Leo Heinrich Dr.: Seite  225-272
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"Zwölf Bücher niederländischer Geschichten"

Trotzdem daß der französische Friede auch für den Fall, daß Louis von Nevers vor seinem Vater sterben sollte, Louis' gleichnamigen Sohne die Nachfolge zu sichern schien, erhob sich dennoch Streit darüber, denn fürs erste hatte nur Robert von Nevers (oder wie er gewöhnlicher genannt wird nach dem Hauptort der ihm als Pfandschaft für seinen Renten überlassenen Gegenden: von Cassel) und die eine Schwester Roberts, Johanna, welche mit Enguerrand de Coucy, vermählt war, einen Verzicht zugunsten des jüngeren Louis geleistet, nicht aber die zweite mit Matthäus von Lothringen verhairatet, Mathilde. Sobald aber Mathilde mit Sukzessionsansprüchen auftrat, erneuerte auch Robert die seinigen am französischen Hof, weil er seinem Vater bei jener Abmachung gegen das offenbar Recht nur nachgegeben, um ihn nicht zu kränken. Der König aber, der zuerst Louis von Nevers nach Paris geladen und im Louvre in gefänglicher Haft gehalten, belehnte dann doch diesen trotz Roberts und Mathildes Prätensionen mit Flandern, Rethel und Nevers. Er hatte im Gefängnis zuvor versprechen müssen, Lille, Douai und Orchies nie zurückfordern zu wollen; Robert ward durch Bestätigung seiner Pfandschaften zufrieden gestellt.
Die Streitigkeiten um Zeeland erneuerten sich bald nach Louis' Regierungsantritt; durch des Königs Vermittlung wurden sie aber im Wesentlichen zu Mitfasten 1323 so entschieden, daß der Graf von Holland im Besitz aller hergebrachten Rechte und Besitzungen in Zeeland blieb, dagegen auf alle Rechte und Ansprüche im Aalster- und Waesland, in den vier Ambachten und Geerdsbergen verzichtete.
Während der früheren Unterhandlungen mit Frankreich, zugunsten des jetzt regierenden jüngeren Louis von Nevers, hatte sich Jean von Namur besonders bemüht. Sein Großneffe, der Graf, überließ ihm, der Hafen und Herrschaft von Sluys schon besaß, das Amt eines Watergrafen, was bis dahin der Schultheiß von Damme gehabt hatte. In dieser Eigenschaft glaubte er sich über Rechte, die er eben zu schützen hatte, hinwegsetzen zu dürfen, und ließ in Sluys aus- und einladen, ohne alle Rücksicht auf das Stapelrecht von Brügge. Die von Brügge erklärten sofort, daß der Graf ohne das Beistimmen seiner Stände, und namentlich der Stadt Brügge, solche Freiheiten seinem Großoheim nicht zugestehen dürfe; und da der Graf, der ganz unter Jeans Einfluß war, diesem Verlangen nicht nachgab, rüsteten sich die Brüggelingen Anfang August, ihr Recht mit den Waffen zu behaupten, und schon zogen sie aus, als Louis von Kortryk herbeieilte, um sie von Gewalttaten abzuhalten. Sie aber verlangten die Zurücknahme der an Jean gemachten Zugeständnisse, und führten den jungen Grafen mit ihrem Auszug nach Sluys. Jean, der sich zur Verteidigung von Sluys gerüstet hatte, war ganz bestürzt, als er den Grafen bei seinen Feinden sah; doch machte er einen Ausfall, und trieb anfangs die Brüggelingen zurück. Endlich wurde er überwältigt, selbst gefangen und nach dem Grafenstein in Brügge zur Haft gebracht. Nur die dringensten Bitten des Grafen retteten ihm das Leben; Sluys aber wurde neidergebrannt und gänzlich zerstört, und die Freiheit des Grafen Jean nur versprochen, wenn Jean zuvor die Watergrafschaft genommen und ihnen wegen der geschehenen Amnestie zugesagt worden sei.
Graf Louis ging nach Paris, um beim König Hilfe zu suchen. In dieser Not ihres Gemahls wendete sich die Gräfin von Namur an ihre Tante Mathilde von Artois um Hilfe, und diese hielt einen Hoftag zu St. Omer, um über die Angelegenheit zu beraten. Hierher kamen auch Graf Louis, Robert von Cassel, dessen Oheim; Jean und Gui de Nesle und viele von den Großen des Nachbarandes, und eine völlige Aussöhnung zwischen dem jungen Grafen und Robert hatte statt. Auch die Städte Gent, Brügge und Ypern sandten Boten dahin; während sie aber noch für Jeans Freiheit übertriebene Bedingungen stellten, entfloh dieser mit Hilfe Jans van Dooren. Die Städte schieden höchst erbittert von dem Tage zu St. Omer; der König aber bestätigte Jean die Watergrafschaft, und die Brüggelingen, sie sich nun dem Grafen ziemlich preisgeben sahen, suchten bei demselben, als er nach Gent kam, Gnade. Er gab ihnen Frieden für 66.000 Lir. und volle Verzeihung, bestätigte ihr Stapelrecht und alle ihre anderen Freiheiten, und übernahm es selbst, seinen Großoheim zufrieden zu stellen.
