Es ist deshalb von höchstem Interesse, wenn man sieht,
daß der Kaiser auf dem Wege vom Elsaß, wo die erneute Erkrankung
eingetreten war und er einige Monate darniederliegend verweilte, zu der
Pfalz Bodman am Bodensee, wo dann die Operation vorgenommen wurde, der
Kaiserin-Witwe
Angilberga, der Mutter der Boso-Gemahlin
Irmingard
von der Provence, ein Diplom zukommen ließ. Angilberga
repräsentierte ja doch gerade damals in besonderer Weise die lotharingische
Verwandtschaftslinie.
Sollte KARL
III. auf jene sein besonderes Augenmerk gerichtet haben?
Angilberga hatte
nach dem Tode ihres Gemahls, des Kaisers
LUDWIG II. (+ 875), - wohl älteren Absprachen
folgend - zunächst die ostfränkischen KAROLINGER
in
ihren Bemühungen um die Nachfolge in Italien begünstigt, den
Erfolg KARLS
DES KAHLEN aber doch nicht verhindern können. Bis in
die zweite Hälfte des Jahres 876 hinein scheint sie in ihrer Haltung
nicht wankend gewesen zu sein. Nachdem jedoch ihre Tochter von KARLS
DES KAHLEN Vertrauten
Boso,
den dieser zu seinem
dux und Stellvertreter in Italien eingesetzt
hatte, in einem wenig durchschaubaren Intrigenspiel (etwa in der 2. Hälfte
des Jahres 876) geehelicht worden war, hatte sie sich aber doch langsam
auf W-Franken und auf ihren Schwiegersohn
Boso
ausgerichtet.
Und in dieser Haltung mag sie auch durch Papst Johann VIII. bestärkt
worden sein, der nach seinen schlechten Erfahrungen mit den Spoletiner
Markgrafen, die sich bei ihren Aktionen auf König
Karlmann von Bayern beriefen, das Kaisertum den westfränkischen
KAROLINGERN
zu erhalten gewillt war, der dann aber sich selbst von der Schwäche
Ludwigs
des Stammlers in W-Franken überzeugen mußte und hernach
Boso
(gleichsam als Erben Kaiser LUDWIGS II. durch
dessen Tochter Irmingard) als zukünftigen
Regenten Italiens und Schützer auch der weltlichen Interssen des Papsttums
zu sehen wünschte. Nachdem schließlich
Bosos und Johanns VIII. Italienpläne am Widerstand
der italienischen Großen gescheitert waren, 879 aber die Erhebung
Bosos zum König in der Provence
gelungen war, scheint Angilberga Tochter
und Schwiegersohn nach Kräften unterstützt zu haben.
KARL
III. hatte sie dafür wiederum, nachdem er 880 an einem
gemeinsamen Feldzug der ost- und westfränkischen KAROLINGER
gegen den Usurpator teilgenommen hatte und danach zur Kaiserkrönung
nach Italien gezogen war, sogleich in Haft genommen sowie nach
Alemannien in die Verbannung geschickt, ne aliquod solatium
vel consilium dare facereque possit Bosoni.
Die Versöhnung und Angilbergas
Freilassung kamen erst 882 durch päpstliche Intervention zustande.
Wenn KARL III. gerade
in seiner angedeuteten bedrängten Situation
Angilberga
und ihr oberitalienisches Kloster zu Brescia berücksichtigte, so kann
dies nur - wie es von verschiedenen Seiten auch bereits geschehen ist -
als eine Beziehungsaufnahme, an der ihm besonders gelegen sein muß,
verstanden werden; denn damals, am 10. Februar 887, dürfte ihm einerseits
der am 11.1.887 erfolgte Tod Bosos von der Provence,
dessen Machtstreben die Beziehungen Angilbergas
zu den ostfränkischen KAROLINGERN getrübt
hatte, doch wohl schon bekannt gewesen sein und andererseits sieht man,
daß mit dieser Beziehungsaufnahme weitere Kontakte nach Italien Hand
in Hand gingen: es erfolgte eine dringende Einladung des Papstes, doch
zum 30. April 887 zu einer Reichsversammlung nach Waiblingen zu kommen
bzw. eine Gesandtschaft zu schicken. Der Papst, Stephan V., versagte
sich freilich diesem Wunsche.
