Aber Theodosius II.
- und dahinter stand seine einflußreiche Schwester
Pulcheria - weigerte sich, die Bilder des Constantius
anzunehmen und zu verbreiten.
Theodosius lebte
in Konstantinopel und hatte außenpolitisch wie innenpolitisch genügend
eigene Probleme. Hinzu kam, daß die zwei einflußreichen kaiserlichen
Damen am oströmischen Hof, seine Gattin Aelia
Eudocia und seine Schwester Pulcheria,
ihm wenig Raum für die Durchsetzung eigener Pläne ließen.
Arcadius und Aelia
Eudoxia führten eine fruchtbare Ehe. Am 17. Juni 397 wurde
die Tochter Flacilla geboren, am 19.
Januar 399 die später so berühmte Pulcheria.
Am 3. April 400 folgte die Tochter Arcadia,
am 10. Aprol 401 der sehnlichst erwartete Sohn
Theodosius. Am 10. Februar 403 gebar die Kaiserin die Tochter
Marina.
Am 6. Oktober 404 starb Aelia Eudoxia an
einer Fehlgeburt.
In den ersten Jahren ihrer Ehe gestaltete sich ihr Verhältnis
zu Pulcheria freundschaftlich. Bald
aber kam es zwischen ihnen zu Spannungen und Auseinandersetzungen, denn
Pulcheria
wollte
ihren bis dahin beherrschenden Einfluß auf den Kaiser nicht mit Aelia
Eudocia teilen. Theodosius
liebte die Jagd, Regierungsgeschäften ging er aus dem Wege; lieber
überließ er sie seiner Schwester und führenden Hofbeamten,
Präfekten und Kanzlern.
Bis etwa 439 oder 440 konnte sie einen gewissen Einfluß
auf ihren Gatten bewahren, immer bedrängt von der Kaiser-Schwester
Pulcheria.
PULCHERIA,
DIE JUNGRFRÄULICHE KAISERIN
Es bleibt noch die berühmte Kaiser-Tochter,
Kaiser-Schwester
und schließlich Kaiserin
Pulcheria darzustellen.
Sie wurde am 19. Januar 399 geboren und war zwei
Jahre älter als ihr Bruder Theodosius,
der spätere Kaiser. Als ihre Mutter Aelia
Eudoxia starb, war sie fünf Jahre, als ihr Vater Arcadius
starb, war sie neun jahre alt. Sie war ein aufgewecktes, energisches und
geistig früh entwickeltes Mädchen, von der berichtet wird, daß
sie nach dem Tode ihrer Eltern bereits die Erziehung und Fühhrung
ihres kleineren kaiserlichen Bruders übernahm. Der wiederum vergalt
es ihr, indem er sie, die gerade 15 Jahre alt war, im August 414 zur Augusta
erhob.
In diesem Alter war sie bereits eine entscheidende Persönlichkeit
am Kaiserhof. Bisher führende Staatsmänner mußten sich
ihr beugen. Leicht arbeitete sie sich in Verwaltungsangelegenheiten der
Staatsgeschäfte ein und beherrschte sie. Sie besaß eigentlich
alles, was ihrem Bruder fehlte und ihrem Vater gefehlt hatte: eine überdurchschnittliche
Begabung, leichte Auffassungsgabe, Energie, um einmal gefaßte Entschlüsse
auch durchzusetzen, Bescheidenheit, sich trotz ihrer Dominanz am Kaiserhof
immer hinter ihren Bruder zu stellen und nie die Kaiserin herauszukehren,
obwohl sie es in Wirklichkeit war.
Es gab in jener zeit eine Möglichkeit für Frauen,
ein soziales Prestige aufzubauen, um schon zu Lebzeiten Ruhm, Ehre und
Anerkennung zu erwerben, nämlich ein Gelübde der lebenslänglichen
Ehelosigkeit und Jungfernschaft zu leisten - und dieses dann auch einzuhalten.
