Verschiedentlich ist die Zusammenkunft von Hötensleben
als gesamtsächsische Stammesversammlung angesprochen worden. Es liegen
jedoch keine Anhaltspunkte vor, dass außer Graf
Hermann, dem Onkel Herzog
Magnus', herausragende, für die anderen sächsischen Teilstämme
repräsentative Fürsten dort anwesend waren. Auch stehen in der
Berichterstattung Brunos eindeutig Hochadlige ostsächsicher Herkunft
im Vordergrund. Gleich Otto
von Northeim befand sich auch Graf Hermann
privato odio im Gegensatz zu HEINRICH
IV. Die Gefangenschaft seines Neffen Magnus
seit
1071, die Möglichkeit, dass dem billungischen
Geschlecht die Herzogswürde verlorengehen könnte,
und die zu diesem Zeitpunkt schon Jahrzehnte dauernde oppositionelle Haltung
der sächsischen Herzogsfamilie waren die Triebkräfte für
die Gegnerschaft.
Auch die Vertreter der billungischen
Herzogsfamilie gehörten 1073 zu den Königsgegnern in Sachsen.
Ihr Gegensatz zum Königtum war dabei nicht wie im Falle Ottos von
Northeim das Resultat sich spontan entwickelnder Feindschaft, sondern hatte
sich durch die lang andauernde Entfremdung zwischen Königtum und dem
sächsischen Herzogsgeschlecht allmählich gesteigert. Die sich
seit dem Herrschaftsantritt Adalberts verstärkende Rivalität
mit dem Erzbistum Bremen bildete dabei nur einen Teilaspekt. Zur Zeit Kaiser
HEINRICHS III. waren die BILLUNGER noch nicht fähig,
wirksam gegen die Krone vorzugehen. Noch 1063 waren
Herzog Ordulf
und
sein Bruder Hermann wegen ihrer Übergriffe
auf die Bremer Kirche im Königsgericht verurteilt worden. Erst 1066,
als die Machtstellung Erzbischof Adalberts am Königshof zusammenbrach,
traten die für seine Kirche verheerenden Folgen ein [Um vor den Verfolgungen
des Herzogssohnes Magnus sicher zu sein, wurde der Erzbischof zu
einer Lehnsübertragung von 1.000 Hufen an den BILLUNGER
gezwungen. Auch die übrigen das Erzstift bedrängenden Adelskräfte
konnten nur durch ähnliche Übertragungen von Gütern und
Rechten aus dem Besitz der Bremer Kirche zum Stillhalten bewegt werden.].
1070 findet man Magnus an der Seite Ottos von
Northeim. mit dem zusammen er sich 1071 HEINRICH
IV. unterwarf. Während Otto nach einem Jahr Haft die Freiheit
zurückerhielt, blieb der BILLUNGER Gefangener des Königs.
Auch den Bemühungen seines Onkels, Graf
Hermanns, und des wieder zu Einfluß gekommen Northeimers
gelang es nicht, seine Entlassung zu erwirken. Zusätzlich hatte der
König sogar noch die billungische
Burg in Lüneburg besetzen lassen. Auch die Verhandlungen, die HEINRICH
IV. 1071 im Beisein Adalberts von Bremen in Bardowick mit dem
Dänen-König
Sven Estridson führte, dürften die Mitglieder der
herzoglichen Familie zu äußerstem Mißtrauen gegenüber
den Absichten des Königs veranlaßt haben.
So überrascht es nicht weiter, Graf
Hermann unter den Verschwörern von Hötensleben anzutreffen.
Nachdem sein Neffe Magnus wenig später im Austausch gegen die
von Hermann belagerte königliche
Burgbesatzung von Lüneburg freigelassen worden war, konnten sich beide
BILLUNGER
an dem nun beginnenden Kampf gegen
HEINRICH IV.
beteiligen. Sie zählten auch zu den Fürsten, die im Oktober 1075
nach ihrer Unterwerfung den Weg in die Haft antraten. Graf Dietrich II.
von Katlenburg und dem BILLUNGER Hermann gelang
1076 als ersten aus der Gruppe der inhaftierten Fürsten die Rückkehr
nach Sachsen, wo sie den Kampf gegen HEINRICH
IV. neu belebten.
Die Herzogs-Witwe
Gertrud aus dem Geschlecht der sogenannten Grafen von Haldensleben
- die zweite Gemahlin Ordulfs - befand sich ebenfalls über
längere Zeit in königlichem Gewahrsam, denn sie gehörte
zu den gefangenen sächsischen Fürsten, denen im Sommer 1076 während
des Ausbruchs von Unruhen in Mainz die Flucht gelang.
