Begraben: Servatiuskirche zu Maastricht
Jüngerer Sohn des Königs
Ludwig IV. von Frankreich und der Gerberga
von Sachsen, Tochter von König HEINRICH
I.
Lexikon des Mittelalters: Band V Spalte 993
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Karl, Herzog von Nieder-Lothringen 977-991
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* 953, + 991
Laon
Jüngerer Sohn König Ludwigs IV. 'Ultramarinus' von W-Franken (Frankreich) und der Gerberga, der Schwester OTTOS I.
Karl war Bruder von
König
Lothar (954-986) und Onkel des letzten regierenden westfränkischen
KAROLINGERS,
Ludwig
V. (986-987).
Er wurde im Jahre 954 gegen
karolingische
Gepflogenheiten vom Thron ausgeschlossen. Zweimal
versuchte er, ohne Erfolg, die Hand auf das 'regnum Lotharii' zu legen:
um 975, erneut 985. Aus der Francia entfernt, erhielt er von OTTO
II. 977 das Herzogtum Nieder-Lothringen.
Karl, der stets ein Opfer der wechselhaften Beziehungen zwischen
dem westfränkischen/französischen und dem deutschen Königtum
blieb, proklamierte sich 979, anläßlich des W-Frankenzuges OTTOS
II., in Laon zum König, scheiterte aber, da er wegen seiner
Mißheirat und seiner Abhängigkeit von den OTTONEN
bei
großen Teilen des westfränkischen Adels und beim Episkopat auf
Ablehnung stieß. Ein letzter Versuch, das Königtum zu erringen,
richtete sich 987 gegen Hugo Capet;
Karl
nahm
987 Laon, 989 Reims ein, geriet aber 991 in Laon in die Gefangenschaft
Hugos,
in der er starb.
Drei Fragen in Karls
Laufbahn sind strittig:
1. Das Problem, ob er Herzog nur von Nieder-Lothringen
oder aber des gesamten, ungeteilten Lothringen war. Bleibt Karls
Rolle
als Herzog unklar (von ihm ausgestellte Urkunden fehlen, und in den ottonischen
Königsurkunden ist er nicht genannt), so kann doch angenommen werden,
dass das vorher und nachher vakante Herzogtum für Karl
und
seinen Sohn Otto (991-1006/12) provisorisch
wiederbelebt wurde, als ein Instrument
ottonischer
W-Politik.
2. Die Frage des Begräbnisortes Karls
und seines Sohnes Otto, als der traditionell St. Servatius in Maastricht
gilt, ist Gegenstand einer (auch mit archäologischen Argumenten geführten)
Kontroverse).
3. Umstritten ist ferner die Frage, ob Karl
für
die Stadtentwicklung Brüssels eine Rolle gespielt hat (angeblicher
Bau eines Castrums um 980, das ihm aber erst in späten Quellen, seit
dem 14. Jh. zugeschrieben wird).
Literatur:
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W. Kienast, Der Hzg.stitel in Frankreich und Dtl., 1968
- W. Mohr, Gesch. des Hzm.s Lothringen, I, 1974
VII. Generation
74
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Die genaue Todeszeit Karls ist
uns nicht bekannt. Daß er 991 III 30 in die Hände
König Hugos geriet und in die Haft nach Orleans gebracht
wurde, wo er starb, ist alles, was wir sicher wissen. Die von Brandenburg
gebotenen Grenzdaten nach 992 und vor 995, was auf 993/94 hinausliefe,
beruhen nicht auf positiven zeitgenössischen Angaben.
Zur späteren Beisetzung Karls
in St. Servatius in Maastricht, wo auch Karls
Sohn Otto seine Grablege hatte, vgl.
Uhlirz 135, Anmerkung 24.
Mohr Walter: Band I Seite 47-50,52-58
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"Geschichte des Herzogtums Lothringen"
Inzwischen verfolgten die geflüchteten Reginar IV.
und Lambert ihre Sache weiter. Sie suchten ihren Kampf auf eine breitere
Basis zu stellen, indem sie um Bundesgenossen warben. Anklang fanden sie
beim Grafen Adalbert von Vermandois, dessen Sohn Otto sich ihnen zur Verfügung
stellte. Des weiteren gewannen sie Karl,
den Bruder des westfränkischen Königs
Lothar. Für das Haus VERMANDOIS
lag wohl in diesem Bündnis die Zielsetzung, auf diesem Wege Einfluß
auf das Bistum Cambrai zu gewinnen. Bei Karl ist
die Veranlassung dazu vielleicht darin zu suchen, dass er etwas zurückgesetzt
behandelt worden war, er hatte keinerlei Ausstattung mit Landbesitz erhalten.
Für Lambert und Reginar mag das Zusammengehen mit ihm von besonderer
Bedeutung gewesen sei, da von dem KAROLINGER
eine moralische Wirkung auf die Haltung der Lothringer ausgehen konnte,
so dass man sie leichter zum Abfall von ihrem sächsischen König
bewegen würde. Es ist dabei durchaus möglich, dass
Karl auf sein Mitwirken die Herrschaft über Lothringen
in Aussicht gestellt wurde.
In der 2. Hälfte des April 976 wandten sich die
Verbündeten gegen Mons. Vor der Stadt machte ihnen ein verlustreiches
Gefecht die Weiterführung ihres Unternehmens unmöglich, die Stadt
selbst blieb ihnen verschlossen. Lediglich Otto von Vermandois konnte die
kleine Grafschaft Gouy besetzen, von der aus es ihm möglich war, auf
Cambrai einen Druck auszuüben. Der Kaiser war vorläufig nicht
imstande, einzugreifen, er war anderwärts gebunden. Erst Anfang November
976 ist er am Rhein erschienen. Unmittelbare Anordnungen hat er indes noch
nicht sofort, sondern erst im April 977 getroffen. Vermutlich weist das
darauf hin, dass die Lage kompliziert geworden war. Wir wissen, dass der
westfränkische König sich in dieser Zeit in der Nähe der
lothringischen Grenze aufhielt, was vielleicht auf konkrete Pläne
eines Eingreifens in Lothringen selbst schließen läßt.
Hierzu kam eine Verschärfung der Spannung zwischen ihm und seinem
Bruder Karl. Dieser äußerte
nämlich Beschuldigungen des Ehebruchs gegen Lothars
Gemahlin
mit dem Bischof von Laon. Motive für dieses Vorgehen lassen sich nicht
erkennen. Lothar schritt jetzt zur
Verbannung seines Bruders.
