Gerberga
von Sachsen
Königin von Frankreich
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Herzogin von Lothringen
913-5.5.969
Nordhausen
Begraben: Reims
Älteste Tochter des Königs
HEINRICH I. aus seiner 2. Ehe mit der Mathilde,
Tochter des westfälischen Graf Dietrich
Lexikon des Mittelalters: Band IV Seite 1300
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Gerberga, Königin von Frankreich
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* ca. 913, + 968 oder 969
Begraben: Reims
Eltern: König HEINRICH I.
und
Mathilde
Geschwister: OTTO I.,
Hadwig,
Heinrich
der Jüngere, Brun,
Erzbischof
von Köln
928/29
1. oo Giselbert, Herzog von Lothringen
939
2. oo Ludwig IV. König von Frankreich
Ca. 10 Kinder,
darunter aus 1. Ehe:
Albrada (oo Rainald von Roucy)
aus 2. Ehe:
Lothar, König von Frankreich (* 941)
Gerberga (oo Adalbert von Vermandois)
Karl von Lothringen
Im Rahmen seiner W-Politik gab König
HEINRICH I. Herzog Giselbert von Lothringen Gerberga
zur Frau. Nach dem Tod Giselberts (939) versuchte OTTO
I. vergeblich, die Witwe mit dem Bayern-Herzog Berthold zu vermählen:
sie heiratete sofort Ludwig
IV. von Frankreich, der damit seine Ansprüche auf Lothringen
bekräftigte und mit seinem Rivalen Hugo von
Francien (oo Gerbergas Schwester
Hadwig)
gleichzog. In den folgenden politischen Auseinandersetzungen spielte Gerberga
(vor
allem mit Hilfe ihrer familiären Beziehungen) eine aktive Rolle. Auf
ihren Hilferuf hin ermöglichte OTTO I.
945 die Entlassung Ludwigs IV. aus
der Haft Hugos. Nach dem Unfalltod
Ludwigs 954 konnte Gerberga
beim Herzog die Anerkennung ihres noch minderjährigen Sohnes Lothar
als König erreichen. In der Folgezeit hatte ihr Bruder
Brun großen Einfluß auf das französische Geschehen.
959 erhielt der Erzbischof in Köln von Lothar
im Beisein Gerbergas Garantien wegen
Lothringen; Brun half seinerseits dem
König, Graf Reginar III. von Hennegau zu bezwingen, der Ansprüche
auf Gerbergas
Witwengut aus der Ehe
mit Giselbert erhob. Gerbergas
Vita zeigt jenes Profil eigenständiger politischer Verantwortung,
das auch bei anderen Herrscherinnen des 10. Jh. sichtbar wird (zum Beispiel
Adelheid,
Theophanu). Ihre hohe Bildung und intellektuelles Vermögen
bezeugt die Widmung in Adsos von Montier-en-Der "De Antichristo" (um 950).
Große Frauen der Weltgeschichte:
Seite 184
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Gerberga von Frankreich
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Um 913-5.V.969
Das alte, heilige Köln war am Pfingstfest des Jahres
965 Schauplatz einer glanzvollen Fürstenversammlung: Im Palast ihres
Sohnes, des
Erzbischofs Bruno von Köln,
empfing die verwitwete Königin Mathilde
ihren aus Italien heimkehrenden Sohn OTTO I.,
der 3 Jahre zuvor in Rom die Kaiserkrone empfangen hatte. In seiner Begleitung
befanden sich seine zweite Gemahlin, die junge Kaiserin
Adelheid, und seine beiden Söhne Wilhelm
und OTTO. Aus Frankreich waren Mathildes
Töchter herbeigeeilt, um ihre alte Mutter noch einmal zu sehen: Hadwig,
[Richtig ist: Hadwig war im Jahre 958
gestorben.] die Witwe Herzog Hugos des Großen
von Franzien, und ihre ältere Schwester Gerberga,
die ebenfalls in Witwentracht erschien. Gerberga
war in erster Ehe mit Herzog Giselbert von Lothringen verbunden
gewesen, den ihr Vater, König HEINRICH I.,
einst in offener Feldschlacht geschlagen und gefangengenommen hatte; er
beließ ihm jedoch sein Herzogtum und gab ihm sogar seine 16-jährige
Tochter zur Frau, um Lothringen an das Reich zu binden. Nach Giselberts
Tod heiratete Gerberga
den KAROLINGER-König
Ludwig
IV. von Frankreich, dem sie im
Kampf gegen rebellische Vasallen wertvolle Dienste leistete: auf ihre Bitte
hin unterstützte auch ihr Bruder OTTO,
der
Sieger vom Lechfelde, Ludwig mit Waffenhilfe.
Als König Ludwig gestorben war,
bemühte sich die Witwe, ihrem Sohn Lothar
den Thron zu sichern und führte bis zu seiner Volljährigkeitserklärung
mit viel Geschick die Regentschaft; Gerberga
fand in ihrer Schwester Hadwig und
in ihrem erzbischöflichen Bruder Bruno
tatkräftige Helfer. Sie alle scharten sich nun in Köln noch einmal
um die verehrungswürdige Gestalt ihrer Mutter und hörten gemeinsam
die Predigt des Bischofs Balderich von Uttrecht über das Psalmenwort:
"Wohl dem, der den Herrn fürchtet und wandelt auf seinen Wegen immerdar.
Sein Weib wird sein wie ein fruchtbarer Weinstock, und seine Kinder wie
Ölzweige um den Tisch ..."
Werner Karl Ferdinand: Seite 472
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"Die Nachkommen Karls des Großen bis um das Jahr
1000 (1.-8. Generation)"
VII. Generation
69-75
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Die Geburt der Kinder aus der Ehe König
Ludwigs IV. von W-Franken mit Gerberga,
der Schwester OTTOS DES GROSSEN,
wird in Flodoards Annalen recht genau vermerkt. 941 (gegen Ende, ed. Lauer
82) wird ein Sohn geboren: es ist der spätere Nachfolger Lothar.
Wiederum gegen Ende des Berichts zu 943 (Lauer 90) wird die Taufe einer
Tochter des Königs berichtet; ganz zu Beginn des Jahres 945 die Geburt
eines Sohnes, dessen Name angegeben wird: Karl
(Lauer 95f.); mitten im Jahre 948 (Lauer 116) findet wieder die Taufe einer
Tochter statt, deren Name leider nicht genannt wird; schon zum Ende des
gleichen Jahres Geburt und Taufe eines Sohns, der Ludwig
genannt
wird (Lauer 121). Endlich brachte Gerberga
im Sommer 953 Zwillinge zur Welt, die den Namen Karl
und
Heinrich erhielten;
von ihnen starb
Heinrich schon bald
nach der Taufe (Lauer 136). Aus der Namensgebung ist zu erkennen, daß
der Anfang 945 geborene Karl inzwischen
schon gestorben war (siehe unten Anm. VII, 71). Der Tod eines anderen Kindes,
Ludwig, wird von Flodoard selbst unmittelbar
vor dem des Vaters (954 IX 10) berichtet (Lauer 138).
Lothar
und Karl sind, wie bekannt, die einzigen
Söhne, die das Mannesalter erreichten. Von den beiden Töchtern
kennen wir nur den Namen Mathilde,
jener nämlich, die den König Konrad
von Burgund heiratete, c 964. Man vermag nicht mit Sicherheit
zu sagen, ob Mathilde, die ja den Namen
von Gerbergas Mutter, der Gattin König
HEINRICHS I. empfing, die 943 oder die 948 geborene TochterLudwigs
war. Die Namengebung spräche dafür, daß die erste Tochter
den Namen der Großmutter erhielt; dies um so mehr, als den Namen
Gerberga
schon eine Tochter Gerbergas aus der
Ehe mit Giselbert erhalten hatte. Auf der anderen Seite wissen wir
nicht, ob die erste Tochter aufwuchs oder früh starb; vom Lebensalter
bei der Hochzeit her könnte Mathilde durchaus
erst Anfang 948 geboren sein, ja, dieses Alter von etwa 16 war damals üblicher
als das von 20/21. Für Brandenburg ergab sich das Problem nicht, da
er die Geburtsangabe der zweiten Tochter und diese selbst übersah,
und für Mathilde das Geburtsdatum
"ca. 943" einsetzte. Ich setze, der Klarheit halber, aber mit allem Vorbehalt,
Mathilde als die ältere der beiden Töchter Ludwigs
IV.ein.