Dazu mußte man am Hofe als Kaisein in völliger Zurückgezogenheit
leben, denn argwöhnisch und lüstern überwachten Eunuchen,
Hofdamen und andere Klatschbasen ihren Lebensstil. Man mußte bei
solchem Gelübde nicht unbedingt als Nonne in ein Kloster gehen; aber
man mußte aus seiner häuslichen Umgebung ein Kloster machen,
und so verfuhr Aelia Pulcheria dann
auch. Sie überredete ihre Schwestern Arcadia
und
Marina,
die sich auch sonst willig von ihrer Schwester führen ließen,
ihrem Beispiel zu folgen. Beide Schwestern starben einige Jahre vor ihr,
und so gab es für rund drei Jahrzehnte eine heilige jungfräuliche
Dreifaltigkeit am Kaiserhof in Konstantinopel. Neben dem Kaiser sollte
kein anderer Mann die kaiserliche Familie erweitern. Als äußeres
Zeichen ihres Gelübdes auf ewige Jungfernschaft weihten sie in der
Apostelkirche in Konstantinopel einen prächtigen Altar aus Gold und
Edelsteinen.
Sie suchte aber nicht nur sich, sondern die ganze römische
Welt moralisch zu verbessern. Auf ihre Veranlassung hin erließ Theodosius
II. im Jahr 415 - er war erst 14 Jahre alt - ein Gesetz, wonach
Witwen die Wiederverheiratung mit dem Bruder und Witwern die Eheschließung
mit der Schwester des verstobenen Ehepartners verboten wurde [61
Codex Theodosianus 3,12,4.].
Im vorangegangenen Kapitel wurde schon hervorgehoben,
daß Pulcheria ihrem Bruder
Athenais Aelia Eudocia als Gattin empfohlen
hatte. Diese ließ sich jedoch nicht so gängeln wie die eigenen
Schwestern, und das höfische Leben war nicht mehr so ungetrübt
wie früher.
Weben und Handarbeiten wurden die Tätigkeit auch
der kaiserlichen Frauen im Palast. Priester und Kirchen erhielten reiche
Zuwendungen.
Pulcheria hatte sich
auch eine überdurchschnittliche literarische Bildung angeeignet. Lateinisch
wie Griechisch beherrschte sie mündlich und schriftlich. Sie sorgte
dafür, daß auch ihr Bruder eine entsprechende Erziehung genoß.
Große Bedeutung am Hofe erhielten Zeremoniell und
Etikette. Sie steigerten die Entfremdung des Herrschers vom Volk und hoben
ihn in eine gottähnliche Sphäre. Der Einfluß Pulcherias
auf den Bruder blieb auch in den folgenden Jahren gewahrt. Theodosius
unterschrieb grundsätzlich allles, was ihm seine Schhwester vorlegte,
ohne es zu lesen. Einmal verfaßte sie ein Schreiben, das die Schenkung
seiner Gattin Aelia Eudocia als Sklavin
beurkundete, und Theodosius unterschrieb
auch dies!
Aber Pulcheria erlebte
neben Höhen auch Tiefen in ihrem Leben. Seit dem Ende der dreißiger
Jahre erreichte es ein Eunuch, der Kammerherr des Kaisers
und zugleich Kommandant seiner Leibgarde Chrysaphios, in
den engsten Freundeskreis des Kaisers zu gelangen und zeitweilig beherrschenden
Einfluß auf ihn auszuüben. Theodosius
II. sah in ihm seinen besten Freund, doch Chrysaphios
nutzte die Freundschaft, um seine eigenen Macht zu steigern. Er tat alles,
um den Kaiser von den Staatsgeschäften abzuhalten, die er sich dann
selber vorbehielt. Einige Jahre, vor allem von 443 bis zum Tode des Kaisers
450, hatte er die Regierung des Oströmischen Reiches unter seiner
Kontrolle. Zwar gelang es ihm nicht, führtende Militärs wie Flavius
Zenon, Konsul des Jahres 448 und ranghöchster Heermeister des
Ostreichs von 447 bis 451, auf seine Seite zu bringen. Aber die Heerführer
waren stark mit der Abwehr hunnischer Einfälle beschäftigt und
besaßen am Kaiserhof keinen besonderen politischen Einfluß.