Der Kaiser wird sich also der Möglichkeit eines
Eingreifens des westfränkischen Königs in Lothringen gegenüber
gesehen haben, das sich zugunsten von Lambert und Reginar ausgewirkt haben
würde. An diesen Faktoren wird sich OTTOS
Politik orientiert haben, denn nur so sind die Beschlüsse zu erklären,
die er jetzt faßte. Lambert und Reginar erhielten ihre Besitzungen
zurück. Lambert wählte seine Residenz in Löwen. Reginar
übernahm den Hennegau, jedoch verblieb dort das feste Mons noch im
Besitz des Grafen Gottfried, der wahrscheinlich außerdem die Grafschaft
Verdun erhielt. Das wichtigste aber war es, dass Karl
als Herzog im lothringischen Gebiet eingesetzt wurde. Ein unmittelbares
Zeugnis über den Zustand besitzen wir lediglich in einem Brief des
Bischofs Dietrich von Metz an Herzog Karl,
der aus dem Jahre 984 stammt, durch den die Sachlage aber nicht klarer
wird. Der Bischof hält dem Herzog vor, er verberge sich in einem kleinen
Winkel Lothringens und rühme sich dabei in übermäßigem
Stolz, ganz Lothringen voranzustehen. Das macht es also nicht ausgeschlossen,
dass Karl Rechte erhielt, die sich
auf ganz Lothringen erstrecken konnten.
Eine Möglichkeit zur Klärung dieser Frage ergibt
sich vielleicht daraus, dass Herzog Friedrich von Ober-Lothringen in dieser
Zeit gestorben ist. Wir besitzen keine Angaben über sein Todesdatum.
Sein letztes, sicher bezeugtes Auftreten liegt im Mai 977 bei der Anwesenheit
des Kaisers in Diedenhofen. Man hat zwar angenommen, bei der gleichen Gelegenheit
sei
Karl zum Herzog von Nieder-Lothringen
ernannt worden, doch ist das reine Spekulation, die durch nichts bewiesen
werden kann. Der Zeitpunkt für Karls
Ernennung wird uns durch den zu Beginn des 11. Jahrhunderts schreibenden
Sigebert von Gembloux gegeben. Es bleibt danach die Möglichkeit, dass
nach dem Tode Herzog Friedrichs Karl
zum Herzog ernannt wurde, um in Lothringen die herzoglichen Aufgaben durchzuführen,
weil Friedrichs Sohn Dietrich noch minderjährig war. Zwar hat dessen
Mutter Beatrix die Vormundschaft übernommen, aber in ihrer politischen
Tätigkeit läßt sie sich erst seit Juni 983 feststellen,
als sie in einer in Verona ausgestellt Urkunde OTTOS
II. mit dem Titel dux Beatrix erscheint. Da diese Urkunde außerhalb
der Kanzlei verfaßt wurde, drückt sich darin wohl die Absicht
Beatrix zur Aufrechterhaltung der Nachfolge ihres Hauses in Lothringen
aus, vielleicht sogar mit einer Wendung gegen Karl
von Nieder-Lothringen.
Indes können wir mit Karl
von Nieder-Lothringen immerhin die Geschichte eines eigenen
Herzogtums Nieder-Lothringen beginnen lassen. Er nahm in Brüssel seine
Residenz. Seine Begünstigung durch den Kaiser mußte dem westfränkischen
König als eine Bedrohung erscheinen. Immerhin hat Karl
zumindest später auch Absichten auf das westfränkische Königtum
gezeugt, worin er durch OTTO II. unterstützt
wurde. Von solchen Faktoren muß man wohl ausgehen, um den Zug zu
erklären, den Lothar im Jahre
978 nach Lothringen unternahm.
Lothars Gründe
hierfür werden in den Quellen unterschiedlich angegeben. Dass er Nieder-Lothringen
zum Ziel wählte, kann unter Umständen durch eine Aufforderung
von Lambert und Reginar bedingt gewesen sein. Immerhin läßt
die von ihm in Lothringen eingeschlagene Politik gerade vermuten, dass
er sich auf eine beachtliche Unzufriedenheit der Lothringer über die
ostfränkische Herrschaft zu stützen gedachte. Ob indes auf der
anderen Seite der neue Herzog Karl
Sympathien in Nieder-Lothringen gefunden hat, läßt sich nicht
erkennen, aber möglicherweise hat hier ein Fehlschlagen der kaiserlichen
Politik für Reginar und Lambert den Anlaß gegeben, die Verbindung
zu König Lothar wieder aufzunehmen.
Lothar zog wahrscheinlich
in den Raum Lüttich-Maastricht, wo er die Maas erreichte.
OTTO
war
inzwischen von Sachsen nach Aachen gekommen, worüber Lothar
offensichtlich beim Überschreiten der Maas Nachricht zukam. Darauf
erkannte man im westfränkischen Lager die günstige Gelegenheit
eines Überfalls, da der Kaiser ohne Heer gekommen war, und änderte
dementsprechend die Disposition. OTTO
konnte sich beim Herannahen seiner Gegner gerade noch durch schleunige
Flucht retten, das westfränkische Heer fand den Palast fand den Palast
in Aachen leer. Das westfränkische Heer hat den Aachener Palast geplündert.
Lothar wandte sich
jetzt nach Ober-Lothringen. Von dem dortigen Herzog Friedrich ist uns für
die anfänglichen Regierungsjahre OTTOS II.
weiter nichts überliefert, er war inzwischen gestorben. Die Stellung
seines unmündigen Sohnes und Nachfolgers ist für diese Zeit noch
ungewiß, seine Mutter Beatrix hat eine politische Rolle erst später
gespielt. Immerhin wird sie schon damals die Ansprüche ihres Hauses
in Lothringen zu behaupten gesucht haben. Falls die Vermutung stimmt, dass
Karl
von Nieder-Lothringen sich als zuständig für ganz
Lothringen betrachtete, ließe sich von dieser Seite her der Zug
Lotharsvielleicht erklären. Denn Beatrix war ja die
Schwester Hugo Capets, deshalb vielleicht
erhoffte sie über ihren Bruder vom westfränkischen König
eine entsprechende Hilfe. Lothar wandte
sich bei seiner Aktion gegen Metz, dessen Bischof Dietrich zum Kaiser hielt.
Auf dem Gegenzug des Jahres 978 wurde Karl
nach der Einnahme der Stadt Laon durch die Überredung der kaiserlichen
Partei zum Gegenkönig erhoben.
Nach dem Tode OTTOS II.
kam es zu einer Annäherung zwischen Karl
und
seinem Bruder Lothar, als dieser die
Vormundschaft über OTTO III. anstrebte.
Schieffer Rudolf:
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"Die Karolinger"
Da der kinderlose Ludwig V.
nur von zwei illegitimen Brüdern namens Arnulf
und Richard überlebt worden war,
konnte der karolingische
Geblütsanspruch
allein von König Lothars Bruder
Karl,
dem lothringischen Herzog, verfochten wurden. Er war damals 34 Jahre alt
und mit Adelheid, vermutlich einer
Tochter Graf Heriberts III. von Troyes, verheiratet, mit der er mehrere
Kinder, darunter einen Sohn Otto, hatte.