Treffer Gerd: Seite 65-66
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"Die französischen Königinnen"
Gerberge -
vom Witwenstand zur Krönung
Gemahlin Ludwigs IV. von Übersee (* 921; König:
936-954); Geboren: um 915 - Heirat: 939 - + 5. Mai 984
936 also kehrt Ludwig,
der Sohn
Karls III. des Einfältigen,
und der Otgive,
auf den Thron zurück und wird in Reims nach einem foertan streng beobachteten
Zeremoniell gekrönt. Der junge König beweist bald seine moralischen
und intellektuellen Qualitäten, körperliche Kraft und außergewöhnliche
Geschicklichkeit, die selbst die rauhen Barone beeindrucken.
939 heiratet er Gerberge,
die Tochter des deutschen Königs und Kaisers HEINRICH
I. [Richtig ist, daß HEINRICH
I. nie Kaiser war.] und der Mathilde
von Ringelheim, zwar Witwe, aber eine wegen ihrer hohen Abstammung
überaus begehrten Partie. 934 hatte sie sich mit Giselbert,
dem Herzog von Lothringen, verheiratet, einen unbeständigen Ehrgeizling,
der bald seinen Suzerän, den König von Frankreich, bald dessen
Gegner, den deutschen König
OTTO I., Gerbeges Bruder,
unterstützt hatte. Nach einer Niederlage gegen OTTO
hatte er versucht, sich durch einen Fluß schwimmend zu retten und
war dabei ertrunken. Im Jahr nach ihrer Heirat mit Ludwig
wird Gerberge feierlich zru Königin
gekrönt. Gerberge, die schon Kinder
von ihrem ersten Mann hat, wird Ludwig
eine zahlreiche Nachkommenschaft bescheren: eine Tochter und sechs Söhne,
Lothar,
der älteste, wird 941 geboren. Er wird der nächste König
sein.
Gerberge ist eine
intelligente, gebildete Frau - und eine energische. Sie wird ihren Mann
in allen Wechselfällen seines Lebens tatsächlich zur Seite stehen.
Seine Vasallen setzen ihm schwer zu, vor allem der Frankenherzog Hugues
der Große. Im Verlaufe einer dieser Auseinandersetzungen muß
Ludwig
nach Burgund reisen, um sich Hilfe zu holen - Gerberge
vertraut er die Verteidigung des belagerten Laon an. Sie organisiert und
leitet die Verteidigung ebenso geschickt wie energisch. 945 nimmt Hugues
der Große Ludwig in
Rouen gefangen. Wieder ist es Gerberge,
die ihren Mann befreit und es ihm ermöglicht, den Thron zu behaupten.
Sie hat eine Gruppe von kirchlichen und adligen Geiseln zusammengestellt.
Und Gerberge ist es, die ihren Bruder
OTTO
I. zu Hilfe ruft, um mit dem rebellischen Vasallen zu Rande
zu kommen. 953 bringt sie es zustande, daß sich ihr Gemahl und Hugues
versöhnen. 954 stürzt Ludwigbei
einem Ausritt in der Gegend von Reims vom Pferd und stirbt.
Gerberge
ist
zum zweiten Mal Witwe. Wie schon ihre Schwiegermutter vor ihr setzt sie
fortan alles daran, ihrem 13-jährigen Sohn Lotharden
Weg zum Thron zu ebnen.
Die Situation ist verwirrend. Hugues
der Große - Sohn König Roberts
I. und Schwager
König Raouls
- erhebt ebenfalls Rechte. Verhandlungen finden statt.
Gerberge
wirft all ihre Beziehungen zum deutschen Kaiserhaus [Richtig ist: Zu
diesem Zeitpunkt gab es kein deutsches Kaiserhaus, denn OTTO
I. wurde erst 962 zum Kaiser gekrönt] in die Waagschale.
Hugues
tritt
zurück - fordert aber zum Ausgleich Aquitanien und das
Herzogtum Burgund, reiche und mächtige Gebiete, die ihm großen
Einfluß versprechen.
Gerberges
Sohn Lothar wird also 954 über
ein stark geschrumpftes Königreich herrschen. Doch
Gerberge
gibt nicht auf. Sie fädelt eine recht geschickte politische Ehe für
Lothar
ein: mit Emma, der Tochter Lothars
II. von Italien und der Stieftochter
Kaiser OTTOS I. - ihres Bruders. [Emmas
Mutter, Adelheid von Burgund, hatte
sich mit ihm wiederverheiratet.] Ihre Schwiegertochter ist sozusagen ihre
Stiefnichte.
Bei seinen Versuchen Lothringen zu gewinnen, stößt
der König von Frankreich gleichwohl auf den Widerstand seines kaiserlichen
Onkels. 978 muß Gerberge zusehen,
wie die Armeen ihres eigenen Bruders [Richtig ist: OTTO
I. war bereits 973 gestorben. Den Einfall nach Frankreich leitete
Gerberges
Neffe OTTO II.] in das Königreich
ihres Sohnes eindringen und bis vor die Tore von Paris stoßen. Es
kommte zum Waffenstillstand. König Lothar
wird ihn nutzen, um seine Sohn Ludwig V.,
der erst 11 Jahre alt ist, krönen zu lassen und damit die Erblichkeit
der Königswürde - gegen die Wahlmonarchie durch die großen
Barone - wiederherzustellen.
Nach einem Leben voller Aufregungen und Kämpfe stirbt
Gerberge
984
[zum Todesjahr siehe den folgenden Artikel von W. Glocker] im Alter von
69 Jahren: Sie wird in der Kirche Saint-Remi zu Reims neben
Ludwig
IV. "von Übersee"begraben, den sie um 30 Jahre überlebt
hat. Ein moderner Biograph notiert: "Sie war eine der großen Königinnen
der karolingischen Dynastie."
Glocker Winfrid: Seite 272
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"Die Verwandten der Ottonen und ihre Bedeutung in der
Politik"
IV 4 Gerberga
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* c 913/14, + nach 968 am V 5
929
1. oo Giselbert Herzog von Lothringen
c 880,
+ 939 X 2
939
2. oo Ludwig IV. König im westfränkischen Reich
* 920 IX 10/921
IX 10, + 954 IX 10
Gerberga ist als Tochter
König HEINRICHS I. bei Widukind I c., S. 43, und durch
den Continuator Regionis a. 929, S. 158 bezeugt. In D O I. 317 nennt König
OTTO I. die Königin Gerberga
seine Schwester. Zum Geburtsjahr der Gerberga
vergleiche
Köpke-Dümmler S. 16. Der Todestag ist im Epitaphium Gerberga
in St. Remi zu Reims, gedruckt MG. Poet. lat. Bd. 5, S. 286 f., genannt.
Das Todesjahr
Gerbergas ist ein besonders
Problem, auf das näher eingegangen werden muß. In den Quellen
ist Gerberga letztmals als lebend kurz
vor dem Tod der eigenen Mutter, der Königin
Mathilde (+ 968 III 14), bezeugt: Gerberga
schickte ihrer Mutter ein mit Gold besticktes Tuch, das dann aber erst
nach dem Ableben der Königin Mathilde
eintraf und so zum Einhüllen von Mathildes
Leichnam
Verwendung fand; vgl. Köpke-Dümmler S. 441.
Von diesem letzten Auftreten in den Quellen ausgehend,
setzten Kalckstein, Königtum S. 322 f., und Lot, Derniers S. 62 mit
Anm. 3, den Tod Gerbergas in das Jahr
969; die NBD-Redaktion entschied sich in dem einschlägigen Artikel
in NBD Bd. 6, S. 256, für 968 oder 969. Dagegen hat Werner
VI, 12 und VI, 47 wie bereits Brandenburg VI, 38 und VI, 33 das Sterbejahr
984,
wobei sich Werner als Nachweis auf Brandenburg bezieht. Dieser hat seinerseits
als Fundstelle Lauer, Louis IV. S. 231, was eine Fehlinformation ist, da
hier der Todesnachweis für
Gerberga
mit dem für ihren zweiten Gemahl, König
Ludwig IV., verwechselt ist. Das Sterbejahr 984 findet
sich schon bei Böttger, Brunonen S. 274 (1865), dort allerdings ohne
jeglichen Nachweis. Scheid, Origines Guelficae IV S. 446, Anm. **, berichtet,
er habe das Todesjahr der Königin Gerberga
aus keiner ihm bekannten Quelle ermitteln können. Auch Leibnitz, Annales
imperii Bd. 3, S. 378, konstatiert, das Todesjahr
Gerbergas
sei nirgends mitgeteilt, stellt aber die Grabinschrift dann zum Jahr
977.
