Begraben: Nantua, dann St-Denis
Einziger Sohn des Kaisers LUDWIG
I. DER FROMME aus seiner 3. Ehe mit der WELFIN
Judith, Tochter von Graf Welf
Lexikon des Mittelalters: Band V Spalte 967
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KARL II. DER KAHLE, Kaiser, westfränkischer König
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* 13. Juni 823, + 6. Oktober 877
Frankfurt/Main Avrieux/Savoyen
Begraben: Nantua, dann St-Denis
Nach der Ordinatio Imperii (817) aus der zweiten Ehe LUDWIGS
DES FROMMEN mit der WELFIN Judith
geboren, stürzte der aus fränkischem Erbfolgerecht resultierende
Wille zu angemessener Ausstattung KARLS
das Reich seit 829 in schwere Krisen. In wechselnden Koalitionen rangen
LUDWIG
DER FROMME und seine Söhen um die Reichsteilung. Nach dem
Tod des Bruders Pippin I. (838) und
des Vaters (840) besiegten KARL DER KAHLE
und Ludwig der Deutsche den ältesten
Bruder, Kaiser LOTHAR, 841 in
der Schlacht bei Fontenoy; 843 kam es im Vertrag von Verdun zur Reichsteilung.
Den westlichen Teil, begrenzt durch Schelde, Maas, Saone und Loire, erlangte
KARL,
der seinem regnum im Vertrag von Coulaines (November 843) mit dem Adel
eine innere, bis 859 freilich bedrohte Grundlage schuf. Prekär waren
die Ausgestaltung der karolingischen Brüdergemeinde
und KARLS Durchsetzung im eigenen Reich,
vor allem gegen die Bretonen und gegen die Ansprüche des NeffenPippin
II. auf Aquitanien. Erst der Akzeptanz des aquitanischen Adels
verdankte KARL DER KAHLE
seine
Herrschaft dort seit 848, während
Pippin852
und endgültig 864 in Kirchenhaft kam. Mehrfache Angebote des westfränkischen
Adels an Ludwig den Deutschen
zur Übernahme der Herrschaft im W erwiesen dei labilen Machtgrundlagen
KARLS,
die durch Angriffe der ostfränkischen
KAROLINGER (854, 858/59) ernsthaft bedroht
waren. Bereits vor dem in W-Franken als König amtierenden Bruder nach
Burgund geflohen, vermochte sich KARL DER
KAHLE nur dank der entschlossenen Haltung
des westfränkischen Episkopats unter Führung Hinkmars von Reims
859 zu behaupten. Der Juni 860 in Koblenz geschlossene Friede bescherte
dem westfränkischen Reich nach dem Abklingen ständiger Invasionen
der Normannen eine Phase der Konsolidierung, in der KARL
seine
Herrschaft konsequent sicherte. Im Bund mit geistlichen Beratern betrieb
er insbesondere die Fortentwicklung eines sakralisierten Königtums,
deutlich schon 848 in seiner krönung und Salbung zum aquitanischen
König durch Erzbischof Wenilo von Sens, fortgeführt in Weiheakten
am ältesten Sohn, Karl
dem Kind, zum aquitanischen Unterkönig. 855, an der Tochter
Judith zur englischen
Königin anläßlich ihrer Vermählung 856 wie an der
Gattin Irmintrud
866. Anknüpfend an politische Traditionen, gepflegt in kirchlichen
Zentren der Francia und weitergeführt in der spät-karolingischen
Hofkultur, suchte KARL DER KAHLE mit
den Mitteln seiner Vorfahren zu regieren (Kapitularien, Entsendung von
Missi) und baute die theoretischen Grundlagen der königlichen Amtsgewalt
in der Idee des rex christianus weiter aus (besonders auf Hoftagen in Pitres
862-869. Freilich konnte damit der Wandel der Reichsverfassung, die Verringerung
königlichen Fiskalgutes, der Aufbau adliger Herrschaftskomplexe und
die beginnende Feudalisierung der Ämter kaum wirksam aufgehalten werden.
Seit 869 wurde KARL DER KAHLE zum
Nutznießer der Auflösung des lotharischenMittelreichs. Nachdem
König
Lothar II. vor allem wegen scharfer Opposition
im westfränkischen Episkopat die Annullierung seiner Ehe und die Legitimierung
des Sohnes
Hugo
nicht hatte durchsetzen können, nuzte KARL
II. DER KAHLE die Situation bei dessen
Tod 869 zum Erwerb Lothringens und zu seiner von Hinkmar von Reims geleiteten
Königskrönung in Metz. Damit wurde Ludwig
der Deutsche provoziert, mit dem es 870
im Vertrag von Meerssen zu einer Teilung Lothringens kam; den Verlust der
Aachener Pfalz suchte
KARL DER KAHLE
in der Gründung eines Marienstiftes in Compiegne und der Errichtung
eines Zentralbaus in der Nachfolge Aachens zu kompensieren.