Wenn daraus nicht die neue Königsfamilie geworden ist, so deshalb,
weil Karl seine Machtbasis jenseits
der Reichsgrenzen, im "Ausland" gewissermaßen, hatte und in W-Franken
ohne ausschlaggebenden Anhang war. Für ihn trat nicht nur keine Königin-Witwe
ein wie Gerberga 954 für Lothar,
sondern seine Schwägerin Emma war
seit Jahren zutiefst mit ihm verfeindet; anders als früher ergriff
auch der Erzbischof von Reims nicht die Partei dieses KAROLINGERS,
und am ottonischen Hof bestand schon
um Lothringen willen kaum Neigung, seine Thronkandidatur zu begünstigen,
was zugleich für Hugo Capet jede
Zurückhaltung erübrigte. Sämtliche Faktoren, die in der
Vergangenheit westfränkischen KAROLINGERN
auch aus schwächerer Position heraus die Nachfolge im Königtum
ermöglicht hatten, entfielen diesmal, ja waren in ihr Gegenteil verkehrt.
So bedurfte es auf der Wahlversammlung im Juni 987 in Senlis gar nicht
der von Richer referierten, sachlich fragwürdigen Einwände Adalberos
von Reims gegen Karl, er habe sich
in den Diensten eines externus rex begeben und unter seinem Stand geheiratet,
um die Entscheidung zugunsten Hugos,
des mächtigsten der bisherigen Lehnsfürsten, zu lenken, der dann
am 3.7. in Noyon gekrönt wurde. Kennzeichnend für den politischen
Rahmen war, dass Hugo sogleich den
Hochverratsprozeß gegen Adalbero niedergeschlagen hatte und die Besetzung
von Verdun aufgab, nachdem Graf Gottfried bereits vor der Krönung
freigelassen worden war.
Erst nachdem Hugo Capet
Weihnachten 987 seinen Sohn Robert
in Orleans zum Mitkönig gekrönt hatte, regte sich der überspielte
Karl von Lothringen zum Kampf für seine Thronrechte, indem
er im Frühjahr 988 im Handstreich die Königsstadt Laon einnahm,
wobei ihm verräterische Hilfe seines Neffen Arnulf,
eines Reimser Klerikers und vorehelichen Sohnes König
Lothars, zustatten kam. Falls er gehofft hatte, damit einen
allgemeinen Umschwung zu seinen Gunsten einzuleiten, sah er sich bald enttäuscht,
denn sein aktiver Anhang blieb spärlich und umfaßte im französischen
Hochadel offenbar nur den Grafen Heribert IV. von Troyes (seinen mutmaßlichen
Schwager) und Odo I. von Blois, die schon seinem Bruder Lothar
eifrig zur Seite gestanden hatten. Immerhin vermochte er Laon, wo ihm die
verhaßte Schwägerin Emma
und der dortige Bischof Adalbero (Azzelin), ein Neffe des Reimser Metropoliten,
in die Hand gefallen waren, auch gegen zweimalige Belagerung zu behaupten,
zu denen die Könige Hugo und Robert
im
Sommer und Herbst 988 anrückten. Es wäre wohl beim zähen
Ringen um diese befestigte Stadt geblieben, wenn die KAPETINGER
nicht Anfang 989 nach dem Tode Adalberos von Reims den schwer verständlichen
Entschluß gefaßt hätten, ausgerechnet den erwähnten
Kleriker
Arnulf als Erzbischof einzusetzen. Entgegen allen geleisteten
Eiden sorgte dieser nämlich nicht für die erwartete Spaltung
in Karls Gefolgschaft, sondern übergab
im Herbst 989 die Stadt an seinen Oheim. Obgleich auch danach keine förmliche
Königswahl und Königskrönung zustande kam, war Karl
durch
den Gewinn von Reims samt den Vasallen und Besitzungen der dortigen
Kirche in einer deutlich gebesserten Position, der Hugo
militärisch nicht beizukommen verstand.
Zu Fall brachte den KAROLINGER
erst "das schwärzeste Verbrechen des Jahrhunderts" (W. Kienast): Bischof
Adalbero von Laon, der sich Karls Vertrauen
erschlichen hatte, öffnete in der Nacht vom 29./30.3.991 unversehens
die Tore der Stadt und gab ihn damit in die Gewalt seiner Feinde. Als Aufrührer
wurde er zusammen mit seiner Frau Adelheid,
dem Sohn Ludwig und den Töchtern
Gerberga
und
Adelheid in einen "festen Turm"
König
Hugos in Orleans verbracht, wo er zu einem unbekannten Zeitpunkt
ums Leben kam. Gesichert scheint zu sein, dass die Familienangehörigen
nach Karls
Tod von weiterer Haft verschont
blieben. Die beiden Töchter sind später als Ehefrauen lothringischer
Grafen bezeugt, während der junge Ludwig
995 noch einmal erwähnt wird im Zusammenhang eines vagen
Plans Adalberos von Laon, OTTO III.
gegen die KAPETINGER ins Land zu rufen.
Glocker Winfrid: Seite 187-201
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Die Verwandten der Ottonen und ihre Bedeutung in der
Politik"
Karl, Herzog von Nieder-Lothringen
Sommer 953- nach 991
Der vorletzte Nachkomme KARLS
DES GROSSEN in der rein männlichen Linie trug - Ironie
des Schicksals - den Namen seines bedeutenden Ahnen, der der Begründer
des mittelalterlichen Kaisertums gewesen war. Nomen est omen: unser Karl
nahm
so auch wirklich eine ganz besondere Mittlerrolle zwischen den beiden Nachfolgestaaten
des einstigen KARLS-Reiches ein.
In Karls Sohn Otto,
der dem Vater im niederlothringischen Herzogtum nachfolgte, verloschen
die KAROLINGER beinahe unbeachtet.
Bezeichnenderweise kennen wir weder von Karl von
Nieder-Lothringen noch von seinem Sohn das genaue Sterbejahr.
1. Zur Herkunft Karls, des späteren niederlothringischen
Herzogs
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Die beiden letzten Kinder des westfränkisch-französischen
Königspaares, König Ludwig IV.
und der Gerberga, waren Zwillinge;
sie kamen 953 zur Welt. Die zwei Knaben erhielten die Namen ihrer Großväter
von väterlicher und mütterlicher Seite, Karl
nach
König Karl dem Einfältigen
und Heinrich nach
König HEINRICH I., die Namen der beiden Herrscher, die
immer wieder um den Besitz Lothringens in Konflikt geraten waren. Der schon
lange währende Kampf um dieses karolingische
Stammland
war so dem späteren niederlothringischen Herzogs bereits in die Wiege
gelegt.
