Günther Rigobert: Seite 74,75,136,141,142,147-155
***************
"Römische Kaiserinnen. Zwischen Liebe, Macht und Religion."

Aber Theodosius II. - und dahinter stand seine einflußreiche Schwester Pulcheria - weigerte sich, die Bilder des Constantius anzunehmen und zu verbreiten.
Theodosius lebte in Konstantinopel und hatte außenpolitisch wie innenpolitisch genügend eigene Probleme. Hinzu kam, daß die zwei einflußreichen kaiserlichen Damen am oströmischen Hof, seine Gattin Aelia Eudocia und seine Schwester Pulcheria, ihm wenig Raum für die Durchsetzung eigener Pläne ließen.
Arcadius und Aelia Eudoxia führten eine fruchtbare Ehe. Am 17. Juni 397 wurde die Tochter Flacilla geboren, am 19. Januar 399 die später so berühmte Pulcheria. Am 3. April 400 folgte die Tochter Arcadia, am 10. Aprol 401 der sehnlichst erwartete Sohn Theodosius. Am 10. Februar 403 gebar die Kaiserin die Tochter Marina. Am 6. Oktober 404 starb Aelia Eudoxia an einer Fehlgeburt.
In den ersten Jahren ihrer Ehe gestaltete sich ihr Verhältnis zu Pulcheria freundschaftlich. Bald aber kam es zwischen ihnen zu Spannungen und Auseinandersetzungen, denn Pulcheria wollte ihren bis dahin beherrschenden Einfluß auf den Kaiser nicht mit Aelia Eudocia teilen. Theodosius liebte die Jagd, Regierungsgeschäften ging er aus dem Wege; lieber überließ er sie seiner Schwester und führenden Hofbeamten, Präfekten und Kanzlern.
Bis etwa 439 oder 440 konnte sie einen gewissen Einfluß auf ihren Gatten bewahren, immer bedrängt von der Kaiser-Schwester Pulcheria.

                    PULCHERIA,
                   DIE JUNGRFRÄULICHE KAISERIN

Es bleibt noch die berühmte Kaiser-Tochter, Kaiser-Schwester und schließlich Kaiserin Pulcheria darzustellen.
Sie wurde am 19. Januar 399 geboren und war zwei Jahre älter als ihr Bruder Theodosius, der spätere Kaiser. Als ihre Mutter Aelia Eudoxia starb, war sie fünf Jahre, als ihr Vater Arcadius starb, war sie neun jahre alt. Sie war ein aufgewecktes, energisches und geistig früh entwickeltes Mädchen, von der berichtet wird, daß sie nach dem Tode ihrer Eltern bereits die Erziehung und Fühhrung ihres kleineren kaiserlichen Bruders übernahm. Der wiederum vergalt es ihr, indem er sie, die gerade 15 Jahre alt war, im August 414 zur Augusta erhob.
In diesem Alter war sie bereits eine entscheidende Persönlichkeit am Kaiserhof. Bisher führende Staatsmänner mußten sich ihr beugen. Leicht arbeitete sie sich in Verwaltungsangelegenheiten der Staatsgeschäfte ein und beherrschte sie. Sie besaß eigentlich alles, was ihrem Bruder fehlte und ihrem Vater gefehlt hatte: eine überdurchschnittliche Begabung, leichte Auffassungsgabe, Energie, um einmal gefaßte Entschlüsse auch durchzusetzen, Bescheidenheit, sich trotz ihrer Dominanz am Kaiserhof immer hinter ihren Bruder zu stellen und nie die Kaiserin herauszukehren, obwohl sie es in Wirklichkeit war.