875 konnte KARL DER KAHLE,
der sich gegen die Designation des ostfränkischen
Königs-Sohnes Karlmann durch Kaiser
LUDWIG II. die Anwartschaft auf das Kaisertum von den Päpsten
Hadrian II. und Johannes VIII. gesichert hatte, durch einen raschen Zug
nach Rom die Kaiserkrone erlangen (25. Dezember 875); Johannes VIII., dem
päpstlichen Coronator, bestätigte und erweiterte er die Pacta
zwischen römischer Kirche und Frankenherrschern. KARLS
Bulleninschrift
"Renovatio imperii Romani et Francorum" täuscht nicht darüber
hinweg, daß er sein Kaisertum dem Papst und den Römern verdankte,
seine italienische Herrschaft schließlich einer Reichsversammlung
vom Februar 876. Der westfränkische Adel trat im Sommer 876 in Ponthion
den italienischen Entscheidungen bei. Die Grenzen karolingischer
Kaiserpolitik traten bald zutage: KARLS Expansionsversuch
nach O-Franken beim Tod Ludwigs des Deutschen
scheiterten (militärische Niederlage gegen Ludwig
den Jüngeren im Oktober 876 bei Andernach), und auch ein
erneuter Italienzug, gegen die Opposition im westfränkischen Adel
auf einem Hoftag zu Quierzy (Juni 877) vorbereitet, offenbarte trotz der
Bestätigung des Kaisertums die Fragilität westfränkischer
Politik. Angesichts der Bedrohung durch einen Angriff Karlmanns
aus Bayern und der Verweigerung weiterer Hilfeleistung durch den eigenen
Adel mußte KARL DER KAHLE aus
Italien fliehen und starb in einem savoyischen Dorf, im westfränkischen
Königtum von seinem Sohn Ludwig
II. dem Stammler gefolgt.
KARLS Herrschaft
im Spannungsfeld von Tradition und politischem Wandel, basierend auf einer
späten Blüte
karolingischer
Kultur
im alten fränkischen Kernraum, schuf aus heterogenen geographischen,
ethnischen, kulturellen, sprachlichen und historischen Wurzeln die Grundlage
des westfränkisch-französischen regnum und seiner Monarchie,
die seit dem 10., besonders seit dem 12. Jh. ihren Anfang in
KARLS Königtum sah.
Literatur:
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HEG I, 590ff. - NDB XI, 175-181 - J. Calmette, La diplomatiae
carol. du traite de Verdun a la mort de Charles le Chauve 1901 - F. Lot-L.
Halphen, Le regne de Ch. le Ch. I, 1909 - Receuil des actes de Ch. II.
le Ch. roi de France, I-III, ed. G. Tessier, 1943-1955 - J. Fleckenstein,
Die Hofkapelle der dt. Kg.e, I, 1959, 142-151 - P. E. Schramm, Der Kg.
v. Frankreich I, 1960², 9ff. - P. Classen, Die Verträge v. Verdun
und Coulaines 843 als polit. Grundlage des westfrk. Reiches, HZ 196, 1963,
1-35 - K.-U. Jäschke, Die Karolingergenealogien aus Metz und Paulus
Diaconus. Mit einem Exkurs über K. 'd. K.', RhVjbll 34, 1970, 190-218
- W. Schlesinger, Zur Erhebung K.s zum Kg. v. Lothringen 869 in Metz (Landschaft
und Gesch. [Fschr. F. Petri, 1970]), 454-475 - J. M. Wallch-Hadrill, A
Carol. Renaissance Prince: the Emperor Ch. the Bald, PBA 64, 1978, 155-184
- P. Zumthor, Ch. le Ch., 1981² - J. L. Nelson, Politics and ritual
in early medieval Europe, 1986 - P. Godman, Poets and Emperors, 1987 -
W. Kienast, Die frk. Vasallität, 1990, 319ff. - Ch. the Bald. Court
and Kingdom, ed. M. T. Gibson-J. L. Nelson, 1990² - N. Staubach, Rex
christianus. Hofkultur und Herrschaftspropaganda im Reich K.s [im Dr.]
-
III. Generation
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Zum Lebensgang KARLS II.
Dümmler 1,51,127;2,388,397; Eiten 133-139; Lot-Halphen 11-67; BM²
1473f, 1479h.
Das Tagesdatum der Ehe mit Ermentrud,
das bei Brandenburg fehlt: Lot-Halphen 60, Anm. 3 (Die Angabe zweier Diplome,
Tessier nr. 246 und 247, ist Nithard IV,6, der vom 14. Dezember spricht,
vorzuziehen).
Geburtstag Ermentruds:
Tessier nr. 246.
Zur Familie der Ermentrud
und ihrer politischen Rolle Werner, Unters. 154ff. Zur Vorgeschichte von
KARLS
zweiter Ehe mit Richildis (Brandenburg
druckt auf der Tafel versehentlich "Richardis", was Isenburg, Stammtafeln,
getreulich abschreibt; in der Anmerkung hat Brandenburg den richtigen Namen)
Annales Bertiniani 869 und dazu die Anmerkung von L. Levillain in der Ausgabe
von Grat, Paris 1964. Am 6. Oktober starb Ermentrud
in S.-Denis, am 9. Oktober erhielt KARL
die Nachricht in der Pfalz Douzy in den Ardennen und befahl seinem Günstling
Boso,
dessen offenbar für diesen Fall schon bereitgehaltene Schwester Richildis
herbeizubringen, und diese traf am 12. Oktober bei
KARL ein.- Der coniunctio der Liebesleute gedenkt, das
Datum nennend, das Diplom Tessier nr. 355. Das Datum der später folgenden
Eheschließung gibt Brandenburg irrig mit 870 XI 22, statt I 22 (Ann.
Bertiniani 870: in die festivitatis septuagesimae = I 22). Das Todesdatum
Richildis
(Brandenburg "nach 877") läßt sich präzisieren. Wir besitzen
zwei Urkunden, die
Richildis zwischen
910 II 4 und 911 II 3 ausgestellt hat, ed. D'Herbomez, Cartulaire de l'abbaye
de Gorze (Mettensia II), nr. 87 und 88. Auf diese letzte Erwähnung
Richildis
hat übrigens schon Dümmler 3,673, Anm. 3 hingewiesen. Im gleichen
Chartular ist aber eine Urkunde des Neffen der Richildis,
des Grafen Boso, von 913 X 10/914 XII 20 abgedruckt (nr. 19), die den Terminus
ante quem für
Richildes Tod ergibt.
Zur Familie der
Richildis und ihres
Bruders Boso Poupardin, Provence 41-55.
