Heribert Müller
KARL VI., König von Frankreich 1380-1422
--------------
* 3.12.1368, + 21.10.1422
Paris
Paris
Begraben: am 19.11.1422 in St-Denis
als erster Thronfolger den Titel "Dauphin de Viennois"
von Geburt an tragend
Salbung und Krönung in Reims am 4.11.1380
Vater:
--------
Karl V. König von Frankreich
Mutter:
---------
Johanna von Bourbon (* 3.2.1338, + 6.2.1377), Tochter
des Herzogs Peter I. von Bourbon und der Isabella von Valois
7 Geschwister: von denen nur einer überlebte
------------------
Ludwig, Herzog von Touraine und Orleans (* 13.3.1372,
+ 23.11.1407)
oo 17.7.1385 in Amiens
ELISABETH VON WITTELSBACH
(ISABEAU DE BAVIERE)
* 1371, + 24.9.1435
Tochter des Herzogs Stephan III. der Kneißl oder Prächtigen von Bayern-Ingolstadt und der Thaddäa Visconti
12 Kinder: darunter
-------------
Ludwig, Herzog von Guyenne (* 22.1.1397, + 18.12.1415)
Johann, Herzog von Touraine und Berry (* 31.8.1398, +
5.4.1417)
Karl VII., König von Frankreich (* 22.2.1403, +
22.7.1461)
Isabella (* 9.11.1389, + 13.9.1409), Gemahlin König
Richards II. von England und des Herzogs Karl von Orleans
Johanna (* 24.1.1391, + 27.9.1433 ), Gemahlin des Herzogs
Johann V. von Bretagne
Michelle (* 11.1.1395, + 8.7.1422), Gemahlin Philipps
des Guten von Burgund
Katharina (* 27.10.1401, + 3.1.1438), Gemahlin des Königs
Heinrich V. von England und des Owen Tudor
Aus der Verbindung mit Odette de Champdivers ging eine - legitimierte - Tochter Margarete hervor, Gemahlin des Jean de Harpedanne, Herrn von Montaigu und Belleville im Poitou.
Mehr als vier Jahrzehnte war
Karl VI. König, doch nur vier Jahre währte seine eigene
Herrschaft. Ansonsten beherrscht von einander erbittert bekämpfenden
Lagern, hinterließ er bei seinem Tod ein von diesen Parteikämpfen
zerrissenes Land, das, von seiner bislang schwersten Krise heimgesucht
wurde. Aber das Königreich litt auch mit seinem Monarchen: Seit jenem
5. August 1392, da er in den Wäldern bei Le Mans den Verstand verloren
hatte, betete und wallfahrtete man für einen allerchristlichen König,
der die Passion Christi nachvollzog, in dessen Not sich die Bedrängnis
des gesamten Landes spiegelte. Die Krankheit des geliebten Königs
- l'insene wie le bien aime gab man ihm als Beinamen - beförderte
die Identifizierung mit der Monarchie. Während man im Reich und in
England um 1400 gekrönte Häupter absetzte, waren in einem Frankreich,
dessen Herrscher nicht mehr Herr seiner selbst war, Gelehrte und Dichter
damit beschäftigt, die Idee und die Institution Königtum in Wort
und Schrift propagierend zu festigen.
Das Volk aber hatte Karl VI.
noch anders kennengelernt, und jene Freude der frühen Jahre ließ
es die Leiden der späten mittragen. Denn der am 3. Dezember 1368 geborene
Thronfolger - als erster trug er den Titel eines Dauphin de Viennois
von Geburt an - er war den Dingen dieser Welt ganz und gar zugetan: Liebhaber
der Frauen und der Feste, lebte er auf großem Fuß; die neuesten
Moden, die prächtigsten Turniere mußten es sein. Doch was anderen
zum Vorwurf gereicht hätte, an ihm wurde es bewundert. Kannte dieser
Ritter der schönen Gestalt doch keine Scheu vor seinen künftigen
Untertanen; neugierig und interessiert ging er auf sie zu, um ihnen bei
der Arbeit zuzusehen, liebte wie sie Schausteller und Schauspiele, schätzte
Würfel höher als Schach. Und der Jagd vermochte er mehr als dem
Studium des Aristoteles abzugewinnen, dem ritterlichen Kampf mehr als dem
Staatsgeschäft in Thronsaal und Kanzlei. Dem gerade darum so bemühten
Vater wie auch seinem Magister Michel de Creney aus dem Navarrakolleg oder
seinem welterfahrenen Erzieher Philippe de Mezieres dürfte er nicht
immer Freude bereitet haben, und Karl V. wußte
sehr wohl, warum er den Thronfolger für den Fall der Regentschaftsregierung
in ein - allerdings auch aus anderen Gründen - kunstvoll zwischen
Prinzen und Räten austariertes System eingebunden wissen wollte.
Obgleich bei seinem Tod am 16. September 1380 der Sohn
noch nicht die von ihm auf den Beginn des 14. Lebensjahrs festgesetzte
Volljährigkeit erreicht hatte, mithin die Notwendigkeit regentschaftlicher
Regierung in der Tat gegeben war, griff solche Vorsorge zur Fortsetzung
der bonne policie nicht. Vielmehr rissen die Onkel des neuen Königs
- die Herzöge Ludwig I. von Anjou,
Ludwig
II. von Bourbon, Johann I. von Berry
und Philipp
der Kühne von Burgund - das Regiment an sich; noch
bevor Karl VI. in Reims gesalbt und
gekrönt war, hatte Ludwig von Anjou bereits
seine Hand auf dessen Geld und Schmuck gelegt. Da sich auch Berry und Burgund
am Hof zu eigenem Nutzen zu bedienen wußten, war die Kasse alsbald
leer, zumal die von Karl V. noch auf
dem Sterbebett - aus Furcht vor drohender Revolte wie in Sorge um das eigene
Seelenheil - verfügte Rücknahme des fouage Verlangen nach weiteren
Steuererleichterungen ausgelöst hatte, und die Onkel in populistischer
Übersteigerung sämtliche seit Philipp
dem Schönen eingeführten Abgaben für aufgehoben
erklärt hatten. Der Widerruf ließ denn auch nicht lange auf
sich warten; als er am 17. Mai 1382 verkündet wurde, waren die Händler,
Handwerker und Tagelöhner in den Städten jedoch keineswegs bereit,
die alten Lasten erneut zu tragen. Zuerst erhoben sie sich in Rouen: Steuereinnehmer
wurden verfolgt, die Häuser reicher Bürger geplündert, es
kam zu Übergriffen gegen die unter Königsschutz stehenden Juden,
und die Widerständler kürten mit dem dummfeisten Tuchhändler
Jean Le Gras ihren eigenen König - eine deutliche Warnung der Harelle,
des aufständischen Rouen, an den Königshof zu Paris. Auch in
der Hauptstadt selbst rebellierten alsbald die Maillotins, so benannt nach
den Bleihämmern, derer sie sich im Rathaus bemächtigten, wo sie
einige Jahre zuvor der Prevot de marchands deponiert hatte, um mit ihnen
notfalls Bürgerwehren gegen die damals das Umland durchstreifenden
Engländer auszurüsten. Der alsbald auf Amiens, Reims, Orleans
und Lyon übergreifende Steueraufstand eskalierte; als der Pöbel
der Hauptstadt seine Chance zu Raub und Plünderung witterte, taten
sich die begüterten Bürger von Paris zusammen, um durch Vermittlung
von Kirche und Universität den Ausgleich mit einem Königshof
zu suchen, der in der Tat zunächst einen - nur die Rädelsführer
ausschließenden - Pardon gewährte, die Sache selbst vorerst
aber in der Schwebe ließ. Doch im Januar 1383 diktierte er Paris
mit Waffengewalt sein Gesetz, das volle Durchsetzung der Steuern und Ende
aller kommunalen Selbstverwaltung hieß. Auch in den anderen Städten
des Reichs war der Aufstand zusammengebrochen; jene Onkel, die dem jungen
König Volljährigkeit und Selbständigkeit verweigerten, hatten,
zwar von eigenen Interessen geleitet, schließlich doch Steuerrecht
und Gewalt der Krone durchgesetzt.
