Es sei am Beispiel des Markgrafen
Gero gezeigt, wie sich ein Mitglied dieser bisher unbekannten
Vereinigung gegenüber seinen Genossen verhielt. Der Fall Geros
ist deshalb besonders bemerkenswert, weil der Markgraf in der bisherigen
Forschung als einer der treuesten Helfer OTTOS
DES GROSSEN gilt, obgleich diesem Urteil einige Nachrichten
in den Quellen gravierend entgegenstehen. Die Zusammenschau dieser verstreuten
Nachrichten und Hinweise erlaubt den sicheren Schluß, dass auch Gero
ein Mitglied dieser Vereinigung war, deren Existenz bisher nur
durch Aufstände und die damit zusammenhängenden Quellen faßbar
ist.
Schon im Vorfeld des Liudolf-Aufstandes
erscheint Gero
in enger Verbindung mit den Anführern
der Verschwörung. Er erhielt nämlich 951 in Wallhausen eine Schenkung
Liudolfs, die
OTTO
DER GROSSE in einer Urkunde bestätigte. Intervenient in
dieser Urkunde war neben Gero
selbst der Herzog
Konrad der Rote. Dieser wiederum hielt sich nach der Teilnahme
am Liudolf-Aufstand und nach seiner
Absetzung in Sachsen auf, ohne dass bisher geklärt wäre, was
es mit diesem Aufenthalt auf sich hat. Er ist jedoch sicherlich zusammen
mit den anderen Hinweisen ein Indiz dafür, dass besondere Beziehungen
zwischen Konrad dem Roten und dem Markgrafen bestanden.
Von größter Bedeutung ist ferner der Bericht
Widukinds von Corvey, dass Gero den
eidbrüchigen BILLUNGER
Wichmann
den Jüngeren wieder in die Freiheit entließ, nachdem
er ihm gefangen von den Slawen übergeben worden war, dies obgleich
Gero um die Vergehen Wichmanns und
dessen Eidbruch wußte. Angesichts der Sachlage ist kaum daran zu
deuteln, dass der Markgraf Gero dem
BILLUNGER Fluchthilfe leistete, um ihn vor einer Verurteilung durch
den König zu bewahren, die sicher zu erwarten stand. All diese Nachrichten
geben wohl genügend Grund zu überprüfen, ob das von der
Forschung angenommene Vertrauensverhältnis zwischen OTTO
DEM GROSSEN und Gero wirklich
über alle Zweifel erhaben ist.
Neben den Erzählungen Widukinds sind in der Forschung
in diesem Zusammenhang immer wieder die Erwähnungen Geros
in den Königsurkunden herangezogen worden. Mit ihnen wurde das Vertrauensverhältnis
zwischen OTTO DEM GROSSEN und Gero
zusätzlich
belegt. Für das Verhältnis Geroszum
Herrscher sind naturgemäß nur die Urkunden wichtig, in denen
der Markgraf eine Schenkung erhielt oder als Intervenient genannt wird,
nicht diejenigen, in denen lediglich Güter als in comitatu Geronis
gelegen, charakterisiert werden. Bei der Durchsicht dieser Urkunden zeichnet
sich ein überraschender Befund ab. Zwischen den Jahren 941 und 951
sind acht Urkunden überliefert, in denen Gero
fünfmal als Intervenient auftritt und dreimal eine Schenkung erhält.
Es finden sich in diesen Urkunden jeweils ehrende Epitheta wie dilectus
oder dilectissimus marchio oder auch dilectus dux et
marchio, die zweifelsohne das enge Vertrauensverhältnis zwischen
König und Markgrafen belegen. Seit dem Jahre 951 jedoch verschwindet
Gero,
mit
einer Ausnahme, aus den Königsurkunden. OTTO
bestätigte
lediglich im Jahre 961 die Gründung von Gernrode,
dem Hauskloster der Sippe des Markgrafen. In dieser Urkunde fehlt auffälligerweise
die Kennzeichnung Geros als dilectus,
die in allen anderen Urkunden anzutreffen ist. In dieser Urkunde von 961
heißt es dagegen lediglich Gero (marchio),
und es kann nicht einmal entschieden werden, ob es sich bei dem Titel nicht
um einen späteren Zusatz handelt.
Der Kontrast könnte also stärker kaum sein.
Verging vor 951 kaum ein Jahr, in dem der Markgraf nicht entweder selbst
beschenkt wurde oder durch Interventionen seine Königsnähe deutlich
wird, so fehlt sein Name von 951 an bis zu seinem Tode für 14 Jahre
in den Königsurkunden. Doch damit sind die Merkwürdigkeiten nicht
beendet: in zwei Königsurkunden vom 17. Juni und 8. Juli 965 werden
wieder Interventionen
Geros erwähnt.