Und auch die erste Quellennachricht, in der uns Karl
(abgesehen
von der Meldung der Geburt des Zwillingspaares) entgegentritt, zeigt uns
seine familiäre Bindung an die beiden herrschenden Familien des ost-
und des westfränkischen Reiches. Die Königin
Gerberga brachte nicht nur ihren ältesten Sohn, König
Lothar, zum Familientag in Köln im Juni 965 mit, sondern
auch ihren jüngsten Sohn Karl,
der noch nicht erwachsen war. Auf diesem Hoftag präsentierte sich
Kaiser
OTTO DER GROSSE
in seiner
neuen Würde, und es wurde die Ehe zwischen König
Lothar und Emma, der Stieftochter
OTTOS DES GROSSEN (aus der ersten Ehe der Kaiserin
Adelheid), vereinbart.
2. Herzog von Nieder-Lothringen
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Die westfränkischen Könige hatten ihren Anspruch
auf Lothringen nie aufgegeben. So versuchte König
Ludwig IV. in einer militärischen Aktion 939 die Rückgewinnung
des alten karolingischen Stammlandes
und heiratete, als er sich zurückziehen mußte, die
lothringische Herzogs-Witwe Gerberga, um auf diese Weise seine
Ansprüche zu bekräftigen. Der erstgeborene Sohn des französischen
Königspaares erhielt den programmatischen Namen Lothar.
Doch während der folgenden Jahre drängte die Schwäche des
westfränkischen Königtums und die verwandtschaftliche Beziehung
der drei Geschwister Brun, Gerberga
und Hadwig dieses alte Ziel westfränkischer
Politik immer mehr in den Hintergrund, wenn es auch im Bestreben Bruns,
westfränkischen Ansprüchen auf Lothringen vorzubauen, weiter
thematisiert wurde.
Erst als mit dem Tod Kaiser
OTTOS DES GROSSEN auch der letzte Protagonist einer auf patriarchalischen
Vorstellungen ruhenden Oberhoheit des ostfränkisch-deutschen über
das westfränkisch-französische Reich verstorben war, konnte Lothringen
wieder in das Blickfeld der Politik der westfränkischen KAROLINGER
rücken.
Es ist nicht ersichtlich, wie die Verhältnisse in
Lothringen nach dem Tode Bruns, des
lothringischen "archidux", organisiert wurden. Anscheinend bestand aber
das Gesamtherzogtum Lothringen weiter fort. Nach dem Tode
Kaiser
OTTOS DES GROSSEN riefen lothringische Große die Söhne
Graf Reginars III. vom Hennegau, Reginar IV. und Lambert, nach Lothringen
zurück, aus dem sie im Jahr 958 durch Erzherzog
Bruno vertrieben worden waren. Es ist gut möglich, dass
die lothringischen Großen hiermit an die Tradition Herzog Giselberts,
des Großonkels von Reginar IV. und Lambert, anzuknüpfen versuchten.
Den REGINAR-Söhnen gelang es, die Familienbesitzungen zurückzuerobern,
doch konnten sie sich nur kurze Zeit halten. In einem Winterfeldzug Anfang
974 vertrieb sie Kaiser OTTO II. aus
dem Land. Reginar und Lambert entkamen in das westfränkische Reich,
wo sie neue Bundesgenossen für ihre Unternehmen suchten; es gelang
ihnen, Otto, den Sohn des Grafen Albert I. von Vermandois, und Karl,
den Bruder König Lothars, zu gewinnen.
Das Ziel der Vermandoiser Grafen war es, auf diesem Weg Einfluß im
Bistum Cambrai zu gewinnen. Karl hingegen
war von seinem Bruder, König Lothar,
zurückgesetzt behandelt worden und hatte zudem keinerlei Ausstattung
mit Besitz erhalten. Es mag sein, dass gerade auch
Karl als Königssohn ein seiner Würde entsprechendes
Betätigungsfeld vermißte, was ihn - ähnlich wie es zu Beginn
der Regierungszeit OTTOS DES GROSSEN
beim Königsbruder Thankmar zu beobachten ist - zu Taten trieb, die
gemäß dem Adelsethos seinen hohen Rang bestätigen und noch
erhöhen sollten. Für Reginar und Lambert dürfte die Teilnahme
des Königsbruders Karl an ihren
Aktionen die Hoffnung auf eine deutlich erhöhte Legitimität in
den Augen der lothringischen Großen bedeutet haben - war doch
Karl ein Sohn der früheren Herzogs-Gattin
Gerberga! Ob überdies ein Wissen und heimliches Einverständnis
König
Lothars bei der Aktion der REGINAR-Söhne und/oder bei der
Beteiligung seines Bruders bestanden hat, ist in der neueren Literatur
strittig. So vertritt Wolfgang Mohr die These, wie sie seit dem Buch von
Ferdinand Lot gesichert erschien, es habe sich bei Karls
Aktion um ein eigenständiges Vorhaben gehandelt, da das Verhältnis
zwischen den beiden Brüdern schlecht gewesen sei. Walter Kienast und
Bernd Schneidmüller hingegen verfechten die Ansicht, König
Lothar müsse auf Grund seines Legitimitätsdenkens
bezüglich Lothringens und vor allem wegen des reichen lothringischen
Kirchengutes zumindest die Aufstände der lothringischen Adligen, wenn
nicht sogar seinen Bruder Karl selbst,
unterstützt haben. Die These von Mohr ist aber einsichtiger, da das
Verhältnis zwischen den beiden Brüdern als strapaziert bezeugt
ist: hatte doch der eine die Königswürde geerbt, während
der andere durch die "Unteilbarkeit des Reiches" leer ausgegangen war,
wobei ähnlich wie beim Regierungsantritt König
OTTOS I. im O-Reich nun auch im W-Reich durch die starke Position
der Fürsten nicht die Möglichkeit bestand, den unversorgten Königssohn
mit einer seiner Würde entsprechenden Stellung auszustatten. So erinnert
auch die Reaktion Karls an Ekkehardus
filius Liudolfi und dessen "mori maluere", das wir in einem früheren
Kapitel schon kennengelernt haben.
Im April 976 wandten sich die Verbündeten gegen
Mons, das die REGINAR-Söhne als den Mittelpunkt des ihnen zu Unrecht
vorenthaltenen Besitzes betrachteten. Ein verlustreiches Gefecht zwang
sie jedoch zum Rückzug. Weder König
Lothar noch Kaiser OTTO II. griffen
ein - diesem waren ohnedies die Hände durch den beginnenden Zänker-Aufstand
gebunden -, und so hatten die Auseinandersetzungen den Charakter eines
Kampfes örtlicher Gewalten.
Erst im November dieses Jahres 976, nach Abschluß
der Aktion gegen Heinrich den Zänker,
begab sich der Kaiser an den Rhein. Konkrete Maßnahmen wurden jedoch
nicht ergriffen, was die Vermutung nahelegt, dass es zu Verhandlungen zwischen
dem O- und dem W-Reich gekommen ist; diese Vermutung läßt sich
zu einer gewissen Wahrscheinlichkeit verdichten, da auch für König
Lothar die Anwesenheit im lothringischen Grenzraum bezeugt ist.
