Trotzdem daß der französische Friede auch für
den Fall, daß Louis von Nevers vor seinem Vater sterben sollte,
Louis'
gleichnamigen
Sohne die Nachfolge zu sichern schien, erhob sich dennoch Streit darüber,
denn fürs erste hatte nur Robert
von Nevers (oder wie er gewöhnlicher genannt wird nach dem
Hauptort der ihm als Pfandschaft für seinen Renten überlassenen
Gegenden: von Cassel) und die eine Schwester Roberts, Johanna,
welche mit Enguerrand de Coucy, vermählt war, einen Verzicht zugunsten
des jüngeren Louis geleistet, nicht aber die zweite mit Matthäus
von Lothringen verhairatet, Mathilde. Sobald aber
Mathilde
mit
Sukzessionsansprüchen auftrat, erneuerte auch
Robert die seinigen
am französischen Hof, weil er seinem Vater bei jener Abmachung gegen
das offenbar Recht nur nachgegeben, um ihn nicht zu kränken. Der König
aber, der zuerst Louis von Nevers nach Paris geladen und im Louvre
in gefänglicher Haft gehalten, belehnte dann doch diesen trotz Roberts
und Mathildes Prätensionen mit Flandern,
Rethel
und Nevers. Er hatte im Gefängnis
zuvor versprechen müssen, Lille, Douai und Orchies nie zurückfordern
zu wollen;
Robert ward durch Bestätigung seiner Pfandschaften
zufrieden gestellt.
Die Streitigkeiten um Zeeland erneuerten sich bald nach
Louis'
Regierungsantritt;
durch des Königs Vermittlung wurden sie aber im Wesentlichen zu Mitfasten
1323 so entschieden, daß der Graf von Holland im Besitz aller hergebrachten
Rechte und Besitzungen in Zeeland blieb, dagegen auf alle Rechte und Ansprüche
im Aalster- und Waesland, in den vier Ambachten und Geerdsbergen verzichtete.
Während der früheren Unterhandlungen mit Frankreich,
zugunsten des jetzt regierenden jüngeren Louis von Nevers,
hatte sich Jean
von Namur besonders bemüht. Sein Großneffe, der Graf,
überließ ihm, der Hafen und Herrschaft von Sluys schon besaß,
das Amt eines Watergrafen, was bis dahin der Schultheiß von Damme
gehabt hatte. In dieser Eigenschaft glaubte er sich über Rechte, die
er eben zu schützen hatte, hinwegsetzen zu dürfen, und ließ
in Sluys aus- und einladen, ohne alle Rücksicht auf das Stapelrecht
von Brügge. Die von Brügge erklärten sofort, daß der
Graf ohne das Beistimmen seiner Stände, und namentlich der Stadt Brügge,
solche Freiheiten seinem Großoheim nicht zugestehen dürfe; und
da der Graf, der ganz unter Jeans Einfluß war, diesem Verlangen
nicht nachgab, rüsteten sich die Brüggelingen Anfang August,
ihr Recht mit den Waffen zu behaupten, und schon zogen sie aus, als Louis
von Kortryk herbeieilte, um sie von Gewalttaten abzuhalten. Sie aber
verlangten die Zurücknahme der an Jean gemachten Zugeständnisse,
und führten den jungen Grafen mit ihrem Auszug nach Sluys. Jean,
der sich zur Verteidigung von Sluys gerüstet hatte, war ganz bestürzt,
als er den Grafen bei seinen Feinden sah; doch machte er einen Ausfall,
und trieb anfangs die Brüggelingen zurück. Endlich wurde er überwältigt,
selbst gefangen und nach dem Grafenstein in Brügge zur Haft gebracht.
Nur die dringensten Bitten des Grafen retteten ihm das Leben; Sluys aber
wurde neidergebrannt und gänzlich zerstört, und die Freiheit
des Grafen Jean nur versprochen, wenn Jean zuvor die Watergrafschaft
genommen und ihnen wegen der geschehenen Amnestie zugesagt worden sei.
Graf Louis ging nach Paris, um beim König
Hilfe zu suchen. In dieser Not ihres Gemahls wendete sich die Gräfin
von Namur an ihre Tante Mathilde
von Artois um Hilfe, und diese hielt einen Hoftag zu St.
Omer, um über die Angelegenheit zu beraten. Hierher kamen auch Graf
Louis, Robert von Cassel, dessen Oheim; Jean und Gui de Nesle
und viele von den Großen des Nachbarandes, und eine völlige
Aussöhnung zwischen dem jungen Grafen und Robert hatte statt.
Auch die Städte Gent, Brügge und Ypern sandten Boten dahin; während
sie aber noch für Jeans
Freiheit übertriebene Bedingungen
stellten, entfloh dieser mit Hilfe Jans van Dooren. Die Städte schieden
höchst erbittert von dem Tage zu St. Omer; der König aber bestätigte
Jean die Watergrafschaft, und die Brüggelingen, sie sich nun dem
Grafen ziemlich preisgeben sahen, suchten bei demselben, als er nach Gent
kam, Gnade. Er gab ihnen Frieden für 66.000 Lir. und volle Verzeihung,
bestätigte ihr Stapelrecht und alle ihre anderen Freiheiten, und übernahm
es selbst, seinen Großoheim zufrieden zu stellen.
