Althoff Gerd: Seite 86-91
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"Adels- und Königsfamilien im Spiegel ihrer Memorialüberlieferung"

Es sei am Beispiel des Markgrafen Gero gezeigt, wie sich ein Mitglied dieser bisher unbekannten Vereinigung gegenüber seinen Genossen verhielt. Der Fall Geros ist deshalb besonders bemerkenswert, weil der Markgraf in der bisherigen Forschung als einer der treuesten Helfer OTTOS DES GROSSEN gilt, obgleich diesem Urteil einige Nachrichten in den Quellen gravierend entgegenstehen. Die Zusammenschau dieser verstreuten Nachrichten und Hinweise erlaubt den sicheren Schluß, dass auch Gero ein Mitglied dieser Vereinigung war, deren Existenz bisher nur durch Aufstände und die damit zusammenhängenden Quellen faßbar ist.
Schon im Vorfeld des Liudolf-Aufstandes erscheint Gero in enger Verbindung mit den Anführern der Verschwörung. Er erhielt nämlich 951 in Wallhausen eine Schenkung Liudolfs, die OTTO DER GROSSE in einer Urkunde bestätigte. Intervenient in dieser Urkunde war neben Gero selbst der Herzog Konrad der Rote. Dieser wiederum hielt sich nach der Teilnahme am Liudolf-Aufstand und nach seiner Absetzung in Sachsen auf, ohne dass bisher geklärt wäre, was es mit diesem Aufenthalt auf sich hat. Er ist jedoch sicherlich zusammen mit den anderen Hinweisen ein Indiz dafür, dass besondere Beziehungen zwischen Konrad dem Roten und dem Markgrafen bestanden.
Von größter Bedeutung ist ferner der Bericht Widukinds von Corvey, dass Gero den eidbrüchigen BILLUNGER Wichmann den Jüngeren wieder in die Freiheit entließ, nachdem er ihm gefangen von den Slawen übergeben worden war, dies obgleich Gero um die Vergehen Wichmanns und dessen Eidbruch wußte. Angesichts der Sachlage ist kaum daran zu deuteln, dass der Markgraf Gero dem BILLUNGER Fluchthilfe leistete, um ihn vor einer Verurteilung durch den König zu bewahren, die sicher zu erwarten stand. All diese Nachrichten geben wohl genügend Grund zu überprüfen, ob das von der Forschung angenommene Vertrauensverhältnis zwischen OTTO DEM GROSSEN und Gero wirklich über alle Zweifel erhaben ist.
Neben den Erzählungen Widukinds sind in der Forschung in diesem Zusammenhang immer wieder die Erwähnungen Geros in den Königsurkunden herangezogen worden. Mit ihnen wurde das Vertrauensverhältnis zwischen OTTO DEM GROSSEN und Gero zusätzlich belegt. Für das Verhältnis Geroszum Herrscher sind naturgemäß nur die Urkunden wichtig, in denen der Markgraf eine Schenkung erhielt oder als Intervenient genannt wird, nicht diejenigen, in denen lediglich Güter als in comitatu Geronis gelegen, charakterisiert werden. Bei der Durchsicht dieser Urkunden zeichnet sich ein überraschender Befund ab. Zwischen den Jahren 941 und 951 sind acht Urkunden überliefert, in denen Gero fünfmal als Intervenient auftritt und dreimal eine Schenkung erhält. Es finden sich in diesen Urkunden jeweils ehrende Epitheta wie dilectus oder dilectissimus marchio oder auch dilectus dux et marchio, die zweifelsohne das enge Vertrauensverhältnis zwischen König und Markgrafen belegen. Seit dem Jahre 951 jedoch verschwindet Gero, mit einer Ausnahme, aus den Königsurkunden. OTTO bestätigte lediglich im Jahre 961 die Gründung von Gernrode, dem Hauskloster der Sippe des Markgrafen. In dieser Urkunde fehlt auffälligerweise die Kennzeichnung Geros als dilectus, die in allen anderen Urkunden anzutreffen ist. In dieser Urkunde von 961 heißt es dagegen lediglich Gero (marchio), und es kann nicht einmal entschieden werden, ob es sich bei dem Titel nicht um einen späteren Zusatz handelt.
Der Kontrast könnte also stärker kaum sein. Verging vor 951 kaum ein Jahr, in dem der Markgraf nicht entweder selbst beschenkt wurde oder durch Interventionen seine Königsnähe deutlich wird, so fehlt sein Name von 951 an bis zu seinem Tode für 14 Jahre in den Königsurkunden. Doch damit sind die Merkwürdigkeiten nicht beendet: in zwei Königsurkunden vom 17. Juni und 8. Juli 965 werden wieder Interventionen Geros erwähnt. Er wird in beiden Urkunden marchio genannt und stimmt der Schenkung der civitates Loburg und Großtuchheim, gelegen östlich der Elbe, an das Moritzkloster in Magdeburg zu. Zur Zeit der Ausstellung der Urkunden war Gero jedoch bereits einen bzw. mehr als einen Monat tot. Eine Erklärung dieses Sachverhalts durch die Untersuchungen der Diplomatiker gelang nicht. Lassen wir diese Beobachtung zunächst unkommentiert im Raum stehen und tragen weiter Informationen zusammen.