Mit Erfolg gelang es Chrysaphios, die Kaiserin gegen
Pulcheria auszuspielen. Er intigrierte gegen
Pulcheria und setzte der Kaiserin zu, einen eigenen Kämmerer
für sich beim Kaiser zu verlangen, weil Pulcheria
als Kaiser-Schwester auch einen habe. Da der Kaiser dies verweigerte,
sollte die Kaiserin fordern, daß Pulcheria
eine Diakonin als Kammerzofe erhielt, da sie ein Gelübde der Jungfräulichkeit
abgelegt hatte. Dies veranlaßte Pulcheria,
der Kaiserin ihren eigenen Kämmerer zu überlassen und sich zeitweilig
aus dem Palast zurückzuziehen. Pulcheria
verlor
für mehrere Jahre ihren beherrschenden Einfluß auf den Bruder.
Chrysaphios war es dann auch, der den Sturz des Paulinus und
des Cyrus betrieb und die Kaiserin im Jahr 443 in das Exil nach
Jerusalem verdrängte. Bis zum Tod des Kaisers 450 besaß er einen
hervorragenden Einfluß auf die Regierungsgeschäfte am Kaiserhof,
und Pulcheria mußte sich in die
zweite Reihe zurückziehen. Konkurrenten, die ihm gefährlich werden
konnten, vertrieb er oder ließ sie ermorden.
Pulcheria war in
diesem Ringen streng antimonophysitisch eingestellt. Darin befand sie sich
im Gegensatz zur in Jerusalem lebenden Kaiserin und vor allem zu Chrysaphios,
der den Kaiser im Sinne des Patriarchen von Alexandria beeinflußte.
Die kaiserliche Gewalt sollte der alexandrinischen monophysitischen
Lehre zum endgültigen Sieg verhelfen. Und solange
Theodosius II. lebte, war sich Dioskoros seiner gefestigten
Macht sicher.
Aber die Machtverhältnisse änderten sich rasch.
Am 28. Juli 450 stürzte der Kaiser während der Jagd vom Pferd
und starb. Auf dem Sterbebett noch ließ er seine Schwester
Pulcheria zu sich kommen, die er jahrelang
hintenan gesetzt hatte und übertrug ihr, da er keine Kinder hinterließ,
die Sorge für die Nachfolge.
Dies bedeutet eine Wende in den politischen wie in den
kirchlichen Angelegenheiten. Mit Tatkraft und Energie ließ Pulcheria
erkennen, daß die Zeit kaiserlicher Schwäche und des Schwankens
vorbei war. Die kirchenpolitischen Gegner Alexandrias, die sich um die
bisher Zurückgesetzte gruppierten, die wiederum mit Papst Leo I.
im Bunde war, gewannen die Oberhand.
Zunächst rechnete Pulcheria
mit ihrem erbittertsten Feind Chrysaphios ab. Er wurde gestürzt
und zu Tode geprügelt.
Theodosius hatte
auf dem Sterbebett seiner Schwester empfohlen, den tüchtigen und angesehenen
Offizier
Marcian
als neuen Herrscher zu bestimmen. Sie selbst konnte nach römischer
Sitte nicht regierende Kaiserin sein. Marcian
war
zu dieser Zeit bereits 58 Jahre alt. Er war thrakischer Abkunft, Sohn eines
einfachen Soldaten und hatte selbst als einfacher Krieger seine militärische
Laufbahn begonnen. In zahlreichen Feldzügen hatte er sich ausgezeichnet
und das Vertrauen des führenden Heermeisters Aspar erworben.
Aspar
war auch am Sterbebett des Theodosius
gewesen, und es ist möglich, daß er ihm den Namen des Marcian
eingegeben
hatte, da er selbst, Aspar, wegen seiner arianischen Religion nicht
Kaiser werden konnte. Zuletzt hatte Marcian
den Rang eines Militärtribunen und war Kommandeur der Leibgarde Aspars.
