Lexikon des Mittelalters: Band I Seite 47
*******************
Abodriten, Obodriten
-----------------------
I. ARCHÄOLOGIE
Die Abodriten als westslawischer Stamm gliedern sich in die Abodriten im engeren Sinne um Wismar mit dem Hauptburgen Mecklenburg, Schwerin und Dobin, die Warnower östlich davon, die Wagrier in O-Holstein mit Oldenburg und Lübeck, die Polanen um Ratzeburg, die Limonen bis zur Elbe. Im 7. oder späten 6. Jh. nach archäologischen Funden eingewandert (von Süden?). Von Waldgürteln umgrenzte Siedelräume entsprechen wohl dem Bereich von Kleinstämmen, darin Siedlungskammern mit zentralem Burgwall und offenen Siedlungen, die Burgbezirke (civitates, terrae) der schriftlichen Überlieferung. Große Höhenburgen in der Frühzeit. Die Verringerung der Burgwälle in spätslawischer Zeit wird mit Bildung größerer Einheiten gleichgesetzt. Einige Burgen mit Handwerkern: Holz-, Leder-, Hornbearbeitung, Eisen- und Gießergewerbe, Oldenburg und Mecklenburg durch Bildung von Suburbien auf dem Wege zur Stadt, Alt-Lübeck eine frühstädtische Siedlung. Blühender Ackerbau und Vieh (Pferde)zucht auf dem Lande, viel Fischerei. Die Verdichtung von Schatzfunden auch bei offenen Siedlungen zeugt von Handel und Einkommen einer breiten Schicht. Das archäologische Material (meist Keramik) grenzt den abodritischen Raum nicht deutlich ab, in der Küstenzone nach Osten gibt es fließende Übergänge. Spätslawisch starke Ausweitung nach S-Skandinavien (Ostsee-Keramik) noch ungeklärt. Deutlich ist der skandinavische Einfluß als Import, aber auch Grabbau, punktuell ethnisch bedingt. Eine germanische Restbevölkerung zeichnet sich inselhaft (zum Beispiel Bosau) ab.
II. GESCHICHTE
An der Spitze des Gesamtstammes stand als Inhaber einer erblichen zentralen
Gewalt ein Samtherrscher oder Großfürst (dux, rex), der aber
nur eine lockere Oberherrschaft über eine Vielzahl von kleineren Fürsten
(reguli, principes) ausgeübt haben dürfte. Die Herrschaftsbereiche
dieser Kleinfürsten waren sicherlich nicht identisch mit den erst
seit dem 10. und 11. Jh. bezeugten oben genannten Teilstämmen. Die
kleinfürstlichen Bereiche sind vielmehr zu denken entweder als Kleinstämme
in der Art anderer westslawischer Kleinverbände bei Wilzen-Lutizen,
Sorben und anderen oder aber als Burggaue, das ist burgbeherrschte kleine
Siedlungskammern, civitas im Sinne des sogenannten Bairischen Geographen
(Mitte 9. Jahrhundert). Politisch erscheinen die Abodriten
zunächst in engem Bunde mit dem Frankenreich, aus dem sie sich jedoch
noch in der 1. Hälfte des 9. Jahrhunderts lösen, um mehr und
mehr in den dänischen Einflußbereich zu geraten. Seit der Mitte
des 9. Jh. scheinen sich die Teilstämme, ursprünglich wohl nur
Kultverbände, politisch zu organisieren, veranlaßt vielleicht
durch einen entsprechenden Eingriff König
Ludwigs des Deutschen 844.
Den OTTONEN gelang es, die deutsche
Vorherrschaft wiederherzustellen: das Abodriten-Reich
wurde in die entstehende BILLUNGER-Mark einbezogen, in deren Rahmen es
sich seine Autonomie erhalten konnte. Im Zusammenhang mit der gesamten
Eroberungs- und Missionspolitik OTTOS I. gegenüber
den Slawen östlich von Elbe und Saale entstand 967 das abodritische
Missionsbistum
Oldenburg in Holstein, das dem Erzstuhl Hamburg-Bremen unterstellt wurde.
Das abodritische Fürstenhaus der
NAKONIDEN, das von seiner Residenz
Mecklenburg aus den Gesamtverband beherrschte, nahm das Christentum an.
Der große, vom heidnischen Kampfbund der Lutizen geführte
Slawenaufstand von 983, an dem auch die Abodriten
beteiligt
waren, änderte die Lage. Mehrfach wurden seither die christlichen
Kirchen niedergebrannt, die Priester samt dem Bischof verjagt; 1018 wurde
der christliche NAKONIDE Mstislawdurch
ein Bündnis zwischen dem lutizischen und dem abodritischen
Adel aus dem Lande getrieben. - Erst als in der Mitte des 11. Jh. die lutizische
Stellung infolge innerer Zerwürfnisse zu wanken begann, war die Zeit
für einen Neubeginn der NAKONIDEN-Herrschaft
gekommen. Seit 1043 unternahm es der in Deutschland, England und Dänemark
ausgebildete NAKONIDE Gottschalk,
im Kampf mit dem Prinzip der Teilstämme einen machtvollen, zentral
gelenkten abodritischen Herrschaftsstaat
aufzubauen - neben dem schon bestehenden polnischen und tschechischen.