Die letzte Urkunde, in der Gero beschenkt und zugleich als Intervenient genannt wird, ist auf den 28. Juli 951 datiert. OTTODER GROSSE bestätigte die schon erwähnte Schenkung seines Sohnes Liudolf an den Markgrafen. Es handelt sich um drei marchas im Gau Serimunt mit den dazugehörigen Ortschaften, also wohl um eine bedeutende Schenkung aus dem Gut, das OTTO DER GROSSE selbst zuvor Liudolf zu Eigen gegeben hatte. Die Schenkung Liudolfs ist übrigens die einzige, die OTTO in einer Urkunde bestätigte, was wohl zusätzlich unterstreicht, dass wir es mit einem ungewöhnlichen Vorgang zu tun haben. Als Ausstellungsort der Urkunde ist Wallhausen angegeben. Dort wurde gleichzeitig der geplante Zug OTTOS DES GROSSEN nach Italien besprochen. Diesem versuchte sein Sohn Liudolf zuvorzukommen, indem er von Wallhausen aus ohne Wissen des Vaters nach Italien aufbrach. Der Vorgriff Liudolfs verunglückte - nicht zuletzt durch Intrigen (machinationes) seines Oheims Heinrich von Bayern - und lieferte einen Grund für die Verstimmung zwischen Vater und Sohn, zu dem wohl die italienische Heirat OTTOS DES GROSSEN mit Adelheid hinzukam. Noch im Jahr 951 verließ Liudolf - und mit ihm Erzbischof Friedrich von Mainz - das königliche Heer und begab sich nach Saalfeld in Thüringen, wo beide mit namentlich nicht genannten Großen das Weihnachtsfest in einer Art und Weise feierten, die bei den Zeitgenossen Aufsehen erregte.
Schon die Wahl des Ortes scheint programmatisch gewesen zu sein, denn Saalfeld war durch eine ähnliche Versammlung, die zur Zeit des Aufstands Heinrichs I. von Bayern dort stattgefunden hatte, den Zeitgenossen bereits verdächtig. Es spricht also alles dafür, dass sich hier eine Opposition gegen die Italienpolitik OTTOS DES GROSSEN und die damit verbundenen Veränderungen formierte, eine Opposition, die von eben den ducibus et prefectis palatinorumque primoribus gebildet wurde, die kurze Zeit später König Berengar von Italien in Magdeburg mit königlichen Ehren empfingen. Diese Handlungsweise stand in auffallendem Gegensatz zu der OTTOS DES GROSSEN, der Berengar drei Tage warten ließ, bevor er sich überhaupt zu einer Unterredung bereitfand. In dieser Unterredung erfüllte er zudem keine der politischen Vorstellungen Berengars, die dieser zuvor wohl mit Herzog Konrad dem Roten ausgehandelt hatte. Spätestens durch diese Desavouierung stieß auch Herzog Konrad, der das Geleit des italienischen Königs übernommen hatte und auf Grund der Vorverhandlungen bei ihm im Wort stand, zu der oppositionellen Gruppe.
Dieser kurze Abriß der Ereignisse von 951/52 zeigt aber die späteren Anführer des Liudolf-Aufstandes in beachtlicher Nähe zum Markgrafen Gero. Die Schenkung Liudolfs an Gero im unmittelbaren Vorfeld des Aufstandes, der rasche Aufbruch Liudolfs nach Saalfeld und die Magdeburger Vorfälle, an denen nach Widukind mehrere duces beteiligt waren, lassen insgesamt auf ein enges Einvernehmen der 'Verschwörer' mit dem Markgrafen schließen. Dieses Einvernehmen wird durch die Unterstützung, die Gero den aufständischen Söhnen Wichmanns des Älteren im Verlauf der Erhebung zukommen ließ, ebenfalls nachhaltig unterstrichen. Zu diesem Verhalten paßt auch das abrupte Verschwinden Geros aus den Königsurkunden in der gleichen Zeit.
Ähnliche Anhaltspunkte liefern auch die Befunde des Gebetsgedenkens. Es wurde schon darauf hingewiesen, dass im Lüneburger Necrolog der beiden Söhne Geros, die in der in Frage stehenden Zeit verstarben, gedacht wurde. Weitere Gedenkbeziehungen der Sippe des Markgrafen zur billungischen Familie ergeben sich aus der Beobachtung, dass auch die Verwandten Geros, Siegfried (80) und Christian (G 65), im Lüneburger Necrolog mit großer Wahrscheinlichkeit genannt sind, und sich Geros Todesnachricht selbst schließlich im Necrolog des billungisch beeinflußten Kanonissenstiftes Möllenbeck findet.