Schieffer Rudolf:
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"Die Karolinger"
Nach dem Verzicht seines Vaters LUDWIG
auf dem "Lügenfeld" zu Colmar wurde der 10-jährige KARL
unter LOTHARS Verantwortung
ins Eifelkloster Prüm gesperrt, aus dem ihn der Sturz
LOTHARS
befreite. Ende des Jahres 838 verfügte der Kaiser von sich aus eine
neue Ausstattung KARLS, die die zentralen
Bereiche der Francia von Friesland über die Gaue zwischen Maas und
Seine bis weit nach Burgund umfaßte, wogegen Ludwig
und
LOTHAR protestierten. Während
im Sommer 838 Ludwig dem Deutschen
alle rechtsrheinischen Gebiete bis auf Bayern wieder entzogen wurden, stieg
der Stern KARLS
immer höher. Im
September wurde er in Quierzy nach Vollendung des 15. Lebensjahres mit
dem Schwert umgürtet und von seinem Vater zum König gekrönt,
wobei er Neustrien als Unterherrschaft erhielt, anscheinend neben dem im
Vorjahr verfügten Erbteil. Ende Mai 839 auf der Reichsversammlung
in Worms teilte Kaiser LUDWIG I., nachdem
er sich mit seinem ältesten Sohn ausgesöhnt hatte, das Erbe erneut,
abzüglich des für Ludwig den Deutschen
vorbehaltenen bayerischen "Pflichtteils", entlang von Maas, Saone, Rhone
und W-Alpen. LOTHAR wählte die
östliche, Italien einschließende Hälfte,
KARL
die
westliche und damit auch den Konflikt mit den Söhnen des eben verstorbenen
Bruders Pippin.
KARL DER KAHLE hatte
überhaupt die schwierigste Ausgangslage unter den 3 Brüdern zu
meistern. Nach dem Wegfall der väterlichen Protektion erwies sich
seine Herrschaft in Aquitanien als kaum durchsetzbar, aber auch in der
westlichen und südlichen Francia hatten sich 840/41 zunächst
viele Magnaten ihm verweigert und LOTHAR
zugewandt. Erst nach dem Sieg von Fontenoy (25.6.841) konnte KARL
daran
gehen, sich bestimmenden Einfluß auf die Kirchen und ihren Besitz
zu sichern, indem er Ebo, den im Vorjahr wiedereingesetzten Erzbischof
von Reims, endgültig verdrängte und immerhin Drogos Bruder, den
Abt von Saint-Quentin und letzten Kanzler LUDWIGS
DES FROMMEN, auf seine Seite zog. An der Spitze des Hofklerus
erscheint jedoch als Erzkapellan Bischof Ebroin von Poitiers, zugleich
Abt von Saint-Germain-des-Pres in Paris, der früher bei Pippin
I. von Aquitanien Kanzler gewesen war und sich durch Herkunft
aus der im ganzen fränkischen Westen mächtigen Sippe der RORGONIDEN
empfahl, während KARL für
das Amt des Erzkanzlers einen mit diesem gemeinsamen Verwandten gewann:
Ludwig,
der einer Verbindung von KARLS DES GROSSEN
Tochter Rortrud mit eben dem Grafen
Rorico/Rorgo entstammte und nun zum Abt von Saint-Denis gemacht wurde.
Aus diesem Kloster wiederum ging 845 der Mönch Hinkmar hervor, mit
dessen Erhebung zum Erzbischof KARL
die lange Vakanz in Reims beendete. Bedachtsam war auch die Wahl des Gattin,
die der 19-jährige König Ende 842 ehelichte, denn sie fiel auf
Irmintrud,
die Tochter des 834 gegen LOTHAR gefallenen
Grafen Odo von Orleans und Nichte des einflußreichen Seneschalk Adalhard,
"weil er (durch diese Heirat) den größten Teil des Volkes für
sich zu gewinnen glaubte" (wie Nithard durchaus kritisch anmerkte). Jedenfalls
gebar Irmintrud nach einer Tochter
Judith 846 den Stammhalter Ludwig,
dem im kurzem Abstand noch drei weitere Söhne, Karl,
Karlmann
und
Lothar, folgten. Neben der
dynastischen Sicherung seiner Herrschaft besorgte KARL
auch
eine gleichsam konstitutionelle, indem er im November 843 bald nach dem
Vertragsabschluß von Verdun, auf einer Reichsversammlung in Coulaines
bei Le Mans schriftlich eine Vereinbarung seiner weltlichen und geistlichen
Großen billigte, die auf eine Garantie der honores von Kirche, König
und Getreuen abzielte und jeden Mißbrauch von "Verwandtschaft, Hausgenossenschaft
oder Freundschaft" mit dem König zum persönlichen Vorteil ausschließen
sollte: "Es ist der Gedanke des gleichen und gemeinsamen Rechtes, der die
im gleichen Teilreich zusammengeführten Herren eine Genossenschaft
bilden läßt, die dem König gegenübertritt" (P.Classen).
Vom halbwegs gefestigten Terrain der westlichen Francia
aus suchte sich KARL DER KAHLE, ungeachtet
der ständig zunehmenden Herausforderung durch die Normannen, auch
weiter südlich Geltung zu verschaffen. Beim Vorstoß nach Aquitanien
konnte er 844 zwar den Grafen Bernhard von Septimanien, einst Favorit seiner
Mutter Judith, mit List in seine Gewalt
bringen und als Hochverräter hinrichten lassen, doch wußte sichPippin
II. weiter im Lande zu behaupten und fügte KARLS
Aufgebot
bei Angouleme eine empfindliche Niederlage zu, die
Hugo
von Saint-Quentin das Leben kostete und den Erzkapellan Ebroin
von Poitiers zum Gefangenen machte. KARL
blieb nichts anderes übrig, als im Frühjahr 845 (während
gerade die Wikinger in Paris wüteten) mit dem Neffen einen Friedensvertrag
in Fleury abzuschließen, worin
Pippingegen
ein allgemeines Ergebenheitsversprechen die Hoheit über fast ganz
Aquitanien zugestanden wurde. Nicht minder zu einem Debakel geriet der
anschließende Versuch, die Bretonen wieder botmäßig zu
machen, die unter ihrem Anführer (dux) Nominoe während der fränkischen
Reichskrise kräftig an Boden gewonnen und zudem in den Söhnen
von LOTHARS Parteigänger Lambert
von Nantes (+ 837) Verbündete gefunden hatten.
