Karl Schmid

"Religiöses und Sippengebundenes Gemeinschaftsbewußtsein " 1983
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Unter den Zeugnissen, die für unseren Problemkreis einschlägig sind, nimmt die Korrespondenz Notkers mit den beiden Brüdern Waldo und Salomon wohl einen einzigartigen Platz ein. Denn die Briefe Notkers sind aus der Unmittelbarkeit einer Situation heraus geschrieben, in der es um den Werdegang von zwei jungen Persönlichkeiten ging.
Waldo und Salomon, die Verwandten der Konstanzer Bischöfe Salomon I. und Salomon II., sind Notker dem Stammler von St. Gallen zur geistigen Betreuung anvertraut worden. Sie sollten im Galluskloster geschult und zum Priester vorbereitet werden. Der Reigen der in Prosa und Versform  verfaßten Briefe setzt nach Wolfram von den Steinen mit einem "Abschiedsbrief" Notkers im Jahre 879 ein, als seine Zöglinge über die Alpen zogen, um erstmals für kürzere Zeit am Hofe KARLS III. in Italien zu weilen. Dann folgt der "Osterbrief" 880 mit anschließendem "Mahnbrief" an die mit Bischof Salomon ins Rheinland, zu Erzbischof Liutbert von Mainz, und an den Hof König Ludwigs des Jüngeren abgereisten Brüder. Während Waldo im Anschluß daran häufiger bei Tätigkeiten in der Kanzlei KARLS III. anzutreffen ist, kehrte Salomon nach Alemannien, aber zunächst nicht ins Kloster, sondern auf sein väterliches Erbgut zurück. Aus dieser Zeit stammen Briefe Salomons an den Bischof Salomon und an Notker. Gelegentlich ihres Beisammenseins erhielten die beiden Brüder in den Jahren 882/83 weitere Briefe Notkers, den "Tonsurbrief" und den sogenannten "Brief der Vorwürfe". Es folgen 884 der Brief an Waldo anläßlich seiner Priesterweihe und schließlich bis in die Zeit um 890 mehrere an Salomon allein gerichtete Schriftstücke, darunter den "Lehrbrief" und das "Pelzgedicht".
Notker hatte seine liebe Not mit den schon von ihrem Großoheim Bischof Salomon I. zum geistlichen Stand bestimmten Zöglingen. Diese sind zwar selbstbewußt, intelligent und ehrgeizig, nicht so sehr jedoch zu Dienst, Opfer und Verzicht bereit. Sie verabscheuen die Klosterzucht, hassen die Mönche, fürchten um ihre materielle Existenz in der geistlichen Laufbahn, verspüren die Verlockungen der Welt und tragen sich längere Zeit mit dem Gedanken, in sie zurückzukehren. Notker wird angesichts dieser Schwierigkeiten immer mehr zum helfenden, belehrenden und zurechtweisenden Freund der beiden jungen Männer. Er ermahnt sie dazu, ihrer Berufung treu zu bleiben und sucht ihnen ihre Befürchtungen auszureden und ihre abschätzigen Ansichten über das Leben der Mönche zu widerlegen. Von einer berechtigten Sorge wegen des Auskommens könne gar keine Rede sein: "Und wenn ihr zehn Brüder an der Zahl wäret,", so entgegnet er ihnen, "ihr hättet alles zur Genüge, 2 in Verona, 2 in Brescia, 2 in Konstanz, 2 in St. Gallen und 2 auf euerem eigenen Erbgut". Notker verehrt die beiden ihm anempfohlenen jungen Bischofsneffen, die ihren Aufsteig am Königshof und in einem kirchlichen Amte nehmen sollten. Ja, er ist stolz auf sie. Er wünscht, sie möchten doch bald soweit sein, coram propinquis vestris laicis ad sacerdotium promoveri et coram regibus et cuncta populorum frequentia Deo ministrare. Dabei warnt er Salomon davor, in eigennütziger Weise die Nachfolge Salomons II., des consobrinus seiner Mutter, im Bischofsamt zu erhoffen und zu betreiben. Und er hält den beiden Brüdern vor, wie unwürdig ihre Rückkehr in die Welt wäre: Computate ergo,qui episcopalibus et monasticis sumptibus et in Italia et in Alemannia nutriti estis ad regimen ecclesiae Dei, o vos, o sacerdotale genus, quanto dedecore et quanto periculo praesentis et aeternae vitae ad domus proprias non iam mariti, sed concubitores ancillarum, vel potius adulteri cognatorum vestrorum velitis redire. Denn die Beiden sind, wie Notker sagt, ad regimen ecclesiae Dei bestimmt; er spricht von episcopales et monastici sumptus und vom genus sacerdotale. Von der Auserwähltheit der beiden jungen Menschen ist er überzeugt, dass ihnen die bischöfliche Würde und der Dienst am Königshof zustehe, ist ihm eine Selbstverständlichkeit. Gelegentlich der Priesterweihe Waldos schreibt er an diesen: Quando te in habitu subdiaconi conspexi, ita de tua et vestis illius deformitate constritatus sum, ut multo te libentius inter abiectissimos laicos quam inter prestantissimos clericos videre voluissem. Nunc autem, quia te vidi in habitu sacerdotali, ita iocundatus sum, ut tu mihi prae omnibus episcopis praeter unum illum nostrum esse videaris solus sacerdotio digissimus. Sintalii