Hruodi                                                      Herzog von Würzburg
---------
    -
 

Sohn des N.N.
 

Lexikon des Mittelalters: Band IV Spalte 1985
********************
HEDENE
------------

Fränkisches Herzogsgeschlecht der späteren MEROWINGER-Zeit im Maingebiet um Würzburg und in Thüringen. Aus der "Passio Kiliani" ergibt sich die Mannesfolge Hruodi - H. (Hetan) der Ältere - Gozbert - H. (Hetan) der Jüngere. Der Leitname begegnet außerdem schon 590 (Chedin/Ethen, austrasischer Herzog unter Childebert II.) und noch einmal gegen Mitte des 7. Jahrhunderts (Cheden/Goden, Bruder Bischof Abbos [Goericus'] von Metz, eventuell identisch mit Heden dem Älteren). Die traditionelle Gleichsetzung Hruodis mit Herzog Radulf von Thüringen läßt sich nicht halten. Vielmehr scheint Hruodis Sohn Heden der Ältere, nicht erst Heden der Jüngere, schon nach 642/43 an der Wiedereroberung Thüringens für das Reich mitgewirkt zu haben.


Störmer Wilhelm: Seite 11-22
***************
"Zu Herkunft und Wirkungskreis der merowingerzeitlichen 'mainfränkischen'Herzöge"

Allein die Pssio minor sancti Kiliani bietet die Rekonstruktionsmöglichkeit der mainfränkischen Herzogsreihe. Der Quelle zufolge waren die Eltern des letzten Herzogs Heden II. ein dux Gozbert und seine Gemahlin Geilana (die vorher mit einem nicht namentlich bekannten Bruder Gozberts verheiratet gewesen sein soll). Dux Gozbert wiederum wird als Sohn Hetanis senioris, qui fuit filius Hruodis bezeichnet. Obgleich nicht ausdrücklich betont, darf doch mit Sicherheit angenommen werden, daß die beiden genannten Personen Heden der Ältere und Hruodi bereits Herzöge des mainfränkischen Raumes waren. Für Würzburg und Mainfranken gilt also laut Passio I die Herzogsreihe Hruodi - Heden I.- Gozbert - Heden II. [So verstand es auch die Passio. Auch wenn es sich um eine Passio, das heißt Legende im Sinne Lotters (F. Lotter, Severinus von Noricum. Legende und historische Wirksamkeit 1976 Seite 1-20), handelt, legt sie Wert auf die Rahmengegebenheiten. Für den Schreiber des 8. und 9. Jahrhunderts waren diese Herzogsnamen bekannt. Wären die Vorfahren Gozberts noch keine Herzöge gewesen, hätte er sicherlich dazu eine Bemerkung geacht.]
Hruodi, der älteste aus der Passio Kiliani bekannten HEDENE in Mainfranken, war sicherlich auch dux, das heißt fränkischer Amtsträger, in Mainfranken. Man war bisher gewohnt, diesen Hruodi mit dem thüringischen dux Radulf zu identifizieren, von dem Fredegar zu den Jahren 635 und 641 eingehend berichtet. Auf diese Gleichsetzung hat Alfred Friese [A. Friese, Studien zur Herrschaftsgeschichte des fränkischen Adels (Bochumer Histor. Schrr. 18, 1979) Seite 20ff, 38f. Völlig den Thesen Frieses hat sich nur F.-J. Schmale im Handbuch der bayer. Geschichte III/1, hg. von M. Spindler (1971) Seite 12ff., angeschlossen. Große Vorbehalte hat R. Butzen, Die Merowinger östlich des mittleren Rheins (Mainfränk. Studien 38, 1987) Seite 145ff., er hält aber an der Identität von Herzog Radulf = Hruodi fest (Seite 148ff, 160). Nicht ganz von den Thesen Frieses frei: D. Rosenstock, Zur Genealogie des mainländisch-thüringischen Herzogshauses der Heden (1250 Jahre Bistum Würzburg, hg. v. J. Lenssen und L. Wamser, 1992) Seite 31-34, siehe auch seine Rekonstruktion der Stammtafel der Hedenen im Anhang 3.] wiederum umfamgreiches genealogisches Gebäude aufgebaut, das in der Forschung freilich recht umstritten ist.
Die Gleichsetzung Ratold/Radulf = Hruodi läßt sich aber allein schon sprachlich gar nicht vertreten. Das heißt politisch: Thüringen und Mainfranken waren zur Zeit König Dagoberts I. zwei verschiedene Dukate. Dies mag befremden, zumal thüringischer Einfluß im mainfränkischen Raum östlich und nördlich von Würzburg archäologisch und namenkundlich durchaus greifbar ist. Es bieten sich zwei Möglichkeiten: Entweder installierte König Dagobert im Durchgangsland Mainfranken unweit der terra Sclavorum einen Amtsdukat schon in der Zeit der ersten Konflikte mit Samo, oder aber es gelang dem König einige Jahre später, dem widerspenstigen thüringischen dux Ratold Mainfranken (oder wenigstens Teile davon) zu entreißen und hier an einem zentralen Verkehrsort, dem castellum Würzburg, den Hauptsitz eines neuen Dukats zu errichten. Dieser dux kann niemand anderer gewesen sein als Hruodi.
Woher kam dieser Hruodi und welche Funktion hatte er bislang? Entscheidendes Verdrängen thüringischer Machtpositionen aus dem Main-Raum kann man wohl nur dem Franken-König zuschreiben. Die Main-Linie dürfte für ihn deshalb besonders  wichtig gewesen sein, weil er gegen Samo und dessen slawisches Reich energisch operieren wollte. Es fällt nun auf, daß laut Fredegar die Thüringer im Norden gegen Samo operierten, wobei der dux Ratold durchaus selbständige Politik trieb und sich in der Sicht der Franken als König aufspielen wollte. Als Unterstützer der Franken im Samo-Krieg werden schon vorher nur noch - jedenfalls laut Fredegar - Langobarden und Alemannen genannt. Auffälligerweise ist von den Bayern nicht die Rede. Sollten sie sich widerspenstig gezeigt haben, konnte der exercitus Alamannorum auch nicht durch Bayern ziehen. Da das Machtzentrum Samos laut herrschender Lehrmeinung im nordtschechischen Raum lag, wird sich das Heer auch durch heute fränkische Gebiete begeben haben.
Abschließend darf noch einmal betont werden, daß es keine sicheren Angaben über die Herkunft des "ersten Würzburger Herzogs" Hruodi gibt, daß sich aber aus sprachlichen Gründen wie auch aus der gesamten politischen Situation kaum eine andere Erklärung anbietet als jene, daß er mit dem gegen Samo und die Slawen kämpfenden Alemannendux Crodobert identisch ist [Die vermutete Identität des mainfränkischen 'dux' Hruodi mit dem Alemannendux könnte also politische Zusammenhänge klären. Eine weitere genealogische Einbindung dieses Alemannendux ist allerdings kaum möglich. Auf jeden Fall paßt er keienswegs in die alemannische Herzogsreihe. Auch H. Ebling, Prospographie der Amtsträger des Merowingerreiches (Beihefte der Francia 2, 1974) Seite 112 nr. CXXII,7, betont, daß über die Herkunft dieses dux Chrodebertus gesicherte Aussagen nicht möglich seien, zumal dieser zweigliedrige germanische Personenname im 7. Jahrhundert ungewöhnlich häufig überliefert sei. Es bleibt aber doch zu bemerken, daß zwar eine Reihe von Amtsträgern dieses Namens bekannt ist, aber alle zeitlich erst nach der Nennung dieses Alemannendux, der mit hoher Wahrscheinlichkeit ein von König Dagobert eingesetzter Amtsträger war.]. Eine Identifizierung Hruodis mit Herzog Ratold von Thüringen ist sicher unzulässig.

