"Verwandtschaftliche Beziehungen des sächsischen Adels zum russischen Fürstenhause im XI. Jahrhundert "
Der Annalista Saxo berichtet nämlich, dass der Markgraf
Otto (von Meißen), Graf von Orlamünde, aus seiner Ehe
mit
Adele
von Löwen in Brabant eine Tochter Cunigunde
hatte, die mit einem Rex Ruzorum verheiratet war. Nach dessen Tode kehrte
sie wieder in ihre Heimat zurück. Hier heiratete sie Cono,
den Sohn
Ottos von Northeim. Ihre Tochter aber, die sie vom russischen Fürsten
hatte, wurde mit einem thüringischen Fürsten namens Günter
verheiratet. Der Sohn dieser Tochter war der Graf Sizzo (von Käfernburg).
Auch über den russischen Gemahl der Kunigunde
von Orlamünde wurden von der Forschung die verschiedensten
Vermutungen ausgesprochen. Doch scheinen Ediger und Braun das Richtige
getroffen zu haben, die ihn für den Fürsten
Jaropolk Izjaslavic, den Sohn von jenem Izlaslav
erklärten,
der von seinem Bruder aus Kiev vertrieben war und bei HEINRICH
IV., bei Gregor
VII. und beim polnischen
König Boleslaw II. Hilfe gesucht
hatte.
Otto von Orlamünde, der 1062 Markgraf
von Meißen geworden war und 1067 starb, war bereits 1062 mit
Adele von Löwen verheiratet. Der sächsische Annalist nennt
schon zu diesem Jahre Kunigunde unter
ihren Kindern. Gebhardi vermutet, dass Kunigunde
um 1060 geboren war. Da ihr zweiter Gemahl, der Sohn Ottos
von Northeim,
Cono, den Beinamen von Beichlingen erst
seit 1088 führte, und er diese Grafschaft durch die Heirat mit Kunigunde
erhalten hatte, so ist ihre Ehe mit dem russischen Fürsten
ungefähr in den Zeitraum zwischen 1074 und 1087 zu setzen. Nun berichtet
Lampert zum Jahre 1075, dass der aus Kiev vertriebene
Izjaslav, der auch beim polnischen Könige keine Hilfe fand,
sich an den Hof
HEINRICHS IV. in Begleitung
Dedis, des Markgrafen der Thüringischen Mark, begeben
hatte. Bei diesem Markgrafen erwartete er einige Zeit später die Rückkehr
der Gesandtschaft, die von HEINRICH IV.
zu Svjatoslav geschickt worden war.
Dieser Markgraf Dedi, der schon Oktober 1075 starb, war in zweiter
Ehe mit Kunigundes Mutter
Adele
verheiratet.
Es ist bekannt, dass der Fürst Jaropolk Izjaslavic
seinem Vater nach Deutschland gefolgt war. Er ist es offenbar gewesen,
der Kunigunde geheiratet hat, und zwar
während seines Aufenthalts am Hofe des Markgrafen Dedi, das
heißt um die Zeit bis Oktober 1075.
Über die Motive, die zu dieser Heirat geführt
haben, können wir nur Vermutungen aussprechen. Es ist jedenfalls anzunehmen,
dass für den hilfesuchenden Izjaslav die
Heirat seines Sohnes mit der Stieftochter Dedis durchaus erwünscht
war. Nicht nur bei seinen Verhandlungen mit HEINRICH
IV., sondern auch bei seinen Beziehungen zu Polen, die sich
gerade damals verschärft hatten, konnte er die Unterstützung
des mächtigen Markgrafen brauchen. Andererseits war auch für
Dedi die Verwandtschaft mit dem Rex Russorum nicht ohne Vorteile,
konnte dieser doch in Kiev wieder zur Regierung gelangen, und war man doch
über seinen Reichtum unterrichtet: sowohl auf Grund der
HEINRICH IV. überbrachten Geschenke, als auch auf Grund
des durch Boleslav entwendeten Geldes.
Kunigundes Gemahl,
der Fürst Jaropolk, hat immer
seinem Vater nahegestanden. Vieles spricht dafür, dass Izjaslav
zu
seinen Gunsten an eine Durchbrechung der gesetzlichen Erbfolgeordnung dachte
und ihn zum Nachfolger bestimmte. Jaropolkhat
bei den Verhandlungen seines Vaters mit dem Papst keine unbeträchtliche
Rolle gespielt. Er ist in Rom gewesen und hat im Namen seines Vaters dessen
Fürstentum dem apostolischen Stuhl übertragen, um es dann dono
sancti Petri aus den Händen Gregors VII. zurückzuerhalten.
