Begraben: Apostelkirche Konstantinopel
Zweite Tochter des Kaisers
Arkadius
von Byzanz
und der Eudoxia
Aelia, Tochter vom fränkischen Feldherrn Bauto
Lexikon des Mittelalters: Band VII Spalte 323
********************
Pulcheria (Aelia Pulcheria)
---------------------------------
* 399, † 453
Konstantinopel
2. Kind des oströmischen Kaisers Arcadius und der Aelia Eudoxia
Nach dem Tod des Vaters (408) übernahm Pulcheria,
die gebildet war und Griechisch und Latein konnte, zunehmend die Sorge
für die dynastischen Interessen und die Erziehung ihres zwei Jahre
jüngeren Bruders Theodosios II.
Ihre starke Persönlichkeit zeigte sich schon in jungen Jahren, als
sie den bisherigen Leiter der Staatsgeschäfte ablösen ließ,
413 öffentlich das Gelöbnis der Jungfernschaft ablegte
und auch ihre jüngeren Schwestern dazu veranlaßte. Der Entschluß
zur Kinderlosigkeit im Kontext mit ihrer religiös-asketischen Neigung
- schon von Zeitgenossen zur Erhaltung der theodosianischen
Dynastie
in männlicher Linie gedeutet - wurde von Holum modifizierter als politischer
Schachzug gegen Heiratspläne des Reichspräfekten Anthemius
interpretiert. 414 wurde Pulcheria,
bisher nobilissima, von Theodosius
zur
Augusta proklamiert (Aufstellung ihres Bildes im Senat neben dem des
Honorius
und
Theodosius).
Verschärfte Gesetze gegen Häretiker, Juden und Heiden (Mord an
der heidnischen Philosophin Hypatia), Abkehr von der intellektuellen Führungsschicht
und eine neue Germanenpolitik (Ardabur, Aspar) gingen wahrscheinlich
auf
Pulcherias
Einfluß zurück.
Rasche Entscheidungsfähigkeit zeigte sich sowohl bei der Athenais/Eudokia
zur
Gemahlin ihres Bruders als auch bei ihrer Heirat mit Markianos
und
dessen Krönung nach dem Tode ihres Bruders ab (450). Neben ihrem monastischen
Lebensstil, chronischer Wohltätigkeit (Verschenken ihres Vermögens,
Bau von Armen- und Krankenhäusern, Fremdenherbergen) wird der Name
Pulcherias mit zahlreichen Örtlichkeiten (Zisterne) und
Kirchenbauten (Speck, Janin; unter anderem Hagios Stephanos [vergleiche
Elfenbein im Trierer Domschatz]) in Konstantinopel in Verbindung gebracht.
Ihre aktive Teilnahme an dogmatischen Auseinandersetzungen, Briefwechsel
mit Papst Leo I., ihre angeblichen Visionen, die die Auffindung
von Reliquien ermöglichten, haben wohl ihre Aufnahme in den kirchhlichen
Heiligenkalender bewirkt (Fest: 10. September bzw. 7. August).
Byzantinische Kaiserin (Augusta seit 414)
Die energische, fromme und gebildete Tochter des Kaisers
Arcadius war bis 416 Vormund ihres Bruders Theodosius
II., nach dessen Tod sie 450 den Feldherrn Markian
heiratete, der zum Kaiser gewählt wurde. Bekannt ist ihr Einfluß
auf kirchliche Angelegenheiten.
AELIA PULCHERIA
-----------------------------
* 399, † 453
408 Mitregentin mit stärkstem Einfluß auf den Bruder; 450 (sogenannte "Josephsehe")
oo MARCIAN
† 457
Große Frauen der Weltgeschichte: Seite 381
****************************
AELIA PULCHERIA
----------------------------
19.I.399- VII.453
Die Tochter des oströmischen
Kaisers Arkadius wurde schon mit
fünfzehn Jahren Regentin für ihren unmündigen Bruder
und blieb es bis zu seinem Tode; dieser Bruder, der sich als Kaiser den
Namen seines wirklich "großen" Großvaters Theodosius
I. wählte, ist vornehmlich dadurch berühmt geworden,
dass er einen mechanischen Selbstfüller für seine Öllampe
erfand. Bis tief in die Nacht hinein saß er am Schreibtisch und kopierte
griechische Poeten und Grammatiker, was ihm den Spitznamen "Der Schönschreiber"
eintrug. Um die Staatsgeschäfte kümmerte er sich nicht. Pulcheria,
die künstlerisch und literarisch gebildet war, führte
das Staatsruder. Sie verheiratete ihn mit der blitzgescheiten Tochter eines
athenischen Rhetors, der Eudokia, mit
der sie sich prächtig verstand. Die beiden klugen Frauen, die Kaisertochter
und das "Mädchen aus dem Volke", führten ein wendiges Regiment
im "Heiligen Palast" von Konstantinopel. Als Theodosius
an
den Folgen eines Sturzes gestorben war, vollbrachte
Pulcheria eine Tat, die weltgeschichtliche Folgen hatte: Während
die Hunnenschwärme rings um die zivilisierte Welt "wie ein schwarzer
Zyklon" aufstiegen (Frank Thieß), heiratete sie den einzigen Mann,
der die Kraft und den Mut hatte, das Unheil abzuwenden, den Offizier
Marcian, und erhob ihn zum Mitregenten. Als regierende Augusta
schickte sie ihn in den Krieg, und er schlug die Scharen Attilas
in
Dalmatien. Pulcheria verweigerte seitdem
den Hunnen den Tribut. Marcian baute
die verwüsteten Provinzen wieder auf, schuf aus den östlichen
Völkern ein "nationales" Heer, schaltete die Ostgoten aus und legte
im Zusammenwirken mit Pulcheria die Fundamente des neuen Oströmischen
Reiches, während Westrom zerfiel. Byzanz bestand noch 1.000 Jahre.
