Jüngerer Sohn des Königs
Karl VII. der Siegreiche von Frankreich und der Maria
von Anjou, Tochter von Herzog Ludwig
II.
Lexikon des Mittelalters: Band II Spalte 1727
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Charles de France (Karl von Frankreich), französischer
Fürst
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* 28. Dezember 1446, + 24. Mai 1472
Montils-les-Tours
Schloß Ha in Bordeaux
Sohn Karls VII., König von Frankreich und der Marie von Anjou, Bruder von Ludwig XI.
Charles war nacheinander Herzog von Berry, Normandie und Guyenne
Charles‘ Geburt war
unter den biologischen Gegebenheiten seiner Zeit außergewöhnlich,
zählte seine Mutter doch schon 42 Jahre. Außer dem Dauphin
Ludwig XI. (* 1423) waren alle Brüder (sämtlich
nach
Ludwig geboren) früh verstorben.
Charles
konnte also - bei einem frühen, kinderlosen Tod Ludwigs
-
auf
die Thronfolge hoffen. Diese Hoffnung schien 1459, mit der Geburt von Joachim,
Sohn Ludwigs XI. und der Charlotte
von Savoyen, dahinzuschwinden; doch starb
Joachim bereits 1460. Von 1460 bis zur Geburt Karls
VIII.
im Jahre 1470 konnte Charles
daher
nochmals die Rolle des präsumptiven Thronerben spielen. Ein
weiterer Anlaß für Charles
Hoffnungen
war die Tatsache, dass das Verhältnis zwischen
König
Karl VII. und dem Dauphin Ludwig getrübt
war. Der Thronfolger lebte ab 1447 als Verbannter im Dauphine; von 1456
bis zu seiner Krönung 1461 suchte er sogar bei
Philipp
den Guten, Herzog von Burgund, Zuflucht, was zu heftigen französisch-burgundischen
Spannungen führte. Die feindseligen Beziehungen zwischen König
und Dauphin einerseits und die tatsächliche Begünstigung Charles‘
durch den königlichen Vater andererseits ließen das Gerücht
aufkommen, Karl VII. plane eine physische
Beseitigung des älteren Sohnes und wolle Charles
das Reich vererben. Nachdem Ludwig XI. jedoch
schließlich König geworden war, übergab er seinem jüngeren
Bruder als Apanage das einträgliche Herzogtum Berry, das Charles
wohl
schon seit seiner Taufe nominell in Besitz hatte.
Charles, eine schwächliche
und unbedeutende Persönlichkeit, stand auch als Herzog zunächst
unter der strikten Kontrolle seines königlichen Bruders. Dies änderte
sich, als Charles von den in der Ligue
du Bien public (1465) gegen den König zusammengeschlossenen französischen
Fürsten zum Wortführer gemacht wurde. Offenbar hofften die Frondeure,
in dem jungen Prinzen Charles de France,
der durchaus populär war und als milder und lenkbarer galt, einen
erfolgversprechenden Gegenkandidaten gefunden zu haben. Im März 1465
ließ sich Charles zu Franz
II., Herzog von Bretagne,
einem der Häupter der Liga, geleiten und begleitete ihn auf seiner
Fahrt nach Paris. Um seine Krone zu retten, sah sich
Ludwig XI. zu Konzessionen genötigt: Er verlieh seinem
Bruder anstelle des Berry das Herzogtum Normandie (Oktober 1465),
das größer, reicher und strategisch günstiger plaziert
war - da es zwischen den beiden königsfeindlichen Bastionen, der Bretagne
und dem burgundischen Staat, sowie gegenüber England lag. Doch konnte
sich Charles de France seiner neuen
Apanage nicht lange erfreuen, da der König sie bereits Anfang 1466
wieder einzog; Charles de France mußte
sich in die Bretagne zurückziehen, wo er bis 1469 verblieb. Die Frage,
welche Apanage ihm nun zuerkannt werden sollte, blieb virulent: Franz
II. plädierte aus guten Gründen für eine Rückgabe
der Normandie an Charles de France,
während der andere Bundesgenosse, Herzog
Karl der Kühne von Burgund, für eine Verleihung der
Grafschaft Champagne und Brie eintrat. Doch gelang es Ludwig
XI., unter Bestechung der Umgebung des jungen Herzogs, diesen
zur Annahme der lockenden und weit entfernten Guyenne zu bewegen
(1469). Eine festliche Zusammenkunft auf dem Pont-de-Braud über der
Sevre Niortaise bekräftigte die Versöhnung der beiden Brüder
vor der Öffentlichkeit. Ludwig
beteiligte Charles de France, um ihn
enger an sich zu binden, sogar an seinem Kampf gegen Karl
den Kühnen. Doch vernichtete die Geburt des Dauphins
Karl (VIII.) die Hoffnungen Charles';
zudem schien ihm sein Erbteil zu gering. So änderte er wiederum seine
politische Haltung und verband sich erneut mit den Gegnern des Königs:
dem Grafen Johann V. von Armagnac, dem König
Eduard IV. von England, den Herzögen von Bretagne ud Burgund.
Charles'
Tod am 24. Mai 1472, befreite Ludwig somit
von einer schweren Gefahr. Karl der Kühne
klagte den König formell an, Charles de France
durch Gift beseitigt zu haben. Diese Behauptung fand zwar innerhalb und
außerhalb Frankreichs vielfach Glauben, läßt sich aber
in keiner Weise belegen. - Charles de France starb
unverheiratet; unter den zahlreichen Heiratsprojekten, die er verfolgte,
scheint er die Verbindung mit Maria,
der Erbtochter Karls des Kühnen,
favorisiert zu haben, was für Ludwig XI.
höchste Bedrohung bedeutet hätte.
Literatur:
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Ehlers Joachim: Geschichte Frankreichs im Mittelalter.
W. Kohlhammer GmbH 1987 Seite 370 - Ehlers Joachim/Müller
Heribert/ Schneidmüller Bernd: Die französischen Könige
des Mittelalters. Von Odo bis Karl VIII. 888-1498. Verlag C. H. Beck München
1996 Seite 321,349-354 - Favier, Jean: Frankreich im Zeitalter der
Landesherrschaft 1000-1515. Deutsche Verlagsanstalt Stuttgart 1989 Seite
434-439,443 - Kendall Paul Murray: Ludwig XI. König von Frankreich
1423-1483 Verlag Callway München 1979 Seite 104,150,162, 171,211,215,229,235,246,269,271,295,500,507,517
- Schelle, Klaus: Karl der Kühne. Burgund zwischen Lilienbanner
und Reichsadler. Magnus Verlag Essen Seite 76,83,101,103,120 - Schnith
Karl: Frauen des Mittelalters in Lebensbildern. Verlag Styria Graz Wien
Köln 1997 Seite 353,358,363 - Vones Ludwig: Geschichte der
Iberischen Halbinsel im Mittelalter 711-1480. Reiche - Kronen - Regionen.
Jan Thorbecke Verlag Sigmaringen 1993 Seite 218,227 -