Bork Ruth: Seite 78-80
*********
"Die Billunger. Mit Beiträgen zur Geschichte des deutsch-wendischen Grenzraumes im 10. und 11. Jahrhundert."

7) Hadwig (+ 1014), Tochter Wichmanns des Älteren (?)
---------------------------------------------------------------------
In den Nachkommen Wichmanns des Älteren wird im Allgemeinen und wohl berechtigterweise die Gemahlin Siegfrieds und späterer Äbtissin von Gernrode Hadwig gerechnet, wenn sie auch nirgends in den Quellen ausdrücklich als solche bezeichnet wird. Doch liegen genügend Anzeichen vor, um sie wenigstens mit einem Fragezeichen versehen unter die Angehörigen des Wichmannschen Hauses aufnehmen zu können, im Gegensatz zu den oben schon erwähnten Schwestern Imma und Frederuna, für die jedenfalls nicht in gleicher Weise positive Merkmale vorhanden sind. Da Hadwig nur als "neptis" der Königin Mathilde bekannt ist, die Namen ihrer Mutter oder ihres Vaters aber nicht genannt werden, mutet es wahrscheinlich an, daß sie nach dem vielleicht frühen Tode ihrer Eltern von dieser aufgenommen und erzogen wurde - ähnlich wie es von Wichmann dem Jüngeren in seinem Verhältnis zu OTTO I. ausgesagt ist. Nur darf man mit falscher Sicherheit vorgetragene Behauptung wie die, daß Hadwig, nachdem ihr Vater Wichmann der Ältere und ihre Mutter Bia gestorben waren, von der Königin aufgenommen und in dem 937 gegründeten S. Servatiuskloster zu Quedlinburg erzogen worden sei.
Das, was uns aus einwandfreien Quellen von ihr überliefert ist, läßt sich kurz in folgendem zusammenfassen:
Hadwig starb nach Angabe Thietmars am 4. Juli 1014 als Äbtissin von Gernrode [2 Thietmar VII, 3 (4), Seite 400]. Einen dementsprechenden Todesvermerk finden wir auch in den Quedlinburger Annalen [3 Ann. Quedl. SS. III, 82]. Von ihrem Lebenslauf gibt uns Thietmar eine kurze Beschreibung [4 Thietmar VII, 3 (4), Seite 400.]. Hadwig war mit 13 Jahren dem Grafen Siegfried, dem Sohn des Markgrafen Gero, vermählt worden, der bereits nach siebenjähriger Ehe starb, etwa um das Jahr 959. Denn 958 wird Siegfried noch mit seinem Vater zusammen anläßlich der Bürgschaftsübernahme für den jüngeren Wichmann von Widukind genannt [5 Widukind III, 60, Seite 136]. Das weitere ist aus den Zeitangaben Thietmars zu errechnen. Diesem zufolge muß sie im Jahre 1014 75 Jahre alt gewesen sein und ihre Geburt, da sie zwanzigjährig den Schleier nahm, in das Jahr 939 fallen. Dies ließ nun, rein zeitlich gesehen, eine Abstammung aus der Ehe Wichmanns des Älteren für möglich erscheinen, denn der bekanntlich frühe Tod Wichmanns, wie auch seiner Gemahlin würden dann vielleicht sogar mit ausschlaggebend gewesen sein für die verhältnismäßig frühe Vermählung Hadwigs. Auch die Tatsache der Bürgschaftsübernahme spräche dafür, in Wichmann den Jüngeren den Schwager Siegfrieds zu sehen, bzw. den Bruder Hadwigs. Diese wurde nach dem Tode ihres Gatten dem neugestifteten Kloster Gernrode vorgesetzt, das mit ihrem ganzen Erbe ausgestattet worden war [6 Hadwig, die dabei im Wesentlichen von dem Markgrafen Gero unterstützt wurde, nun gar als leibliche Tochter Geros hinzustellen, wie es Poppenrod in den Ann. Gernrod. Seite 35 tat, kann nur aus Unkenntnis, bzw. aus mangelnder Übersicht über das vorhandene Quellenmaterial entsprungen sein.]. Nach Thietmars Aussage erhielt sie von Bischof Bernhard von Halberstadt den Schleier und wurde von ihm wenig später zur Äbtissin geweiht [1 Thietmar VII, 3 (4); Seite 400.]. In einer päpstlichen Urkunde, deren Datum umstritten ist, finden sich die Angaben zum Teil bestätigt [2 Jaffe, Reg. pontif. Nom. I, Nr. 3281., vgl. Schubert, Hathuwi Seite 25.]. Eine Urkunde OTTOS III. aus dem Jahre 999 [3 DO. III., 326, Seite 754], die von der "gubernatrix Haduui" redet, stellt die Abtei Gernrode erstmalig auf eine Stufe mit anderen Kaiserabteien, wie Essen, Quedlinburg und Gandersheim, denen als Vorrecht vor allem die freie Äbtissinnenwahl zugestanden wurde, was übrigens ähnlich auch in der Urkunde HEINRICHS II. vom Jahre 1004 [4 DH. II., 67] dem Kloster Kemnade bestätigt ist. Es kann dies zumindest als ein Hinweis auf das Ansehen der Äbtissin, ihre edle Geburt und ihre etwa vorhandenen verwandtschaftlichen Beziehungen zum Herrscherhaus betrachtet werden, die jedenfalls von Hadwig im Gegensatz zu Imma und Frederuna bezeugt sind. Der Tätigkeit Hadwigs während der 55 Jahre, in denen sie dem Kloster vorstand, gedenkt Thietmar mit höchst anerkennenden Worten, indem er sie ihrer unermüdlichen Tätigkeit, wie auch ihrer Mildtätigkeit und Keuschheit wegen verschiedenen biblischen Frauengestalten gleichstellt [5 Thietmar VII, 3 (4) Seite 400.]. Hadwig hatte die Hoffnung gehabt, daß ihre Verwandte, die Nonne Mathilde [6 Dazu Näheres in dem betreffenden Abschnitt weiter unten.], eine Nichte Thietmars, ihre Nachfolgerin werden würde. Mathilde, die eventuell auch zu den BILLUNGERN gerechnet werden kann und lange Zeit in Gernrode gelebt hatte, starb jedoch schon am 28. April 1014, von Hadwig, wie es heißt, in untröstlichem Schmerz beweint [7 Vgl. Anmerkung 5.], die ihr nun selber stattdessen wenig später im Tode nachfolgte [8 Die Quedlinburger Annalen SS. III, 82 berichten anläßlich ihres Todes zum Jahre 1014: In demselben Jahre übertrug auch der Kaiser (HEINRICH II.) der Frau Adelheid zwei Schwesterklöster mit ihren Töchtern und zugehörigen Gütern, nämlich Montag den 1. November das Kloster des seligen Markgrafen Gero und Dienstag den 2. desselben Monats die edle Genossenschaft zu Vreden" (Übersetzung Tenhagen). Tenhagen nimmt in seiner Abhandlung über die Vredener Äbtissinnen (Zeitschrift für westfälische Geschichte 48, Seite 145) an, daß die Vereinigung beider Abteien in einer Handwahl nur erfolgte.].