Spindler Max: Seite 128,132,272
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"Handbuch der bayerischen Geschichte. Erster Band Das alte Bayern. Das Stammesherzogtum bis zum Ausgang des 12. Jahrhunderts."

Tassilo suchte seine Beziehungen zum südlichen Nachbarn durch seine Heirat mit Liutbirc, der Tochter des Langobarden-Königs Desiderius, zu stärken [5 Löwe, Reichsgründung 46f. setzt diese Eheschließung in das Jahr 763, das Jahr der 'harizliz', Riezler I 1, 300 datiert zwischen 765 und 769.]. Man nimmt allgemein an, daß er bei dieser Gelegenheit Gebiete in Süd-Tirol zurückerhielt, die Bayern anläßlich der Auseinandersetzung zwischen Grimoald und Hucbert an die Langobarden verloren hatte.
Liutburc ist als Gemahlin Tassilos natürlich vielfach bezeugt, wenn auch die Tatsache der Hochzeit nirgends erwähnt ist, so dass die Datierung nicht ganz sicher ist.
Als Tassilo im Jahre 788 in Erfüllung seiner Vasallenpflichten auf einem Hoftag in Ingelheim erschien, wurde er unter der von den Bayern erhobenen Anklage verhaftet, er habe ein Bündnis mit den Awaren geschlossen, er gehe gegen die königlichen Vasallen in Bayern vor, habe auch seine eigenen Leute angewiesen, dem Franken-König nur unter Vorbehalt die Treue zu schwören. Nach der fränkischen Berichterstattung wurde Tassilo aller dieser Vergehen auch überführt, doch reichte das zu einer Verurteilung offensichtlich nicht aus. So griff man auf das 25 Jahre zurückliegende Verbrechen des "harisliz", der eigenmächtigen Entfernung vom Heer auf dem aquitanischen Feldzug, zurück und fällt daraufhin ein Todesurteil. Dadurch wurde es möglich, nicht nur Tassilo, sondern auch die im bayerischen Gesetzbuch verankerten rechtlichen Ansprüche der AGILOLFINGER auf die Herrschaft in Bayern zu treffen.
Offensichtlich waren in Ingelheim auch Tassilos Gemahlin Liutburc, seine Söhne Theodo und Theodebert und seine Töchter Rotrud und Cotani anwesend. Durch einen bedeutsamen Fund Bischoffs können wir aus zeitgenössischen Briefen noch neue Einblicke in die Zeit des Untergangs eines selbständigen bayerischen Herzogtums gewinnen. Ein Brief berichtet von Verhandlungen, die ein Priester Liudprand und ein weiterer ungenannter bayerischer Priester am fränkischen Königshof geführt haben, und enthält schließlich den Befehl an die Herzogs-Tochter Cotani, sich an den Königshof zu begeben. Zwei weitere Briefe von einem Geistlichen Promo und vermutlich von Fater, dem Abt von Kremsmünster und Kaplan Tassilos, bestätigen die annalistischen Notizen, dass mit Tassilo auch mehrere seiner bayerischen Anhänger verurteilt worden sind. War ein Todesurteil über Tassilo gefällt, kam es auf dessen Vollstreckung nicht mehr an und Tassilo konnte vom König zu Klosterhaft "begnadigt" werden. In St. Goar erhielt er die Tonsur, später kam er nach Jumieges, noch später nach Lorsch. Doch auch jetzt war noch kein Abschluß erreicht. Sechs Jahre später, 794, wurde Tassilo auf einer Reichsversammlung in Frankfurt vorgeführt, und hier "verzichtete er auf jeden Rechtsanspruch und auf allen Eigenbesitz, soweit er ihm oder seinen Söhnen und Töchtern im Herzogtum rechtmäßig zugestanden war". Über die Hintergründe dieses erneuten Verzichts können wir nur Vermutungen anstellen, etwa, ob ein Zusammenhang mit der zwei Jahre zuvor erfolgten Empörung des Königs-Sohnes Pippin bestand. In Lorsch ist Tassilo am 11. Dezember eines unbekannten Jahres gestorben. Auch seine Frau und seine Kinder kamen hinter Klostermauern, bekannt ist nur der Aufenthalt des ältesten Sohnes Theodo in St. Maximin in Trier und seiner Töchter Cotani in Chelles und Rotrud in Soissons [1 Über den Ort seiner Verbannung und seines Begräbnisses hat sich eine Kontroverse erhoben: Romuald Bauerreiss, Wo ist das Grab Herzog Tassilos III.? (StMBO 49) 1931, 92-102; Max Heuwieser, Ist Herzog Tassilo im Kl. Niedenburg zu Passau begraben? (ZBLG 9) 1936, 412-416; Pankraz Stollenmayer, Das Grab Herzog Tassilos von Bayern (Jahresbericht des Gymnasiums der Benediktiner zu Kremsmünster 105) 1962, 1-66, dazu die Rezession von gertr. Sangberger (ZBLG 26) 1963, 453-458; zur Frage des Szepters: Adolf Gaubert, Das Zepter Tassilos III. (DA 18) 1962, 214-223; einen wichtigen Hinweis auf Jumieges bringt Josef Semmler, Zu den bayrich-westfränkischen Beziehungen in karolingischer Zeit (ZBLGH 29) 1966, 344-424, besonders 344 Anm. 1.].
Mit der Bestiftung des von Scharnitz-Schlehdorf aus gegründeten Klosters Innichen hatte Tassilo im Süden das teilweise slawisch besiedelte Pusteratl dem bayerischen Herrschaftsbereich fester eingeordnet und westlich davon den Vintschgau zurückerworben; bayerische Grafen geboten in Bozen, und durch Tassilos Heirat mit der langobardischen Prinzessin Liutbirga war diese Südgrenze, zumindest bis zum Fall des Langobarden-Reiches, durch freundschaftliche Verbindungen gesichert.