Sohn des Grafen
Roriko von Maine und der Bilechild
Lexikon des Mittelalters: Band IV Spalte 1146
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Gauzlin, Bischof von Paris, Erzkanzler
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+ 16. April 886
Eine „Schlüsselfigur des westfränkischen 9. Jh.“ (K.F. Werner), war ein Sohn des Grafen Rorico von Le Mans und Halbbruder des Erzkanzlers Ludwig, Abt von St-Denis, gehörte also dem Haus der einflußreichen RORGONIDEN und dem Verwandtenkreis des Bischofs Ebroin von Poitiers an. 860 trat er, sogleich in herausragende Stellung (als 'regiae dignitatis cancellarius'), in die Kanzlei KARLS DES KAHLEN ein und wurde nach dem Tod Ludwigs (867) Erzkanzler. Er gehörte zu den engtsen Vertrauten und Beratern KARLS DES KAHLEN und leitete zugleich die Abteien Jumieges, St-Amand und St-Germain-des-Pres, seit 878 auch St-Denis. In Auseinandersetzung mit seinem Gegner und Rivalen, dem WELFEN Hugo Abbas, setzte Gauzlin im Vertrag von Amiens (März 880) die Teilung des W-Reichs unter Karlmann und Ludwig III. (+ 882) durch, dessen Erzkanzler er wurde. In dieser politischen Situation und unter Gauzlins Einwirkung entstand damals (in St-Amand oder am Hof) das althochdeutsche Ludwigslied, das die Herrschaft des jungen Königs und seinen Sieg über die Normannen bei Saucourt (3. August 881) feiert. Die Erhebung des ROBERTINERS Odo zum Grafen von Paris (882) dürfte von ihm bewirkt sein. 884 wurde Gauzlin Bischof von Paris und leitete mit Odo 885/86 die berühmte Verteidigung der Stadt gegen die Normannen, während der er starb. Daß nach dem Tod König KARLS III. (888) Odo zum westfränkischen König erhoben wurde, womit der Aufstieg der ROBERTINER-KAPETINGER einsetzt, kann als ein Ergebnis des Wirkens Gauzlins bezeichnet werden.
Literatur:
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K. F. Werner, bedeutende Adelsfamilien im Reich Karls
des Großen (Braunfels, Karl der Große I) 137ff. - O. G. Oexle,
Bischof Ebroin von Poitiers und seine Verwandten, FMASt 3, 1969, 197ff.
- K. F. Werner, Gauzlin von St-Denis und die westfränkische Reichsteilung
von Amiens, DA 35, 1979, 395-462. -
Gauzlin trat 867 die
Nachfolge Ludwigs von Saint-Denis als Erzkanzler an. Nach dem Tode
Ludwigs des Stammlers (10.4.879) wurde dem Erzkanzler
Gauzlin, einem
RORGONIDEN,
der sich beim Thronwechsel von 877 zu seinen übrigen Abteien auch
Saint-Denis verschafft und den König noch maßgeblich in Fouron
beraten hatte, wurde Anfang 879 das Hofamt entzogen, als sein welfischer
Gegenspieler,
Hugo der Abt, bei Ludwig zu beherrschendem
Einfluß gelangt. Zusammen mit anderen Magnaten, darunter Boso
von Vienne, war es Hugo, der den todkranken König dazu
bestimmte, allein den ältesten Sohn Ansgards,
den höchstens 16-jährigen
Ludwig III.,
durch Zusendung der Insignien als nächsten König vorzusehen,
was der tonangebenden Gruppe auch weiterhin eine ungeschmälerte Präponderanz
sichern sollte. Gegen diese Abkehr vom Teilungsrecht gingen sogleich nach
Eintreten des Erbfalls
Gauzlin von Saint-Denis
sowie der welfische Graf Konrad von
Paris mit weiteren Repräsentanten der Francia vor, indem sie Ludwig
den Jüngeren von O-Franken auf den Plan riefen und mit
ihm in Verdun zusammentrafen. Ihr Angebot an den - nach Karlmanns
Erkrankung
- ältesten handlungsfähigen und vollbürtigen
KAROLINGER,
auch bei ihnen die Herrschaft zu übernehmen, stand in der Tradition
solcher "Einladungen" seit den 850-er Jahren.