Strecker hat in seiner Edition des Epitaphiums in der
zugehörigen Fußnote den Forschungsstand skizziert und resümiert,
man nehme in der Forschung gemeinhin jetzt das Jahr 984 an. Mir
ist trotz intensiver Suche nicht gelungen, herauszubekommen, worauf sich
eigentlich die Angabe 984 stützt. Doch scheint mir dieses Jahr
984
auf die Briefsammlung Gerberts von Auriallac hinzudeuten, wo möglicherweise
in der zahlreichen älteren Editionen (vgl. zu diesen in der Ausgabe
von Weigle S. 16 ff.) ein Briefkonzept auf Gerberga
hin interpretiert worden sein könnte; in der neuesten Ausgabe der
Briefe Gerberts ist eine solche Identifizierung jedoch nicht vorgenommen
worden. Wie wichtig es ist, sich die skizzierte Unklarheit zum Sterbejahr
der Gerberga zu vergegenwärtigen,
zeigt Althoff, Adelsfamilien S. 161 ff., wo mit dem Todesjahr 984
wegen der Wirren um die Nachfolge Kaiser OTTOS
II. (Usurpationsversuch Heinrichs des
Zänkers!) erklärt wird, warum der Todestag der Königin
Gerberga
unter denen der OTTONEN-Familie
als einziger nicht in das Merseburger Nekrolog aufgenommen ist; bei einem
Sterbejahr 968 oder 969 ließe sich jedoch an Unsicherheit
der neuen Quedlinburger Äbtissin Mathilde denken.
Die Vermählung Gerbergas,
der Tochter König HEINRICHS I.,
mit Herzog Giselbert von Lothringen bezeugen die Annales S. Maximini
a. 929, SS IV 6; die weiteren Quellenbelege sind bei BO. 22b zusammengestellt.
Der zeitliche Ansatz dieser Eheschließung ist in der Forschung
strittig. Wir folgen wie Köpke-Dümmler S. 16 und Werner VI, 12
dem Jahr der Annales S. Maximini, während sich Waitz S. 121 f. und
BO. 22b für Sommer 928 entschieden, da die Annales S. Maximini in
ihren Nachrichten des Jahres 930 (Heirat des sächsischen
Königs-Sohnes OTTO mit Edgith,
Tod König Karls des Einfältigen)
um ein Jahr vorausdatiert worden sind und dann folglich auch die Heirat
Gerbergas mit Giselbert ein
Jahr zu spät stände. Doch läßt sich bei einem Ansatz
dieser Hochzeit für 929 an einen Zusammenhang mit der Hausordnung
desselben Jahres denken; vgl. zur Bedeutung dieser Hausordnung für
die familiären Verhältnisse des Königs Schmid, Thronfolge
S. 439 bis 442. Zur Zeit der Hausordnung muß die Ehe Gerbergas
aber schon bestanden haben, wie aus den damals angefertigten Gedenkbucheinträgen
in den beiden Verbrüderungsbüchern von St. Gallen (col. 265,
Piper S. 84) und dem Kloster Reichenau (pag. 63) ganz eindeutig hervorgeht.
Zu den
REGINAREN, der Familie Herzog Giselberts, vgl. Werner
V, 11 und VI, 12-VI, 14, Knetsch, Brabant S. 12 zu III 4, sowie zur politischen
Bedeutung der
REGINARE Hlawitschka, Lotharingien passim. Herzog
Giselbert hatte, wie Vanderkindere, Formation Bd. 2, S. 163 f., annimmt,
wohl die Grafenrechte im Lüttichgau; vgl. dazu auch Nonn, Pagus S.
103.
König Ludwig IV. "der Überseeische",
ein Sohn König Karls III. des Einfältigen
und dessen dritter Gemahlin Eadgifu
(einer
Schwester der Königin Edgith),
mußte nach der Absetzung und Inhaftierung seines Vaters (923) nach
England fliehen. Auch für die Familie Ludwigs
IV. und seine eigene Person sind die Daten und Belege bei Werner
V, 38 und VI, 37-47 zusammengestellt.
Barth Rüdiger E.:
**************
"Der Herzog in Lotharingien im 10. Jahrhundert"
Gerberga brachte ihrem
Gemahl das Mitgiftsgut Sprimont unweit des Doppelklosters Stablo-Malmedy
mit in die Ehe.
Laut Flodoard und Richer blieb der Meersener Besitz der
Witwe Giselberts, Schwester OTTOS I.,
auch nach 939 ihr Eigentum, anscheinend sogar bis zu ihrem Tod im Jahr
968.
Mohr Walter: Band I Seite 30
***********
"Geschichte des Herzogtums Lothringen"
Da Giselbert einen unmündigen Sohn Heinrich
hinterlassen hatte, konnte sich Ludwig IV.
einen maßgeblichen Einfluß auf die lothringischen Angelegenheiten
erhoffen, wenn er dessen Mutter Gerberga
heiratete.
Über deren Stellung unmittelbar nach dem Tode ihres Gemahls berichtet
nur der später schreibende Liutprand von Cremona. Danach soll ihr
und König OTTOS Bruder Heinrich
zu ihr geflüchtet sein, doch habe sie ihm keinen Schutz gewährt,
um nicht des Königs Zorn auf sich zu laden. Somit hätte sie also
zur Seite des ostfränkischen Königs gehalten. Darin widerspricht
sich indes Liutprand selbst, der an anderer Stelle erzählt, OTTO
habe dem Herzog von Bayern seine Schwester zur Gemahlin versprochen, falls
er ihrer habhaft werden könne. Hier spielt also offensichtlich viel
Anekdotenhaftes mit. Aus allen übrigen Berichten über die Heirat
Ludwigs
IV. mit Gerberga ist keinerlei
Widerstand von ihrer Seite gegen diese Verbindung zu ersehen.
Glocker, Winfrid: Seite 28-46
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"Die Verwandten der Ottonen und ihre Bedeutung in der
Politik"
III. Gerberga und Hadwig, die Schwestern Ottos des
Großen
Gerberga, die eine
der beiden Schwestern
OTTOS DES GROSSEN,
wurde im Sommer 928 mit dem Lothringer-Herzog Giselbert vermählt.
Nach dem Tode ihres Gatten wandte sich Gerberga
an Ludwig IV., den westfränkischen
König, der sie als seine Gemahlin heimführte. Schon zwei Jahre
vor dieser Eheschließung war die andere der Schwestern, Hadwig, die
Gemahlin Herzog Hugos von Franzien, des innenpolitischen Hauptgegners Ludwigs
IV., geworden. Unser Wissen über Hadwig ist jedoch nur
sehr schmal und steht zudem in einem inneren Zusammenhang mit der Geschichte
Gerbergas:
daher bietet es sich an, die beiden Schwestern in einem Kapitel gemeinsam
zu behandeln.
1. Die Ehe Gerbergas mit dem Lothringer-Herzog Giselbert
Gerberga
war die ältere der Töchter König
HEINRICHS I. und der Königin Mathilde.
Im Sommer 928 vermählte der ostfränkische König diese Tochter
- sie dürfte damals etwa 15 bis 16 Jahre alt gewesen sein - mit dem
Herzog der Lothringer.
"Giselbert wurde der Schwiegersohn des Königs...,
und HEINRICH hatte eine ganz nahe Verwandte
als Vertreterin seiner Sache an der Seite des lothringischen Herzogs".
Es ist bekannt, daß Ehebündnisse friedenstiftenden Charakter
haben. So sollte auch Gerberga mit
ihrer Heirat ein Band der neuen Verwandtschaft zwischen dem O-Reich, das
eben erst dabei war, seine Identität zu finden, und Lothringen, das
diesem werdenden Reich vor kurzer Zeit eingegliedert worden war, knüpfen.
König
HEINRICH betonte zugleich den hohen Rang, den er Giselbert
zuerkannte, indem er ihm seine Tochter zur Frau gab. Mit einer solchen
Perspektive dürfte
Gerberga die
Reise in ihre neue Heimat angetreten haben. Sie war mit Sicherheit jedoch
viel zu jung, um nicht dazu aus ihrer neuen Umgebung wesentliche und stark
prägende Eindrücke in sich aufzunehmen.
Zwischen den Erwartungen, die das junge ostfränkische
Reich an die Lothringer stellte, und dem Selbstverständnis der Lothringer
war es bereits in früheren Jahren zu Spannungen gekommen. Im Bonner
Vertrag von 921 war HEINRICH als "rex
Francorum" in die fränkische Reichstradition eingetreten und legitimierte
hiermit zugleich auch seinen Anspruch auf Lothringen. Einem solchen Anspruch
des ostfränkischen Reiches stand aber das traditionelle Streben der
Lothringer nach Selbständigkeit entgegen. "Die Eingliederung Lotharingiens
in den werdenden Reichsverband durch HEINRICH
I. war... das Ergebnis einer zielstrebigen Politik... Dass HEINRICH
die Eingliederung gelang, war dennoch keine Selbstverständlichkeit
oder etwa gar das Ergebnis einer zwangsläufigen Entwicklung..." Die
führenden Schichten im Gebiet zwischen Rhein und Maas betrachteten
sich, wie wir mit Sicherheit annehmen dürfen, nicht als integrierten
Bestandteil eines einigen deutschen Reiches. Seit den ersten Teilungen
des KARLS-Reiches schwankte die Zugehörigkeit
dieses Kernraumes des einstigen Mittelreiches. Nur der rückblickende
Historiker kann erkennen, welche epochale Wirkung die Entscheidung von
925 haben sollte, die für ein halbes Jahrtausend die Weichen stellte:
den Zeitgenossen muß dies verborgen geblieben sein.