Zu dieser Nachgiebigkeit bewog ihn vorzüglich seine
Geldnot, denn mit Sängern und Schauspielern hatte er den vorrätigen
Schatz vergeudet, und er sah sich nun gezwungen, eine Bede von seinen Städten
zu suchen, die sie ihm auch in reichem Maße gewährten.
Da neben den neuen Abgaben auch noch alte Zahlungen an
den König zu bestreiten waren, diese Gelder für den König
aber von Beamten erhoben wurden, welche in Flandern niemandem als dem Grafen
Rechnung zu legen hstten, fühlte man doppelt drückend, daß
Louis
die
nächste Zeit in Nevers lebte und die Landesverwaltung einem Herrn
von Apremont übertragen hatte. Bald war das Land wieder voll Unruhe
und Unordnung. Endlich, Anfang 1324, kehrte Graf Louis zurück,
aber er richtete wenig aus. Nur für den Augenblick stellte er die
Ruhe und einen von allen Behörden beschworenen Landfrieden her. Louis,
dem es in Flandern bei seinen ganz französischen Sitten nicht behagt
zu haben scheint, war im Frühling schon wieder nach Rethel gereist,
und sofort begannen die Unruhen von neuem.
Der Graf, entschlossen mit den bewaffneten Rebellen nicht
länger zu unterhandeln, ließ die Vorstädte von Kortryk
niederbrennen, damit die Feinde sich nicht darin setzen könnten; das
Feuer ergriff jedoch auch die Stadt, und die Bürger, wütend darüber,
wendeten sich ebenfalls gegen Louis, der sich mit den gefangenen
Brüggelingen nach Lille durchzuschlagen suchte. Die Tore wurden von
den Einwohnern geschlossen, und ungeachtet sich die Ritter auf das tapferste
wehrten, unterlagen sie doch der Menge. Unter den gefallenen Edelleuten
waren 24 geschlagene Ritter und Louis' Vetter Jean de Nesle (der
Sohn Guillaumes van Dendermonde und Adelheids de Nesle). Louis selbst
mit sechs Edelleuten ward gefangen; am anderen Tage lieferten ihn die Kortryker
den Brügglingen aus, und diese ließen vor seinen Augen seine
sechs Mitgefangenen hinrichten und hielten ihn selbst dann 24 Wochen in
den Falen gefangen. Jean von Namur, obwohl verwundet, schlug sich
mit einem Teil der Edelleute glücklich nach Lille durch. Robert
von Cassel hatte sich wieder in seinen Wald von Nieppe zurückgezogen
und tat nichts für Louis.
Von allen Seiten wurden nun die Brüggelingen durch
die Bewohner der anderen flämischen Städte angegangen, sie sollten
den Grafen frei lassen; und endlich als sie wohl sahen, daß sie allein
gegen ganz Flandern den Kampf nicht fortsetzen könnten, kamen ihre
Führer kurz vor Weihnachten zu Louis in das Gefängnis,
warfen sich vor ihm auf die Knie, und baten um Gnade. Er sagte ihnen Verzeihung
zu und ging nach Gent, dann nach Frankreich.
Alle waren erfreut, als endlich der König einen
Tag zu Arques bei St. Omer zu Unterhandlungen mit den Rebellen anberaumte.
Auch Graf Louis, Jean von Namur, Robert von Cassel,
dessen Schwester Jeanne de Coucy und Abgeordnete der flämischen
Städte erschienen, und der Friede kam bald so zustande, daß
die Brüggelingen, Yperlingen, die Bewohner des Freien und von Kortryk
alle während der Unruhen den Kirchen und ihren Gütern zugefügten
Schaden ersetzen mußten. Aus Brügge und Kortryk sollten 100
Männer zu St. Jakob von Compostella, 100 zu St. Gilles in Provence,
100 zu U. L. Frauen von Rochemadour wallfahrten. Die Brüggelingen
und ihre Verbündeten sollten einen neuen Eid der Treue schwören,
sollten dem Grafen 100.000 livr. T. und an Jean von Namur 66.000
zahlen. Dem König sollten sie 200.000 livr. übergeben, wogegen
er es übernehmen wolle, die von Gent und Oudenaerde zufrieden zu stellen.
Sobald Philipp VI.
den französischen Thron bestiegen hatte, wendete sich Graf Louis
an ihn um Unterstützung gegen seine aufrührerischen Untertanen,
und Philipp sandte sofort den Bischof
von Senlis, und ließ von neuem das Interdikt über Flandern aussprechen,
mit Ausnahme von Gent und Oudenaerde. Um endlich dieses Unwesen zu steuern,
beschied Philipp seine Ritterschaft
gegen Ende Juli nach Arras, und sandte von hier aus starke Besatzungen
nach Doornyck, Lille und St. Omer. Robert von Cassel sagte sich
eidlich von den Rebellen los und war in St. Omer; Graf Louis und
Jean von Namur waren in Lille. Das übrige Heer führte der
König zur Schlacht über den neuen Graben, und lagerte beim Rutholter
Walde in zehn Haufen. Die Fläminger lagerten auf dem Cassseler Berge
drei Tage lang den Franzosen gegenüber; am vierten ging der König
vor an die Peene, wo ihm Robert von Cassel von fünf Fähnlein
zuführte.