Eine Regelung der Streitigkeiten wurde freilich erst im April des folgenden
Jahres 977 getroffen: Reginar IV. und Lambert wurden wieder in den alten
Familienbesitz eingesetzt - das zentral gelegene Mons verblieb freilich
in den Händen des Grafen Gottfried, dem es nach dem Beginn der Aktionen
der REGINAR-Söhne 974 übertragen worden war. Für die weitere
Entwicklung folgenschwer war jedoch die Ernennung Karls,
des Bruders des westfränkisch-französischen Königs, zum
Herzog. Es muß hier eindringlich darauf aufmerksam gemacht werden,
dass uns durch keine auch nur einigermaßen zeitgenössische Quelle
überliefert wird, welchen genaueren Amtsbereich Karl nun eigentlich
übertragen erhielt. Das einzige zeitlich nahe Dokument, ein Brief
des Bischofs Dietrich von Metz an Karl
in der Briefsammlung des Gerberts von Aurillac, in dem Dietrich Karl
vorwirft,
sich lediglich in einem Winkel Lothringens versteckt zu halten und sich
doch des Besitzes von ganz Lothringen zu rühmen, ist wegen der Polemik
dieses Schreibens für die Klärung unserer Fragestellung nicht
zu verwenden. Die etwa 80 Jahre nach den Ereignissen verfaßten "Gesta
episcoporum Cameracensium" schreiben, Karl
sei
das diesseitige Lothringen übertragen worden, während der rund
weitere 60 Jahre später arbeitende Sigibert von Gemblaux berichtet,
Karl
habe im Jahr 977 das Herzogtum Lothringen (also offenbar ganz Lothringen)
übertragen bekommen. Ein möglicher Lösungsvorschlag zur
Kombination der beiden Quellen wäre, eine anfängliche Übertragung
nur des niederlothringischen Bereiches anzunehmen, dem dann nach dem Tod
Herzog Friedrichs von Ober-Lothringen auch noch dieser Zuständigkeitsbereich
hinzugefügt worden wäre. Beatrix,
die Witwe Herzog Friedrichs, ist erst 983 als politisch aktiv bezeugt:
sie erscheint in einer außerhalb der Kanzlei ausgestellten Kaiserurkunde
als "dux Beatrix".
Kaiser OTTO II. versuchte
die Unruhen in Lothringen dadurch beizulegen, dass er den REGINAREN ihren
Familienbesitz zurückgab und Karl mit
dem Herzogtum in Nieder-Lothringen belehnte. Der Kaiser nutzte also geschickt
den Konflikt unter seinen Vettern, um so einer möglichen Einflußnahme
vorzubeugen. Die Stellung Karls zwischen
dem ost- und westfränkischen Reich entspricht auch seiner Stellung
innerhalb der Herrscherfamilie der KAROLINGER
und OTTONEN. Die Forschung rechnet
wohl etwas zu voreilig Karl einfach
der karolingischen Sippe zu, der er
von der väterlichen Seite angehört hat, und vergißt dabei,
dass er von der mütterlichen Seite der OTTONEN-Dynastie
entstammt; diese Tatsache muß nach der Einflußnahme Bruns
von Köln in familärer Gemeinschaft mit seinen Schwester
Gerberga
und Hadwig, ein Jahrzehnt vor den Ereignissen
in Nieder-Lothringen, dem Bewußtsein der Akteure gegenwärtig
gewesen sein. Wie die verschiedenen Arbeiten von Karl Schmid deutlich genug
gezeigt haben, war neben dem väterlichen auch ein mütterliches
Herkunftsbewußtsein lebendig. So ist neben der Spitze gegen König
Lothar, die schon die "Gesta episcoporum Cameracensium" als
Grund für dieses Handeln Kaiser OTTO II.
nennen, die Zugehörigkeit Karl
zum Kreis der mit dem Kaiser verwandten Adligen als ein Grund für
dessen Amtsstellung in Lothringen zu sehen, und in unserer Sichtweise verliert
dieser Lösungsversuch den Charakter des "Ungewöhnlichen".
Karl wurde mit Grafschaftsrechten
in der Gegend von Brüssel ausgestattet, die wahrscheinlich schon Herzog
Giselbert, der erste Gemahl von Karls
Mutter Gerberga, innegehabt hatte.
Seinen Lehenspflichten gegenüber Kaiser OTTO
II. scheint Herzog Karl nachgekommen
zu sein. Er nahm an dem Frankreichfeldzug OTTOS
II. im Jahre 978 teil und wurde während des Italienfeldzuges
OTTOS II. mit der Aufgabe betraut, die Grenze des Reiches im
westlichen Bereich zu sichern.
Im Jahr 978 begann König
Lothar eine Aktion gegen Lothringen, die sich wahrscheinlich
gegen seinen Bruder Karl richtete.
Das oft vermutete Motiv, Lothar habe
OTTO
II. gefangennehmen wollen, scheidet nämlich aus, da sich
der Kaiser zu der Zeit, als
König Lothar
zusammen mit seinen Großen den Feldzug vorbereitete, noch in Sachsen
aufhielt. Als Beweggrund des französischen Königs erscheint wahrscheinlicher,
er habe befürchtet, die Machtstellung seines Bruders in Lothringen
werde die Ausgangsbasis sein, von der Karl nach
der Königskrone greifen wolle. Hierfür spricht, dass Karl
beim Frankreichfeldzug OTTOS II. Anspruch
auf das französische Königtum erhoben hat. So dürfte König
Lothar die Position seines Bruders im benachbarten Lothringen
als ständige Bedrohung seiner Herrschaft erschienen sein. Der Feldzug
Lothars
kann aber genauso gut auf eine Aufforderung der Grafen Reginar IV. und
Lambert zurückzuführen sein. Des weiteren wurde in der Forschung
auch noch als Motiv das Traditions- und Legitimitätsdenken des westfränkischen
KAROLINGERS
vermutet. Schließlich könnte Lothar
das reiche Königsgut gereizt haben, das eine Erweiterung seiner schmalen
Machtbasis ermöglicht hätte.
Erst auf seinem Feldzug wird König
Lothar davon erfahren haben, dass sich Kaiser
OTTO II. und seine Gemahlin in der Kaiserpfalz zu Aachen aufhielten.
Dem Kaiserpaar gelang aber noch die Flucht; Lotharfielen
nur die Reichsinsignien in die Hände, er gab den Palast der Plünderung
frei und ließ den Adler auf dem Dachfirst drehen. Die militärischen
Mittel des westfränkischen Königs reichten aber weder dazu aus,
sich in Lothringen zu halten, noch dazu, den Gegenstoß
Kaiser
OTTOS II. im Herbst 978 zu verhindern.
OTTO II. stieß
über die alten karolingischen
Königspfalzen Attigny, Soissons und Compiegne nach Paris vor. Die
Pfalzen wurden zerstört und damit die Machtgrundlage des westfränkischen
Königtums empfindlich getroffen. Sehr wahrscheinlich wurde Karl
von Nieder-Lothringen auf dem Feldzug zum Gegenkönig
eingesetzt.
