Bork Ruth: Seite 138-142
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"Die Billunger. Mit Beiträgen zur Geschichte des deutsch-wendischen Grenzraumes im 10. und 11. Jahrhundert."

16. Graf Thietmar (+ 1048)
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Über Thietmar, den jüngeren Bruder Bernhards II., sind wir verhältnismäßig gut unterrichtet, da er durch sein verwegenes Leben öfter in der Geschichtsschreibung seiner Zeit genannt wird. Außerdem ist es unbestritten, daß er sowohl an dem Erbe, wie auch an den politischen Unternehmungen des billungischen Hauses stark beteilgt war. Ebenso war er an dem Kampf gegen die Bremer Kirche interessiert und wird uns daher häufig von Adam mit dem Herzog Bernhard zusammen genannt [1 Adam II, 67 (65) Seite 126; II,76 (74) Seite 135; III, 8 Seite 148f.].
Bei den wiederholten Händeln, die er selber anzettelte oder in die er mitverstrickt war, zeigt sich, wie sehr er auf Besitzgewinnung und die Behauptung angestammter Rechte bedacht war, und dabei selbst Gewalt nicht scheute. Bei Thietmar von Merseburg finden wir zu 1018 eine kurze Notiz, daß der Bischof Meinwerk von dem Grafen Thietmar beraubt worden sei [2 Thietmar VIII, 26 Seite 524.]. Es wird sich dabei höchstwahrscheinlich um die in der Vita Meinwerci geschilderte Plünderung des Herforder Stiftes im Jahre 1018 gehandelt haben, da dieses in der Diöcese des Paderborner Bischofs lag [3 Vita Meinwerci cap. 190, Seite 54f.].
Thietmars Schwester Godesti stand dem Stift zu jener Zeit als Äbtissin vor (von etwa 1002-1040), so daß es zunächst unverständlich erscheinen könnte, daß er gerade an jenem Ort so friedensstörend eindrang und selbst die Kirchenschätze der dort ruhenden Heiligen mitnahm [4 Vita Meinwerci siehe Anmerkung 3; vgl. Hirsch-Breßlau, Jbb. Heinrichs II. Band 3 Seite 113f.]. Vielleicht, daß durch seine Schwester billungisches Gut an das Stift gekommen war, auf das er Ansprüche erhob, wie er sie ja meines Erachtens auch gegenüber der dem Paderborner Bischof unterstehenden Abtei Helmarshausen geltend zu machen suchte [5 Vita Meinwerci c. 195 Seite112f. Cohn, Forschungen zur deutschen Geschichte 6, Seite 555 nimmt an, daß Thietmar das Erbe von seiner Mutter her beanspruchte, die er für die Tochter Heinrichs von Stade und den Nachkommen der ESIKONEN hielt, ohne dies allerdings genügend sicher belegen zu können. In Helmarshausen handelte es sich um eine Familienstiftung, die im Jahre 1017 dem Bischof Meinwerk übertragen war, wobei aber die Rechte, die die Verwandten der Stifter noch zu beanspruchen hatten, verletzt worden waren. Das traf auch Thietmar, so daß man in dem Herforder Überfall des Folgejahres eventuell einen Racheakt sehen könnte, siehe auch Jbb. Heinrichs II. Band 3 Seite 114.].
Wegen des Herforder Überfalls wurde Thietmar zu einer Buße von 30 Talenten verurteilt. Da er diese Summe nicht aufbringen konnte, mußte er die Strafe durch Übergabe seines Besitztums "Bruninsthorpe" [1 Nach Freytag Seite 115 Anmerkung 1 das heute wüst liegenden Brünsdorf in Lippe-Detmold, Kreis Lemgo, Amt Schötmar.] und zwar mit Einwilligung seines Bruders, erstatten [2
Vita Meinwerci c. 100, Seite 54f.].