Und zwischenzeitlich vermochte diese, wiederum im Dienst
eines Prinzen, sogar weitere Reputation auf dem Schlachtfeld zu gewinnen:
Als der Graf von Flandern, Ludwig von Maele, im Mai 1382 nach seiner Niederlage
gegen die unter der Führung Gents verbündeten großen Städte
des Landes auf dem Beverhoutsveld bei Brügge in schwere Bedrängnis
geraten war, rief er aus Lille seinen Schwiegersohn und künftigen
Erben, den Burgunder-Herzog
Philipp den Kühnen, zu Hilfe. Auf dessen Betreiben begab
sich die königliche Armee mit dem kampfbegeisterten Karl
an der Spitze nach Norden, wo sie am 27. November 1382 bei Rozebeke die
von ihrem Ruwaard Philipp von Artevelde geführten Flamen besiegte.
Krone und Adel triumphierten über den Genter Bürgermonarchen
und anschließend auch im nahen Kortrijk, dessen Name an die Demütigung
französischer Ritter in der Sporenschlacht von 1302 durch Flanderns
Bürger und Bauern erinnerte - die heutige Uhr an Notre-Dame in Dijon
stammt vom Belfried der nunmehr geplünderten Stadt.
1384 konnte Philipp der Kühne
sein - obendrein um Artois, Rethel, Nevers, die Freigrafschaft Burgund
und Salins vergrößertes - flandrisches Erbe antreten; dem Norden
unter Führung des weiterhin widerständischen Gent aber war er
fremder französischer Zwingherr. Und in der Tat hatte der Burgunder
damals mehr denn je Anteil an der Regierung über das Königreich,
zumal Ludwig I. von Anjou im Mai 1382
aufgebrochen war, um die Herrschaft seiner Vorfahren im Süden Italiens
zu restaurieren, und Johann I. von Berry das
Amt eines General-Leutnants im Languedoc versah. Gegen ihn opponierte alsbald
der Graf von Foix, und es formierte sich breiterer Widerstand mit den Tuchins,
die, von okzitanischem Eigenbewußtsein geprägt und teilweise
von Adel und städtischem Patriziat unterstützt, einen wohlorganisierten
Partisanenkampf führten.
Wer am Hof zu bestimmen hatte, zeigte sich auch am 17.
Juli 1385 in Amiens, wo Karl VI. -
nur wenige Monate nach der Doppelhochzeit von Philipps
des Kühnen Sohn Johann und
Tochter Margarete
mit Kindern des WITTELSBACHERS Albrecht VI. von
Hennegau-Holland - ebenfalls eine WITTELSBACHERIN,
Elisabeth
(Isabeau de Baviere), ehelichte. Der ehrgeizige Burgunder verstand
es, den König in seine auf Positionssicherung und künftige Expansion
bedachte Politik in den niederen Landen einzubinden. Was Burgund nutzte,
kam aber zunächst weiterhin auch der Krone zugute: Der Norden war
befriedet, als Gent am 18. Dezember 1385 zu Tournai seine Allianz mit England
für beendet erklärte, das seinerseits 1383 mit einem Unternehmen
des bischöflichen Raufbolds Henry Despenser von Norwich erfolglos
versucht hatte, diesen von eigenen wirtschaftlichen Interessen diktierten
Bund noch zu retten. Papst Urban VI. hatte das Vorgehen gar als
Kreuzzug deklariert, hingen doch England und Flandern im damaligen Großen
Abendländischen Schisma der römischen Obödienz an, während
Frankreich für Clemens VII., Papst seiner Gnaden zu Avignon,
eintrat: schon 1382 waren nach Rozebeke in beiden Heeren Priester und Mönche
mitgezogen, um die dem falschen Papst hörigen Gegner zu exkommunizieren.
1385/86 glaubte man am Pariser Hof sogar, den Engländer von der Insel
schlagen zu können. Zwar scheiterte der Admiral Jean de Vienne an
der schottischen Küste ebenso wie ein großangelegtes Flottenunternehmen
schon im Hafen von Sluis; allein dass solcher Angriff gegen ein - von Bauernaufstand,
Magnatenopposition, Hofparteien und Parlament geschwächtes - englisches
Königtum überhaupt versucht wurde, zeigt doch, wie die Position
Karls
VI., zwar burgundischem Interesse dienstbar gemacht, unter dem
Regiment Philipps des Kühnen während
der ersten Jahre durchaus gestärkt wurde.
Solch erfolgreiche Interessenidentität kam 1388
erneut zum Tragen, als der Monarch sich mit dem Burgunder zu einem Feldzug
gegen den Herzog von Geldern aufmachte, der die französische Partei
verlassen hatte, um als neuer Lehnsmann des englischen Königs seinem
früheren Herrn eine Fehdeansage zu schicken. Das Heer brauchte nur
in das Jülicher und Dürener Land seines Vaters Wilhelm II. einzurücken,
den man der Anstiftung zu jenem Parteiwechsel verdächtigte, da war
es mit der niederrheinischen Aufmüpfigkeit auch schon vorbei - ohnehin
stellten die Fürstentümer im Westen des Reiches kaum mehr als
ein Bündnerreservoir für die Vormächte des Hundertjährigen
Krieges dar. Philipp der Kühne aber
hatte damit sein eigentliches Ziel erreicht: Geldern war nämlich ebenfalls
Gegner Brabants, und für die Hilfe sagte Philipps
Tante Johanna
von Brabant dem Haus des Burgunders die Nachfolge im Herzogtum
zu, die denn auch Sohn Antonius
1404/06 antreten sollte.
Auf dem Rückzug wußte der König, mittlerweile
20 Jahre alt, das gelungene Unternehmen in für ihn gelungene Weise
abzuschließen, da er am 3. November 1388 an wohlgewähltem Ort,
in der Krönungsmetropole Reims, den Beginn seiner selbständigen
Regierung verkündete. Zwar war dem Akt eine Zusammenkunft des erweiterten
königlichen Rats voraufgegangen, zwar stellte er keinen coup d'Etat
dar, doch als coup de theatre mochte den plötzlich entlassenen Prinzen
die gut inszenierte Manifestation schon erscheinen.
Königtum und Staat sinn- und sinnenfällig zu
inszenieren war aber auch Anliegen der Marmousets, die nunmehr während
der nächsten vier Jahre mit und unter Karl
VI. die Regierung führten. Die Herkunft dieses Begriffs
ist nicht eindeutig geklärt: Ursprünglich wohl zur Bezeichnung
grotesker Figuren und Affen, auch angeblich von Muselmanen verehrter Idole
dienend, verwendeten ihn Autoren des späteren Mittelalters wie etwa
der Chronist Jean Froissart im Sinne von "Günstlinge" oder "Höflinge".