KARLS
Aufmarsch gegen sie endete am 22.11.845 in einem Gefecht bei Ballon unweit
von Redon, in dem Nominoe obsiegte, was auch hier eine Einigung auf der
Basis des ungünstigen Status quo erforderlich machte (846). KARL
ließ sich gleichwohl nicht entmutigen und hatte 848 mehr Glück,
als ihm beim normannischen Einfall in Aquitanien ein gewisser Abwehrerfolg
gelang, der, verglichen mit Pippin,
den Eindruck größerer Schlagkraft vermittelte. Das konnte er
nutzen, um sich sogleich in Orleans von vielen, freilich nicht allen, aquitanischen
Großen zum König ihres Landes akklamieren, also wählen,
und überdies durch Erzbischof Wenilo von Sens salben und krönen
zu lassen. Er erlangte auf diese Weise eine formal nicht durch den Vertrag
von Verdun begründete und zudem sakral bekräftigte Autorität,
die auch auf die Francia ausstrahlte, ihn vor allem aber beflügelte,
849 unangefochten bis Limoges und Toulouse vorzudringen. Pippin
II. dagegen sah seinen Anhang schwinden und fiel 852 - wie schon
849 sein jüngerer Bruder Karl -
in die Hände KARLS DES KAHLEN,
der ihn im Kloster Saint-Medard in Soissons festsetzte. Der (einstweilige)
Durchbruch in Aquitanien ließ sich allerdings gegenüber der
Bretagne nicht wiederholen, deren Herrscher Nominoe sich vielmehr politisch
und kirchlich vollends verselbständigen und einen Metropoliten in
Dod einsetzte, und von ihm, wohl 850, zum König gesalbt zu werden.
Nach seinem plötzlichen Tod (851) nahm der Sohn und Nachfolger Erispos
im August 851 in einer dreitägigen siegreichen Schlacht am Fluß
Vilaine den W-Franken jede Hoffnung auf einen Umschwung und erzwang im
Frieden von Angers seine Anerkenneng samt Überlassung der ganzen bretonischen
Mark um Nantes und Rennes.
Auf die mit knapper Not überstandenen Krise in Aquitanien
reagierte
KARL DER KAHLE in ganz dynastischewr
Weise: Da er sich auch weiterhin mit Pippins
Sonderherrschaft nicht abfinden mochte, suchte er die eigene Familie gerade
in den gefährdeten Zonen seines Reichsteils verstärkt sichtbar
zu machen. Den etwa 8-jährigen Sohn Karl
das Kind bestimmte er im Oktober 855 den Aquitaniern "auf ihren
Wunsch", wie es heißt, zum König und ließ ihn in Limoges
salben und krönen, um
Pippinden
Boden zu entziehen, während er für seinen Ältesten, den
mit einem Sprachfehler behafteten
Ludwig den Stammler,
856 ein Verlöbnis mit einer Tochter des Bretonen-Führers Erispoe
verabredet und den 10-jährigen mit einem Unterkönigtum im angrenzenden
Neustrien ausstattet. Offenbar gedachte
KARL
auf diese beiden überhaupt sein monarchisches Erbe zu beschränken,
denn zu 854 wird auch überliefert, dass sein dritter Sohn Karlmann
die geistliche Tonsur erhielt, also entgegen aller Familientradition trotz
legitimer Abkunft von der Aussicht auf Machtbeteiligung ausgeschlossen
werden sollte. Der Grund kann eigentlich nur in der Sorge vor einer Zersplitterung
W-Frankens durch allzu viele konkurrierende Thronanwärter gesehen
werden, anders als im Falle des jüngsten Königs-Sohns
Lothar, der wegen angeborener Gebrechen von vornherein als herrschaftsunfähig
gegolten hatte und in jungen Jahren ins Kloster gegeben wurde.
Die stabilisierende Wirkung, die sich KARL
DER KAHLE von dieser zeitigen "Hausordnung" versprach, sollte
ihm gewiß den Rücken freihalten angesichts der politischen Unwägbarkeiten,
die sich 855 aus dem absehbaren Ende LOTHARS I.
ergaben.
Was sich als "Samtherrschaft" des
karolingischen Hauses gedacht war, bot sich damit für die
nächste Zeit als ein Nebeneinander von 5 Teilreichen dar, die sich
nach Größe und innerer Kohärenz deutlich unterschieden.
Das Kaisertum war von Aachen, ja der gesamten Francia gelöst, weshalb
nördlich der Alpen um so mehr der Gegensatz zwischen den beiden KARLS-Enkeln
im Westen und im Osten dominierte, die sich wechselseitig am Eingreifen
in die Händel ihrer jungen Neffen im Mittelreich gehindert hatten.
Gegenüber Ludwig dem Deutschen,
der 856 Karl, den aus westfränkischer
Haft entkommenen jüngeren Bruder Pippins
von Aquitanien, als Erzbischof in Mainz installierte (+ 863),
blieb KARL DER KAHLE weiter im Nachteil.
Weder vermochte er gegen Pippin viel
Boden gutzumachen noch gar der Normannen Herr zu werden, die ihre Plünderungen
von Städten und Klöstern ungehemmt fortsetzten und durch die
Einrichtung fester Stützpunkte in den Mündungsgebieten von Seine,
Loire und Gironde geradezu systematisierten. Obendrein mußte
KARL
857
erleben, dass Erispoe ermordet wurde und der neue Bretonenkönig Salomon
sogleich Ludwig den Stammler aus seinem
angrenzenden Unterkönigtum um Le Mans verjagte. Verärgerte, zum
Widerstand entschlossene Große namentlich aus Aquitanien und Neustrien
hatten schon 856 eine Intervention Ludwigs des
Deutschen erbeten, der jedoch nur abwinkte. KARL
DER KAHLE suchte sich 857 durch ein Bündnis mit Lothar
II. zu sichern, was Ludwig
zu einem Treffen mit seinem kaiserlichen Neffen in Trient veranlaßte.
