Hlawitschka Eduard: Seite 31-34,36,84,87
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"Lotharingien und das Reich an der Schwelle der deutschen Geschichte"

Es ist deshalb von höchstem Interesse, wenn man sieht, daß der Kaiser auf dem Wege vom Elsaß, wo die erneute Erkrankung eingetreten war und er einige Monate darniederliegend verweilte, zu der Pfalz Bodman am Bodensee, wo dann die Operation vorgenommen wurde, der Kaiserin-Witwe Angilberga, der Mutter der Boso-Gemahlin Irmingard von der Provence, ein Diplom zukommen ließ. Angilberga repräsentierte ja doch gerade damals in besonderer Weise die lotharingische Verwandtschaftslinie. Sollte KARL III. auf jene sein besonderes Augenmerk gerichtet haben?
Angilberga hatte nach dem Tode ihres Gemahls, des Kaisers LUDWIG II. (+ 875), - wohl älteren Absprachen folgend - zunächst die ostfränkischen KAROLINGER in ihren Bemühungen um die Nachfolge in Italien begünstigt, den Erfolg KARLS DES KAHLEN aber doch nicht verhindern können. Bis in die zweite Hälfte des Jahres 876 hinein scheint sie in ihrer Haltung nicht wankend gewesen zu sein. Nachdem jedoch ihre Tochter von KARLS DES KAHLEN Vertrauten Boso, den dieser zu seinem dux und Stellvertreter in Italien eingesetzt hatte, in einem wenig durchschaubaren Intrigenspiel (etwa in der 2. Hälfte des Jahres 876) geehelicht worden war, hatte sie sich aber doch langsam auf W-Franken und auf ihren Schwiegersohn Boso ausgerichtet. Und in dieser Haltung mag sie auch durch Papst Johann VIII. bestärkt worden sein, der nach seinen schlechten Erfahrungen mit den Spoletiner Markgrafen, die sich bei ihren Aktionen auf König Karlmann von Bayern beriefen, das Kaisertum den westfränkischen KAROLINGERN zu erhalten gewillt war, der dann aber sich selbst von der Schwäche Ludwigs des Stammlers in W-Franken überzeugen mußte und hernach Boso (gleichsam als Erben Kaiser LUDWIGS II. durch dessen Tochter Irmingard) als zukünftigen Regenten Italiens und Schützer auch der weltlichen Interssen des Papsttums zu sehen wünschte. Nachdem schließlich Bosos und Johanns VIII. Italienpläne am Widerstand der italienischen Großen gescheitert waren, 879 aber die Erhebung Bosos zum König in der Provence gelungen war, scheint Angilberga Tochter und Schwiegersohn nach Kräften unterstützt zu haben. KARL III. hatte sie dafür wiederum, nachdem er 880 an einem gemeinsamen Feldzug der ost- und westfränkischen KAROLINGER gegen den Usurpator teilgenommen hatte und danach zur Kaiserkrönung nach Italien gezogen war, sogleich in Haft genommen sowie nach Alemannien in die Verbannung geschickt, ne aliquod solatium vel consilium dare facereque possit Bosoni. Die Versöhnung und Angilbergas Freilassung kamen erst 882 durch päpstliche Intervention zustande.
Wenn KARL III. gerade in seiner angedeuteten bedrängten Situation Angilberga und ihr oberitalienisches Kloster zu Brescia berücksichtigte, so kann dies nur - wie es von verschiedenen Seiten auch bereits geschehen ist - als eine Beziehungsaufnahme, an der ihm besonders gelegen sein muß, verstanden werden; denn damals, am 10. Februar 887, dürfte ihm einerseits der am 11.1.887 erfolgte Tod Bosos von der Provence, dessen Machtstreben die Beziehungen Angilbergas zu den ostfränkischen KAROLINGERN getrübt hatte, doch wohl schon bekannt gewesen sein und andererseits sieht man, daß mit dieser Beziehungsaufnahme weitere Kontakte nach Italien Hand in Hand gingen: es erfolgte eine dringende Einladung des Papstes, doch zum 30. April 887 zu einer Reichsversammlung nach Waiblingen zu kommen bzw. eine Gesandtschaft zu schicken. Der Papst, Stephan V., versagte sich freilich diesem Wunsche.
