Jahrbücher von St. Bertin: Seite 102,104,108,142
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in: Quellen zur karolingischen Reichsgeschichte Band VI
 

Das Jahr 860.

Der Winter war lang, und bei fortwährendem Schnee und Frost hart, und zog sich vom Monat November bis zum April hin. Lothar zwang seine königliche Gemahlin Teutberga, gegen die er von unversöhnlichem Haß erfüllt war, selbst vor den Bischöfen zu bekennen, daß ihr Bruder Hucbert sodomitischen Frevel mit ihr getrieben habe; in Folge dessen wurde sie zu ewiger Buße verurtheilt und in ein Kloster eingeschlossen.

König Karl, durch leere Versprechungen der in der Somna weilenden Dänen verleitet, ließ einen Schoß von allen Schätzen der Kirchen und allen Hufen und allen, selbst den armen Kaufleuten erheben, in der Art, daß man auch ihre Häuser und all' ihr Hausgeräth abschätzte, und davon einen bestimmten Satz einforderte; die Dänen hatten nämlich versprochen, daß sie, wenn er ihnen dreitausend Pfund reines Silbers gäbe, gegen die Dänen in der Sequana ziehen und dieselben entweder  von dort vertreiben oder tödten würden.

In der Nacht vom 4. zum 5. April, als schon der neue Mond aufgegangen, zeigte sich, wie berichtet wird, ein dunkler, sichelförmiger Streif, von derselben Gestalt, wie der Mond selbst, mitten durch diesen gelegt, so daß auf beiden Seiten der Mond hell leuchtete, in der Mitte aber verdunkelt  war. Ebenso heißt es, daß man am 6. April nach Sonnenaufgang in der Mitte der Sonne einen dunkeln Fleck sah und  als dieser sich bis an den untersten Rand herabgezogen hatte, erschien alsbald ein anderer am obersten Rand, und durchlief  wie der erste die ganze Scheibe wieder bis unten. Dies geschah am zehnten Tage nach Neumond.

Die Dänen auf der Somna nahmen, als ihnen der obengedachte Tribut nicht gegeben wurde, Geiseln, und fuhren zu den Angelsachsen; von diesen geschlagen und vertrieben, wandten sie sich nach anderen Gegenden. Die Dänen aber, welche auf dem Rodan weilten, drangen, alles verwüstend, bis nach der  Stadt Valentia; nachdem sie hier die ganze Umgegend ausgeplündert hatten, kehrten sie nach der Insel zurück, wo sie  ihre Sitze aufgeschlagen hatten.

Die Könige Ludoich, Karl und Lothar kamen am 1. Juni  in dem Castell Confluentes zusammen; und nachdem sie daselbst lange über den Frieden unter einander verhandelt hatten, bekräftigten sie schließlich ihre Eintracht und Freundschaft durch Eide. Ludoich, der Kaiser von Italien, wurde von einer Partei unter den Seinigen angegriffen, und wüthete gegen diese und gegen die Beneventaner plündernd und sengend.

Die Dänen, welche auf dem Rodan waren, zogen nach Italien, und eroberten, plünderten und verwüsteten Pisa und andere Städte.

König Lothar verbündete sich aus Furcht vor seinem Oheim Karl, mit Ludoich, dem König von Deutschland, und überließ ihm, um dieses Bundes willen, einen Theil seines Reichs, nämlich Helizatia. Die Gemahlin Lothars, den Haß und die Nachstellungen ihres Mannes fürchtend, floh zu ihrem Bruder Hucbert in das Reich Karls. König Karl schenkte das Kloster des heiligen Martinus seinem Sohne Ludowich.
 

Das Jahr 862.