Als ihm 858 erneut eine westfränkische Adelsgruppe um Robert den Tapferen,
den Grafen von Anjou und Touraine aus dem ursprünglich rheinfränkischen
Hause der ROBERTINER, und den Erzbischof
Wenilo von Sens die Herrschaft anbot, hielt er sich nicht länger zurück
und gedachte seine Stellung als ältester und mächtigster Teilkönig
des Hauses eine fühlbare Suprematie über das
karolingische Gesamtreich umzumünzen. Während KARL
DER KAHLE nach der Verschleppung seines Erzkanzlers, des KARLS-Enkels
Ludwig
von Saint-Denis, durch die Normannen zusammen mit Lothar
II. die Feinde auf der Seine-Insel Oscellus (bei Rouen) belagerte,
drang Ludwigim Herbst 858 von Worms
aus bis in die Gegend von Orleans vor und traf am 12.11. bei Brienne an
der Aube auf KARL, der jedoch wegen
seines tägliche schwindenden Anhangs dem Kampf auswich und nach Burgund
floh. Ludwig richtete sich in der Pfalz
Attigny ein, wo er Lothar II. empfing,
urkundete in westfränkischen Belangen und glaubte sich am Ziel seiner
kühnsten Wünsche.
In diesem Moment setzte die im französischen Geschichtsbewußtsein
berühmt gewordene Gegenbewegung zugunsten KARLS
ein, freilich nicht aus einer nationalen oder sprachlichen Aversion gegen
den ostfränkischen Eindringling, sondern, historisch nicht minder
bemerkenswert, aus verletztem Rechtsempfinden über die Mißachtung
der beiden Verträge und eines gesalbten Königs, letztlich aus
dem Bedürfnis nach Wahrung der Reichsteilung, die inzwischen als dauerhafte
Friedensordnung erschien. Es kennzeichnet den geschichtlichen Wandel, dass
der Umschwung von Männern der einst eher universalistisch eingestellten
Kirche ausging, die sich unter Führung des Erzbischofs Hinkmar von
Reims einer von Ludwig anberaumten
Synode, womöglich zu dessen Krönung, verweigerten. Ihr Beispiel
förderte bald auch bei vielen weltlichen Großen ein Verhalten,
das Ludwigs
Herrschaftsanspruch ins
Leere gehen ließ. Nachdem er noch das Weihnachtsfest in Saint-Quentin
begangen hatte, sah er sich am 15.1.859 zum Rückzug vor dem herannahenden
KARL
gezwungen und überließ ihm kampflos das Feld. Die förmliche
Wiederherstellung des Friedens erforderte mehr als Jahresfrist und lag
vornehmlich in den Händen des Episkopats sowie König
Lothars II., der sich vorab mit KARL
DEM KAHLEN aussöhnte und dann Mitte 859 als Vermittler
und Gastgeber zunächst einer Zusammenkunft mit ihm und Karl
von der Provence samt den jeweiligen Bischöfen in Savonnieres
(bei Toul), schließlich einer direkten Begegnung KARLS
DES KAHLEN mit Ludwig dem Deutschen
auf einer Rheininsel bei Andernach auftrat. Am schwersten fiel die Einbeziehung
der westfränkischen Großen in die Einigung, denn Ludwigbeharrte
auf einer Amnestie für seine Parteigänger, wozu sich
KARL nur sehr zögernd bereitfand. Erst daraufhin wurde
es möglich, Anfang Juni 860 in Koblenz den Konflikt endgültig
beizulegen und, wenn schon nicht die Brüderlichkeit, so doch den Respekt
vor den vereinbarten Grenzen gegenseitig auf Romanisch und Fränkisch
zu beschwören.
Auf Seiten KARLS DES KAHLEN
stehen nach der schweren Krise von 858/59 politisch-militärische Erfolge
nach außen heftigen Verwicklungen in seinem familiären und aristokratischen
Umfeld gegenüber. Des aquitanischen Dauerproblems wurde er nun endlich
ledig, da Pippin II. ohne die Aussicht
auf Unterstützung durch andere KAROLINGER
mehr
und mehr an Boden verlor und zuletzt nur noch mit den Normannen im Bunde
das Land unsicher machte, bis er 864 aufgegriffen wurde und in Klosterhaft
in Senlis verschwand. Gegen die Bretonen unter dem dux Salomon, denen sich
rorgonidische Grafen und selbst der Königs-Sohn
Ludwig
der Stammler, zuvor neustrischer Unterkönig, zugewandt
hatten, half die Aussöhnung KARLS
mit Graf Robert dem Tapferen (861), dessen Schlagkraft zumindest mittelbar
einen erträglichen Friedensschluß in Entrammes bei Le Mans (863)
herbeiführte. Als Befehlshaber im Raum zwischen Seine und Loire war
Robert auch sehr wirksam in der Normannenabwehr, die der König jetzt
durch vermehrten Befestigungsbau und dank gesteigerter Abgaben der Untertanen
soweit zu intensivieren verstand, dass den Feinden das Vordringen merklich
erschwert wurde. Roberts Tod im Gefecht bei Brisssarthe im Anjou (866)
begründete wesentlich den Ruhm seines Geschlechts, der späteren
KAPETINGER,
gehört im Grunde aber bereits in eine Phase nachlassender normannischer
Aggressivität, die sich für ein Jahrzehnt wieder stärker
gegen England kehrte. Da Roberts Söhne, die nachmaligen Könige
Odo und Robert, noch minderjährig
waren, traten zunächst wieder Repräsentanten anderer großer
Familien in den Vordergrund: der WELFE
Hugo ("der Abt", als Inhaber von Saint-Germain in Auxerre), überKaiserin
Judith ein Vetter des Königs, im Besitz der Befehlsgewalt
in Neustrien und 867 der RORGONIDE Gauzlin als Nachfolger Ludwigs
von Saint-Denis in der Würde des Erzkanzlers.