Nicht nur die Lothringer mit ihren latenten Unabhängigkeitsstreben
schienen einer Stabilisierung dieses Gebietes im Wege zu stehen, sondern
auch der nie aufgegebene Anspruch der westfränkischen KAROLINGER
auf dieses ihr Stammland: "In ihm konzentrierte sich die Masse des karolingischen
Krongutes, hier lagen so manche wichtige Klöster des einstigen Reiches,
wie Prüm, Echternach, Malmedy-Stablo, Nivelles und Lobbes, Gorze,
Senones, Moyenmoutier und Remiremont und ebenso die für die damaligen
Zeiten angesehenen Städte Köln, Trier, Metz, Toul, Verdun und
Straßburg, Lüttich, Utrecht und Cambrai, die zugleich Bischöfe,
Domkirchen und bedeutende Klöster beherbergten..."
Durch die Ohnmacht der westfränkischen KAROLINGER
war Lothringen 879/80 in den Verträgen von Verdun und Ribemont an
das O-Reich gekommen. Mit dem Tode König
Ludwigs des Kindes verfiel jedoch auch dort die politische Macht.
Diese Gunst der Stunde nützte der westfränkische
König Karl der Einfältige, um seine Ansprüche
auf das karolingische Stammland wieder
zur Geltung zu bringen: die lothringischen Großen verließen
ihren König und brachten mit diesem Akt ihr Eigenständigkeitsbewußtsein
deutlich zum Ausdruck.
Dieses Selbstverständnis der Lothringer ist historisch
begründet. Bei seinem Versuch, ganz Lothringen in seine Hand zu bringen,
hatte sich
KARL
DER KAHLE 869 in einer eigenen Wahlhandlung zum König von
Lothringen krönen lassen. Auch seine Nachfolger kamen nicht an der
Sonderrolle des lothringischen Raumes vorbei, und dies um so weniger, je
schwächer der jeweilige Herrscher war. Kaiser
ARNULF setzte
Zwentiboldals
Unterkönig ein, unter Ludwig dem Kind
sollte der Graf Gebhard aus der Familie der KONRADINER
die Reichsrechte in der Funktion eines Statthalters wahren. Beide Versuche
scheiterten jedoch am Selbstbewußtsein eines Adels, der aus den Wirren
der KAROLINGER-Zeit als Sieger hervorgegangen
war und sich nun einem Oberkönigtum nicht mehr bedingungslos unterwerfen
wollte. Die mächtigste Stellung unter den Großen Lothringens
hatte die Familie der REGINARE inne; zu dieser Familie zählte
auch Giselbert, der Bräutigam der ostfränkischen Königstochter.
Ihre Macht stützten die REGINARE auf reiche Besitzungen im
Gebiet der unteren Maas. So war bereits Reginar I., der Vater Giselberts,
der führende Mann bei der Entscheidung von 911 gewesen, sich vom O-Reich
zu trennen. Wie wir aus der Politik seines Sohnes ab 915 deutlich erkennen
können, muß diese Entscheidung von der Absicht getragen gewesen
sein, eine unabhängigere Stellung zwischen den Reichen zu gewinnen.
So zögerte Giselbert keine Minute, als König
Karl III. der Einfältige versuchte, gerade von Lothringen
aus seine Macht neu zu etablieren, und leitete einen Aufstand gegen den
westfränkischen König in die Wege. Bei einem Erfolg hätte
sich Giselbert unter Umständen sogar zum König der Lothringer
krönen lassen. König Karl konnte
aber doch noch einmal seine Oberhoheit über
Giselbert
behaupten,
was auch König HEINRICH I.
im
Bonner Vertrag von 921 anerkennen mußte. Die Entmachtung
Karls
in den folgenden Jahren ermöglichte nun erst das neue Bündnis
zwischen Giselbert und König HEINRICH
I.: Lothringen wurde nach der Art und der Rechtsstellung eines
Stammesherzogtums in das ostfränkische Reich eingegliedert, obwohl
es von keinem eigenen Stamm getragen wurde.
Eine gewisse Zeit lang scheint die gegenseitige Respektierung
ein gutes Auskommen zwischen König und Herzog ermöglicht zu haben.
So ließ
Herzog Giselbert seinen königlichen Schwiegervater
und "senior" (dies als Zeichen für die lehensrechtliche Bindung an
König
HEINRICH I.) in ein Familiengebetsgedenken mit einbeziehen.
Aber letztlich wartete Giselbert doch nur auf
eine Gelegenheit, um sich aus der Abhängigkeit vom O-Reich wieder
lösen zu können. Diese Gelegenheit bot sich 939 beim Aufstand
Heinrichs, des jüngeren Bruders König
OTTOS I. Wie der neue König durch die Wahl Aachens als
Krönungsort und durch das Krönungszeremoniell gezeigt hatte,
dachte er überhaupt nicht daran, Lothringen weiterhin eine Sonderstellung
unter den Stammesherzogtümern zuzugestehen. Die Vermutung, die Liutprand
von Cremona äußert, Giselbert habe selbst nach dem Königtum
gestrebt, ist wohl nicht ganz von der Hand zu weisen. Giselbert,
dem jungen Heinrich an Reife und politischer Erfahrung weit voraus, dürfte
sich für die Unterstützung mit handfesten Zusicherungen haben
bezahlen lassen: er wird ein lothringisches Sonderkönigtum als sein
mindestes Ziel angestrebt gaben. In dieser skizzierten politischen Situation
fällt nun in einer bisher wenig beachteten Quelle, der Translatio
s. Servatii, ein Licht auf das politische Wirken der Gerberga
an der Seite ihres Mannes:
"'Erat',...'domne imperator, matrona quedam dicta Gerberia,
imperatoris soror OTTONIS, et hec
Giselberti uxor, omnium Lotharie principum eo tempore nobilioris atque
ditioris. Illis sane diebus pax erat et concordia universi regni in partibus,
sed non diuturna, quia cicius transitura. Nam multi ex principibus insurgunt
in regem, eumque deponerequerunt, memoratum Giselbertum elevare
in regni solium volunt. At ille, ut iustus, ut bonus, eis adquiescere noluit,
sed viriliter restitit et fortiter, vehementer abhorrens hoc scelus et
nefas. Quid plura ? Eius auxilio tandem OTTO
remasit in regno, ipse mercedis benedictione accepto ducatus Lotharici
honore, redit domum, indicat uxori. At illa nimio furore accensa, maritum
despexit, nec ultra ad eum accessit, quia eius inscicia, dum fratre minor
non esset er genere ingenii et virtute, sibi regnare non licuit... Idcirco,
domine, non iniusta huius matronae indignatio. Dux vero non ferens iniuriam
coniugis, non ferens obpropria homium, invasit regnum, vastavit atque spoliavit.
Cognovit rex, et quia non potuit sustinere eum, velociter transivit Renum.
In parte illa positus, magnum congregavit exercitum, adversarius autem,
paucis secum retentis, venit post eum; occurrunt et speculatores regis,
et inventum occiderunt. Quem enim, fratres, non perdit mens impia, mens
perversa mulierum?...'"
Iocundus, ein wahrscheinlich aus Frankreich stammender
Mönch, verfaßte 1088 einen Bericht über die Wunder bei
der Übertragung der Reliquien des heiligen Servatius und schloß
eine Geschichte Maastrichts von den ältesten Zeiten bis zu Kaiser
HEINRICH IV. an, in der jedoch ältere Vorlagen mit verarbeitet
sind. Bei dieser Gelegenheit kommt er auch auf Herzog Giselbert zu
sprechen und vertritt die Meinung, es sei Gerberga
gewesen, die ihren Gemahl zum Aufstand gegen König
OTTO I. angestachelt und somit Giselberts Tod verschuldet
habe. Wenn man diesen Bericht wörtlich nimmt, so müßte
man mit Robert Konrad (der in den 1960-er Jahren erstmals auf diese wenig
beachtete Quelle aufmerksam machte) in Gerberga
eine machthungrige Frau sehen, die, von politischem Ehrgeiz besessen, gegen
die Famileininteressen der OTTONEN
handelte. Als erstes wäre die Frage zu klären, inwieweit Gerberga
überhaupt noch ein Zugehörigkeitsgefühl zur Familie ihrer
Geschwister gehabt haben könnte: nach germanischem Bewußtsein
war sie ja durch Heirat in die Familie ihres Gemahls übergetreten.
