Lexikon des Mittelalters: Band VI Spalte 1152
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Nikaia, Kaiserreich von
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Nach dem 4. Kreuzzug und der Errichtung des Lateinischen
Kaiserreiches von Konstantinopel (1204) wurde Nikaia zu einem führenden
Zentrum des byzantinisch-griechischen Widerstandes gegen die 'lateinischen'
Eindringlinge; die Herrschaft im Norden übernahm Theodor
I. Laskaris, ein Schwiegersohn des Kaisers
Alexios
III. Angelos. Die meisten der lokalen Mächtigen, die
zum Teil von der ausgebrochenen Anarchie profitiert hatten, wurden von
Theodor, der sich zum Kaiser
proklamierte,
zur Unterwerfung genötigt. 1208 von einem Patriarchen (den Theodor
ernannt
hatte) zum Kaiser gekrönt, wurde er von den meisten Byzantinern der
Ostprovinzen als rechtmäßiger Herrscher anerkannt und nahm trotz
der Einkreisung durch Lateiner im Norden und Selguqen im Osten, die Reorganisation
von Regierung, Verwaltung und Verteidigung in Angriff.
Nach dem Tode Theodors I. folgte
ihm sein Schwiegersohn Johannes
III. Vatatzes, der den gewonnenen Machtbereich erweiterte
und konsolidierte. Er gebot dem Vordringen der Lateiner in Kleinasien Einhalt
und erreichte eine Einigung mit den türkischen Mächten. Sein
ernsthaftester Konkurrent war der Herrscher über Epeiros, Theodor
Dukas, der 1224 das (lateinisch besetzte) Thessalonike einnahm,
sich dort zum Kaiser krönen ließ und die Loyalität der
Byzantiner in den Westprovinzen auf sich vereinigte. Doch unterlag er 1230
den Bulgaren bei Klokotnica; dies schuf die Voraussetzung für das
Vordringen von Johannes Vatatzes in
den europäischen Bereich. Bis 1246 wurde das kurzlebige Kaiserreich
von Thessalonike dem Kaiserreich von Nikaia einerleibt. Michael
II. von Eipeiros konnte als letzter griechischer Mitbewerber um
den Besitz Konstantinopels noch eine Koalition mit französischen und
italienischen Verbündeten aufbauen, unterlag aber in der Entscheidungsschlacht
von Pelagonia (1259) Für den nikänischen Kaiser war damit der
Weg nach Konstantinopel frei. Im Juli 1261 wurde Konstantinopel einem nikänischen
Heer, unter geschickter Ausnutzung einer günstigen Situation, ausgeliefert.
Das Lateinische Kaiserreich war zusammengebrochen, das Exilkaisertum von
Nikaia beeendet.
Erntete die Früchte des Sieges auch der Usurpator
Michael
VIII. Palaiologos, der die
LASKARIDEN
vom
Thron verdrängt hatte und sich in Konstantinopel zum Kaiser krönen
ließ, so war der Architekt der erfolgreichen Restauration des Reiches
jedoch der 1254 verstorbene Johannes III. Vatatzes,
der durch sein umsichtiges militärisches und staatsmännisches
Handeln Nikaia zu einem allemein anerkannten Staatswesen mit solider Wirtschaft
und sicheren Grenzen gemacht hatte.
Johannes Vatatzes
isolierte durch die Ausdehnung seines Machtbereichs die Lateiner von ihren
westlichen Nachschublinien, knüpfte eine freundschjaftliche Allianz
mit Bulgarien an und verhandelte mit dem Papst wie mit FRIEDRICH
II., dessen Tochter er heiratete. Er und sein Sohn
Theodor
II. Laskaris sorgten aber auch für die Bewahrung der
überkommenen byzantinischen Kultur und förderten Kirchen und
Klöster. Das Kaiserreich von Nikaia war während der kurzen Zeit
seines Bestehens ein verkleinertes Abbild des byzantinischen Staates, überschaubar
und leichter zu verwalten als das Byzantinische Reich des späten 12.
Jh. mit seiner aufgeblähten Bürokratie und Armee. Gleichwohl
galt Nikaia stets nur als Sprungbrett für die Eroberung von Konstantinopel;
die Rückverlegung des Regierungssitzes von Nikaia nach Konstantinopel
(1261) hatte für Kleinasien denn auch empfindliche Folgen.
Reich von Nikaia
Der größte, mächtigste und bedeutendste
dieser Staaten war das sogenannte Reich von Nikäa, wo Theodor
I. Laskaris, ein Schwiegersohn Alexios'
III., 1206 als Kaiser anerkannt und zwei Jahre später
gekrönt wurde. Es erstreckte sich über einen mehr als 300 Kilometer
breiten Gürtel in W-Anatolien von der Ägäis bis zur Schwarzmeerküste.
Nach Norden und Westen grenzte es an das Lateinische Reich, nach Süden
und Osten an das Seldschuken-Sultanat. Zwar blieb Nikäa nominell Hauptstadt
- und wurde 1208 Patriarchensitz, wonach alle Kaiserkrönungen dort
stattfanden -, doch Theodors Nachfolger
Johannes
III. Vatatzes verlegte seine Hauptresidenz in die strategisch
viel günstiger gelegene lydische Stadt Nymphaion (Kemalpasa), so dass
das Reich den größten Teil seines 57-jährigen Exils von
Konstantinopel praktisch von dort aus regiert wurde und nicht von Nikäa.