Gleichzeitig verdüsterte sich jedoch die Zukunft
des W-Reiches. Beide königliche Söhne KARLS
DES KAHLEN, so berichtet Erzbischof Hinkmar in seiner 861 aufgenommenen
Fortsetzung der Reichsannalen, wählten 862 eine Gattin gegen Willen
des Vaters, ließen sich also für Adelsgruppen gewinnen, deren
Bevorzugung nicht den aktuellen Zielen des Hofes entsprach. Karl
das Kind, der kaum 15-jährige König Aquitaniens, verband
sich mit der Witwe des Grafen Humbert (von Bourges?), was der Vater als
Rebellion betrachtete und 863 mit dem Einmarsch in Aquitanien, mit der
Absetzung des Sohnes und dessen Inhaftierung in Compiegne ahndete. Als
KARL
865 einen neuen Versuch mit seinem gleichnamigen Sohn als König von
Aquitanien machte, litt dieser bereits schwer an den Folgen eines Jagdunfalls,
denen er 866 erlag. Dass schon 865 auch der bei der Geburt schwächliche
Sohn Lothar, zuletzt nomineller Abt
von Saint-Germain in Auxerre, und anscheinend um dieselbe Zeit Zwillingssöhne
im Kindesalter verstorben waren, mag den besorgten
KARL bewogen haben, seiner etwa 36-jährigen Gattin Irmintrud
866 in Soissons eine feierliche Salbung und Krönung durch die Bischöfe
mit Gebetsbitte um weitere Nachkommmenschaft zuteil werden zu lassen, doch
hinderte ihn dies keineswegs, kurz darauf deren Bruder als Aufrührer
mit dem Tode zu bestrafen. Als Erbe geblieben war ihm allein der zuvor
wenig bewährte Ludwig der Stammler,
dem er 867 das vakante aquitanische Regnum anvertraute und dessen Gemahlin
Ansgard zwischen 863 und 866 die Enkel
Ludwig (III.) und Karlmann
zur Welt brachte. Sein Vorrang scheint ab 870 den früh ins Kloster
gegebenen und inzwischen mit mehreren Abteien ausgestatteten Königs-Sohn
Karlmann
zum Aufstand getrieben zu haben, der jedoch trotz einiger hochmögender
Mitverschworener KARL kaum ernsthaft
gefährden konnte und 873 mit Karlmanns
Bestrafung durch Blendung sein düsteres Ende fand (+ 876).
Da Kaiser LUDWIG II.
nach dem Tode seines Bruders Lothar II. (8.8.869)
keine Anstalten machte, über die Alpen zu kommen und Ludwig
der Deutsche in den entscheidenden Wochen krank in Regensburg
darniederlag, war die Bahn frei für KARL
DEN KAHLEN, der durch rasches Vorgehen im Wechselspiel mit seinem
Anhang im Lande allen konkurrierenden Bestrebungen zuvorkam. Seine Königskrönung
in Metz, bereits am 9.9.869 feierlich nach einem von Erzbischof Hinkmar
entworfenen Ritus vollzogen, bezeugt ebenso wie der anschließende
Zug nach Aachen und die Einsetzung neuer Erzbischöfe in Trier und
Köln KARLS Entschlossenheit, entgegen
früheren Teilungsabreden vom ganzen regnum Lotharii Besitz zu ergreifen
und sich damit ein klares gesamtfränkisches Übergewicht zu sichern.
Im Vollgefühl des Erfolges feierte er Anfang 870 in Aachen die Hochzeit
mit seiner zweiten Gattin Richilde,
einer Nichte Theutbergas und Hukberts,
die an die Stelle der 869 gestorbenen Irmintrud
trat und deren Bruder Boso von nun
an eine wesentliche Rolle spielen sollte. Allerdings ließ sich der
auf Anhieb erzielte Gebietszuwachs nicht völlig halten, als der ostfränkische
Ludwig
nach seiner Genesung die eigenen Ansprüche anmeldete und dafür
ebenfalls Anklang unter den lotharingischen Großen fand. Eine
Teilung wurde doch noch unumgänglich und nach einer grundsätzlichen
Einigung im März in allen Einzelheiten im Vertrag von Meersen vom
August 870 vereinbart. Danach erhielt Ludwig die
Gebiete östlich von Maas, oberer Mosel und Saone, mithin auch Metz
und Aachen, verzichtete aber auf die Gegenden von Lyon und Vienne, die
Lothar II. erst 863 als Erbe Karls
von der Provence gewonnen hatte. Dort schritt KARL
DER KAHLE sogleich gegen Graf Gerhard von Vienne, seinen alten
Feind, ein und ersetzte ihn durch seinen neuen Schwager Boso,
während im nördlich angrenzenden Raum zwischen Jura und Alpen,
der unverändert zum Reich LUDWIGS II.gehörte,
schon seit längerem der WELFE
Konrad, wie sein Bruder Hugo der Abte ein Vetter
KARLS DES KAHLEN, dominierte, nachdem er 864 Hukbert bezwungen
und getötet hatte. Zum Ersatz für das entgangene Aachen baute
KARL
in den folgenden Jahren die Pfalz Compiegne aus und verband mit ihr ein
Stift, das 877 eingeweiht wurde.
KARL DER KAHLE konzentrierte
sich auf das Kaisertum, dessen Weitergabe nach LUDWIGSTod
beim Papst liegen würde, und ließ sich 872 von Hadrian II. wie
auch dessen Nachfolger Johannes VIII. (872-882) vertrauliche Zusagen geben,
während sein Bruder über eine Art Hausvertrag die Nachfolge seines
Sohnes Karlmann sichern wollte.