Karl begab sich über Remi nach der Stadt Suessionis, wo er die unzweifelhafte Nachricht erhielt, daß seine Tochter Judith, die Wittwe des Königs der Angeln Edelbold, welche, nachdem sie die im Reiche der Angeln erhaltenen Besitzungen verkauft hatte, zum Vater zurückgekehrt war, und in der Stadt Silvanectis mit den ihr als Königin gebührenden Ehren unter dem Schutz des Vaters und Königs, sowie unter bischöflicher Obhut gelebt hatte, bis sie, falls sie sich nicht enthalten könnte, nach dem Wort des Apostels eine passende und gesetzmäßige Ehe eingehen würde, dem Grafen Balduin sich  hingegeben habe, und ihm mit Bewilligung ihres Bruders Hludowich in einer Verkleidung gefolgt sei; daß ferner sein Sohn Hludowich, von den obengenannten Guntfrid und Gozfrid verlockt, die Getreuen des Vaters verlassend, mit wenigen Nachts entflohen, und als Ueberläufer zu denen, die ihn verlockt hatten, gekommen sei. In Folge dessen berieth sich König Karl mit den Bischöfen und übrigen Großen seines Reiches, und nach erfolgtem Spruch des weltlichen Gerichts forderte er die Bischöfe auf, über Balduin und über Judith, die mit dem Dieb entlaufen war, und sich zur Genossin der Unzucht gemacht hatte, auch das geistliche Urtheil nach dem Decret des seligen Gregorius zu fällen, daß, wenn jemand eine Wittwe entführt, um sie zu seiner Frau zu machen, er und alle, die dem zugestimmt, verflucht sein sollen. Und die Abtei des heiligen Martinus, die er unbedachter Weise seinem obengenannten Sohn Hludowich, gegeben hatte, schenkte er, auch nicht sehr überlegt, dem Hucbert, einem verheiratheten Pfaffen. Von dort begab er sich nach Silvanectum; während er hier verweilte, erwartend, daß das Volk sich um ihn schaarte, um je auf beiden Ufern der einzelnen Flüsse, d. h. der Isara, der Matrona  und Sequana einen Heerhaufen zum Schutz dagegen aufzustellen, daß die Normannen nicht ihre Plünderungszuge unternehmen könnten, erhielt er die Nachricht, daß eine Schaar Dänen von denen, welche in Fossata sich festgesetzt hatten, auf kleinen Schiffen gegen die Stadt der Meldenser gerückt wäre. Darauf eilte er, mit denen, welche er bei sich hatte, dorthin zu ziehen; und weil er, da die Normannen die Brücken zerstört und der Schiffe sich bemächtigt hatten, an sie nicht herankommen konnte, stellte er, von der Nothwendigkeit Rath nehmend, eine Brücke bei der Insel in der Nähe von Trejectum wieder her, und schnitt den Normannen die Möglichkeit der Fahrt abwärts ab; zugleich entsandte er auch noch zum Schutz  Heerhaufen auf beiden Seiten der Matrona.

Hierdurch äußerst bedrängt, sandten die Normannen auserwählte Geiseln an Karl, die dafür haften sollten, daß sie alle Gefangenen, welche sie gemacht hätten, nachdem sie nach der Matrona gekommen wären, freigeben, und entweder mit den andern Normannen an einem festgesetzten Tag die Sequana  verlassen und in See gehen würden, oder aber, wenn die übrigen  mit ihnen nicht fortziehen wollten, vereint mit dem Heere Karls die sich Weigernden mit den Waffen angreifen würden; und darauf hin wurde ihnen, nachdem sie zehn Geiseln gestellt, gestattet, zu den Ihrigen zurückzukehren. Ungefähr zwanzig Tage darauf kam nun Weland selbst zu Karl, huldigte ihm als  seinem Herrn und leistete sofort mit denen, welche er mit sich führte, eidliches Gelöbniß. Von da wieder zu den Schiffen  zurückgekehrt, fuhr er mit der ganzen Flotte der Dänen bis hinab nach Gemeticum, wo sie ihre Schiffe ausbessern und  die Frühlings-Sonnenwende abwarten wollten.

