Zur Familie gehörte als Neffe des Königs eigentlich
auch Tassilo III., der Erbe
des agilolfingischen Herzogtums
Bayern. Für ihn führte zunächst seine Mutter,
Pippins
Schwester Hiltrud,
bis zu ihrem Tod (754) die Vormundschaft, die dann auf den König selbst
übergegangen zu sein scheint mit der Folge, dass Tassilo
ihn beim zweiten Zug gegen die Langobarden 756 nach Italien begleitete.
757 wurde der junge Herzog, 16-jährig, für mündig erklärt
und leistete in Compiegne Pippin sowie
ausdrücklich auch dessen Söhnen KARL
und Karlmann,
seinen Vettern also, einen Treueid, der erst später zu einer
förmlichen Lehnsbindung umgedeutet worden sein dürfte. Dass die
damit übernommene Herrschaft in Bayern aus fränkischer Sicht
gewissen Einschränkungen unterlag, geht schon aus der Beteiligung
einer Reihe von Großen des Stammes an der Vereidigung hervor, die
gewissermaßen für das Wohlverhalten Tassilos bürgen
sollten, durch ihre unmittelbare Beziehung zum Franken-König die Autorität
des Herzogs im Lande aber auch fühlbar schwächten. Den eingeräumten
Spielraum suchte Tassilo anscheinend zu mehren, indem er sich nach
einigen Jahren (763) der Heerfolge des Onkels entzog und gemäß
den Reichsannalen "nach Bayern ging und das Angesicht des genannten Königs
nie wieder sehen wollte"; damals oder wenig später vermählte
er sich mit der Tochter des Langobarden-Königs
Desiderius,
offenbar um eine Allianz der letzten von den KAROLINGERN
halbwegs
unabhängigen Mächte beiderseits der Alpen zu schmieden.
Die resolute Beseitigung der Autonomie Benevents war
zudem geeignet, die Isolation Tassilos
weiter zu steigern, der nach der kurzlebigen Aussöhnung mit seinem
Vetter KARL (770) und dem Achtungserfolg
der Taufe seines Sohnes Theodo
durch den Papst (772) bereits den Zusammenbruch des Langobarden-Reiches
an seiner Südflanke tatenlos hatte mit ansehen müssen und 781
von Hadrian I. auf Betreiben
KARLS
zur Bekräftigung seines früheren Treueids gegenüber den
KAROLINGERN
gemahnt worden war. Sechs Jahre nach diesem Schwur nahm der besorgte Bayern-Herzog
nun seinerseits den Rombesuch KARLS zum
Anlaß, um die Vermittlung des Papstes anzurufen, doch Hadrian
schlug
sich diesmal noch deutlicher auf die Seite des Franken-Königs, indem
er Tassilo mit dem Anathem drohte,
falls er sich nicht den Eiden gemäß verhalte. Das leitete unmittelbar
in die offene Konfrontation über, denn als der Herzog bei KARLS
Rückkehr einer Vorladung nach Worms nicht folgte, marschierten dessen
Heere noch im Spätsommer 787 von drei Seiten gegen Bayern auf und
machten jeden Widerstand sinnlos, zumal die KAROLINGER
auch dort längst große Teile des Adels und der hohen Geistlichkeit
auf ihre Seite gezogen hatten. Tassilo ergab
sich auf dem Lechfeld (bei Augsburg), leistete einen klar bezeugten Vasalleneid
und nahm seinen Dukat von KARL zu Lehen;
überdies stellte er wie Arichis von Benevent 13 Geiseln, darunter
seinen Sohn Theodo.
Doch war auch damit das doppelte Drama noch nicht zu
Ende. Angeblich von seiner unversöhnlichen langobardischen
Gattin
Liutbirg
aufgestachelt, erging sich Tassilo
in despektierlichen Reden gegen KARL
und suchte verzweifelt den Rückhalt, den sein beneventanischer
Schwager an den Byzantinern hatte, im Bündnis mit seinen östlichen
Nachbarn, den heidnischen Awaren im mittleren
Donauraum, zu gewinnen, beschleunigte aber wohl nur das Verhängnis,
das auf ihm lastete. Es fiel KARL leicht,
ihn im Juni 788 nach Ingelheim zu zitieren, dort seinen Anklägern,
den (in den Augen der Reichsannalen) "getreuen Bayern", gegenüberzustellen
und ihn schließlich durch ein Gericht aus Franken, Bayern, Langobarden
und Sachsen zum Tode verurteilen zu lassen, formal nicht wegen seiner
jüngsten Eigenmächtigkeiten, sondern mit der offenbar juristisch
brauchbaren Begründung, er habe 25 Jahre zuvor gegenüber König
Pippin in Aquitanien Fahnenflucht ("harisliz"
in der erstmals so bezeichneten
theodisca lingua, der gemeinsamen
Sprache des fränkischen Heeres) begangen.
KARL übernahm die Rolle, für seinen Vetter die gnädige
Umwandlung der Strafe in dauernden Klosterhaft zu erbitten, dehnte dies
dann aber auf die gesamte Familie, die Herzogin sowie ihre beiden Söhne
und beiden Töchter, aus, womit die AGILOLFINGER
endgültig der generationenalten Rivalität der ARNULFINGER
erlegen waren. Sechs Jahre später mußte der Mönch Tassilo
noch einmal vor der Reichsversammlung in Frankfurt in aller Form den Herrschaftsverzicht
seines Geschlechts erklären.