Das 1077 begründete Gegen-Königtum Herzog
Rudolfs fand zunächst die Unterstützung der
BILLUNGER, die 1078 dem König der kirchlichen Partei in der Schlacht
bei Mellrichstadt Waffenhilfe leisteten. Jedoch nahm das Kampfgeschehen
für die beiden Repräsentanten des sächsischen Herzogshauses
einen sehr ungünstigen Verlauf. Herzog Magnus ging die gesamte
Ausrüstung verloren, während
Graf Hermann
sogar in die Gefangenschaft
HEINRICHS IV. geriet.
Kurz vor der Schlacht bei Flarchheim im Januar 1080 wechselten
mehrere sächsische Große die Partei. Auch die beiden BILLUNGER,
Magnus
und
Hermann,
leisteten RUDOLF
damals keine Heerfolge
mehr. HEINRICH IV. hatte dem Grafen
Hermann sogar die Freiheit zurückgegeben, nachdem er gemeinsam
mit seinem Neffen Magnus einen Sicherheitseid auf ihr künftiges
Verhalten abgelegt hatte. Vor der Schlacht bei Flarchheim sollen beide
sogar versucht haben, ihre Truppen König
HEINRICH zuzuführen. Perfidae coniuratione seien
sie auch mit Markgraf Ekbert II. und dessen Schwiegermutter Adela
verbunden gewesen, die also gleichfalls im Zusammenhang dieser mehr oder
weniger offenen Abfallbewegung von der Sache RUDOLFS
genannt werden.
Von diesem Zeitpunkt an schieden die BILLUNGER endgültig
aus der gegen HEINRICH IV. gerichteten
Bewegung aus. Obwohl ihnen von ihrer Stellung her ein größeres
Gewicht im Kreise des sächsischen Hochadels eingeräumt werden
muß, traten sie während der Kämpfe ihrer Standesgenossen
mit dem salischen Königtum nicht
besonders hervor. Vielfach ist diese Zurückhaltung in der neueren
Forschung als persönliche Schwäche der letzten Vertreter dieses
Geschlechts gedeutet worden. Gerade in der Anfangsphase lag die Führung
ganz eindeutig beim politisch einflußreicheren Persönlichkeiten
wie Otto von Northeim und Bischof Burchard von Halberstadt, während
man wohl bei Magnus und Hermann unterstellen
darf, dass sie nicht das Format ihrer bedeutenderen Vorfahren besaßen.
Man wird ferner berücksichtigen müssen, dass das sächsische
Herzogtum der BILLUNGER, so wie es sich entwickelt hatte, von seinen
institutionellen Grundlagen her nicht unbedingt eine Stammesführung
beinhaltete. Besonders die Fürsten im östlichen Sachsen und in
den sich anschließenden Markengebieten nahmen eine vollkommen eigenständige
Stellung ein. Sicherlich konnte vom billungischen
Herzogtum wohl nur dann eine Stamm politisch repräsentierende Funktion
ausgehen, wenn sie von einer entsprechenden Persönlichkeit ausgefüllt
wurde. Aber war das Zurücktreten während des Kampfes mit HEINRICH
IV. nur persönliches Unvermögen der letzten Repräsentanten
der Herzogsfamilie? Ende der 70-er und während der 80-er Jahre engte
sich der Kreis der opponierenden Fürsten mehr und mehr auf das östliche
Sachsen ein. Schon auf Grund seiner eigenen Besitzstellung waren die Interessen
Magnus'
nur
sehr begrenzt an diesen Raum gebunden, die ihm wenig Veranlassung boten,
die sächsische Oppositionsbewegung zu unterstützen. Es war demnach
wohl auch eine Politik ruhiger Besonnenheit gegenüber dem König,
die den Herzog bewog, sich aus dem Kreise der Aufständischen zurückzuziehen
und diese trotz seines herzoglichen Ranges sich selbst zu überlassen.