Ganz sicher läßt sich das aber nicht sagen, da wir als Beleg
nur einen Hinweis in der Briefsammlung des Gerberts von Aurillac besitzen,
der chronologisch nur schwierig und zudem nicht mit der notwendigen Sicherheit
einzuordnen ist. Mit dem Zug auf Paris wäre in diesem Fall beabsichtigt
gewesen, die Unterstützung Hugo Capets
für den Königskandidaten Kaiser OTTOS
II., nämlich Karl von Nieder-Lothringen,
zu gewinnen. Gegenüber der Familienpolitik, wie sie in den Regierungsjahren
König
Ludwigs und in den ersten Jahren König
Lothars von den Gemahlinnen König
Ludwigs IV. und Herzogs Hugo der Große,
Gerberga
und Hadwig, zusammen mit ihren Brüdern,
Bruno
von Köln und OTTO DER GROSSE,
praktiziert wurde, beruhte das Vorgehen Kaiser
OTTOS II. nun nicht so sehr auf der mehr indirekten Ebene familiärer
Beziehungen und Bindungen, sondern auf einem Legitimitätsdenken: ein
Nachkomme KARLS DES GROSSEN aus der
angestammten karolingischen Dynastie
sollte durch ein anderes Mitglied derselben Dynastie ersetzt werden, wobei
dieser aber wegen seiner Einsetzung durch Kaiser
OTTO II. und wohl auch auf Grund der nur schmalen Machtbasis
sich stark an das O-Reich hätte anlehnen müssen.
Der französische Adel stand jedoch dieses Mal geschlossen
hinter
König Lothar, und so mußte
sich OTTO II. Ende November dazu entschließen,
den Feldzug abzubrechen. Bei dem Rückzug über die Aisne wurde
dem ottonischen Troß eine an
und für sich unbedeutende Niederlage beigebracht, die von der französischen
Geschichtsschreibung zu einem gewaltigen Sieg aufgeblasen wurde: das französische
regnum war dem nach Hegemonie strebenden Kaisertum nicht nur nicht unterlegen,
sondern konnte es sogar besiegen. Zusammen mit dem deutschen Heer zog sich
auch Karl wieder nach Nieder-Lothringen
zurück.
Das folgende Jahr sah die einzige eigenständige
Aktion Herzog Karls von Nieder-Lothringen,
von der wir Kenntnis haben. Gegen Ende des Jahres 979 war Bischof Tetdo
von Cambrai verstorben. König Lothar
hatte das Bistum Arras, das mit dem Bistum Cambrai vereinigt war, besetzt,
um sich Einfluß auf Cambrai zu verschaffen. Die ottonische
Partei in Cambrai rief daraufhin Karl von Nieder-Lothringen
zu
Hilfe, der auch kam, aber in Cambrai sehr eigenmächtig hervortrat:
die "Gesta episcoporum Cameracensium" berichten, Karl
habe zuerst die Grafen aus der Stadt vertrieben, dann sofort seine Gemahlin
kommen lassen und mit ihr im bischöflichen Bett geschlafen, die reichen
Vorräte des Bischofshofes bei Orgien vertilgt und die kirchlichen
Pfründen verpraßt. Kaiser OTTO II.
setzte rasch einen neuen Bischof ein und stellte dadurch seine Autorität
wieder her.
Die ungeklärte Lage König
Lothars in seinem Reich bewog diesen schließlich, mit
Kaiser
OTTO II. den Ausgleich zu suchen.
Lothar
soll bei seinem Treffen mit
OTTO II.
im Mai 980 in Margut-sur-Chiers auf seine Ansprüche auf Lothringen
verzichtet haben. Während des Italienzuges OTTOS
II. blieb Karl alllerdings
in seinem Herzogtum: im Indiculus loricatorum wird Karl
als "custos patrie domi dimissus" bezeichnet.
3. Der Kampf um die Vormundschaft für Otto III.
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Nach dem Tod OTTOS
II. griff der französische König
Lothar in den deutschen Thronstreit um die Vormundschaft für
den unmündigen König ein. Über die Aktionen, dieKönig
Lothar unternahm, sind wir nur durch einzelne Briefe in der
Sammlung des Gerbert von Aurillac unterrichtet. Diese Quelle, eine Sammlung
von Briefkonzepten, die häufig der Datierung, den Angaben zu Absender
und/oder Empfänger entbehren - Gerbert verfaßte für führende
Persönlichkeiten seiner Zeit Briefe -, ist nur schwer zu interpretieren;
dementsprechend unsicher ist auch die Rekonstruktion des Faktenablaufs,
wenn ein Brief Gerberts unsere einzige Grundlage an Quellen bildet.
Karl von Nieder-Lothringen agierte
nun offenbar gemeinsam mit seinem Bruder Lothar. Er scheint diesen in seinem
Anspruch unterstützt zu haben, als der rangälteste fränkische
Herrscher die Vormundschaft über den kleinen OTTO
III. auszuüben. Karl nahm
an einer Versammlung kaiserlich gesinnter Großer Lothringens im Februar
984 in Lüttich teil, auf der ein Pakt zur Durchsetzung der Vormundschaft
des französischen Königs beschlossen wurde. Dieser Pakt war allerdings
von Anfang an brüchig durch den Gegensatz zwischen zwei Beteiligten,
zwischen Karl von Nieder-Lothringen
und Bischof Dietrich von Metz. Dietrich brachte Karls
Verhalten und Vorgehen während des Frankreichfeldzuges Kaiser
OTTOS II. im Herbst 978 wieder zur Sprache und leitete daraus
die Schlußfolgerung ab, Karl
versuche nur, jetzt auch noch die Herrschaft über den Rest Lothringens
an sich zu reißen. Dietrich wollte offenbar die alten Gegensätze
zwischen den karolingischen Brüdern,
König
Lothar und Herzog Karl,
dazu benützen, um einen festen Zusammenschluß der kaiserlichen
Partei unter den lothringischen Adligen zu verhindern.
Im weiteren Verlauf der Auseinandersetzungen nahm König
Lothar zweimal die grenznahe Stadt Verdun als Pfand ein und
setzte den Grafen Gottfried, den Bruder Erzbischofs Adalbero von Reims,
gefangen. Doch dieser militärische Erfolg Lotharsblieb
ohne Wirkung im O-Reich, und der französische König konnte keinen
Einfluß mehr auf die dortige Entwicklung gewinnen. Es sei hier, um
diesen Komplex abzuschließen, noch auf die Behauptung im Brief Nr.
58 der Sammlung Gerberts von Aurillac hingewiesen, wo behauptet wird, Karl
von Nieder-Lothringen sei an einer Verschwörung gegen den
kleinen OTTO III. beteiligt gewesen.