Nachdem die Dänen ihre Schiffe wieder in Stand gesetzt, gingen sie in getrennten Geschwadern zur See und steuerten je  nach dem verschiedenen Belieben hierhin und dorthin. Der größte Theil aber zog zu den Brittannern, die unter ihrem Herzog Salomon in Niustrien wohnen; und mit diesen  verbanden sich auch diejenigen, welche in Hispanien gewesen waren.

Rotbert nahm denselben auf dem Flusse Liger zwölf Schiffe, welche Salomon zum Widerstand gegen ihn gemiethet hatte, und  tödtete alle, welche auf diesen Schiffen sich befanden, mit Ausnahme weniger, die flüchtend sich verbargen. Da aber Rotbert sich nicht stark genug fühlte gegen Salomon und jene Normannen, welche aus der Sequana kamen, so verhandelte er mit diesen noch ehe sie Salomon gegen ihn herbeirief, und vereinigte  sich mit ihnen durch Vertrag unter beiderseitig gegebenen  Geiseln für 6000 Pfund Silbers gegen Salomon.

Karlmann, der Sohn Hludowichs, des Königs von Deutschland, versöhnte sich mit seinem Vater, indem er von diesem den Theil des Reichs, dessen er früher sich bemächtigt, erhielt und einen Eid leistete, daß er fernerhin ohne des Vaters Willen keines weiteren Gebietes sich bemächtigen werde.

Hludowich endlich, der Sohn König Karls, der sich auf den Rath des Guntfrid und Gozfrid zu Salomon begeben, erhielt einen starken Heerhaufen Brittonen, griff mit diesen den Getreuen seines Vaters, Rotbert, an, und verheerte mit Mord, Feuer und Raub das Gebiet von Andegavum und alle Gaue, wohin er gelangen konnte. Rotbert jedoch griff die mit großer Beute zurückkehrenden Brittonen an, tödtete mehr als 200 Edle der Brittonen und nahm ihnen ihre Beute ab. Wiederum griff darauf Hludowich den Rotbert an, wurde aber von diesem  in die Flucht geschlagen und entkam, während seine Genossen zerstreut wurden, selbst kaum mit dem Leben.

Karl, der König der Aquitanier, König Karls Sohn, nahm, noch nicht ganz fünfzehn Jahre alt, von Stephan überredet, ohne Willen und Wissen des Vaters, die Wittwe des Grafen Humbert zur Gemahlin. Und auch der obengenannte Hludowich, sein Bruder, heirathete, seinem Beispiel folgend,
unverzüglich zu Anfang der Fasten die Tochter des verstorbenen Grafen Harduin, die Schwester seines vielgeliebten Freundes Odo. Karl, dieser beiden Vater, hieß alle Grafen seines Reichs an einem Ort, der Pistis heißt, wo von der einen Seite die Andella und von der andern die Audura in die Sequana einfließt, zu Anfang Juni mit vielen Werkleuten und Karren sich versammeln, errichtete daselbst Befestigungen in der Sequana, und schnitt der Normannen wegen allen Schiffen die Möglichkeit des Hinauf- und des Hinabfahrens ab. Er  selbst, von seiner Gemahlin begleitet, hatte an dem Fluß Liger,  in dem Ort, der Maidunus heißt, nachdem die Seinigen Eide  geleistet, eine Unterredung mit seinem Sohne Karl; und da dieser, in Worten unterwürfig, aber von widerspenstigem Geiste, plötzlich sich entfernte und nach Aquitanien zurückkehrte, begab  er sich wieder nach Pistis, wohin er einen Reichstag und eine  Synode berufen hatte, und verhandelte, indem er auch jene Arbeiten betrieb, mit seinen Getreuen über die Angelegenheiten  der Kirche und des Reichs.

