Aber als Ausgleich für so viele Greueltaten war es
auch die Zeit der Wunder, wie jenes das im August 930 dem Sohn König
Hugos, dem kleinen Lothar,
dem zukünftigen Ehemann Adelheids,
das Leben rettete. Das Kind litte an einem heftigen Fieber und war in hoffnungslosem
Zustand. Auf Befehl seines Vaters wurde es vom Palast nach San Michele
gebracht und auf die Reliqquie des heiligen Kolumban gelegt. Plötzlich
verschwand das Fieber und wich einem ruhigen Schlaf. Lothar
war gerettet, und seine Mutter, die Königin
Alda, stattete mit einer großen Gefolgschaft von Adligen
und Dienerinnen dem Heiligen ihren Dank ab und überreichte ihm goldgewebte
Stoffe, während Hugo in einer
feierlichen Audienz den Mönchen die entzogenen Besitzungen zurückgab.
Im folgenden Mai wurde das so gerettete Kind in derselben Kirche San Michele
in einer glänzenden Zeremonie gekrönt und zum Mit-König
eingesetzt.
Am 11. Juli 937 starb Rudolf
II. von Burgund. Er ließ seine
Frau
Bertha
als Witwe und seine noch jungen Kinder
Konrad,
Rudolf
und Adelheid
zurück. Die Minderjährigkeit des Thronerben weckte den Ehrgeiz
Hugos,
der sich in der Überzeugung, seine Macht über die Provence und
das übrige Königreich ausdehnen zu können, im Herbst nach
Burgund begab. Da er von Marozia
nichts wußte und sich als Witwer betrachtete, heiratete er Bertha,
und am 12. Dezember schloß er einen Heiratsvertrag zwischen seinem
kaum zehnjährigen Sohn Lothar und
der sechsjährigen Adelheid.
Die künftige Ehefrau erhielt als Mitgift die Königshöfe
von Corana, Marengo und Olona, drei Abteien und zwei kleinere Höfe
in der Toscana, im Ganzen 4.580 Hufen Land. Bertha
bekam 16 Höfe mit 2.500 Hufen übertragen.
Als Hugo 940 von
seinen Spionen erfuhr, daß
Berengar
gegen
ihn eine Verschwörung plante, entschied er sich, ihn an den Hof zu
holen, um ihn gefangenzusetzen und blenden zu lassen. Aber der Plan scheiterte,
weil der feinfühlige
Lothar, Freund
des Markgrafen von Ivrea, sich nicht zum Komplizen seines Vaters machen
lassen wollte und Berengar heimlich
warnte. Dieser fand seine Rettung, indem er nach Schwaben zu Herzog
Hermann, dem zweiten Ehemann von Adelheids
Großmutter, floh.
Adelheid beobachtete,
dachte, lernte. Der altgewordene Herrscher, der die Intelligenz, die Energie,
die Anmut und die natürliche Würde seiner künftigen Schwiegertochter
schätzte, behandelte sie freundlich und versuchte, sie auf das Regieren
vorzubereiten, so wie er es mit Lothar hielt.
Der Ruf als unverschämter Schürzenjäger, der Hugo
nicht zu Unrecht anhing, brachte es mit sich, daß die Sympathie und
Zuneigung, die er Adelheid entgegenbrachte,
von manchen falsch gedeutet wurde, wie eine spätere Information im
Chronicon Novaliciense (V, c.3) zeigt, wonach er seine sehr junge Schwiegertochter
verführt haben soltte. Doch neben der Veranlagung Adelheids,
ihrer tiefen und lebendigen Religiosität, die allein genügen
würde, um diese Nachricht wenig glaubhaft zu machen, führen praktische
Überlegungen dazu, den Wahrheitsgehalt in Frage zu stellen. Und vor
allem erwähnen die zuverlässigeren zeitgenössischen Quellen
diese Nachricht nicht. Hugo war ein
zu guter Politiker, um sich auf eine Beziehung einzulassen, die ihn nicht
nur diskredidiert, sondern auch Berengar
einen idealen Vorwand geliefert hätte, um das Eingreifen
OTTOS
I. zu verlangen und seine Unterstützung zu bekommen.
Dieser Herrscher übte in der Tat ein Protektorat über Burgund
und die burgundische Königsfamilie aus, und Bertha,
trotz allem die legitime Gemahlin Hugos,
hätte solch eine Schmähung sicher weder für sich noch für
ihre Tochter hingenommen. Dazu kommt, daß Hugo,
obwohl ein leidenschaftlicher Mann ohne Skrupel, auch ein sehr guter Vater
war, seiner zahlreichen Nachkommenschaft sehr verbunden, sehr besorgt darum,
seinen Söhnen und Töchtern, ob legitim oder illegitim, einflußreiche
Positionen zu sichern. Es scheint also schwierig zu glauben daß er
so gehandelt haben könnte. Sein Verhalten hätte dann seinem Sohn
Lothar,
den Mit-König und Erben, dem Spott und der Häme
der Höflinge und der Untertanen ausgesetzt, und das hätte seine
eigene Autorität geschwächt und die Stellung seines Sohnes, dessen
nicht nur physische Zartheit er kannte, praktisch unhaltbar gemacht.