Seine entschiedene Förderung des Christentums durch Gründung
von Klöstern, Kirchen und vor allem durch die Errichtung zweier neuer
Bistümer in Ratzeburg und Mecklenburg verrät die Fülle der
Macht, über die Gottschalk
geboten
haben muß, ebenso wie die Ausweitung seiner Herrschaft über
die Grenzen des Großstammes hinaus nach Süden und Osten. Auf
Gottschalk
geht anscheinend auch die Gründung der zentral gelegenen Burgstadt
Alt-Lübeck mit ihrem günstigen Hafen zurück, aber auch die
Anfänge des Aufbaus einer fürstlichen Burgbezirksverfassung als
bedeutenden Instruments der Zentralherrschaft nach polnischem und
tschechischem Vorbild.
Der Sturz seines wichtigsten äußeren Verbündeten, des
Erzbischofs Adalbert von Bremen 1066, bedeutete die Katastrophe auch für
Gottschalk.
Abermals folgte eine Periode heidnischer Reaktion, die erst Gottschalks
Sohn Heinrich 1090/93
beendete. Als Heinrich
seine
Residenz nicht in der Burg seiner Väter, der Mecklenburg, nahm, sondern
in Gottschalks
Gründung
Alt-Lübeck, war klar, dass er den Teilstämmen die politische
Bedeutung zu nehmen und auf den Bahnen des Vaters einen zentralen Herrschaftsstaat
zu errichten gedachte. Der Ausbau der Burgbezirksorganisation dürfte
weitere Fortschritte gemacht haben. Auch wirtschaftlich hat
Heinrich
sein Land gefördert: in Alt-Lübeck wurde nicht nur eine Gewerbesiedlung
mit einheimischen Kräften angelegt, sondern auch eine deutsche Kaufmannskolonie,
die den westfälischen Ostseehandel in den Hafen der Stadt leitete.
Technik und Struktur der agrarischen Produktion wurden verbessert. Wie
sein Vater, so hat auch Heinrich
seine Macht nach Süden und Osten hin ausweiten können: 1101 erschien
er in Havelberg, 1123/24 drang er bis Rügen vor. So konnte er schließlich,
wie gute Quellen bezeugen, den Königstitel annehmen. - Gleichwohl
behielt die Opposition der heidnischen abodritischen
nobiles,
die in dieser Zeit als mächtige Grundherren zu denken sind, so viel
Kraft, dass Heinrich
an
eine Wiederherstellung der christlichen Kirchenorganisation nicht denken
konnte. Als er am Ende seines Lebens einen Versuch in dieser Richtung unternahm,
fiel er 1127 einem Mordanschlag zum Opfer.
Sein Tod bedeutete das Ende des Abodriten-Reiches.
Auch seine Söhne und Enkel wurden rasch nacheinander umgebracht. 1131
wurde das Reich geteilt. Die westlichen Teile fielen in der Folge rasch
an sächsische Territorialfürsten (Grafen von Holstein und Grafen
von Ratzeburg). Der Ostteil unter Fürst
Niklot konnte sich dagegen halten, über den Wendenkreuzzug
von 1147 und auch über die Eroberungszüge hinaus, die Heinrich
der Löwe seit 1160 unternahm. 1167 sah sich Heinrich genötigt,
Niklots
Sohn
Pribyslaw
den größten Teil seiner Herrschaft zurückzugeben; nur die
neugeschaffene Grafschaft Schwerin blieb ihm entzogen. Pribyslaw
öffnete sein Land nun endgültig dem Christentum und verharrte
in enger Bindung an Sachsen und das Reich. Sein Sohn Heinrich-Borwin
holte dann auch deutsche Siedler ins Land: aus dem alten Abodriten-Land
wurde das deutsche Land Mecklenburg.
Literatur:
----------
F. Wigger, Mecklenburg. Annalen bis zum Jahr 1066, 1860 - R. Wagner,
Mecklenb. Gesch. in Einzeldarstellungen II, 1899 - K. Wachowski, Slowianszczyzna
zachodnia, Studya historyczne, 1903 [Neudr. 1950] - H.F. Schmid, Die Burgbezirksverfassung
bei den slav. Völkern, JKGS, NF 2, 1926 - O. Balzer, Okszaltach panstw
pierwotnej Slowianszczyzny zachodniej, Pisma posmiertne III, 1936 - W.
Brüske, Unters. zur Gesch. des Lutizenbundes, 1955 - Gesch. Schleswig-Holsteins,
hg. O. Klose, III, 1958 [H. Jankuhn], IV, 1964/72 [W. Lammers] - W. H.
Fritze, Probleme der abodrit. Stammes- und Reichsverfassung, Siedlung und
Verfassung der Slawen zw. Elbe, Saale und Oder [hg. H. Ludat], 1960 - J.Ferluga-M.
Hellmann-H. Ludat [Hg.], Glossar zur frühma. Gesch. im ö. Europa,
Serie A Lgf. 2, 1974.
------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------