Zum zweiten müßten wir fragen, ob ein Mann wie Giselbert,
der im Laufe seiner politischen Karriere einige Erfahrung in Sachen Aufstand
gegen den jeweiligen Herrscher hatte gewinnen können, zu einem derartigen
Vorhaben überhaupt die Ermunterung durch seine wesentlich jüngere
Frau nötig gehabt hätte. Der Annalist Flodoard unterstellt es
Giselbert,
selbst nach dem Königtum gestrebt zu haben. Auch die Politik, die
eigene Stellung möglichst unabhängig von der königlichen
Herrschaft zu halten, liegt so sehr in der Familientradition der Reginare,
daß wir eine Initiative Gerbergas,
die Giselbert erst zu einer Beteiligung am Aufstand Heinrichs hätte
überreden müssen, mit Sicherheit ausschließen können.
Die Aussagen der Translatio s. Servatii können wir
jedoch mit einer Relativierung durchaus verwenden, um die Rolle Gerbergas
genauer
einzuschätzen: Gerberga dürfte
sich spätestens zu dieser Zeit die Anschauung ihres Gemahls völlig
zu eigen gemacht haben. Anstatt die Loyalität Lothringens gegenüber
dem Reich zu garantieren, wie es ihr Vater, König
HEINRICH, bei der Eheschließung erwartet haben dürfte,
vertrat die Gemahlin des Lothringer-Herzogs nun die Unabhängigkeit
des Rhein-Maas-Landes und besaß an der Seite Giselberts soviel
politisches Gewicht, dass sie der Vorlage des Iocundus der Erwähnung
wert erschien. Die Absichten und Pläne Gerbergas
dürfen nicht einfach mit denjenigen ihres Bruders OTTO
oder etwa mit ottonischen Familieninteressen gleichgesetzt werden. Dies
zeigt der weitere Lebensweg Gerbergas ganz
deutlich.
2. Die Heirat Gerbergas mit König Ludwig IV. Transmarinus
"Mit dem Urenkel Kaiser
LOTHARS versank der Traum eines lothringischen Reiches für
immer in den Fluten des Rheines." Der nunmehrigen Witwe Gerberga
stellte sich die Frage, wie sie ihre Zukunft gestalten sollte: sie hatte
die Möglichkeit, den Widerstand ihres verstorbenen Gatten fortzusetzen,
hätte sich aber auch ihrem Bruder, König
OTTO I., zur Verfügung stellen können. An besonderer
Brisanz gewann diese Frage durch das germanische Rechtsdenken, nach dem
eine Frau nicht selbständig handeln konnte, sondern der "munt" eines
Mannes bedurfte. Dieser Mann war zuerst ihr Vater, dann in der Regel der
Ehemann. Starb der Gemahl einer Frau, ging sie meist wieder in die "munt"
ihres Vaters bzw. dessen nächsten noch lebenden männlichen Verwandten
zurück. So hatte König OTTO
schon begonnen, sich als nächster und ältester männlicher
Verwandter um das weitere Schicksal seiner Schwester zu kümmern: er
machte Herzog Berthold von Bayern das Angebot, die Witwe Gerberga
zur Ehe heimzuführen. Berthold wollte aber lieber auf die Tochter
Herzog
Giselberts und der Gerberga warten,
die ihm ebenfalls von König OTTO alternativ
als Braut vorgeschlagen worden war, aber das heiratsfähige Alter noch
nicht erreicht hatte.
In dieser Situation können wir nun ein eigenständiges
politisches Handeln der Gerberga beobachten.
Sie entschloß sich, den Widerstand gegen ihren Bruder, König
OTTO, nicht fortzusetzen, und verweigerte folgerichtig ihrem
Bruder Heinrich das erbetene Asyl auf
der Burg Chevremont, wohl um den Zorn OTTOS
DES GROSSEN nicht unnötig herauszufordern. Andererseits
begab sie sich aber auch nicht in die "munt" ihres Bruders, sondern nahm
die Werbung des westfränkischen Königs, Ludwigs
IV. Transmarinus, an. An der Seite des um sieben Jahre jüngeren
Ludwig
konnte sich Gerberga ihr politisches
Wirkungsfeld erhalten, während Ludwig IV.
einen zusätzlichen Rechtstitel auf Lothringen erwarb, auch
wenn er OTTO vorläufig militärisch
das Feld räumen mußte. Das Mitleid König
Ludwigs mit der armen Witwe, von
dem uns der Chronist Richer von St. Remi berichtet, ist wohl ähnlich
zu bewerten wie die gleichklingenden angeblichen Absichten, die OTTO
DER GROSSE gehegt haben soll, als er um die schöne Witwe
Adelheid warb, wie uns dies die Nonne Hrotsvith von Gandersheim
so herzergreifend geschildert hat. Die Heirat mit einer Tochter König
HEINRICHS I. bot für König
Ludwig IV. allerdings noch einen weiteren Pluspunkt: er konnte
in seinen verwandtschaftlichen Beziehungen mit dem innenpolitischen Hauptgegner
gleichziehen: Herzog Hugo von Franzien
war nämlich seit zwei Jahren mit der Schwester der Gerberga,
mit Hadwig, verheiratet.
3. Kurzer Abriß der Entwicklung im Westreich bis
zum Regierungsantritt König Ludwigs IV. Transmarinus
Um den inneren Konflikt im W-Reich besser
verstehen zu können, in den nicht nur die beiden Schwestern König
OTTOS I., sondern nach und nach auch er selbst mit einbezogen
wurde, ist es hilfreich, sich die Vorgeschichte des Regierungsantritts
König
Ludwigs IV. zu vergegenwärtigen.
Im Mittelpunkt der Geschichte des westfränkischen
Reiches im 10. Jahrhundert stand das Ringen um die Francia, also um den
zentralen Kernraum zwischen Rhein und Loire. An diesem Kampf beteiligten
sich in wechselnden Gruppierungen und Bündnissen: der westfränkische
König, die Grafen von Vermandois, das Haus FLANDERN und die Familie
der ROBERTINER, die von Paris aus Besitz
und Vasallen zwischen Seine und Maas an sich brachten.
Wir setzen mit unserer Betrachtung ein in dem Moment,
als sich Heribert II. von Vermandois (+ 943) durch Graf Arnulf I. von Flandern
(918-965) im Norden in die Defensive gedrängt sah und sich daher bemühte,
im Zentrum der Francia auf Kosten des Königs und der Kirche von Reims
Boden zu gewinnen, um sich auf diese Weise wie die anderen Großen
des westfränkischen Reiches ein "regnum" als Machtgrundlage zu schaffen.
Die Auseinandersetzung zwischen Heribert II. von Vermandois
und dem
König Rudolf von Bourgogne
gliedert sich in vier Phasen. Von 923 bis 926 herrschte gutes Einvernehmen
zwischen beiden: Heribert unterstützte den König im Normannenkampf,
Rudolf
ließ es zu, daß Heriberts 5-jähriges Söhnchen zum
Erzbischof von Reims geweiht wurde, wobei Heribert die Verwaltung der Reimser
Territorien übernahm. In den Jahren 927 bis 929 kam es zum Bruch zwischen
Rudolf
und Heribert, als Heribert nach dem Tod des Grafen von Laon auch noch diese
Grafschaft, die letzte Stütze des Königshauses für sich
beanspruchte. Als es Heribert gelang, Bündnispartner auf seine Seite
zu ziehen, sah sich König Rudolf gezwungen,
Laon aufzugeben, um seinem Königtum wieder Anerkennung zu verschaffen.
Die 3. Phase ist bestimmt durch den Bruch Heriberts und dem ROBERTINERHugo
von Neustrien, der sich bisher neutral bzw. vermittelnd verhalten
hatte. Heribert machte den ROBERTINERN,
obwohl er mit ihnen im doppelten Ehebündnis stand, Vasallen in der
Francia abspenstig. Hugo ging darauf
gemeinsam mit König Rudolf
gegen
Heribert vor und ließ an Stelle des kleinen Hugo Artold als Erzbischof
von Reims einsetzen. Trotz aller Unterstützung aus Lothringen wäre
Heribert in diesem Kampf unterlegen, wenn ihm nicht die Hilfe König
HEINRICHS I. aus dem O-Reich zuteil geworden wäre. Im Dreikönigstreffen
von Chiers 935 wurde Heribert fast völlig restituiert: die Verlierer
bei dieser Regelung waren König Rudolf und
noch mehr der ROBERTINER Hugo
der Große, dem alle seine Gewinne gegen Heribert zunichte
gemacht worden waren. Ein sächsisch-lothringisches Heer erzwang auch
noch die Auslieferung von Saint Quentin an Heribert gemäß den
Vereinbarungen; Hugo hatte diesen Ort
in seiner Hand zu halten versucht.