Es läßt sich jedoch nicht mit der notwendigen Sicherheit feststellen,
ob diesen Worten überhaupt Gewicht beizulegen ist oder ob es sich
um reine Polemik handelt.
Soweit wir sehen, hat Karl damals
diejenige Partei unterstützt, die - in alter Tradition der Großen
des Rhein-Maas-Landes - Lothringen an das westfränkische Reich anzuschließen
suchten. Diese Zielrichtung seiner Politik hat Karl
auch
nach dem Tod König Lothars, seines
Bruders, wie es scheint, weiterverfolgt. Auf diese Weise gewann er, wie
schon bei Lothar, nun auch bei dessen
Sohn, König Ludwig V., an Gewicht
und Geltung. Doch da starb Ludwig V.
plötzlich und ohne Nachkommen bei einem Jagdunfall.
4. Hugo Capet und Karl von Nieder-Lothringen
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Kurz vor seinem Tod hatte König
Ludwig V. noch Erzbischof Adalbero von Reims vorladen lassen,
weil dieser versucht hatte, die alte ottonische
Familienpolitik in Gemeinschaft mit der Königs-Mutter
Emma (der Witwe König Lothars
und Stiefschwester Kaiser OTTOS II.)
zu erneuern. Der Erzbischof von Reims fand sich auch zu dem angesetzten
Hoftag in Compiegne ein, um sich zu verteidigen, traf aber den König
nur noch als einen toten Mann an. Herzog Hugo
(Capet), bei dem Adalbero im Vorfeld des Hoftages um Rückhalt
nachgesucht hatte, und Erzbischof Adalbero von Reims fielen nun unter den
bei Compiegne versammelten Großen die Hauptrollen zu: die Anklage
gegen Adalbero wurde niedergeschlagen, der Erzbischof rief eine Wahlversammlung
nach Senslis ein, einem Ort, der im Machtbereich Hugo
Capets lag. Karl von Nieder-Lothringen
meldete als nächster Verwandter des verstorbenen Königs bei Adalbero
seine Ansprüche auf die Nachfolge im Königtum an; doch dieser
verwies Karl an die Wahlversammlung.
Auf der Wahlversammlung trat Erzbischof Adalbero nun
für Hugo Capet ein: Karl
hingegen, so Adalbero, fehlten nicht nur die erforderlichen Herrschergaben,
sondern er sei auch der Vasall eines fremden Königs und darüber
hinaus mit einer nicht ebenbürtigen Frau verheiratet; und schließlich
gebe es ja kein Erbrecht. Entscheidender für die Entwicklung auf der
Wahlversammlung als diese Rede Adalberos dürfte die Unterstützung
gewesen sein, die Hugo Capet von seinem
großen Vasallenkreis und ebenso von den Anhängern Adalberos
von Reims erhalten hat: Hugo wurde
zum neuen König gewählt und am 1. Juli 988 in Noyon gekrönt.
Eine seiner ersten Regierungshandlungen war es, den Streit mit der vormundschaftlichen
Regierung der Kaiserin Theophanu zu
beenden und Verdun zu räumen. Es gibt allerdings keinen Quellenbeleg
dafür, dass Hugo auch einen Verzicht
auf Lothringen geleistet hätte. Doch bei der politischen Gesamtlage
stand der Griff nach Lothringen für König
Hugo überhaupt nicht zur Diskussion.
Hugo mußte zuerst einmal danach trachten, seine Herrschaft
zu stabilisieren: er ließ seinen Sohn zum Mitkönig wählen
und verheiratete ihn, nachdem ein Heiratsplan mit einer byzantinischen
Prinzessin gescheitert war, mit Rozela/Susanne,
der Tochter des von den OTTONEN gestürzten
Königs
Berengar II. von Italien, die nach einer Ehe mit Graf Arnulf
von Flandern nun verwitwet war.
Karl aber, der seinen
Anspruch auf der Wahlversammlung nicht hatte durchsetzen können, begab
sich nach Nieder-Lothringen und führte dort bei seinen Getreuen Klage
darüber, man habe ihm die Königskrone vorenthalten; zugleich
bereitete er auch eine militärische Aktion vor. Zu den Bundesgenossen
Karls
zählte neben anderen sein Neffe Arnulf,
ein illegitimer Sohn König Lothars,
der im weiteren Verlauf noch eine wichtige Rolle spielen sollte.
Karl konnte die Königsstadt
Laon durch Verrat in seine Hände bringen und nahm dabei Emma,
die Witwe König Lothars, und Bischof
Adalbero von Laon gefangen; beide zählten zu Karls
Gegnern. König Hugo Capet und
sein Sohn Robert versuchten im Sommer
und nochmals im Spätherbst Laon zurückzuerobern, erlitten aber
beide Male schwere Niederlagen. Hugo
hatte zudem während der Belagerung von Laon die Kaiserin
Theophanu gebeten, sie möge doch vermitteln. Theophanu
machte den Kompromißvorschlag, Karl solle
die Königin Emma und Bischof Adalbero
freilassen, während Hugo
die Belagerung
der Stadt aufgeben mußte; beide Seiten sollten sich zudem zur Absicherung
Geiseln stellen. Karl sah sich jetzt
bereits in Griffweite des Thrones und lehnte daher den Vorschlag ab, während
Hugo
zugestimmt hätte.
Im Januar 989 starb Erzbischof Adalbero von Reims. Hugo
Capet wurde nun von den Versprechungen Arnulfs,
des illegitimen Sohnes König Lothars, eingenommen und glaubte wohl
auch, einen politisch raffinierten Schachzug zu machen: Arnulf wurde zum
neuen Erzbischof von Reims erhoben, nachdem er sich durch strenge Eide
auf die Partei Hugo Capets verpflichtet
hatte. Bei dieser Gelegenheit erklärte König
Hugo, nur das Fehlen direkter Erben König
Ludwigs V. habe ihn dazu bestimmt, die Königswürde
anzunehmen, und motiviere mit der karolingischen
Abstammung Arnulfs dessen Wahl zum
neuen Erzbischof von Reims.
Doch noch im gleichen Jahr 989 lieferte Arnulf
seinem Onkel Karl die Stadt Reims aus,
wobei die Gefangennahme Arnulfs durch
Karl vorgetäuscht wurde.
Arnulf
und seine Begleiter wurden nach Laon gebracht, wo dieses Spielchen noch
eine gewisse Zeit weiterging, Arnulf aber
schließlich doch den Treueid gegenüber
Karl leistete. Hugo versuchte
vergeblich, die Stadt Reims mit Waffengewalt wiederzugewinnen. Erst eine
neuerliche List sollte Hugo doch noch
den Sieg im Streit mit Karl ermöglichen.