Dies griff im 19. Jahrhundert Jules Micheler auf, um so eben jene Berater
Karls
VI. zu benennen, die sich meist schon unter
Karl V. um die chose publique verdient gemacht hatten. Einige
von ihnen waren auch an der avignonesischen Kurie tätig gewesen, wo
sie im Dienst von Kardinälen wie etwa des mit dem Königshaus
verwandten Guy de Boulogne oder des Jean de La Granfe effizientes Arbeiten
in komplexen Beziehungsgeflechten erlernt hatten. Sie verstanden sich als
eine auf Disziplin, Solidarität und Hierarchie gegründete, untereinander
durch Corpsgeist und Heiraten eng verbundene Gemeinschaft, welche den Staatsdienst
in fast religiöse Sphäre hob, die fonction publique zur Ideologie
machte, das zukunftsweisende Prinzip des Etatismus definitiv im Königreich
verankerte. Mochten Zeitgenossen wie Christine de Pisan auch klagen, Unglück
sei über Frankreich bereits mit Karls V.
frühem Tod hereingebrochen, da er die Erziehung des Sohnes nicht mehr
einem guten Ende habe zuführen können, so hatte der den Freuden
des Lebens zugewandte Nachfolger die wichtigste Lektion offenbar doch gelernt,
und auch sein inzwischen im Pariser Coelestiner-Konvent zurückgezogen
lebender ehemaliger Erzieher Philippe de Mezieres konnte zufrieden sein,
da sein Songe du Vieil Pelerin - eine Art poetisch-allegorischer Programmschrift
der Marmousets - nicht mehr nur Traum zu bleiben schien. Dass aber ein
Bureau de La Riviere, Olivier de Clisson und Jean Le Mercier, dass ein
Jean de Montaigu, Nicolas Du Bosc oder Pierre de Vilaines, die ihrerseits
wieder über dicht geknüpfte Netze von Gefolgsleuten verfügten,
nunmehr leitende Aufgaben in Finanz, Kanzlei und Militär übernehmen
durften, war auch Verdienst von Karls jüngerem
Bruder Ludwig, der 1388 mit für
die Rückkehr der Räte des Vaters sorgte. Eigen- und Gemeinnutz
zugleich mochten den Herzog von Touraine dabei leiten, ließ sich
mit dem Hinweis auf Tradition und Praxis Karls
V. doch zugleich der Einfluß der Onkel am Hof eingrenzen.
Solches Wirken für den Königsstaat, wie es
mit der Ordonnanz vom 5. Februar 1389, mit der Einrichtung zweier Finanzgerichtshöfe
oder der Beamtenwahl festgeschrieben wurde, sollte aber nicht nur hinter
verschlossenen Türen geleistet werden; den Marmousets lag, wie gesagt,
vielmehr daran, werbend diesen Königsstaat in Szene zu setzen wie
auf jenem erneuten Maifeld des Jahres 1389 in St-Denis, dem Vorort der
Monarchie, wo der Bischof von Auxerre während des Requiems zu Ehren
von Karl V. getreuem Konnetabel Bertrand
Du Guesclin dessen Bestattung in königlicher Nekropole als Lohn für
große Verdienste um die chose publique feierte - Anspruch und Vorbild
auch für die beiden Söhne Ludwigs I.
von Anjou, die Karl VI.
damals zu Rittern schlug, wie für alle Teilnehmer an jenem glanzvollen
Turnier, dem Töchter und Nichten der Marmousets als Zuschauerinnen
auf gleichem Rang wie die Damen des Hochadels beiwohnten: Die schönen
Tage von St-Denis, sie waren auch das Fest der Aufsteiger; hinter der Fassade
von Freude und Harmonie aber lauerten Neid und Haß der alten auf
die neueren Herren.
Ein "Staatsschauspiel" stellte ebenfalls wenige Wochen
später der Einzug der Isabeau de Bavarie
in Paris dar - an ihrer Seite die soeben dem Königsbruder Ludwig
angetraute mailändische Herzogs-Tochter Valentina Visconti -, wie
es auch die im September angetretene Reise des Königs in den Süden
seines Reiches war. Dass demonstrativ an deren Beginn der Herzog von Berry
seines Amtes als General-Leutnant im Languedoc entsetzt wurde, entsprach
ebenso dem Willen der Marmousets wie die am 10. Januar 1390 in Mazieres
gefeierte Aussöhnung zwischen dem Grafen Gaston Phoebus von Foix und
einem König, der die Majestät seines Amtes im Reich vor Ort zur
Geltung brachte.
Kein Zweifel, die Bilanz des ersten Jahrzehnts fiel für
Karl
VI. recht positiv aus; um das Königreich im Frieden sowie
um den wohlberatenen und beliebten König stand es gut. Dass die croisade
de barbarie gegen das tunesische Mahdia nicht gerade erfolgreich war, fiel
kaum ins Gewicht - kein Vergleich jedenfalls mit jenem Desaster, das Burgund
einige Jahre später wegen seiner Teilnahme an König
Sigismunds von Ungarn Unternehmen gegen die Osmanen erleben
sollte, da Philipps
Sohn
Johann bei Nikopolis in türkische Gefangenschaft geriet
und gegen hohes Lösegeld freigekauft werden mußte. Als aber
der Friede im Königreich selbst im Juni 1392 durch einen Mordanschlag
auf den aus der Bretagne stammenden Vertrauten
Karls
VI., den Konnetabel Olivier de Clisson, bedroht schien, machte
der Herrscher sich sogleich das Verlangen der Marmiousets nach Rache zu
eigen, zumal hinter dem Attentäter Pierre de Craon dessen Verwandter
und Lehnsherr, der Herzog Johann IV. von Bretagne stand, welcher, auf Eigenständigkeit
und Distanz gegenüber VALOIS
bedacht, in der Tradition seines Hauses MONTFORT die Nähe zu England
suchte, derweil eine Tochter Clissons sich mit dessen altem Rivalen Penthivre
vermählte.
Die königliche Armee wurde zur Strafaktion auf den
5. August nach Le Mans bestellt, und noch am selben Tag ereignete sich
in den Wäldern der Umgebung bei glühender Mittagshitze das Schreckliche:
Unversehens tauchte vor dem König eine zerlumpte Gestalt auf, rief
ihm zu, er sei verraten, und verschwand. Karl
schien
beeindruckt, geriet dann außer sich, um blind gegen seine Umgebung,
die er nicht mehr erkannte, zu wüten und schließlich sogar gegen
den eigenen Bruder das Schwert zu zücken. Schon einige Monate zuvor
hatte ihm in Amiens eine rätselhafte, mit Konvulsionen verbundene
Krankheit zugesetzt, die ihn Haare und Nägel verlieren ließ
und am Sprechen hinderte. Möglicherweise war er durch seine Mutter
Johanna
von Bourbon vorbelastet, die 1372 Zeichen mentaler Störung
zu erkennen gegeben hatte. Von nun an trat seine Krankheit, die man als
eine von starkem Verfolgungswahn geprägte Schizophrenie diagnostiziert
hat, jedenfalls immer wieder in Schüben auf - der König war sich
ihrer in Perioden der Klarheit voll bewußt und litt darunter zutiefst
-, wobei aggressive und vor allem im Alter zunehmend depressive Phasen
einander ablösten. Sie gingen einher mit völligen Identitäts-
und Realitätsverlust, Todesvorstellungen und dem Verweigern von Nahrung
und Körperpflege. Man glaubt insgesamt 43 Perioden des Wahnsinns nachweisen
zu können, wobei die späten Jahre nach 1415 kaum mehr als ein
stetes Dahindämmern waren.