Hierhin kam nun Rothad, Bischof von Suessionis, ein Mensch von merkwürdigem Unverstand, um sich, nachdem er in einer Provinzialsynode rechtmäßig von der Gemeinschaft der Bischöfe ausgeschlossen war, in seiner Hartnäckigkeitder  ersammlung der Bischöfe der vier Provinzen vorzustellen. Die Versammlung seiner Brüder, um ihn nicht ganz zu entsetzen, beschloß, daß er bis zur Entscheidung seiner Appellation an den  heiligen Stuhl in Haft gehalten würde. Da er aber nach dem Urtheil dieses Concils noch immer dahin wollte, wohin er seine Appellation gerichtet hatte, so wurde, nachdem von dieser Synode zwölf Richter zur Ausführung des Urtheils bestellt waren, Rothad, dieser neue Pharao in seines Herzens Härtigkeit und als ein zum Thier verwandelter Mensch ein Vertreter der alten heidnischen Zeiten, wegen der ungehörigen  Handlungen, welche in der Geschichte seines Verhaltens aufgezeichnet sind, weil er sich nicht bessern wollte, in der Vorstadt der Stadt Suessionis entsetzt.

In jener Zeit trug sich in der Stadt Morinum ein  Wunder zu. Als nämlich der Diener eines Bürgers dieser Stadt am Morgen des Festes der Himmelfahrt der seligen Jungfrau Maria ein leinenes Gewand, das man Hemd zu  nennen pflegt, zu plätten anfing, damit sein Herr, wenn er zur Messe ging, es anziehen könnte, zeigte sich daß das Gewand nach dem ersten Strich, den er mit dem aufgesetzten  Plätteisen that, einen blutigen Streifen hatte; und so oft er mit dem Eisen darüber hinfuhr, kam immer wieder Blut  hervor, bis zuletzt das ganze Gewand von frischem Blute durchzogen war. Dies Gewand ließ sich Hunfrid, der ehrwürdige Bischof der Stadt, bringen und in der Kirche zum Zeugniß  aufbewahren. Und da dieses Fest von den Bewohnern dieser Diöcese nicht gefeiert wurde, befahl er, daß dasselbe fortan von allen mit gebührender Ehre begangen und gefeiert würde.

Hludowich, der vor einiger Zeit von seinem Vater abgefallen war, kehrte zu ihm zurück, und von ihm, sowie auch von den Bischöfen Verzeihung für seine Uebelthaten erbittend, verband er sich mit schwersten Eiden, seinem Vater künftig treu bleiben zu wollen. Sein Vater gab ihm die Meldensische
Grafschaft und die Abtei des heiligen Crispin, und hieß denselben mit seiner Frau aus Niustrien zu ihm kommen. Dem Hunfrid, welchen Warengaud der Untreue angeklagt hatte, erließ er, auf Bitten seiner Getreuen, den Kampf der Waffen zu bestehen, und versöhnte ihn und Warengaud wieder
miteinander.

Hludowich, der König von Deutschland, lud seinen Neffen Hlothar zur Zusammenkunft nach Moguntia ein und bat denselben, daß er im Verein mit ihm gegen die Wineder, welche ....  heißen und gegen ihren Häuptling . . . . mit einer  Heeresmacht zöge; Hlothar versprach zuerst, daß er kommen würde, hielt jedoch später sein Versprechen nicht. Hludowich aber, nachdem er seinen Sohn Karl im Vaterlande zurückgelassen hatte, weil er vor kurzem die Tochter des Grafen Erkangar als Gattin heimgeführt hatte, zog, von seinem Sohn Hludowich begleitet, gegen die Wineder; nachdem er daselbst mehrere seiner Großen verloren und nichts ausgerichtet hatte, kehrte er mit Geiseln, die ihm gestellt waren, nach seiner Pfalz Frankonofurth am Fluß Moenus zurück. Die Dänen verwüsteten einen großen Theil seines Reiches mit Feuer und Schwert; aber auch andere, bisher jenen Völkern unbekannte Feinde, welche Ungarn genannt werden, verheerten sein Reich.

