Im Jahre 395 erhoben sich die Goten
im Reich erneut zu einem Aufstand. In der Zwischenzeit hatten sie den 25-jährigen
Alarich zu ihrem Führer gemacht, und er hatte erkannt,
daß sich der Großteil der Osttruppen, die Theodosius
in den Westen begleitet hatten, noch immer in Mailand befand, das Oströmische
Reich also folglich praktisch schutzlos war. Die Gelegenheit war zu günstig,
um sie nicht beim Schopf zu packen. Unter dem Vorwurf, es geschehe aus
Zorn darüber, daß Stilicho
und nicht er Magister militum geworden war, richteten Alarich
und seine Banden in ganz Mösien und Thrakien Verwüstungen an
und rückten bis kurz vor die Mauern von Konstantinopel vor. Dort aber
machten sie kehrt. Wahrscheinlich hatte sich Alarich
von Rufinus bestechen lassen; dieser hatte nämlich dem Lager,
wie man weiß, als Gote verkleidet mehrere Besuche abgestattet, und
seine angrenzenden Ländereien blieben verdächtig unversehrt.
Alarich
wandte sich dann Richtung Westen gegen Makedonien und Thessalien. Zwar
konnte die Bevölkerung der Hauptstadt aufatmen, doch war die Situation
so bedrohlich gewesen, daß Arkadios
an Stilicho eine dringende Botschaft mit dem Befehl nach Mailand
sandte, die Ostarmee so rasch wie möglich zurückzuführen.
Nach dem Abzug der kaiserlichen Armee konnten Alarich
und seine Anhänger ihren Vormarsch ungehindert fortsetzen. Sie zogen
Richtung Süden durch Thessalien, gelangten ohne Widerstand durch den
historischen Engpaß der Thermopylen und nach Boötien und Attika.
Nur wenige Städte oder Dörfer auf ihrem Weg entgingen ihrer Aufmerksamkeit.
Der Hafen von Piräus wurde vollständig zerstört, und Athen
hätte gewiß dasselbe Schicksal erlitten, hätten seine Mauern
nicht so furchterregend ausgesehen. Fest steht, daß Alarich
vom Befehlshaber der Festung mit einem fürstlichen Bankett bewirtet
und zu einer Einigung überredet wurde. Nachdem er kurz angehalten
hatte, um den bedeutenden Demetertempel in Eleusis in Brand zu stecken,
überquerte Alarich mit seiner
Armee den Golf von Korinth zum Peloponnes, verwüstete die Argolis
und zog weiter südwärts, um Sparta und die reichen Städte
der Ebene zu plündern. Dann, im Frühjahr des Jahres 396, wandten
sich die Goten nach Westen, wo sie bei Pylos das Meer erreichten und der
Küste entlang wieder Richtung Norden zogen, und zwar bis Elis. Doch
dort erwartete sie eine nette Überraschung: Stilicho war, mit
einer neuen Armee, auf dem Seeweg von Italien zurückgekommen. In Pholoe
am Alphios, nicht weit von Olympia, fanden sich die Goten umzingelt. Endlich,
so schien es, waren sie dem Magister militum ausgeliefert. Als Stilicho
kurz davor stand, den Sieg zu erringen und den Goten den Gnadenstoß
zu geben, ließ er sie absichtlich entkommen.
Weshalb? Zosimos' Erklärung, Stilicho habe
"seine Zeit mit Huren und Possenreißern vergeudet", ist geradezu
lächerlich. Claudians Vorschlag, er habe den Befehl dazu von Arkadios
erhalten und dieser habe mit Alarich
ein geheimes Abkommen getroffen, wird von den Fakten kaum erhärtet.
Hätte ein solcher Vertrag bestanden, wären die Goten kaum mordend
und plündernd über den Golf von Korinth weiter nach Norden bis
in die Berge von Epirus gezogen. Einen Friedensvertrag mit dem Imperium
schlossen sie schließlich erst im folgenden Jahr. Er bestimmte unter
anderem, daß Alarich der Titel
des Magister militum per Illyricum verliehen wurde, eine eigenartige
Belohnung für all die Verwüstungen, die er und seine Soldaten
angerichtet hatten. Offenbar hatte er in Pholoe tatsächlich eine Vereinbarung
getroffen, allerdings mit Stilicho und nicht mit Arkadios.