Wie weit unter den BILLUNGERN bei in Frage kommenden Erbteilungen eine mehr oder weniger saubere Besitztrennung vorgenommen wurde, ist nicht in allen Fällen genau bestimmbar. Jedenfalls scheinen die Brüder Bernhard und Thietmar auf mancherlei Art und Weise in Interessen- und Besitzgemeinschaft gestanden. So erteilte zum Beispiel KONRAD II. mit ihrer beider Einwilligung in einer Urkunde vom Jahre 1029 dem Stift Minden den Wildbann über Waldgebiete, die in billungischen Terrritorien lagen [3 Urkunde vom 30.3.1029; DK. II. 137.]. Ihre Namensnennung bei Adam anläßlich gemeinsamer Handlungen, bzw. ihrer Haltung gegenüber der Kirche, wurde schon erwähnt [4 Siehe Seite 138 Anmerkung 1.]. Bereits bei der Verleihung des Erbgutes Gerdau an das Michaeliskloster in Lüneburg im Jahre 1004 [5 Urkunde vom 25. Juli 1004; von Hodenberg, Lüneburger Urkundenbuch Band 8.] war neben dem Willen des Elternpaares von der Zustimmung sowohl Bernhards II. wie auch Thietmars die Rede. Doch standen die Brüder zu jener Zeit wohl noch im Jünglingsalter [6 Allerdings ist dort nur der sehr weit reichende Ausdruck "filius" gebraucht.]. Wir hatten für die Geburtszeit Bernhards II. die Jahre von 985 bis 995 in Aussicht genommen. Die gleiche Zeit etwa könnte man, glaube ich, auch für Thietmar ins Auge fassen, da für die Berechnung seines Alters zum Teil Ähnliches gilt wie für die Bernhards II. Es wird kaum ein größerer Altersunterschied zwischen den Brüdern bestanden haben. Thietmar gehörte im Jahre 1019 zu den treibenden Kräften, die im westfälischen Bereich eine Erhebung gegen den Kaiser inszenierten, zu deren Mitbeteiligten außer dem Grafen Thietmar noch andere Angehörige des höheren Adels zählten. Die Anstifter wurden verhaftet; aber nachdem es Thietmar gelungen war, in seine Heimat zu entkommen, wurde er bald wieder vom Kaiser begnadigt [1 Ann. Quedl. SS. III, Seite 84. Es waren vor allem die Grafen von Werl, die sich zusammen mit Thietmar gegen HEINRICH II. erhoben hatten.]. Dies geschah kurz vor der Erhebung Sachsens unter Herzog Bernhard II., der seine Pläne, wie schon berichtet, auch sehr schnell aufgeben mußte, um sich dem Kaiser zu unterwerfen und um Gnade zu bitten, die ihm dann mit der gleichen Großzügigkeit wie seinem Bruder gewährt wurde [2 Adam II, 48 und Ann. Quedl. siehe Anmerkung 1.].
Über die Familie Thietmars erfahren wir wenig. Er war verheiratet, denn es war ein Sohn vorhanden, der den Tod des Vaters, auf den wir gleich noch näher eingehden werden, rächte. Im Jahre 1048 unterlag Thietmar bei einem gerichtlichen Zwerikampf, den er, da man ihm ein Attentat auf den Kaiser zur Last legte, mit einem seiner Dienstleute auszufechten hatte. Die Motive, die ihn zu solchem Vorgehen bewogen haben mögen, liegen nicht klar zutage. Adam, der am ausführlichsten darüber berichtet, schildert die Sache folgendermaßen [3 Adam III, 8 Seite 148ff.]. Als der Kaiser aus Italien zurückkehrte, soll Erzbischof Adalbert ihn nach Bremen eingeladen haben und zwar unter dem Vorwand das Besitztum Lesum [4 Über Lesum = Lesmona, einst eine der bedeutendsten Besitzungen des BILLUNGERS Liudger, die später als Königsgut zur Mitgift der Kaiserin Agnes gehörte, wurde oben Seite 105 bereits Näheres gesagt.] zu besuchen, bzw. den Dänen-König (Sven Estridson) zu einer Unterredung zu bitten, in Wahrheit aber, wie Adam meint, um die Treue der Herzoge zu erkunden. Wieweit es sich hierbei vielleicht auch um ein nachträglich zustandegekommene Begründung handelt, oder aber um eine geschickt geplante Falle, indem man ausgerechnet das einstmals billungische Gut zur Besichtigung vorschlug, um die BILLUNGER herauszufordern, läßt sich schwer entscheiden. Doch scheint das letztere, nach dem zu urteilen, was sonst über das Verhältnis des Bremer Erzbischofs zu den BILLUNGERN bekannt ist, nicht unwahrscheinlich.
Adam berichtet uns weiter, der Kaiser sei zu Bremen mit königlicher Pracht empfangen worden und wäre dann, nach Lesum kommend, alsbald von dem Grafen Thietmar hinterlistig umstellt worden, der Erzbischof habe ihn aber durch seine Bemühungen rechtzeitig schützen können.