Hlothar, durch böse Zauberkünste, wie es heißt, bethört, und von blinder Liebe zu seinem Kebsweibe Waldrada getrieben, um deren willen er seine Gemahlin Theutberga verstoßen hatte, krönte diese seine Beischläferin und nahm sie förmlich als Ehegattin und Königin an. Und hierbei unterstützten ihn sein Oheim Liutfrid und Waltarius, die eben deswegen ihm so nahe standen, und, unerhört zu sagen, selbst  einige Bischöfe seines Reiches gaben dazu ihre Zustimmung. Seine Freunde aber beklagten und verwarfen diese That.

Hinkmar, Bischof von Remi, weihte in Gegenwart König Karls und seiner Suffraganbischöfe, die Metropolitankirche dieser Provinz der heiligen Maria, der schon die alte Kirche geweiht gewesen war.

Hludowich, der König von Deutschland, schickte sehr freundliche Botschaft an seinen Bruder Karl und ließ ihn zu einer Unterredung nach dem Tullensischen Gebiet einladen; und da Karl nicht eher mit Hlothar eine Besprechung halten wollte, als bis er seinem Bruder das mitgetheilt hätte, was ihm in Hlothars Verhalten mißfiel, so erhob sich darüber ein nicht geringer Streit in der Unterredung. Zuletzt übergab Karl in Gemeinschaft mit den Bischöfen, die er bei sich hatte, dem Hludowich und den Bischöfen, die dieser bei sich hatte, eine Schrift, in der einzeln die Gründe aufgeführt waren, um  welcher willen er nicht mit Hlothar Gemeinschaft haben wollte, wenn dieser nicht verspräche, genügende Rechenschaft für sein Verhalten zu leisten, oder der Autorität gemäß eine genügende Besserung vorzunehmen.

Nach diesem Versprechen nahmen unter solcher Bedingung Karl und die Bischöfe, welche mit ihm waren, den Hlothar in  ihre Gemeinschaft auf; nachdem aber die Erklärungen, welche sie über ihre Zusammenkunft dem Volke geben sollten, niedergeschrieben und den Rathgebern vorgelesen waren, verwarfen Hludowich und Hlothar dieselben vollständig, damit nicht dem Volke die Dinge bekannt würden, die Karl dem Hlothar vorwarf, indem sie dabei insbesondere dem Rathe des Chunrad, ihres Rathgebers und Oheims von Karl folgten, der wie gewöhnlich auf ein hochmüthiges und doch eitles, weder ihm noch andern nützliches Wissen sich stützte; Karl aber ließ gegen den Willen derselben alle vollständig wissen, daß er, weil Hlothar seine Gemahlin wider die Autorität des Evangeliums und der Apostel verlassen und eine andere sich genommen habe, und  weil sie mit der Frau des Boso und mit Balduin, welcher seine Tochter entführt und zur Frau genommen hatte, Verkehr gepflogen, obgleich jene excommunicirt worden waren, mit Hlothar vor gedachter Erklärung nicht habe Gemeinschaft haben  wollen. Und nachdem sie für eine neue Zusammenkunft einen Reichstag im künftigen Monat October auf der Grenze der Mosomagensischen und Vonzensischen Grafschaft festgesetzt  hatten, schieden sie von einander.

Hludowich zog nach Baiern, um seinen Sohn Karlmann, der mit Hülfe des Restiz, des Häuptlings der Winider, gegen den Vater sich empört hatte, in Güte zu gewinnen oder ihm mit Gewalt entgegenzutreten. Karl kehrte vom Tullensischen Gebiet über Pontigo und dann längs dem Fluß Matrona seinen Weg nehmend nach Carisiacus zurück und beging daselbst aufs festlichste den Tag der Geburt des Herrn.
 

Das Jahr 864.
 