Im Frühsommer des Jahres 401 marschierte der Gote
Alarich mit seinen Truppen in Italien ein. Alarich,
der größte aller Gotenfürsten und der einzige, dessen Name
in der Geschichtsschreibung Eingang fand, beherrschte die ersten Jahre
des 5. Jahrhunderts. Bei der Jahrhundertwende war er knapp üner 30
und seit seinem 25. Altersjahr Anführer der Westgoten.
Er hatte das gesamte Gebiet von den Mauern Konstantinopels bis zum südlichen
Peloponnes in Angst und Schrecken versetzt und Freunden wie Feinden
keinen Zweifel an seinem Naturell gelassen. In der klaren Bereitschaft,
mit der er den Titel Magister militum annahm, als er ihm angeboten
wurde, zeigte sich aber auch noch etwas anderes: daß er dem Römischen
Reich nicht grundsätzlich feindlich gesinnt war. In der Tat lag die
Wahrheit im Gegenteil. Alarich und
sein Volk kämpften nicht, um das Reich zu vernichten, sondern um darin
ein bleibendes Zuhause zu schaffen, und zwar in einer Form, in der sie
ihre lokale Autonomie behalten konnten und ihm als ihrem Oberhaupt ein
hoher souveräner Rang zugestanden wurde. Hatten der Kaiser des Westens
und der römische Senat diese einfache Tatsache erkannt, hätten
sie die endgültige Katastrophe vielleicht noch abwenden können.
Durch ihr mangelndes Verständnis machten sie sie jedoch unvermeidbar.
Für alle, die den Lauf der Dinge mit Sachverstand
verfolgten, war das einzige Überraschende an Alarichs Invasion, daß
er so lange damit gewartet hatte. Es waren immerhin vier Jahre vergangen,
seit er sich mit seiner Armee nach Illyrien zurückgezogen hatte, und
es war klar, daß er dort nicht für immer bleiben wollte. Man
hätte wohl erwarten können, daß das Reich in diesen vier
Jahren gewisse Maßnahmen ergriffen hätte, um den bevorstehenden
Angriff abzuwehren. Doch nichts war geschehen. Langsam und offenbar unaufhaltsam
wälzte sich derweil das riesige gotische Heer das Tal des Isonzo hinunter,
gefolgt von den übrigen Angehörigen des Volkes. Wie so oft zu
dieser Zeit war nicht nur eine Armee auf dem Vormarsch, sondern ein ganzes
Volk auf Wanderschaft: Sie hielten nicht an, weder um Aquilea noch um Ravenna
zu belagern, die zwei damals größten Städte Nord-Italiens.
Vielmehr wandten sie sich nach Westen in Richtung Mailand. Der junge Kaiser
floh vor ihnen nach Asti im Piemont, und erst wenige Kilometer vor Asti
wurden sie denn auch von der römischen Armee erwartet - mit dem vertrauten
Stilicho
an der Spitze.
Die Schlacht fand am Ostersonntag des Jahres 402 vor
der damals bedeutenden Handwerkerstadt Pollentia (heute das kleine Dorf
Pollenzo) statt. Über ihren Ausgang gehen die Berichte der zeitgenössischen
Chronisten diametral auseinander. Es scheint die schlimmste Art von Gemetzel
gewesen zu sein: überlang, sehr blutig und letztlich ohne Entscheidung.
Die Goten rückten jedenfalls nicht weiter vor, sondern zogen sich
wieder in den Osten zurück. Unterwegs führte Alarich
einen Überraschungsangriff auf Verona aus, wo ihm, wenn man Claudian
glauben darf, Stilicho eine unleugbare Niederlage zufügte.
Einmal mehr erlaubte ihm der Vandale
jedoch, sich mit seiner noch immer schlagkräftigen Armee hinter die
Grenzen von Illyrien zurückzuziehen.
Gemeinsam mit Stilicho plante Alarich
einen Angriff auf Illyrien. Auf das falsche Gerücht von Alarichs
Tod den Nachricht von der Erhebung des Usurpators Constantinus
schob Stilicho das geplante Unternehmen auf. Alarich
betonte, die Vorbereitungen hätten ihn viel Zeit und beträchtliche
Summmen gekostet und er erwarte dafür unverzüglich eine Entschädigung
von 4.000 Pfund Gold, die Stilicho im Senat durchsetzte und vielleicht
eine der Ursachen für seinen Sturz war.