Zu dieser Nachgiebigkeit bewog ihn vorzüglich seine Geldnot, denn mit Sängern und Schauspielern hatte er den vorrätigen Schatz vergeudet, und er sah sich nun gezwungen, eine Bede von seinen Städten zu suchen, die sie ihm auch in reichem Maße gewährten.
Da neben den neuen Abgaben auch noch alte Zahlungen an den König zu bestreiten waren, diese Gelder für den König aber von Beamten erhoben wurden, welche in Flandern niemandem als dem Grafen Rechnung zu legen hstten, fühlte man doppelt drückend, daß Louis die nächste Zeit in Nevers lebte und die Landesverwaltung einem Herrn von Apremont übertragen hatte. Bald war das Land wieder voll Unruhe und Unordnung. Endlich, Anfang 1324, kehrte Graf Louis zurück, aber er richtete wenig aus. Nur für den Augenblick stellte er die Ruhe und einen von allen Behörden beschworenen Landfrieden her. Louis, dem es in Flandern bei seinen ganz französischen Sitten nicht behagt zu haben scheint, war im Frühling schon wieder nach Rethel gereist, und sofort begannen die Unruhen von neuem.
Der Graf, entschlossen mit den bewaffneten Rebellen nicht länger zu unterhandeln, ließ die Vorstädte von Kortryk niederbrennen, damit die Feinde sich nicht darin setzen könnten; das Feuer ergriff jedoch auch die Stadt, und die Bürger, wütend darüber, wendeten sich ebenfalls gegen Louis, der sich mit den gefangenen Brüggelingen nach Lille durchzuschlagen suchte. Die Tore wurden von den Einwohnern geschlossen, und ungeachtet sich die Ritter auf das tapferste wehrten, unterlagen sie doch der Menge. Unter den gefallenen Edelleuten waren 24 geschlagene Ritter und Louis' Vetter Jean de Nesle (der Sohn Guillaumes van Dendermonde und Adelheids de Nesle). Louis selbst mit sechs Edelleuten ward gefangen; am anderen Tage lieferten ihn die Kortryker den Brügglingen aus, und diese ließen vor seinen Augen seine sechs Mitgefangenen hinrichten und hielten ihn selbst dann 24 Wochen in den Falen gefangen. Jean von Namur, obwohl verwundet, schlug sich mit einem Teil der Edelleute glücklich nach Lille durch. Robert von Cassel hatte sich wieder in seinen Wald von Nieppe zurückgezogen und tat nichts für Louis.
Von allen Seiten wurden nun die Brüggelingen durch die Bewohner der anderen flämischen Städte angegangen, sie sollten den Grafen frei lassen; und endlich als sie wohl sahen, daß sie allein gegen ganz Flandern den Kampf nicht fortsetzen könnten, kamen ihre Führer kurz vor Weihnachten zu Louis in das Gefängnis, warfen sich vor ihm auf die Knie, und baten um Gnade. Er sagte ihnen Verzeihung zu und ging nach Gent, dann  nach Frankreich.
Alle waren erfreut, als endlich der König einen Tag zu Arques bei St. Omer zu Unterhandlungen mit den Rebellen anberaumte. Auch Graf Louis, Jean von Namur, Robert von Cassel, dessen Schwester Jeanne de Coucy und Abgeordnete der flämischen Städte erschienen, und der Friede kam bald so zustande, daß die Brüggelingen, Yperlingen, die Bewohner des Freien und von Kortryk alle während der Unruhen den Kirchen und ihren Gütern zugefügten Schaden ersetzen mußten. Aus Brügge und Kortryk sollten 100 Männer zu St. Jakob von Compostella, 100 zu St. Gilles in Provence, 100 zu U. L. Frauen von Rochemadour wallfahrten. Die Brüggelingen und ihre Verbündeten sollten einen neuen Eid der Treue schwören, sollten dem Grafen 100.000 livr. T. und an Jean von Namur 66.000 zahlen. Dem König sollten sie 200.000 livr. übergeben, wogegen er es übernehmen wolle, die von Gent und Oudenaerde zufrieden zu stellen.