hostiarii, alii acoliti, excorcistae alii, lectores alii, alii subdiaconi alii diaconi: tu sacerdotio dignus, te decet honor pontificatus, hic habitus est tuus. Und er mahnt in Versen einen Priester, nämlich Salomon, der einst Bischof sein wird. So sehr Notkers Überzeugung von der Auserwähltheit und Bestimmung der Bischofsneffen zum Bischofsamt die konkrete verwandtschaftliche Gebundenheit überhöht, so ändert dies nichts daran, dass Waldo und Salomon als Bischofsanwärter galten, eben weil es ihre Verwandten, die Bischöfe Salomon I. und Salomon II., so haben wollten. Und so sehr Notkers Vorstellung vom genus sacerdotale diejemige vom natürlichen Geschlecht transzendiert, so bildete diese in seinem Denken eben doch die Basis für jene. Auch der junge Salomon denkt im Grunde genommen in diesen Kategorien, wenn er den Zorn des bischöflichen Verwandten über seinen heimlichen Abstecher in die Welt mit dem folgenden, fast ironisch klingenden Argumenten zu beschwichtigen sucht: Ne ergo, quaeso, ne tantam iracundiam circa me pupillum habere velitis, ne multas illas elemosynas, quas mihi ob amorem Christi fecistis, tam facile perdatis!
Es ist eine Tatsache: In 3 Generationen sind Verwandte mit Namen Salomon Bischöfe von Konstanz geworden, Salomon I. + 871, Salomon II. + 890, Salomon III. + 920, und in 2 Generationen haben deren Verwandte namens Waldo darüber hinaus Bischofsstühle anderer Kirchen bestiegen, Waldo, der Bruder Salomons III., in Freising (+ 906) und Waldo, dessen Neffe, in Chur (+ 949). Diese Folge ist gewiß kein Zufall. In ihr manifestiert sich vielmehr eine starke Gebundenheit dieser Bischöfe an ihre natürliche Lebensgemeinschaft. Und dass die jeweils jüngeren Bischöfe die Namen Salomon und Waldo weitertrugen, dürfte ebenso wenig Zufall sein. Schon im Namen kommt in diesen Fällen wohl der Wunsch und Wille desjenigen, der ihn gab, zum Ausdruck, sein Träger möge dereinst wie sein Vorfahr zur bischöflichen Stellung aufsteigen, die bischöfliche Würde erlangen. Das sind Äußerungsformen eines Denkens, wie es für den Adel kennzeichnend ist. Daher können die Nachrichten, Bischof Salomon III. von Konstanz sei der Sohn vornehmer Eltern gewesen, nicht verwundern.
Obschon der verwandtschaftliche Zusammenhang der Bischöfe, die über mehrere Generationen hinweg aus der gleichen Adelssippe kamen, bezeugt ist, sind die eigentlichen Träger dieser Sippe, das heißt die einzelnen Elternpaare der Bischöfe, aus den erzählenden und urkundlichen Quellen nicht namentlich bekannt. Dies ist bezeichnend und rührt sicherlich daher, dass es die Bischöfe gewesen sind, die Rang und Ansehen der Sippe bestimmten, während deren Angehörige aus dem Laienstande ihnen gegenüber zurücktraten. Wenn wir sagen, "sie traten zurück", so meinen wir, dass sie nicht in der gleichen Weise wie ihre geistlichen Angehörigen in die geschichtliche Überlieferung eingegangen sind. Wohl aber ins Gebetsgedächtnis. In mehreren Gedenkbucheinträgen der Klöster Pfäfers, Reichenau und S. Giulia in Brescia konnten wir nämlich ihre Namen entdecken. Wiederum sind es Gedächtnisstiftungen, die bestätigen, dass Geistliche vornehmer Herkunft ihrer natürlichen Lebensgemeinschaft verbunden blieben. Wiederum sind es Gedächtnisstiftungen, aus denen aber auch sichtbar wird, dass die Geistlichen ihre Verwandten aus dem Laienstande zu Teilhabern an den Früchten des Gebetes, zu Nutznießern des geistlichen Amtes überhaupt zu machen gewillt waren. Die Bischöfe selbst jedoch sind der beste Beweis für das in dieser Adelssippe lebendige Bewußtsein.
Über die politische Bedeutung dieser Bischöfe aus dem "Haus der SALOMONE", ihre teilweise hervorragende Stellung im Königs- und Reichsdienst, Worte zu verlieren, erübrigt sich. Sie würden Bekanntes wiederholen.

Nach Dümmler:
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                           N. N

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     Salomo I.            N. N.                  N. N.
         -   871
 

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                             Salomo II.                Tochter
                                   -   890
 

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   Sohn         Waldo              Salomo III.       Tochter
 (vermählt)         -   906            -   920
 

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                                               Tochter            Waldo
                                                                            -   949
                                             oo Notker