Auf seine Art glaubte auch Alarich
an das Reich. Aber er hatte kein Vertrauen zu Honorius
und
noch weniger zum römischen Senat, der ihm die Entschädigungszahlung
zunächst, wenn auch widerwillig zugestanden hatte, nun aber
versuchte, ihn mit einem Teil davon abzuspeisen. Es kam einer offenen Aufforderung
zum Einmarsch gleich, und das hätte den Herren Senatoren klar sein
müssen. Sie machten jedoch keine Anstalten, das nach Stilichos
Tod aufgelöst worden war, zu mobilisieren oder ihre Befestigungen
zu verstärken. Und so marschierte Alarich
und
das riesige gotische Heer auf Rom zu und standen im September des Jahres
408 vor den Stadtmauern. Jetzt endlich begann man in Rom das wahre Ausmaß
der Katastrophe zu erkennen, die man selbst über sich gebracht hatte.
Ein paar Tage genügten den Goten vollauf, um die Stadt in ihre Gewalt
zu bringen. Jede Straße, jede Brücke, jeder noch so kleine Fußpfad
und jeder Mauerabschnitt wurde ständig überwacht.
Als Weihnachten näherrückte, wußten die
Römer, daß sich die Lage nicht mehr länger halten ließ.
Sie schickten Gesandte zu Alarich,
und man einigte sich auf ein Lösegeld:
5.000 Pfund Gold
30.000 Pfund Silber
4.000 seidene Tuniken
3.000 scharlachrot gefärbte Tierhäute
3.000 Pfund Pfeffer.
Die ersten beiden Posten bedeuteten, daß sowohl
Kirchen als auch Tempel ihrer Statuen und ihres Dekors beraubt und unzählige
Kunstwerke eingeschmolzen werden mußten. Doch diesmal gab es weder
ein Zurück noch Halbheiten. Rom hatte seine Lektion gelernt. Das Lösegeld
wurde vollständig entrichtet.
Doch die Zukunft blieb ungewiß; Alarich
und sein Volk suchten noch immer nach einer Heimat. Auf dem Weg zurück
von Rom Richtung Norden traf sich Alarich
in Rimini mit dem Prätorianer-Präfekten Jovius, um ihm
neue Vorschläge zu unterbreiten: Honorius
sollte
ihm die Provinzen Venetien, Dalmatien und Noricum zur Verfügung stellen;
sie sollten dem Reich zugehörig bleiben, dem gotischen Volk jedoch
als dauerhafte Heimat zugeteilt werden. Außerdem sollte eine jährliche
Unterstützung in Form von Geld und Getreide entrichtet werden, damit
Alarich seine Truppen in Kampfbereitschaft halten konnte.
Als Gegenleistung war Alarich
zu einer formellen militärischen Allianz bereit, die ihn zum wirksamen
Streiter für die Sache Roms und zum Verteidiger des Reichs gegen jegliche
Feinde machen würde. So manchem Römer erschien das Angebot durchaus
nicht unzumutbar. Auch Jovius selbst schlug es nicht rundweg ab,
sondern leitete es mit dem Kommentar an den Kaiser weiter, daß Alarich
möglicherweise bereit wäre, seine Forderungen zu mäßigen,
wenn man ihm den Titel des Magister utriusque militas anböte,
den Stilicho vor ihm getragen hatte: des Befehlshabers beider Truppen,
der Kavallerie und der Infanterie.
Honorius wollte jedoch
nichts davon wissen. Das Abtreten von Land verweigerte er schlankweg. Und
was den Titel betreffe, so antwortete er Jovius, sei er entschlossen,
daß welcher Alarich noch irgendeinem
seines Volkes je eine solche Ehre zuteil werden solle. Soweit wir wissen,
war dies das erste Mal, daß er eine Spur von Denken oder so etwas
wie einen eigenen Willen zeigte, aber er hätte dafür kaum einen
ungünstigeren Zeitpunkt wählen können. Seine Armee war demoralisiert
und führungslos, ohne die geringste Chance gegen Alarich,
wenn die Goten erneut angriffen, und das würden sie früher oder
später tun.
Obwohl faktisch schutzlos, bestand Honorus
auf seiner trotzigen Haltung, während Alarich,
der ihn ohne große Anstrengung hätte überwältigen
können, noch immer den Frieden anstrebte. Jovius' Versehen,
ihm den Brief des Kaisers laut vorzulesen, trug allerdings nicht gerade
dazu bei, seine Stimmung zu heben. Alarich
verringerte seine Bedingungen um Wesentliches, nämlich um den Anspruch
auf Venetien und Dalmatien. Alles, was er nun noch für sein Volk verlangte,
war Noricum an der Donau, eine Provinz somit, die von gegnerischen Einfällen
bereits so verwüstet war, daß sie praktisch wertlos war, und
genügend Hilfsmittel, damit die Leute sich ernähren konnten.
