläre Wahl und die mit Waffengewalt
erzwungene Inthronisation schließlich akzeptiert würden, weil
der neue Papst als Person ausreichendes Vertrauen genoß. Aber Agnes
war diesmal nicht bereit, auf die ihrem Sohn zustehenden Rechte zu verzichten,
und sie spürte, dass die radikale Richtung der Reform unter Hildebrand
auch in Italien dabei war, Terrain zu verspielen. Zwar war es das Anliegen
der Reform, die Kirche aus den weltlichen Verstrickungen heraus zu halten,
aber mit der offenen Förderung Gottfrieds von Lothringen und dem normannischen
Bündnis war die Kirche tiefer denn je in die Politik verstrickt. Die
aristokratische Partei in Rom suchte gegen Hildebrand Unterstützung
bei der Kaiserin. Dass der Papst mit normannischer Hilfe inthronisiert
werden mußte, trug zu seiner Beliebtheit nicht gerade bei. Auch der
Erzbischof von Mailand und die lombardischen Bischöfe sahen sich jetzt
eine Gelegenheit sich dem römischen Druck zu entziehen.
Agnes berief für Ende Oktober eine Reichsversammlung nach Basel
ein, auf der über alle diese Fragen entschieden werden sollte. Da
diese Versammlung und ihre Beschlüsse später als irregulär
erklärt wurden, ist leider über ihre Vorbereitung und Durchführung
sehr wenig erhalten. Aber der Hof war schon Wochen vorher am Oberrhein,
und die Reichsversammlung wurde sicher intensiv vorbereitet. Dass sie in
Basel stattfand, deutet wieder auf RUDOLF von
Rheinfelden hin, den Herzog von Schwaben und königlichen
Vertreter für Burgund. Da er später auf der anderen Seite kämpfte,
ist verständlich, dass seine führende Teilnahme an dieser Reichsversammlung
"vergessen" und verdrängt wurde. Aber ohne seine Zustimmung und seinen
Schutz hätte sie dort kaum stattfinden können. Von den deutschen
Bischöfen nahmen viele und vor allem die Wortführer wie Anno
von Köln und Adalbert von Bremen nicht teil. Dafür war die Beteiligung
der norditalienischen Bischöfe offenbar sehr groß. Aus ihren
Reihen wurde Bischof Cadalus von Parma zum Papst gewählt. Gleichzeitig
wurde die einen Monat vorher erfolgte Wahl des Bischofs von Lucca für
ungültig erklärt.
Damit hatte die Regentin eindeutig und entschieden Stellung bezogen.
Zu Jahresende fällte sie eine weitere persönlich wichtige Entscheidung,
sie nahm den Schleier und wurde Nonne. Aber damit verzichtete sie nicht
auf ihre Stellung. Von ihren Gegnern wurde das als Ausdruck des schlechten
Gewissens interpretiert, aber sie konnte damit genauso gut zum Ausdruck
bringen, dass sie sich mit der richtigen Kirche und mit Gott nicht in einem
Konflikt befand, sondern nur mit einer politisch pervertierten Richtung
der Kirchenreform. Nach der Wahl und Einsetzung des Papstes Honorius war
der konsequente nächste Schritt das persönliche Erscheinen des
Königs und der Regentin in Italien, die Einsetzung des Papstes in
Rom und die Krönung HEINRICHS
zum Kaiser. Dafür war aber ein Stillhalten im übrigen Deutschland
und die Gefolgschaft der 3 Herzöge notwendig. Wer diesen Schritt und
die Stärkung der Regentschaft und des Königs verhindern wollte,
mußte hier ansetzen und schnell handeln. Das ist der Hintergrund
des Staatsstreichs vom Mai 1062.
Sturz der Regentin
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Im April 1062 stand der Gegenpapst Honorius vor den Toren Roms, und
die Partei Hildebrands wußte nicht mehr, wie sie den Einzug verhindern
sollte. Honorius wurde von den Lombarden unterstützt, ebenso von der
Kaiserin, und er stand in Verhandlungen mit Byzanz, um das Schisma zu beenden
und den Kampf gegen die Normannen und die Sarazenen gemeinsam aufzunehmen.
Die Römer waren in 2 Lager gespalten. Schließlich rettete die
Rückkehr Gottfrieds von Lothringen aus Deutschland die Lage für
die Reformer. Da Honorius Gottfried militärisch nicht trauen konnte,
akzeptierte er dessen scheinbar fairen Vorschlag, dass beide Päpste
in ihre jeweiligen Bistümer zurückkehren und die Entscheidung
der Reichsregierung abwarten sollten. Wie diese Entscheidung ausfallen
würde, wußte Honorius, weil er ja in Basel von der Regentin
zum Papst ernannt worden war. Aber Gottfried wußte mehr, da er eben
aus Deutschland zurückgekehrt und sicher in die Pläne eingeweiht
war, die Regentschaft der Kaiserin Agnes
zu beenden.