Karl, nachdem er ein Heer von Aquitaniern gesammelt, und dasselbe gegen die Normannen, welche die Kirche des heiligen Hilarius verbrannt, geschickt hatte, kehrte in Begleitung seines gleichnamigen Sohnes Karl nach Compendium  zurück und schickte seine Sendboten nach Gothien, um von den  Städten und Castellen wieder Besitz zu ergreifen. Die Normannen kamen nach der Stadt Arvernum, tödteten daselbst Stephan, den Sohn des Hugo, mit einigen der Seinigen, und kehrten darauf ungestraft zu ihren Schiffen zurück. Pippin, der Sohn des Pippin, der vom Mönch zum Laien und Apostat  geworden, verband sich mit den Normannen und folgte ihrer Religion. Der Jüngling Karl, den der Vater vor kurzem aus Aquitanien nach Compendium mit sich geführt hatte, wurde, als er Nachts von der Jagd im Cotischen Walde zurückkehrend mit anderen Jünglingen und Altersgenossen nichts Arges  ahnend Kurzweil trieb, auf Anstiften des Teufels von dem Jüngling Albuin mit dem Schwert auf den Kopf fast bis auf das Hirn getroffen. Der Hieb ging von der linken Schläfe bis zum rechten Kinnbacken. Hlothar, der Sohn Hlothars, erhob  in seinem ganzen Reich von jedem Mansus vier Denare, und  gab die ganze Geldsumme nebst einer großen Leistung an Mehl, Vieh, Wein und Bier dem Normannen Rodulf, dem Sohne des Heriold, und den Seinigen als Sold.

Hludowich, der Kaiser von Italien genannt, nahm auf Anstiften Gunthars es als eine ihm selbst widerfahrene  Beleidigung auf, daß der heilige Vater die Gesandten seines Bruders Hlothar, welche im Vertrauen auf ihn und durch seine Vermittelung nach Rom gesandt worden, wie wir oben gezeigt haben, entsetzte, und seiner Wuth sich ganz hingebend, zog er in  Begleitung eben jener Gesandten Theutgaud und Gunthar mit seiner Frau nach Rom in der Absicht, daß der römische Pabst jene Bischöfe wieder einsetzen sollte, oder wenn er dies nicht thun wollte, feindlich Hand an ihn zu legen. Als dies der heilige Vater hörte, verordnete er Litaneien und ein allgemeines  Fasten für sich und die Römer, damit Gott auf die Verwendung  der Apostel dem genannten Kaiser einen guten Sinn und  Ehrfurcht vor dem göttlichen Dienst und der Autorität des apostolischen Sitzes eingeben möchte. Als nun aber der Kaiser nach  Romkam und bei der Basilika des heiligen Petrus verweilte, zogen die Geistlichkeit und das Volk von Rom mit Kreuzen und unter dem Gesang der Litaneien, das Fasten feiernd, nach dem Grabe des heiligen Petrus; als sie aber begannen die Stufen vor der Basilika hinaufzusteigen, wurden sie von den Leuten des Kaisers zu Boden geworfen, mit Schlägen  mißhandelt, und die Kreuze und Fahnen zerbrochen, und alle, die sich retten konnten, ergriffen die Flucht. Bei diesem Auflauf  wurde auch ein wunderbares und verehrungswerthes Kreuz,  welches die Helena, seligen Andenkens, sehr kunstvoll verfertigt, indem sie darin ein Stück des wunderthätigen Kreuzes einfügte, und damit dem heiligen Petrus ein großes Geschenk gemacht hatte, zerbrochen und in den Schmutz geworfen, wo es einige, wie es heißt von dem Volke der Angeln, wieder  zusammensuchten und den Wächtern zurückgaben. Als der heilige Vater, der in seinem Palast des Laterans weilte, diese Schandthat hörte und bald darauf sichere Kunde erhielt, daß man ihn  gefangen nehmen wollte, bestieg er heimlich ein Schiff, und begab sich auf dem Tiber nach der Kirche des heiligen Petrus, wo er zwei Tage und Nächte ohne Speise und Trank blieb. Inzwischen starb der Mensch, der in seiner Frechheit jenes ehrwürdige Kreuz zerbrochen hatte, und der Kaiser wurde vom
Fieber befallen. Deshalb sandte er seine Gemahlin an den heiligen Vater, auf deren Bürgschaft der Papst zum Kaiser kam und nach gepflogener Unterredung, wie es unter ihnen festgesetzt worden, nach Rom in den Palast des Laterans zurückkehrte.