Unter den gegebenen Umständen war die Großzügigkeit
dieser Friedensbedingungen verblüffend. Außerdem muß sich
der Kaiser der Folgen einer weiteren Ablehnung bewußt gewesen sein.
Und dennoch widersetzte er sich ernuet einem Vertrag mit dem gotischen
Führer. Schließlich war Alarichs Geduld
am Ende. Zum zweiten Mal innerhalb von 12 Monaten marschierten die Goten
auf Rom und errichteten sofort eine Blockade. Diesmal änderte
Alarich jedoch die Taktik. Er ließ wissen, daß man
nicht die Absicht habe, die Stadt in Brand zu setzen und die Bevölkerung
hinzurichten, sondern einzig Honorius
zu stürzen, das nunmehr alleinige Hindernis für einen dauerhaften
Frieden in Italien. Wenn sie damit einverstanden seien, sollten sie ihren
Kaiser absetzen und einen vernünftigeren Nachfolger wählen. Dann
würde das Heer die Belagerung umgehend aufheben.
Der römische Senat brauchte in seiner Dringlichkeitssitzung
nicht lange, um sich zu entscheiden. Niemand konnte die Aussicht auf eine
weitere Belagerung mit all den Schrecken, die sie nach sich gezogen hätte,
ernstlich in Betracht ziehen. Außerdem, so wurde betont, hatte Honorius
keine Anteilnahme für sein Volk gezeigt, weder jetzt noch im vergangenen
Jahr. Solange er persönlich sicher hinter den Wällen und Gräben
von Ravenna saß, schien er blind für das Schicksal aller anderen
zu sein. Kurz gesagt, er hatte ihre Loyalität verwirkt, sie wollten
nichts mehr von ihm wissen. Also wurden die Tore geöffnet, und Alarich
marschierte friedlich in Rom ein. Man erklärte Honorius
für abgesetzt und bestimmte als Nachfolger und Augustus den Stadtpräfekten
Priscus
Attalus, einen ionischen Griechen.
Auf den ersten Blick war es keine schlechte Wahl. Attalus
war ein intelligenter Mann mit ausgesprochen künstlerischen Neigungen,
ein Christ, aber aufgrund seiner toleranten Ansichten und seiner Liebe
zur Literatur und Kultur der Antike auch für Nichtchristen akzeptierbar.
Zudem war er von einem arianisch-gotischen Bischof getauft worden und genoß
deshalb die Unterstützung sämtlicher christlicher und allesamt
ebenfalls arianischen Goten. Er ernannte Alarich
zu
seinem Magister militum und bereitete sogleich den Marsch auf Ravenna
vor. Vor seiner Abreise gab es jedoch noch ein wichtiges Problem zu lösen.
Die kleine, aber lebenswichtige Provinz Afrika, auf die Rom für sein
Getreide vollkommen angewiesen war, wurde damals von Heraklian regiert,
dem für Stilichos Hinrichtung verantwortlichen Beamten, und
es war deshalb zu erwarten, daß er zu Honorius
halten würde. Für
Alarich
gab es nur eine Lösung: die sofortige Entsendung einer Armee nach
der Hauptstadt Karthago, um Heraklian abzusetzen und die Versorgung
weiterhin sicherzustellen. Attalus
zog hingegen ein diplomatisches Vorgehen vor und entsandte den jungen Constans
mit dem Befehl, die Provinz in seinem Namen friedlich zu übernehmen.
Sobald dies in die Wege geleitet war, machte er sich zum Magister militum
und dem Heer auf den Weg nach Ravenna.
Als die Nachricht von den Ereignissen in Rom und dem
drohenden Näherrücken der Feinde Honorius
erreichte,
verließ ihn endlich seine Kaltblütigkeit doch, und er geriet
in Panik. Er entsandte Botschaften an Attalus
und erklärte sich unter der Bedingung, daß er als Augustus in
Ravenna bleiben könne, damit einverstanden, daß dieser Rom regierte.
Inzwischen ließ er im benachbarten Hafen Classis Schiffe bereitmachen,
die ihn und sein Gefolge nach Konstantinopel in Sicherheit bringen sollten.