Wir wissen nicht, was Jaropolk und
sein Vater unter diesem Verhältnis verstanden haben. Praktische Folgen
für die russische Kirche hatte die Übergabe des Kiever Reiches
an den Papst jedenfalls nicht. Ohne Zweifel wollte Izjaslav
sein
Ansehen dadurch steigern, dass ihm von autoritativer Seite die Rechtmäßigkeit
seiner Ansprüche bestätigt wurde. Selbstverständlich schweigen
die Quellen über diese vom orthodoxen Standpunkt wenig ruhmvolle Handlung,
doch betonen die bekannten Kiever Miniaturen des Egbertpsalters in Cividale,
die einige Jahre später, zwischen 1078 und 1087, auf Veranlassung
von Jaropolks
Mutter, der polnischen
Königs-Tochter Gertrud, entstanden
sind, das besondere Verhältnis Jaropolks
zum heiligen Petrus. Eine dieser Miniaturen stellt den Apostel als große
Figur dar und neben ihm zwei kleine Figuren, zwei Bittende, einen Fürsten
und eine Fürstin. Der Fürst läßt sich durch eine halb
griechische, halb slavische Inschrift als Jaropolk
erkennen, die Fürstin ist ohne Zweifel seine Frau Kunigunde.
Auf einem anderen Bilde setzte der thronende Christus einem Fürsten
und einer Fürstin die Krone aufs Haupt. Beide Figuren sind mit den
vorangehenden identisch. Jaropolk wird
durch den heiligen Petrus herangeführt, seine Frau durch die heilige
Irene.
Daraus ergeben sich die zwei Namen beider. Offenbar hat Kunigunde
nach
der Heirat mit Jaropolk den Namen
Irene bekommen. Es bleibt aber dahingestellt, ob diese Heirat
schon vor den Verhandlungen Jaropolks
mit dem Papste geschlossen worden war. Das Bild, das die Komposition der
Krönung des byzantinischen Kaiserpaares durch Christus wiederholt,
spricht jedenfalls deutlich dafür, dass die Umgebung Jaropolks
keine
geringe Vorstellung von seiner Würde hatte.
Der Annalista Saxo berichtet, dass Kunigunde
nach
dem Tode ihres russischen Gemahls in ihre Heimat zurückkehrte. Die
russischen Annalen bringen Nachrichten über die Ereignisse, die sie
zu diesem Entschluß geführt haben. Jaropolk,
der zu Lebzeiten seines Vaters auch in Rußland stets in seiner Nähe
geblieben ist, erhielt nach dessen Tode die Fürstentümer Wolynj
und Turov. Jetzt, wo die Familie Vsevolods
zur Macht kam, mußte der Lieblingssohn Izjaslavs
mit einer gefährlichen Gegnerschaft rechnen. 1085 wurde er durch
Vsevolods Sohn Vladimir Monomach
aus seinen Besitzungen vertrieben und mußte nach Polen fliehen. Bei
dieser Gelegenheit erwähnen die Annalen seine Frau und seine Mutter.
Sie wurden zusammen mit seinem Gefolge von Monomach
nach Kiev gebracht, offenbar als Gefangene, alles, was der Fürst besessen
hatte, wurde ihm weggenommen. Schon im nächsten Jahre schloß
er mit Monomach Frieden und kehrte
in sein Fürstentum zurück, doch bald darauf fiel er durch die
Hand eines Meuchelmörders (am 22. November 1086). Es ist nicht erstaunlich,
dass unter solchen Umständen seine Frau es vorgezogen hat, in ihre
Heimat zurückzukehren.
Aus dem Annalista Saxo erfahren wir, dass die Tochter
der Kunigunde von Orlamünde und
Jaropolks
einen
Grafen Günther von Thüringen geheiratet hat. Wahrscheinlich hat
Kunigunde nach dem Tode ihres ersten Mannes
ihre Tochter mit nach Sachsen genommen. Die anderen Kinder
Jaropolks (die russischen Annalen nennen zwei Söhne) blieben
aber in Rußland und sind deswegen dem Annalista Saxo nicht bekannt.
Über die Tochter Kunigundes
sind die Nachrichten dürftig. Wir kennen nicht einmal ihren
Namen. Im Jahre 1086 konnte sie aber noch nicht mehr als 10 Jahre zählen.
Auch über ihren Gemahl, den thüringischen Fürsten Günter,
sind wir nur schlecht unterrichtet; viel besser dagegen über ihren
Sohn Sizzo von Käfernburg, den Begründer des Hauses der Grafen
von Schwarzburg . Da dieser schon 1112 regierender Herr war, so ist die
Heirat der Tochter
Kunigundes mit Günter
in die Zeit ca. 1090-1093 zu setzen. Es ist aber unwahrscheinlich, dass
man in Deutschland aus Anlaß dieser Heirat in irgendwelche Beziehungen
zum Heimatlande der Braut getreten ist.