Pulcheria nahm mit
Marcian
Verbindung
auf. Religionspolitisch hatte er die gleichen Interessen wie Pulcheria.
Sie bot ihm die Ehe und die Kaiserkrone unter einer Bedingung an: Er sollte
in eine sogenannte Josephsehe einwilligen, damit sie ihr Keuschheitsgelübde
nicht zu verletzten brauchte. Die Bezeichnung rührte von Joseph, dem
Ehemann Marias, her, der der Legende gemäß Jesus als Jungfrau
geboren haben soll.
Marcian war einverstanden.
Aus einer früheren Ehe besaß er bereits eine heiratsfähige
Tochter, Aelia Marcia Euphemia,
die er im Jahre 453 mit dem späteren Kaiser des Weströmischen
Reiches Anthemius
(467-472) verehelichte. Marcian
selbst befand sich als bejahrter Mann im fortgeschrittenen Alter wahrscheinlich
schon jenseits von Gut und Böse, so daß ihm die Auflage der
Pulcheria
nichts ausmachte. Am 25. August 450 wurde er in Konstantinopel zum neuen
Kaiser gekrönt.
Mit ihm wehte ein frischer Wind im Palast, der wieder
zum Zentrum einer aktiven politischen Führung wurde, und sein Klosterdasein
beendete. Innenpolitisch bedeutete dies einen harten Kurs gegen die ausufernde
Macht des Patriarchen von Alexandria; außenpolitisch setzte Marcian
die Beschwichtigungspolitik gegenüber den Hunnen nicht mehr fort und
verweigerte Attila die Tributzahlung.
Da Attila in West-Europa eine leichtere
Beute sah, kam es so zu dem schon erwähnten Hunnenzug nach Gallien
und zur Schlacht auf den Katalaunischen Feldern.
Pulcheria beharrte
auf einer kirchenpolitischen Lösung des Streits zwischen Alexandria
und Konstantinopel. Marcian berief
für den 8. Oktober 451 das vierte ökumenische Konzil nach Chalkedon,
gegenüber von Konstantinopel auf der kleinasiatischen Seitze des Bospurus
gelegen, ein. Etwa 360 Bischöfe nahmen daran teil, aber davon nur
fünf aus dem westlichen Mittelmeergebiet. Die Beschlüsse der
sogenannten Räubersynode von 449 wurden für ungültig erklärt.
Das Konzil stand unter der Leitung hoher kaiserlicher Vertreter; an der
Spitze des Patrizius Anatolius, in jenem Jahr höchster Heermeister
Ostroms. Zusammen mit der kaiserlichen Kommission bestimmte Bischof Paschasinus,
der Legat des Papstes, den Fortgang und die Beschlüsse des Konzils.
An seiner sechsten Sitzung nahmen auch der Kaiser und die Kaiserin teil.
Im Ergebnis des Konzils wurde der Monophysitismus als Irrlehre verdammt.
Eutyches, der ehemalige Klostervorsteher von Konstantinopel, und Dioskoros,
Patriarch von Alexandria, wurden abgesetzt uund verbannt. Flavian, der
ehemalige Patriarch von Konstantinopel, wurde rehabilitiert und seine sterblichen
Überreste wurden in der Apostelkirche der Hauptstadt beigesetzt.
Im Juli 453 starb Pulcheria,
54 Jahre alt geworden. Unter den Kaiserinnen der Spätantike hatte
sie höchstes Ansehen und größte Austrahlungskraft besessen.
Sie hatte ihrem Gatten, Kaiser
Marcian, eigenhändig das Diadem aufgesetzt. Auf der Sitzung
des Konzils, an der sie teilnahm, war sie von den Bischöfen noch vor
dem Kaiser als "neue Helena" begrüßt
worden. Ihr persönliches Vermögen vermachte sie der Kirche zu
karitativen Zwecken. Wenige Jahre später, am 27. Januar 457, folgte
ihr Marcian. Beide fanden in der Apostelkirche
in Konstantinopel nebeneinander ihre letzte Ruhestätte.