Darauf befahl der Kaiser dem Gunthar und Theutgaud, entsetzt wie sie mit ihm gekommen waren, nach Francien zurückzukehren. Da nun überschickte Gunthar die folgenden teuflischen und unerhörten Kapitel, welche er nebst der folgenden Einleitung, als er, wie wir erzählten, in Hludowichs Gefolge nach Rom zurückkehrte, den Bischöfen im Reiche Hlothars zugesandt hatte, dem heiligen Vater durch seinen Bruder, den Kleriker Hilduvin, dem er einige seiner Leute zugesellt hatte, und gab
diesem den Auftrag, die Schrift, wenn sie der heilige Vater nicht annehmen wollte, auf das Grab des heiligen Petrus zu  werfen:

"Den heiligen und ehrwürdigen Brüdern und Genossen im bischöflichen Amt, entbieten Gunthar und Theotgaud im Herrn ihren Gruß. Wir bitten flehentlich Eure theure Brüderlichkeit, daß Ihr uns, die wir für Euch fleißig beten, den Trost Eurer  heiligen Gebete hülfreich gewähren wollt, und Euch nicht  beunruhigt noch erschreckt über das, was vielleicht das Gerücht von uns Euch Widriges meldet. Wir vertrauen auf die gnädigste Güte unseres Herrn, daß weder gegen unsern König, noch  gegen uns, mit Gottes Beistand die Nachstellungen der Feinde  obsiegen, noch unsere Feinde sich über uns freuen werden. Denn wiewohl Herr Nikolaus, der sich Papst nennt, und sich als  Apostel zu den Aposteln zählt und sich zum Herrscher über die ganze Welt macht, auf den Antrieb und Wunsch jener, denen  man ihn verbündet und günstig weiß, uns hat verdammen wollen, so hat er doch auf jede Weise durch Christi Gnade  Widerstand gegen seinen Wahnwitz gefunden und hat selbst später nicht wenig bereut, was er gethan hatte.

Wir senden Euch die unten aufgeschriebenen Kapitel, aus denen Ihr unsere Klage gegen den genannten Papst ersehen möget. Wir aber, nachdem wir Rom verlassen hatten und schon weit entfernt waren, sind wieder dahin zurückgerufen worden. Im Anfang unserer Rückreise dahin haben wir Euch  diesen kleinen Brief geschrieben, damit Ihr Euch nicht verwundert wegen unserer Verzögerung. Unsern König und Herrn  besucht und ermuthigt öfters sowohl in Person als durch Eure Botschaften und Briefe, gewinnt, so viel Ihr könnt, für ihn Freunde und Getreue, geht vor allem immer mit Ermahnungen den König Hludowich an, ladet ihn ein und berathet mit ihm sorgfältig über das gemeinsame Beste, weil auf dem Frieden dieser Könige unser Frieden beruht. Seid festen Muthes und  ruhigen Herzens, Ihr Herren Brüder, weil wir mit Gottes  illen solches Euch zu melden hoffen, daß Ihr darin ohne Irrthum den Geist Gottes erkennen werdet, der lehrt, was und wie Ihr handeln sollt.

Auf alle Weise aber tragt Sorge, den obengenannten König  so mit Eurem Zureden zu befestigen, daß er unter den  verschiedenen Anmuthungen unbeweglich bleibe, bis er durch sich selbst die Gründe der Dinge kennen lernt. Uebrigens, geliebteste Brüder, ist für Euch nothwendig und lobenswerth, daß wir die unserm König gelobte Treue vor Gott und Menschen  unverletzt bewahren. Der allmächtige Gott wolle gnädig Euch in  seinem heiligen Dienste behalten."