Vidimir                                           König der Ostgoten
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    473

Jüngerer Sohn des Ostgoten-Königs Wandalar
 

Dahn Felix: Seite 46,47
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"Die Völkerwanderung. Germanisch-Romanische Frühgeschichte Europas."

Nach langer Unterbrechung der Königsreihe besteigt nun Walamer, der älteste Sohn Wandalars, des Sohnes Winithars, nachdem er waffenreif geworden, den Thron. Zwei jüngere Brüder, Theodemer und Widemer, führen zwar nicht den Königsnamen, solange Walamer lebt, aber sie helfen dem König regieren, indem sie wahrscheinlich eigene Landschaften und Volksteile im Namen und Auftrag des älttesten Bruders mit gewisser Selbständigkeit beherrschen. Aber zunächst dauert die strenge Unterwerfung unter das hunnische Joch fort. Als Attila seinen großen Heerszug gegen die Römer und Westgoten in Gallien unternimmt, müssen die Ostgoten gegen diese ihre eigenen nächsten Stammesbrüder unverzüglich Heeresfolge leisten, und der König der Westgoten fällt in der Schlacht auf den Katalaunischen Feldern (451) durch den Speer des Ostgoten Andages. Erst nach dem Tod Attila (453) gelingt es auch den Ostgoten, sich von dem zerfallenden Hunnen-Reich loszureißen.
Walamer nahm seinen Sitz zwischen Saritza (Scarniunga) und Raab (aqua nigra), Theodemer am See Pelsodis (Neusiedler See), Widemer in der Mitte zwischen beiden iim land zwischen Drave und Save. Den Königstitel führt immer noch Walamer allein, aber die gebiete sind so entlegen, daß die Hunnen versuchen könnten, Walamer anzugreifen, ohne daß ihm die Brüder Hilfe zu bringen vermögen. Dieser Versuch der Söhne Attilas, die Goten "wie entlaufene Knechte" in ihre Gewalt zurückzuzwingen, war der letzte. Walamer erwehrte sich allein des Angriffs, und am Tag, da die Nachricht des Sieges in der Halle Theodemers eintraf, wurde diesem von seiner Buhle Ereliva, ein Knabe geboren, der spätere Theoderich der Große (etwa 454).
Die günstigen Verhältnisse in Byzanz wurden etwa sieben Jahre später getrübt durch die Nebenbuhlerschaft eines anderen gotischen Häuptlings, Theoderich des Schielers (Strabo), den Sohn von Triarius, der für sich und seinen Anhang nun die jährlichen Spenden von Geld und Getreide gewann, die Byzanz vertragsgemäß den AMALERN schuldete. Er verfolgte wieder einmal die alte römische Staatskunst, sich einer Germanen-Gruppe durch die andere zu erwehren. Durch kriegerischen Angriff auf Illyricum nötigten die AMALER den Kaiser, den Vertrag zu erfüllen, das Geschuldete nachzuzahlen, jährlich 300 Pfund Gold waren zu entrichten. Dafür verpflichteten sich die Brüder, diese Grenze zu verteidigen, und Theodemer stellte, zwar sehr ungern, dem dringenden Wunsch König Walamers nachgebend, den etwa achtjährigen Theoderich als Geisel in Byzanz (etwa 462), der alsbald die hohe Gunst Kaiser Leos gewann, "weil er ein feiner Knabe war".
Als Walamer im Kampf gegen die Skiren fiel, tritt Theodemer, "die Abzeichen des Königtums anlegend", an seine Stelle, Widemer bleibt untergeordnet. Während der Vater gegen Sueben und Alemannen ausgezogen ist, kehrt der junge Theoderich aus Byzanz heim (etwa 472) und ergreift, erst achtzehn Jahre alt, sofort die Gelegenheit, selbständig Kriegsruhm zu gewinnen.
So veranlaßte Theodemer seinen Bruder Widemer, fortan als selbständiger Führer seiner Gaue nach Westen zu ziehen und Italien anzugreifen. Er selbst als der Mächtigere wollte sich gegen das Ostreich wenden, das also schon damals als der stärkere Teil des Imperiums galt.
Es gelang dem römischen Kaiser Glycerius durch reiche Geschenke Widemer von Italien abzuhalten und statt dessen nach Gallien abzulenken (474), wo diese ostgotischen Gaue mit den Westgoten verschmolzen, in deren Volk und Reich sie aufgingen.

