Cham, Markgrafschaft
******************

EUROPÄISCHE STAMMTAFELN NEUE FOLGE BAND XVI Tafel 78 

Lexikon des Mittelalters: Band II Spalte 1670
*******************
Cham
-------

Markgrafschaft und Stadt in Bayern (Ober-Pfalz)

Die seit vorgeschichtlicher Zeit besiedelte und von den Bajuwaren (Bayern) weiter kolonisierte Cham-Furter Senke war unter den AGILOLFINGERN Herzogsland, nach 788 Königsland. Die Geschichte dieses "Campriche" ist von der Grenzlage gegenüber Böhmen bestimmt. Hier wurde spätestens in ottonischer Zeit eine Grenzsicherungsorganisation aufgebaut, die durch die Marchfutterabgabe noch im Spätmittelalter greifbar wird. Mittelpunkt dieses Königslandes war neben einem in seiner Lokalisierung umstrittenen Königshof die erstmals 976 genannte Burg Camma, in die sich OTTO II. nach einer Niederlage gegen die Böhmen zurückzog. Sie war um die Jahrtausendwende auch Münzstätte. In ihr sammelte HEINRICH III. 1040 sein Heer für einen erneuten Feldzug gegen die Böhmen. Dieser Kaiser änderte im Rahmen seiner Ostpolitik das System der Grenzsicherung durch Einrichtung der mit Ministerialen organisierten Markgrafschaft als Bollwerk gegen die von den Choden gesicherte böhmische Seite. Die Ministerialenburgen drängen sich in auffallender Dichte um die Reichsburg. Als Markgrafen sind die RAPOTONEN/DIEPOLDINGER bezeugt. Nach deren Aussterben 1204 fiel die Markgrafschaft an die WITTELSBACHER. Es ist unwahrscheinlich, daß erst dieses Herzogsgeschlecht die im Umkreis der Reichsburg entstandenen Markt- und Bürger-Orte (Altenmarkt, Altenstadt) in die Regenschleife verlegt und zu einem Zentralort vereinigt hat, der erstmals um 1230 als Stadt angesprochen wurde. Herzog Otto III. von Bayern verlieh 1293 das älteste Städteprivileg, LUDWIG DER BAYER 1341 das Stadtrecht. Cham erlangte als Handelsstadt begrenzte Bedeutung und wurde im frühen 13. Jh. Sitz eines Landgerichts, das 1255 an Nieder-Bayern fiel. Auf dem Pfandwege kam es 1352 an die pfälzische Linie der WITTELSBACHER, bei der es bis 1625 verblieb.

Literatur:
----------
Hist. Stätten Dtl. VII, 124-126 [K. Schwarz - M. Piendel] - J. Brunner, Gesch. der Stadt Ch., 1919 - K. Bosl, Die Markengründungen Ks. Heinrichs III. auf bayer.-österr. Boden, ZBLG 14, 1943/44, 177-247 - Ders., Reichsministerialität I, 55f, 165ff. - DtStb V/2, hg. E. Keyser - H. Stoob, 1974, 125-129.
-------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------
Friedrich Prinz:
************
"Bayerns Adel im Hochmittelalter"