Der Schachzug zeitigte in der Tat Wirkung. Noch im Mai
879 ließ Hugo Ludwig dem Jüngeren,
um ihn von weiterem Vormarsch abzuhalten, die Abtretung der in Meerssen
erworbenen W-Hälfte Lotharingiens und die Nachfolge beider westfränkischer
Thronerben, also auch des 13-jährigen Karlmann,
zusichern. Mit der Ausführung hatte er es nach Ludwigs
Abzug weniger eilig, doch kam es im September immerhin zur gemeinsamen
Krönung der jungen Könige im Kloster Ferrieres durch Erzbischof
Ansegis von Sens, kaum zufällig eben in den Tagen, da die Königin
Adelheid am 17.9. den postumen Sohn des
Stammlers zur Welt brachte, der nach dem kaiserlichen Großvater
Karl
genannt
wurde. Dessen ungeachtet provozierte Hugo der Abt schließlich doch
noch den Einmarsch Ludwigs des Jüngeren
heraus, dessen Heer, verstärkt um die Gefolgsleute Gauzlins,
dem seinen im Januar 880 bei Saint-Quentin gegenüberstand. Der im
Februar 880 geschlossene Vertrag von Ribemont (Oise), schlug ganz Lotharingien
dem O-Frankenreich zu und gewährte den Gegnern Hugos die Machtteilung
im Westen. Seine Konsequenz war die im März in Amiens vollzogene Reichsteilung,
bei der Ludwig III. (mit Gauzlin
als restituiertem Erzkanzler) die Francia und Neustrien erhielt. Im Sommer
880 zog Erzkanzler Gauzlin mit einem
Kontingent gegen die Normannen, scheiterte jedoch an der Schelde. Nach
dem Tode Ludwigs III. (5.8.882) mußte
die Gruppe um Gauzlin einen merklichen
Rückschlag im Wettstreit mit dem bei Karlmann
dominierenden Hugo dem Abt hinnehmen, wußte sich aber doch insoweit
zu behaupten, dass Gauzlin 884 zum
Bischof von Paris aufstieg. Der Tatkraft des Bischofs
Gauzlin und des Grafen
Odo ist es zu verdanken, dass die Stadt Paris, die seit Ende
November 885 fast ein Jahr lang umzingelt wurde, der Belagerung durch die
Normannen standhielt.
Werner Karl Ferdinand: Seite 140
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„Bedeutende Adelsfamilien im Reich Karls des Großen“
Gauzlin, einst Oblat
in Granfeuil, dann in Reims ausgebildet und seit 859 in der Umgebung seines
Stiefbruders Ludwig von Saint-Denis nachweisbar, folgte diesem 867 in das
Amt des Protonotars (Erzkanzler), das er weit über den Tod
KARLS
DES KAHLEN hinaus ausüben sollte. Die Gunst der Könige
brachte ihn in den Besitz der bedeutenden Abteien Jumieges (vor 862), Saint-Amand
(870), Saint-Germain-des-Pres (vor 872) und Saint-Denis (878) . Der mächtige
Kanzler hat sich nach langwierigen Kämpfen, deren wahren Charakter
man lange nicht erkannte, gegen seinen großen Rivalen, den Feind
seines Hauses, Hugo den Abt, durchgesetzt und die Realteilung des W-Rreichs
unter die beiden jungen Könige Ludwig III.
und Karlmann in Amiens im März
880 erzwungen. Damit war der Einfluß Hugos, den die Forschung irrig
auf das ganze W-Reich ausgedehnt hat, auf das Teilreich
Karlmanns
begrenzt, während Gauzlin selbst
die maßgebliche Stellung im nördlichen Teilreich Ludwigs
III. behielt.
Mit Gauzlin, der
sich auch nach dem frühen Tode Ludwigs III.
unter
der allgemeinen Regierung Karlmanns
seine Position in N-Frankreich behauptete und 884 Bischof von Paris wurde,
und mit der hinter ihm stehenden Adelsgruppe ist aber der Aufstieg des
ROBERTINERS
Odo zum Königtum untrennbar verbunden. Gauzlin
hat nach dem Tode
Karlmanns (Dezember
884) seinen Willen gegen Hugo den Abt durchgesetzt und nun doch einen ostfränkischen
Herrscher, KARL III., zum westfränkischen
König erheben lassen, wie er es schon mit KARLS
älterem Bruder Ludwig geplant
hatte, und er war es wohl auch, der als Bischof von Paris die Ernennung
Odos
zum Grafen von Paris veranlaßte. Mit Odo
zusammen leitete er jene denkwürdige Verteidigung der Stadt gegen
die Normannen, in deren Verlauf er am 16. April 886 starb.
Literatur:
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Dümmler Ernst: Geschichte des Ostfränkischen
Reiches. Verlag von Duncker und Humblot Berlin 1865 Band II Seite 37,46,48,116-120,
131,134,145,147,237,262,265-268,273 - Hlawitschka Eduard: Lotharingien
und das Reich an der Schwelle der deutschen Geschichte. Anton Hiersemann
Stuttgart 1968 Seite 222-224,227,229,231-237,240 - Schieffer Rudolf:
Die Karolinger. W. Kohlhammer GmbH Stuttgart Berlin Köln 1992 Seite
158,168,171,173-175,177,180,184 - Schneidmüller Bernd: Die
Welfen. Herrschaft und Erinnerung. W. Kohlhammer GmbH Stuttgart Berlin
Köln 2000 Seite 67-71 -