Es gab in jener zeit eine Möglichkeit für Frauen, ein soziales Prestige aufzubauen, um schon zu Lebzeiten Ruhm, Ehre und Anerkennung zu erwerben, nämlich ein Gelübde der lebenslänglichen Ehelosigkeit und Jungfernschaft zu leisten - und dieses dann auch einzuhalten. Dazu mußte man am Hofe als Kaisein in völliger Zurückgezogenheit leben, denn argwöhnisch und lüstern überwachten Eunuchen, Hofdamen und andere Klatschbasen ihren Lebensstil. Man mußte bei solchem Gelübde nicht unbedingt als Nonne in ein Kloster gehen; aber man mußte aus seiner häuslichen Umgebung ein Kloster machen, und so verfuhr Aelia Pulcheria dann auch. Sie überredete ihre Schwestern Arcadia und Marina, die sich auch sonst willig von ihrer Schwester führen ließen, ihrem Beispiel zu folgen. Beide Schwestern starben einige Jahre vor ihr, und so gab es für rund drei Jahrzehnte eine heilige jungfräuliche Dreifaltigkeit am Kaiserhof in Konstantinopel. Neben dem Kaiser sollte kein anderer Mann die kaiserliche Familie erweitern. Als äußeres Zeichen ihres Gelübdes auf ewige Jungfernschaft weihten sie in der Apostelkirche in Konstantinopel einen prächtigen Altar aus Gold und Edelsteinen.
Sie suchte aber nicht nur sich, sondern die ganze römische Welt moralisch zu verbessern. Auf ihre Veranlassung hin erließ Theodosius II. im Jahr 415 - er war erst 14 Jahre alt - ein Gesetz, wonach Witwen die Wiederverheiratung mit dem Bruder und Witwern die Eheschließung mit der Schwester des verstobenen Ehepartners verboten wurde [61 Codex Theodosianus 3,12,4.].
Im vorangegangenen Kapitel wurde schon hervorgehoben, daß Pulcheria ihrem Bruder Athenais Aelia Eudocia als Gattin empfohlen hatte. Diese ließ sich jedoch nicht so gängeln wie die eigenen Schwestern, und das höfische Leben war nicht mehr so ungetrübt wie früher.
Weben und Handarbeiten wurden die Tätigkeit auch der kaiserlichen Frauen im Palast. Priester und Kirchen erhielten reiche Zuwendungen.
Pulcheria hatte sich auch eine überdurchschnittliche literarische Bildung angeeignet. Lateinisch wie Griechisch beherrschte sie mündlich und schriftlich. Sie sorgte dafür, daß auch ihr Bruder eine entsprechende Erziehung genoß.
Große Bedeutung am Hofe erhielten Zeremoniell und Etikette. Sie steigerten die Entfremdung des Herrschers vom Volk und hoben ihn in eine gottähnliche Sphäre. Der Einfluß Pulcherias auf den Bruder blieb auch in den folgenden Jahren gewahrt. Theodosius unterschrieb grundsätzlich allles, was ihm seine Schhwester vorlegte, ohne es zu lesen. Einmal verfaßte sie ein Schreiben, das die Schenkung seiner Gattin Aelia Eudocia als Sklavin beurkundete, und Theodosius unterschrieb auch dies!