Er wird in beiden Urkunden marchio genannt und stimmt der Schenkung
der civitates Loburg und Großtuchheim, gelegen östlich der Elbe,
an das Moritzkloster in Magdeburg zu. Zur Zeit der Ausstellung der Urkunden
war Gero jedoch
bereits einen bzw. mehr als einen Monat tot. Eine Erklärung dieses
Sachverhalts durch die Untersuchungen der Diplomatiker gelang nicht. Lassen
wir diese Beobachtung zunächst unkommentiert im Raum stehen und tragen
weiter Informationen zusammen.
Die letzte Urkunde, in der Gero
beschenkt
und zugleich als Intervenient genannt wird, ist auf den 28. Juli 951 datiert.
OTTODER
GROSSE bestätigte die schon erwähnte Schenkung seines
Sohnes Liudolf
an den Markgrafen. Es
handelt sich um drei marchas im Gau Serimunt mit den dazugehörigen
Ortschaften, also wohl um eine bedeutende Schenkung aus dem Gut, das OTTO
DER GROSSE selbst zuvor Liudolf
zu
Eigen gegeben hatte. Die Schenkung Liudolfs
ist übrigens die einzige, die OTTO
in einer Urkunde bestätigte, was wohl zusätzlich unterstreicht,
dass wir es mit einem ungewöhnlichen Vorgang zu tun haben. Als Ausstellungsort
der Urkunde ist Wallhausen angegeben. Dort wurde gleichzeitig der geplante
Zug OTTOS DES GROSSEN nach Italien
besprochen. Diesem versuchte sein Sohn Liudolf
zuvorzukommen, indem er von Wallhausen aus ohne Wissen des Vaters nach
Italien aufbrach. Der Vorgriff Liudolfs verunglückte
- nicht zuletzt durch Intrigen (machinationes) seines Oheims Heinrich
von Bayern - und lieferte einen Grund für die Verstimmung
zwischen Vater und Sohn, zu dem wohl die italienische Heirat
OTTOS
DES GROSSEN mit Adelheid
hinzukam. Noch im Jahr 951 verließ Liudolf
- und mit ihm Erzbischof Friedrich von Mainz - das königliche Heer
und begab sich nach Saalfeld in Thüringen, wo beide mit namentlich
nicht genannten Großen das Weihnachtsfest in einer Art und Weise
feierten, die bei den Zeitgenossen Aufsehen erregte.
Schon die Wahl des Ortes scheint programmatisch gewesen
zu sein, denn Saalfeld war durch eine ähnliche Versammlung, die zur
Zeit des Aufstands Heinrichs I. von Bayern dort
stattgefunden hatte, den Zeitgenossen bereits verdächtig. Es spricht
also alles dafür, dass sich hier eine Opposition gegen die Italienpolitik
OTTOS
DES GROSSEN und die damit verbundenen Veränderungen formierte,
eine Opposition, die von eben den ducibus et prefectis palatinorumque
primoribus gebildet wurde, die kurze Zeit später
König
Berengar von Italien in Magdeburg mit königlichen Ehren
empfingen. Diese Handlungsweise stand in auffallendem Gegensatz zu der
OTTOS
DES GROSSEN, der Berengar
drei Tage warten ließ, bevor er sich überhaupt zu einer Unterredung
bereitfand. In dieser Unterredung erfüllte er zudem keine der politischen
Vorstellungen
Berengars, die dieser
zuvor wohl mit Herzog Konrad dem Roten ausgehandelt hatte. Spätestens
durch diese Desavouierung stieß auch Herzog Konrad, der das Geleit
des italienischen Königs übernommen hatte und auf Grund der Vorverhandlungen
bei ihm im Wort stand, zu der oppositionellen Gruppe.
Dieser kurze Abriß der Ereignisse von 951/52 zeigt
aber die späteren Anführer des Liudolf-Aufstandes
in beachtlicher Nähe zum Markgrafen Gero.
Die Schenkung Liudolfs an Gero
im
unmittelbaren Vorfeld des Aufstandes, der rasche Aufbruch
Liudolfs
nach
Saalfeld und die Magdeburger Vorfälle, an denen nach Widukind mehrere
duces beteiligt waren, lassen insgesamt auf ein enges Einvernehmen der
'Verschwörer' mit dem Markgrafen schließen. Dieses Einvernehmen
wird durch die Unterstützung, die Gero den
aufständischen Söhnen Wichmanns
des Älteren im Verlauf der Erhebung zukommen ließ, ebenfalls
nachhaltig unterstrichen. Zu diesem Verhalten paßt auch das abrupte
Verschwinden Geros
aus den Königsurkunden
in der gleichen Zeit.
Ähnliche Anhaltspunkte liefern auch die Befunde
des Gebetsgedenkens. Es wurde schon darauf hingewiesen, dass im Lüneburger
Necrolog der beiden Söhne Geros,
die in der in Frage stehenden Zeit verstarben, gedacht wurde. Weitere Gedenkbeziehungen
der Sippe des Markgrafen zur billungischen Familie ergeben sich
aus der Beobachtung, dass auch die Verwandten Geros,
Siegfried
(80) und Christian
(G 65), im Lüneburger Necrolog mit großer Wahrscheinlichkeit
genannt sind, und sich Geros
Todesnachricht
selbst schließlich im Necrolog des billungisch beeinflußten
Kanonissenstiftes Möllenbeck findet.