Ewig Eugen: Seite 131
***********
"Die Merowinger und das Frankenreich"

Da die Mainlande und Thüringen Etappengebiete für den Aufmarsch gegen Awaren und Slawen an der mittleren Elbe waren, dürften hier militärische Bezirke schon unter Childebert II. und Theudebert II. geschaffen worden sein. In der Zeit Dagoberts zeichnen sich drei größere Amtssprengel ab:
das Markenherzogtum Thüringen, das der König 632 nach der Niederlage von Wogastisburc Radulf übertrug,
das um Würzburg zentrierte mainthüringische Herzogtum und das
Herrschaftsgebiet des AGILOLFINGERS Fara in der Wetterau oder um Aschaffenburg.
Die Ahnenreihe der benachbarten, aber erst später in Erscheinung tretenden mainthüringischen Herzöge reicht mit dem Stammvater Ruodi bis in die Zeit Dagoberts hinauf. Doch begegnet der Leitname Heden (Chedinus) schon bei einem dux Childeberts II., der 590 eine fränkische Heeresgruppe gegen die Langobarden führte und auch den Würzburger Dukat verwaltet haben kann. Der äußerst seltene Name läßt jedenfalls auf Verwandtschaft mit Ruodi schließen, dem Dagobert das mainthüringische Herzogtum wohl übertrug, als er Radulf als Herzog im thüringischen Stammland einsetzte.
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 


Copyright 2002 Karl-Heinz Schreiber - http://www.genealogie-mittelalter.de