Für die DIEPOLDINGER, Markgrafen von Cham-Vohburg, nach ihrem Leitnamen auch RAPOTONEN genannt, begann in der STAUFER-Zeit schon der politische Abstieg. In der Mark Cham, einer Schöpfung Kaiser HEINRICHS III., begegnet 1050 als Graf "in pago Champriche" ein Sizo, wohl der Sohn des im Chiemgau reich begüterten Grafen Sigehard; Sizos Schwester Adela war die Gemahlin des Augstgrafen Diepold. Diepolds Sohn Rapoto trägt denselben Namen wie sein vermutlicher Großvater, der 1006 als Traungaugraf auftaucht. Die Mark Cham ging zweifellos durch Vererbung an die RAPOTONEN-DIEPOLDFINGER über, die damit für den Verlust der Grafschaft im Augstgau (1060) entschädigt und nun als Markgrafen von Cham und Nabburg die treuesten Anhänger der SALIER wurden. Mit Diepold III. (+ 1146) erreichte das Markgrafenhaus den Gipfel seiner Macht, er ererbte von seinem Vetter, Ulrich comes de Pactavia (Passau), der 1099 starb, die Herrschaft Vohburg an der Donau. Seit dem engen Bündnis Kaiser HEINRICHS IV. mit den PREMYSLIDEN verloren die Marken Nabburg und Cham stark an militärischer Bedeutung und wurden Reichslehen der DIEPOLDINGER-RAPOTONEN. Als König KONRAD III. beim Tode Diepolds III. 1146 das an Nabburg angeschlossene Egerland einzog, bedeutete dies eine Begrenzung des diepoldingischen Herrschaftsausbaus und leitete, wie K. Bosl gezeigt hat, den Aufbau eines staufischen Reichslandes mit Hilfe der Reichsministerialität in der "regio Egire" ein. Die Machtbasis der DIEPOLDINGER Markgrafen erstreckte sich schon in der 1. Hälfte des 12. Jahrhunderts nur wenig über Nabburg in der Oberpfalz hinaus, ihre Ministerialen sind darüber hinaus nur noch in Schwarzenfeld, vielleicht in Kemnath, ferner in Neunburg und Högling feststellbar. Um so mehr hatten sie sich auf den Ausbau des Egerlandes konzentriert, bis ihnen 1146 auch dieser Weg weitgehend verriegelt wurde. So ballte sich ihr Machtbereich vornehmlich um das Chamer Becken, dort saßen ihre Ministerialen unter anderem in Peilstein, Wetterfeld, Runding, Kötzting, Miltach, Haidstein, Eschelkam; hinzu kam das Hauptzentrum Nabburg und die Burgen der mit den DIEPOLDINGERN familiär verbundenen Altenburger-Schwarzenburger (mit Neuburg an der Waldnaab). Ein Schwarzenburger war auch Erzbischof Friedrich I. von Köln, der als junger Bamberger Kanoniker von König HEINRICH IV. in der rheinischen Metropole eingesetzt wurde. Staufisch-diepoldingische Doppelministerialität taucht im Egerland selbst nur noch in Waldstein, Falkenberg und in Siebenstein an der Waldnaab auf. Hauskloster der DIEPOLDINGER wurde das 1118 von Diepold III. gegründete und von Kastl besiedelte Reformkloster Reichenbach. Scharfe Konkurrenzen der DIEPOLDINGER in der Oberpfalz und im Egerland waren die Grafen von Sulzbach (Rosenberg)-Habsberg-Kastl.

Paul Friedrich Stälin: Seite 400
****************
"Geschichte Württembergs"

Nach der Burg Giengen an der Brenz nannte sich Diepold, welcher wohl zu den gräflich billingischen Hause, sei es vielleicht auch nur durch weibliche Vermittlung, in Beziehung stand. War doch rings um Giengen billingischer Besitz und kommt der Name Diepold, Dietbald, im 10. Jahrhundert in der gerade gegen das Ende des 11. Jahrhunderts sehr wenig bekannten Dillinger Familie vor. Diepold vermählte sich ohne Zweifel mit Liutgarde, Tochter Herzog Berchtolds I. von Zähringen und erhielt durch die Gunst Kaiser HEINRICHS IV., ohne dass ein unmittelbar verwandtschaftlicher Zusammenhang desselben mit den früheren Markgrafen stattgefunden hätte, die Markgrafschaft im großen, nördlich von der Donau im heutigen Bayern sich ausdehnenden Nordgau. Er kommt im Jahre 1077 zweimal bei genanntem Kaiser vor, fiel jedoch bereits im Jahr 1078 auf dessen Seite bei Mellrichstadt. Nur einmal, ohne Beifügung eines Jahres, wird, wohl als sein Sohn und nach dem mütterlichen Großvater genannt, Markgraf Berchtold von GIENGEN erwähnt. Dagegen besaß ein anderer Sohn (wohl nicht erst der Enkel) Diepolds, gleichfalls Diepold geheißen (+ 1146), die Grafschaft über den nördlichen Teil des alten Nordgaues, erhielt nach dem Erlöschen der Grafen von Cham und Vohburg (an der Donau zwischen  Ingolstadt und Kelheim) im Jahre 1099 die reiche Erbschaft dieses wohl stammesverwandten Hauses, war auch sonst im Osten vielfach begütert und nahm den Namen eines Markgrafen von Vohburg und Cham an. Durch seine Tochter Adela, 1. Gemahlin Kaiser FRIEDRICHS I., kam Giengen wie anderer Besitz des Hauses an die Staufer. Der Hauptstamm des vohburgischen Geschlechts erlosch im Jahre 1204, beerbt von dem herzoglich bayerischen Hause, und die letzten 4 Sprossen einer Seitenlinie, welche sich Markgrafen von Hohenburg (wahrscheinlich nach der Burg Althohenburg beim Markte Hohenburg) nannte, suchten in Italien ihr Glück, fanden jedoch hier, durch König Manfred zu ewiger Kerkerhaft verurteilt, 1256 oder bald darauf ihren Untergang.