Genauso auffällig ist die Beobachtung, dass sich
weder Gero noch
seine Söhne im Totengedenken der ottonischen
Familie
nachweisen lassen. Diese Tatsache verdient vor allem aus zwei Gründen
Aufmerksamkeit. Einmal war in der Frühphase der Regierungszeit OTTOS
DES GROSSEN das Verhältnis des Herrschers zum Markgrafen
so eng, dass dieser sogar
Geros Sohn
Siegfrid
(G 69) aus der Taufe gehoben hatte. Außerdem ist Gernrode,
die Grabkirche Geros und wohl auch
die seiner Söhne, in unmittelbarer Nähe von Quedlinburg gelegen,
dem Ort, an dem das ottonische Gedenken
zur fraglichen Zeit sein Zentrum hatte. Die Todesfälle in der Familie
des Markgrafen konnten dort also kaum unbemerkt bleiben. Sie wurden vielmehr
ganz bewußt nicht in die ottonische Memoria
aufgenommen.
Das Fehlen von Angehörigen der Sippe des Markgrafen
Gero im ottonischen Gedenken
weist also nachhaltig in die gleiche Richtung wie die Berücksichtigung
des besagten Personenkreises in der billungischen Gedenktradition.
Es muß nochmals daran erinnert werden, dass diese ja für den
fraglichen Zeitraum noch eindeutig von den Verbindungen der Nachkommen
Wichmanns des Älteren bestimmt ist. Zu diesen Beobachtungen treten
die Ergebnisse der Untersuchung der ottonischen
Königsurkunden. Alle drei Untersuchungsergebnisse beweisen
damit die tiefgehende Entfremdung zwischen der Königs- und der Markgrafenfamilie
seit der Zeit des Liudolf-Aufstandes.
Ein später Nachhall dieser Schwierigkeiten zeigte
sich noch bei der Erhebung Erzbischof
Geros von Köln (B 70), einem Mitglied der Sippe des Markgrafen
Gero. Gegen die Erhebung erhob OTTO
DER GROSSE zunächst Einspruch, da er, nach dem sagenhafte
ausgeschmückten Bericht Thietmars von Merseburg, Geros Bruder,
dem Markgrafen
Thietmar (G 98),
aus vielerlei Gründen zürnte. Beide
Personen sind als Erben Markgraf Geros
anzusprechen. Und nicht zuletzt beweist auch die Zerstückelung des
Amtsbezirks, den der Markgraf Gero inne gehabt hatte, dass OTTO
DER GROSSE eine neue, ähnliche Machtkonzentration, wie
sie Gero besessen hatte, unter allen
Umständen vermeiden wollte: Der Bezirk wurde in nicht weniger als
sechs markgräfliche Amtsbezirke aufgeteilt.
All diesen Quellenzeugnissen und den daraus resultierenden
Beobachtungen steht nur scheinbar entgegen, dass Widukind aus der Spätphase
des Liudolf-Aufstandes berichtet, dass
Markgraf
Gero im Heer des Königs bei der Belagerung Regensburgs
gewesen sei und sich durch seine Kriegserfahrung hervorgetan habe. Diese
Nachricht gehört nämlich in die Endphase des Liudolf-Aufstandes,
als bereits sehr viele Helfer des Königs-Sohnes ihre Unterstützung
seiner Position aufgegeben hatten. Zu dieser Zeit hatten sogar Konrad der
Rote und Erzbischof Friedrich von Mainz wieder zum König zurückgefunden.
Gero bewies in seinem
Verhalten soviel Augenmaß und Geschick, dass zwar das Vertrauensverhältnis
zu OTTO DEM GROSSEN
nachhaltig gestört
wurde, seine Stellung selbst jedoch unangreifbar blieb. So mußte
OTTO
bis
zum Tode des Markgrafen warten, ehe er eine Neuregelung der Kompetenzen
an der Slawengrenze vornehmen konnte. Der Zweck dieser Neuregelung war
in erster Linie die Zergliederung eines zu komplexen Machtbereichs, wie
ihn Gero in Besitz gehabt hatte. Hiervon
werden nicht zuletzt auch die konkreten Besitzverhältnisse betroffen
gewesen sein. Daher sind auch die zitierten merkwürdigen Urkunden,
die erst nach dem Tode Geros ausgestellt
wurden, von einigem Interesse. Es scheint zumindest nicht ausgeschlossen,
dass mit der vermeintlichen Zustimmung Geros etwaigen
Widersprüchen seiner Erben gegen die Übereignung der civitates
Loburg und Großtuchheim an das Magdeburger Moritzkloster von vornherein
begegnet werden sollte. Gut paßt zu dieser Sicht, dass Gero
bereits
im Jahr 961, nach dem Tode seiner Söhne, versuchte, durch die Gründung
des Familienklosters Gernrode, seinen Besitz der Sippe zu erhalten.