Nach 414 verschwindet der Prätorianer-Präfekt
Anthemios von der Bildfläche und wird ersetzt durch Pulcheria,
die Schwester des Kaisers und Drahtzieherin im Hintergrund. Mit
dieser schillernden Persönlichkeit begann eine Zeitspanne von 36 Jahren
- nämlich die verbleibende Regierungszeit des Bruders -, in der sich
Macht und Einfluß im Staat praktisch insgesamt in Frauenhand befanden.
Pulcheria
war nur zwei Jahre älter als Theodosius,
also fünfzehn, als sie zur Augusta erhoben wurde und die Regierungsgewalt
übernahm. Schon damals muß für jedermann erkennbar gewesen
sein, dass ihr Bruder keinen Deut mehr zu bieten hatte als Arkadios:
Er war schwach, unentschlossen und leicht beeinflußbar. Sie dagegen
zeigte sich stark und entschlossen, und sie liebte die Macht.
Aber sie war überaus fromm und machte sich mit besonderem Eifer
daran, die zerstörte Hagia Sophia wiederaufzubauen. Unter ihrem Einfluß
entwickelten ihre jüngeren Schwestern Arkadia
und Marina ähnliche Neigungen.
Es ging das Gerücht, im Kaiserpalast gehe es zu wie im Kloster und
nicht wie an einem Hof; es wimmle dort von morgens bis abends von Mönchen
und Priestern, und die jungen Prinzessinen hätten allesamt ewige
Jungfräulichkeit gelobt und stichelten unter Hymnenklängen,
Psalmodien und Gebetsgemurmel in einem fort an Altartüchern und Meßgewändern.
Manche empfanden es fast wehmütig als einen fernen Nachhall aus Eudoxias
Tagen.
Pulcheria war eventuell
am Sturz ihrer Schwägerin Athenais
beteiligt
und verlor in der Folgezeit den Einfluß auf ihren Bruder
Theodosios. Theodosios und
Athenais
hatten keinen männlichen Nachkommen gezeugt, aber Pulcheria
löste das Problem der Nachfrage. Ihr Keuschheitsgelübde
hinderte sie nicht daran, den thrakischen Senator und ehemaligen
Soldaten Markian nominell zu ehelichen:
Sie erhob ihn unverzüglich in den Rang eines Augustus und an ihrer
Seite auf den Kaiserthron. Dabei gab sie vor (ob das zutrifft, ist schwer
zu sagen), Theodosios habe ihn auf
dem Totenbett dazu bestimmt.
Da Markian und Pulcheria
keine männlichen Nachfolger hatten, war auch kein Nachfolger nominiert.
Pulcheria
hätte
die Situation zweifellos wie schon einmal gerettet, wäre sie noch
am Leben gewesen. Aber sie war schon 453 gestorben, nur wenige Monate
nach Attila. Ihre beiden jüngeren
Schwestern, die sich in Regierungsgeschäfte aber ohnehin niemals eingemischt
hatten, waren ihr vorangegangen: Seit Julians
Tod
war der Thron nicht mehr derart verwaist gewesen.
450
oo 2. Marcianus Kaiser von Byzanz
396 † 26.1.457
Literatur:
-----------
Grant, Michael: Die römischen Kaiser. Von
Augustus bis zum Ende des Imperiums. Eine Chronik. Bechtermünz Verlag
Augsburg 1977 Seite 326,364,3767,382,384 - Günther
Rigobert: Römische Kaiserinnen. Zwischen Liebe, Macht und Religion.
Militzke Verlag Leipzig 2003 Seite 74,75,77,88,97, 119,124,127,136,138,141,142,145-155,162
- Heuss Alfred: Römische Geschichte. Georg Westermann Verlag
Braunschweig 1960 Seite 490 - Lexikon Alte Kulturen, Meyers Lexikonverlag
Mannheim/ Wien/Zürich 1990 Band III Seite 216 - Norwich
John Julius: Byzanz. Der Aufstieg des oströmischen Reiches. Econ Verlag
GmbH, Düsseldorf und München 1993 Band I Seite 158,160,163,170,174,176,
187 - Offergeld Thilo: Reges pueri. Das Königtum Minderjähriger
im frühen Mittelalter. Hahnsche Buchhandlung Hannover 2001 Seite 59
- Schreiber Hermann: Die Hunnen. Attila probt den Weltuntergang.
Econ Verlag Wien-Düsseldorf 1990 Seite 45,210 - Thiele, Andreas:
Erzählende genealogische Stammtafeln zur europäischen Geschichte
Band II, Teilband 2 Europäische Kaiser-, Königs- und Fürstenhäuser
II Nord-, Ost- und Südeuropa, R.G. Fischer Verlag 1994 Tafel 489 -