Sobald Philipp VI. den französischen Thron bestiegen hatte, wendete sich Graf Louis an ihn um Unterstützung gegen seine aufrührerischen Untertanen, und Philipp sandte sofort den Bischof von Senlis, und ließ von neuem das Interdikt über Flandern aussprechen, mit Ausnahme von Gent und Oudenaerde. Um endlich dieses Unwesen zu steuern, beschied Philipp seine Ritterschaft gegen Ende Juli nach Arras, und sandte von hier aus starke Besatzungen nach Doornyck, Lille und St. Omer. Robert von Cassel sagte sich eidlich von den Rebellen los und war in St. Omer; Graf Louis und Jean von Namur waren in Lille. Das übrige Heer führte der König zur Schlacht über den neuen Graben, und lagerte beim Rutholter Walde in zehn Haufen. Die Fläminger lagerten auf dem Cassseler Berge drei Tage lang den Franzosen gegenüber; am vierten ging der König vor an die Peene, wo ihm Robert von Cassel von fünf Fähnlein zuführte.
Ungeachtet nun die bei Cassel bleibenden Fläminger bei weitem die Minderzahl waren im Verhältnis zu ihren Gegnern, verhöhnten sie diese doch im Vertrauen auf ihr festes Lager und auf die so oft bewährte flämische Tapferkeit. Am 23. August früh sandte endlich der König, um sie in die Ebene zu locken, Gautier von Chatillon und Robert von Cassel mit ihren Reiterscharen in das Gebiet von Bergues und ließ alles fürchterlich verheeren. Da aber die Einwohner alle früher geflüchtet waren, achteten die Rebellen das für nichts, und ließen gegen Mittag auch die Casseler Niederung ruhig ausbrennen. Während die französische Ritterschaft allmählich zu glauben anfing, ihre Gegner getrauten sich nicht aus ihrer Stellung, und sicher wurde, bereitete Zannekin einen entscheidenden Schlag vor, und plötzlich (es war schon drei Stunden nach Mittag) brach er mit den Seinigen vom Berge herab, so rasch, daß der Sturm des französischen Lagers begann, ehe die Franzosen es noch für möglich hielten, und bald war deren Flucht allgemein. Auch die königliche Leibwache floh, und ohne Roberts von Cassel und später des Grafen von Hennegau Beistand, wäre Philipp in die Hände der Rebellen gefallen. Nach einiger Zeit, als die Flüchtlingen sahen, daß niemand sie verfolgte - denn die Fläminger hatten an Robert und an den Grafen von Henengau zunächst einen Damm gefunden - kehrten auch sie zurück, und nun wendete sich die Schlacht zu der Empörer Nachteil. Zannekin fiel; eine Zeit lang waren seine Leute, die auch nun tapfer fortfochten, ganz umschlossen; aber ihre Tapferkeit verschaffte ihnen doch zuletzt freien Rücken, und nun flohen sie in ihr Lager zurück. Cassel aber wurde eingenommen und ganz zerstört. Veurne, Bergues, Nieupoort ergaben sich. Vier Tage nach der Schlacht zog der König gegen Ypern. Auch diese Stadt ergab sich und überlieferte die Rädelsführer aus ihrer Bürger Mitte.
Der im Lande wiedergekehrte Friede ließ es endlich auch die Gräfin Margaretha wagen, nach Flandern zu kommen, wo sie mit Ehren und reichen Geschenken überall empfangen wurde, und im Schloß von Maele Residenz nahm. Am 25. Novemmber 1330 gebar sie hier einen Sohn, Louis, den die Fläminger von seinem Geburtsort Lodewyk van Maele nannten. In demselben Jahr starb zu Paris Graf Jean von Namur. Am 26. Mai 1331 starb auch Robert von Cassel, dessen Tochter und Erbin mit Heinrich von Bar vermählt war, und diesem Roberts Güter zubrachte.
Erneute Streitigkeiten mit dem Grafen von Hennegau hatten im Mai 1333 die Abtretung von Lessen und Flobeke zur Folge. Wichtiger wurde für Flandern der Ankauf von Mecheln (mit den Herrschaften Geralmont und Bornhelm), welches Bischof Adolf von Lüttich und Graf Reginald von Geldern anboten, und Graf Louis für 100.000 livr. Tourn. in der Eigenschaft eines lüttischen Lehens kaufte, gegen welchen Kauf aber der Herzog von Brabant protestierte. Es kam über diese Streitigkeit zur Fehde zwischen Graf Louis und Herzog Johann, und jener fand bei allen benachbarten Fürsten, selbst bei dem HENNEGAUER, dieser nur beim König von Frankreich und dem Herzog von Bar Unterstützung.
Endlich vermittelte der König von Frankreich einen Frieden und brachte die Verabredung dreier Heiraten mit des Herzogs von Brabant drei Töchter zustande: Margaretha ward mit dem Prinzen Louis von Flandern, der noch ein Kind war, Johanna mit Guillaume von Holland und Maria mit Reginald von Geldern verlobt. Mecheln sollte der Herzog von Brabant für sich behalten dürfen, wenn er dem Grafen Louis 87.000 Kronen dafür zahle.
Ehe die Zahlung der 87.000 Goldkronen stattfand, fand aber Louis seinen Tod in der Schlacht von Crecy, welcher er als Lehnsmann des Königs von Frankreich beiwohnte, am 26. August 1346.