Genauso auffällig ist die Beobachtung, dass sich weder Gero noch seine Söhne im Totengedenken der ottonischen Familie nachweisen lassen. Diese Tatsache verdient vor allem aus zwei Gründen Aufmerksamkeit. Einmal war in der Frühphase der Regierungszeit OTTOS DES GROSSEN das Verhältnis des Herrschers zum Markgrafen so eng, dass dieser sogar Geros Sohn Siegfrid (G 69) aus der Taufe gehoben hatte. Außerdem ist Gernrode, die Grabkirche Geros und wohl auch die seiner Söhne, in unmittelbarer Nähe von Quedlinburg gelegen, dem Ort, an dem das ottonische Gedenken zur fraglichen Zeit sein Zentrum hatte. Die Todesfälle in der Familie des Markgrafen konnten dort also kaum unbemerkt bleiben. Sie wurden vielmehr ganz bewußt nicht in die ottonische Memoria aufgenommen.
Das Fehlen von Angehörigen der Sippe des Markgrafen Gero im ottonischen Gedenken weist also nachhaltig in die gleiche Richtung wie die Berücksichtigung des besagten Personenkreises in der billungischen Gedenktradition. Es muß nochmals daran erinnert werden, dass diese ja für den fraglichen Zeitraum noch eindeutig von den Verbindungen der Nachkommen Wichmanns des Älteren bestimmt ist. Zu diesen Beobachtungen treten die Ergebnisse der Untersuchung der ottonischen Königsurkunden. Alle drei Untersuchungsergebnisse beweisen damit die tiefgehende Entfremdung zwischen der Königs- und der Markgrafenfamilie seit der Zeit des Liudolf-Aufstandes.
Ein später Nachhall dieser Schwierigkeiten zeigte sich noch bei der Erhebung Erzbischof Geros von Köln (B 70), einem Mitglied der Sippe des Markgrafen Gero. Gegen die Erhebung erhob OTTO DER GROSSE zunächst Einspruch, da er, nach dem sagenhafte ausgeschmückten Bericht Thietmars von Merseburg, Geros Bruder, dem Markgrafen Thietmar (G 98), aus vielerlei Gründen zürnte. Beide Personen sind als Erben Markgraf Geros anzusprechen. Und nicht zuletzt beweist auch die Zerstückelung des Amtsbezirks, den der Markgraf Gero inne gehabt hatte, dass OTTO DER GROSSE eine neue, ähnliche Machtkonzentration, wie sie Gero besessen hatte, unter allen Umständen vermeiden wollte: Der Bezirk wurde in nicht weniger als sechs markgräfliche Amtsbezirke aufgeteilt.
All diesen Quellenzeugnissen und den daraus resultierenden Beobachtungen steht nur scheinbar entgegen, dass Widukind aus der Spätphase des Liudolf-Aufstandes berichtet, dass Markgraf Gero im Heer des Königs bei der Belagerung Regensburgs gewesen sei und sich durch seine Kriegserfahrung hervorgetan habe. Diese Nachricht gehört nämlich in die Endphase des Liudolf-Aufstandes, als bereits sehr viele Helfer des Königs-Sohnes ihre Unterstützung seiner Position aufgegeben hatten. Zu dieser Zeit hatten sogar Konrad der Rote und Erzbischof Friedrich von Mainz wieder zum König zurückgefunden.
Gero bewies in seinem Verhalten soviel Augenmaß und Geschick, dass zwar das Vertrauensverhältnis zu OTTO DEM GROSSEN nachhaltig gestört wurde, seine Stellung selbst jedoch unangreifbar blieb. So mußte OTTO bis zum Tode des Markgrafen warten, ehe er eine Neuregelung der Kompetenzen an der Slawengrenze vornehmen konnte. Der Zweck dieser Neuregelung war in erster Linie die Zergliederung eines zu komplexen Machtbereichs, wie ihn Gero in Besitz gehabt hatte. Hiervon werden nicht zuletzt auch die konkreten Besitzverhältnisse betroffen gewesen sein. Daher sind auch die zitierten merkwürdigen Urkunden, die erst nach dem Tode Geros ausgestellt wurden, von einigem Interesse. Es scheint zumindest nicht ausgeschlossen, dass mit der vermeintlichen Zustimmung Geros etwaigen Widersprüchen seiner Erben gegen die Übereignung der civitates Loburg und Großtuchheim an das Magdeburger Moritzkloster von vornherein begegnet werden sollte. Gut paßt zu dieser Sicht, dass Gero bereits im Jahr 961, nach dem Tode seiner Söhne, versuchte, durch die Gründung des Familienklosters Gernrode, seinen Besitz der Sippe zu erhalten.