Sogleich nach der Reichsversammlung in Waiblingen, zu der also der Papst nicht erschienen war und auch keinen Vertreter gesandt hatte, zog KARL nach Kirchen bei Lörrach, und zwar der Tochter Angilbergas und Witwe Bosos sowie ihrem Sohne LUDWIG entgegen - obviam veniens imperator ad Hrenum villa Chirihheim? -, von deren Kommen er also gewußt und die er somit in gleicher Weise wie den Papst eingeladen haben muß. Hier in Kirchen nahm er Mitte bis Ende Mai 887 LUDWIGS Huldigung entgegen und adoptierte ihn an Sohnes Statt. Ja, er gestand ihm damit zugleich auch die regia dignita zu und bestätigte zum Schluß der Mutter des kleinen LUDWIG, Irmgard, ihm selbst und seinen Schwestern die von Kaiser LUDWIG II. an Irmingard in Italien, Burgund und Franzien dereinst geschenkten Besitzungen und Hörigen.
Die Verhaltensweise KARLS in Kirchen kam natürlich einer politischen Aktion gegen ARNULF VON KÄRNTEN gleich. Sie beraubte ihn, der seit der fortschreitenden Erkrankung KARLS in immer zunehmendem Maße auf die Nachfolge in der Herrschaft - zumindest was O-Franken anbetrifft - rechnen durfte, mit einem Schlage sämtlicher Aussichten. Und daß dies ernst gemeint war und Bestand haben sollte, sieht man daran, daß KARL noch im Julu 887 für Irmingard und LUDWIG die in Kirchen zugesagte Besitzbestätigung erließ, daß er auch Angilberga ein ähnliches Diplom gewährte, ja, daß Angilberga ihrerseits dem schwer erkrankten KARL einen Arzt als Beistand zugesandt hatte.
Wieder, wie schon im Frühjahr 887, scheint es die Kaiserin-Witwe Angilberga aus Italien gewesen zu sein, die die politischen Fäden spann. Da ARNULF eine Oberherrschaft über BERENGAR VON FRIAUL erlangt hatte, bot sich auch ein guter Anlaß. Sie suchte, wiewohl BERENGAR VON FRIAUL ihr eben erst eine Urkunde zur Bestätigung ihres italienischen Besitzes hatte ausstellen lassen, nun bei ARNULF um eine Besitzbestätigung nach. Bezeichnend ist, wer ihr Anliegen vortragen sollte: sie schickte eigens ihre Tochter Irmingard, die Witwe Bosos, zu ARNULF nach Forchheim.
Irmgards Bestreben, als sie 889 bei ARNULF in Forchheim erschien, dürfte es somit gewesen sein, die Sicherung der Nachfolge ihres kleinen Sohnes LUDWIG in jenem Reiche zu erwirken. Ist doch auch ihre Herrschbegierde genugsam bezeugt [Vgl. ihre Charakterisierung durch Hinkmar in den Ann. Bertin. ad 879 Seite 150. Überdies setzen die Fuldaer Annalen bereits zum Jahre 888 (Seite 116) den jungen LUDWIG VON DER PROVENCE, Irmingards Sohn, als Prätendenten für das provencalische Königtum ein, was hier nur Irmingards Wollen unterstreicht.]. Jedoch ARNULF verhielt sich abwartend. Er gewährte Angilberga zwar die durch Irmingard erbeten Besitzbestätigung und ließ diese desgleichen auf Irmingard für den Fall des Todes der Kaiserin-Witwe Angilberga ausdehnen, aber von sonstigen Unterstützungen ist nichts bekannt. Im Gegenteil! Wenn Erzbischof Bernuin von Vienne sich 889/90 sogar zum Papst nach Rom begeben mußte, um dort die Nöte dieses Reiches zu schildern und eine Zustimmung zur Erhebung LUDWIGS zu erhalten, kann das Ergebnis des Besuches Irmgards in Forchheim nicht verheißungsvoll gewesen sein. Und wenn es damals noch nicht zu Absprachen über die Erhebung des jungen LUDWIG kam, obgleich ARNULF zu jener Zeit schon Odo  von W-Franken, Rudolf von Hoch-Burgund und BERENGAR VON ITALIEN als Könige anerkannt und in ein System der Lehnssuprematie eingeordnet hatte., kann das nur auf erhebliche Spannungen oder Verstimmungen zwischen ARNULF und Irmingard bzw. dem jungen LUDWIG hindeuten.