Sogleich nach der Reichsversammlung in Waiblingen, zu
der also der Papst nicht erschienen war und auch keinen Vertreter gesandt
hatte, zog
KARL nach Kirchen bei Lörrach,
und zwar der Tochter Angilbergas und
Witwe Bosos sowie ihrem Sohne LUDWIG
entgegen - obviam veniens imperator ad Hrenum villa Chirihheim?
-, von deren Kommen er also gewußt und die er somit in gleicher Weise
wie den Papst eingeladen haben muß. Hier in Kirchen nahm er Mitte
bis Ende Mai 887 LUDWIGS Huldigung
entgegen und adoptierte ihn an Sohnes Statt. Ja, er gestand ihm damit zugleich
auch die regia dignita zu und bestätigte zum Schluß der
Mutter des kleinen LUDWIG, Irmgard,
ihm selbst und seinen Schwestern die von Kaiser
LUDWIG II. an Irmingard
in Italien, Burgund und Franzien dereinst geschenkten Besitzungen und Hörigen.
Die Verhaltensweise KARLS
in Kirchen kam natürlich einer politischen Aktion gegen ARNULF
VON KÄRNTEN gleich. Sie beraubte ihn, der seit der
fortschreitenden Erkrankung KARLS in
immer zunehmendem Maße auf die Nachfolge in der Herrschaft - zumindest
was O-Franken anbetrifft - rechnen durfte, mit einem Schlage sämtlicher
Aussichten. Und daß dies ernst gemeint war und Bestand haben sollte,
sieht man daran, daß KARL noch
im Julu 887 für Irmingard und
LUDWIG die in Kirchen zugesagte Besitzbestätigung
erließ, daß er auch Angilberga
ein ähnliches Diplom gewährte, ja, daß Angilberga
ihrerseits
dem schwer erkrankten KARL einen Arzt
als Beistand zugesandt hatte.
Wieder, wie schon im Frühjahr 887, scheint es die
Kaiserin-Witwe
Angilberga aus Italien gewesen zu sein, die die politischen
Fäden spann. Da ARNULF eine Oberherrschaft
über BERENGAR
VON FRIAUL erlangt hatte, bot sich auch ein guter Anlaß.
Sie suchte, wiewohl
BERENGAR VON FRIAUL
ihr eben erst eine Urkunde zur Bestätigung ihres italienischen Besitzes
hatte ausstellen lassen, nun bei ARNULF
um eine Besitzbestätigung nach. Bezeichnend ist, wer ihr Anliegen
vortragen sollte: sie schickte eigens ihre Tochter Irmingard,
die Witwe Bosos, zu ARNULF
nach
Forchheim.
Irmgards Bestreben,
als sie 889 bei ARNULF in Forchheim
erschien, dürfte es somit gewesen sein, die Sicherung der Nachfolge
ihres kleinen Sohnes LUDWIG in jenem
Reiche zu erwirken. Ist doch auch ihre Herrschbegierde genugsam bezeugt
[Vgl. ihre Charakterisierung durch Hinkmar in den Ann. Bertin. ad 879 Seite
150. Überdies setzen die Fuldaer Annalen bereits zum Jahre 888 (Seite
116) den jungen LUDWIG VON DER PROVENCE,
Irmingards
Sohn, als Prätendenten für das provencalische Königtum ein,
was hier nur Irmingards Wollen unterstreicht.].
Jedoch ARNULF verhielt sich abwartend.
Er gewährte Angilberga
zwar die
durch Irmingard erbeten Besitzbestätigung
und ließ diese desgleichen auf Irmingard
für
den Fall des Todes der Kaiserin-Witwe
Angilberga
ausdehnen, aber von sonstigen Unterstützungen
ist nichts bekannt. Im Gegenteil! Wenn Erzbischof Bernuin von Vienne sich
889/90 sogar zum Papst nach Rom begeben mußte, um dort die Nöte
dieses Reiches zu schildern und eine Zustimmung zur Erhebung LUDWIGS
zu erhalten, kann das Ergebnis des Besuches Irmgards
in Forchheim nicht verheißungsvoll gewesen sein. Und wenn es damals
noch nicht zu Absprachen über die Erhebung des jungen LUDWIG
kam, obgleich ARNULF zu jener Zeit
schon Odo von W-Franken,
Rudolf
von Hoch-Burgund und BERENGAR VON
ITALIEN
als Könige anerkannt und in ein System der Lehnssuprematie
eingeordnet hatte., kann das nur auf erhebliche Spannungen oder Verstimmungen
zwischen
ARNULF und
Irmingard bzw. dem jungen LUDWIG
hindeuten.