Die Reformpartei hat später immer glauben machen wollen, dass
die Regentschaft der Kaiserin so abgewirtschaftet habe, dass ihr Sturz
notwendig geworden sei. Dafür wurde alles mögliche vorgebracht,
die Unstetigkeit, die wechselnden Ratgeber und deren Eigennutz, und von
Humbert auch, dass der Einfluß von Laien auf die Kirche noch verwerflicher
sei, wenn er von einer Frau ausgehe. Vor dem Hintergrund der politischen
Lage in Deutschland und Italien zum Jahreswechsel 1061/62 wird aber deutlich,
dass Agnes nicht gestürzt wurde, weil sie zu wenig getan hatte, sondern
weil ihre neue politische Linie, die Frontstellung gegen eine radikalisierte
Kirchenreform, zu viel Erfolg hatte und die Gruppe um Hildebrand und Gottfried
in große Gefahr brachte. Deshalb versuchte diese Gruppe, der Kaiserin
die Regentschaft in Deutschland zu entziehen. Dazu brauchte sie Verbündete
und Mitverschworene, und Hildebrand wie Gottfried hatten an diesem Netz
mitgeknüpft, auch wenn dafür direkte Beweise nicht vorliegen.
Der Anführer der Verschwörung wurde Erzbischof Anno von Köln,
im Geist der Reform von HEINRICH III.
zum Kirchenfürsten berufen, ein ehrgeiziger, machtbesessener Mann,
der zur Selbstüberschätzung neigte und es der Kaiserin übelnahm,
dass sie ihn nicht in ihren engeren Beraterkreis zog. Zu seiner Absicherung
tat er sich mit Adalbert von Bremen zusammen, dem großen alten Mann
der deutschen Kirche, der es HEINRICH III.
gegenüber in Sutri abgelehnt hatte, sich zum Papst erheben zu lassen.
Adalbert träumte von einem Patriarchat in Bremen, zu dem die nordischen
Länder und die noch zu missionierenden Slawen gehören würden,
und er erhoffte sich von einer anderen Regierung mehr Unterstützung
dafür. Notwendig war aber auch die Beteiligung weltlicher Fürsten,
und es gelang Anno, den neuen bayerischen Herzog Otto von Northeim auf
seine Seite zu bringen. In dessen Persönlichkeit hatte Agnes sich
offenbar sehr getäuscht.
Otto sah für seine Zukunft bessere Aussichten auf der anderen
Seite und vergaß, wem er das Herzogtum Bayern zu verdanken und dafür
die Treue geschworen hatte. Dagegen schweigen sich die Quellen über
die Haltung RUDOLFS aus. Er stand damals
offensichtlich auf der Seite der Kaiserin und war an der Verschwörung
nicht beteiligt.
Der Sturz der Kaiserin war banal einfach. Da es eine gesetzliche Regelung
der Regentschaft nicht gab, war es nur notwendig, den kleinen König
in die Hand zu bekommen, um dann mit ihm und für ihn die Regierung
auszuüben. Der Hof war in der Pfalz auf der Rheininsel Kaiserswerth,
als Anno mit einem Schiff von Köln aus ankam und den 12-jährigen
König zu einer Besichtigung einlud. Als HEINRICH
an Bord war, legte das Schiff ab und fuhr nach Köln zurück. Es
spricht für den Mut des jungen Königs, dass er, als er merkte,
dass eine Entführung geplant war, in den Rhein sprang und fast ertrunken
wäre. Aber er wurde wieder herausgezogen und mit den Reichsinsignien
zusammen, die gleichzeitig entführt wurden, weil ohne sie eine rechtmäßige
Regierung nicht möglich war, nach Köln gebracht. Agnes
verzichtete auf einen Gegenschlag, der nur zu einem Bürgerkrieg hätte
führen können. Sie hatte sich dazu gezwungen, für ihren
Sohn Politik zumachen. Nachdem er ihr so entzogen war, akzeptierte sie
diesen Schicksalsschlag und zog sich schließlich in das norditalienische
Kloster Fruttuaria zurück. Trotz ihres Rückschlages blieb sie
an politischen Fragen und am Geschick ihres Sohnes interessiert. Viermal
kam sie noch über die Alpen, um zu beraten und zu vermitteln, vor
allem zwischen HEINRICH und RUDOLF.
Die neue Reichsregierung unter Anno von Köln bestätigte natürlich
den von Hildebrand und Gottfried eingesetzten Papst Alexander und sprach
gegen Honorius und seine Anhänger den Bann aus.
1059
1. oo Mathilde, Tochter Kaiser HEINRICHS III.