Doch auch die Ermordung seines Bruders Ludwig
1407 verschlimmerte das Leiden. Es stellt sich darüber hinaus die
Frage, ob dieser nicht sogar ursächlich am Anfang der Krankheit steht.
Zusammen waren beide aufgewachsen, noch bis in die 80-er Jahre trugen sie
die gleiche Kleidung und doch: Schwelte hier die Rivalität von Kain
und Abel? Alle Vorteile vom königlichen Amt bis zur äußeren
Erscheinung schienen dabei auf Karls Seite,
indes läßt ein von beiden auf der Rückreise vom Languedoc
im Februar 1390 unternommener Wettstreit, wer von beiden zuerst in Paris
ankomme, vielleicht auf tiefersitzende Gegnerschaft schließen, wie
eine der besten Kennerinnen der Materie, Francois Autrand, meint. Im Wahn
brachen sich nämlich in der Tat Karls
Aggressionen gegen Ludwig Bahn, dann
wollte er als Drachentöter St. Georg seinen Bruder vernichten und
verlangte immer wieder nach dessen Gattin Valentina
Visconti, die von den Zeitgenossen der Hexerei und Magie verdächtigt
wurde. War aber darin nicht auch, so wollten Gerüchte wissen, der
stark astrologiegläubige
Ludwig
selbst verstrickt? Warum hatte er jenen Attentäter Pierre de Craon,
der zeitweise zu seiner Umgebung gehörte, verstoßen? Weil er
dem König über die dunklen Praktiken Mitteilung gemacht hatte?
Keimten daraufhin bei Karl auf dem
Nährboden geheimer Rivalität der Argwohn und Angst, er solle
Opfer mörderischer Magie eines Bruders werden, der so die Krone zu
erlangen hoffte? Fragen, auf die sich wohl kaum eine Antwort finden läßt;
festzuhalten bleibt, dass Ludwig in
den Jahren nach 1392 Karl zwar zu beherrschen,
doch nie abzusetzen oder gar zu ermorden suchte.
Ein unabsichtlicher, indes spektakulärer und tragisch
endender Vorfall mochte den König in seinen Wahnvorstellungen bestärken:
Am 28. Januar 1393 fand in seinem Pariser Hotel St-Pol anläßlich
der Wiedervermählung einer verwitweten Hofdame Elisabeths
von Wittelsbach ein Ball statt, in dessen Verlauf der König
und fünf junge Adelige, als wilde Männer verkleidet, tanzend
auftraten. Als Ludwig, verspätet
eintreffend, einen der untereinander Angeketteten mit einer Fackel anleuchtete,
um zu erkennen, wer er sei, fing die haarige Maskerade Feuer. Vier der
Tänzer kamen in den Flammen um, Karl
wurde noch im letzten Moment dank des mutigen Eingreifens der Herzogin
von Berry gerettet. Manche sahen im Ausgang dieses Balls des Ardents eine
göttliche Strafe, hatte es sich doch um einen von der Kirche verbotenen
Charivari - jene lärmende Festivität am Vorabend der Wiederheirat
einer Witwe - gehandelt, bei dem sich der damals luzide König einmal
mehr in übertriebener Weise als Jüngling aufführte. Das
schockierende Ereignis bei ihm zunächst zwar keine erkennbaren Spuren,
doch im Juni sollte er dann wieder in langen, sieben Monate währenden
Wahn fallen. Ob eine im nächsten Jahr im Königreich einsetzende
Judenvertreibung mit der erneuten Umnachtung in Zusammenhang steht, bleibt
fraglich, da es damals auch andernorts in Europa zu Übergriffen und
Verfolgern kam. Mit Sicherheit trifft dagegen nicht zu, dass der König
nunmehr von seiner Familie und Umgebung im Stich gelassen wurde und einsam
dahinvegetieren mußte. Mit solcher Behauptung wollten vielmehr Spätere
vor allem Karls VI. Gattin in schlechtes
Licht rücken. Sicher, Elisabeth liebte
es, von Vergnügen zu Vergnügen zu eilen, sie suchte Pracht, Abwechslung
und Zerstreuung. Ja, sie und Ludwig von Orleans
führten dem König 1405 mit Odette de Champdivers sogar
eine petite reine zu, die fortan nicht mehr von dessen Seite weichen
sollte; allein eine skrupellos-dämonische Ehebrecherin großen
Stils war Elisabeth keineswegs. Letztlich
blieb sie stets die Ausländerin aus dem fernen Bayern, die sich in
Paris nur im Kreis ihrer Landleute, allem voran ihres Bruders Ludwigs
des Bärtigen, wohlfühlte. Unpolitisch wie sie war,
folgte sie aus Unsicherheit und Angst den jeweils Mächtigen am Hof
- und das waren seit jenem Ereignis in der Maine zunächst wieder Berry
und vor allem Burgund.
Diese Herren von einst hatten erneut das Regiment übernommen,
denn da tragische Schicksal des Königs bot ihnen willkommenen Anlaß,
zum Schlag gegen die verhaßten Marmousets auszuholen, denen sie vorwarfen,
den Herrscher ohne Rücksicht auf seine angegriffene Gesundheit zum
Feldzug gegen die Bretagne getrieben zu haben, nur um den einäugigen
Schlächter Clisson zu rächen. Der Haß der Prinzen saß
tief - noch 1409 wird Johann Ohnefurcht,
des Burgunders Sohn, Jean de Montaigu ermorden lassen -, und tief war der
Sturz der Emporkömmlinge. Der Bruch zeigte sich schon bei dem Versuch,
jenes 1394 dringlicher denn je erscheinende Problem zu lösen, das
die lateinische Christenheit seit 1378 spaltete und Frankreich in besonderer
Weise betraf: das Große Abendländische Schisma. Einer der beiden
päpstlichen Prätendenten, der mit dem Königshaus wie dem
Kardinal Guy de Boulogne verwandte und von den Marmousets gestützte
Clemens VII., residierte in Avignon, doch er hatte keine allgemeine
Anerkennung gefunden; Frankreich mußte überdies die finanzielle
Hauptlast seines Papsts tragen, und mit dem Fortdauern der Spaltung trieb
die von Rom und Avignon gegenseitig Exkommunizierten und Interdizierten
zunehmend die Sorge um ihr Seelenheil um. Als Clemens VII. nun am
16. September 1394 starb, wollten der Königshof wie die Universität
Paris die Situation für eine einvernehmliche Regelung nutzen. Nachdem
die Kardinäle in Avignon aber durch die Wahl des Aragonesen Pedro
de Luna ein fait accompli geschaffen hatten, zeigte man sich keineswegs
bereit, diesem neuen Papst Benedikt XIII. zu folgen. Um den Herrscher
in dieser Lage beratend zur Seite zu stehen, wurde nun 1395 eine Klerusversammlung
in Karls VI. Namen nach Paris einberufen
(conseil); auf sie folgte bis 1408 noch eine Reihe weiterer solcher Zusammenkünfte,
die sich dann immer stärker hin zu einer Repräsentanz der Kirche
von Königreich und Dauphine entwickelten (concile). Sie neigten alsbald
einer Lösung zu, die vor allem von dem im Dienste des Herzogs von
Berry aufgestiegenen Patriarchen Simon de Cramaud betrieben wurde, hinter
der aber Burgund und Berry selbst standen: Ohne endlose Diskussionen um
die Legitimität des römischen und avignonesischen Papstes zu
führen, sollte ein Gehorsamsentzug beschlossen werden, um vor allem
den so seiner Einkünfte verlustig gehenden Benedikt XIII. auf
die via cessionis zu zwingen. Dieser, auf der 3. Pariser Synode 1398 getroffene
Entscheid hatte natürlich die Restitution der alten Rechte von Ortsbischöfen,
Synoden, Kapiteln und Klöstern zur Folge; die früheren Freiheiten
und Immunitäten schienen wieder in Kraft, doch zeigte sich alsbald,
dass nunmehr Königshof und Fürsten zunehmenden Einfluß
auf die Kirchen des Landes ausübten. Somit markieren diese um die
Jahrhundertwende in der Hauptstadt abgehaltene Klerusversammlungen eine
wichtige Etappe für die Ausformung des Gallikanismus, wie sie auf
die allgemeine europäische Entwicklung zum Landeskirchentum im späteren
15. Jahrhundert vorweisen. Des weiteren stehen sie für die zunehmende
Bedeutung des Synodalwesens in der spätmittelalterlichen Kirche, denn
damals wurden mit wesentlicher Beteiligung von Pariser Universitätlehrern
unter Rekurs auf hochmittelalterliches Kirchenrecht theologische und juristische
Überlegungen entwickelt, das Schisma in der Gesamtkirche via concili
zu lösen. Mochten die Autoren im einzelnen auch stark divergieren,
generell liefen ihre Vorschläge doch alle darauf hinaus, die bislang
monarchisch-papal ausgerichtete Verfassung der Kirche stärker korporativ
zu akzentuieren. Bald schon sollte solcher "Konziliarismus" dem allgemeinen
Konzil als höchster Repräsentanz der Christenheit die Superiorität
gegenüber dem Papst und erst recht gegenüber streitenden Prätendenten
im Falle eines Schismas zuerkennen.