Bischof Adalbero von Laon, der aus der Haft Karls
entkommen war, sandte Unterhändler an Arnulf, gelobte ihm Treue
und Gehorsam und bat um die Aussöhnung mit ihm, seinem Erzbischof,
und auch mit Karl; mit diesem kam er
sogar mehr und mehr in ein Vertrauensverhältnis, er versicherte
Karl seine Treue mit den heiligsten Eiden, und dies bis zum
Palmsonntag, den 29. März 991. In der darauffolgenden Nacht lieferte
Adalbero die Festung Laon mit Karl
und
Erzbischof
Arnulf an König Hugo Capet
aus. Karl
und seine Familie wurden
in den Kerker Hugo Capets nach Orleans
gebracht, wo Karl - es ist nicht bekannt,
zu welchem Zeitpunkt - in der Haft gestorben ist. Nur Karls
ältester
Sohn, Otto, war in Lothringen geblieben und folgte seinem Vater
in der niederlothringischen Herzogswürde nach. Er starb wohl 1006,
ohne Kinder zu hinterlassen, als letzter Nachkomme KARLS
DES GROSSEN in der rein männlichen Linie.
Für die Kaiserin Theophanu
war seit dem Tode Erzbischof Adalberos von Reims die Einflußmöglichkeit
im W-Reich mehr und mehr geschwunden: der Thronstreit entwickelte sich
zusehends zu einer innerfranzösischen Angelegenheit. Schon im Sommer
990 hatte Hugo Capet beim Papst um
die Absetzung Arnulfs wegen Treubruch nachgesucht. Als Arnulf
in die Hände König Hugos
gefallen war, wurde ihm auf dem Konzil von St. Basle-de-Verzy (im Juni
991) der Prozeß gemacht; Gerbert von Aurillac, der spätere Papst
Sylvester II., wurde sein Nachfolger im Reimser Erzbistum. Die kaiserliche
Regierung hat vielleicht versucht, durch briefliche Bitten von Reichsbischöfen
den Papst zu Gegenmaßnahmen zu veranlassen. Aber kurz vor dem entscheiden
Konzil zu St. Basle war die Kaiserin Theophanu
verstorben, und so konnte die Reimser Angelegenheit ohne außerfranzösische
Einflußnahme entschieden werden.
5. Zusammenfassende Würdigung Karls von Nieder-Lothringen
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Herzog Karl fand
in der Forschung bisher hauptsächlich als einer der letzten KAROLINGER
Beachtung. Wir konnten bei unseren Überlegungen darauf aufmerksam
machen, dass bei einer solchen Betrachtungsweise nur die väterliche
Abstammung berücksichtigt wird, während Karl
von
seiner Mutterseite her den OTTONEN
zuzurechnen ist, wie es auch bei der Namensgebung für die beiden älteren
Kinder des niederlothringischen Herzogs abzulesen ist: diese Kinder erhielten
die doch typischen OTTONEN-NamenGerberga
undOtto. Insoweit ist die Erhebung Karls
zum Herzog von Nieder-Lothringen nicht so sehr die Einsetzung eines Angehörigen
der westfränkisch-französischen Königsfamilie in ein ostfränkisch-deutsches
Grenzherzogtum zu werten, sondern eher als Einsetzung eines nahen Verwandten
Kaiser
OTTOS II., der darüber hinaus von seiner Mutter Gerberga
her auch Bindungen an das lothringische Herzogtum vorweisen konnte.
976
oo Adelheid, Tochter Heriberts III. von Troyes
um 955- nach 991
Kinder:
Otto Herzog von Nieder-Lothringen
970/75- 1006/12
Gerberga
970/75-27.1.1018
985/90
oo Lambert I. Graf von Löwen
ca 950-12.9.1015
Ludwig
vor 989-nach 995
Karl
989-nach 991
Adelheid oder Ermengard
- 1012
990
oo Albert I. Graf von Namur
- 1011
Literatur:
-----------
Althoff Gerd: Die Ottonen. Königsherrschaft
ohen Staat. W. Kohlhammer GmbH Stuttgart Berlin Köln 2000, Seite 119,141,155,168
- Althoff Gerd: Otto III. Primus Verlag Darmstadt 1997, Seite 42
Anm. 19, 62,92 - Barth Rüdiger E.: Der Herzog in Lotharingien
im 10. Jahrhundert. Jan Thorbecke Verlag Sigmaringen 1990, Seite 15,103,166
Anm. 161 - Eberhard Winfried: Westmitteleuropa Ostmitteleuropa.
Vergleiche und Beziehungen. Festschrift für Ferdinand Seibt zum 65.
Geburtstag. R. Oldenbourg Verlag München 1992, Seite 85-87 - Ehlers
Joachim: Die Kapetinger. W. Kohlhammer GmbH Stuttgart Berlin Köln
2000, Seite 24,27,30-33,35,37 - Ehlers Joachim/Müller
Heribert/Schneidmüller Bernd: Die französischen Könige
des Mittelalters. Von Odo bis Karl VIII. 888-1498. Verlag C. H. Beck München
1996, Seite 47,59,61,64,67,70,72-75,78,80,85 - Eickhoff Ekkehard:
Theophanu und der König. Otto III. und seine Welt. Klett-Cotta Stuttgart
1996, Seite 252,104,298,310,312-321,364,378,401,416,435 - Engels
Odilo/Schreiner Peter: Die Begegnung des Westens mit dem Osten.
Jan Thorbecke Verlag Sigmaringen 1993, Seite 24,31,32 -
Ennen, Edith:
Frauen im Mittelalter. Verlag C.H. Beck München 1994, Seite 67 - Glocker
Winfrid: Die Verwandten der Ottonen und ihre Bedeutung in der Politik.
Böhlau Verlag Köln Wien 1989 V,19 Seite 187-198,244,284,298,302
- Görich Knut: Otto III. Romanus Saxonicus et Italicus. Jan
Thorbecke Verlag Sigmaringen 1995, Seite 150 - Holtzmann Robert:
Geschichte der sächsischen Kaiserzeit. Deutscher Taschenbuch Verlag
München 1971, Seite 199,254-259,283,295-301 - Riche Pierre:
Die Karolinger. Eine Familie formt Europa. Deutscher Taschenbuch Verlag
GmbH & Co. KG, München 1991, Seite 325 - Schieffer Rudolf:
Die Karolinger. W. Kohlhammer GmbH Stuttgart Berlin Köln 1992,Seite
211, 214-216,218,220-223,225 - Schnith Karl Rudolf: Mittelalterliche
Herrscher in Lebensbildern. Von den Karolingern zu den Staufern. Verlag
Styria Graz Wien Köln 1990, Seite 95,148, 151 - Weinfurter
Stefan: Heinrich II. Herrscher am Ende der Zeiten. Verlag Friedrich Pustet
Regensburg 1999, Seite 62 - Werner Karl Ferdinand: Die Ursprünge
Frankreichs bis zum Jahr 1000. Deutscher Taschenbuch Verlag GmbH &
Co. KG, München 1995, Seite 512,522,524,526 - Widukind von
Corvey: Die Sachsengeschichte. Philipp Reclam jun. GmbH & Co., Stutggart
1981, Seite 155 -