Thietmar wurde darauf vom Kaiser vor Gericht geladen und als er sich durch einen Zweikampf zu reinigen suchte von dem Gegner, einem seiner Lehnsmannen namens Arnold tötlich verwundet. Dieser aber wurde nicht lange darauf von Thietmars Sohn ergriffen und verendete an den Beinen aufgehängt zwischen zwei Hunden. Der Sohn Thietmars wurde nun ebenfalls gefaßt und mit ewiger Verbannung bestraft [1 Adam III, 8 Seite 148.].
Von dem Ende Thietmars berichten auch, allerdings ohne die Vorgeschichte, bzw. die näheren Zusammenhänge zu erwähnen, Lampert von Hersfeld [2 Lamp. Hersf., Holder-Egger Seite 61.], die Altaicher Annalen [3 Ann. Altah. mai. in us. schol. Freiherr von Oefele Seite 45.] und der Sächsische Annalist [4 Annalist Saxo, SS. VI, Seite 661 und 674.]. Letzterer vermerkt nur zu den Jahren 1011 und 1020, im Zusammenhang mit anderen Familiennachrichten über die BILLUNGER, die zwar zeitlich voraufgingen, bei denen er aber jene Bemerkung gleich mit einflocht, daß Bernhards Bruder Thietmar im Zweikampf vor dem Kaiser HEINRICH gefallen sei, während Lampert das Ereignis zum Jahre 1048 meldet und uns auch das genaue Datum gibt. Dies findet seine Bestätigung und auch Ergänzung in der Angabe der Altaicher Ananlen zum Jahre 1048: "Autumno comes Dietmarus Saxo maiestatu reus so proscriptus, ab Arnolde pridem milite sue singularicertamine victus eisdam vulneribus occubuit."
Über die Zeitspanne, die zwischen dem Besuch des Kaisers in Lesum und dem unglücklich ausgehenden Zweikampf lag, ist man sich nicht einig. Nach Lampert fand die Gerichstverhandlung einen Tag nach dem Michaelisfest, am 30. September 1048 zu Pöhlde statt [1 Lamp. Hersf., Holder-Egger Seite 61.]. Eine eindeutige Festlegung, ob der Anschlag diesem Termin, bzw. dem Tode Thietmars ein Jahr voraufging, wie es Steindorff [Steindorff, Jbb. Heinrichs III Band 2, Seite 16 Anmerkung 5.] und auch K. Müller [3 Müller, Itrinarer Heinrich III. Seite 66f.] annehmen, oder ob beide Vorgänge in ein- und dasselbe Jahr, nämlich 1048 fallen, wird kaum möglich sein, wenn mir auch das letztere als Wahrscheinlichere vorkommt. Auch Müller muß zugeben, daß eine Reise HEINRICHS III. nach Lesum im Spätsommer des Jahres 1048 durchaus im Bereich des Möglichen liegt, doch meint er, daß der Aufenthalt des Kaisers im September 1047 in Westfalen nicht recht erklärlich sei, wenn man ihn nicht mit jener von Adam (III, 8) angegebenen Reise nach Bremen in Verbindung bringen könne [4 HEINRICH III. urkundet zwar am 2. September 1047 (DH. III., 206, Seite 271) in Soest, kann aber auch in den nicht nachweisbaren Spätsommermonaten 1048 in Bremen gewesen sein.]. Meines Erachtens gewinnt man aber gerade bei Adams Schilderung den Eindruck eines unmittelbar aufeinanderfolgenden Handlungsablaufs. Nur könnten natürlich die von ihm heinzugesetzten Worte "ut siunt" auf der anderen Seite einiges Bedenken ob der absoluten Sicherheit jener Darstellung aufkommen lassen.
Schmeidler [5 Schmeidler, zu Adam Seite 148 Anmerkung 5.] beruft sich, glaube ich, mit Recht auf Herim. Augiens. Chron. [6 Herim. Aug. Chron. SS. V, Seite 127.] wonach des Kaisers Reise nach Bremen im Jahre 1048 erfolgt sei, und meint, daß nach Adams Ansicht und nach der Wahrscheinlichkeit der Sache jedenfalls nicht ein Zeitraum von einem Jahr zwischen dem Anschlag und dem Prozeß lag.
Wie wir aus dem Necr. S. Mich. Lun. erfahren, starb Thietmar, nachdem er von seinem Gegner schwer verwundet worden war, erst drei Tage später, am 3. Oktober 1048 [7 Necr. S. Mich. Lun. Wedekind Noten III, 74 "Thietmarus comes et occisus".], wie es auch zum Teil schon aus der oben zitierten Stelle der Altaicher Annalen hervorgeht [8 Ann. Altah. mai. Seite 45.].