Indes ließ sich die Pariser Entscheidung nicht
allgemien durchsetzen, da eine Übereinkunft mit den Vormächten
der römischen Obödienz nicht zustande kam. Das Reich blieb trotz
Irritationen nach dem Sturz König
WENZELS und der Italienpoltik seines Nachfolgers RUPRECHT
VON DER PFALZ mehrheitlich Bonifaz IX. verpflichtet,
wie dies auch England tat, obgleich Karl VI.
mit dessen bedrängten Monarchen Richard II.
in Ardes 1396 einen Waffenstillstand auf 28 Jahre schloß und ihm
auf Betreiben des Burgunders, dem wegen Flandern an auskömmlichen
Beziehungen zur Insel lag, seine Tochter Isabella
zur Frau gab. Aber auch in Frankreich selbst regte sich Widerstand: Neben
angesehenen Pariser Magistern opponierte unter Führung der Universität
Toulouse der Klerus des Südens, war man doch seit langem dort an der
Vergabe einträglicher Ämter und Pfründen durch das nahe
Avignon gewöhnt. Vor allem aber stellte sich Ludwig
von Orleans gegen die totale Obödienzsubtraktion, da er
als Gatte der Valentina Visconti im Verein mit einem nach Italien
zurückgeführten und so via facti durchgesetzten Benedikt XIII.
hoffte, seine Pläne eines adriatischen Königreichs verwirklichen
zu können. 1403 schien der Herzog sein Ziel erreicht zu haben, als
eine neue Pariser Synode unter seinem Einfluß die Wiederanerkennung
Benedikts beschloß.
Die italienischen Anmbitionen ließen Orleans zudem
auf ein Hilfeersuchen des Genueser Adels gegen die Bürgerschaft eingehen;
seinem geplanten Griff nach der Stadt kam indes Philipp
der Kühne zuvor, auf dessen Intervention hin sie sich 1396
der Krone unterstellte. Der Burgunder trat auch andernorts gegen die Bemühungen
Ludwigs um territoriale Expansion auf
den Plan, besonders als dieser sich nach dem Kauf der Grafschaft
Blois und Dunois sowie der Übertragung von Orleans, Angouleme,
Perigord und Dreux seit 1400 anschickte, Herrschaften in der Champagne
zu kaufen und Rechte am Herzogtum Luxemburg zu erwerben. Der Rivale drohte,
eine Barriere zwischen Philipps oberen
und niederen Landen zu errichten; zudem unternahm er - jede von dessen
Hofabsenzen ausnutzend - hartnäckig Versuche, im Zentrum der Macht
Einfluß zu gewinnen.
Der alte und erfahrene Burgunder vermochte zwar im Verlauf
der eskalierenden Spannungen und Auseinandersetzungen seine Position durch
die in der Ordonnanz vom 26. April 1403 geregelte Form der Regierung im
Falle von Karls VI. Tod oder Demenz
sowie durch eine Hochzeit seiner Enkelkinder Margarete
und Philipps
(des Guten) mit dem Dauphin und dessen Schwester
Michelle noch zu behaupten, doch nutzte
Ludwig den Tod Philipps des Kühnen
am 27. April 1404 zu entscheidendem Terraingewinn. Bereits seit 1402 Gouverneur
des aides et de toutes les finances de Languedoil, brachte er die königlichen
Finanzen immer stärker unter seine Kontrolle und ließ sich,
während des Burgunders Nachfolger Johann
Ohnefurcht noch durch väterliche Nachlaßregelungen
in Anspruch genommen war, zum Generalkapitän der Guyenne und zum königlichen
Leutnant in Pikardie und Normandie ernennen; vor allem aber verstand er
es, die Hofämter mit seinen Anhängern zu besetzen. Um Finanzen
und Administration ging es Ludwig in
erster Linie, er wollte den starken Staat: Aus eigennützigen Motiven
setzte er mithin auf die Tradition des Vaters und der Marmousets; deren
etatistisches Erbe in gewissem Umfang aufgenommen und gesichert zu haben,
ist das Verdienst dieses Prinzen. Im Falle seiner von Ambitionen auf Italien
bestimmten Kirchenpolitik gingen allerdings Etatismus und Eigeninteresse
nicht zusammen; sie stieß denn auch auf Widerstand der wichtigsten
Zentralbehörde, des Parlaments, das sich zum Sachwalter der gallikanischen
Kirche machte und seine Vorstellung auf den letzten Pariser Synoden 1406/07
und 1408 einbrachte, die für eine Neutralität des Königreichs
im weiter andauernden Schisma votierten und provisorische landeskirchliche
Regelungen trafen.
Der starke Staat bedeutete für die Untertanen zunächst
einmal erhöhte Steuerlast, und wenn dann in der Hauptstadt dem obendrein
wegen seiner Arroganz verhaßten Orleans ein jovialer Johann
Ohnefurcht entgegentrat, der die Steuern zu mindern oder abzuschaffen,
die alten Freiheiten wiederherzustellen und überdies die Kircheneinheit
zu bewerkstelligen versprach, waren die Fronten klar: Der Hof stand unter
der Kontrolle von Orleans - 1405 stammten 90 % seiner Einkünfte aus
königlichen Zuwendungen und Pensionen, von denen Johann
sich
fast völlig abgeschnitten sah -, doch Paris selbst neigte mehr denn
je dem Burgunder zu.