Aber Pulcheria erlebte neben Höhen auch Tiefen in ihrem Leben. Seit dem Ende der dreißiger Jahre erreichte es ein Eunuch, der Kammerherr des Kaisers und zugleich Kommandant seiner Leibgarde Chrysaphios, in den engsten Freundeskreis des Kaisers zu gelangen und zeitweilig beherrschenden Einfluß auf ihn auszuüben. Theodosius II. sah in ihm seinen besten Freund, doch Chrysaphios nutzte die Freundschaft, um seine eigenen Macht zu steigern. Er tat alles, um den Kaiser von den Staatsgeschäften abzuhalten, die er sich dann selber vorbehielt. Einige Jahre, vor allem von 443 bis zum Tode des Kaisers 450, hatte er die Regierung des Oströmischen Reiches unter seiner Kontrolle. Zwar gelang es ihm nicht, führtende Militärs wie Flavius Zenon, Konsul des Jahres 448 und ranghöchster Heermeister des Ostreichs von 447 bis 451, auf seine Seite zu bringen. Aber die Heerführer waren stark mit der Abwehr hunnischer Einfälle beschäftigt und besaßen am Kaiserhof keinen besonderen politischen Einfluß. Mit Erfolg gelang es Chrysaphios, die Kaiserin gegen Pulcheria auszuspielen. Er intigrierte gegen Pulcheria und setzte der Kaiserin zu, einen eigenen Kämmerer für sich beim Kaiser zu verlangen, weil Pulcheria als Kaiser-Schwester auch einen habe. Da der Kaiser dies verweigerte, sollte die Kaiserin fordern, daß Pulcheria eine Diakonin als Kammerzofe erhielt, da sie ein Gelübde der Jungfräulichkeit abgelegt hatte. Dies veranlaßte Pulcheria, der Kaiserin ihren eigenen Kämmerer zu überlassen und sich zeitweilig aus dem Palast zurückzuziehen. Pulcheria verlor für mehrere Jahre ihren beherrschenden Einfluß auf den Bruder. Chrysaphios war es dann auch, der den Sturz des Paulinus und des Cyrus betrieb und die Kaiserin im Jahr 443 in das Exil nach Jerusalem verdrängte. Bis zum Tod des Kaisers 450 besaß er einen hervorragenden Einfluß auf die Regierungsgeschäfte am Kaiserhof, und Pulcheria mußte sich in die zweite Reihe zurückziehen. Konkurrenten, die ihm gefährlich werden konnten, vertrieb er oder ließ sie ermorden.
Pulcheria war in diesem Ringen streng antimonophysitisch eingestellt. Darin befand sie sich im Gegensatz zur in Jerusalem lebenden Kaiserin und vor allem zu Chrysaphios, der den Kaiser im Sinne des Patriarchen von Alexandria beeinflußte.
Die kaiserliche Gewalt sollte der alexandrinischen monophysitischen Lehre zum endgültigen Sieg verhelfen. Und solange Theodosius II. lebte, war sich Dioskoros seiner gefestigten Macht sicher.
Aber die Machtverhältnisse änderten sich rasch. Am 28. Juli 450 stürzte der Kaiser während der Jagd vom Pferd und starb. Auf dem Sterbebett noch ließ er seine Schwester Pulcheria zu sich kommen, die er jahrelang hintenan gesetzt hatte und übertrug ihr, da er keine Kinder hinterließ, die Sorge für die Nachfolge.
Dies bedeutet eine Wende in den politischen wie in den kirchlichen Angelegenheiten. Mit Tatkraft und Energie ließ Pulcheria erkennen, daß die Zeit kaiserlicher Schwäche und des Schwankens vorbei war. Die kirchenpolitischen Gegner Alexandrias, die sich um die bisher Zurückgesetzte gruppierten, die wiederum mit Papst Leo I. im Bunde war, gewannen die Oberhand.
Zunächst rechnete Pulcheria mit ihrem erbittertsten Feind Chrysaphios ab. Er wurde gestürzt und zu Tode geprügelt.
Theodosius hatte auf dem Sterbebett seiner Schwester empfohlen, den tüchtigen und angesehenen Offizier Marcian als neuen Herrscher zu bestimmen. Sie selbst konnte nach römischer Sitte nicht regierende Kaiserin sein. Marcian war zu dieser Zeit bereits 58 Jahre alt. Er war thrakischer Abkunft, Sohn eines einfachen Soldaten und hatte selbst als einfacher Krieger seine militärische Laufbahn begonnen. In zahlreichen Feldzügen hatte er sich ausgezeichnet und das Vertrauen des führenden Heermeisters Aspar erworben. Aspar war auch am Sterbebett des Theodosius gewesen, und es ist möglich, daß er ihm den Namen des Marcian eingegeben hatte, da er selbst, Aspar, wegen seiner arianischen Religion nicht Kaiser werden konnte. Zuletzt hatte Marcian den Rang eines Militärtribunen und war Kommandeur der Leibgarde Aspars.