Ungeachtet nun die bei Cassel bleibenden Fläminger
bei weitem die Minderzahl waren im Verhältnis zu ihren Gegnern, verhöhnten
sie diese doch im Vertrauen auf ihr festes Lager und auf die so oft bewährte
flämische Tapferkeit. Am 23. August früh sandte endlich der König,
um sie in die Ebene zu locken, Gautier von Chatillon und Robert von
Cassel mit ihren Reiterscharen in das Gebiet von Bergues und ließ
alles fürchterlich verheeren. Da aber die Einwohner alle früher
geflüchtet waren, achteten die Rebellen das für nichts, und ließen
gegen Mittag auch die Casseler Niederung ruhig ausbrennen. Während
die französische Ritterschaft allmählich zu glauben anfing, ihre
Gegner getrauten sich nicht aus ihrer Stellung, und sicher wurde, bereitete
Zannekin einen entscheidenden Schlag vor, und plötzlich (es war schon
drei Stunden nach Mittag) brach er mit den Seinigen vom Berge herab, so
rasch, daß der Sturm des französischen Lagers begann, ehe die
Franzosen es noch für möglich hielten, und bald war deren Flucht
allgemein. Auch die königliche Leibwache floh, und ohne Roberts
von Cassel und später des Grafen von Hennegau Beistand, wäre
Philipp in die Hände der Rebellen
gefallen. Nach einiger Zeit, als die Flüchtlingen sahen, daß
niemand sie verfolgte - denn die Fläminger hatten an Robert und
an den Grafen von Henengau zunächst einen Damm gefunden - kehrten
auch sie zurück, und nun wendete sich die Schlacht zu der Empörer
Nachteil. Zannekin fiel; eine Zeit lang waren seine Leute, die auch nun
tapfer fortfochten, ganz umschlossen; aber ihre Tapferkeit verschaffte
ihnen doch zuletzt freien Rücken, und nun flohen sie in ihr Lager
zurück. Cassel aber wurde eingenommen und ganz zerstört. Veurne,
Bergues, Nieupoort ergaben sich. Vier Tage nach der Schlacht zog der König
gegen Ypern. Auch diese Stadt ergab sich und überlieferte die Rädelsführer
aus ihrer Bürger Mitte.
Der im Lande wiedergekehrte Friede ließ es endlich
auch die Gräfin
Margaretha wagen, nach Flandern zu kommen, wo sie mit Ehren
und reichen Geschenken überall empfangen wurde, und im Schloß
von Maele Residenz nahm. Am 25. Novemmber 1330 gebar sie hier einen Sohn,
Louis,
den die Fläminger von seinem Geburtsort Lodewyk van Maele nannten.
In demselben Jahr starb zu Paris Graf Jean von Namur. Am 26. Mai
1331 starb auch Robert von Cassel, dessen Tochter
und Erbin mit Heinrich von Bar vermählt war, und diesem Roberts
Güter zubrachte.
Erneute Streitigkeiten mit dem Grafen von Hennegau hatten
im Mai 1333 die Abtretung von Lessen und Flobeke zur Folge. Wichtiger wurde
für Flandern der Ankauf von Mecheln (mit den Herrschaften Geralmont
und Bornhelm), welches Bischof Adolf von Lüttich und Graf
Reginald von Geldern anboten, und Graf Louis für 100.000
livr. Tourn. in der Eigenschaft eines lüttischen Lehens kaufte, gegen
welchen Kauf aber der Herzog von Brabant protestierte. Es kam über
diese Streitigkeit zur Fehde zwischen Graf Louis und Herzog
Johann, und jener fand bei allen benachbarten Fürsten, selbst
bei dem HENNEGAUER, dieser nur beim König von Frankreich und dem Herzog
von Bar Unterstützung.
Endlich vermittelte der König von Frankreich einen
Frieden und brachte die Verabredung dreier Heiraten mit des Herzogs von
Brabant drei Töchter zustande: Margaretha
ward mit dem Prinzen
Louis von Flandern, der noch ein Kind war, Johanna
mit Guillaume
von Holland und Maria
mit Reginald von Geldern verlobt. Mecheln sollte der Herzog von Brabant
für sich behalten dürfen, wenn er dem Grafen Louis 87.000
Kronen dafür zahle.
Ehe die Zahlung der 87.000 Goldkronen stattfand, fand
aber Louis seinen Tod in der Schlacht von Crecy, welcher er als
Lehnsmann des Königs von Frankreich beiwohnte, am 26. August 1346.