Als es in jenem Jahr zu ersten Zusammenstößen
zwischen Bewaffneten beider Parteien im Umland der Hauptstadt kam, ergriff
der angesehene Universitätskanzler Jean Gerson am 7. November 1405
im Louvre vor den geistlichen und weltlichen Würdenträgern der
Hauptstadt das Wort, so wie er es schon vier Jahre zuvor aus ganz anderem
Anlaß getan hatte, da er in dem damals zur Gründung einer Cour
Amoureuse führenden Streit um den Rosenroman Grundsätzliches
über Liebe, Heirat und Stellung der Frau zu bedenken gab. Nunmehr
mahnte er nicht minder prinzipiell wegen der gefährdeten öffentlichen
Ordnung; und was er dazu in seiner tiefgreifenden Predigt Vivat rex vorbrachte,
wurde später zwar als bedeutende Manifestation europäischen Staatsdenkens
bezeichnet, allein es blieb ohne unmittelbare Folgen. Im Gegenteil, genau
zwei Jahre später, am 23. November 1407, ließ Johann
Ohnefurcht den verhaßten Widersacher in Paris umbringen
und diese Tat durch einen anderen Universitätslehrer, den Dominikaner
Jean Petit, unter Rückgriff auf Lehren des Bartolo von Sassoferrato
mit allen Kniffen schloastischer Beweisführung als Tyrannenmord rechtfertigen.
Mochte Gerson nunmehr gar die Fundamente aller Gemeinschaft durch das Attentat
und vor allem durch den damit verbundenen Eidbruch des Burgunders bedroht
sehen - hatte der Mörder doch nur wenige Tage vor dem Ereignis seinem
Opfer noch Brüderschaft geschworen und verweigerte jetzt jede Sühne
-, so triumphierte zunächst der Pragmatiker und Populist Johann
Ohnefurcht auf der ganzen Linie: 1408 erwarb er sich bei Othee
seinen Beinamen, als er dem Lütticher Bischof
Johann von Bayern - dieser stammte
aus dem wittelsbachischen Hause seiner
Frau und seines Schwagers - im Kampf gegen die revoltierende Stadt mit
Erfolg beistand. Und wenn er sich im März nächsten Jahres in
der Kathedrale von Chartres auf einen von seinem Onkel und Paten
Johann
von Berry unternommenen Versöhnungsversuch mit Orleans
einließ, dann nur, um solche Einigung, die von seinem Hofnarren als
paix fourre, als mit Verrat unterfütterte Übereinkunft verspottet
wurde, zum Instrument für die endgültige Machtergreifung zu machen.
Dass es am Hof mit den Resten von Tradition der Marmousets wie der Fraktion
Orleans definitiv vorbei sein sollte, demonstrierte der Herzog mit der
erwähnten Hinrichtung des Finanzfachmanns Jean de Montaigu.
Doch des Burgunders Gegner im Königsdienst blieben
nicht untätig: Am 15. April 1410 schlossen sie sich zu Gien mit dessen
adeligen Opponenten vornehmlich aus dem Midi wie dem Konnetabel Charles
d'Albret, aber auch mit dem bislang um Ausgleich bemühten Herzog von
Berry zusammen. Die Liga, zu der des weiteren Bourbon und Bretagne, Clermont
und Alencon stießen, war eine partielle Kriegserklärung an Johann
Ohnefurcht, der die von Bernhard von Armagnac - dem Schwiegervater
von Ludwigs Sohn Karl
von Orleans - geworbenen Waffenträger Nachdruck verleihen
sollten. Schon bald kam es zu Kampfhandlungen vor allem in der Ile-de-France,
wobei sich beide Parteien um die Gunst der Engländer bemühten.
Ein Friede, geschlossen am 22. August 1412 zu Auxerre unter der Präsidentschaft
des Dauphin, der sich - wie auch sein Vater in Momenten der Klarheit -
als Mittler im Prinzenkampf mühte, verpflichtete zwar alle Beteiligten,
künftig auf Allianzen mit Lancaster zu verzichten; allein er schob
wie auch die folgenden Vereinbarungen von Pontoise (1413) und Arras (1414)
die große Auseinandersetzung zwischen Burgund und Armagnac allenfalls
kurzfristig auf.
Bereits Anfang 1413 spitzte sich die Lage bedrohlich
zu und zwar im Zentrum des Geschehens: Der Burgunder wußte nach wie
vor in Paris seinen stärksten Rückhalt; neben Teilen der Universität
und der zunehmend mit seinen Anhängern besetzten Administration waren
es vor allem die reichem Metzger, auf die er sein Regiment stützte.
Zu Familien wie den St-Yon, Haussecul oder Legoix pflegte er, nicht zuletzt
durch Weinlieferungen aus Beaune, beste Bezeihungen; dem Begräbnis
eines Legoix wohnte er sogar persönlich bei. Aber auch zahlreiche
Händler, die aus der Lage der Hauptstadt zwischen Burgund und Flandern
Nutzen zogen, waren ebenso proburgundisch orientiert wie viele der kleinen
Leute, die der Herzog durch Leutseligkeit für sich einnahm; es wird
kein Zufall gewesen sein, dass die Pariser als Taufnamen in jenen Jahren
Johannes noch häufiger als sonst wählten. Als nun Karl
VI. aus Geldnot die Generalstände auf den 30. Januar 1413
in den Hof des königlichen Hotel St-Pol einberief, gedachte der Herzog
bei diesen mit Hilfe der Hauptredner Simon de Saulx und Eustache de Pavilly,
eines im Namen von Stadt und Universität auftretenden Karmeliters,
für eine Staatsreform in seinem Sinne, das heißt für weniger
Staat zu werben. Um den Forderungen nach einer kleineren, effizienteren
und frei von Willkür entscheidenden Administration Nachdruck zu verleihen,
wurde von den Metzgern die Straße mobilisiert. Indes entglitt die
Bewegung alsbald der Kontrolle der Drahtzieher und entfaltete unter Führung
des Abdeckers Simon Le Courtelier, genannt Caboche (Dickkopf), ihre eigene,
den Urhebern selbst gefährlich werdende Dynamik. Es kam zu gewaltsamen
Übergriffen gegen die Umgebung von Dauphin und Königin, vom Hof
verlangte und erhielt man die Auslieferung von 20 angeblichen Verrätern,
der Prevot de Paris Pierre des Essarts wurde exekutiert. Vollkommen schien
der Triumph der gens de commun, als im Parlament am 26./27. Mai 1413 im
Beisein des Königs - also bei einem feierlichen Lit de justice - eine
258 umfassende, wesentlich von Universitätsangehörigen erarbeitete
Ordonnanz verlesen und publiziert wurde, welche die in allen öffentlichen
Bereichen zunehmende Staatsmacht zu beschränken suchte. Doch wie schon
1382 formierte sich der Widerstand in der Stadt selbst: Getragen von jener
Führungsschicht des Pariser Bürgertums, die im Staatsdienst stand
oder durch Geldgeschäfte mit ihm verbunden war, gelang es vor allem
dem königlichen Advokaten Jean Jouvenal des Ursins, seine Standesgenossen
mit Universitätslehrern wie Jean Gerson und Parteigängern der
Armagnac-Orleans zu einer Front zu vereinen, vor der Johann
Ohnefurcht im August 1413 nach Flandern zurückweichen mußte.