Pulcheria nahm mit Marcian Verbindung auf. Religionspolitisch hatte er die gleichen Interessen wie Pulcheria. Sie bot ihm die Ehe und die Kaiserkrone unter einer Bedingung an: Er sollte in eine sogenannte Josephsehe einwilligen, damit sie ihr Keuschheitsgelübde nicht zu verletzten brauchte. Die Bezeichnung rührte von Joseph, dem Ehemann Marias, her, der der Legende gemäß Jesus als Jungfrau geboren haben soll.
Marcian war einverstanden. Aus einer früheren Ehe besaß er bereits eine heiratsfähige Tochter, Aelia Marcia Euphemia, die er  im Jahre 453 mit dem späteren Kaiser des Weströmischen Reiches Anthemius (467-472) verehelichte. Marcian selbst befand sich als bejahrter Mann im fortgeschrittenen Alter wahrscheinlich schon jenseits von Gut und Böse, so daß ihm die Auflage der Pulcheria nichts ausmachte. Am 25. August 450 wurde er in Konstantinopel zum neuen Kaiser gekrönt.
Mit ihm wehte ein frischer Wind im Palast, der wieder zum Zentrum einer aktiven politischen Führung wurde, und sein Klosterdasein beendete. Innenpolitisch bedeutete dies einen harten Kurs gegen die ausufernde Macht des Patriarchen von Alexandria; außenpolitisch setzte Marcian die Beschwichtigungspolitik gegenüber den Hunnen nicht mehr fort und verweigerte Attila die Tributzahlung. Da Attila in West-Europa eine leichtere Beute sah, kam es so zu dem schon erwähnten Hunnenzug nach Gallien und zur Schlacht auf den Katalaunischen Feldern.
Pulcheria beharrte auf einer kirchenpolitischen Lösung des Streits zwischen Alexandria und Konstantinopel. Marcian berief für den 8. Oktober 451 das vierte ökumenische Konzil nach Chalkedon, gegenüber von Konstantinopel auf der kleinasiatischen Seitze des Bospurus gelegen, ein. Etwa 360 Bischöfe nahmen daran teil, aber davon nur fünf aus dem westlichen Mittelmeergebiet. Die Beschlüsse der sogenannten Räubersynode von 449 wurden für ungültig erklärt. Das Konzil stand unter der Leitung hoher kaiserlicher Vertreter; an der Spitze des Patrizius Anatolius, in jenem Jahr höchster Heermeister Ostroms. Zusammen mit der kaiserlichen Kommission bestimmte Bischof Paschasinus, der Legat des Papstes, den Fortgang und die Beschlüsse des Konzils. An seiner sechsten Sitzung nahmen auch der Kaiser und die Kaiserin teil. Im Ergebnis des Konzils wurde der Monophysitismus als Irrlehre verdammt. Eutyches, der ehemalige Klostervorsteher von Konstantinopel, und Dioskoros, Patriarch von Alexandria, wurden abgesetzt uund verbannt. Flavian, der ehemalige Patriarch von Konstantinopel, wurde rehabilitiert und seine sterblichen Überreste wurden in der Apostelkirche der Hauptstadt beigesetzt.
Im Juli 453 starb Pulcheria, 54 Jahre alt geworden. Unter den Kaiserinnen der Spätantike hatte sie höchstes Ansehen und größte Austrahlungskraft besessen. Sie hatte ihrem Gatten, Kaiser Marcian, eigenhändig das Diadem aufgesetzt. Auf der Sitzung des Konzils, an der sie teilnahm, war sie von den Bischöfen noch vor dem Kaiser als "neue Helena" begrüßt worden. Ihr persönliches Vermögen vermachte sie der Kirche zu karitativen Zwecken. Wenige Jahre später, am 27. Januar 457, folgte ihr Marcian. Beide fanden in der Apostelkirche in Konstantinopel nebeneinander ihre letzte Ruhestätte.