Hugo sah bei dieser
Entwicklung nun nur noch eine Möglichkeit, die Stellung Heriberts
zwischen Maas und Seine entscheidend zu treffen: er stellte nach dem Tode
König Rudolfs das karolingische
Königtum wieder her, da dieses in der Francia Anspruch auf die Besitzungen
Heriberts erheben konnte. Auf Grund seiner starken Machtposition konnte
Hugo
autonom über die Nachfolge
König Rudolfs
entscheiden: eine Wahl fand überhaupt nicht statt. Ludwig,
der Sohn König Karls des Einfältigen,
kam aus seinem englischen Exil bei den Verwandten seiner Mutter über
das Meer (daher der Beiname "Transmarinus") und mußte Hugo
für die Restitution des Königtums der KAROLINGER
teuer bezahlen: die Stellung Hugos ist in einem Diplom Ludwigs
IV. mit den Worten "Francorum dux, qui est in omnibus regnis
nostris secundus a nobis" charakterisiert. Doch kaum hatte der junge König
die sicheren Pfalzen erreicht, zeigte er, daß er nicht daran dachte,
sich auf Dauer von Hugo dem Großen bevormunden zu lassen. Erzbischof
Artold wurde der neue Kanzler des Reiches; der König selbst stützte
seine Macht auf Vasallen des Erzbischofs von Reims und auf einige Große
der Francia, vor allem aber auf sein Bündnis mit Hugo dem Schwarzen
von der Bourgogne.
Die veränderte politische Situation förderte
das Entstehen neuer Koalitionen. Hugo von Franzien
und Heribert von Vermandois, die sich eben noch feindlich gegenüber
gestanden hatten, verbündeten sich nun gegen König
Ludwig IV. Und Hugo
der Große vergaß die Nachteile, die ihm durch die
Einmischung König HEINRICHS I.
im Jahre 935 entstanden waren, und heiratete (wohl auf Vermittlung Heriberts)
Hadwig, die Tochter des verstorbenen
O-Frankenkönigs; sie war ja, wie wir wissen, die zweite Schwester
OTTOS I., der seit einem Jahr die Krone des ostfränkischen
Reiches trug.
4. Die Heirat Hadwigs mit Hugo von Franzien
Die zeitgenössischen historischen Quellen
wissen nur wenig über diese Schwester OTTOS
DES GROSSEN. Wenn sie überhaupt - wie Widukind, Flodoard
und Hugo von Fleury - von ihrer Person Kenntnis haben, so ist ihnen der
Name
Hadwigs doch unbekannt, der uns
in einer Urkunde ihres Vaters, König HEINRICH
I., überliefert ist. Eine Urkunde Herzog
Hugos von Franzien, des Gemahls der Hadwig,
vom 14. September 937 ermöglicht uns die chronologische Einordnung
dieser Vermählung.
Wir wissen auch nicht, von welcher Seite die Initiative
zu dem Ehebündnis zwischen dem ost- und westfränkischen Reich
ausging. Philippe Lauer nahm an, es handle sich hier um "un pretexte [von
Seiten OTTOS DES GROSSEN] pour intervenir
en France" und tadelte in seiner eher nationalistischen Sicht der Geschichte
des 10. Jahrhunderts wegen "les plus graves consequences... des invasions
allemandes en France", die Folgeerscheinung dieser Politik werden sollten.
August Heil dagegen sah die Initiative eher bei Hugo
dem Großen, da dieser für den "beabsichtigten Kampf
gegen Ludwig den nötigen Rückhalt"
gesucht habe.
Wohl beide Seiten erwarteten sich Vorteile aus dieser
Vermählung:
Hugo suchte (und fand)
eine zusätzliche Stütze für seine Politik im ostfränkischen
Reich, während
OTTO I. ein zusätzliches
Gewicht in die Waagschalen der lothringischen Frage legen konnte, einer
Frage, die immer noch als unentschieden angesehen werden mußte.
5. Die Einflußnahme Ottos und Bruns im Westreich
König Ludwig
IV. gelang es nicht, seinem Anspruch auf Lothringen mit realem
politischen Gewicht durchzusetzen, den er in der Heirat mit der Witwe des
lothringischen Herzogs hatte bekräftigen wollen. OTTO
nutzte die Gelegenheit seines Aufenthaltes in Lothringen und traf sich
mit den innenpolitischen Gegnern des westfränkischen Königs,
obwohl dieser nun sein Schwager geworden war. Dieses Bündnis mit den
Gegnern Ludwigs nahm ein Jahr später
sogar vasallitische Formen an: "Hugo
et Heribertus... Othoni regi obviam
proficiscuntur; cui conjuncti at Atiniacum eum perducunt, ibique cum Rotgario
comite ipsi Othoni sese commitunt."
König
Ludwig wurde so durch dieses Bündnis in die Zange genommen,
konnte sich nicht behaupten und mußte nach militärischen Niederlagen
gegen Hugo und OTTO
942 das faktische Scheitern seiner Pläne anerkennen: der ostfränkische
König verblieb im Besitz Lothringens.
Die ältere Forschung nahm an, es sei hauptsächlich
Gerberga
gewesen, die ihren Gemahl zu diesem Verzicht bestimmt habe. Doch gegen
eine solche Hypothese lassen sich eine Reihe von Einwänden vorbringen:
die politische Vorgeschichte
Gerbergas,
vor allem ihre eigenmächtige Heirat mit dem westfränkischen König,
läßt es als wenig wahrscheinlich erscheinen, sie habe sich nun
urplötzlich zum Anwalt der ostfränkisch-deutschen Interessen
gemacht. Die Einwilligung der Witwe des lothringischen Herzogs in die neue
Ehe mit Ludwig IV., deren politische
Bedeutung Gerberga wohl kaum verborgen
geblieben sein dürfte, und die Tatsache, dass
Ludwig
auch nach der Hochzeit seinen Kampf um Lothringen nicht aufgegeben hat,
lassen erkennen, dass die Königin nicht bezüglich Lothringens
Einfluß im Interesse der ottonischen Politik ausgeübt haben
kann. Der Friedensschluß von Vise war weniger das Ergebnis eines
familiären Komplotts als das Resultat einer tatsächlichen Überlegenheit
OTTOS,
einer Tatsache, die sicher auch die Königin
Gerberga in Rechnung zu stellen wußte. Wenn sie daher
ihren Mann tatsächlich zum Verzicht auf Lothringen bewogen haben sollte,
so geschah das in seinem und nicht in OTTOS
Interesse. Und noch eine weitere gewichtige Tatsache spricht gegen eine
derartige Argumentation: der erstgeborene Sohn des französischen Königspaares,
der im Jahr 941 das Licht der Welt erblickte, wurde auf den Namen Lothar
getauft. Wir kennen die programmatische Bedeutung der Namensgebung im Mittelalter:
in dieser Namenswahl für den präsumptiven Thronfolger läßt
sich eine deutliche Manifestation des königlichen Willens sehen, den
Anspruch auf das alte Kernland der KAROLINGER
nicht aufzugeben.
Der Frieden von Vise, mit dem OTTO
zunächst eine neutrale Haltung einnahm, bedeutete für Ludwig
nicht die endgültige Resignation: er nahm noch einmal den Kampf gegen
die politische Übermacht seiner Gegner auf. Erst die Katastrophe von
Rouen - Ludwig wurde gefangengenommen
und an Hugo von Franzien ausgeliefert
- bedeutete das Aus für alle Unternehmungen, dem Königtum der
KAROLINGER wieder zu neuem Ansehen zu verhelfen. In dieser Krisensituation
des westfränkischen Königtums tritt Gerberga
wieder in das Licht der Geschichte: als Regentin weigerte sie sich, den
Thronfolger
Lothar als Geisel zu stellen, und sandte statt Lothar
ihren zweitgeborenen Sohn Karl. Auf
diese Weise kam der König frei: er mußte freilich auf Laon -
ein Ort, der für das ohnehin nicht besonders starke Königtum
der späten KAROLINGER besondere
Wichtigkeit hatte und gerade für König
Ludwig die letzte Basis seiner Macht gewesen war - verzichten.
Ludwig
wäre nun in die Rolle eines Schattenkönigs abgesunken,
hätte nicht
Gerberga
den Anstoß
für die große politische Umorientierung gegeben. Allen bisherigen
Gegensätzen zum Trotz bat sie ihren Bruder
OTTO
I. um Hilfe und Schutz.
Alle früher abgeschlossenen Bündnisse stürzten
nun um.