Bereits am 5. September ließen die neuen Herren der Hauptstadt jene
ordonnance cabochienne kassieren und annullieren; ähnliches geschah
Ende November mit der Apologie des Jean Petit, die von dem Pariser concile
de la foi verurteilt wurde.
Und sie ließen auch die königliche Familie
spüren, wer nunmehr zu bestimmen hatte. Als sich der Dauphin, der
zwar noch das Vorgehen des Jean Jouvenel des Ursins unterstützt hatte,
auf eine Poltik des "dritten Weges" verlegte, nahmen ihn die Armagnac 1415
in kaum kaschierte Geiselhaft; möglicherweise als Opfer eines Giftanschlags
starb Ludwig von Guyenne noch am 15.
Dezember desselben Jahres. Und der König selber war kaum mehr als
eine Marionette der Mächtigen: War er noch 1412 mit Johann
Ohnefurcht gegen Berry und die Armagnaken zu Felde gezogen,
so beteiligte er sich nun zwei Jahre später an einer Kampagne gegen
den Burgunder. Aber wenn Armagnac sich jetzt daran begab, den Staat wieder
stark zu machen - eine unpopuläre, da teure und die Zahlenden obendrein
mit Erfassung und Kontrolle überziehende Maßnahme -, dann trug
dies wesentlich dazu bei, in Zeiten eines handlungsunfähigen Königs
die Existenz eines Königsstaats zu sichern, der überdies erneut
von England bedroht wurde.
Denn Lancaster war die Krise natürlich nicht verborgen
geblieben, und so erschien Heinrich V.,
dem bedeutendsten Sproß der neuen Königsfamilie, die Situation
günstig, die alten Ansprüche der Monarchie auf die Krone des
Königreichs durchzusetzen; Bürgerkrieg und Hundertjähriger
Krieg sollten fortan einander bedingen und sich in gegenseitiger Steigerung
verschränken. Wohlvorbereitet landete Heinrich
im August 1415 in der Normandie, nahm Harfleur und erfocht am 25. Oktober
bei Azincourt einen Sieg, der an die großen Erfolge seiner Vorgänger
bei Crecy und Maupertuis anknüpfte. Erneut konnten die Franzosen ihre
zahlenmäßige Überlegenheit auf dem kleinen Schlachtfeld
nicht entfalten; hoch war der Blutzoll vor allem des Adels. Während
Orleans, Alencon und Bourbon sich vergebens um ein einheitliches Kommando
bemühten, saß der König, den man nach den Erfahrungen von
1356 mit der Gefangennahme Johanns
II. in Sicherheit wissen wollte, mit einer kleinen Truppe
in Rouen fest. Auf die Nachricht der Niederlage verfiel er in eine depressive
Umnachtung, die von nun an fast ununterbrochen bis zu seinem Tod dauern
sollte.
Doch selbst nach Azincourt stellte sich die Lage für
Frankreich keineswegs als existenzbedrohend dar, wie sie dies überhaupt
während des Hundertjährigen Kriegs niemals gewesen sein dürfte.
Die materiellen und militärischen Ressourcen waren nicht erschöpft,
die stetige Verschlechterung der Situation seit Karls
erstem Wahnsinnsanfall 1392 und vor allem seit dem Mord von 1407
hatte viel eher zu einer moralischen und Bewußtseinskrise geführt.
Nachdem der Burgunder mit seinem praktischen Bemühen um eine paix
civile gescheitert war, führte erst recht das auf der Gegenseite von
Gerson propagierte hohe Ideale einer paix parfaite in die Irre. Der auf
Recht und Wahrheit gegründete Staat der Institutionen sollte für
Sicherheit und Gerechtigkeit bürgen - allein die Realität hieß
Bernhard von Arrmagnac: Seit Dezember 1415 stand er an der Spitze der nach
ihm benannten Partei und führte in der Hauptstadt, nicht einmal der
langue d'oil mächtig, ein brutal-rücksichtsloses Regiment. Der
starke Staat hatte auch sein häßliches Gesicht; mit Bürokratie
und Gewalt wurden Zwangsanleihen durchgesetzt, burgundische Parteigänger
verfolgt und die Königin nach Tours ins Exil geschickt, um Hand auf
den Schatz legen zu können.
Fast zwangsläufig näherte sich der Burgunder-Herzog
- Armagnac hatte ihn schon im Vorfeld von Azincourt ferngehalten - immer
mehr dem Engländer. Und in der Hauptstadt konnte er nach wie vor,
ja angesichts von Bernhards Regime wohl mehr denn je auf Anhänger
zählen, die seinen Truppen denn auch in der Nacht des 28. Mai 1418
heimlich ein Stadttor öffneten. Der alte und der neue Herr von Paris
nahm Rache für die Demütigung von 1413 und die Verfolgung der
Seinen; es waren Tage des Mordens und des Feierns, des Bluts und der Rosen.
Doch die Rache der Armagnac, die sich hatten retten können, ließ
ihrerseits nicht auf sich warten: Die Ermordung des Burgunders auf der
Brücke von Montereau am 10. September 1419 aber war darüber hinaus
vor allem Rache für die Tat im November des Jahres 1407. Letztlich
wurde Johann Ohnefurcht jener Mord
des Ludwig von Orleans doch noch zum
Verhängnis und zwar ausgerechnet zu einem Zeitpunkt, als er sich gerade
anschickte, in Verhandlungen mit Armagnac einen Ausgleich zu suchen, weil
die Engländer, nach der Eroberung von Caen und Rouen inzwischen Herren
der gesamten Normandie, sich als fordernd-schwierige Partner erwiesen,
und weil das nach einem strengen Winter von Hungersnot und Pest wie von
einem zweiten burgundischen Massaker heimgesuchte Paris den Herzog zum
Frieden drängte.
Für Johanns
Sohn Philipp den Guten konnte die Antwort
auf die Rache von Montereau nur neuerliche Rache und der Bundesgenosse
hierbei nur England heißen. Vorbereitet durch eine Propagandaoffensive
in Form einer umfangreichen Briefkampagne - ähnlich war auch Armagnac
um Verständnis für die Tat wie um Anhänger - gelang ihm
am 21. Mai 1420 zu Troyes der Abschluß eines Vertrages, durch den
der neue Dauphin
Karl, der mit Armagnac in die Lande um Bourges, Poitiers und
Tours geflohen und in die Mordtat wahrscheinlich als billigender Mitwisser
involtiert war, in aller Form von der künftigen Königsherrschaft
ausgeschlossen wurde. Sie sollte an den englischen Herrscher übergehen,
welcher als Träger beider Kronen über zwei unabhängige Reiche
herrschen würde. Diese von der Königin ausdrücklich gebilligte
Maßnahme fand durch Heinrichs V.
Heirat mit der französischen Königs-Tochter
Katharina
ihre
Bekräftigung; Elisabeth
hatte übrigens in Troyes seit Dezember 1417 schon unter
Berufung auf die Herrschaftsregelung von 1403 unter Aufsicht des von ihr
zum Generalgouverneur ernannten Burgunder-Herzogs eine Art Exilregierung
auf Zeit geführt. Roy de France aber blieb weiterhin Karl
VI.; insbesondere die Pariser hatten darauf gedrängt, dass
ihr geliebter Herrscher bis zum Ableben im Besitz seiner Würde bliebe.