KARL
DER KAHLE, vom Papst herbeigerufen, drang eilends in die Lombardei
vor und vermochte dort im Herbst zuerst
KARL III.,
dann auch Karlmann, den Söhnen
des von der Witwe Angilberga alarmierten
Ludwigs
des Deutschen, den weiteren Vormarsch abzuschneiden. Obwohl
sein Bruder Ludwig ins W-Frankenreich
eindrang und Weihnachten 875 in KARLS
Pfalz Attigny feierte, drang KARL davon
unberührt weiter nach Rom vor, wo er am 17.12. Einzug hielt und am
25.12., genau 75 Jahre nach seinem Großvater, aus der Hand des Papstes
die Kaiserkrone empfing. Von großer historischer Tragweite war, dass
diese Rangerhöhung auf einer Auswahlentscheidung Johannes' VII. beruhte
und erst in der Krönung rechtliche Gestalt gewann, denn so sollte
es fortan auf Jahrhunderte bleiben.
Als Kaiser, von dem zumal der Papst tätigen Schutz
der römischen Kirche erwartete, hätte KARL
DER KAHLE sogleich Anlaß gehabt, gegen die wieder offensiv
gewordenen Sarazenen im S einzuschreiten, doch überließ er dies
dem dux Lambert von Spoleto und dessen Bruder Wido II. (aus dem durch LOTHAR
I. dorthin gekommenen fränkischen Hause der WIDONEN)
und ging selber daran, sich in der Nachfolge LUDWIGS
II. wenigstens in Mittel- und Oberitalien Achtung zu verschaffen.
Da sich die ostfränkischen Neffen verzogen hatten, brachte er ziemlich
mühelos in Pavia eine Reichsversammlung zustande, die ihn im Februar
876 zum protector und defensor des italienischen Regnums proklamierte.
Als bevollmächtigter dux und missus setzte er seinen Schwager Boso
von Vienne ein, der sich alsbald durch Heirat mit Irmingard,
der Tochter LUDWIGS II., eine zusätzliche
Legitimation für eine umfassende Statthalterschaft sicherte. KARL
selbst strebte nämlich eine schnelle Rückkehr nach W-Franken
an, wo er eingedenk des erst kürzlichen Einfalls Ludwigs
des Deutschen seine Autorität mit Hilfe der in Rom erlangten
hohen Würde neu befestigen wollte. Aufsehen erregte, dass er "alle
Gewohnheit fränkischer Könige verachtend" sich nach Meinung der
Fuldaer Annalen den Seinen in unüblicher Kleidung präsentierte,
"den Königstitel ablegte und sich Kaiser und Augustus nennen ließ
über alle Könige diesseits des Meeres". Forum seines gesteigerten
Selbstgefühls wurde eine große Versammlung im Juni/Juli in Ponthion,
auf der er "in golddurchwirktem Gewand", sehr zum Verdruß des anwesenden
Hinkmar von Reims, die vom Papst gewährte Erhebung des Erzbischofs
Ansegis von Sens zum apostolischen Vikar "für Gallien und Germanien"
(wie einst Drogo) bekanntgeben ließ, eine akklamatorische Bekräftigung
seines Kaisertums entgegennahm und allen Anwesenden einen förmlichen
Treueid abverlangte. Dass Große, wie ausdrücklich bezeugt wird,
"aus Franzien, Aquitanien, Septimanien, Neustrien und der Provence" zugegen
waren, machte das 843 geschaffene W-Frankenreich zum ersten (und einzigen)
Male in vollem räumlichen Umfang erfahrbar und bezeichnet den Höhepunkt
in KARLS langer Regierung. Er schien
sein Erbteil endlich geeint und nach der Vermehrung um das halbe Lotharingien
obendrein fest mit Italien verbunden zu haben, so dass der Kaisertitel
einem ganz offenkundigen Übergewicht im Verhältnis zu dem älteren
Bruder im Osten Rechnung trug. Bevor seine Neffen nach dem Tode Ludwigs
des Deutschen (28.8.876) überhaupt zu einer Teilung zusammenkamen,
sahen sie sich durch einen eiligen Vormarsch ihres kaiserlichen Onkels
herausgefordert, der, ungeachtet einer gerade wieder akuten Normannengefahr
im Seineraum, über Aachen nach Köln vordrang, um die Annexion
des östlichen Lotharingien und wohl auch der linksrheinischen Gebiete
O-Frankens um Mainz, Worms und Speyer, also die Rheingrenze, durchzusetzen.
Wenige Tage nachdem seine Kanzlei bereits eine Urkunde "im ersten Jahr
der Nachfolge des Königs Ludwig"
datiert hatte, brachte ihm jedoch Ludwig der Jüngere
mit einem Aufgebot aus Sachsen, Thüringern und Franken am 8.10.876
bei Andernach eine empfindliche Niederlage bei, die ihn zum sofortigen
Rückzug und zur Aufgabe seiner Pläne nötigte.
KARLS DES KAHLEN
kaiserliche Autorität hatte mit dem Debakel von Andernach ihren Zenit
überschritten. Weder vermochte er weiter den Bestand des nun dreigeteilten
O-Frankenreiches zu bedrohen, noch gelang ihm die Vertreibung der Wikinger
von der unteren Seine auf andere Weise als durch einen hohen Tribut, der
im Frühjahr 877 über eine allgemeine Umlage in W-Franken aufgebracht
werden mußte. Als dann auch noch die Hilferufe des Papstes immer
dringender wurden, der über sarazenische Raubzüge in der römischen
Campagna, über die Bedrohung der Stadt selbst und über die Untätigkeit
der Spoletiner Herzöge klagte, war die Überforderung KARLS
augenscheinlich: Er mochte sich dem Appell an seine Kaiserpflichten nicht
länger entziehen, zumal unmittelbar auch seine Hoheit über Italien
auf dem Spiel stand, stieß aber mit dem Plan eines abermaligen Zuges
über die Alpen bei den Großen seiner Umgebung auf sichtlichen
Widerwillen. Da Dauer und Ausgang des Unternehmens völlig ungewiß
waren, schienen sorgsame Vorkehrungen erforderlich, wie sie auf einer Reichsversammlung
in Quierzy im Juni 877 in einem Kapitular niedergelegt wurden. Darin wird
mit einem Sieg über die Sarazenen ebenso wie mit der Nachricht vom
Tod des Kaisers oder einem ostfränkischen Angriff in der Zwischenzeit
gerechnet, in jedem Fall aber den Lehnsträgern die Aussicht auf Erblichkeit
ihrer Lehen nach kriegsbedingten Todesfällen eröffnet. Im Mittelpunkt
steht jedoch die Einsetzung Ludwigs des Stammlers
zum Regenten unter Bedingungen, die von massivem "Mißtrauen des Vaters
gegen den einzig möglichen Thronerben" (C. Brühl) diktiert scheinen.