Mitte Oktober
1048-12.5.1060
1062
2. oo Adelheid von Turin, Tochter des Grafen Otto
um 1050-
1079
Prinz Isenburg:
---------------
Adelheid (nach 1052-1079), seit
1067 Gemahlin RUDOLFS, war die Witwe
von Guigues I. Comte d'Albon.
Kinder:
1. Ehe
Berthold Herzog von Schwaben
1060-18.5.1090
2. Ehe
Adelheid
- 1090
1078
oo Ladislaus I. König von Ungarn
-29.7.1095 (20.6.1095 Isenburg)
Bertha Gräfin von Kellmütz
-(20.1. nach 1128
Isenburg)1133
vor 1077
oo Ulrich X. Graf von Bregenz
-26./28.10.1097
Otto
- klein
Agnes
-19.12.1111
1079
oo Berthold II. Herzog von Zähringen
um 1055-12.4.1111
Literatur:
----------
Jaeckel, Gerhard: Die deutschen Kaiser. Die Lebensgeschichten sämtlicher
Monarchen von Karl dem Großen bis Wilhelm II., Weltbild Verlag Augsburg,
Seite 69-70 - Black-Veldtrup, Mechthild: Kaiserin Agnes (1043-1077) Quellenkritische
Studien, Böhlau Verlag Köln 1995, Seite 48-384 - Wies, Ernst
W.: Kaiser Heinrich IV. Canossa und der Kampf um die Weltherrschaft, Bechtle
Esslingen 1996, Seite 11,38,63,70,75,78,89,96, 106,111,116,118, 123,146,153,155,
159,171,174, 176,181,204 - Frommer, Hansjörg: Die Salier und das Herzogtum
Schwaben, INFO Verlagsgesellschaft Karlsruhe 1992 - Goez Elke: Beatrix
von Canossa und Tuszien. Eine Untersuchung zur Geschichte des 11. Jahrhunderts,
Jan Thorbecke Verlag Sigmaringen 1995, Seite 134 ,170,182,223 - Golinello,
Paolo: Mathilde und der Gang nach Canossa, Artemis und Winkler Düsseldorf
1998, Seite 164,173,183,188,200,209-211,227 - Engels, Odilo: Stauferstudien.
Beiträge zur Geschichte der Staufer im 12. Jahrhundert, Jan Thorbecke
Verlag Sigmaringen 1996, Seite 97,102,281 - Die Salier und das Reich, hg.
Stefan Weinfurter, Jan Thorbecke Verlag 1991, Band I, Seite 39,51,89,94,175,178-183,186,
188-194,202-205,207, 210-212, 214-216 ,218-220,262,264-266,296,347,490,493,496,516/Band
II Seite 13,16,138,162,170,175,177,191, 195,214,257, 369,374,540,549,555/Band
III Seite 225,269,271,397,507 - Die Zähringer. Schweizer Vorträge
und neue Forschungen. Hg. von Karl Schmid; Jan Thorbecke Verlag Sigmaringen
1990, Seite 16, 52,55,58-60, 61,66,68-70,84,101,112,115,117,122, 127,179,235,276
- Karl Lechner: Die Babenberger. Markgrafen und Herzoge von Österreich
976-1246, Böhlau Verlag Wien-Köln-Weimar 1992, Seite 109-112,336
A 12 - Schulze: Das Reich und die Deutschen. Hegemoniales Kaisertum. Ottonen
und Salier. Siedler Verlag, Seite 383,402,410,419,432,436,439,454 - Karl
Schmid: Gebetsgedenken und adliges Selbstverständnis im Mittelalter.
Ausgewählte Beiträge, Jan Thorbecke Verlag Sigmaringen 1983,
Seite 129,132,149,159,174, 210,358 - Eduard Hlawitschka: Untersuchungen
zu den Thronwechseln der ersten Hälfte des 11. Jahrhunderts und zur
Adelsgeschichte Süddeutschlands. Zugleich klärende Forschungen
um „Kuno von Öhningen“, Jan Thorbecke Verlag Sigmaringen 1987, Seite
15,20,56-58,60,63,84,86,106,112,114-120,149-152,157,159,165,169,172,175
- Brunos Buch vom Sächsischen Kriege. Übersetzt von Wilhelm Wattenbach,
Phaidon Verlag Essen 1986, Seite 35,44,48,54,60,91 - Boshof, Egon: Die
Salier. Verlag W. Kohlhammer Stuttgart Berlin Köln 1987, Seite 9,148,170,190,197,203,213,236-243,245,271
- Giese, Wolfgang: Der Stamm der Sachsen und das Reich in ottonischer und
salischer Zeit. Franz Steiner Verlag Wiesbaden 1979, Seite 29,32,34,37-40,42-56,60,121,166,168-171,
173,179,198,207,222 - Fenske, Lutz: Adelsopposition und kirchliche Reformbewegung
im östlichen Sachsen. Vandenhoeck & Ruprecht Göttingen 1977,
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