Ganz im Gegenteil versuchte
Hugo aber
um jeden Preis, die eigene Stellung und die Lothars
zu verstärken, indem er OTTO I.
bedeutende Geschenke sandte und die Hochzeit seiner sehr jungen und sehr
schönen natürlichen Tochter Bertha
mit Romanos, dem Enkel und Erben des
byzantinischen Kaisers, aushandelte, um seine Unterstützung zu bekommen
und das Ansehen seines Hauses zu vergrößern.
Genau zu dem Zeitpunkt, als Hugo
sich sicher fühlte, veränderte sich etwas in der Haltung des
deutschen Königs. Dieser verfolgte mit großem Interesse, was
sich in Italien ereignete, und er sah nicht gerne den Provenzalen, dessen
Ehrgeiz er kannte, an Ansehen gewinnen. Berengar
nutzte die Gelegenheit und zog Anfang 945 mit einem Heer über Schwaben
nach Italien. Er sicherte sich durch großzügige Versprechungen
die Unterstützung eines Neffen von Hugo,
Manasse von Arles und den Rückhalt einiger Adligen und Kirchenfürsten
und es gelang ihm, ohne Widerstand zu finden, das Etschtal entlangzuziehen
und in Verona, Modena und mit Hilfe des greisen Erzbischofs Arderich in
Mailand einzuziehen.
Hugo war weit weg
von seiner Hauptstadt, denn er war damit beschäftigt, das Schloß
Vignola des plötzlich zu Berengar
übergegangenen, raffgierigen Bischof Guido von Modena zu belagern.
Er kehrte so schnell wie möglich nach Pavia zurück, aber sein
Rivale hatte schon die Unterstützung der Unzufriedenen und aller aus
Eigennutz Untreuen gefunden. Der König war ohne Heer, er konnte nur
auf seine Grafen Angelbert und Aleram, seinen Schwiegersohn Elisiardo von
Parma, Lanfranc von Bergamo, seinen natürlichen Sohn Boso,
Bischof von Placentia, auf die Bischöfe Ambrosius von Lodi
und Litifred von Pavia und einige kleinere Vasallen zählen, und es
gelang ihm nicht, den Markgrafen von Ivrea zurückzuschlagen.
Obwohl Berengar nicht
die Krone trug, zeigte er sich großzügig und vergab Vergünstigungen
und Schenkungen, als ob er der Herrscher wäre. Die Großen des
Königreiches, nur damit beschäftigt, Reichtümer und Ehrenstellungen
für sich zu erhalten, nahmen diesen ungesetzlichen Zustand gerne hin.
Hugo
machte sich klar, daß die Auseinandersetzung verloren und jeder Versuch
von Widerstand in der Hauptstadt vergeblich war. Um seinen Sohn den Thron
zu erhalten, anerkannte er also, daß er besiegt war. Er sandte Lothar
mit einer Botschaft für die Großen des Königreiches nach
Mailand, in der er sich bereit erklärte, sich allen ihren Anklagen
zu stellen, er verzichtete auf die Krone, aber er verlangte, daß
sie seinem Sohn nicht weggenommen würde, der an allem unschuldig sei,
weil er wegen seines jungen Alters an der tatsächlichen Regierung
nicht beteiligt war.
Die Botschaft, die im Dom von Sant' Ambrogio vorgelesen
wurde, brachte die vorherberechnete Wirkung, und die Versammlung akklamierte
Lothar,
von Erzbischof Arderich und von Berengar
selbst zum Altar geführt, welcher mit dieser Geste den Eindruck erweckte,
als ob er den jungen Herrscher unter seinen Schutz nehmen würde. In
kurzer Zeit war die Lage vollkommen verändert: Hugo
und Lothar hatten auf der Höhe
ihrer Macht am 29. März 945 in Pavia der Gräfin Rotrud, dem Grafen
Elisiardo und seiner Frau Rotlinda,
einer Tochter des Königs, einige Besitzungen übertragen. Einige
Tage später, am 8. April, saß Berengar
schon im Palast. Es hatte kein Blutvergießen gegeben. Hugo
hatte die Hauptstadt verlassen und sich auf einen seiner Höfe zurückgezogen,
und Lothar begann nach seiner Rückkehr
nach Pavia, die Macht unter der drückenden Schirmherrschaft des Markgrafen
von Ivrea auszuüben, der einige seiner Vertrauten an den Hof brachte,
wie zum Beispiel Bischof Brunendo von Asti, der an der Stelle des Bischofs
Boso von Placentia, eines Sohnes Hugos,
Kanzler wurde. Jedoch läßt die Anwesenheit von Männern
wie dem Pfalzgrafen Lanfranc von Bergamo, dem Sohn der Rosa,
einer Mätresse des Königs, oder dem Grafen Aldrich in der Umgebung
Lothars
vermuten daß er trotz der gewaltigen Macht Berengars
(oder vielleicht gerade wegen dieser) eine Partei gab, die zum Teil aus
Burgundern bestand, die Hugo nach Italien
gefolgt waren, und daß diese Partei dem alten König anhing und
stark genug war, Anhänger des Provenzalen im Amt zu halten.