So zog er denn als König von Frankreich im Gefolge Heinrichs
V. zur Belagerung von Sens, Montereau und Melun, so zog er mit
ihm am 1. Dezember 1420 in die Hauptstadt ein - Paris jubelte, obwohl es
England seit je mit Ablehnung und Haß begegnet war; doch nunmehr
erhoffte es sich von diesem ungleichen Paar unter burgundischem Patronat
schlicht ein Ende seiner Heimsuchungen und Leiden.
Fast zwei Jahre später war Paris erneut auf den
Beinen - die Leiden Karls VI. hatten
ihr Ende gefunden. Am 21. Oktober war er, der zeitlebens über
eine gute physische Konstitution verfügt hatte, fast 54-jährig
während eines ersten Kälteeinbruchs wahrscheinlich an den Folgen
eines Infekts gestorben. Ausführlich schildert der sogenannte
Bourgeois de Paris, ein Kleriker an Notre-Dame und Angehöriger der
Universität, die Ereignisse bis zu Karls
Begräbnis am Martinsfest in St-Denis. Als einziger Vertreter königlichen
Geblüts schritt Heinrichs V. Bruder
Johann
von Bedford hinter dem Sarg, doch mehr als 18.000 Pariser sollen
es gewesen sein, die sich mit ihm auf den Weg zur alten Königsabtei
begaben. Allenthalben, so der Bourgeois, beweinte man den Verlust des Allerliebsten;
für die kleinen Leute, den menu commun de Paris, hatte
Karl VI. sein Ziel erreicht - zurück blieben sie; allein,
trauernd und in Erwartung weiteren Kriegs. Doch als Abbild konnten sie
ihn bis zur Bestattung noch schauen: Auf dem Sarg war nach englischem Brauch
eine effigies des Verstorbenen angebracht, ausgestattet mit Ornat und Insignien
des Königs. Sichtbar wurde so, dass der König zwei Körper
hat, dass auch nach dem Tod eines Amtsinhabers das corpus mysticum bis
zur Proklamation des Nachfolgers präsent blieb. Und als solcher wurde
in St-Denis durch Heroldruf Heinrich VI. von England
verkündet, der gerade 11 Monate alte Sohn
Katharinas von Frankreich und des am 1. September 1422 zu Vincennes
erst 35-jährig, noch vor seinem Schwiegervater verstorbenen Heinrich
V.
Dass jenes Totenzeremoniell, in krisenhaftem Ausnahmezustand
erstmals konzipiert und praktiziert, zu einem Modell für die Zukunft
wurde, lag mit an der königlichen Kanzlei, die es schriftlich festhielt.
Hinter den Trägern der Waffen, die damals die Szene scheinbar so sehr
dominierten, entfalteten überhaupt - und zwar bei beiden Parteien
- die Amtsträger und die Männer der Feder im Hintergrund eine
unspektakuläre, dafür aber um so nachhaltigere Wirkung, die schließlich
den Ausschlag gab, dass der Königsstaat in der Krise Bestand hatte
und, was die Meister des Worts auf armagnakischer Seite anlangt, sich zur
Königsnation ausformte. Denn nach wie vor hatten in dieser Situation
des Umbruchs und der Gewalt die großen staatlichen Institutionen
Bestand, und zwar sowohl in der Hauptstadt als auch in Bourges, Poitiers
und Tours, wo es Armagnac im Exil binnen kurzer Frist und offensichtlich
ohne größere Schwierigkeiten gelang, eine zweite qualifizierte
Zentraladministration aufzubauen. Etliche von deren Mitgliedern aber hielten
weiterhin Kontakt zu den früheren Amtsgenossen, die für das burgundisch-englische
Lager optiert hatten - zwei Jahrzehnte später sollten diese Kontakte
Karl
VII. eine erfolgreiche Politik des Ausgleichs und der Versöhnung
ermöglichen. Die früheren gemeinsamen Jahre des Studiums an der
Pariser Hochschule und die Tätigkeit in den Amtsstuben waren eben
nicht vergessen: "Man kann politischer Gegner sein und doch Freund bleiben"
(F. Autrand).
Dies aber galt ebenso für manche Gelehrte der Universität;
ja sogar für die Soldaten einer ihrer renomiertesten Schulen, des
Naturakollegs, das dem Königshof traditionell besonders nahestand
und dessen Mitglieder wie etwa Jean Gerson oder Jean de Montreuil schon
während es beginnenden Bürgerkriegs mehrheitlich für Armagnac
Partei ergriffen hatte. Sie machten diese Stätte zur Wiege eines patriotisch
getönten Frühhumanismus, um so als Anwalt des VALOIS-Königtums
gegen die englischen Prätentionen auf die französische Krone
auf den Plan zu treten, für deren Durchsetzung im lancastrischen Frankreich
wiederum große Propagandakampagnen inszeniert wurden. Zu Montreuil,
der seine humanistische Schulung auch in der Kanzler und auf Gesandtschaft
in den Dienst Karls VI. stellte, und
zu Gerson, der in Frankreich einer Stärkung der monarchischen Autorität
das Wort redete, um zugleich in Konstanz die vom Generalkonzil bestimmten
Grenzen päpstlicher Vollgewalt zu markieren, gesellte sich eine Reihe
weiterer Autoren mit ähnlichen Intentionen. Erwähnt seien nur
der südfranzösische Jurist Jean de Terrevermeille, der gerade
1418/19 das Sukzessionsrecht des Dauphin begründete und die Unveräußerlichkeit
der Krondomäne lehrte, sowie Christine de Pisan, jene kluge Tochter
eines an Karls V. Hof berufenen italienischen
Arztes und Astrologen, die ihre langjährige italienische Unterstützung
der Sache der Valois noch kurz vor ihrem Tod mit einem Traktat zugunsten
der Jeanne d'Arc beschloß.
Rex christianissimus ist für diese Autoren allein
der französische König, dem als Zeichen himmlischer Erwählung
bewußt solch symbol- und traditionsträchtige Attribute wie Heilige
Ampulle, Oriflamme und Lilie zugeordnet werden. Als Lebensquell des regnum
Franciae garantiert das Königtum dessen Unteilbarkeit und Dauer. Diese
einheitsstiftende und -sichernde Institution aber wollte bewahrt und geschützt
sein, als ihr Träger in geistige Umnachtung versank und der Engländer
erneut Anspruch darauf erhob. Hier wurde nun eine über die staatliche
Einheit hinausgehende - und doch durch diese erst ermöglichte - neue
Qualität ins Spiel gebracht: die eines auf König und Königtum
ausgerichteten Gefühls von Zusammengehörigkeit und Gemeinschaft,
von "praenationaler" Solidarität. Zwar bleibt angesichts einer eher
bescheidenen handschriftlichen Überlieferung dieser Propaganda-Literatur
nach deren Wirksamkeit wie andererseits nach der Relevanz beziehungsweise
überhaupt der Existenz von öffentlicher Meinung zu jener Zeit
zu fragen, doch steht ein Einfluß auf die intellektuelle Elite des
Landes und damit wichtige "Multiplikatoren" ebenso anzunehmen wie eine
popularisierende Verbreitung durch Herolde, Prediger und Spielleute. Aber
diesen Kündern des Königtums wäre kein Erfolg beschieden
gewesen, hätten die Untertanen nicht auf einen König geblickt,
der sie liebend und mitleidend durch sein tragisches Schicksal an sich
band.
Nur wenig war am Ende noch von der Person Karls
VI. die Rede, für die Geschichte der Institution französisches
Königtum war seine Zeit indes entscheidend.