OTTO ergriff fortan die Partei
des westfränkischen Königs gegen die Versuche Herzog
Hugos, das Königtum im W-Reich völlig zu entmachten.
Nur kurze Zeit später unternahmen die neuen Verbündeten einen
Feldzug gegen die Gegner Ludwigs IV.,
der König OTTO und das ostfränkische
Heer bis vor die Tore von Paris und Rouen führte. Auch in den folgenden
Jahren blieb die Zusammenarbeit zwischen den beiden Schwägern eng:
Ludwig und
OTTO
trafen sich zwischen 946 und 950 fünfmal: das Osterfest 949 verbrachte
Gerberga
bei ihrem Bruder OTTO DEM GROSSEN in
Aachen "regressa Remos...cum fraterni auxilii pollicitatione". Ein Jahr
zuvor war auf der Synode zu Ingelheim, also auf dem Gebiet des ostfränkischen
Reiches, der seit Jahren schwelende Reimser Bischofsstreit entschieden
worden. Der Kandidat König Ludwigs,
Artold, wurde durch päpstliche Entscheidung erneut bestätigt,
und hiermit war implizit das Königtum Ludwigs
unter die Garantie König OTTOS
und des Papstes genommen worden. Eine solche Politik brachte es zwangsläufig
mit sich, daß der ostfränkische König zu einem bestimmenden
Faktor in der westfränkischen Innenpolitik wurde. Am deutlichsten
können wir dies an der Synode zu Ingelheim beobachten, bei der auf
ostfränkischem Boden unter Beteiligung deutscher und französischer
Prälaten über eine Angelegenheit der Politik und der Kirche des
Westreiches entschieden wurde. Die Verwandtschaft der Königin
Gerberga zu den OTTONEN
und ihre politische Wendigkeit verlängerte die Herrschaft der KAROLINGER
im Westen um Jahrzehnte.
Gerberga ließ
sich beim Abschluß von Bündnissen immer von den jeweiligen politischen
Notwendigkeiten leiten, wie dies die Koalitionen, die sie seit 942 abschloß,
deutlich zeigen. 953 vermittelte sie einen Waffenstillstand zwischen König
Ludwig und ihrem Schwager Hugo dem
Großen. Zwei Jahre später kam ihr Gatte, König
Ludwig, bei einem Jagdunfall ums Leben. Hätte sich Gerberga,
nun zum zweiten Mal Witwe geworden, allein an den deutschen König
gewandt, wäre das französische Königtum auch formell dem
deutschen unterstellt worden: OTTO
wäre jetzt noch der äußeren Form nach in die Stellung eines
großfränkischen Herrschers hineingewachsen. Doch Gerberga
handelte anders: sie wandte sich an den bisher schärfsten Rivalen,
Herzog
Hugo von Franzien, und konnte tatsächlich die Unterstützung
Hugos
(der, was wir nicht vergessen dürfen, ja Gerbergas
Schwager war) für die Wahl ihres Sohnes (und Hugos
Neffen), des minderjährigen
Lothar,
zum westfränkischen König erhalten. Man kann nur Vermutungen
anstellen, welche Motive Herzog Hugo
bewogen haben, nicht die Schwäche des Königtums und der Königin
Gerberga
auszunutzen und sich nicht selbst die französische
Königskrone aufs Haupt zu setzen. Vielleicht fürchtete er den
Widerstand König OTTOS I., möglicherweise
fühlte er aber schon seinen Tod herannahen. Zudem blieb er auch unter
einem noch minderjährigen
König Lothar
der starke Mann im westfränkischen Reich.
Als Hugo der Große im
Jahr 956 starb, war Königin Gerberga
die unumstrittene Regentin Frankreichs. In dieser dritten Phase
ihres politischen Wirkens war die Zusammenarbeit mit den übrigen Mitgliedern
der sächsischen Königsfamilie am engsten. Die Macht und das Ansehen
OTTOS DES GROSSEN hatten nach seinem
Sieg in der Lechfeldschlacht ihren Höhepunkt erreicht. Nach dem Tod
König Ludwigs IV. und Herzog
Hugos des Großen konnte zudem keiner von den beteiligten
Parteien mehr versuchen, den einen gegen den anderen auszuspielen. Die
Regierung des westfränkischen Reiches lag praktisch in den Händen
eines ottonischen Familienrates, in
den Händen von Gerberga,
Hadwig
und Brun, dem Erzbischof von Köln
und Bruder OTTOS DES GROSSEN. Nun,
nach dem Tod ihres Gemahls, Hugo der Große,
tritt auch Hadwig aus dessen Schatten
heraus und findet in der Geschichtsschreibung Erwähnung. Brun waltete
im Auftrag König OTTOS "als eine
Art Reichsverweser, an der Spitze eines ottonischen Familienrates,... in
den Landen zwischen Rhein und Loire".
Die starke Anlehnung an die Mitglieder der
liudolfingischen Familie garantierte Gerberga
zwar auf der einen Seite den Erhalt des Status quo zwischen den führenden
Familien Frankreichs und damit das Königtum ihres Sohnes Lothar,
erforderte aber auf der anderen Seite ein starkes Entgegenkommen gegenüber
ihrem Bruder Brun. So war sie 957 gezwungen, an einem Feldzug Bruns gegen
die Familie der REGINARE, also gegen die Verwandten ihres ersten
Gemahls, teilzunehmen. Ein Jahr zuvor hatte Brun dafür gesorgt, dass
Gerberga ihr Witwengut zurückerhielt.
959 verbrachten Gerberga und ihr Sohn,
König Lothar - Hadwig
war wohl Anfang dieses Jahres verstorben - gemeinsam mit Brun das Osterfest
in Köln; bei dieser Gelegenheit mußte
Lothar
in aller Form auf jegliche Ansprüche auf Lothringen verzichten.
Möglicherweise wollte Brun hiermit
mehr dem Einfluß seiner Schwester, der Königin-Mutter
Gerberga, auf den jungen König
Lothar vorbeugen, wenn er von Lothar
"securitas" für Lothringen verlangte. Denn die Königin
Gerberga wie auch ihre Schwester Hadwig
dürften in erster Linie die Interessen ihrer Söhne
Lothar und Hugo
(Capet) im Auge gehabt haben und nicht diejenigen ihrer Brüder,
also die Interessen von OTTO DEM GROSSEN
und Brun; beide werden versucht haben,
den Kindern für die Zukunft alle politischen Möglichkeiten offenzuhalten.
Über die Grundlinien der Politik vergaß Gerberga
jedoch nicht die Erfordernisse des Augenblicks. Nach dem Tod Erzbischof
Artolds von Reims (des Erzbischofs, der im Jahr 948 von der Synode zu Ingelheim
bestätigt worden war) versuchte das Haus
VERMANDOIS erneut, seinen Kandidaten Hugo durchzusetzen. Gerberga
bat ihren Bruder Brun um Hilfe: ihr
gemeinsamer Kandidat Odelrich wurde zum Erzbischof von Reims gewählt.
Mit diesem Mann hat Brun zugleich einen
seiner Schüler auf den Erzbischofsstuhl dieser wichtigen Diozöse
gebracht.
Höhepunkt - und Abschluß - der "Familienregierung"
im westfränkisch-französischen Reich war der Kölner Hoftag
im Juni 965: als unumstrittener Hegemon sammelte Kaiser
OTTO DER GROSSE seine Familienangehörigen um sich und zeigte
sich in seiner neu gewonnenen Kaiserwürde. Auf diesem Hoftag wurde
zudem ein neues Ehebündnis zwischen Ost- und Westreich geschlossen:
der Kaiser verlobte seine Stieftochter
Emma
(die Tochter der Kaiserin Adelheid
aus deren erster Ehe mit König Lothar von
Italien) mit König Lothar von
Frankreich.
Von einer formalen Abhängigkeit des W-Reiches von
Kaiser
OTTO DEM GROSSEN kann aber auch zu diesem Zeitpunkt keine Rede
sein, wenn sie rein äußerlich auch bestanden haben mag. Gerberga
hinterließ bei ihrem Tod, der sie vier Jahre nach dem Tode ihres
Bruders Bruno von Köln und vier
Jahre vor dem Tod ihres ältesten Bruders OTTO
DER GROSSE erteilen sollte, ihrem Sohn Lothar
eine stabilere Herrschaft als diese Gerbergas
Gemahl und Lothars Vater,
König Ludwig IV., bei seiner Rückkehr auf das Festland
vorgefunden hatte. Das politische Erbe seiner Mutter gab König
Lothar die Chance, noch einmal nach der Herrschaft über
das alte karolingische Kernland greifen
zu können.