Adelheid, die nichts
ändern konnte, hatte mit Furcht die Ereignisse und den Erfolg Berengars
verfolgt. Die neue Situation erschütterte die Hoffnungen zutiefst,
die sie für ihre Zukunft gehegt hatte. Erzogen um zu herrschen, war
sie an das starke und skrupellose Regieren Hugos
gewöhnt, und plötzlich sah sie ihn entthront, während Lothar,
ihr zukünftiger Ehemann, von zarter und beeindruckender
Natur, von dem Mann abhing, dem er einige Jahre früher das Leben
gerettet hatte.
Bererngar wußte,
daß Hugo nicht der Mann war,
der sich mit einer untergeordneten Rolle begnügen würde, und
er war sicher, daß dieser versuchen würde, sich zu rächen,
auch mit Hilfe der Provenzalen. Er hinderte ihn also daran, in seine Heimat
zurückzukehren, und um zu vermeiden, daß die Großen des
Königreichs in die Versuchung gerieten, die Seiten zu wechseln, berief
er im August eine Versammlung ein und holte Hugo
nach Pavia zurück, um ihn wieder auf den Thron zu setzen. Wenn auch
der Form nach Lothar und Hugo
regierten, so lag die Macht in Wirklichkeit bei dem Markgrafen von Ivrea,
der den Titel eines obersten Beraters angenommen hatte. Der von Brerengar
gesuchte Kompromiß sollte ihm helfen, Zeit zu gewinnen, ebenso sehr
im Innern des Königreiches wie OTTO I.
gegenüber (der ihn beschützt und dem er 941 einen Treueid geschworen
hatte), aber auch im Verhältnis zu Burgund, wo Adelheids
Bruder
Konrad regierte.
Die Lage änderte sich wenigstens teilweise, als
Hugo
mit der Billigung Berengars 947 entschied,
endgültig in seine Heimat zurückzukehren. Aber vor seiner Abreise
wollte der alte Herrscher, der einige Monate später sterben sollte,
daß die Hochzeit seines Sohnes gefeiert würde, um ihm die energische
Adelheid
zur Seite zu stellen und so auch eine Unterstützung der burgundischen
Partei zu sichern. Ende Frühjahr 947 war Adelheid
endlich Königin im Palast von Pavia, der sie hatte heranwachsen
sehen, und trotz der drückenden Schirmherrschaft Berengars
über ihren Ehemann und der besitzergreifenden Präsenz der ehrgeizigen
Markgräfin
Willa hatte die Rolle der jungen Burgunderin sich radikal
geändert, und die Untertanen, vor allem die Ärmsten, hatten Gelegenheit,
ihre Feinfühligkeit, ihre Freundlichkeit und ihre große Freigebigkeit
zu entdecken und zu schätzen.
Das junge Herrscherpaar war glücklich, ihre Ehe
wurde 949 durch die Geburt einer auf den Namen Emma
getauften Tochter gesegnet (die 966 den König
Lothar von Frankreich heiraten sollte). Adelheid
war als consors regni, als Teilhaberin an der Herrschaft,
anerkannt, und sie hatte ihren Einfluß spüren lassen, indem
sie ihrem Gemahl riet, zu versuchen, sich die Gunst der Großen zu
sichern und vor allem den Grafen Arduin il Glabro von Turin an seine Person
zu binden, der die Grenzregion nach Burgund kontrollierte und von
Lothar
für sein Eingreifen die reiche Abtei Brema erhielt. Die Königin
bemühte sich in der Tat darum, die Unterstützung derer zu sichern,
die die zu starke Übermacht
Berengars
zuerst begrenzen und schließlich brechen konnten, und unter diesem
Gesichtspunkt hatte es vielleicht auch bedachte und vorsichtige Kontakte
mit Liudolf,
dem Herzog von Schwaben, dem Sohn OTTOS
I. und Ehemann von Ida,
einer Halbschwester von Adelheids Mutter
Bertha,
gegeben, um ein Eingreifen des deutschen Königs anzuregen. Aber die
Ereignisse liefen nicht so ab wie geplant. Der plötzliche Tod Lothars
am 22. November 950 in Turin, nach einigen Nachrichten vergiftet
auf Befehl seines mächtigen "Dieners" ließ die Witwe unter der
Aufsicht Berengars zurück.