Der von den westfränkischhen Großen allenfalls
hingenommene Italienzug wurde ein Fiasko. KARL
DER KAHLE traf Anfang September in Vercelli und Pavia mit Johannes
VIII. zusammen, der ihm von einer kurz zuvor in Ravenna gehaltenen großen
Synode zur Bestätigung seiner Kaiserwürde berichtete, erfuhr
jedoch gleichzeitig, dass sein Neffe Karlmann
von O-Franken mit starker Heeresmacht die Alpen überquert
hatte und ihm entgegeneilte. Da er sich mit seinem geringem Gefolge dem
nicht gewachsen fühlte, forderte er dringend die verabredete Heranführung
des westfränkischen Hauptkontingents an, mußte aber erleben,
dass sich ihm nun seine Großvasallen versagten, allem voran Boso
von Vienne, doch auch Hugo der Abt, Bernhard von Autun, Bernhard
von Gothien und andere. Es blieb dem Kaiser nichts übrig als die Preisgabe
Italiens und schleunige Flucht über die Alpen, bei der er kurz nach
dem Passieren des Mont-Cenis am 6.10.877 in dem Dorf Avrieux in
Savoyen mit 54 Jahren gestorben ist. Nach provisorischer Bestattung im
Kloster Nantua wurde er später nach Saint-Denis überführt.
Auch wenn der letzte Enkel des großen KARL
als Gescheiterter die historische Bühne verließ, hat er doch
für die französische Geschichte keine geringere Bedeutung gehabt
als sein Bruder Ludwig
für die
deutsche.
Mühlbacher Engelbert: Band II Seite 336
******************
"Deutsche Geschichte unter den Karolingern"
Flucht und Tod Kaiser KARLS II.
Aus ihrer Sicherheit wurden sie durch die Nachricht aufgeschreckt,
daß der Bayern-König Karlmann
mit einem starken Heer in Italien eingebrochen sei und gegen Pavia marschiere.
Papst und Kaiser flüchteten. Erst in Tordona machten sie Halt. Schleunigst
ließ der Kaiser noch hier in der kleinen Landschaft, statt, wie es
wohl geplant gewesen war, in Rom seine Gemahlin zur Kaiserin krönen
und sandte sie mit seinen Schätzen über den Mont Cenis nach St.
Maurienne voraus. In steigender Angst erwartete er die aufgebotenen Lehensmannen.
Er wartete vergeblich, seine Getreuesten überließen ihn seinem
Schicksal. Das Mißvergnügen über den Zug nach Italien,
der ihnen so große Opfer zumutete, hatte fast alle Großen des
W-Reiches und selbst die Bischöfe zu einer Verschwörung gegen
den Kaiser geeint. Sie verweigerten den Zuzug. Schon nahte auchKarlmann.
"Nach
seiner Gewohnheit - denn sein Leben lang pflegte er, wo er dem Feind die
Stirne bieten sollter, offen den Rücken zu kehren oder heimlich seinen
Soldaten davonzulaufen", schreibt der deutsche Annalist - ergriff der Kaiser
die Flucht. Auf der hastenden Flucht packte den Kaiser das Fieber. Man
beschuldigte seinen Leibarzt, einen Juden Sedechias, der ihm ein Pulver
verordnet hatte, daß er ihm Gift gereicht habe. In einer Sänfte
wurde der Todkranke über den Mont Cenis gebracht. In einem kleinen
Weiler, Namens Brides, mußte Halt gemacht werden. Nur eine elende
Hütte bot Unterkunft. Die Kaiserin wurde herbeigeholt. Aus den Händen
des Sterbenden empfing sie eine Urkunde, welche seinen Sohn Ludwig
zum König bestellte, und die Reichsinsignien, das "Schwert des heiligen
Petrus", die königlichen Gewänder, Krone und Zepter, um sie dem
Thronfolgter zu überbringen. Am 6. Oktober 877 starb KARL
DER KAHLE. Die Leiche wurde einbalsamiert und auf einer Bahre
weitergetragen, sie sollte un St. Denis, wie der Verstorbene es gewünscht
hatte, bestattet werden. Doch bald verbreitete sie einen so greulichen
Gestank, daß man sie in ein innen und außen verpichtes und
in Leder eingenähtes Faß legte. Es half nichts. Der Verwesungsgeruch
wurde immer unerträglicher. Man vermochte die Leiche nicht mehr weiter
zu schaffen und übergab sie im Kloster Nantua (unfern Lyon) in dem
Faß, das als Sarg gedient hatte, der Erde. KARL
DER KAHLE hat eine seiner würdiges Ende gefunden.
13.12.842
1. oo Irmintrud, Tochter Odos von Orleans
27.9.830-6.10.869
12.10.869
2. oo Richilde, Tochter des Grafen Buin
1.8. -22.3.929
Kinder:
1. Ehe
Judith
844- 870
1.10.856
1. oo Aethelwulf König von Wessex
- 858
858
2. oo Aethelbald König von Wessex
- 860
862
3. oo Balduin I. Graf von Flandern
- 879
Ludwig II. der Stammler
846-10.4.879
Karl König von Aquitanien
847/48-29.9.866
durch Unfall
Karlmann Abt von St. Germain d'Auxerre (22.1.866-876)
-
876
Lothar Abt von St. Germain d' Auxerre
um 850-25.12.865
Ermentrud Äbtissin von Hasnon
-
2. Ehe
Rothild
871-22.5.928/29
890
oo Rotger Graf von Maine
-31.10.900
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