6. Zusammenfassende Würdigung Gerbergas und Hadwigs
König OTTO
I. hatte das Hauptziel seiner W-Politik von seinem Vater HEINRICH
I. geerbt: die Herrschaft über Lothringen zu sichern. Nur
die Herrschaft über dieses alte karolingische
Kernland ermöglichte es dem jungen Reiche König
OTTOS I., das Übergewicht über das westfränkische
Reich zu gewinnen und schließlich auf diese Weise auch in das Erbe
KARLS
DES GROSSEN, die Kaiserwürde eintreten zu können.
Um dieses Ziel seiner Politik zu verwirklichen, benutzte König
OTTO geschickt die vorgefundenenen Spannungen im Westreich,
die es ihm ermöglichten, Lothringen für sein Reich zu sichern.
Der entscheidende Angelpunkt für ein solches Vorgehen war die Verbindung
OTTOS
DES GROSSEN mit den ROBERTINERN,
und zwar mit dem mächtigen Herzog Hugo von
Franzien, dem latenten Hauptgegner König
Ludwigs IV. Transmarinus. Ein direkter Weg führt von der
Hochzeit Hugos des Großen mit der Schwester
König OTTOS, mit Hadwig, zum Bündnis von Attigny:
diese Heirat erwies sich, auch wenn dies nicht von vornherein geplant gewesen
sein sollte, als ein bewußt eingesetztes Mittel der ottonischen
Politik,
um Hugo von Franzien an den ostfränkischen König zu binden und
so die Gefahr für Lothringen, die in der Herrschaft der KAROLINGER
im W-Reich weiter am Schwelen war, abzuwenden.
Die Ehe der anderen der beiden Schwestern
König OTTOS I., der Gerberga,
mit König Ludwig IV. muß
schon vom Ansatz her anders beurteilt werden.
OTTO
wurde
von seiner Schwester überspielt, mit der er andere Pläne hatte:
Gerberga
handelte
selbständig. König Ludwig IV. seinerseits
dürfte hauptsächlich an die Untermauerung der karolingischen
Ansprüche auf Lothringen gedacht haben. Die Bedeutung jedoch, die
diese Ehe in den folgenden Jahren noch für das westfränkische
Königtum gewinnen sollte, konnte von keiner Seite vorausgesehen werden.
Die Verbindung mit Gerberga verschaffte
dem westfränkischen König die Verwandtschaft mit
König
OTTO I. und damit einen Schwager, der Ludwig
die Hilfe geben konnte, die er brauchte, um im Kampf gegen seine inneren
Feinde das Königtum für sich und seinen Sohn behaupten zu können.
Aber auch für OTTO DEN GROSSEN
wirkte sich die Vermählung seiner Schwester Gerberga,
obwohl sie gegen seinen Willen geschehen war, letztendlich zum Vorteil
aus: die gleichartigen Verwandtschaftsverhältnisse zu den beiden führenden
Häusern Frankreichs ermöglichte es dem ostfränkisch-deutschen
König, ab 945, als die Bedrohung Lothringens durch die innenpolitischen
Schwierigkeiten König Ludwigs
in den Hintergrund getreten war, zwischen den beiden Parteien vermittelnd
einzugreifen und somit de facto zum heimlichen Herrscher im W-Reich zu
werden. Nach außen hin ließ sich diese faktische Herrschaft
OTTOS DES GROSSEN in der Form familiärer
Beziehungen und Kontakte ausüben. "Seine Verwandtschaft mit den beiden
feindlichen Geschlechtern ließ seine westfränkische Politik
als Familiensache erscheinen und warf auf die faktische deutsche Vorherrschaft
einen versöhnenden Schimmer."
Die Zeitgenossen haben OTTOS
Position offenbar nicht als hegemonial empfunden. Die französische
Geschichtsschreibung kennt weder eine "nationale" Abneigung gegen eine
"Fremdherrschaft" noch sieht sie in Ludwig IV.
oder Lothar abhängige Monarchen.
"OTTO war also für die W-Franken
weniger der große fremde Herrscher als vielmehr der mächtige
Verwandte des königlichen Hauses, der eine Art patriarchalische Stellung
inmitten einer großen königlichen und fürstlichen Familie
einnahm."
Die Bindungen zwischen dem ost- und dem westfränkischen
Reich überdauerten deshalb auch nicht den Tod der Hauptakteure. Mit
dem Tod Gerbergas und dem Beginn der
selbständigen Regierung Lothars
entwickelten sich die beiden Reiche wieder auseinander, ja sogar gegeneinander.
928
1. oo Giselbert Herzog von Lothringen
880-2.10.939
939
2. oo Ludwig IV. König von Frankreich
10.9.920/21-10.9.954
Kinder:
1. Ehe
Alberada
930-10.5.967
945
oo Ragenold Graf von Roucy
-10.5.967
Heinrich
935- 944
Gerberga
935-7.9.978
954
oo Adalbert Graf von Vermandois
-8.9.987
Liethard
- 944
2. Ehe
Lothar III. König von Frankreich
Ende 941-2.3.986
Gerberga (nach K.F.Werner Verwechslung mit Gerberga
aus Gerbergas 1. Ehe mit Giselbert von Lothringen)
940 oder 942-
oo Albert Graf von Vermandois
-
Karl
945- 953
Mathilde
Ende 943-26.11. nach 981
964
oo 2. Konrad König von Burgund
um 923-19.10.993
Ludwig
948-10.11.954
Laon
Karl Herzog von Nieder-Lothringen
Sommer 953- nach 991
Laon
Heinrich
Sommer 953- 953
Laon
Literatur:
-----------
Althoff Gerd: Die Ottonen. Königsherrschaft
ohne Staat. W. Kohlhammer GmbH Stuttgart Berlin Köln 2000, Seite 58,90,119
- Barth Rüdiger E.: Der Herzog in Lotharingien im 10. Jahrhundert.
Jan Thorbecke Verlag Sigmaringen 1990, Seite 39,45,48,53,54 Anm. 57,55
Anm. 67, 67 Anm. 66,68,93,94 Anm. 63, 112,113,115,116,161,172 - Beumann,
Helmut: Die Ottonen. Verlag W. Kohlhammer Stuttgart Berlin Köln, Seite
38,42,60,64,84,98,118,127 - Diwald Helmut: Heinrich der Erste. Die
Gründung des Deutschen Reiches, Gustav Lübbe Verlag Bergisch
Gladbach 1994, Seite 245,366,462 - Ehlers Joachim: Die Kapetinger.
W. Kohlhammer GmbH Stuttgart Berlin Köln 2000, Seite 23,27,42 - Ehlers
Joachim/Müller Heribert/Schneidmüller Bernd: Die
französischen Könige des Mittelalters. Von Odo bis Karl VIII.
888-1498. Verlag C. H. Beck München 1996, Seite 47,52,55,58,61-67
- Eickhoff, Ekkehard, Theophanu und der König, Klett-Cotta
Stuttgart 1996, Seite 103,294,297 - Engels Odilo/Schreiner
Peter: Die Begegnung des Westens mit dem Osten. Jan Thorbecke Verlag Sigmaringen
1993, Seite 25 - Ennen, Edith: Frauen im Mittelalter. Verlag C.
H. Beck München 1994, Seite 68 -
Glocker Winfrid: Die Verwandten
der Ottonen und ihre Bedeutung in der Politik. Böhlau Verlag Köln
Wien 1989 IV,4 Seite 10,13,24,28, 31,37-45,60,66,68,119,127,169,187,191,193,226,244,272,275,281-284,287,297,304,320
- Hlawitschka Eduard: Die Anfänge des Hauses Habsburg-Lothringen.
Genealogische Untersuchungen zur Geschichte Lothringens und des Reiches
im 9., 10. und 11. Jahrhundert. Kommissionsverlag: Minerva-Verlag Thinnes
Nolte OHG Saarbrücken 1969, Seite 57,64,105 - Hlawitschka,
Eduard: Herzog Giselbert von Lothringen und das Kloster Remiremont, in
Stirps Regia von Eduard Hlawitschka, Verlag Peter Lang Frankfurt am Main
- Bern - New York - Paris, Seite 377-421 - Hlawitschka Eduard: Lotharingien
und das Reich an der Schwelle der deutschen Geschichte. Anton Hiersemann
Stuttgart 1968, Seite 189 - Hlawitschka, Eduard: Untersuchungen
zu den Thronwechseln der ersten Hälfte des 11. Jahrhunderts und zur
Adelsgeschichte Süddeutschlands. Zugleich klärende Forschungen
um „Kuno von Öhningen“, Jan Thorbecke Verlag Sigmaringen 1987, Seite
26,38,40,47,49,69,76-78,88,94 - Holtzmann Robert: Geschichte der
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