Gerade wollten sie die Segel setzen, da trafen im selben Hafen sechs byzantinische
Legionen ein - laut Zosimos sollen es rund 40.000 Männer gewesen sein
-, entsandt im Namen des jungen Theodosius II.,
der den Hilferuf seines Onkels erhalten und sofort reagiert hatte. Das
Auftauchen einer Verstärkung von diesem Ausmaß gab dem Kaiser
neuen Mut. Er werde in Ravenna ausharren, ließ er nun verkünden,
zumindest so lange, bis er Nachrichten aus Afrika habe. Wenn Heraklian
widerstanden
habe, sei möglicherweise noch nicht alles verloren.
Und siehe da, ein paar Tage später erhielt Honorius
in
der Tat einen Bericht, der nichts zu wünschen übrigließ.
Heraklian
war mit dem unglückseligen Constans genauso wirksam und auf
ähnliche Art und Weise verfahren wie vor weniger als zwei Jahren mit
Stilicho. Dies war ein schwerer Schlag für
Alarich.
Es bedeutete in erster Linie, daß er nicht mehr darauf hoffen konnte,
den Kaiser aus Ravenna zu vertreiben. Doch - und das war vielleicht noch
besorgniserregender - es deutete auf einen ernsthaften Mangel an politischem
Scharfsinn bei Attalus. Wieder drängte
er auf eine gewaltsame Absetzung des afrikanischen Gouverneurs, doch Attalus
blieb stur. Als Augustus könne er kein gotisches Heer gegen
eine römische Provinz schicken. Und der Senat stimmte ihm zu. Andererseits
mußte etwas unternommen werden, und zwar rasch: Heraklian
hatte die Getreidelieferung bereits unterbrochen. Es drohte erneut eine
Hungersnot. Angeblich ertönte eines Tages, als Attalus
im Zirkus zugegen war, von den obersten Rängen der Ruf: "Pretium pon
carni humanae!" - "Setz einen Preis auf Menschenfleisch!"
Alarich reichte es.
Im Frühsommer des Jahres 410 berief er Attalus
nach Rimini. Auf einem weiten, offenen Platz direkt vor den Stadtmauern
nahm er ihm in aller Öffentlichkeit das Diadem und den Purpurmantel
ab. Dann marschierte er, nach einem weiteren erfolglosen Versuch, sich
mit Honorius zu einigen, nach Rom zurück
und belagerte die Stadt zum dritten Mal. Es ist ein Jammer, daß wir
nur so wenig über die Einzelheiten wissen: Zosimos, der irritierendste
aller Chronisten, die sonst noch erhalten sind, bleiben erbärmlich
unvollständig. Da Lebensmittel bereits knapp waren, hielt die Bevölkerung
nicht lange durch. Irgendwann gegen Ende August durchbrachen die Goten
das in der Nordmauer am Fuße des Pincianischen Hügels eingelassene
Salaria-Tor.
Der Einnahme folgten die den Truppen traditionell zugestandenen
drei Tage der Plünderung. Diese Eroberung Roms scheint jedoch um einiges
weniger grausam gewesen zu sein, als uns die Schulbücher bisher glauben
machten. Als gläubiger Christ hatte Alarich
den Befehl erlassen, keine Kirchen oder religiösen Bauwerke anzurühren
und das Recht auf Zuflucht überall zu respektieren. Doch wie gebändigt
sie auch durchgeführt wird: Plünderung bleibt Plünderung.
Die gotischen Männer waren nicht besser als andere, und trotz gelegentlicher
Übertreibungen steckt wahrscheinlich nur allzuviel Wahres in den Seiten,
die Gibbon den begangenen Greueltaten widmet: Mengen von Unschuldigen wurden
erschlagen, Frauen und Mädchen vergewaltigt, Kinder geschändet
und die herrlichsten Bauwerke in Brand gesteckt.
Danach marschierte Alarich
und seine Truppen Richtung Süden, um sich nach Afrika einzusegeln,
dort ein für allemal mit Heraklian abzurechnen und Italien
vom Hunger zu befreien. Sie hatten jedoch erst Cosenza erreicht, da befiel
Alarich
plötzlich ein heftiges Fieber, dem er innerhalb weniger Tage,
im Alter von erst 40 Jahren, erlag. Seine Gefolgsleute trugen den Leichnam
an das Ufer des Busento, errichteten einen Damm, um den Fluß vorübergehend
umzuleiten, und begruben ihren Anführer dort im trockengelegten Flußbett.
Dann öffneten sie den Damm, und das Wasser wogte über sein Grab
hinweg.