Offergeld Thilo: Seite 74-76
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"Reges pueri. Das Königtum Minderjähriger im frühen Mittelalter."

 Um 450 herrschten die drei amalischen Brüder Valamir, Thiudimir und Vidimir unter der Oberhoheit Attilas über die Ostgoten. Es scheint sich um einne Art brüderlicher Samtregierung gehandelt zu haben, wenn auch die jeweiligen Herrschaftsgebiete getrennt waren und nur dem ältesten Bruder, Valamir, der Königstitel zukam.
Der amalische Anspruch auf das Königtum, wenn man denn einmal von seiner vorhunnischen Existenz ausgeht, hatte die hunnische Herrschaft offensichtlich unbeschadet überdauert; vermutlich hat die Teilhabe an Attilas erfolgreicher Kriegerherrschaft die heerkönigliche Stellung der Valamir-AMALER zuletzt sogar gestärkt. Bestätigt würde diese Annahme dadurch, daß Valamir und seine Brüder beim Tode ihres Vorgängers anscheinend zunächst noch minderjährig waren und ihnen dennoch die Königswürde vorbehalten blieb. Auch die eher beiläufige Bemerkung Jordanes', daß die Ostgoten mit Valamirs Königserhebung gewartet hätten, bis dieser zum Mann herangewachsen war [89 Jordanes, Getica c. 251,, Seite 122 bzw. 103. Seine im gleichen Zusammenhang stehende Nachricht von einem vierzigjährigen Interegnum ist wohl allenfalls ein Hinweis auf den Verlust des gesamtgreutungischen Königtums zu werten; vgl. Claude, Königserhebungen Seite 152; als chronologischen Notbehelf deutet es Heather, Cassiodorus Seite 124f.], würde die These einer Minderjährigkeit beim Tode des Vorgängers untermauern. Allerdings muße es angesichts der dünnen Quellenlage wohl bei Vermutungen bleiben.
Die Niederlagen der Hunnen und ihrer ostgotischen Verbündeten in den Schlachten auf den Katalaunischen Feldern (451) und am Nedao (454/55) beendeten die Phase der hunnischen Herrschaft über die Ostgoten. Nicht alle, aber ein großer Teil der ehemals hunnischen Ostgoten blieb unter Valamirs Führung und ließ sich in Pannonien als oströmisches Föderatenvolk ansiedeln.  In wiederholten Kämpfen gegen die barbarischen Nachbarreiche behaupteten sie sich als stärkste der nachhunnischen Germanen-Herrschaften, und steigerten die AMALER ihr Prestige als erfolgreiche Heerkönige. Nach Valamirs Tod 468/69 folgte ihm der zweitälteste Bruder Thiudimir als König nach; Valamirs Reichsteil übernahm offenbar schon der soeben von seinem Geiselaufenthalt in Konstantinopel zurückgekehrte Thiudimir-Sohn Theoderich, der sich durch einen auf eigene Faust errungenen Sieg gegen die Theiß-Sarmaten wenig später auch als Heerführer profilieren konnte. Sein Erfolg scheint die brüderliche Machtbalance gefährdet zu haben, jedenfalls verließen die Ostgoten 472/73 Pannonien und teilten sich in zwei Abteilungen auf. Der jüngere AMALER, Vidimir, zog mit seiner Gefolgschaft nach Italien, wo er jedoch wenig erreichen konnte und kurze Zeit später starb. Unter seinem gleichnamigen Sohn wurden die Vidimir-Goten nach Gallien abgedrängt und schlossen sich dort den tolosanischen Westgoten an [92 Nach Lotter, Stammesverbände Seite 43-45, wäre Vidimir der Jüngere im Westreich noch zum gallischen Heermeister ernannt worden, doch beruht diese Annahme auf einer späten und recht problematischen Überlieferung.].
 
 
 

  oo N.N.
         
 
 
 
 

Kinder:

  Vidimer der Jüngere
      
 
 
 
 

Literatur:
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Dahn Felix: Die Völkerwanderung. Germanisch-Romanische Frühgeschichte Europas. Verlag Hans Kaiser Klagenfurt 1977 Seite 46,47175,176 - Offergeld Thilo: Reges pueri. Das Königtum Minderjähriger im frühen Mittelalter. Hahnsche Buchhandlung Hannover 2001 Seite 74-76,88,123, 136,294 -